Am Thron der Sonne

Nachts, wenn ich nicht einschlafen konnte, weil das Mondlicht wie das

wahrsagerische Gespenst einer ewigen Todeskühle an den zerbröckelten Mauern

entlang geisterte, die mich vor den Gefahren der Außenwelt schirmten,

erwachte in meiner Brust der Wunsch, jene Höhen zu erreichen, auf denen des

Morgens das rote Gold der aufgehenden Sonne leuchtete. Es verlangte mich

danach, von jener kühlen, hohen Ruhe aus auf das indische Land jenseits der

Berge hinabzusehen und angesichts der unermeßlichen, hügligen Weite meine

Gedanken noch einmal durch jene Tage zu führen, die ich durchlebt hatte,

bevor ich in Cannanore angelangt war.

Panja riß die Augen auf, als ich mit meinen neuen Plänen herausrückte. Er

stampfte den Wasserkessel in das Feuer, daß die Funken stoben und

betrachtete mich eine Weile auf jene Art, die Leute an den Tag zu legen

pflegen, die aus lauter Hoffnungslosigkeit, jemals überzeugen zu können, am

Rande der Verzweiflung angelangt sind, und die doch darüber ihren Wunsch zu

überzeugen nicht verbergen können. Als ich meinen Lebensretter so

erblickte, im Augenblick aber mehr Verlangen nach dem Tee, als eben nach

seinem Verständnis trug, mußte ich für eine kurze Weile an eine Schulstunde

zurückdenken, in der mir von einem ähnlich ergriffenen Männerangesicht

zugemutet wurde, Pythagoras dadurch gleichzusein, daß ich ihn begriff. Auch

dort erstickte ein bedauernswerter Zorn in der Hochflut anschwellender

Ohnmacht, und sprachlos gewordene Verachtung sagte mir an bösem

Lebensgeschick weit mehr voraus, als ein vereinzeltes Gemüt, mit leisem

Hang zum Grübeln, ertragen kann.

»Du siehst aus wie Professor Stolzenburg«, sagte ich zu Panja, denn ich

halte dafür, daß man böse Gedanken guten Leuten gegenüber am besten offen

ausspricht, damit sich ein Weg zum Ausgleich mit gemeinsamen Kräften suchen

läßt. Hätte ich das nur in der Schule auch schon gewußt, vielleicht hätte

der gestrenge Verbitterer so mancher meiner Morgenstunden zwischen zehn und

elf Uhr mit sich reden lassen.

Panja verschmähte es der Bedeutung meines Vergleichs nachzuforschen, er

sagte nach einer Weile resigniert:

»Nun, es ist ja gleichgültig, Sahib, ob wir hier oder dort im Wasser

umkommen.«

Das befestigte meinen Beschluß aufs beste, denn wie alle leichtsinnig und

zugleich eigensinnig veranlagten Naturen habe ich oft dem Hang in mir

nachgegeben, jede Latte, die mir zwischen die Füße geworfen worden ist, als

Sprungbrett zu benutzen. Man muß allerdings springen können, um dererlei

wagen zu dürfen, das ist wahr, und dieses »Springen-Können« ist im Grunde

nichts anderes, als das, was die Menschen in der Regel »Glück-Haben«

nennen. Glück haben gibt es nicht. Das sogenannte Glück ist so eng mit

Geschicklichkeit verbunden, wie Unglück mit Ungeschick, und diese Wahrheit

bezieht sich durchaus nicht einzig auf äußere Vorgänge, auch das Unglück

der Seele ist zuletzt Ungeschick, wenn auch in einem weit höheren Sinn, der

sein Recht in der Gesetzmäßigkeit des Weltwesens findet.

Ich habe das Panja damals nicht gesagt, er lief hin und her und hantierte

dergestalt mit den Gegenständen, daß man deutlich wahrnehmen konnte, daß

keine Zweckmäßigkeit mit seinem Eifer verbunden war. Es ist merkwürdig, daß

Leute, die ärgerlich geworden sind, so oft dazu neigen, leichtere

Gegenstände von einem Platz auf den anderen zu stellen, und dann mitunter

sogar wieder von dem neuen Platz auf den alten zurück. Offenbar liegt es

daran, daß ihre Gedanken mit den Entschlüssen ähnlich verfahren, und daß

ein heimlicher Hang existiert, den Körper und die Seele möglichst im

Einklang miteinander zu erhalten. Ich erinnerte mich bei Panjas nutzloser

Beschäftigung meines Vaters, wenn er aus irgendeinem Grunde zum Ausdruck

brachte, daß seine Weltanschauung sich nicht mit der meinen deckte. Leider

geschah dies gewöhnlich bei den Mittagsmahlzeiten, denn sonst vermied ich

es nach Kräften, ihm ohne Grund längere Zeit ruhig gegenüberzusitzen, und

dann sah ich, wie das Messer oder die Gabel, auch das Salzfaß oder der

Serviettenring bald an die rechte, bald an die linke Seite des Tellers

wanderten. Leider hatten wir damals Messerschärfer aus Schmirgelstein in

Gebrauch, runde, schwarze Stäbe von der Länge einer mäßigen Spargel und mit

einem polierten Handgriff aus Hartholz. Wenn zufällig eine besonders

wichtige Meinungsäußerung meines Vaters mit dem Transport dieses nützlichen

Gegenstandes zusammenfiel, so geschah es in der Regel, daß der

Schmirgelstein zerbrach, denn seine Überlegenheit, selbst dem besten Stahl

gegenüber, bewährt sich nicht im Kampf mit der Tischplatte.

Dies erhöhte den Verdruß meines Vaters bis an die Grenze bedenklicher

Einseitigkeit und zog die Laune meiner Mutter in Mitleidenschaft, während

es meist meinem Selbstbewußtsein einen erheblichen Aufschwung verlieh und

mir nicht ohne Berechtigung den Gedanken beibrachte, daß mein Charakter in

den Augen meines Vaters um vieles milder angesehen würde, wenn wir

Messerschärfer aus gerilltem Stahl in Gebrauch nähmen.

So sagte ich denn Panja meine Ansicht über Messerschärfer, und dieser

unerwartete Ausdruck meiner Überzeugung brachte ihn so weit zur Besinnung,

daß ich Tee bekam.

Er trank mit, wie gewöhnlich, hockte mir gegenüber in der Morgensonne und

rückte melancholisch an seinem Turban. Außer ihm trug er nun schon seit

Wochen nicht mehr als ein schmales Lendentuch, aber auf seinen schweren

Turban verzichtete er selbst in der größten Hitze nicht. Es ist wirklich

recht merkwürdig mit diesem Panja gewesen, je entschiedener sein

Widerspruch oft zu Anfang war, um so lebhafter wurde sein Eifer für

gewöhnlich von dem Augenblick an, in dem er merkte, daß ich nicht

umzustimmen war. In beidem erkannte ich die ehrliche Besorgnis seiner

Neigung, und ich erinnere mich seiner niemals ohne den Kummer über einen

der größten Verluste meines Lebens. Die Harmonie unseres Verhältnisses mag

im Grunde auf seiner Gewißheit beruht haben, daß die Überlegenheit meiner

Rasse mit der Unerschütterlichkeit eines Naturgesetzes feststand. Das nahm

seinem Wesen jede Devotion im niedrigen Sinn und machte seine Ergebenheit

durch eine Demut würdig, die beinahe einen Einschlag von Religiosität

hatte. Heute bebaut er in Malabar die Reisfelder am Purrha, jenem

beschatteten Landstrich am Palmenwald, auf dem die Hütte seines Vaters

stand, und den er aufgeben mußte, um in der Fremde zu dienen, weil seine

Brüder den Verlockungen der großen Städte in Verschwendung erlegen waren.

Der Rückkauf dieses Stückchens Land war meine letzte Gabe an ihn, und es

bedrückt mich, daß ich ihm niemals die Gewißheit habe verschaffen können,

daß seine Gaben an mich reichere und unvergänglichere Geschenke gewesen

sind.

Als der Tee getrunken war, sagte er wütend:

»Aber Pascha bleibt hier.«

Er tat immer noch so, als wäre an diese Reise auf keinen Fall zu denken,

und wahrscheinlich meinte er deshalb nach einer Weile:

»Es sind drei Tage oder Nächte für den Aufstieg nötig, aber in der halben

Zeit steigen wir ab. Hast du etwa geglaubt, wir brauchten länger?«

Ich hatte es nicht geglaubt.

Panja sah hinauf zu den Gipfeln. Oben flutete alles in Licht, ein nie

gesehener Glanz verklärte die einsame Ruhe, die kreisenden Adler

schimmerten, als wären sie aus Gold.

»Alle Träume bleiben lange leicht von der Frische der Höhen«, sagte er

versunken.

»Panja, höre, nur wer die Schönheit der Erde lieben gelernt hat, hat die

Erde in seinen kurzen Lebenstagen wahrhaft beherrscht. In diesem Sinn ist

sie uns von Gott gegeben, so hat er es mit uns gemeint, als er sie uns

gab.«

Panja lächelte kindlich, in solchen Augenblicken hätte ich ihn in die Arme

schließen können.

»Dir wird nichts geschehen, Herr«, sagte er still und wie zu sich selbst.

Ich weiß nicht, ob er bei solcher Zuversicht an Gottes Hilfe glaubte oder

an seine, gewiß ist, daß ich selten im Leben wieder durch eines Menschen

Nähe so glücklich geworden bin wie durch die seine. Durch nichts vermag ein

Mensch uns seine eigenen Kräfte besser zur Verfügung zu stellen, als indem

er die unseren glaubt.

* * * * *

So wagten wir vor Anbruch des kommenden Tages den Aufstieg zu zweien, noch

als die Nacht umher herrschte und über den blauen Zelten der Berge vor uns

die Sterne leuchteten. Wir schritten im spärlichen Gesang der Grillen durch

dürres Steppengras unter den hohen Latambäumen dahin, die in weiten

Abständen voneinander standen. Zuweilen schalt über unseren Köpfen ein

Affe, den unser Tritt geweckt hatte, oder ein Vogel flog auf mit einem

lauten Warnruf, der unser Nahen der ahnungslosen Natur verkündete, die an

diesen Stätten wohl seit undenkbar langer Zeit der Fuß keines Menschen

betreten hatte. Es war kühl und still, Panja sprach nicht, und ich schritt

im Traumbann einer so tiefen Einsamkeit dahin, daß mir zuweilen war, als

sähe ich, wie ein fremder Dritter, uns kleine Zwei durch die riesenhaften,

graugrünen Wogen der Hügellandschaft dahinschreiten, im Dämmerlicht unter

den Bäumen und Sternen.

Es war unvorsichtig genug, daß wir den Weg ohne Fackeln machten, denn am

Morgen ist in dieser Jahreszeit der Panther am kühnsten, wenn er nach

vergeblichem nächtlichem Raubzug durch die Dämmerung schweift. Aber es war

so hell unter den Sternen, daß wir das Land weithin übersahen, und ich trug

die Büchse in der Hand. Panja schritt schweigend neben mir dahin, leichten

Tritts und mit erhobenen Augen, Kraft und Freude gingen von ihm aus, und

ich empfand ihn als allen Lebewesen seines Landes zugehörig, und die

Harmonie seiner Seele teilte sich mir mit, als sei auch ich in der Heimat.

Plötzlich begann er leise zu singen, immer die Augen auf die Höhen

gerichtet und so versunken in sich selbst, als schritte er allein durch das

Land. Seine gedämpfte Stimme erinnerte mich, wie auch der eintönige

Rhythmus seines Liedes, an den Singsang der Priester, deren Tempel in

Cannanore hinter dem Garten meines Hauses im Grünen lag, und jählings war

ich aus der freien Höhe und aus der kühlen Luft in die tropische Niederung

versetzt, so daß mir war, als schlügen die schwülen Dämpfe des

leidenschaftlichen Wachstums über mir zusammen.

Als ich nach einer Weile die Blicke hob, nachdem wir die letzten

Baumbestände durchschritten hatten, erschrak ich vor einer zackigen,

flammend roten Lichtlinie, die den Himmel vor uns, hoch oben, in

wagerechter Richtung zerteilte. Totenstill und wie aus Farbe zog sich dies

rote Band längs des Gebirgskamms dahin, hinter den Höhen war die Sonne

aufgegangen. Ich wandte mich erschüttert um und sah hinter mir das Land

unter dem besternten Dämmerblau der sinkenden Nacht, fern auf dem Meer

regte sich ein matter Silberglanz. Wie zwischen zwei Himmeln aus Blut und

Silber pochte mein entzücktes Herz seinen Lebensschlag auf den weiten,

grünbraunen Wellen der Erde, unendlich klein und doch die beseligte Quelle

meiner unfaßbaren Daseinsfreude. Panja warf sich auf die Knie und verbarg

sein Gesicht in den Händen. --

Eine Stunde, nachdem die Sonne über die Bergzinnen schaute, hörten die

Bäume fast ganz auf. Wohl sahen wir, sobald wir eine Höhe erklommen hatten,

zur Rechten oder Linken die dunklen Mauern großer Wälder in der Ferne, aber

bald wurde uns der Ausblick erschwert, da wir in einer Schlucht, im Bett

eines eingetrockneten Gebirgsbachs aufwärts klommen. Einen der Berggipfel

ersteigen zu können, stellte sich bei der Art unserer mangelhaften

Ausrüstung bald als unausführbar heraus, und so schlug Panja den Versuch

vor, einen der nächstliegenden Pässe zu besteigen. Wir konnten fast den

ganzen Morgen hindurch marschieren, denn die Luft war kühl und von einer

Durchsichtigkeit, gegen die ein wolkenloser deutscher Sommertag wie in

Nebel gehüllt wirkt. Panjas Fröhlichkeit erleichterte mir jede Strapaze, er

lachte oft ohne allen erkennbaren Grund, nur aus Überfluß von Daseinskraft

und glücklich über die Tatsache, in der von himmlischem Blau überdachten

Welt da zu sein.

Als wir gegen Mittag, um vieles höher, im Schatten eines Felsens Rast

machten und Panja unser Mahl bereitete, schreckte in nicht allzu weiter

Entfernung ein dumpfer, anwachsender Donner mich auf. Panja sprang empor

und spähte mit geschützten Augen in die flimmernden Steppenwogen.

»Die Büffel!« rief er, »sieh die Wolke, die sich den Hang niederwälzt.«

Es war das erstemal, daß ich aus so unmittelbarer Nähe eine Büffelherde

gewahrte. Sie rollte wie eine dunkle Lawine dahin, und der Erdboden

dröhnte. Nur für kurz unterschied ich im Vordergrunde einen oder den andern

der schwer gehörnten schwarzen Köpfe, den Glanz der großen Augen und den

Fall der Mähnen. Ich schoß nicht, da Panja mir erregt in den Arm fiel, als

ich die Büchse emporhob, und später erklärte er mir, daß es vorgekommen

sei, daß der leitende Stier, durch einen Angriff in Schrecken oder Wut

versetzt, plötzlich die Richtung geändert und gerade auf das Hindernis zu

genommen habe. Zwar hätten wir einen Schutz auf den Felsen gefunden, aber

wenn unsere Flucht uns mißlungen wäre, so würden wir zerstampft worden

sein, da die ganze Herde dem Stier folgt.

»Die Büffel kämpfen mit dem Tiger,« erzählte mir Panja, »selbst die

gezähmten fürchten ihn nicht, und wenn du mit ihnen das Reisfeld bestellst,

so wird der Tiger sich hüten, euch anzugreifen. Der Büffel spürt ihn eher

als du, und es wird dir nicht gelingen, ihn von seinem Standort zu

verdrängen, denn er wendet sich genau dem Tiger zu, wie eine Fahne, die du

gegen den Wind trägst. Wenn der Tiger den Sprung wagt, so endet er auf den

Hörnern, und du bist in Sicherheit, solange du dich hinter dein Tier

stellst.«

Die Staubwolke verrauchte im tieferen Gelände, und die klare Luft war

wieder still. Ich schlief kurz nach diesem Vorfall ein, ohne Nahrung zu

mir genommen zu haben, und Panja weckte mich nicht, denn er kannte die

ermüdende und gefährliche Kraft der Sonne, deren Strahlen auf den

Berghöhen nicht anders wirken als im Tal, obgleich die Kühle darüber

forttäuschen kann. So gilt es in den Bergen, fast mehr noch als im Tal,

den Kopf und die Schläfen nicht ungeschützt zu lassen, die Sonne hat viele

tödlich getroffen, die ihre Macht über diesen kälteren Regionen nicht

geglaubt oder vergessen haben. Mein Korkhelm drückte mich auch keineswegs

sonderlich, im Gegenteil, er wurde von Tag zu Tag leichter, weil eine

Schar mottenartiger Parasiten von ihm Besitz ergriffen hatten und ihn

zugleich bebauten und verzehrten. Bisweilen rieselte ein feines Korkmehl

nieder, wie ein liebevoller Beweis der Natur, daß sie keinen Menschen in

völliger Vereinsamung seinen Weg machen läßt. Panja war bereits mit

allerlei Mitteln gegen diese Tiere ins Feld gezogen, aber sie verließen

sich auf mich und vermehrten sich um so leidenschaftlicher, je mehr Panja

sie unterdrückte. --

So geschah es mir, daß ich bald darauf von einem hohen Paß aus einen Blick

in das weite indische Land hinab gewann, das ich vor meiner Zeit in Malabar

durchreist hatte. Die ungeheure Hügellandschaft erstreckte sich, wie von

Urzeiten her gelagert, ohne ein Anzeichen menschlichen Werks, und wie die

riesenhaften Wogen eines Meeres, das mitten im Sturm in Erstarrung geraten

war. Die Ebene in weiter Ferne schimmerte lichtgrau und wie die Oberfläche

eines gewaltigen Sees, ich glaubte winzige Spitzlein und Türmchen in ihr zu

erkennen, deren Silhouetten nicht anders gegen den Himmel abstachen, als

sei der Horizont mit feinem Stacheldraht umzäumt.

Wir blieben den Tag über auf der Paßhöhe, unter dem Dach eines schräg

gesunkenen Felsens gegen die Strahlen der Sonne geschützt, und durch die

unbeschreibliche Stille der Höhe zogen die Gestalten meiner Erinnerung, wie

in der Stunde eines Abschieds, unter dem Lied der Adler, noch einmal durch

meinen Sinn. Geister kamen aus dem Blau zu meinem Geist, Dahingesunkene

drangen in die Bewußtseinswelt des noch Verweilenden ein, Brüder und Gegner

in Gesinnung, Hoffnung und Schicksal, Freunde und Feinde in der Welt der

Lust und Trübsal und des raschen Todes.

Auf jedem Erdteil hat der Tod ein anderes Angesicht, nirgends sind seine

Züge feierlicher, als bei uns in Europa, ich habe ein wenig verlernt, seine

pathetische Sonntagsgebärde meiner Heimat zu überschätzen. Es hat noch

niemand dem Gespenst der Willkür sein Schauriges dadurch genommen, daß er

es heiligsprach; sicherlich ist die schwerfällig romantische Auffassung vom

Tode, die in Europa herrscht, eine Folge der Einwirkung der Kirche, die die

Tatsache des Todes so sehr in das Bereich des Ungeheuerlichen gerückt hat,

um aus ihrer Einwirkung einen Teil ihrer Autorität zu gewinnen. Uns ist das

Sterben in der Vorstellung so schwer gemacht, daß sicherlich ein gut Teil

Gerechter und Ungerechter beim Tode auf das angenehmste enttäuscht sein

wird.

Sterben ist Pflicht, wie auch das Leben. Es wird ein jeder so leicht oder

so schwer sterben, als seiner Natur das Leben geworden ist, und wer das

eine verstanden hat, wird auch das andere können. Die Menschen Indiens

sterben leichter, selbstverständlicher und gewissermaßen unauffälliger als

wir, sie überlassen der Gottheit die Sorge für ihr künftiges Ergehen und

werden den Gedanken schwer erfassen lernen, daß sie selbst in letzter

Stunde für einen geordneten Abzug verantwortlich sein sollten. Diese

Auffassung, die christlich genannt wird, entstammt auch keineswegs der

Überzeugung des unschuldigen Begründers unserer Kirche, sondern vielmehr

der berechnenden Klugheit ihrer Verwalter.

Langsam zog die Sonne ihren strahlenden Bogen, und das Land wechselte in

ihrem Schein. Wann wieder sollen Tage für mich kommen, die in so großer

Stille dahingehen, dem Gedanken und der Erinnerung geweiht, durchklungen

vom Kampfruf der Adler? Während ich hinabschaute ins Land, bald umwunden

vom schwermütigen Weinlaub des Traums, das glühte von Licht, bald in

wunderbare Klarheit des Äthers getaucht, durchlebte ich noch einmal so

manches, das ich gesehen und erfahren hatte, als ich das Land zu meinen

Füßen durchzog. Gegen Nordosten mußte Bitschapur liegen, die alte

Königsstadt, aus deren Schlösserruinen sich die mächtige Halbkugel erhob,

die einst ein mohammedanischer Fürst erbaut und ganz mit Gold hatte

ausschlagen lassen. Sie war gegen die aufgehende Sonne geöffnet, deren

Licht sich in tausendfachem Glanz darin brach, so daß kein Auge

hineinzuschauen vermochte, ohne geblendet zu werden. Mitten im Herzen

dieser Kuppel, unter dem gewölbten Golddach, waren die beiden Thronsessel

des Maharadscha und des Maharadscha Khunwar, des Königsohns, aufgestellt,

und in dem zornigen Strahlengefunkel, das das Feuer der Morgensonne

millionenfach widerspiegelte, empfing der König seine Gäste. So dienten das

kostbare Blut seiner Berge und das Himmelslicht des neuen Tages seiner

Herrlichkeit, und die bestürzten Freunde seines Reichs, die im Augenblick

des Sonnenaufgangs vor seinen Thron geführt wurden, hörten den Gruß des

Fürsten aus einem Glanz erklingen, der ihre Augen schloß und die Knie zu

Boden zwang. Es mag gewesen sein, als dienten Himmel und Erde einem

Allmächtigen, um seine Hoheit unfaßbar zu machen. Zwischen jener Goldkuppel

und dem Marmorplateau, auf welches die Ankömmlinge geführt wurden, war ein

tiefer gelegener Garten voll blühender Blumen, wie sie sich in Duft und

Pracht nur dem tropischen Himmel öffnen, und die Wohlgerüche ihrer Kelche

gesellten sich dem Glanze.

Der prachtliebende Sultan fiel von der Hand eines stärkeren Königs, der von

Norden kam und die Stadt zerstörte. Ihre Tore waren bis an die runden Bogen

der Gewölbe mit Toten angefüllt, und die Zähne des gefallenen Herrn der

Stadt konnten nicht aus dem elfenbeinernen Griff seines Säbels gelöst

werden, den er, zerfetzten Leibes, den Feinden nicht hatte überlassen

wollen. So ist er unter einem Berg seiner gefallenen Getreuen gefunden

worden, und die Sage erzählt, daß er auch so bestattet worden sei unter

dem gewaltigen Kuppelbau, den er sich selbst, wie alle Fürsten jener Zeit,

zu seinen Lebzeiten hat erbauen lassen.

Diese riesenhaften Grabdenkmäler der Stadt überragen noch heute das

Trümmerfeld von Bitschapur, sie erinnern in ihrer Bauart und Größe an

Moscheen, auch wird in einigen noch Gottesdienst gehalten, oder sie locken

Tausende von mohammedanischen Pilgern als Wallfahrtsort aus weiter Umgebung

in die heilige Stadt der großen Toten. Man erblickt in diesen Bauten

seltene Steinblöcke eingefügt, deren Entstammung bis heute nicht hat

aufgeklärt werden können, besonders als Grabsteine sind hier und da

schwarze, basaltartige Felsstücke verwandt worden, deren Beschaffenheit die

Gelehrten sich nur dadurch erklären können, daß sie sie unter die

Meteorsteine einreihen. Die größte dieser Kapellen ist von einer Kuppel

gedeckt, von deren Galerie der schwindelnde Blick unter sich die beiden

Grabsteine klein wie Streichholzschächtelchen erblickt, und das Auge ist

nicht in der Lage, einen Menschen von Angesicht zu erkennen, der sich ihm

gegenüber auf derselben Galerie befindet, wohl aber versteht er das

leiseste Wörtlein, das drüben im Flüsterton, gegen die Wand gesprochen,

fällt, da das Kreisrund des Steingefüges auf wunderbare Art den Schall

bewahrt und deutlich herumträgt. Man erzählt, daß der Sultan auf solche Art

die Ergebenheit seiner Minister, die Treue seiner Gäste und die Neigung

seiner Frauen erprobte, von denen er die einen oder anderen mit ihren

Vertrauten auf diese Galerie führte und sich, nach herausfordernden Worten,

wie zufällig von ihnen trennte, um dann Wort für Wort ihre Gedanken am

verräterisch erklingenden Kreisrund der Galerie zu erlauschen. In banger

Ehrfurcht vor diesem Wunder zittert das Volk noch heute in der Erinnerung

an die geheimnisvolle Macht des Toten.

In einem dieser Dome, fast dem größten, fand ich statt der gewohnten zwei

Grabsteine, die die Leiber des Königs und der Königin bergen und den

einzigen Inhalt der Gebäude darstellen, deren drei und erfuhr die

Geschichte dieser seltsamen Ausnahme, in der die Geliebte des Königs neben

ihm und seiner rechtmäßigen Gattin, der Mutter des Königssohns, beigesetzt

worden ist. Es geschieht sonst in keinem Fall, da nur die Favoritin, die

den Erben des Reichs geboren hat, im Tode neben dem Sultan ruht, seine

übrigen Frauen bleiben rechtlos, sowie auch deren Kinder, so ausgiebig sie

ihre Macht und ihren Einfluß im Leben angewandt oder mißbraucht haben

mögen. Aber die Geschichte erzählt, daß der König diese junge Gefährtin

seines Alters zärtlich liebte, und als er aus einem Kriegszug heimkehrte,

gelang es den Intrigen der Benachteiligten, Mißtrauen gegen ihre Treue in

sein Herz zu säen.

Sie beschwor ihre Unschuld, aber die falschen Beweise überzeugten den König

gegen seinen Glauben. Jedoch im Zwiespalt seiner Empfindungen mag er auf

den Gedanken gekommen sein, ein Gericht Gottes über Schuld und Unschuld der

jungen Frau entscheiden zu lassen. Er führte sie auf die hohe Galerie

seiner vollendeten Grabkirche, über deren niedriges Steingeländer hinab dem

Blick das Gefüge der großen Steinquadern des Bodens klein, wie die

Musterung eines Schachbretts, erscheint, und befahl ihr, hinabzuspringen.

Die Luft verfing sich während des Falls in ihren weiten Gewändern, und sie

langte unversehrt in der Tiefe an, grüßte hinauf zu ihrem Herrn, der ihr

mißtraut hatte, und tötete sich mit einem kleinen Dolch, der noch heute in

der Gegend ihres Herzens hockt. Das Volk nennt sie »die Fremde«, ihr

Grabstein wird mit heimlicher Scheu erwähnt, es mag dies seinen Grund darin

haben, daß ihr freiwilliger Tod nach erwiesenem Recht dem Geist der

orientalischen Weltbetrachtung wunderbar und unerklärlich erscheint.

Der König fiel in Schwermut, und der Gram seiner Reue soll oft in große

Grausamkeit umgeschlagen sein, seine Rachsucht ist furchtbar gewesen und

erst durch den Tod gestillt worden, man erzählt, daß er seit jenem Tage,

nachdem die Verleumder eines gräßlichen Todes gestorben waren,

allmorgendlich die Schärfe seines krummen Säbels im nackten Rücken des

Sklaven prüfte, der ihm die Steigbügel seines Pferdes hielt. Sein Bildnis,

das Händler der Stadt in kunstvollen bunten Kopien aus Wasserfarbe

feilbieten, zeigt ihn auf einem hohen Samtkissen hockend, das Schwert über

den Knien und den Blick unter dem roten, mit Edelsteinen geschmückten

Turban starr und erkaltet in die Weite gerichtet. Seltsam genug meldet die

Kunde von ihm, daß er, obgleich er niemals in Berührung mit seinem Volke

gekommen ist und sein Anblick Entsetzen verbreitete, auch kein Mädchen

seines Landes vor ihm sicher war, doch zugleich geliebt worden sei, wie

kein anderer Fürst vor oder nach ihm. Seine Krieger sollen für ihn in den

Tod gegangen sein, als spräche die Sterbenspflicht unter seinem Willen ihre

Seelen für alle Ewigkeit frei, und seine Widersacher verfielen der

Volkswut. Es ist dies ein neuer Beweis dafür, wie wenig die

Volkstümlichkeit eines regierenden Fürsten mit seinen guten Eigenschaften

zu tun hat, und daß kein Irrtum größer ist als der, daß die Liebe der

Untertanen und die Nahbarkeit des Herrschers Hand in Hand gehen.

Als ich Bitschapur sah, lag die Stadt voll Toter. Wir kamen in der

Morgenfrühe auf Pferden an, ohne Kunde davon erhalten zu haben, daß die

Pest in so furchtbarer Weise in der Stadt wütete. Als wir nahe vor den

Toren waren, wies mein Begleiter auf die Hügel im Umkreis der Stadt, die

mit Zelten bedeckt waren, und riet zur Umkehr, aber es bot sich uns keine

Möglichkeit dazu, da es uns an Wasser und Nahrung gebrach.

Die Lager auf den Höhen unterrichteten uns darüber, daß die Bewohner aus

der Stadt geflüchtet waren, und so fanden wir nur Tote im Bereich der

herrlichen Ruinen. Die Pferde zitterten, als uns der erste, widerlich süße

Hauch der Verwesung entgegenschlug, und Wolken von Aasgeiern erhoben sich

träge mit häßlichem Geschrei bei jeder Straßenbiegung. Die Leichen lagen in

den offenen Türen und auf den Gassen, aus leeren Augenhöhlen und

geschwärzten Angesichtern starrte der Tod uns an, und die Hufe unserer

Tiere verwickelten sich in den faulenden Schläuchen der menschlichen

Eingeweide, die die Geier weit über die Wege gezerrt hatten.

Die unbarmherzige Sonne spiegelte im Marmor, ihren stillen Liebeszorn

bewegte kein Lufthauch, ein paar vergessene Ziegen irrten durch die

furchtbare Todesöde und den gigantischen Prunk der Vergangenheit. Es war

eine Hungersnot vorangegangen. Heute noch sehe ich die mageren, dunkeln

Menschenkörper, geschwärzt vom Gift der Verwesung, gegen weiße Mauern

gelehnt, über Steintreppen geworfen, oder am rötlichen Boden. Zwei Kinder,

die einander umschlungen hielten, schienen am Rand eines Tempelteichs

eingeschlafen zu sein, die Lage ihrer zärtlichen Gestalten verriet weder

Angst noch Schmerzen, aber die Augen fehlten, und in geschäftigem, frohem

Eifer bohrte ein grauer Geier seinen Schnabel unter die Stirnen, so daß die

Köpfchen schaukelten. Als ich mich näherte, hob der Vogel den kahlen Kopf

mit dem harten Schnabel, und seine gelben Augen sahen mich räuberisch an,

als ob er Verwunderung darüber empfände, daß ein aufrechter, lebender

Mensch sein Totenreich betrat.

* * * * *

Als die Sonne ins Meer gesunken und ihr letztes Licht wie in violettem,

feuchtem Qualm über dem fernen Wasser zergangen war, brannte Panja ein

kleines Feuer auf der Berghöhe unter unserem Felsen an, der uns nach zwei

Seiten hin schützte. Wir mußten mit dem Brennmaterial sparsam umgehen,

Panja hatte es zum guten Teil unterwegs sammeln und bis zu unserer hohen

Lagerstätte schleppen müssen.

Die Nacht war totenstill, die ganze Welt schien erstorben, nur ein paar

große Nachtschmetterlinge besuchten mein Feuer, und ihr Surren zitterte in

der Luft, bis Panjas Schnarchen sie füllte. Aus weiter Ferne unterschied

ich Hyänenstimmen und schwaches Bellen der Schakale. Der Sternschein

tauchte in blassem Dunst der Tiefe glanzlos unter, aber über den Bergkuppen

und -zacken funkelte das Licht hart und zornig, wie im göttlichen Rausch

seiner unirdischen Freiheit. Der schmale Mond war erst gegen Mitternacht zu

erwarten.

Ich schlief nur ganz kurze Zeit, um den Aufgang der Sonne nicht zu

verpassen, und die Stunden eines einsamen Wachens auf der Höhe, in der

blauen silbernen Tropennacht sind mein unvergängliches Eigentum geblieben,

ein feierliches Kleid der Erinnerung, das meine Seele niemals ablegen wird.

Es ist ihr bannender Zaubermantel gegen die Bedrängnisse des kleinen

Alltags geworden, das Leben und der Tod wiegen ihr in solcher Hülle leicht,

und der Gedanke an das Unendliche rückt nahe, wie sich das Bild im

spiegelnden Wasser dem Knienden nähert.

Ich vergaß in jener Nacht, daß die Erde bewohnt ist, und ich begriff, daß

wir Menschen unseres Jahrhunderts unser ganzes Wesen zu sehr darauf

eingestellt haben. Unsere Beziehung zur Natur ist oft nur durch eine Flucht

vor den Menschen und aus unseren Lebensverhältnissen möglich, und so

erscheint uns das nur für kurz gegönnt, was uns von Anfang an zum Eigentum

bestimmt war. Der Satan der neuen Welt entschädigt uns überreichlich für

die Verluste unserer alten Rechte, und doch werden wir am Ende die

Betrogenen sein, denn der beste Teil entgeht uns, jener Anteil, der die

Gelassenheit der Besinnung mit sich bringt, die Ruhe des guten Gedankens

und den Frieden der Erkenntnis unserer selbst.

Indienfahrt · 第 21 / 44 题