Sumpftyrannen

Es würde schwer halten, mit Sicherheit über den Zeitraum zu berichten, der

zwischen den inneren Erlebnissen dieser Nacht lag, in welcher ich dem Tier

begegnete, und der Morgenstunde, in welcher bald nachher Panjas helle

jubelnde Stimme mir aus dem Buschwerk entgegendrang. Beim Klang seiner

lauten Worte überkam mich nach seinen vielerlei Vertröstungen zum erstenmal

die ganze Zuversicht unserer Befreiung. Ich verstand anfänglich immer nur

ein Wort, und da er es im Rufen mehr sang als sprach, so unterschied ich

den Sinn nicht, bis er lachend vor mir stand und zitternd vor Freude

erklärte, sie seien bis an die Ufer des Kumardary vorgedrungen, des großen

Stroms von Süd-Kanara, dessen Wasser aus den Bergen von Kurg und Maisur

zusammenströmen und der bei Uppanangadi in den Netrawati einmündet, an

dessen Ausfluß in das Meer Mangalore liegt, die Stadt, die unser Ziel war.

»Der Fluß hat noch Wasser genug für die größten Kanus,« rief Panja

glücklich, »wenn wir Boote aufgetrieben haben, so brauchst du keinen

Schritt mehr zu machen, bis die Palmen von Mangalore dich beschatten, und

der Regen mag kommen. Der Fluß trägt uns schnell hinab.«

Seine frohe Gewißheit teilte sich mir anfänglich mit. Nach seinen

Schilderungen näherten wir uns dem rechten Ufer des Flusses, in einem

Abstieg genau von Norden nach Süden, hatten sein Bett also im Laufe der

zurückliegenden Wochen bereits einmal überschritten, wahrscheinlich in den

heißen Tagen des glücklichen Wanderlebens vor meinem Fieber. Eine

merkwürdige Ernüchterung überkam mich plötzlich, sie stellte sich in

Gemeinschaft mit einer neuen Lebenskraft ein, aber zugleich mit einer

tiefen Verstimmung. Eine veränderte Wirklichkeit rückte heran, mit den

grauen Bildern der gewohnten Lebensweise, und die tiefere Wirklichkeit des

Traums wurde darüber schadhaft und unwahr. Ach, gewißlich würde ich die

Erlebnisse der zurückliegenden Zeit niemals vergessen, aber irgend etwas an

ihnen schien mir plötzlich seine Inbrunst einbüßen zu müssen; was einst dem

Ernst meiner Seele heilig war, das würde nun im Schein eines feinen

Lächelns zurückbleiben. Gewiß, jener schöne Zustand der Vergangenheit war

einmal groß und wichtig gewesen, aber es war nun nicht mehr der einzige,

denn die neue Welt würde aufs neue meine Hingabe, wiederum meinen Ernst und

meine Andacht einfordern.

Damals war es, als ich mir vornahm, niemals über die große Welt meines

Erlebens zu schreiben oder zu erzählen, sondern mich bei beiden an die

äußeren Ereignisse zu halten. Ich wandte mich um und sah hinter mich, als

könnten meine Augen noch einmal alles übersehen, was mich bedrängt und

erhoben hatte. Aber nur die undurchdringlichen grünen Wände, deren

Palmengefieder in der Sonne glitzerte, boten sich meinen Augen, keine Spur

unserer Füße war mehr kenntlich, ich war vergessen in dem Bereich, das ich

flüchtig durchmessen, nur in der Ahnung begriffen und im eingeschüchterten

Gemüt geliebt hatte.

Heute, nach Jahren, über die weißen Blätter gebeugt, die meine Gedanken,

meine Freuden und die Bilder und Farben meiner Erinnerung tragen sollen,

begreife ich jene Trauer besser. Damals schlug in meiner Brust die Stunde

der Umkehr, damals fühlte ich, daß ich hätte bleiben sollen, denn es gibt

keine Berührungen und Umarmungen in der Welt, die an Glück denen der Natur

zu vergleichen sind, welche unschuldig und großzügig bleiben, und in keinen

weiß sich die besondere Art unseres Lebensbewußtseins geborgener. Auch

mögen damals heimliche Erinnerungen an die Hast und Willkür des

europäischen Treibens in mir erwacht sein, die alles in Begleitschaft und

zum Ziel haben, was immer Menschenaufgabe sein mag, Glück führen sie nicht

herbei. Der Zustand des Glücks ist nicht ohne die Ruhe zur Selbstbesinnung

möglich, denn Selbstbetäubung führt zur Verarmung.

Und doch ergriff mich daneben der Taumel des Neuen, das mich erwartete, und

ich weiß deutlich, daß mich damals schon eine Ahnung streifte, welcher Art

meine Erlebnisse sein würden. Lichtwelten und Stürme der Geisteswelt künden

sich begierigen Seelen so deutlich an, wie Gewitter oder Sonnentage sich in

der Natur vor ihrem Herannahen zu offenbaren pflegen. Mir war damals für

einen Augenblick zumut, als sähe ich durch das Buschwerk der

Dschungelwildnis nieder auf das Meer, erblickte den bläulichen Rauch der

Hindustadt über dem unruhigen Beet der großen und kleinen, bald geneigten,

bald kerzengeraden Palmen, und hier und dort das Schimmern einer weißen

Mauer. Ich sah eine braune, hölzerne Tempelpagode zackig aus dem Grün

steigen und hinter ihr den blauen Streifen des Ozeans. So sah die Wohnung

des alten Geistes in meiner Vorstellung aus, und mich verlangte nach keiner

Begegnung inniger, als nach der mit einem der Söhne dieses Geistes. Wohl

war ich hier und dort auf meiner Reise mit Brahminen zusammengetroffen,

aber niemals war ich einem nahe getreten, da die heute zugängigen unter

diesen Leuten meist in Gewohnheit und Bildung von der Tradition ihres

Geschlechts gelassen haben, sie sind nicht mehr Priester oder Gelehrte,

sondern Händler geworden.

Mangalore aber, soviel wußte ich gut, war ein alter und von der neuen Welt

nur wenig berührter Platz, eine der wenigen größeren Meerstädte der

Westküste, die weder von der Eisenbahn noch vom Dampfschiffverkehr berührt

werden und in denen, wie sonst nur tief im Lande, die Herrschaft der

Priesterkaste noch große Macht ausübte. Es kam hinzu, daß sowohl die

Jesuiten als auch die Protestanten dort Niederlassungen ihrer kirchlichen

Einwirkung unterhielten, so daß der Kampf der Geister belebt und heimlich

in der Stadt wogte.

* * * * *

In solch geteiltem Zustand meines Empfindens durchmaß ich mit den braunen

Gefährten meinen letzten Tag im Urwald. Wir erreichten gegen Mittag ein

kleines Dorf, das nah am Fluß auf einem sanften Hügel lag, und auf das wir

nur durch das Trompeten eines Elefanten aufmerksam wurden. Den Fluß hatte

ich den Tag über noch nicht zu Gesicht bekommen, obgleich wir uns an seinem

sumpfigen Ufer dahinbewegten, nur das Gurgeln und Schnattern von

Wasservögeln verriet ihn und der morastige Dunst der Luft.

Wir kamen bald auf einen ausgetretenen Pfad, der wie ein braunes Band in

mancherlei Verschlingungen, tief in Schilfwände eingebettet, dahinführte,

und trafen dort nach langer Zeit einmal wieder einen Menschen an. Es war

eine alte Frau, die an einem Stab einen Kupferkessel über der Schulter

trug, und die bis auf einen Lendenschurz nackt war. Ihre Augenbrauen waren

mit Henna gefärbt, und sie trug ein dunkles Abzeichen auf die Stirn gemalt,

das in der Form einer großen Spinne glich.

Als ich ihr winkte, kam sie schüchtern näher, eigentlich blieb sie eher

stehen und ließ nur zu, daß ich an sie herantrat, dann hob sie die Arme und

verneigte sich, ihre Gebärde schien anzudeuten, daß sie sich zu jeder

Dienstleistung bereit erklärte, aber im schlimmsten Fall auch zur Flucht.

Panja schaute in ihren Topf.

»Pfui Teufel,« sagte er würdig, »es hockt eine Kröte darin.«

Er konnte sich nur schwer mit der Alten verständigen, die kein Wort

hindustani und nur sehr wenig kanaresisch verstand, aber wir erfuhren, daß

der Ort Schamaji hieß, und daß der König den weißen Herren gnädig gesinnt

sei und zwei Elefanten besäße, beide männlichen Geschlechts.

»Weiß Gott, was das für ein König ist«, sagte Panja ohne Respekt und sah

mich mit einer Grimasse an, die mindestens Fragwürdigkeit ausdrückte. Es

gibt in Malabar und Süd-Kanara eine ganze Reihe kleiner Hindukönige, die

sich aus ihren städtischen Sitzen, langsam der Macht der Mohammedaner oder

der Engländer weichend, in die Provinz zurückgezogen haben, um ganz ihrem

Volke leben zu können, oder besser von ihrem Volke. Es geht ihnen mit ihrer

Macht ähnlich wie manchem angeblich verkannten Dichter mit seinem Genie,

beide entwickeln sich in der Ausgeschlossenheit ins Ungeheuerliche, aber

nur in den Augen ihrer wenig glücklichen Träger. Diese Despoten geistiger

oder weltlicher Macht haben etwas ungemein Rührendes, und es gehört

geradezu Hartherzigkeit dazu, sie ihrer Illusion zu berauben. Es verbirgt

sich soviel Gutmütigkeit hinter der meisten Eitelkeit, daß man lernen

sollte, sie mit weniger Verachtung zu ertragen, denn der wahrhaft Böse ist

selten eitel. Diese vereinsamten Gewaltigen ihrer verkannten Herrlichkeit

sind oft durch einen unvermuteten fremden Glauben an ihre Bedeutung so

heftig zu erschüttern, daß ihre Hoheit sich in bittere Anklage verwandelt,

sobald sie einmal nicht bestritten wird.

Trotz dieser Kenntnis beschloß ich, den König von Schamaji so ernst zu

nehmen, als sei er der Maharadscha von Maisur; die kleinen Geschenke, die

ich ihm hätte zum Empfang senden können, würden wahrscheinlich keinen

großen Eindruck auf ihn gemacht haben, denn diese vergessenen Fürsten sind

oft noch vermögend genug, um sich mit allem erreichbaren Tand zu umgeben,

den der Handel aus dem Westen einführt. Ich beschloß deshalb, zuerst seine

Bekanntschaft zu machen, und schickte Pascha mit der Alten, um um eine

Audienz einzukommen und um die Erlaubnis, mein Zelt bis zum Morgen in der

Nähe seines Throns aufschlagen zu dürfen. Pascha ging, ernst wie immer und

ohne erkennen zu lassen, was er von meinem Vorhaben hielt, die Alte

quietschte vergnügt und schloß sich ihm an, in merkwürdigen Sprüngen, die

eher auf ihre Rüstigkeit, als auf ihre Würde schließen ließen und die

sicherlich ihre erbeutete Kröte auf das unangenehmste berührten. Panja

dagegen erhob Einspruch:

»So darfst du keinen König behandeln, Sahib«, sagte er nachdenklich und

ohne Eifer. Er schien wirklich besorgt, und ich hatte alles andere

erwartet, als er fortfuhr: »Er wird sich auf seinen lahmen Elefanten hocken

und auf dich herabsehen wie auf einen Bettler. Wenn du ihm aber erlaubt

hättest, dich zu sehen, so würde er dir seinen Elefanten geschickt und sich

zur Erde geworfen haben, wenn du in seine Residenz eingeritten wärst.«

»Panja, ich will nicht, daß der König mich sieht, sondern ich möchte ihn

sehen, und zwar so, wie er gesehen sein will und wie er zu leben pflegt.

Glaubst du, der gebeugte Nacken eines Menschen sei unterhaltsamer, als sein

erhobenes Gesicht?«

»Das ist der Kummer,« sagte Panja, »du hältst nichts auf deine Würde. Du

könntest wie ein Fürst durch den Dschungel ziehen und kommst wie ein

Wandermönch, der überall bitten muß. Es ist schwer, solchem Herrn dienen zu

müssen. Dies wäre nun wirklich einmal ein König für uns gewesen. Bei

anderen Königen, die noch Macht und Reichtümer haben, wäre dir ohnehin

nichts anderes übriggeblieben.«

Er hockte sich bekümmert auf einen Gepäckballen und betrachtete die

Ameisen, die ihn zu erobern suchten. Im Grunde dachte er gewiß nicht so,

und er wäre leicht vom Gegenteil zu überzeugen gewesen, es lag ihm nur

daran, mein Ansehen zu heben und seines in Szene zu setzen, und da sich für

das letzte gewiß noch Gelegenheit bieten würde, ließ ich ihn in seinem

Kummer allein.

Sein Schmerz brach noch einmal durch:

»Glaubst du, ich hielte dich für arm oder machtlos, Sahib? Ich weiß alles.

Aber was hilft ein goldgesticktes Kleid, wenn man es verkehrt anzieht und

zuknöpft? Wer ehrlich ist, zeigt was er ist.«

»Panja, es ist zu heiß zum Reden, wir wollen ein wenig ruhen, bis der König

kommt.«

»Nein, du sollst sprechen!«

Als ich schwieg, stampfte er mit dem Fuß.

»Glaubst du, ich sei glücklich, wenn ich recht behalte?« fragte er böse.

»So geht es auch mir,« antwortete ich ihm, »und so ist es mit dem

goldgestickten Kleid, von dem du gesprochen hast.«

Er schüttelte eifrig den Kopf.

»So kann es nicht sein, denn ich bin dein Diener, du aber bist der Herr und

mußt recht behalten. Bist du ein Diener des Königs, daß es dich quälen

könnte, wenn er schweigt, und du fühlst, daß er doch im Grunde recht hat?

Du läßt ihn sitzen und gehst. Aber ich kann nicht fortgehen.«

»In dem Reiche, in welchem es mir gefällt, gibt es keine Herren und

Knechte, Panja, sondern nur lebendige Wesen, und das Ziel aller Lebendigen

ist die Freiheit. Der Wunsch nach rechter Freiheit aber richtet seine Augen

nicht auf andere, sondern zuerst in die eigene Brust. Auf diese Art braucht

niemand um sein Recht besorgt zu sein, es fällt jedem sein Teil zu, wenn

jeder sein Teil erkennt und bewacht.«

»Wenn dein Gott dich das lehrt,« sagte Panja, »so kennt er die Welt nicht

und weiß nicht, wie es in ihr zugeht.«

»Vielleicht weiß er nicht, wie sie ist, aber er weiß, wie sie sein sollte.«

»So sage mir, was du Freiheit nennst? Wie soll ich dich verstehen?«

»Freiheit beginnt mit der Erkenntnis und dem Willen, daß man sein Handeln

nicht mehr danach richtet, was man anderen damit antut, sondern danach, was

man sich selbst zufügt, oder was man um seiner selbst willen unterläßt.

Nimm an, du schlägst einen Menschen oder ein Tier, das mag zuweilen

notwendig sein. Du und das fremde Wesen, ihr beide werdet etwas dabei

empfinden. Es wird dir solange gleichgültig sein, was ein anderer dabei

fühlt, bis du gelernt hast, zu beachten, was dir selbst dabei durch die

Seele geht. Hierauf achtzuhaben und sein Handeln danach einzustellen, ist

der erste Schritt zur Freiheit.«

»Und der letzte?« fragte Panja.

»Der letzte ist der Wille, alles Böse deines Herzens in Liebe zu

verkehren.«

»Ich weiß nicht, was gut ist und was böse. Alle Menschen denken darüber

verschieden. Die Brahminen denken anders als ich, du denkst anders als die

Fakire, die aus den Bergen niedersteigen, und wenn du gar einem Missionar

begegnest, so denkt er so darüber, daß sich deine Haare sträuben.«

»Das ist nicht wahr, du weißt doch, was böse ist, und du brauchst es nur

für dich selbst zu wissen. Es ist nicht deine Aufgabe, dem Bösen zu

begegnen, das dir bei anderen entgegentritt. Für dich selbst aber wirst du

es wissen.«

»Gut, wenn ich aber keine Liebe habe, Sahib?«

»Dann bist du verloren, Panja, dann kann kein Gott dir zur Freiheit

verhelfen, der meine nicht und der deine nicht, keiner. Solche Menschen

sind wahrhaft arm und verloren.«

Panja schien sich mit diesem Resultat einer bescheidenen Reflexion

zufrieden zu geben, er lächelte vor sich hin, als käme er selbst bei einer

solchen Lage der Dinge nicht eben schlecht weg. Aber dann begann er sich zu

kratzen, und ich erkannte, durch den Sonnenschein blinzelnd, daß kein

äußerlicher Grund für diesen Kraftaufwand vorlag. Er meinte vorsichtig:

»Was du in deinem Kopf ausdenkst, Sahib, ist gar nicht übel, aber wenn es

herauskommt und man will etwas damit anfangen, so geht es einem ähnlich,

als wollte man sich Sonnenlicht für die Nacht aufheben. Das Leben ist doch

anders, das ist die Sache.«

»Es ist dunkel, Panja. Dadurch unterscheidet sich unser Herz von unseren

Händen, in ihm läßt sich Licht aufheben und bewahren.«

Wäre nicht eine trippelnde Schar kleiner Wilder am Ende des Pfades vom Dorf

her erschienen, so hätte sich Panja sicher noch einen Einwand ausgedacht,

jedenfalls behielt er insofern auch ohne Entgegnung recht, als die

greifbaren Tatsachen des Lebens gebieterisch die Oberhand forderten. Es

waren vielleicht zwanzig oder dreißig Hindukinder, die in einiger

Entfernung auf dem schmalen Weg den Versuch machten, immer eins vor dem

andern zu stehen, da jedes die Absicht mit sich trug, am besten glotzen zu

können. Dies Bestreben bewirkte, daß das belebte Knäuel sich immer mehr

näherte, bis endlich die stärksten Knaben vorn waren und die Beine in den

Boden stemmten, um nicht weiter an uns herangedrängt zu werden. Einige

kletterten in die Pfefferranken, und die schwarzen Augen sahen über den

braunen Pausbacken durch die grünen Blätter.

»Eine Botschaft im Kopf einer alten Frau ist wie Reis in einem groben

Sieb«, sagte Panja und lachte.

»Es war keine junge da, Panja.«

Er sah mich neugierig an und meinte dann:

»Dir ist es gleichgültig, Sahib. Du siehst auf die Frauen meines Landes wie

ich auf die Gedanken deiner Stirn.«

Ich wunderte mich in der letzten Zeit oft über Panjas Freimut und über den

vergnügten Eifer, mit dem er vertrauensvoll im Element unserer Beziehung

umherzuschwimmen begann. Ich empfand darüber große Freude, denn meine Art,

mich mit ihm einzulassen, hätte bei den meisten Männern seines Volkes und

seines Standes zu Enttäuschungen geführt.

Panja trat gebieterisch vor die lebenden Resultate der erfolgreichsten

Bemühung der Einwohner der Königsstadt, aber der Eindruck, den er machte,

war nicht so groß, als er erwartet hatte. Da kehrte er um, nahm mein Gewehr

und ging wieder zurück. Jetzt wichen ihm die Kleinen scheu aus, und er

lächelte befriedigt und hielt eine Ansprache in hindustani, die einen um so

stärkeren Eindruck machte, als sie nicht verstanden wurde. Er wurde durch

ein fernes Klirren und Flöten unterbrochen und kam rasch zu mir zurück.

»Der König kommt,« rief er, »wenn er nicht zu neugierig wäre, würde er dich

wahrscheinlich länger haben warten lassen.«

Die lärmende Musik kam näher, sie spannte seltsam die Erwartung, wie sie

hinter den grünen Vorhängen des Dickichts heranrückte, und ihr Rhythmus

erschütterte das Blut geheimnisvoll. Das erste, was ich bald darauf

erblickte, war der graue Schädel eines riesigen Elefanten und über ihm das

bunte Kattundach eines etwas schiefen Baldachins, der von drei vergoldeten

Stangen gehalten wurde und von einer eisernen. Unter dem hellen Dach war

ein geflochtener Verdeckstuhl aus Rohr kunstvoll befestigt, und auf ihm saß

der König von Schamaji und spähte mit eifrig bewegtem Kopf nach seinem

Besuch aus. Acht Diener zur Rechten und Linken des Elefanten trugen Fächer

aus Pfauenfedern, die an dünnen Bambusstangen befestigt und etwas schadhaft

waren, ihre vielfarbigen Augen waren zum Teil erblindet, wie auch die

Gewänder der Gefolgschaft in etwas den Eindruck einer raschen

Zusammengesuchtheit erweckten. Immerhin entbehrte der Anblick des Zuges

keineswegs einer gewissen Pracht, besonders die Decken des Elefanten

gefielen mir wohl und waren, bis auf die faustgroßen, gläsernen Edelsteine,

wertvoll, von reicher Stickerei und schönem Stoff. Die Musikanten

schritten, entgegen der gewohnten Art solcher Festzüge, hinter dem

Elefanten, wahrscheinlich hatte der König ihnen den Vortritt nicht gegönnt,

und so gruppierten sie sich auch eher neugierig, als eben feierlich, und

suchten zur Rechten und zur Linken des dicken Ungeheuers soviel als möglich

von dem Fremden zu erspähen. Hinter ihnen zog in ungeordneten Haufen das

ganze Dorf heran.

Wir waren bis zu einer Lichtung vorangeschritten, und der König nickte mir

huldvoll zu, nachdem er den Aufstieg der Musik durch eine Bewegung seiner

braunen Hand beschwichtigt hatte. Er hieß mich auf englisch in seinem Reich

willkommen, nachdem er zuvor einen prüfenden Blick auf mein Gepäck geworfen

hatte. Ich antwortete ihm englisch, und Panja übersetzte meine Worte, denn

er traute dem König keine weiteren Kenntnisse dieser Sprache zu, und er

behielt darin recht.

Der König kletterte hierauf mit großem Geschick von seinem Elefanten, wobei

er so selbstverständlich auf die Schultern seiner Würdenträger trat, als

bildeten sie eine natürliche Treppe. Durch den Abstand, in welchem er sich

von mir hielt, deutete er mir an, daß er die abendländische Sitte eines

Händedrucks zu vermeiden gedächte, und ich sagte ihm einige Höflichkeiten

über sein Ansehen und über seine Macht, von welchen beiden der Dschungel

widerklänge. Das gefiel ihm wohl, und so erfuhr ich von ihm, daß er noch

einen zweiten Elefanten besäße, der aber nicht mitgewollt hätte, daß mir

der Zutritt in seine Stadt offen stünde, und daß ich mein Zelt im Garten

seines Schlosses aufschlagen dürfte. Wir standen in einem braun-weißen Ring

von staunenden Menschen, im Schatten des Elefanten, und sagten uns noch

eine ganze Weile angenehme Dinge. Endlich fragte der König, was mein Begehr

sei.

Panja riet mir rasch, eine Regierungspflicht vorzuschützen, aber es

widerstand mir, und so antwortete ich, daß ich gekommen sei, sein Land und

seine Stadt zu sehen, von der ich im Abendland gehört hätte. Ich glaube

nicht, daß Panja dies richtig weitergegeben hat, jedenfalls minderte seine

Auskunft die Gunst des Königs nicht herab, und er begleitete uns ins Dorf

zurück, immer bemüht, mir nicht zu nahe zu treten, und außerordentlich

unhöflich gegen sein Volk.

»Bist du ein Engländer?« fragte der König zögernd, und Panja antwortete,

bevor ich etwas entgegnen konnte:

»Der Sahib läßt fragen, ob du ein König seist?«

Das wurde verstanden, ich wunderte mich sehr darüber auf wie freundliche

Art, aber man muß die Kälte und Sicherheit der englischen Beamten im Innern

Indiens gesehen haben, um zu begreifen, daß diese Gegenfrage keinesfalls

das gewohnte Maß der englischen Arroganz überschritt. So war ich also ein

Engländer. Wahrscheinlich hätte die Verkündigung meiner deutschen

Nationalität keinen größeren Eindruck auf diesen Fürsten gemacht, als wenn

sich in Berlin ein Neger mit Stolz als zum Stamme der Aschanti gehörig

ausgibt.

Wir kamen über den Dorfplatz, der, wie mit großen graugrünen Zelten, mit

wilden Feigenbäumen umstellt war, deren hängende Wurzeln, wie das

Gitterwerk eines Käfigs, den Ausblick auf die fast ganz im Grün verborgenen

Hütten anfänglich verdeckten. Das Schloß lag am Ende des Dorfs in einem

Hain von wilden Zitronenbäumen und Arekapalmen, es war zweistöckig und weiß

getüncht, von einem hohen Kakteenzaun umgeben, zwischen dem Termitenbauten

natürliche Befestigungstürmchen bildeten. Die mit Bambusgitterwerk

verhangenen Fenster schwiegen geheimnisvoll in dem abendlichen

Sonnenschein, der schräg durch die Palmen drang, nur zuweilen klirrten die

blanken Stäbchen leise, als rührte sich hinter ihnen die Hand einer

Neugierigen.

Ich habe nur den Hof des Hauses betreten dürfen und hätte nach dieser

kurzen Begrüßung den König wahrscheinlich nicht mehr zu Gesicht bekommen,

wenn nicht ein aufregender Vorfall mein Interesse aufs höchste gespannt und

meine zur Stunde nicht sonderlich auf äußere Abenteuer gestimmte Seele in

ein gefahrvolles Ereignis verwickelt hätte.

* * * * *

Als der rasche Abend niedersank und wir vor unserem Zelt unsere Mahlzeit

beendet hatten, vernahm ich aus dem Dunkel des Gartens einen klagenden

Sington von merkwürdig einschmeichelnder und zugleich wehmütiger

Verlorenheit. So singen zuweilen im Einsamen beschäftigte Menschen vor sich

hin, die sich für unbeobachtet und unbelauscht halten. Es waren

langgezogene, wie mit dem schweren Atem hervorgehauchte Töne, nur wenig

voneinander unterschieden und tierhaft traurig. Sie wiederholten sich immer

wieder und bemächtigten sich meiner auf eine geradezu dämonisch zwingende

Art, so daß ich mich getrieben sah, ihnen wider meinen Willen nachzugehen.

Panja ließ mich auf diesem Streifzug durch den nächtlichen Garten nicht

allein. Die Sterne schienen hell, und die riesigen Blätter der

Bananenstauden zur Rechten und zur Linken der schmalen Wege erhoben sich

wie gestürzte und sinkende Säulen eines heidnischen Bollwerks gegen die

Macht böser Götter, oder sie hingen zerrissen im Sternenschein nieder, wie

die Häute zerfetzter Ungeheuer.

»Der König gibt uns Boote,« sagte Panja leise, »aber er erwartet eine

Bezahlung, die seiner Würde entspricht. Er hat auch Ruderer ausgewählt,

sogar Bananen, Papaya und Gewürze für den Reis.«

Ich nickte schweigend, wir sprachen nicht über die Töne, die uns lockten.

Vielleicht setzte Panja voraus, daß ich wußte, um was es sich handelte,

vielleicht hielt ihn eine ähnliche Scheu von seinen Mitteilungen ab wie

mich vom Fragen.

Dicht am Kakteenzaun des Gartens erhob sich nach einer Weile schwarz und

mächtig die hölzerne Pagode eines Tempels, wir sahen in den Hof hinüber,

was vom königlichen Garten aus möglich war, und erblickten die heilige

Ziege zwischen den braunen Pfählen des Vorplatzes zum Heiligsten. Es rührte

sich nichts an der geweihten Stätte, nur ein schwacher, rötlicher

Lichtschein glomm hinter dem niedrigen dunkeln Türrahmen, als wäre ein

Vorhang aus zartroter Seide vor dem geheimnisvollen Raum ausgespannt.

Als unsere Schritte sich einem Bambusdickicht näherten, hinter dessen leise

sirrendem Gefieder der Umriß eines niedrigen Gebäudes sichtbar wurde,

verstummte der trübe Singsang, ähnlich wie der Grillengesang im hohen Gras

erlischt, wenn ein nächtlicher Späher herantritt. Wir drangen in die hohen

Stauden ein, auf einem schmalen, kaum sichtbaren Pfad, über uns hingen die

Sterne im dünnen Bambusblätterwerk, wie stechende, kleine Ampeln. Hinter

einer vergitterten Tür, im Schwarzen, erklang ein schwaches Stöhnen, dicht

an den hölzernen Stäben.

»Wir müssen Licht haben«, sagte ich leise zu Panja.

Dies wäre nur durch eine Fackel möglich gewesen, und ihr Schein hätte uns

verraten. Wir wären unserem königlichen Gastgeber wohl kaum als sonderlich

höflich erschienen, wenn er uns darüber ertappt hätte, wie wir sein

häusliches Bereich nächtlicherweile durchforschten.

»Wenn wir warten, so werden wir sehen lernen«, meinte Panja. Die Sterne

schienen sehr hell, ich hörte mein Herz klopfen und stand unentschlossen.

»Ist es ein Tier?« fragte ich Panja.

Er sah mich überrascht an, als hätte er mich für unterrichtet gehalten und

wundere sich nun über meine Frage.

»Ein Tier? Es ist ein Weib, das klagt«, sagte er. »Vielleicht hat die Liebe

sie verwundet, vielleicht erleidet sie eine Strafe.«

Ein trüber Dunst, der den Atem benahm, schlug mir entgegen, als ich nun

nahe an das Holzgitter herantrat. Meine Furcht war jenem gedankenlosen Mut

der Empörung gewichen, der mit Panjas Worten in mir erwachen mußte. Ich

hielt mich seitlich, um den schwachen Lichtschein auf die dunkle Öffnung

fallen zu lassen. Das niedrige Häuschen war gemauert und glich einem

vernachlässigten Stall.

»Wer ist dort?« fragte ich auf kanaresisch. Panja stand dicht hinter mir.

Da sah ich nach einer kurzen Weile bedrängten Wartens ein schmales

Menschengesicht, merkwürdig farblos und von kranker Blässe, zwischen zwei

Stäben des Gitters erscheinen. Rechts und links von dem schwarzen Haar, das

gelöst niedersank, erblickte ich die erschreckend mageren Finger der Hände,

die in der Höhe der Augen je einen Stab umklammerten. Diese Erscheinung war

im nächtlichen Licht so grauenhaft in ihrer Verdammnis, als tauchte das

Gesicht einer längst Verstorbenen aus der Gruft empor. Die großen dunklen

Augen saugten die Nacht auf und gaben sie in lähmender Stille zurück. Mir

war, als erlösche mein Herz, und ich taumelte und ergriff Panjas Arm.

»Komm, Sahib,« sagte er, »wenn sie krank ist, so schleicht die Seuche in

deine Glieder.«

»Ist sie krank?«

»Ich weiß es nicht«, sagte er zögernd.

»Du weißt es doch«, schrie ich, die Zähne aufeinander gepreßt.

Panja erschrak.

»Ich weiß nur, Herr, daß untreue Frauen in diesem Lande auf solche Art

bestraft werden, aber es ist möglich, daß sie erkrankt ist.«

Mich verließ der Rest meiner natürlichen Besinnung, ich packte einen der

Holzstäbe des Gitters mit beiden Fäusten, stemmte den Fuß gegen die

Bodenmauer und setzte jenen großen Aufwand entfesselter Kraft ein, den die

höchste Empörung uns verleihen kann, aber meine Bemühung war vergebens, da

die Stäbe aus Bambus waren.

Panja zog mich zurück. Ich entsinne mich nicht, daß er mich jemals vorher

berührt hat, und mehr diese Kühnheit als seine Absicht brachten mich zur

einsichtvolleren Betrachtung der Lage, die zweifellos recht schwierig war,

wenn ich erwog, daß ich auf jeden Fall alles einsetzen wollte, dieser

Unglücklichen ihr Geschick zu erleichtern, und mich zum andern die

Angelegenheit durchaus nichts anging. Der König würde mir einen

eigenmächtigen Eingriff in seine Rechte niemals verzeihen, und wenn seine

Machtbefugnisse auch keinesfalls so groß waren, wie er wähnte und vorgab,

so hatte ich andererseits nicht den Rückhalt, den er bei mir vermutete. Die

Engländer pflegen die Gebräuche und die persönlichen Gewohnheiten der

vornehmen Hindus, wie auch die der Brahminen auf das zurückhaltendste zu

respektieren, weil sie erkannt haben, daß sie durch die Unterschiede der

Sitten, welche die einzelnen Kasten auszeichnen, das Land um so leichter

beherrschen. So gering ihre Zahl im Vergleich zu den Eingeborenen ist, so

groß ist sie als eine einzige geschlossene Gesellschaft, selbst der

mächtigsten Kaste gegenüber.

So mußte ich wohl bedenken, daß ich keinen Schutz bei einer Regierung

finden würde, deren Verwaltungstendenz einen Eingriff, wie den von mir

geplanten, verurteilte, am wenigsten vielleicht als Deutscher. Gerade

damals war England noch nicht über Deutschlands Kräfte und Rechte

unterrichtet, und man hielt in London das erste energische Vorgehen der

Deutschen in überseeischen Ländern nur für anmaßend.

Trotzdem stand mein Entschluß fest, meinen Wunsch zur Geltung zu bringen,

und ich nahm mir vor, Panja in der Morgenfrühe zum König zu senden und ihn

um eine besondere Unterredung zu bitten. Es ist seltsam, wieviel leichter

wir grausame oder ungerechte Handlungen begehen, als bei anderen dulden

können. Der Gedanke an das Elend dieser eingekerkerten Frau überschüttete

mich in einer schlaflosen Nacht in der Schwüle unter dem Moskitovorhang mit

einem heißen Schauer der Empörung nach dem andern. Im kurzen Eindämmern

eines qualvollen Halbschlafs erschien das wächserne braune Frauengesicht

vor mir in glühendem Nebel, und die klagenden Singtöne ihrer ersterbenden

Stimme füllten die von Unheil und nahenden Ungewittern schwangere

Nachtluft.

* * * * *

Ich erhob mich mit dem ersten Morgengrauen in einem ins Schmerzhafte

gesteigerten Verlangen danach, endlich das Meer, die Weite, den Widerschein

der Befreitheit zu erblicken. Mir war, als hätten die grünen Wände meine

Augen, ja alle Sinne abgestumpft und bis zur äußersten Gereiztheit

eingezwängt, ich fühlte mich schuldig und am Ersticken. In diesem Zustand

mag der Eigensinn eines Gedankens um so ausschweifender und zäher Gewalt

gewinnen, es war zweifellos eine gesteigerte Wut, in der ich bald darauf

dem König gegenübertrat. Es kam mir wenig auf die Folgen meiner

Handlungsweise an, und dieser Verfassung mag ich mehr an Erfolg verdankt

haben, als ich vielleicht einem überlegten Vorgehen zu danken gehabt hätte.

»Du hältst ein Weib in deinem Garten gefangen«, sagte ich barsch. »Es ist

eines mächtigen Fürsten unwürdig, so gegen ein hilfloses Wesen vorzugehen.

Ich verlange, daß du ihr sogleich ihre Freiheit zurückgibst. Mehr nicht,

aber das. Tu es gleich!«

Nach einem betroffenen Aufblick kam eine große Geschmeidigkeit in das Wesen

des Hindufürsten, eigensinnig und zugleich unterwürfig und von einer

Ausdauer im Umständlichen, die auch den größten Langmut ermüdet hätte.

Panja war sehr ernst und übersetzte jedes Wort aufs genaueste, ich fühlte,

daß er nicht wagte, in dieser Situation eine Verantwortlichkeit zu

übernehmen.

»Ich sehe, daß du mir nicht zu Willen bist,« ließ ich dem König antworten,

»so erinnere ich dich an das Gesetz der Regierung, das verbietet zu töten

und das den Mord mit Tod bestraft.«

Der König erblaßte und seine Lippen zitterten leicht, aber er blieb

freundlich und herbeilassend und versuchte mich zu überzeugen, daß es sich

um eine leichte Strafe handelte, die zu verhängen sein gutes Recht sei.

Auch sei mir das Vergehen dieser Frau unbekannt. Er wüßte von der Strenge

der Engländer, aber zugleich habe er bisher niemals Grund gehabt, an ihrer

Gerechtigkeit zu zweifeln, und er würde eher glauben, daß ein ungerechter

Mann kein Engländer sei, als er einem Engländer eine Ungerechtigkeit

zutraue.

Ich begriff aufs neue die Schlauheit und Zähigkeit dieser Menschen, ihre

Beharrlichkeit und die List, mit der sie ihre kleinsten Zweifel zu Waffen

machen, ohne eine nachweisbare Kränkung damit zu verbinden. Billigerweise

blieb mir kein anderer Ausweg, als nachzugeben, bevor ich nicht die Rechte

zu einer Prüfung erbracht, oder die Gründe für die Bestrafung der

Eingekerkerten angehört hatte. Aber die kleine Enge, in die ich getrieben

worden war, machte mich nicht vorsichtig, sondern zornig, und so rief ich

böse: »Wenn die Engländer ihre Gerechtigkeit von den indischen Königen

gelernt hätten, so säßest du hinter jenen Stäben, noch ehe ich nach Bombay

zurückgekehrt wäre.«

Es ist sonst nicht meine Art, Königen auf so unhöfliche Weise zu begegnen,

aber nach dem Anfang, den ich gemacht hatte, blieb mir nur dieser Weg

übrig, denn mir ist die Klugheit fremd, die ihre Zelte auf der Walstatt

errichtet, auf welcher ein hochherziger Vorsatz von Furcht überwältigt

worden ist. Ich sah Panja an, daß er meine Antwort für richtig hielt, er

trat vor und sagte ruhig:

»Die Beine der Gefangenen sind bis an die Knie hinauf von den Ameisen

zerfressen.«

Der König gab ihm keine Antwort, er sah vor sich nieder, als ginge ihn dies

alles plötzlich nichts mehr an, und zum erstenmal schlich, über dieser

neuen Gebärde meines Gegners, eine graue Furcht in mein Herz. Ich fühlte,

daß er den Gebrauch von Waffen erwog, denen keine Gesinnung gewachsen ist;

dies war die Stille, in der das Böse, zum äußersten getrieben, das Niedrige

beschwört.

»Ich werde die Gefangene freigeben, Sahib Kollektor«, sagte er ruhig und

trat zurück.

Dieser Titel war mir gewiß nicht aufrichtigen Herzens zugelegt, denn der

englische Kollektor ist der höchste Regierungsbeamte des Bezirks und würde

sicherlich nicht in meinem Aufzug durch die vergessene Wildnis des

Dschungels von Kanara reisen. Ich wußte dies wohl, und nicht nur der

lauernde Blick des Königs unterrichtete mich über die Tücke dieses

Angriffs.

»Wenn der Kollektor hätte kommen wollen, so wäre ich nicht selbst

gegangen«, sagte ich frech. Es kam mir nun durchaus nicht mehr darauf an,

etwas anderes zu geben, als gute Antworten. Ich forderte die Entgegnung des

Königs mit ruhigen Augen heraus, und sicherlich hat ihre Farbe ihn mehr

bedrängt als meine Anmaßung. Er sah mich nur einmal rasch und voll

unterdrückten Hasses an. Das dunkle Gift der Dschungelnacht blinkte in

seinen müden Samtaugen auf, die Bosheit der Fremde und der ganze Rassenhaß

eines unterdrückten Volks.

Ich hielt es für angebracht, mich vorderhand mit diesem Zugeständnis zu

begnügen und abzuwarten, welche weitere Wirkung meine Forderung haben

würde. So verabschiedete ich mich vom König, wobei wir uns beide beflissen

zeigten, so gnädig als möglich zu erscheinen. Ich ließ das Zelt abbrechen

und alles zur Abfahrt vorbereiten, nahm mir aber fest vor, das Boot nicht

eher zu betreten, als bis ich das Resultat meiner Bemühung gesehen hatte.

Es blieb mir kaum recht Zeit zu überlegen, ob ein Erfolg oder ein Mißerfolg

größere Schwierigkeiten für mich mit sich bringen würde, denn noch ehe die

letzten Eisenkoffer geschlossen waren, brachten zwei Diener des Königs

seine Gefangene zu uns. Die junge Frau war in ein weißes Tuch gehüllt und

schritt langsam und mühselig dahin, ich sah kaum mehr als ihre Augen, als

sie vor mir stand, und die flackernde Furcht darin machte mich ratlos.

Panja versuchte mit ihr zu sprechen, und nach langer Mühe gelang es ihm,

ihr verständlich zu machen, daß sie uns ihre Befreiung aus ihrer Lage

verdankte, und daß es ihr anheimgestellt sei, zu gehen, wohin es ihr

beliebte.

Sie ließ sich stumm am Boden nieder, wahrscheinlich aus Erschöpfung, und

schloß immer wieder für lange ihre Augen, die des Lichts entwöhnt waren.

Kein Zeichen von Dank oder Freude belohnte uns, bis sie endlich, nachdem

ich mich zurückgezogen hatte, Panja fragte, ob sie den fremden Sahib

begleiten müsse.

Panja will ihr gesagt haben, daß wir nichts von ihr forderten oder

erwarteten, er hat ihr die Freiheit so verlockend geschildert, als sie ihm

nur immer erschienen sein mag. Nach einer kleinen Weile kam er zu mir und

sagte ohne Triumph oder Parteinahme, aber ehrlich bestürzt:

»Sahib, die junge Frau bittet dich, sie zurückkehren zu lassen.«

»In ihr Gefängnis?«

»Ja, Herr. Sie hat die Hände auf ihr Herz gelegt und den Namen des Königs

genannt.« --

Eine Stunde darauf stießen unsere Boote vom Landungsplatz des Dorfes

Schamaji aus in die lauen Strudel des Kumardary, der uns träge und still

nach Westen trug, auf das Meer zu. Der Liebe lassen sich keine

Liebesdienste erweisen, sie ist in ihrem Fortgang selbständiger und

beharrlicher als jedes andere menschliche Gefühl, und ihre Sicherheit ist

höheren Ursprungs als die Vernunft.

Indienfahrt · 第 25 / 44 题