Abb. 148. Ein malaiischer Teufelsaustreiber.]

Bei den Kondh begegnen wir unter den Hochzeitszeremonien noch der

+Brautentführung+. Dem Brautzug treten der Bräutigam und die jungen

Männer seines Dorfes an der Dorfgrenze entgegen, jeder mit einem

Bambusknüppel bewaffnet. Die jungen Frauen aus dem Dorfe der Braut aber

gehen zuerst zum Angriff auf die Partei des Bräutigams mit Stöcken,

Steinen und Erdklumpen vor, und ein Bombardieren wird eröffnet und

fortgesetzt, bis das Dorf erreicht ist. Dann hört das Steinwerfen auf,

und der Onkel des Bräutigams ergreift die Braut und trägt sie zum Hause

seines Neffen. Der Umstand, daß es gerade der Onkel ist, der die Braut

entführt, legt die Vermutung nahe, daß dieser Scheinkampf um die Braut,

von dem in Südindien mancherlei Abänderungen vorkommen, nicht als ein

Überbleibsel der Sitte, die man insgemein Raubehe nennt, anzusehen

ist, sondern seine Erklärung in der Vorschrift findet, die noch bei

vielen Kasten beobachtet wird, daß ein Mann die Tochter seines Onkels

mütterlicherseits heiraten muß. Wo diese Vorschrift nicht zwangsweise

durchgeführt wird, spielt dieser Onkel dennoch eine wichtige Rolle

bei den Hochzeitszeremonien. So muß er öfters dem Bräutigam auf seine

Bitte seine Zustimmung zur Heirat geben, oder der Onkel der Braut dem

Bräutigam die Füße waschen, die Braut zur Hochzeitsbude tragen, ihr

das Tāli um den Hals legen und die Finger des jungen Paares bei der

Eheschließung zusammenbinden.

Bei den Kasten, wo der Brauch, die Tochter des Onkels mütterlicherseits

zu heiraten, sich erhalten hat, kommt es bisweilen vor, daß ein

Knabe von sieben oder acht Jahren an ein Mädchen versprochen wird,

das zweimal so alt ist wie er. Dem Mädchen ist es in manchen Fällen

erlaubt, auch mit ihrem Schwiegervater zusammenzuleben und zu

verkehren, bis der Knabe, der als der Vater aller inzwischen etwa

geborenen Kinder gilt, heranwächst.

[Illustration:

Phot. Wiele & Klein.

Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde · 第 104 / 254 题