Unendliche Mattigkeit lagerte in der Luft. Wir waren nun den zweiten Morgen
unterwegs, um Mangalore zu erreichen, und die Ausläufer der
Dschungelwaldungen deckten uns zu, zwischen ungeheuren Felsschluchten.
Der Abstieg von den Bergen zur Küste ging langsam vonstatten, da wir
unmöglich länger als die Stunde vor Sonnenaufgang und zwei oder drei
nachher marschieren konnten. Bisweilen unternahmen wir noch kleine Strecken
am Abend, aber es wurde wenig vom Wege zurückgelegt, da die anstrengenden
und umständlichen Vorbereitungen für unser Nachtlager die kühlere Stunde
vor Aufgang der Nacht beanspruchten.
Eine schmerzende Rastlosigkeit und ein dumpfer Druck in meiner Brust
machten mir die Weiterreise fast unmöglich. Ich glaubte, nicht atmen zu
können, und mir war, als zersprengte mein Blut seine Gefäße wie gärender
Wein. Mich befiel ein Taumel, dem kein Rausch zu vergleichen ist, und ich
begriff nicht, daß ich monatelang in diesem kochenden Dunst hatte leben
können, wobei ich allerdings nicht bedachte, daß das Jahr vorgeschritten
war und die heiße Zeit ihren Höhepunkt erreicht hatte. Die bösen
Erinnerungen an mein überstandenes Fieber überfielen mich wie Raubtiere;
ich fürchtete sie mehr als die hungrigen Bestien, die nicht von unserer
Fährte wichen, und als die Giftschlangen, deren Biß in dieser Zeit am
gefährlichsten ist und fast unmittelbar tödlich wirkt. Der ganze Urwald
schien von diesem Gift erfüllt, und die Ermattung seiner Geschöpfe teilte
sich dem Körper mit, bis tief in die Kammern des Herzens. Mehr als einmal
verlangte ich gebieterisch, daß der Rückweg in die Berge angetreten würde,
aber Panja und Pascha, die kaum noch widersprachen, taten in stoischer
Gelassenheit, was sie für richtig hielten und was es unter den drohenden
Ereignissen der Natur auch einzig gewesen sein mag.
Ich verlor den Sinn für die Pracht der Gegenden, durch die wir kamen; die
einzige Hoffnung, die mich aufrecht erhielt, war der Gedanke an das Meer,
und oft flehte ich, der tödlichen Gefahr zum Trotz, in heimlicher
Gemeinschaft mit den schmachtenden Geschöpfen der Natur, den Himmel um
Regen an. Es kam hinzu, daß ich die sichere Orientierung auf der Karte
völlig verloren hatte, ich wußte mit Bestimmtheit kaum mehr als die
Himmelsrichtung und mußte mich ganz auf Panja verlassen, dessen Urteil mir
um so leichtfertiger erschien, je mehr er mich mit falschen Aussichten
vertröstete. Auch mußten wir oft die Richtung wechseln, da wir uns
unüberwindbaren Hindernissen gegenübersahen, so daß sich die in der Tat
zurückgelegte Wegstrecke auf unser ungewisses Ziel zu oft kaum bestimmen
ließ. Bald fehlte es uns an Nahrung, bald an Wasser, und nur Panjas
Kenntnissen der vielerlei Früchte des Waldes ist es zu danken, daß wir
nicht in bittere Not gerieten. Zuweilen fand ich trotz des schmerzenden
Hungers nicht den Aufwand von Energie, mit der Büchse Umschau zu halten,
und oft waren die Milch einer Kokosnuß oder eine Ananas meine einzige
Nahrung für einen Tag.
Aus der Reihe der Entbehrungen und Leiden dieser Tage ist mir ein Eindruck
geblieben, der sich tief in meine Seele gegraben hat, und dem ich den
letzten Aufschwung meiner Kraft verdankte. Wir kamen an einem Frühmorgen,
bevor die Sonne aufgegangen war, in die schmale Felseinmündung zu einer
Schlucht, die sich bald groß und weit vor unseren Augen öffnete. Es
herrschte noch jenes seltsame und ergreifende Zwielicht von Mondschein und
hereinbrechendem Morgenlicht, das ich nur in den Tropen in diesem
magischen Glanz eines Kampfes um die Herrschaft angetroffen habe. In den
Ländern des Abendlandes scheint die Nacht dem Tage auszuweichen, ihre
Gestirne verblassen gelinde, lange bevor die Sonne am Horizont sichtbar
wird, und der schüchterne Morgenmond, der noch bisweilen zu sehen ist,
wirkt wie eine verlöschende Erinnerung an die Nacht. Aber in Indien sind
die Lichter der Nacht mit dem Glanz des hereinbrechenden Tages in einen
leidenschaftlichen Kampf verstrickt, der seine Zwiespälte der Seele um so
eindringlicher mitteilt, je mehr die Stille der Lichtwelten ihre Gewalt und
Beharrlichkeit behauptet.
Die ersten Tierstimmen erwachten um uns her, aber nichts regte sich. Wir
waren tief im Grünen und krochen und sprangen abwärts in weiten Abständen
voneinander, von Fels zu Fels, über gestürzte Baumstämme und sumpfige
Löcher, in denen die Überreste eines Gebirgsbachs faulten. Nach einer Weile
öffneten sich Bambuswände, und ich gewann für kurze Zeit einen freien Blick
über die ungeheure Schlucht. Zur Rechten und zur Linken erhoben sich
gelbliche Felswände, beinahe senkrecht abfallend und fast ohne Vegetation.
Sie liefen in der Ferne auseinander und ließen einen Blick in die
dampfende, grauschimmernde Weite zu. Der Dschungel erschien wie eine dicke,
grüne Decke im Winkel eines riesenhaften Gemachs mit braunen Wänden, und
der Morgenhimmel darüber war von gläserner Klarheit.
Die westliche der beiden steilen Felswände war bis zur Hälfte wie mit
dunkelroter Farbe bemalt, gegenüber flimmerte das Mondlicht im Grünen. Ich
stand, von diesem Bild gebannt, in Betrachtung versunken da. Zugleich mit
der Hoffnung, daß nun der schwierigste Teil unserer Reise überwunden sein
möchte, glaubte ich die Wohltat eines leisen, kühleren Windes zu verspüren,
und meine Augen glitten entzückt über die goldene Glutbahn des
Morgenlichts an der Felswand dahin.
Auf halber Höhe dieser Wand, etwa dort, wo sie der Sonnenschein teilte,
lief eine ausgehöhlte Bahn wagerecht durch das Gestein, die man wohl für
eine alte Meergrenze hätte halten können. Sie wirkte wie ein überdachter
Weg und mag auch zum großen Teil gangbar gewesen sein, führte an
halbkuppelartigen Höhlen vorüber und gewährte vereinzelten Zwergpalmen und
Aloëstauden Halt. Vor der größten dieser Höhlen war ein kleines
Felsplateau, nicht größer als etwa der Raum, den ein alter Lindenbaum in
der Mittagssonne zu beschatten vermag, und am Rand dieser Felsplatte in der
Sonne lag etwas. Ich erinnere mich deutlich, daß, noch bevor der Eindruck,
der meine Augen fesselte, mir irgend zum Bewußtsein gedrungen war, noch ehe
ich darüber sann, was dies gelbliche ruhige Etwas sein möchte, ein
Unterbewußtsein, wie eine ahnungsvolle Ehrfurcht mich bannte. Aber dann
wußte ich es jählings, wie durch einen lauten Zuruf aufgeklärt, und auch
ohne daß ich noch Figur und Zeichnung recht unterschied: der Tiger.
Es ist das einzige Mal gewesen, daß ich in Indien einen Tiger in der
Freiheit erblickt habe. Ich lehnte mich an den Stamm eines Baumes, schloß
die Augen und öffnete sie wieder und sah hinauf wie einer, der sich von
seinen Blicken betrogen glaubt. Niemals werde ich die hellbraunen Felswände
vergessen, das Morgenlicht in der Steinkuppel und vor ihr, wie auf einem
Marmorsockel als Thron, im Schutze des steinernen Baldachins, die ruhende
Sphinxfigur des Tigers. Die Entfernung und die Höhe der Felswände ließen
ihn mir klein erscheinen, aber ich unterschied die Zeichnung des Fells
deutlich und sah die Pranken nebeneinander ruhen unter dem schrecklichen
Haupt, das unbeweglich, wie gemeißelt, die geschmeidige Linie des Rückens
und des breiten Nackens vollendete und dessen Augen in die Weite gerichtet
schienen. Eine Majestät ohnegleichen ging von diesem glühenden Monument der
Natur aus.
Es ergriff mich eine Traurigkeit, die ich niemals ganz werde begreifen
lernen, aber ich weiß, daß meine Hände sich ballten und zitterten. Damals
erfaßte ich zum ersten Male die Schönheit und Größe der ägyptischen Sphinx,
dieses gewaltigsten Steinmonuments, das der Geist und die Erkenntnis des
Menschen jemals im Licht des Anspruchs und der Ehrfurcht erschaffen haben.
Die Begriffe der Gottheit, der Natur und des Menschseins sind in ihren
vielfachen Widersprüchen in dieser Gestalt zu einem Kunstwerk vereint,
welches das Unerbittliche lieblich mit der Hoffnung verbindet, die
Herrschsucht mit der Anmut, die Gefahr mit der Lust und die Gottheit mit
dem Spiel. Und keineswegs einzig durch den Abstand, welcher uns von diesem
Bildwerk scheidet, sondern an sich und für alle Zeiten der Vergangenheit
und Zukunft stellt die Sphinx das gewaltige Denkmal der Historie dar, jener
Historie, die über der Gewißheit einer großzügigen Entwicklung jede
Erinnerung an Einzelheiten und Geschehnisse zu verschmähen scheint und nur
in erhabenen Merksteinen die Jahrtausende mißt, welche das Menschenherz im
unveränderbaren Pulsschlag durchpocht.
Der Anblick dieser großen ruhenden Katze in der Sonne, hoch in der
Felsenfreiheit, über dem unruhig gärenden Bett der vielerlei kleinen
Geschöpfe und Pflanzen des Dschungels, trug meinen Geist über die Geschicke
der Zeiten fort, zurück bis an jenen ältesten Stein der
Menschheitserinnerung. So erschien mir das herrliche Tier in seiner
Vereinsamung, wie ein später Nachkomme einer versunkenen Zeit, schon im
schwermütigen Schatten des Abschieds seines starken Geschlechts von der
Erde der Menschen, denen es mit vielen, längst vergessenen Wesen hat
weichen müssen.
Aber hier war noch das Reich seiner Herrschaft. In der Morgensonne funkelte
sein steinerner Thron, und den erwachenden Urwald, tief unter dieser
königlichen Ruhe, schreckten die Schauer vor solcher Majestät. Arm, müde
und machtlos schlichen ein paar Menschlein unten durch das schützende Grün,
und unter ihnen ich, geduldet und eingeschüchtert durch die Herrschaft des
Tiers.
* * * * *
Als ich am Abend im Zelt einzuschlafen versuchte, entdeckte ich zwischen
den Bäumen hindurch an den Himmelslücken einen rötlichen Schein, der nicht
von unserem Feuer kommen konnte. Ich trat hinaus und prüfte die Weite
umher, so gut es mir gelang. Der Mond ging erst gegen Morgen auf; ich sah,
daß der ganze Himmel glutete, und weckte Panja.
»Die Steppen brennen«, sagte er, nachdem er sich umgesehen hatte, und sog
die Luft durch die Nase ein, aber die windlose Nacht trug keinen
Brandgeruch bis zu uns. »Die Berge brennen,« wiederholte er schlaftrunken,
»tausend Tiere sterben, darunter die schädlichen. Die Bergmalabaren zünden
die Reste an, die die Sonne zurückgelassen hat; oft entstehen die Feuer
auch, ohne daß jemand weiß, wer sie angelegt hat.«
Der Glutschein nahm zu und verbreitete eine erregende, matte Helligkeit im
nächtlichen Wald, die Stimmen der Tiere schienen vereinzelter und
gedämpfter zu klingen, wie in Ehrfurcht vor dem draußen herrschenden
Element.
»Es heult nicht, das Feuer,« sagte Panja und lauschte, »ruhig schleicht es
über die Höhen.«
Er legte sich wieder zur Ruhe nieder, es drohte uns keine Gefahr, aber
mich floh der Schlaf, den ich eben noch ohne Glauben gesucht hatte. Ich sah
im Geist die roten, wehenden Feuerfahnen über die endlosen graugrünen
Hügelweiten flattern in der blauen Nacht, und mir war, als hörte ich die
Stimmen des fliehenden und ereilten Getiers, das im Streit um den Besitz
der Berge, dem Menschen auf der Walstatt eines unaufhörlichen Kampfes
erlag. Gegen Morgen würde der Mond durch den Rauch scheinen, bis langsam
die Sonne die goldenen Kämme der Berge in ihrer Ruhe über dem bewegten Bild
entzündete; dort oben war es still, die ewigen Kriege waren dort längst
verrauscht.
In der Schlucht rief ein Uhu, immer lange, wie aus tiefer Brust
hervorgehauchte Töne, in weiten Abständen voneinander, bald wie in dumpfer
Daseinsangst, bald wie in Liebesqual. Als der rote Schein zunahm,
verstummte er, die Felsschlucht schwieg, die dunklen Wände im rötlichen
Nebel vereinsamten aufs neue, und die verlassene Nacht zog weiter, im
glühenden Schleier.
Es war eine lautlose Unruhe in der trägen Üppigkeit des verblühten Waldes
und die Geister der Vermoderten kamen aus der Vergangenheit hinüber in die
Bereiche meiner Erinnerung und begannen zu mir zu reden. Überall umher
lagen überwache Sinne in Krankheit, aus Löchern, Höhlen und grünen
Schlünden starrten die Masken unersättlicher Gier und gereizter Ermattung
einander an, im steilen Bambus schlief der Wind, hingesunken wie ein von
giftigen Gasen zum Taumeln gebrachter Falter. Die Ungeduld des Erdbodens,
an der widrigen Grenze süßlicher Ersticktheit, teilte sich dem Blut der
Wesen mit, aber nichts half mehr, kein Geschrei und keine Klage, kein Trost
und keine Wut. Nur im Wasser oder im Feuer war Errettung zu finden. Hatte
nicht Panja eben noch gesagt, die Steppen entzündeten sich selbst?
Es klagte matt in der belebten Stille, ein Vogel, ein Waldtier oder ein
sinkender Baum, der sich seufzend in das morastige Bett seiner Entstehung
neigte. Ich lauschte auf die röchelnden Flüstertöne des Verfalls, in denen
die Stimmen der Versunkenen meine willenlosen Gedanken in ihr vergessenes
Bereich zurückführten. Der Geist des Fiebers schillerte mich böse, mit
grünen Augen, aufs neue an, und ich fühlte mich vom Sterben umhüllt und ihm
unrettbar preisgegeben. Ich empfand in merkwürdig tauber Verwirrung der
Verlassenheit, daß ich das Sterben noch nicht gelernt hatte, mich verlangte
inbrünstig nach Taten, nach Kampf und Anstrengungen, und meine höchste
Angst bestand im Gedenken an dies laue, erstickende Welken des Bluts, wie
es umher von mir gefordert wurde.
War es, weil meine Augen am Tage die Hoheit des Dschungelherrschers gesehen
hatten, daß ich den Mut und die Kraft zum eigenen Lebensrecht nicht mehr
aufzubringen vermochte? Die Bedrängnisse, in denen sich die Natur befand
und die sich meinem Gemüt von Stunde zu Stunde eindringlicher und
überwindender mitteilten, ja, denen ich völlig zu erliegen drohte, weckten
im Grunde meiner Gedanken ein bohrendes Bewußtsein von Schuld. Welcher
Empfindende und Verstehende suchte in aller Not nicht zuerst die Schuld in
der eigenen Brust? Die Erkennenden sind verantwortlich, sie sind es, welche
in Wahrheit Opfer bringen und welche die Sühne tragen, im Kleinen wie im
Großen. Hatte ich die Trauer und Größe der alten Herrschergewalt dieses
Landes nicht erschauernd erblickt und ehrfürchtig auf meine Art erkannt,
wie ein verächtlicher Eindringling, und im Herzen schuldig aus Hochmut?
Wenn ich die Augen schloß, so war mir, als dränge durch die Erschlaffung
der verschmachtenden Welt ein Pesthauch von jener Stätte zu mir hinüber, an
der ich zwischen den bläulichen Stachelarmen der Aloën den gelben Leib des
toten Panthers gesehen hatte, dann wieder tauchte die beschienene,
steinerne Kuppel vor meinem Geiste auf, die als ein goldstrahlender
Baldachin den Thron des Tieres schützte. Der Tiger war berufen, in diesen
Bereichen zu herrschen, ihn vergifteten die Dünste des Dschungels nicht,
der Brand der Tropensonne wurde seinem zähen Leib mit den eisernen Strängen
der Sehnen zur Wohltat, er durchschwamm die reißenden Ströme zu seiner
Erfrischung, wie im Spiel, und durchschweifte die Steppe tagelang, ohne
Gefährdung und ohne Bedrängnisse.
Wie in den zugleich bedrückenden und beängstigenden Sinnesschwankungen des
nahenden Fiebers, die sowohl Verwirrungen als auch die übernatürlichen
Klarheiten der Vision mit sich bringen, war mir, als könnte unmöglich jene
Grenze gar zu weit zurückliegen, an welcher der Wechsel der Herrschaft von
Tier und Mensch über die Erde stattgefunden haben sollte. Als habe sich
meinen eingeschüchterten Sinnen erwiesen, wie töricht der Menschenhochmut,
in der leichtfertigen Sicherheit seiner zerbrechlichen Städte, sein
Machtbereich und seine Herrschaft überschätzt. Und mir war aufs neue, als
träte der Geist dieses Landes und seiner alten Völker zu mir und überredete
mein Herz. Ich begriff eine Lehre, die das Tier ehrt, anbetet und niemals
tötet, deren religiöses Bewußtsein und Bekenntnis eine tiefe Beziehung zum
Wesen des Tiers ahnen läßt, und die die tatlose Geduld, die ehrfürchtige
Erwartung und das heilige Harren in demütiger Ergebenheit preist. Wie
vorzeiten in einer unvergeßlichen Traumnacht ein Affe im Triumph seiner
überwundenen Gefangenschaft zu mir gesprochen hatte.
Wie aber die ungewisse Neigung zur Ehrfurcht Angst und noch keine
Beruhigung erzeugt, deren Friede erst mit der eingetretenen Erkenntnis
hereinbricht, so erschien es mir in heimlichem Erzittern zu dieser Stunde,
als sei die Herrschaft des Tiers auf der Erde nicht überwunden, sondern als
bestünde sie noch, wenn auch verborgen und beengt, so doch in ihrer
ursprünglichen Gewalt und Finsternis.
Mit den ermüdeten Zügen Hucs, des Affen, der mir zu Beginn meiner
leichtfertigen Fahrt in die überblühten Ruinen des alten Gottreichs
erschienen war, trat aufs neue der Geist dieser versunkenen Zeit vor mich
hin, und seine grauen Augen sahen mich an: »Noch herrscht das Tier, hier,
um dich her, im Rahmen der ihm zugehörigen Natur, in die der Mensch nicht
weiter eingedrungen ist, als ein Borkenkäfer in einen Baum, dort verborgen
in der aufrechten Gestalt, unter der weißen Haut, hinter der klugen Stirn
und den schönen Augen. Vollzieht sich die Wandlung unter dieser Hülle nicht
immer noch rasch und leicht? Nicht allein auf Schlachtfeldern und im
Getümmel der entflammten Haufen, auch in stillen Kammern oder auf offenen
Märkten, unter den Marterpfählen der Heiligen, oder im Schmeicheln der
süßesten Rede? Noch herrscht das Tier. Die Weisen der Erde erzittern auf
ihrem Weltpfade unter dem Gebrüll, das um sie her erklingt, wenn sie
eilend, gerafften Kleids, mit verwundeter Hoffnung ihre Zeit durchmessen.«
Mit feurigen Schritten schlich die Nacht träge dahin, der Himmelsschein der
brennenden Steppen erlosch allmählich, aber es war, als habe er eine
vermehrte Hitze zurückgelassen, immer noch war kein Hauch des nahenden
Morgens zu verspüren. Vergebens forschte ich am Himmel nach dem
Morgenstern, und mit den düsteren Wetterwolken, die wie böse Ahnungen im
glühenden All herandrängten, begann neben mir monoton die Stimme meiner
Angst aufs neue:
»Das Tier herrscht. Wenn der Morgen sich ankündigt, so wird dein Blut
erloschen sein, du sollst in diesem schwülen, grünen Mantel ersticken.«
Meine Qual entstand nicht durch den Gedanken an den Tod meines Leibes,
sondern durch diese düstere Ahnung von der Herrschaft des Tiers und durch
die Hoffnungslosigkeit, in der ich, am Rande des Wahnsinns, nach einem
Ausweg suchte, nach einer erlösenden Gewißheit, nach dem Licht der Zukunft.
Wie der Zweifelnde das Leben seiner Geliebten argwöhnisch nach Beweisen
ihrer Schuld durchforscht, gegen seinen besseren Willen, ja, fast gegen
sein Gewissen, so durchforschte mein Geist in diesen Nachtstunden die
Geschichte der Erde nach den Merkmalen des Tiers, und aufs neue tauchte das
Bildwerk der Sphinx vor meinen geistigen Augen empor. Es verschmolz mir in
der alten Erinnerung des Menschenwesens und in der Erinnerung meiner
eigenen zeitlichen Erlebnisse mit der Erscheinung des ruhenden Tigers an
der Felsenwand. Es war, als habe diese Erscheinung, von der meine Augen am
vergangenen Tage betroffen worden waren, im mystischen Zusammenhang mit der
alten Menschenfurcht und -ehrfurcht, einen erklärenden Lichtschein auch in
meine Erkenntniswelt geworfen, und in jener Nacht hätten keine menschliche
Weisheit und keine Überzeugungskraft mich vom Wege meiner Gedanken
abzubringen vermocht.
In ihm, jenem alten Volke der Ägypter, mußte das Bewußtsein klar gelebt
haben, daß die Herrschaft des Tiers nicht überwunden war, sie erschufen in
unfaßbarer organischer Einheit den Katzenleib mit dem Menschenkopf und den
Menschenleib mit dem Löwenhaupt. Sie erhoben diese Standbilder zu
Gottheiten, verehrten sie in ihnen und erkannten sich selbst darin.
Während meine Gedanken nach Sicherheit suchten, nach dem entscheidenden
Gegenwert, nach der Verkündigung der Wahrheit, daß das Tier dennoch
überwunden sei, schritt auch Johannes an mir vorüber, der den
göttlich-weisen Heiligen von Golgatha am lautersten geliebt hatte. Auch
ihn, den, wie keinen, die menschliche Hoheit und der göttliche Triumph
seines Meisters durchdrungen hatten, schreckte in den verzückten Ahnungen
eines künftigen Reichs des Menschensohns, das Tier. In seinen letzten
Visionen, in denen Furcht und Hoffnung das liebende Gemüt im zerrütteten
Leib zerrissen, erschien ihm das Tier:
»Und ich trat an den Sand des Meers und sah ein Tier aus dem Wasser
steigen, das hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Hörnern
zehn Kronen und auf seinen Häuptern Namen der Lästerung. Und ich sah seiner
Häupter eines, als wäre es tödlich wund, aber seine tödliche Wunde ward
heil, und der ganze Erdboden verwunderte sich des Tiers. Und sie beteten
das Tier an und sprachen: 'Wer ist dem Tiere gleich? Wer kann mit ihm Krieg
führen?!' Und ihm ward gegeben, zu streiten mit den Heiligen und sie zu
überwinden, und ihm ward Macht über alle Geschlechter gegeben.« --
Die brodelnde Finsternis des heißen Urwalds umdunkelte meine überwachen
Sinne, wie im Taumel einer nahenden Ohnmacht, und meine armen Gedanken
huschten wie blasse Irrlichter darüber hin. Damals war mir der Gedanke an
meinen nahen Tod zur Gewißheit geworden, und ich weiß zuversichtlich, daß
ich seinem Schatten niemals näher war. Eine unbeschreibliche Sehnsucht nach
dem Morgen wachte, wie eine letzte Hoffnung, unverstanden und von düsterer
Traurigkeit bedrückt, in meinem Herzen, das erstickend in Finsternis und
Erdschwüle nach Erlösung rief. Ich muß kurz nach diesen letzten
Erinnerungen in Schlaf gesunken sein, über mir den qualmenden Rachen des
Tiers.
Aber der Traum, mit welchem ich im Morgenlicht erwachte, war leicht und
lieblich, als belohnte ein gnädiger Geist die Bedrängnis meiner Gedanken
mit einer frohen Zusicherung. Es ergeht uns Irdischen oft so, daß sich der
Wechsel und Ausgleich von Finsternis zum Licht mit dem Wechsel von Schlafen
und Wachen vollzieht, oder bisweilen wohl auch umgekehrt, als läge die
Absicht, zu schlichten und zu besänftigen, im natürlichen Wandel unserer
Zustände. So mag es sich erklären, daß ein heiter verbrachter Tag sich in
düsteren Traumbildern spiegelt, oder daß die Angesichter der Toten zuweilen
nach furchtbaren Qualen des Sterbens einen unnennbaren Frieden in ihren
Zügen tragen.
Ich erinnere mich keines Traums, der meinem Gemüt eine größere Helligkeit
gebracht hätte, und keine Wohltat ist jener Ruhe zu vergleichen, die mir in
den Lösungen geschah, die sich wie gnädige Offenbarungen an die Pein meiner
Angst und meines Zweifels im Schlafe anschlossen. Erkenntnisse, welche uns
durch Träume vermittelt werden, haben eine seltsame Unschuld der Erfahrung,
es erscheint oft, als schlössen sie alle jene Irrtümer aus, die das
bereitwillige Denkvermögen des wachen Gehirns so leicht begeht, in seiner
Hoffnung, es möchte aus dem Vielerlei ein Viel entstehen, und aus dem
Mancherlei ein Besonderes. Das Grübeln ist der Feind des Denkens, denn die
guten Gedanken kommen zu uns wie das Licht oder die Wärme, unversehens, wie
ein Sonnenblick durch die Schleier der Wolken, oder wie eine Knospe an
ihrem Strauch im Frühlingsregen aufbricht. So mag der Schlaf ein tätiger
Freund des Denkens sein, und das oft scherzhaft gebrauchte Wort, daß der
Herr es den Seinen im Schlafe gibt, hat ebensowohl einen tiefen Sinn, wie
das uralte Verlangen der Menschen, Träume auf rechte Art deuten zu lernen.
In einem hellen Zug, der auf dunklem Erdgrund allein und deutlich von einem
klaren Himmelsstrahl beschienen wurde, zogen die Heiligen der Geschichte,
die das Tier überwunden haben, im Traum an mir vorüber. Die Reihe rückte
aus unergründbarer Welttiefe, die ganz in Finsternis gebettet war, so hell
heran, als flösse ein weißer Bach in der Nacht über schwarzen Erdgrund. Und
jedesmal mit dem Augenblick, in welchem eine Gestalt deutlich erkennbar
wurde, zerfloß sie in das große Wort ihres wichtigsten Bekenntnisses. Mit
dem Erklingen dieses Worts aber, das sich wie ein Lichtschein in meine
Sinne ergoß, versanken das Angesicht und der Name seines Trägers, aber es
erschien mir, als läge es so im Willen der Heiligen. Im Halbdämmern, das in
ihrer Nähe herrschte, erkannte ich undeutlich in ihrer Begleitschaft die
gewaltigen Umrisse gefesselter Tiere. Ich erblickte darunter einen Drachen,
hundertfach verschlungen und in dunklen, glühenden Farben von großer
Pracht, das Löwenhaupt der Sechmet, über den lieblichen Mädchenschultern,
tauchte empor und erlosch, die heilige Schlange, gekrönt, mit geblähtem
Hals unter dem Gift des Rachens, und das weiße Rind.
Unter den Heiligen kam auch aufs neue jener seltsamste Prophet zu mir, den
die Religionen der Völker kennen, und dessen Worte über die Macht des Tiers
mir noch kurz zuvor durch den Sinn gegangen waren, aber seine Erscheinung
hatte die Gebärde des heimgesuchten Märtyrers seiner Angst verloren. Er war
der Letzte; mit ihm und dem Wort seiner Gottheit erlosch der strahlende
Zug:
»Ich bin der Erste und der Letzte. Ich bin der Ursprung des erwählten
Geschlechts, ein heller Morgenstern.«