Mangalore

Die merkwürdige Tatsache unseres irdischen Daseins ist mir immer in den

Augenblicken des Erwachens am wunderbarsten erschienen. Wenn sich unsere

Sinne, unter dem Glanz der Morgensonne oder durch das Lied eines Vogels im

Licht erweckt, aufs neue zum Bewußtsein zusammenfinden, so bricht über das

Herz bisweilen wie ein Schauer von Glück und Erstaunen die Gewißheit

herein, am Leben zu sein, noch nach Unzähligen, die versunken sind, und

nach Ungezählten, die kommen werden, auf der beschienenen Oberfläche der

Erde ein lebendiger Mensch zu sein. Ich wurde mir dieses freudigen

Erstaunens in keiner Stunde stärker bewußt, als an jenem Morgen, an dem ich

im Boot auf dem Fluß erwachte. Am Abend vorher hatten wir einen toten Arm

des versandeten Stroms gefunden, in dem das Wasser, still wie in einem See,

unter einer grünen Decke wunderlicher Sumpfpflanzen lag, und da keine

Möglichkeit bestand, die Boote durch den Morast der Ufer an festes Land zu

ziehen, hatte Panja geraten, auf dem Wasser zu übernachten. Es war mir

gegen Morgen entgangen, daß das Boot, in welchem ich schlief, wieder in die

Strömung gestoßen wurde, und so erwachte ich erst, als schon die Sonne

schien, und der leise Gesang des Wassers traf meine leicht bestürzten

Sinne. Ich erinnerte mich nur langsam der Lage, und sogar meine Lebenszeit

hatte sich mir für Augenblicke verwischt. In einem von aller Zeitrechnung

befreiten Aufstieg meines Bewußtseins wurde mir nur eines zur Gewißheit:

Die Sonne scheint auf die Erde, in den Bäumen rufen lebendige Geschöpfe und

du selbst lebst.

Solche Augenblicke erscheinen uns oft in späterem Gedenken daran sehr

bedeutungsvoll, da sie mit dem Abstand wachsen, und weil die Erinnerung

die Geschehnisse nicht nach ihrer Dauer und ihrem Wert zu bewahren pflegt,

sondern nach dem Maße ihrer Eindringlichkeit. Und ob ein Erlebnis uns im

Gedächtnis zurückbleibt, hängt wenig von seiner erkennbaren Bedeutung ab.

Vielmehr sind es zumeist so unscheinbare, ja oft geradezu kleinliche

Begebenheiten, welche unsere Erinnerung unauslöschbar bewahrt, daß wir ihr

nur ein Lächeln gönnen, ohne zu begreifen, daß ihre Kräfte ein eigenes

sittliches Reich darstellen, dessen mystische Eigenart unserem Willen in

keiner Weise untergeordnet ist. »Wenn Gottes Augen, welche ohne Aufhör die

Regionen seiner Schöpfung durchschweifen, unser Dasein treffen, so bleibt

der Augenblick in unserer Erinnerung für immer haften«, sagte einmal ein

buddhistischer Mönch aus Kaschmir zu mir, der Malabar auf der Suche nach

einem heiligen Baum mit grauen Blüten durchwanderte. So werden die

Lebensstunden, welche wir für groß gehalten haben, oft abhängige Kindlein

kleiner Einzelfälle, an die sie sich lehnen müssen, um nicht im Dunkel zu

versinken. --

Ich richtete mich im Boot auf und sah die Ufer gleiten, sie waren so dicht

umwachsen, daß es erschien, als wären wir zwischen zerbröckelten grünen

Mauern auf stiller, eiliger Flucht, zwischen Wänden, die bald

auseinanderwichen, bald aufeinander zurückten. Das unsterbliche

Himmelsblau, unwirklich in seiner funkelnden Farbstille, spannte sich

darüber aus, und bisweilen schossen die blendenden Strahlen der Morgensonne

in meine Augen und schlossen sie.

Der zurückliegende Tag war voller Beschwerden gewesen, und wir hatten

Uppanangadi nur mit Mühe erreicht, ohne die Stadt angeschaut und ohne

länger Rast gemacht zu haben, als es aus Rücksicht gegen die Ruderer

notwendig war. Ihre Tätigkeit bestand zu Anfang unserer Fahrt mehr im

Steuern als im Rudern, sie taten es stehend, und indem sie, je nach der

Richtung, die eingehalten werden mußte, ihr Ruder zur Rechten oder Linken

des Kanus ins Wasser tauchten. Dies geschah mit großem Geschick und

unterhielt mich lange. Es war häufig vorgekommen, während wir noch auf dem

Kumardary schwammen, daß die Boote sich auf Sandbänken festfuhren, wir

mußten dann ins Wasser und sie mit vereinten Kräften wieder flott machen.

Bisweilen kreisten wir sanft, aber recht ausdauernd, in tiefen Kesseln oder

glitten niedrige Fälle nieder, eine Beschäftigung, an die sich meine Sinne

gewöhnen mußten, weil die Vorstellung etwas durchaus Erschreckendes hatte,

dort zu kentern und vom trüben Wasser an die sumpfigen Ufer getrieben zu

werden, oder in Stromschnellen und tiefen Wirbeln mit den Alligatoren in

nahe Berührung zu kommen.

Nachts war es am schönsten. Zwar fuhren wir nachts nur die Stromstrecke vor

der Stadt Uppanangadi bis an die hölzernen Landungsstege des Orts, aber die

wandernden Fackeln im Dunkel der Ufer, die wie riesige Leuchtkäfer

aussahen, erregten die Phantasie geheimnisvoll und unterrichteten uns

darüber, daß wir uns bewohnteren Gegenden näherten.

Je weiter wir nun den Netrawati hinabtrieben, um so gemächlicher zog die

Flut, und die Arbeit der Ruderer setzte ein. Bei Krümmungen des Stroms

verloren wir oft das zweite Boot für lange aus den Augen, aber es lag kein

Grund zur Besorgnis vor, denn Pascha, der unser Gepäck im andern Kanu

bewachte, genoß jenen Respekt bei den Leuten, der schweigsamen Menschen

leicht zufällt, die, ohne unhöflich zu erscheinen, niemals ein Lächeln und

selten eine Frage erwidern. Meine Träger waren in Schamaji von Panja

entlassen worden, ich langte nach dreitägiger Fahrt, in Begleitung von

Panja und Pascha, in Mangalore an, die Kanus kehrten im Hafen um, ohne daß

die Leute aus Schamaji das Ufer betreten hatten. Sie leben in keinem guten

Einvernehmen mit den Küstenvölkern, die sie für abtrünnig und

fremdenfreundlich halten.

Die letzten Stunden war unser Boot langsam durch trübes, stehendes Wasser

gerudert worden. Die Vegetation nahm immer mehr ab, Reisfelder wechselten

mit sumpfigen Einöden, auf denen böse, stille Lachen spiegelten, von

schweren Dünsten umlagert und von Menschen und Tieren verlassen. Dort

schlief die Pest ihren Sommerschlaf, um mit den ersten Regen wieder zu

erwachen. Es war so drückend heiß, daß das Atmen zur qualvollen Mühe wurde,

die Ruderer arbeiteten zuletzt wie in einer dumpfen Betäubung, und die

Stimmen des trüben Wassers erloschen oft ganz. Der Fluß teilte sich in

vielerlei breite und schmale Kanäle, aus den Palmen am Ufer ragte der rote

Schornstein der deutschen Ziegelei.

Wir durchfuhren die ganze Stadt bis zum Meerhafen, der am Ort unserer

Ankunft kahl und öde, durch eine Sandbank gegen das Meer geschützt, lag,

und die Dünste der See, ohne Leben und Frische, enttäuschten mich bitter.

Von der Stadt hatten wir so gut wie nichts gesehen, sie liegt ganz im

Palmengrün auf drei sanften Hügeln. Nun aber erblickte ich die Häuser des

Hafens, schlechte zerfressene Steinbauten, unfreundlich und verlottert, in

jener ganzen Roheit und erbärmlichen Charakterlosigkeit, wie man sie oft in

orientalischen Häfen findet, deren Tradition längst zerstört und deren neue

Gewohnheiten und Einrichtungen dem Geist einer flachen und räuberischen

Geschäftigkeit dienen. Ein paar alte, große Segelboote mit hohem Bug und

breitem Deck lagen kreuz und quer, bald halb im Wasser, bald eingesunken in

schmutzigen Sand. Es war fast menschenleer, nur auf einer kleinen

Dampfschaluppe kauerte ein Hindu im Schatten und rauchte. Er spähte

neugierig nach uns aus; als ich mich im Boot erhob, sprang er empor, rief

gellend und überlaut ein paar Worte über den Damm gegen die trüben Fenster

eines bemalten Hauses. Sein kleines Schiffchen vermittelt den

Personenverkehr zwischen der Küste und den Hochseedampfern, die einige

Kilometer vom Land entfernt Anker werfen, um für zwei oder drei Stunden auf

Passagiere zu warten. Der Hafen von Mangalore selbst ist für den Verkehr

größerer Dampfschiffe nicht geeignet.

* * * * *

Die ersten Eindrücke, die ich von Mangalore empfing, boten sich mir um so

abstoßender dar, als ich nach der Lebensweise der zurückliegenden Zeit

alles mit der großzügigen Einfachheit der unberührten Natur zu vergleichen

genötigt war. Es kam hinzu, daß die Stadt in einem dumpfen Schlaf der

Erwartung lag und mir überall Trägheit, Verfall und Teilnahmlosigkeit

begegneten. Der vernachlässigte Hindugasthof, in dem ich meine ersten Tage

zuzubringen genötigt war, ermutigte meine Unternehmungslust in keiner

Weise, und das qualvolle Harren auf die ersten Gewitter nahm allen und

endlich auch mir den Rest wohlbestellter Daseinsfreude. Als Mangalore nach

wenig Monaten im Glanz der Frühlingssonne seine bunte Auferstehung feierte,

glaubte ich die Stadt nicht wiederzuerkennen. Die Unterschiede zwischen

unserem deutschen Sommer und Winter sind in ihrer Einwirkung auf das

Befinden und die Lebensgewohnheiten der Menschen bei weitem nicht so

bedeutungsvoll, wie der Wechsel der Jahreszeiten in den Tropen. Die Meinung

von dem Gleichmaß und der steten Sommerlichkeit der Witterung in diesen

Zonen, entstammt der mangelhaften Kenntnis oberflächlicher Passanten oder

einer falschen Vorstellung; wer das tropische Jahr von Beginn bis zu Ende

in der Nähe des Äquators durchlebt hat und die Menschen in Leid und Freude

seines Wechsels beobachtet hat, wird dagegen die Unterschiede unserer

Jahreszeiten in den gemäßigten Zonen als unerheblich empfinden.

Später lernte ich vieles in Mangalore verstehen, das ich anfangs mit

Geringschätzung übergangen hatte, manches lieben, das mir zuerst fremd und

abstoßend entgegentrat, und ich schied mit der Gewißheit aus der Stadt, daß

kein bewohnter Ort der Welt an paradiesischer Schönheit und Versunkenheit

sich mit Mangalore zu messen vermöchte. Wir erlangen in unseren kurzen

Lebenstagen niemals das Maß von Erfahrung fremden Erscheinungen gegenüber,

das uns ermöglichte nach dem ersten Eindruck gerecht auf den allgemeinen

Wert zu schließen.

* * * * *

In einem unbeschreiblichen Zustand von Gereiztheit entschloß ich mich am

dritten Tage meines Aufenthaltes kurzer Hand den englischen Kollektor

aufzusuchen, um endlich Gewißheit über die Möglichkeit eines längeren

Aufenthalts, über die Wohnungsverhältnisse und die Lebensbedingungen zu

erhalten.

Die Leute drückten sich überall in einer mir völlig unverständlichen Angst

um offene Antworten herum, bald fürchteten sie, es mit der Regierung zu

verderben, bald mit den Priestern, selbst meine Opfer an Geld machten mir

nur den Pöbel gefügig.

Das Bungalow des Beamten lag herrlich auf einem beschatteten Hügel und

erinnerte mich an einen alten Herrensitz. Der Garten war aufs beste

gepflegt, die Amtsräume sauber, kühl und groß. Im Vorzimmer saß ein

Mischling in weißer, halbeuropäischer Kleidung an einem großen Schreibtisch

und stellte sich ungemein beschäftigt. Ich war zu Anfang so bescheiden, als

meine Nerven irgend zuließen, aber die gedankenlose Einbildung dieses

Sklaven auf seine Beziehungen zu einer Kultur, die er nicht verstand,

brachte mich auf. Ich hätte mich sicher beherrscht, wenn Panja nicht an

meiner Seite gewesen wäre.

»Stehn Sie auf, wenn ich rede«, sagte ich.

Mein Blut kochte. Es bedarf in der Tat nur eines sehr geringen Grades von

Erregtheit, um in dieser Zeit das ohnehin vor dem Sieden stehende Blut zum

Überschäumen zu bringen.

Der Schreiber erhob sich träge, als hätte er Blei in den Knien, aber sein

frecher, erstaunter Blick entzündete mir Feuer in den Händen, und noch ehe

er ganz auf seinen dürren, braunen Beinen stand, schallte eine Ohrfeige

durch den würdigen Raum, die ich wie einen kalten Wasserguß genoß. Ihn mag

sie anders berührt haben. Er drehte sich einmal um sich selbst, sein

Strohsessel machte es ihm in bureaukratischer Ergebenheit dienstbeflissen

nach, und, auf der verschonten Wange erbleichend, rang er vergeblich nach

Fassung. Die dunklere Linie seiner Abstammung besann sich auf die Gasse.

»Ich wünsche den Kollektor zu sprechen«, sagte ich freundlich. Es ging mir

um vieles besser, aber ich bin lange Zeit nicht fähig gewesen mir die

Rauheit dieser Handlung voll erklären zu können. Sicherlich hing diese

bedachtlose Aufwallung und mein Mangel an Beherrschung mit der Verwöhntheit

zusammen, in der ich fast ein halbes Jahr lang nur unter Menschen

zugebracht hatte, bei denen selbst auch nur ein Gedanke an

Gleichberechtigtheit niemals aufgekommen war, so daß mir der erkennbare

Widerstand dieses Menschen weit mehr als Überhebung erscheinen mußte, als

er es in der Tat gewesen sein mag.

Der in zweierlei Hinsicht arg betroffene Mann begann den Kampf um seine

beleidigte Beamtenehre erst, nachdem er einen Abstand von etwa vier Metern

und einen Tisch aus gebeiztem Hartholz zwischen sich und mich gebracht

hatte. Alles an ihm war Empörung, sogar sein geöltes Haar, von dessen

glänzender Frisur das graue Leinenkäppchen sich entfernt hatte, schien mir

vor Entrüstung zu funkeln.

Ich nahm für alle Fälle ein schwarzes Kästchen aus Ebenholz vom Tisch, in

dem Stahlfedern, ein Radiergummi und Kupferannas mit dem Anstand geordnet

waren, mit dem eine Prinzessin Juwelen verwahrt. Dabei war ich entschlossen

das erste unehrerbietige Wort dadurch zu erwidern, daß ich dies Kästchen

als Wurfgeschoß verwandte. Ich habe einmal davon gehört, daß Bauern, deren

Felder unter anhaltender Hitze in Gefahr sind zu verdorren, den Regen durch

Kanonenschüsse herbeizulocken suchen. Eine ganz ähnliche Hoffnung muß mich

damals bewegt haben, und ein verwandter Glaube. Aber es kam zu keinem Wort

und keinem Gewaltakt mehr zwischen mir und meinem Widersacher, weil die Tür

sich öffnete und mit kühlen Augen und wohlrasiertem Antlitz der englische

Beamte im Rahmen erschien und seinen Blick gelassen bald von mir zu seinem

Sklaven und bald wieder zurück wandern ließ.

Der Abstand, in dem wir uns voneinander befanden, der Tisch zwischen uns,

die an die Wange gelegte Hand des Schreibers und meine streitsüchtige

Haltung mögen den Beherrscher Süd-Kanaras genugsam darüber unterrichtet

haben, was etwa vor sich gegangen sein mochte. Die im Tropendienst und an

ausgesetzten Posten bewährten, gebildeten Engländer haben eine

bewunderungswerte Besonnenheit in allen ungewöhnlichen Lagen und verstehen

es ausgezeichnet, die Dinge zunächst einmal so zu nehmen, wie sie sind,

ohne vorschnell kundzutun, wie sie nach ihrer Meinung sein sollten. Das

zeugt mindestens von großem Selbstbewußtsein. Und so wandte der Beamte sich

mir ruhig zu und fragte höflich, ob er in der Lage sei, durch seine

Einmischung diese Situation harmonischer zu gestalten. Dabei wies er ohne

weitere Frage auf die geöffnete Tür zu seinem Zimmer und ich trat ein, ohne

ein Wort der Beschwerde, denn ich merkte, daß dies in Gegenwart eines

Untergebenen nicht erwünscht sei. Ich sah mich gleich darauf in einem

bequemen Korbsessel einem Manne von etwa fünfzig Jahren gegenüber, dessen

starke, wohlbestellte Gestalt, dessen kluges und zugleich wohlwollendes

Gesicht mir das unbedingteste Vertrauen einflößten, und da ich etwa dreißig

Jahre jünger war als er, wurde es mir leicht, ihn zu bitten, die

ungewöhnliche Art meiner Einführung nicht als Mißachtung gegen die

englische Regierung oder gegen seine Person anzusehen. Als ich ihm meinen

Namen nannte, sagte er mir kühl den seinen und fragte mich, ob ich

Engländer sei.

Wie wichtig den Vertretern dieser Nation diese an sich so unschuldige

Tatsache erscheint! Auf meine Antwort hin glitt ein kleiner Schatten von

Unwillen über seine Stirn und er fragte mich, ob ich der deutschen Mission

in Mangalore zugehörte.

»Schließen Sie das aus der Behandlung, die ich Ihrem Schreiber angedeihen

ließ?« fragte ich.

Er lächelte und schüttelte den Kopf, schien aber ohne weitere Erklärung aus

der Art meiner Antwort zu ersehen, daß ich seine Frage damit verneinte, und

dann wartete er. Als ich sprach, musterte er mich unauffällig, und ohne daß

sich auch nur ein Schatten von Kritik in seinen Zügen zeigte. Nach seinem

Ausdruck zu schließen, hätte ich selbst und meine Erzählung ihm ebensogut

unausstehlich wie angenehm, oder völlig gleichgültig sein können. Bei einer

Pause, die ich machte, setzte er eine kleine Tischglocke in Bewegung und

gab einem eintretenden Diener einen Befehl, und gleich darauf pflanzte ein

stilles, braunes Wesen ein Tablett zwischen uns auf, das Whisky, Sodawasser

und -- Eis trug.

Mein Herz schlug in Empfindungen, wie sie nicht zärtlicher für einen Vater

hätten sein können, und dies Gefühl wurde noch durch die einfache Warnung

des Kollektors erhöht, als er mich bat, mit dem Trinken vorsichtig zu

sein, da ich wahrscheinlich in Schamaji kein Eis vorgefunden hätte. Die

Geschichte mit dem König hatte ihm gefallen, nach einer Weile meinte er:

»Als ich vor Jahren meinen ersten tropischen Sommer erlebte, wurde ich

nahezu ein Mörder, im zweiten ein Verzweifelter und erst im dritten begann

ich wieder einem Engländer zu ähneln. Sie brauchen sich deshalb nicht

besorgt zu zeigen, wenn Ihre Besinnung sie für Augenblicke verlassen hat,

die Geduld verliert man in Indien zuerst, dann gewöhnlich den Verstand. Nur

wenige finden beides wieder, aber diese pflegen sie dann auch zu brauchen.«

Ich erfuhr damals, was ich in meiner Angelegenheit wissen wollte, und

brauchte dabei nur wenig zu fragen.

Im Amtszimmer des Kollektors fiel auch in späteren Tagen zuerst der Name

Mangesche Raos, des Brahminen. Bei diesem Klang und beim Anhören der kurz

und ohne tieferes Verständnis vorgetragenen Lebensgeschichte dieses Mannes,

empfand ich deutlich eine Beziehung, die weit über Neugierde oder Interesse

hinausging. Der Beamte erzählte mir nach und nach folgendes, anknüpfend an

meine Bitte, mir in Mangalore unter den gebildeten Brahminen eine

Persönlichkeit zu nennen, mit der ich nutzbringenden Umgang pflegen könnte,

und nachdem unsere Beziehung zu einiger Freundschaftlichkeit erprobt war:

»Mangesche Rao ist unter den jüngeren Brahminen Mangalores, ja Süd-Kanaras,

einer der bekanntesten, und zweifellos auch einer der klügsten. Über seine

Gesinnung kann ich keinen Aufschluß geben, da seine Interessengebiete die

unseren nur politisch berühren, und kaum eine andere Leidenschaft verhüllt

den Charakter des Gegners vor dem Gegner mehr, als eben eine solcher Art.

Der Mann hat uns viel zu schaffen gemacht und nur deshalb, weil er das

Verständnis und die Teilnahme seiner Kastengenossen nicht einmütig

gefunden hat, ist er uns nicht gefährlich geworden. Da er die Universität

von Madras besucht hat und so weit akademisch gebildet ist, als die

englischen Hochschulen in Indien es ermöglichen, hat er naturgemäß das

Vertrauen seiner Kaste verloren, dagegen lange das unsere besessen, im

Grunde allerdings niemals mein persönliches. Ich war als Vertreter der

Regierung verpflichtet, ihn so weit zu fördern, als er uns nützte, wenn er

mir aber, was damals oft geschah, in jenem Sessel gegenübersaß, den nun Sie

einnehmen, so bin ich niemals ein Gefühl heimlicher Scheu vor der seltsamen

Undurchdringlichkeit seines Wesens losgeworden. Er erreichte bald einen

führenden Posten am hiesigen englischen College, man sah ihn unter den

Jesuiten, in geheimen Versammlungen seiner Stammesgenossen und sogar im

Lager der protestantischen Mission. Ich habe nie in Erfahrung bringen

können, ob ihm die Sympathie, die er überall zu erwecken schien, aufrichtig

entgegengebracht, oder ob sie ihm gezeigt worden ist, weil man ihn

fürchtete.

Vor einem halben Jahre ist er entlassen worden. Ich habe nicht gewagt,

weiter gegen ihn vorzugehen, weil ich inzwischen erfahren habe, daß sein

Einfluß groß ist, und wahrscheinlich auch sein Anhang, wenn auch nicht eben

in der Provinz, so doch im ganzen Reich. Wir müssen uns wohl hüten, in

diesem Lande die Strafe als Vergeltung oder Rache aufzufassen, vielmehr

dürfen wir in solchen Fällen durchaus nur so weit vorgehen, als unsere

Gegner unter ihr machtloser werden. Es hatte sich folgendes ereignet. Ein

Jesuitenpater des hiesigen Klosters ließ sich eines Tages bei mir melden,

und brachte mir ein kleines, in Malayalam verfaßtes Schulbüchlein, wie sie

hier überall in den Regierungs- und Missionsschulen nach Form und

Aufmachung Verwendung finden. Ich will Ihnen das Buch zeigen.«

Er erhob sich und schritt im Nebenraum auf einen eisernen Schrank zu, dem

er nach einigem Suchen unter Akten und Papieren ein graues, heftartiges

Büchlein entnahm und vor mich hinlegte. Es war schmal und an drei Seiten

beschnitten, nüchtern und sachlich von Gewand und wies in der

traditionellen Anordnung eines Lehrbuchs einen Titel auf und unten die

Abzeichen der Druckerei der Jesuiten, die für ihre Propaganda eine

Druckerei mit mehr als zehn verschiedenen Schriftzeichen der

Eingeborenensprachen unterhalten. Der Kollektor übersetzte mir den Titel:

»Ein Lehrbuch der vergleichenden Sprachwissenschaft über den Zusammenhang

der Südindischen Dialekte mit dem Sanskrit. Bearbeitet von Mangesche Rao,

Lehrer am englischen College zu Mangalore, gedruckt in der Offizin der S.

J. daselbst.«

Der Titel und die ersten zehn Seiten des unscheinbaren Heftes wurden in

kurzen Vergleichen seiner Aufschrift gerecht, dann aber folgte eine mit

großem Verstand und agitatorischer Inbrunst verfaßte Kritik der englischen

Regierung in den Südprovinzen, die um so aufreizender wirkte, als sie

sachlich war und eingehende Kenntnis verriet, ohne daß etwa ein

Landesverrat nachzuweisen war. Ich habe mir diese Abhandlung später von

Panja im einzelnen übersetzen lassen.

Der Beamte fuhr fort: »Der Pater erzählte mir, daß ein Zufall zur

Entdeckung dieses Mißbrauchs ihrer Druckerei geführt habe, er lehnte die

Verantwortung seines Ordens der Regierung gegenüber mit diesem

Eingeständnis ab, und teilte mir mit, daß die bestochenen Leute entlassen

seien. Auf meine Bitte, mir seinen Verdacht zu nennen, wen er für den

Verfasser dieser Broschüre hielte, erwiderte er in großer Höflichkeit, daß

wohl ein solcher Verdacht bestünde, daß es aber nicht zu den Absichten und

Gewohnheiten seines Ordens gehöre, über Verbrechen Meinungen auszutauschen,

die nicht klar zu begründen seien. Es war augenscheinlich: die Leute hatten

Furcht, Furcht, wie hier alle haben, die nicht dem interesselosen Pöbel

angehören. Es ist allzuoft vorgekommen, daß die eifrigsten Führer einer

Partei an einem Morgen, gekrümmt vom Gift ihrer Gegner, tot in ihren

Häusern aufgefunden wurden. So war es an mir, Mut zu zeigen, aber alle

unbedachte Art von Kühnheit, die nicht von höchster Vorsicht geleitet ist,

hat hierzulande nur den Wert einer eiteln Knabenposse. Mir wurde, noch ehe

ich eine Verhandlung eingeleitet hatte, sehr unverblümt deutlich gemacht,

daß ich im Falle eines unbesonnenen Eingriffs nicht mit einem

leichtsinnigen Verbrecher, sondern mit einer mächtigen Partei des ganzen

indischen Reiches zu kämpfen hätte. Das steht mir weder zu, noch garantiert

die Tragweite meiner Stellung mir auch nur geringen Erfolg. Ich gab den

Fall an die Regierung weiter.

Naturgemäß ging es nicht an, hier nur Vorsicht und sonst nichts erkennen zu

lassen. So ließ ich Mangesche Rao zu mir bitten. Diese Begegnung vergesse

ich niemals. Zunächst ließ der Brahmine mir sagen, daß ihm ein späterer Tag

zu einer Begegnung lieber sei. Ich war betroffen, da ich daraus entweder

auf völlige Unbefangenheit, oder auf einen Fluchtversuch schließen mußte,

und so ließ ich ihn überwachen, ohne ihn zu drängen. Ich weiß heute, daß er

diese Überwachung, die er sofort merkte, absichtlich durch sein Zögern

heraufbeschworen hatte, um zu erfahren, ob es sich um etwas Bedeutsames

handelte. So kam er am nächsten Tage, und war auf alles gefaßt.

Ich gab ihm, mitten in einer gleichgültigen Unterhaltung, unversehens das

Buch.

Er nahm es, warf einen Blick darauf und sagte höflich:

»Ich will es prüfen, sobald ich Zeit finde.«

»Es ist von Ihnen«, sagte ich.

»Ja«, antwortete er ruhig, als habe ich alles andere gesagt, »es geschieht

bald.«

»Dies Buch trägt Ihren Namen als Verfasser«, fuhr ich fort, und ich

gestehe, innerlich unsicher und aufgebracht.

Mangesche Rao sah mich an, als erwartete er bestimmt, ich würde fortfahren,

in jener vermeintlichen Sache zu sprechen, die durchaus nichts mit dem

kleinen Heft zu tun hatte, das er gleichgültig zwischen den Fingern drehte.

Endlich folgte er meinen Augen und, scheinbar erst jetzt aufmerksam

geworden, begann er in dem Heft zu blättern und durchaus nicht, wie es

zweifellos jeder andere getan hätte, in den harmlosen ersten Seiten,

sondern mitten in dem verräterischen Angriff auf die Regierung.

Er sah einen Augenblick auf, fragte höflich und mit ein wenig gerunzelten

Brauen, »Sie erlauben?« und las weiter. Nach einer Weile wandte er die

Einbanddecke, betrachtete wieder den Titel, verglich, lächelte befangen und

fuhr fort zu lesen. Der Mann hat es fertig gebracht, eine Viertelstunde

lang unter meinen Augen seinen eigenen Text zu lesen, nicht etwa mit

Anzeichen des Erstaunens oder der Empörung, sondern ohne Anzeichen. Und ich

habe die ganze Verhandlung hindurch sicherlich eher als er den Anschein des

Geprüften erweckt. Nun, ich blieb geduldig, mir dessen bewußt, daß er

innerlich gelassen den Grund meiner Geduld erwog. Als er aber nach einer

guten Weile mit einem amüsierten Lächeln aufsah, den Kopf schüttelte und

begann, mir einen ganz sonderlich treffenden und zugleich boshaften Absatz

vorzulesen, brauchte ich meine ganze Beherrschung, um dieses Lächeln zu

erwidern. Er legte das Heft nachdenklich hin und meinte besorgt und mit

erhobenen Brauen:

»Das ist nicht angenehm für uns.«

»Haben Sie einen Verdacht, wer der Verfasser sein könnte?«

Mangesche Rao antwortete nicht und ich sah mich genötigt, fortzufahren:

»Wie mag Ihr Name auf dies Heft gekommen sein?«

Der Brahmine beantwortete meine erste Frage, nachdem er mich zuvor kurz

angesehen hatte, als wollte er zu meiner zweiten sagen: War das nicht ein

wenig plump geforscht?

»Ich habe keinen Verdacht. Was mich am meisten überrascht, ist die

Tatsache, daß die Jesuiten ihre Befugnisse so gedankenlos in den Dienst

einer Sache stellen, welche der Regierung schadet, die sie schützt.«

Es blieb mir nichts anderes mehr übrig, als nun entweder meinen Argwohn

gegen den Brahminen auszusprechen, oder die Unterhaltung abzubrechen, aber

das erste durfte ich nicht ohne Beweis, dem ein Eingriff folgte, und das

zweite wollte ich nicht. So wählte ich noch einmal einen Mittelweg,

obgleich ich die Ergebnislosigkeit meines Vorgehens wußte.

»Wie mag der Verfasser gerade auf Ihren Namen gekommen sein?« fragte ich

mich laut.

Mangesche Rao meinte, daß, nach dem flüchtigen Eindruck, den er nach der

Lektüre empfangen hätte, ihn dieser Mißbrauch, bei parteiloser Betrachtung

des Bildungsgrades, der aus der Arbeit spräche, wenigstens nicht eben

bloßstellte, aber dann fügte er ernst hinzu:

»Der Gedanke lag nahe. Wurde das Buch schon in Mangalore gedruckt, so

wählte man am besten als Deckung den Namen eines Lehrers vom hiesigen

englischen College. Es wird eher deshalb geschehen sein, weil es galt, die

Jesuiten zu täuschen, als aus Gründen einer anderen Vorsicht.«

»Man hätte auch einen englischen Namen nehmen können.«

Mangesche Rao betrachtete den Titel, dann erwiderte er mir mit bescheidenem

Kopfneigen:

»Das wäre nicht klug gewesen, denn jeder in Indien, der lesen kann, weiß,

daß ein Engländer nur selten etwas von fremden Sprachen versteht.« Nun, ich

schluckte auch dies noch und begriff, daß ich einen falschen Weg

eingeschlagen hatte. Als das Meisterlichste dieser diplomatischen

Sicherheit meines Gegners erschien mir seine von jedem, auch dem kleinsten

Triumph völlig freie Art der Verabschiedung. Er ging still und ein wenig

beklommen, als wäre ihm langsam klar geworden, daß diese seltsame

Entdeckung ihm doch unangenehmer werden könnte, als er zu Anfang geglaubt

hatte. Ich hatte damals bereits Beweise in Händen, die ich weitergab; es

ist über jeden Zweifel erhaben, daß Mangesche Rao der Verfasser dieses

Pamphlets ist, er hat es mir später, nicht ohne Hohn, auf eine Art

eingestanden, die nur mich, mich aber gründlich überzeugt hat. Die

Regierung verfügte in höflicher Zurückhaltung seinen vorübergehenden

Rücktritt von seinem Posten, mit der Begründung, daß zwar kein Verdacht

gegen ihn vorläge, daß jedoch sein Name auf eine Art bloßgestellt sei, die

diese Verfügung für kurze Zeit notwendig mache.«

So lautete, aus Einzelheiten zusammengesetzt, die ich nach und nach erfuhr,

die Geschichte des Brahminen Mangesche Rao, und meine Erwartungen waren

gespannt, als Wochen darauf der Tag kam, an welchem ich seine Bekanntschaft

machen sollte.

* * * * *

Inzwischen hatten die großen Regen eingesetzt. Es war mir gelungen am Hang

einer bewaldeten Anhöhe den Flügel eines schönen Hauses zu mieten, mit

großen Zimmern und einer breiten Veranda, die ganz von Buschwerk umschattet

war, aber einen Ausblick auf eine herrliche Allee von Platanen eröffnete,

die auf ein altes Stadttor führte.

Die niederbrechenden Wassermengen und die furchtbaren Unwetter, die die

Regenzeit einleiten, verbannten mich lange in meine weißen Räume, in denen

ich wie in einer ununterbrochen mißhandelten Trommel hauste, zwischen

Wasserwänden, deren matte Silberströme lau und klatschend vor den Scheiben

niederdonnerten. Nachts flackerte das All in bengalischen Flammenkränzen,

die Ketten der Blitze knatterten, und oft betäubten die Donnerschläge alle

Empfindung, bis zuletzt auch die Furcht in einer dumpfen Ergebenheit

versank, in welcher alle Geschöpfe verharrten, wie in den Flammenzeichen

des Jüngsten Gerichts, während im Umkreis entzündete Häuser und Bäume

aufleuchteten und erloschen. Es ging wochenlang so fort, ohne abzukühlen,

unter den undurchdringlichen, nahen Wolkenmassen konnten die schwülen

Dünste der monatelang durchglühten Erde nicht aufsteigen. Die Lungen

stießen die von Feuchtigkeit und Wärme übersättigte Luft, wie unter den

trüben Scheiben eines überhitzten Treibhauses aus und ein, und langsam

erlosch die letzte Lebenskraft.

Draußen aber begann ein Wachstum von beängstigender Gewalt. Nach sieben

Tagen drang kein Lichtstrahl mehr in meine Räume, und Panja arbeitete mit

der Axt im spritzenden Saft. Die blauen Feuer der Blitze zeichneten

nächtlicherweile ein kohlschwarzes Blättergewebe, wie ein wirres,

flackerndes Gitterwerk, vor die Scheiben meiner Fenster, und es war mir

unbegreiflich, an den ersten stilleren Tagen, die Stadt Mangalore noch an

ihrem Platz zu finden.

Langsam wurde es unter dem andauernden Regen von Tag zu Tag kühler. Niemand

beschreibt die Befreitheit und das Glück meiner Sinne, als mich nach langer

Zeit zum ersten Mal die Sonne im Palmengrün weckte. Es ging aufs neue dem

indischen Frühling entgegen, und die von Entzücken und tausend Düften

geschwellte Brust wußte ihren Jubel nicht zu bergen.

Mangalore brach auf vor meinen Augen, wie eine wunderbare, fremde Blume,

bunt und üppig, geheimnisvoll-verschwiegen, von giftig-süßer Lebensgier.

Ihr Duft brachte Vergessen mit sich, ihr Klang unnennbare Träume von der

Mannigfaltigkeit der Welt, und ihre Farben berauschten die Sinne bis zur

Verzücktheit. Über das hölzerne Geländer der Veranda brach wie eine grüne

Schlange eine Schlingpflanze, öffnete über Nacht blaue Blumen von der Größe

eines Kinderköpfchens, mit einem gelben, gierigen Auge, das am Tage die

Falter lockte und sich am Abend schloß. Der Jasmin betäubte mich bis zum

Taumeln, die schnarrende Klage der Kröte mischte sich melancholisch und

liebesselig in die metallische Klarheit des Nachtigallenlieds, und im Mond

blühten die Lotusblumen auf den schwarzen Spiegeln der Brunnen und Sümpfe

auf.

Die braunen Menschen in weißen Gewändern im Grünen, lautlos auf rötlichen

Wegen dahinschreitend, bewegten sich auf ihrem gesegneten Erdland wie

unnahbare Gestalten eines Märchens, erdacht, längst bevor die Wiege unseres

Volks, unter Eichen im fernen Westen, von den ältesten Sagen umklungen

wurde. Und mit allen Wohltaten solcher Schönheit trat, wie ein Jüngling aus

einer tauglitzernden Wiese, der Schlaf wieder an mein Lager und mit ihm das

glückliche Bewußtsein von Gesundheit, von Kraft und fröhlichen

Daseinsrechten.

Indienfahrt · 第 27 / 44 题