Wir waren kaum einige Tage wieder in Mangalore angelangt, als eine
Nachricht die Stadt durchlief, die die Gemüter in hohem Maße bewegte. Es
war über Nacht eine Abteilung englischer Soldaten angelangt, angeblich
verschlagen auf einer Felddienstübung, bei einer Inspektionsreise durch die
Provinz, wie sie zuweilen unternommen werden. Aber niemand schenkte dieser
arglosen Auslegung Glauben, die widersprechendsten Gerüchte durchflogen die
Stadt, und man sah überall in der Basarstraße und auf den Plätzen
Gleichgesinnte in feierlichen Gruppen versammelt. Nur der Straßenpöbel
trollte unbekümmert um Rechte und Pflichten einer gleichgültigen Regierung
seine gewohnten Straßen, und die Händler versprachen sich gute Tage, als
die leuchtend roten Jacken der Soldaten im bunten Bild des Basarlebens
auftauchten.
Sie schritten, wie es damals Vorschrift war immer zu vieren, gemächlich
dahin, bestaunten die unverstandenen Eigentümlichkeiten der fremden Stadt,
hielten sich hier ein wenig auf, amüsierten sich dort auf ungezwungene
Weise und erweckten im allgemeinen den Anschein von Arglosigkeit, so daß
ich den heimlichen Befürchtungen und mancherlei törichten Gerüchten wenig
Achtung schenkte.
Mangesche Rao ließ sich nicht bei mir sehen. Ich war nicht wenig erstaunt,
als ich ihn nach einigen Tagen im Wagen des englischen Oberst erblickte, zu
seiner Linken aber Seite an Seite mit ihm, die ruhigen Züge ohne jedes
Zeichen einer Beteiligtheit oder auch nur einer Bewegung unter dem gelben
Seidenturban, den ich so gut kannte. Der englische Offizier sprach lebhaft
und gestikulierte eher vergnügt als erregt, alles erweckte deutlich den
Anschein einer gelegentlichen Begegnung. Ich ritt an seinem Wagen vorüber,
er erwiderte meinen Gruß gemessen.
Aber seltsam, seit diesem Zusammentreffen war es um meine Ruhe geschehen,
obgleich bei vernünftigen Erwägungen gerade das Gegenteil hätte der Fall
sein müssen. Aber ganz abgesehen davon, daß kein Land sich weniger als
Indien dazu eignet, eine politische Macht in energischer Offenheit und
schneidiger Entschiedenheit zu dokumentieren, war dieser fast freundliche
englische Besuch mir plötzlich verdächtig und um so gefährlicher
erschienen, je mehr er sein Ansehen und seine Bedeutung zu verbergen
trachtete. Nichts erweckt in tiefer Beunruhigung stärker das Gefühl der
Unsicherheit, als dies leise schleichende Indien. Plötzlich war mir, als
gingen alle Wesen und Menschen in falschen Gesichtern umher, ich mißtraute
bald dem Brahminen, den ich liebte, bald Panja, bald meinen eigenen Sinnen,
es verlangte mich danach, aus den Verwicklungen einer Interessenwelt
entlassen zu werden, die ich nicht übersah, weil es mir an Hingabe fehlte,
und in die ich doch eingeschlossen war, weil meine Liebe zu Mangesche Rao
mich fesselte. Und so begrüßte ich die seltsame Gelegenheit, mich
beteiligen zu können, die sich mir kurz darauf eröffnete, mit großer Freude
und erachtete die Gefahr um der Befreitheit willen gering, die sich
einstellte, wie mit einem Entschluß nach langem Zweifel.
So viel erschien mir nach den letzten Erfahrungen sicher, daß der Brahmine
weit höher eingeschätzt und viel ernster genommen wurde, als er selbst es
mir oder andern jemals zu erkennen gegeben hatte. Diese Erfahrung erfüllte
mich mit Bewunderung und heimlichem Stolz, und solche Empfindungen mögen
viel dazu beigetragen haben, daß ich in fast gedankenloser Bereitwilligkeit
auf seinen Wunsch einging, den ersten und einzigen, den er jemals vor mir
ausgesprochen hat.
Es war in einer mondlosen Nacht gegen zwei Uhr, als Panja mich durch sein
vorsichtiges Räuspern neben meinem Bett weckte. Er hatte immer noch die
alte zurückhaltende Art der Ankündigung und war besonders zartfühlend, wenn
er mich aus dem Schlafe rief, denn er wußte, daß dieser Vorgang, mehr als
alle andern, das Heer meiner schlechten Eigenschaften entfesselte. Es war
so dunkel, daß ich nur das finstere Dreieck im helleren, zurückgeschlagenen
Moskitovorhang unterschied. Ich erkannte niemand.
»Mach' Licht!« rief ich, da ich Panjas Gegenwart vermutete. »Weshalb kommst
du?«
»Es soll kein Licht gemacht werden, Sahib, steh auf, ein Fremder ist da,
der dich sprechen will, er sagt, der Brahmine Mangesche Rao schicke ihn.«
Es war Mangesche Rao selbst. Panja hatte mir geraten, auf keinen Fall zur
Nacht einen Besuch zu empfangen, der forderte, daß kein Licht angezündet
würde, aber ich dachte mir, schließlich sieht mein Gegner auch nicht viel
mehr von mir, als ich von ihm, und der Name meines Freundes machte mich
gefügig. Der Brahmine war seltsam durch eine ungewohnte Kleidung entstellt,
ich schickte auf seinen Wunsch Panja hinaus.
Wir saßen uns gegenüber, ein matter Schein von den Sternen beleuchtete das
Bereich der Fenster spärlich, ich glaubte nun, da ich Mangesche Raos
Gesicht zu unterscheiden vermochte, zu erkennen, daß es schmaler und bleich
war, aber es mochte vom unsicheren Nachtlicht herrühren. Mir schien, als
ränge er innerlich mit dem Entschluß zu einem Bekenntnis, einem Wunsch,
über die Mühe der zurückliegenden Tage ein Wort der Klage zu äußern, aber
es geschah von alledem nichts. Er sagte nach einer Weile des Schweigens, in
der ich Gelegenheit hatte, die merkwürdige Entstellung zu betrachten, die
seine nächtliche Kleidung herbeiführte, ruhig und unmittelbar:
»Morgen werden die Soldaten der Regierung in Ihrem Hause nach Dokumenten
einer Verschwörung suchen, die über das ganze Land hin verbreitet sein
soll, und deren Anhänger sie auch in Mangalore vermutet. Ich stehe, wie Sie
wissen, im Verdacht, ein Gesinnungsgefährte der Unzufriedenen zu sein, und
da ich oft in Ihrem Hause ein und aus gegangen bin, bringt man Ihre Person
in Beziehung zu meinen Interessen.«
»Eine Verschwörung?« fragte ich erschrocken.
Mangesche Rao wartete, ob ich noch etwas hinzufügen würde, aber mir fiel im
Augenblick nichts ein, diese nächtliche Begegnung, die Aussichten für den
nächsten Tag und jene Enthüllung nun verwirrten mich in gleichem Maße, wie
sie mich anregten. Wie anders die Dinge vor der Entscheidung als in
romantischer Entfernung aussahen.
»Verschwörungen gibt es hierzulande beinahe täglich«, sagte Mangesche Rao
langsam, und als dächte er an andere Dinge. »Sie werden entdeckt und
vereitelt; und wenn sie nicht entdeckt werden, so brechen sie deshalb auch
noch nicht aus. Die englischen Beamten brauchen Unterhaltung und ein Feld
für ihren Eifer. Uns geht es ähnlich.«
Er wandte sich ab wie in heimlichen Zweifeln und sah mit einem traurigen
Ausdruck in die dämmerige Nacht hinaus. Man hörte die Grillen feilen, ein
paar Sterne hingen wie Funken im Gefieder der Papayakronen.
»Leider habe ich ein gutes Gewissen«, sagte ich. Seltsamer und fremder war
mir dies Land nie erschienen. Ich kannte die zurückhaltende Art des
Brahminen genügsam, um zu wissen, daß er weit mehr verbarg, als er erkennen
ließ, auch hätten keine Worte mich so entscheidend von der Wichtigkeit
seiner Angelegenheit und vom Stand der Dinge überzeugen können, als sein
nächtlicher Besuch es tat.
Es waren an diesem Tage noch kurze Regenschauer gefallen, es drang kühl
durch die Stäbe der offenen Fenster zu uns herein und zog mit Duft und
feinem Klingen bis in die dunklen Ecken des Zimmers. Mir war, als träumte
ich.
»Was kann ich tun?« fragte ich.
Mangesche Rao öffnete sein Gewand über der Brust und entnahm ihm einige
verschnürte Päckchen, die Papiere zu enthalten schienen oder Briefe, ich
sah es undeutlich, jedoch war die Verpackung derart, daß man leicht auf
solcherlei Dinge schließen konnte.
»Wollen Sie diese Schriftstücke in Ihrem Hause verbergen?« fragte er
gleichmütig.
Ich bejahte seine Frage ohne Besinnen, im Augenblick nur in schnellen
Erwägungen damit beschäftigt, welcher Ort meiner Wohnung oder meines
Gartens am geeignetsten sein möchte. Es kam mir keinen Augenblick in den
Sinn, daß es in Mangalore Verstecke genug für eine Handvoll verdächtiger
Papiere geben mußte, und der Gedanke, etwa mißbraucht zu werden, lag mir so
fern, wie ich tief durchdrungen war vom Charakter und Wert des Mannes, der
mich bat.
Später habe ich oft daran denken müssen, welche Empfindungen in der Seele
eines jungen Menschen Entschlüsse ähnlicher Art zu zeitigen vermögen, und
wie selten die Gesinnung eines auf solche Weise Bereitwilligen im Grunde
mitzuspielen braucht. Es mag sich so mancher, der durch einen raschen
Entschluß, den vielleicht die gedankenlose Erbötigkeit eines Augenblicks
mit sich gebracht hat, um die Freiheit seiner ganzen Jugend und um den
Preis seines tätigen Lebens gebracht haben.
Ich griff nach dem Päckchen. »Verlassen Sie sich auf mich«, sagte ich.
Darüber kam mir in den Sinn, daß mein Freund mir soeben noch mitgeteilt
hatte, daß ich morgen mit einer Haussuchung zu rechnen hätte, und ich
stellte eine Frage, um diese seltsamen Zusammenhänge aufgeklärt zu sehen.
»Ich möchte, daß diese Schriftstücke bei Ihnen gefunden werden«, sagte
Mangesche Rao. Er sprach leise und vorgeneigt, aber ohne Eifer und ohne den
Wunsch, mir seine Verfügung dadurch geheimnisvoller zu machen. Wer in
Indien eigene und gefahrvolle Interessenwege beschreitet, weiß, daß nicht
nur die Wände Lauscher verbergen, sondern daß auch von der Nacht, den
Frauen und dem besten Freunde Gefahr drohen kann. Ich ahnte seine Besorgnis
und sagte:
»Mein Diener ist zuverlässig.«
Mangesche Rao schüttelte den Kopf. »Er ist ein Kind«, sagte er. »Gesinnung
und Aufrichtigkeit ohne Schlauheit sind wie Verräter für jeden bei uns,
welcher die Mittel seiner Feinde kennt. Sie müssen aus einem Lande stammen,
in welchem der Freimut und die Kraft neben der Kühnheit als hoher Ruhm
gelten, sie mögen zur Ehre eines freien Volkes gehören, dies Volk hat seine
Freiheit fast vergessen.«
Irgend etwas überwältigte mich nach diesen Worten zu einer Traurigkeit, in
welcher ich zum ersten Mal die Liebe meines Herzens zu diesem Manne in
ihrer ganzen Tiefe empfand, und ich hätte ihn inständig bitten mögen, von
diesem fruchtlosen und bösen Kampf zu lassen. Mir wurde klar, daß sein
Wesen bei aller Kraft seines Geistes den Waffen seiner Gegner nicht
gewachsen war, denn den Hochgesinnten überwältigt im Kampf mit der
Niedrigkeit zuletzt der Ekel, aber ich schwieg aus Ehrfurcht vor dem Feuer,
das in seiner Seele brannte.
Mangesche Rao fuhr fort: »Machen Sie es den Suchenden nicht gar zu leicht,
aber tragen Sie Sorge, daß sie die Papiere auf jeden Fall finden. Sollte
der Zufall, der so gerne dort zu spielen liebt, wo die Absicht am
deutlichsten ist, den Erfolg der Engländer vereiteln, so verraten Sie die
Dokumente dadurch, daß Sie sie, scheinbar ungeschickt, zu verstecken
trachten, während noch gesucht wird.«
Er brach plötzlich ab und wartete wie auf einen Einwand, aber ich sprach
das Mißtrauen oder die Besorgnisse nicht aus, die er bei mir zu vermuten
schien, weil kein Argwohn gegen den Freund in meinem Herzen war, und weil
ich wußte, daß er niemals etwas von mir fordern würde, das ihm diente,
indem es mich schädigte. So erklärte er mir die Absicht, die er mit dieser
Maßnahme verfolgte:
»Unsere Zeit ist noch nicht gekommen,« sagte er einfach, »die Funde, welche
in Ihrem Hause gemacht werden, sind argloser Natur, aber immerhin
bezeichnend genug, um als eine wichtige Entdeckung gelten zu können. Der
Verdacht wird durch diese Dokumente abgelenkt und die Spur verwischt
werden, man wird ihren Inhalt dankbar als Resultat der Untersuchung
betrachten und an ihm die Eigenart und den Umfang jener Umtriebe messen,
die Verdacht erregt haben. Einige unserer Freunde werden bloßgestellt, aber
sie sind bereit, der Sache das Opfer zu bringen, das in der Verbüßung einer
geringen Strafe besteht. Zuletzt wird man nicht viel mehr in Erfahrung
gebracht haben, als ohnehin schon bekannt ist.«
»Sie sagen mir viel«, antwortete ich dankbar und voller Bewunderung für das
Geschick dieses Plans.
»Ihr Vertrauen verdient das meine«, sagte Mangesche Rao einfach, und ein
warmer Blick, der das kühle Maß dieser stets so beherrschten Züge
durchbrach, traf meine Augen kurz und traurig.
Ich fragte noch, wie ich mich einem Verhör gegenüber zu verhalten hätte,
welches danach forschte, wie die Papiere in mein Haus gekommen seien.
»Nennen Sie meinen Namen«, entschied Mangesche Rao.
»Und wenn Sie selbst eine Strafe trifft?«
»Man wird es nicht wagen und sich an die halten, welche wir vorgeschoben
haben, aber besser wäre es, man wagte es, weil meine Bestrafung mir das
Vertrauen derer sichern würde, für welche ich sie trage. Je mehr die
Regierung mich schont, um so eher werden die Brahminen von Mangalore mich
für einen Abtrünnigen halten. Meine Offenheit gegen die Priesterkasten
selbst würde Verräter im eigenen Lager erwecken, meine Vorsicht dagegen
macht sie mißtrauisch. Es ist schwer, im dunkeln Wald einen geraden Weg zu
gehen.«
* * * * *
Strahlend stieg ein neuer Tag über Mangalore empor. Ich ritt, schon bevor
die Sonne die Spitzen der braunen Pagoden färbte, durch die sumpfigen
Mangroven-Dickichte der Flußniederungen, von Panja begleitet, der wie in
einer Ahnung der hereinbrechenden Ereignisse nicht von meiner Seite wich.
Eine seltsame Fremdheit lag in meinen Augen über der Landschaft, ihren
Tieren und Pflanzen und über allen Dingen. Als ich nahe bei einem hölzernen
Lagerschuppen ein Boot im dunklen Wasser erblickte, auf dem ein Hindu
fröstelnd in der Morgenkühle hockte und, noch benommen vom Schlaf, in die
grünschimmernde Weite starrte, kam mir jener Tag in den Sinn, an welchem
ich zu Beginn meiner Dschungelfahrt in Tschirakal am Watarpatnamsee
angelangt war und Panja mit den Mohammedanern um den Preis der Kanus
stritt.
Die Erlebnisse und die Bilder meiner Reise zogen mit dem heraufsteigenden
Tag durch meine Erinnerung, mit ihrem Glanz und ihren Sorgen und ihrem nie
ruhenden Wunsch meines Herzens es möchte in diesem Lande Heimatrechte und
jene Beziehungen erwerben, die Vertrautheit zur Liebe führen. Huc, der Affe
meines Traums, saß wieder mit alten Augen vor mir, wahrsagerisch und weise,
von jenen Hoffnungen der seufzenden Kreatur ermüdet, die so alt sind wie
die Schicksale der Erde.
Waren es die Unrast, der Haß und die Erbitterung der neuen Menschen meiner
Erfahrung und ihre kleinen und doch so wichtigen Interessen, die mir den
Glauben an die Harmonie zerstörten, welche die unberührte Natur und das
große Meer mir vermittelt hatten? Nie kam ich mir verirrter vor in dieser
Welt des Wirkens, als an jenem Morgen, und am liebsten hätte ich alles
dahinten gelassen, um aufs neue in die grünen Schatten der durchklungenen
Wildnis zu ziehen, die die Sicherheit und den Wohlstand des armen Daseins
gefährden mochte, die aber den Weg der Seele zu jenem Erkennen bereitete,
das allein Frieden bringen kann.
Aber mein Verlangen erschien mir bald darauf wie ein Hang zur Flucht, als
warteten Pflichten und Aufgaben meiner in einem anderen Land, in einem
Bereich, dessen Kräften und Zielen ich durch Abstammung und Überlieferung
verbunden war, und zum ersten Mal seit Jahren wandten sich meine inneren
Augen über das Meer hin der Heimat zu. Ich dachte daran, daß der Mann, dem
nun seit lange meine tiefste Teilnahme gehörte, wie in einem wehmütigen
Bewußtsein des Untergangs seines eigenen Geschlechts und seiner Rasse, den
nahen Ruhm und die Hoffnung der meinen ahnungsvoll ausgesprochen hatte, und
ich fühlte die Kraft seines Glaubens wie ein Vermächtnis im Gewissen
glühen. --
Die Ereignisse des Tages verliefen ähnlich, wie ich sie nach Mangesche Raos
Worten erwarten mußte. Gegen Mittag meldete sich ein junger Offizier, der
in Begleitung von drei Soldaten kam, bei mir an. Er nahm seine Pflicht
ungemein wichtig, er versuchte den Anschein zu erwecken, als sei er der
König von England, und ich beantwortete seinen pathetischen Erlaß damit,
daß ich ihm mein Taschenmesser aushändigte, als habe er meinen Degen
gefordert. Er mußte lachen und schien sich darauf zu besinnen, daß ein
Privatmann kein Rekrut und ein Deutscher kein englischer Untertan ist, auch
erinnerte ich ihn daran, daß ein Verdacht kein Beweis und ich selbst kein
verdächtiges Dokument sei.
Sein Selbstbewußtsein uniformierte sich wieder, als die Papiere gefunden
wurden, und auf sein Ersuchen begleitete ich ihn im Ochsenwagen zum
Regierungsgebäude. Er war unterwegs höflich, still und sehr ernst, und ich
freute mich heimlich des gelungenen Plans meines Freundes. Übrigens sah
nach diesem öffentlichen Eingriff in die Privatrechte einer Reihe der
Einwohner Mangalores das militärische Aufgebot plötzlich um vieles
gewichtiger aus. Von den Fenstern des Regierungsgebäudes aus erblickte ich
draußen auf dem Meere den niedrigen eckigen Umriß eines Kanonenbootes, das
schwarz und drohend im stillen Blau schwamm, wie mit Kohle gezeichnet. Der
unfreundliche Hof des Gebäudes wimmelte von Soldaten. Einen Augenblick
überkam mich ein Gefühl heißer Besorgnis um Mangesche Raos Geschick. Die
nächstliegenden Eindrücke sind besonders dann die stärksten, wenn man die
Aussichten der Parteien nicht übersieht. Panjas totenblasses Gesicht ging
mir wie ein Gespenst nach, er war wie versteinert am Gartentor
zurückgeblieben, ich wußte nicht, ob er meinen Befehl verstanden hatte,
mich am Abend zu erwarten, und ich fürchtete ernstlich, er würde irgend
eine heldenmütige Dummheit begehen.
Nach einer zweistündigen Wartezeit, in welcher ich eine treuherzige
Schildwache mit einer Reihe der furchtbarsten Dschungelmärchen in ihrem
Glauben an Hexen und böse Geister bestärkte und sie mit Zigaretten wieder
beruhigte, erschien der Kollektor und verbürgte sich dem englischen Oberst
gegenüber, der ihn begleitete, für meine Unschuld. Es mußte wohl eine
ausführlichere Verhandlung über mich vorangegangen sein, der Beamte
entschuldigte sich höflich aber etwas gereizt bei mir, offenbar erinnerte
er sich dessen, daß ich die Bekanntschaft Mangesche Raos seiner Vermittlung
verdankte, und daß ich mich seit jenen Tagen nicht gut zu einem
gefährlichen Umstürzler hatte auswachsen können. Es schien mir zudem aus
allem hervorzugehen, daß man den Brahminen zu schonen wünschte. Ein Rekrut
machte sich auf den Weg, mein Pferd zu holen, und ich wurde etwas herzlos
und beiläufig verabschiedet. Man war offenbar beschäftigt.
Panja empfing mich glücklich und stolz, mir war, als schämte er sich seiner
Ängste, nun er mich wohlbehalten in unserm Hause wiedersah, aber weder
seine Freude noch die eigene Erleichterung ließen mich aufatmen. Es trieb
mich den Rest des Tages hindurch in großer Unruhe von einem zum andern,
nichts wollte mir gelingen, nichts beschäftigte mich ernstlich, ich wartete
und wußte nicht worauf.
Gegen Abend schickte ich Panja zu Mangesche Rao. Er traf ihn nicht in
seinem Hause an, aber ich erfuhr wenigstens, daß er auf freiem Fuß belassen
worden war, ohne daß ich mich nun für eine Genugtuung oder für eine neue
Besorgnis entschließen konnte.
Aus diesen bedrängenden Stunden ist mir ein kleiner Vorfall ohne Bedeutung
so lebhaft im Gedächtnis geblieben, als habe meine Sorge sich einzig um ihn
gedreht. In der kurzen Dämmerung, als schon der Mond leuchtete, und ich mit
meiner Zigarre im Liegestuhl auf der Veranda weilte, sah ich einen
beweglichen Schatten am Gartentor. Ich beobachtete ihn eine Weile, ohne ihm
Gewicht beizumessen, endlich rief ich Panja, der hinausging und gleich
darauf ein Kind zu mir brachte, das mich mit stillen Augen betrachtete und
lange kein Wort wagte. Es war ein Mädchen von etwa dreizehn Jahren, mit
einem rötlichen Kittel bekleidet, mit offenem Haar und seiner
Gesichtsbildung nach den niederen Kasten angehörig. Mit Panjas Hilfe erfuhr
ich bald die Geschichte und die Bitte meines späten Gastes, und mit einem
heimlichen Schauer sah ich das junge Wesen plötzlich mit ganz anderen Augen
an, als ich wußte, daß es vor einigen Tagen Mutter geworden war. Man muß
erfahren haben, wie gewöhnlich solche Fälle im tropischen Indien sind, um
solcher Aussage ohne weiteres Glauben zu schenken. Die junge Mutter kam aus
einem Dorfe im Flußtal und bat mich um Schutz. Es handelte sich offenbar um
eine Verwechslung meines Hauses mit der Missionsniederlassung.
»Es ist die Nacht der freien Liebe in ihrem Ort«, erklärte mir Panja.
»Einmal im Frühling muß dort in ihrer Kaste jede Frau und jedes Mädchen
jedem Manne angehören, der sie begehrt, das ganze Dorf heult und wimmert
die Nacht hindurch, wie ein Sumpf mit Ertrinkenden, die zu ewiger Wollust
verdammt sind. Es dauert, bis die Sonne am Erdrand erscheint, dann wird es
still, und den Tag hindurch schlafen die Menschen. Das Kind ist aus Furcht
geflohen.«
Panja führte die junge Mutter in die Missionsschule hinunter, ich blieb mit
den Grillen allein in der weißschillernden Nacht, der letzten in Indien, an
die ich klare Erinnerungen habe, denn am Morgen des hereinbrechenden neuen
Tages stand ich vor der Leiche Mangesche Raos.
* * * * *
Ich weiß, daß ich im Morgengrauen aufs Pferd stieg, im Reiten meinen Rock
knöpfte und mir dessen bewußt wurde, daß ich den Korkhelm vergessen hatte.
Darüber kam mir in den Sinn, daß ich bei meiner Rückkehr den Schatten
aufsuchen müßte, und hörte Panjas fremde Stimme, der mit meinem Pferd
sprach, das er laufend am Zügel führte. Er schrie einen Ochsenkarren an,
der uns in der Nähe des Stadttors den Weg versperrte, und ich sah einen
kleinen gekrümmten Mann, der ängstlich und mit bösen, unterwürfigen Augen
seine Tiere in den Graben zerrte. Er hatte Maisschößlinge geladen und trat
mit seinem nackten Fuß aufgeregt in die Weichen der schwerfälligen Ochsen.
Hatte diese selbe Stimme Panjas nicht eben noch geschrien: Die Brahminen
haben Mangesche Rao vergiftet?
Es war noch nicht ganz hell im Haus des Toten. Der festgetretene Lehmboden
vor der Veranda glänzte feucht, am Zaun waren weiße Ziegen angebunden, und
die Palmenwedel sirrten im Morgenwind. Ich vernahm eine Stimme, die
merkwürdig gleichförmig klagte, immer in demselben Tonfall, die hellen
Seufzer folgten einander mit dem ausgestoßenen Atem, und mein erster
Gedanke war: So ist er nicht tot, ich werde ihn noch lebend finden.
An der Tür zum Totenzimmer flüchteten einige dunkle Gestalten, ich sah im
Raum, dicht am Fenster, ein niedriges Lager, auf das das Morgenlicht fiel,
grünlich und blaß, wie aus einem erlöschenden Scheinwerfer. Unter einem
weißen Tuch erkannte ich undeutlich die Umrisse einer gekrümmten Gestalt,
eine zur Faust verkrampfte Hand sah seitlich aus den Falten hervor und
reckte sich, wächsern gefärbt, ein wenig aufwärts gebogen, in den fahlen
Glanz des nahenden Tags empor.
Ich schlug das Tuch zurück und ließ es sogleich wieder über das entstellte
Gesicht zurückfallen. Das höllische Gift, dem der Brahmine erlegen war,
verrät sich selbst unzweifelhaft durch seine Wirkung und zugleich die
heimtückische Macht derer, die es im Namen ihrer zu hämischen Götzen
herabgesunkenen Gottheit mischen.
Als ich mich abwandte, begegnete ich Panjas Augen, und als er mein Gesicht
sah, warf er sich zur Erde, als habe eine Faust ihn niedergeschlagen, und
brach in ein Geheul aus wie ein Tier. --
Auf der Basarstraße hatte das bunte Leben des neuen Tages begonnen, die
braunen, nackten Gestalten unter den farbigen Turbanen eilten in gewohnter
Weise dahin, geschäftig oder lässig, bald von Lasten gebeugt, bald steif
und würdig im vertrauten Müßiggang. Ein mohammedanischer Händler, dem ich
seit langem schon versprochen hatte, ein Bündel Ingwerwurzeln abzukaufen,
die ich mitnehmen wollte, verfolgte mich lange. Am Tempelteich, in dem eine
weiße Mauer sich spiegelte, predigte ein fremder Pilger. Es roch nach
verdunstendem Sprengwasser und Ochsen, die Sonne schien, die vereinzelten
Palmen hoben sich schräg und still über den Lärm der Straße und über die
weißen, flachen Dächer der Häuser. Es begann warm zu werden.
Als wir die hohe Palmenallee erreichten, die am Meer dahinführt, und die
Geräusche der Stadt im eintönigen Rauschen des Wassers verklangen, gab ich
Panja mein Pferd und schritt allein weiter. Eine Müdigkeit, die Leib und
Seele wie ein bitterer Strom durchdrang, ließ mich nach einer Weile
innehalten, und ich lehnte mich an den Stamm eines Baums und schloß die
Augen.
Da sah ich im Abendfrieden ein Dorf meiner deutschen Heimat. Der Holunder
blühte am Zaun, es hatte geregnet, und die Luft war kühl und feucht. Hoch
auf dem Giebel eines Bauernhauses sang eine Amsel in der letzten Sonne, und
die klare Süßigkeit ihrer Stimme erfüllte das ruhige Land mit Glück.