[Illustration: Hochzeitswagen der Hindu,
geschmückt mit geschnitzten Figuren und mythologischen Tiergestalten
und von zwei weißen Brahmanenbullen gezogen.]
Die +Stellung der Frau+ in Indien ist eine recht tiefe. Der Hindu
erblickt in ihr nur ein niedrigstehendes Geschöpf, was schon darin zum
Ausdruck kommt, daß die Mädchen bei der Geburt mit einem Fluch begrüßt
werden und früher in großen Massen sofort getötet wurden. Das indische
Weib verbringt den größten Teil ihres Lebens in der Zenana, das ist
dem Frauengemach, das sie nur mit der Genehmigung ihres Gatten, und
dann auch nur verschleiert oder in einem verhängten Wagen (Abb. 202)
verlassen darf. Sie ist in jeder Hinsicht seine Sklavin und ebenso die
ihrer Schwiegermutter; denn die junge Frau siedelt nicht in ein eigenes
Heim über, sondern in das der Eltern ihres Gatten, wo dem jungen Paar
ein paar Räume überlassen werden. Hier fordert die Schwiegermutter
die ihr gebührende Ehrfurcht und blinden Gehorsam. In gleicher Weise
aber muß die junge Frau ihrem Ehemann in jeder Hinsicht untertänig
sein. Das alte Gesetz des Manu schreibt hierüber: „Ihrem Manne soll
ein tugendsames Weib mit Achtung ihr Leben lang dienen und ihm auch
nach seinem Tode noch anhängen ... wenn auch der Mann sich tadelnswert
betrüge und anderer Liebe sich zuwendete und guter Eigenschaften ledig
wäre, so soll ein gutes Weib ihn dennoch wie einen Gott verehren; sie
darf nichts tun, was ihm mißfällt, weder bei seinem Leben noch nach
seinem Tode ... In dem Maße, wie eine Frau ihren Gebieter ehrt, wird
sie im Himmel angesehen sein.“ Bleibt eine Ehe kinderlos, so wird das
als ein großes Unglück angesehen; auch wenn die Frau ihrem Gatten nur
Mädchen zur Welt bringt, wird ihr dies sehr verübelt; erst wenn sie
einen männlichen Erben ihm schenkt, steigt sie etwas in seinem Ansehen.
[Illustration:
Phot. N. P. Edwards.