In den Bergen

Panja prüfte aufs neue das verfallene Haus, in dem ein Raum notdürftig für

mich hergerichtet worden war, so daß er geschlossen werden konnte, da ich

die Nacht ohne Feuer verbrachte.

»Willst du bleiben, Sahib, bis die großen Regen kommen?«

Ich wußte, daß dies nicht anging, und daß wir verloren sein würden, wenn

die ersten Gewitter uns in den Bergen überraschten. Erfolglos versuchte ich

die Zeit seit unsrer Abreise von Cannanore zu ermessen, es mochten vier,

fünf oder sechs Monate vergangen sein.

Gurumahu war eines Morgens zu mir gekommen und hatte sich heimwehkrank

gemeldet. Er trennte sich mit schwerem Herzen von uns, aber wenn er sein

Dorf vor Anbruch der großen Regen erreichen wollte, so mußte er sich nun

auf den Weg machen.

Ich schenkte ihm meine verlötete Tropenuhr aus Nickel. Das war gewiß an

sich kein großes Geschenk, obgleich sie aufgeregt zu ticken verstand und

bei trockener Witterung sogar ging, aber Guru nahm sie beglückt entgegen.

Er wird künftig alles aus ihr ersehen, was sein Herz zu wissen begehrt: die

Jahreszeiten, die Windrichtung und den Gang der Gestirne. --

Oft fehlte es uns am Nötigsten. Panjas besorgte Augen schreckten mich aus

der Täuschung, in der ich mich dem Glauben hingab, daß die wohltuende, oft

kühle Luft der Berge und der hochgemute Seelenzustand, wie er Genesende

erfreut, zu hoffnungsvollem Blick in die Zukunft berechtigten. Unser Gepäck

war zum größten Teil gerettet, nur unter den Nahrungsmitteln hatten die

weißen Ameisen auf das furchtbarste gewütet, aber außer Panja und Pascha

hatte ich nur noch zwei Träger aus Süd-Kanara bei mir, die uns unter

großem Müheaufwand und oft unter Einsetzung ihres Lebens mit Reis und

Früchten aus dem nächsten Dschungeldorf versahen. Die dortigen Bewohner

hatten unsere Abhängigkeit von ihrer Leistung herausgebracht, und meine

Geldvorräte schmolzen immer mehr zusammen, eine Tatsache, die Panja in

stille Raserei brachte. Er schwor den Erpressern unten im Grünen Rache und

versprach mehr als einmal, ihr Dorf in Brand zu stecken; meine

Gleichgültigkeit führte ihn zu ernstlichen Ermahnungen:

»Sahib, du bist ein großer Herr, und du kannst tun, was du willst, aber du

tust nichts. Die Tage verstreichen, einer nach dem andern, wie die

Wasserwogen an der Meeresküste, sie lassen keine Spuren zurück und bringen

immer das gleiche. Wer lebt so? Als wir in Anandapur waren, hast du die

Brahminen verlacht, die den ganzen Tag in der Sonne liegen und den

Tempelreis fressen, der ihr Anrecht ist, aber wie machst nun du es? Früher

hast du alles in Büchern verzeichnet, was du sahst, und mich oft gefragt,

aber nun tust du auch das nicht mehr, und die Bücher sind verbrannt.«

Das war Panja ein großer Kummer, denn er wußte, daß auch seiner oft in

diesen Büchern Erwähnung getan war, und er hatte sich auf den Ruhm

vorbereitet, der seiner im Okzident, im Lande der Herren, wartete. Ich

lachte ihn aus; nur was die Gewitter betraf, hatte er recht, und so

entschloß ich mich eines Tages, den kürzesten Weg nach Mangalore zu nehmen,

um im Schutz dieser alten, gesicherten Hafenstadt die Regenzeit abzuwarten.

Aber im Herzensgrund ahnte ich bei solchen Vorsätzen, was ich aufgab und

dahinten ließ, und daß meinem Leben keine Zeit mehr würde gegeben werden,

die der verstrichenen an Licht und Freiheit glich. Und so kam es, daß sich

unsere Abreise von Tag zu Tag hinauszögerte, obgleich alle meine Erlebnisse

in den Bergen sich im Schleier jener dämmerigen Unwahrscheinlichkeit und

heimlichen Ruhlosigkeit zutrugen, die uns befallen können, wenn wir an

schöner Stätte den Gedanken des Abschieds schon mit uns umhertragen. --

Da war Gong, ich werde ihn nicht vergessen, wahrscheinlich ist er

inzwischen gestorben, denn er zählte schon damals nicht mehr zu den

Jüngsten, und er überwand sein Mißtrauen gegen mich niemals ganz. Er

gehörte jener Sorte von halbgroßen Affen an, die in Indien nur in den

Bergen leben, sie sind bedeutungsvoller als ihre Brüder aus dem Dschungel,

und sie haben andere Eigenschaften, aber keineswegs bessere.

Ich nannte diesen meinen Gefährten der Frühmorgenstunden Gong wegen seiner

außerordentlich häßlichen Stimme, die so klang, als ob man einen alten,

rostigen Blechkessel gegen eine Steinmauer würfe. Gottlob sagte er nicht

viel, aber meine Erscheinung nötigte ihm das größte Interesse ab, offenbar

hatte er sich in den Kopf gesetzt vor seinem Hinscheiden noch etwas ganz

Besonderes zu erleben, und sich meine Person ausgewählt, die ihm dazu

angetan schien und die sich morgens unter den hohen alten Latan- und

Tamarindenbäumen finden ließ.

Kaum daß die ferne Fläche des Meeres sich im Dämmern silbern färbte, als

ich auch schon mein Lager verließ, um die kühlsten Stunden nicht zu

verpassen. Ich sah diesen blassen Himmelsschein wie er sich vor der

vergitterten Öffnung meines Fensters matt und glanzlos abhob, nur wenig vom

Licht des Mondes unterschieden und vom ersten Ruf der Raubvögel erfüllt,

die weit hinter mir, schon in hellerem Licht, um die Felszacken kreisten.

Nun dauerte es noch etwa eine Stunde, bis die ersten Sonnenstrahlen unser

Hochland erreichten, zuerst sah ich sie fern auf dem Wasser funkeln, und im

Osten zeigten die Felszacken goldene Ränder in unendlich freier, weiter

Höhe gegen den blaßblauen Morgenhimmel emporgereckt. Es gingen ein Glanz

und eine Stille von ihnen aus, die jeden Morgen aufs neue mein Gemüt

erfüllten und es bis weit in die Tagesstunden hinein begleiteten, da nichts

geschah, was ihren Frieden in meiner Seele auszulöschen vermochte. Nur wer

auf diese Art und unter solchen Bedingungen die Natur aufzunehmen vermag,

lernt sie begreifen, denn sie erfordert, wie alles Große, unsere

schrankenlose Hingabe, um sich uns voll zu offenbaren.

In dieser Stunde wartete Gong auf einem der meinem Hause nahe stehenden

Bäume, meistens auf einem niedrigen dicken Ast. Die eine Hand umklammerte

allerdings in der Regel, für alle Fälle, einen höheren Zweig, und wenn ich

meine Büchse bei mir hatte, so konnte anfangs kein Zureden ihn bewegen, zu

verharren. Ich weiß nicht, auf welche Art er die Bekanntschaft meiner Waffe

gemacht haben kann, sicher ist, daß die Affen mich weit länger kannten und

beobachtet hatten, als ich sie.

Seine Gefährten flohen anfänglich in großen Scharen. Es war leicht, sie

dabei zu beobachten, weil die Bäume in großen Abständen voneinander

wuchsen, und die Herren sich jedesmal die Mühe machen mußten, erst wieder

auf den Erdboden herabzusteigen, wenn sie weiterkommen wollten. Gong nun

machte eines Tages eine Ausnahme, er blieb sitzen, als ich nahte, und ich

blieb stehen, denn es war mindestens erstaunlich, daß dieser Affe sich

nicht auf- und davonmachte. Er saß auf einem niedrigen, dicken Ast, hielt

sich mit allen vier Händen fest, als ob er sich hindern wollte, schließlich

doch die Flucht zu ergreifen, zitterte und sah mich mit hochgezogenen

Brauen zugleich neugierig, boshaft und ängstlich an.

Ich habe nun bei Tieren immer zu erkennen geglaubt, daß sie es in der Regel

erst dann böse mit uns meinen, wenn wir ihnen Anlaß dazu geben. Es mag

sein, daß diese Anschauung daher kommt, daß ich in meiner Jugend niemals

schlechte Erfahrungen mit Hunden, Pferden oder Katzen gemacht habe,

obgleich diese Geschöpfe aus jener Zeit durchaus nicht das gleiche von mir

behaupten werden, auch mag es daran liegen, daß ich mich nicht im

Bewußtsein einer Überlegenheit wohlzufühlen vermag. Von allen Empfindungen,

die die Geselligkeit unter andern Wesen, seien es nun Menschen oder Tiere,

mit sich bringt, ist mir die der Überlegenheit am peinlichsten; ich habe

immer gesehen, daß die beschränktesten Menschen sie am ergiebigsten

auskosteten, wenn sich ihnen einmal Gelegenheit dazu bot. Es liegt im Wesen

aller Andacht vor dem Lebendigen, daß man sich einschließt, indem man

Rechte zugesteht, und sie erst dann einfordert, wenn das gemeinsame

Wohlergehen unserer Leitung bedarf. Von den gewaltigen Lebensstimmen, die

in der kurzen Wegstrecke des Erdendaseins unser Gemüt erschüttern, ist das

Seufzen der unterdrückten Kreatur, wie die leitende und klagende Melodie in

einem brausenden Orgellied, immer das Vernehmlichste gewesen, das mir zu

Ohren gedrungen ist, und da ich verabscheue, Mitleid zu geben oder zu

empfangen, ist mir nur der Weg geblieben, in allem Lebendigen einen meinem

Leben gleichberechtigten Ausdruck der Natur zu erblicken.

Als nun Gong sitzen blieb, ohne mit seinen Gefährten zu flüchten, und ich

mich ihm langsam näherte, unterschied ich deutlich in seinen Zügen die

Anspannung eines, der mit Herzklopfen zwischen Angst und Neugier schwankt.

Darüber aber schien ihm plötzlich einzufallen, daß es noch einen dritten

Weg gab, und er schlug ihn ein und machte den Versuch, mich dadurch

einzuschüchtern, daß er mir auf seine Art einen Beweis seiner Waldrechte

und seiner persönlichen Bedeutung vermittelte. Er zog den Kopf tief

zwischen die Schultern ein, reckte ihn darauf mit einem Ruck vor und

schüttelte zugleich den Ast, auf dem er saß, durch ein energisches

Schaukeln seines ganzen Körpers so wild und angreiferisch, als seine Kraft

irgend zuließ. Dabei stieß er aus rund gehöhlten Lippen einen Ton hervor,

der sehr schwer zu schildern ist, von dem man aber dadurch einen Begriff

bekommen würde, wenn man einen Lampenzylinder fest an die Lippen setzte und

im Brustton ergrimmtester Überzeugung hineinstieße: »Großer Gott!«

Diese Erfahrung wirkte im ersten Augenblick so komisch auf mich, daß ich

lachen mußte, und ich schlug auf meine Schenkel und tat es laut. Einen

Augenblick schaute Gong verdutzt drein, aber dann nahm er meine Gebärde als

ein Zeichen wohlwollender Annäherung und wiederholte sie, so gut er konnte.

Seine Augen blieben dabei merkwürdig ernst, und seine Stirn zeigte tiefe

Falten.

Wir erwiesen uns nun diesmal und künftig unser Verständnis füreinander

dadurch, daß wir uns nach bestem Vermögen nachahmten, und so belustigend

wir vielleicht dabei aufeinander gewirkt haben mögen, blieb mir doch eine

Bekümmernis und eine leichte Melancholie im Sinn, wenn ich bedachte, wie

groß und unüberbrückbar die Schranke war, die mich von Gong trennte.

Ich habe im Verlauf unserer Bekanntschaft die deutliche Beobachtung

gemacht, daß Gong sich verstimmt zeigte, wenn ich einmal ausgeblieben war,

und daß er sich ehrlich über meine kleinen Aufmerksamkeiten freute.

Vielleicht mag ihn ein ähnlicher Gedanke bei seiner Betrachtung meiner

Person bewegt haben. Er versuchte zu lernen und zu begreifen, was irgend

sich für ihn verstehen ließ, und wenn es häufig auch nur bei der äußeren

Gebärde blieb, so war doch auf beiden Seiten der Wunsch erkennbar, einander

näherzukommen.

Zwar ließ er mich äußerlich niemals weiter an sich herankommen, als bis

etwa auf fünf oder sechs Schritte. Sobald ich den Versuch machte, diesen

Abstand zu verkürzen, hob er mit einem bedauernden Ablehnen die Hand und

ergriff einen höheren Ast, um mir anzudeuten, welche Folgen mein

Entgegenkommen haben würde.

Gong hatte im Laufe unserer Bekanntschaft alles gelernt, was sich mit den

Augen von den Vornahmen eines Menschen begreifen läßt, er hat meinen

Tropenhut auf dem Schädel gehabt, mein Taschentuch gebraucht, und er weiß

wozu ein Messer gut ist. Er hat meine Notizbücher durchblättert und in

meiner Hängematte geschaukelt, und er verstand die Bewegungen des An- und

Ausziehens eines Rockes so täuschend nachzuahmen, als sei er von alters her

gewohnt, Kleidung zu tragen.

Oft allerdings begriffen wir einander gar nicht, denn Gong wußte in seiner

Sucht, mir gleich zu sein, bald kein Maß mehr zu halten, und verstimmte

mich zuweilen empfindlich durch seine Nachahmungen, so daß ich mir

lächerlich in meinen Bewegungen vorkam und den bestimmten Eindruck gewann,

verspottet zu werden. Es mußte nun darüber nachgedacht werden, auf welche

Art Gong eines Teils seiner Erziehung wieder zu entwöhnen war, denn es

wurde von Tag zu Tag offenkundiger, daß sowohl er selbst, wie auch seine

Gefährten, mich nicht mehr ernst nahmen und es an dem Respekt fehlen

ließen, den ich glaubte beanspruchen zu dürfen. Die Tiere lachten geradezu,

wenn ich kam. Zuweilen warteten sie morgens in Reih und Glied auf mich, um

mich bei jeder Gelegenheit auszulachen. Sie stießen sich gegenseitig an, um

sich aufmerksam zu machen, rieben sich vor Vergnügen die grauen Hände und

schlugen sich auf die Schenkel, dabei quietschten sie in allen Tonarten,

mißgönnten sich im nächsten Augenblick ein Glück, das sie einander noch vor

kaum einer Minute zuerteilt hatten, und fühlten sich bei alledem auf eine

Art wichtig, die auch bescheidenere Leute, als ich einer bin, ernstlich

verdrossen hätte.

Ich war nirgends mehr allein, wo immer ich mich aufhielt, und selbst die

Achtung vor meiner Büchse schwand von Tag zu Tag, da die Herren

herausgebracht hatten, daß es mir auf Vögel und Rotwild ankam, und daß das

wichtige Geschlecht der Affen völlig außer Gefahr war, geschädigt zu

werden. War es mir aber einmal gelungen, irgendein kleineres Tier zu

erbeuten, so warteten sie, bis ich die Büchse beiseite legte, und kamen

herzu, wobei sie sich gebärdeten, als hätte ich diesen Erfolg einzig ihnen

zu verdanken.

Am meisten ärgerte ich mich über ihre Vergeßlichkeit. Es war schändlich,

wie wichtig sie sich bei einer Sache anstellen konnten, die ihrem

Gedächtnis gleich darauf entglitt, als wäre sie nie in der Welt gewesen.

Jeden Augenblick fiel ihnen etwas anderes ein, und immer beanspruchten sie,

in ihrer neuen Pose völlig ernst genommen zu werden. Ich kam mir

schließlich so vor, als sei ich in einer fremden Stadt ein zum Amüsement

der Bürger geduldeter Sonderling, und begann an meiner Tier- und

Weltbetrachtung ernstlich irrezuwerden.

So klagte ich Panja mein Leid. »Oh,« sagte er, »die Affen! Wer wird sich

mit den Affen einlassen, Sahib? Aber wenn du nur eine Heuschrecke

erblickst, so wirst du schon sorgenvoll und redest sie an, und dann tust du

so, als ob es dir antwortete, das Vieh. Wer aber mit Affen umgeht, hat bald

den Eindruck, als sei sein eigener Schatten närrisch geworden, und den

Schatten kann man nicht fangen.«

»Ich will Gong haben«, antwortete ich.

Panja dachte nach. »Ich habe als Kind manchen Affen in der Schlinge

gefangen, und wenn der Affe, den du haben willst, dich kennt und kein

Mißtrauen hegt, so kannst du ihn leicht fangen, wenn du ihm zuvor genau

zeigst, wie man in eine Schlinge geht. Von diesem Kunststück lernt er nur

die erste Hälfte, und wenn du rasch hinzuspringst, kannst du ihn greifen.

Aber du mußt ihm mit der linken Hand entgegenkommen und ihn unversehens

mit der rechten im Genick packen. Die alten Affen beißen, solange sie noch

Hoffnung haben, entwischen zu können. Später denken sie nach und geben es

auf.«

Das war ein ausgezeichneter Gedanke. Ich nahm am andern Morgen ein

haltbares Hanfseil, fettete es ein, und als meine Peiniger mich empfingen,

begann ich mich auf alle Arten, bald am Arm, bald am Hals, aufzuhängen,

wobei ich besonders Gongs Aufmerksamkeit zu erregen suchte. Seine Gefährten

zogen sich betroffen zurück, da meine Maßnahmen ihnen fremd waren, aber

Gong sah mir nachdenklich zu und wurde ungemein ernst. Als ich glaubte,

genügsam durch mein Beispiel gewirkt zu haben, öffnete ich die Schlinge,

soweit als nötig, zog mich zurück und legte mich in einiger Entfernung ins

Gras, um meiner Genugtuung in aller Ruhe entgegenzusehen.

Aber Gong blieb ruhig auf seinem Ast sitzen und schaute mit hochgezogenen

Brauen bald die Schlinge an, bald mich. Dann machte er sein böses, rundes

Maul, stieß den Kopf gegen mich vor, sagte verächtlich »Großer Gott« und

wandte sich ab, um die Gegend zu betrachten.

Da hörte ich Panja hinter mir lachen und beschloß, ihn sofort zu töten.

»Sahib, dieser Affe kennt die Schlinge, er kennt auch die Menschen, deshalb

ist er damals so nahe herangekommen.«

»Warum lachst du?« schrie ich. »Wer hat dir erlaubt, zu lachen?«

»Das muß man«, sagte Panja.

Da sah auch ich es ein und lachte mit ihm zusammen.

* * * * *

Die grüne Wildnis des Dschungels unter mir dampfte in der Frühsonne und

blieb oft bis Mittag verhüllt, ich begriff nun zuweilen schwer, wie ich es

dort unten so lange Zeit ertragen hatte, jetzt, da die Klarheit der

Bergluft kühl um meine Stirn wehte. Nachts kam der Panther bisweilen bis

auf die Veranda des Hauses, von Hunger aus dem dürren Hügelland in unsere

Nähe getrieben. Das Wild hatte sich aus der verbrannten Steppe in den

Dschungel zurückgezogen, und ich begegnete außer Schakalen bald nur noch

Hyänen, wenn ich mit der Büchse aus den Waldpartien bisweilen des

Nachmittags über die kahlen Berge zog. Aber immer huschten die Tiere in

Abständen und außer Schußweite am Horizont dahin. Die graubraunen Schakale,

die die Farbe des Bodens hatten, reizten mich oft zum Schuß, aber kaum

hatten die zierlichen Köpfchen mit den hochstehenden Ohren sich gezeigt, so

schien der Boden sie auch schon wieder verschlungen zu haben.

Nahe bevor wir abreisten, schoß ich meinen ersten Panther. Es war in einer

klaren Mondnacht, als ich hörte, wie Panja in mein Zimmer drang und mich

rief. Hinter ihm stand Pascha still und steil im Mond, von unten her ein

wenig vom Schein des Feuers beleuchtet, das nur schwach am Boden des

Vorplatzes brannte.

»Sahib,« sagte Panja, »der Panther ist so hungrig, daß er Feuer frißt, wir

können ihn nicht vertreiben und keinen Schlaf finden.«

Mir war die Nachricht willkommen, ich nahm die Büchse und befahl Panja, das

Feuer zu löschen. Die Träger waren unterwegs in die Niederungen, um Reis

und Geflügel zu kaufen, und wurden nicht vor Ablauf des kommenden Tages

zurückerwartet. Ich lud beide Läufe mit Kugeln und legte den Revolver neben

mich. Das Fenster enthielt keine Scheiben, sondern war nur mit dicken

Holzstäben versehen, die Panja zum Teil erneuert hatte, die aber einem

energischen Eingriff keineswegs standgehalten hätten. Ich stellte mich in

den Mondschatten, und wir warteten.

Pascha legte sich im Winkel des Raumes zum Schlafen nieder, und ich hörte

ihn nach kurzer Zeit schnarchen; Panja dagegen blieb dicht an meiner Seite,

nachdem er sich mit dem längsten Messer bewaffnet hatte, das unser

Lagerbestand aufwies, und mit einer Wegaxt. Er schüttelte sie wie ein

Indianerhäuptling und grinste vor Aufregung, dann begann er das Meckern

einer Ziege so täuschend nachzuahmen, daß mir zum ersten Mal mit ganzer

Klarheit vor Augen trat, daß wir hier das große Raubtier erwarteten.

Es war vielleicht eine Stunde vergangen, und ich begann bereits die Geduld

zu verlieren, als plötzlich unter meinen Augen, jenseits des Fensterbretts,

das Mondlicht erlosch. Ich dachte zuerst an alles andere, merkwürdigerweise

nur nicht an den Panther, zumal sich nichts mehr rührte, weil das Tier mit

seinem letzten Schritt Witterung von uns bekommen haben mußte. Und nun

erkannte ich die große Katze unmittelbar vor mir, niedriger zwar, als sie

in meiner Vorstellung lebte, und merkwürdig farblos, aber ich unterschied

deutlich die geschmeidige Belebtheit der schönen Rückenlinie und den

herrlichen Katzenkopf, der mir mit halb geöffnetem Rachen zugekehrt war. In

diesem Augenblick brach ein Geräusch aus den zurückgezogenen Lippen hervor,

das mein Blut erstarren machte, es war ein fauchendes Schnarchen, überlaut

und von einem Zorn und einer Angst hervorgestoßen, die den Willen bannten.

Ich erinnerte mich, dieses häßliche und zugleich so überwältigende Fauchen

in meiner Kindheit im Tiergarten am Käfig des Tigers gehört zu haben, wenn

der Wärter nahe an den Stäben vorüberschritt. Nun trennte mich allerdings

auch in diesem Augenblick ein Gitterwerk von dem Raubtier, aber der Grimm

dieser Stimme erweckte die Vorstellung einer so unmittelbaren Nähe, daß

auch die stärksten Eisenstäbe kein Vertrauen eingeflößt hätten.

Ich entsinne mich nicht mehr, ob ich die Büchse im Anschlag hatte, oder ob

ich sie emporriß, jedenfalls zielte ich ohne das geringste Zutrauen zur

Wirkung meines Geschosses, zwischen die Augen, die ich deutlich

unterschied, wobei ich mich mehr auf die natürliche Fähigkeit der Arme

verließ, dem Lauf die notwendige Richtung zu geben, als auf das Visier, und

drückte, wahrscheinlich viel zu rasch, beide Läufe ab.

Ich hörte ein Geräusch am Boden, als spränge das Tier in diesem Augenblick

vom Hausdach herunter vor mich hin, gleich darauf zerkrachte wie ein

Zündholz einer der Fensterstäbe unter einem furchtbaren Tatzenhieb. Dann

wurde es ruhig vor mir und leer, wir hörten den rollenden Widerhall der

Schüsse von den Bergen her, sie polterten bellend von Felswand zu Felswand,

rollten durch die Täler und verhallten endlich fern in der Mondnacht wie

zwei gehetzte, klagende Brüder auf der Flucht.

Die erste deutliche Empfindung, die mich zu mir brachte, war das Schmerzen

meiner Hand, mit der ich den Revolver so fest umklammerte, als ob ich mit

dem ganzen Körper daran hinge. Ich erinnerte mich nicht mehr, ihn ergriffen

zu haben, lockerte aber nun aufatmend die Finger und gewahrte, daß ich am

ganzen Körper zitterte wie im Frost. Ich habe später in Kanara und Maisur

noch manchen Panther erlegt, auf Reisfeldern, in Bäumen auf der Lauer

liegend und in Felsschluchten, aber nie wieder durchschüttelte mich, selbst

bei weit größerer Gefahr, ein annähernd so starkes Fieber des Entsetzens

und der Hilflosigkeit. Ein unzulänglicher Schutz ist oft bei weitem

beängstigender als die volle Gewißheit einer schrankenlos wirkenden Gefahr,

und nicht nur, wenn es sich um einen Panther handelt. Es mag hinzukommen,

daß es in der Tat überwältigend ist, plötzlich zum ersten Mal dieser großen

Katze Auge in Auge gegenüberzustehen, deren Ankündigung aus geheimnisvoller

Nachtfinsternis man monatelang vernommen hat, und aus der die Phantasie in

unablässiger Beschäftigung ein bei weitem schlimmeres Fabelwesen

erschaffen hat, als der Panther es in Wirklichkeit ist.

Er ist im Grunde sehr scheu und fällt fast niemals Menschen an, selbst

Kinder nicht, wenn ihn nicht die äußerste Not des Hungers oder die

Bedrängnisse der Treibjagd nötigen. Im gesättigten Zustande weicht er stets

der Begegnung mit dem Menschen aus und er mordet nicht mehr, als zur

Erhaltung seines Daseins erforderlich ist. Alle Hirten, die mir in Malabar

vom Tiger oder Panther erzählt haben, stimmten in ihrer Erfahrung darin

überein, daß diese Katzen sich mit dem begnügen, was sie brauchen; unter

gewöhnlichen Verhältnissen nimmt der Panther eine Ziege aus der Herde,

schleppt sie davon, sättigt sich und überläßt die Reste seiner Beute

neidlos den Hyänen, die fast immer in seiner Gefolgschaft zu finden sind,

und die er nur dann angreift, wenn der äußerste Hunger ihn nötigt.

Vom Tiger gibt es vielerlei widersprechende Geschichten, die aber alle mit

großer Vorsicht aufgenommen sein wollen, denn die abergläubische Furcht der

Hindus vor dem Tiger ist so groß, daß kaum einer noch in der Lage ist,

zwischen Tatsachen und allegorischen Erfindungen zu unterscheiden. Das

Grauen der Eingeborenen vor dem Tiger ist so nachhaltig, daß sich in vielen

Provinzen der Begriff des Bösen, des Satans, im Namen mit dem dieses

Raubtiers deckt, eine Tatsache, die nur verständlich ist, wenn man die

unerhörte Überlegenheit des Tigers über die dortigen Menschen kennt, die

fast alle ohne Waffen sind, und deren Laubhütten keinen genügenden Schutz

gegen einen nächtlichen Überfall bieten. Von vielen Sagen beruht jedenfalls

die auf Wahrheit, daß Tiger, welche den Genuß des Menschenfleisches kennen,

selten noch andere Nahrung zu sich nehmen, und solche Exemplare können dem

Lande ein außerordentlicher Schrecken werden. --

Wir fanden den erlegten Panther in der Morgendämmerung in den Aloën. Der

Boden umher war zerwühlt und im Todeskampf aufgerissen worden, aber das

große Tier lag jetzt ruhig, fast friedlich da, ohne Entstellung und ohne

Spuren eines Todeskampfs. Ich fand nur den Weg der einen Kugel, die hinter

dem Ohr in den Nacken gedrungen war und den Wirbel zerschmettert hatte. Die

Augen waren geschlossen, was man sehr selten bei einem erlegten Tier

findet, und das schön geschnittene Maul, in einem wehmütigen und beinahe

zärtlichen Ernst, war ein klein wenig geöffnet, wie von einem letzten

Todesseufzer bewegt.

Seltsam harmonisch, fremdartig und zugleich im Sinn dieses Landes vertraut

und notwendig, hoben sich die stachligen, blaugrünen Blätter der

Aloëstauden von der gelben Färbung des Fells ab. Ich vergesse diesen

Anblick niemals, der sich mir so entscheidend in die Seele einprägte, als

erfaßte ich zu dieser Stunde zum ersten Mal mit ganzer Inbrunst den

unnennbaren Begriff Indien, den der Pinsel keines Malers und das Wort

keines Dichters in seiner ganzen Fülle und Eigenart zu vermitteln vermögen.

Panja war den ganzen Morgen über schweigsam, ein mächtiger Herr der Berge

war gestorben. Ich trug mich den Tag hindurch mit eigenartigen Gedanken,

und zuweilen war mir zumut, als sei eine arge und sinnlose Willkür

geschehen, als habe ich einen Eingriff in die Pracht und Mannigfaltigkeit

der Schöpfung getan, die mit dem Aussterben der großen Katzen in Indien

langsam um ihre vollkommensten Resultate geschmälert wird.

Indienfahrt · 第 19 / 44 题