In einer ungewissen Stunde, die nicht am Morgen und nicht am Abend war, kam
ich mit dem bestimmten Bewußtsein zu mir, nach jener denkwürdigen Nacht mit
Huc, dem Affen, am Morgen gestorben zu sein. Es muß nach dem Tode einen
seltsamen Halbschlaf der ersterbenden Sinne geben, der uns noch eine
Zeitlang den Fortgang des Lebens vortäuscht, eine Art Erinnerung des
Körpers, der sich seinem Verfall noch nicht zu ergeben vermag, in welcher
die Hoffnung unseres Herzens in einem mitleidigen Spiel den Gang des
Daseins fortsetzt, nachdem die Seele ihrer Hülle entflohen ist. In jenem
Stadium mußte mir alles geschehen sein, was ich bis zu diesem Morgen erlebt
zu haben glaubte; ich lächelte geringschätzig und melancholisch in die
grauen, sanft erklingenden Sphären hinein, in denen ich dahintrieb.
Immerhin erfreute es mich, daß mein Bewußtsein nicht völlig erloschen zu
sein schien, und die Erkenntnis, nun endlich mit Sicherheit zu wissen, daß
ich gestorben war, beruhigte mich sehr; ich begriff nun deutlich die
qualvolle Ungewißheit, die über allem gelegen hatte, was mir in der letzten
Zeit zugestoßen war. War nicht alles wie aus grauen Spiegeln emporgetaucht
und in anderen wieder versunken, in seltsamem Kreisen und liederlicher
Gleichgültigkeit gegen die Wirklichkeit? Bei dieser neuen Offenbarung über
meinen Tod, den ich mir aus einer im Grunde recht kleinlichen
Lebensängstlichkeit bisher nicht einzugestehen gewagt hatte, entschloß ich
mich in einer wundervollen Gelassenheit des Gemüts, nun niemand mehr zu
dienen, als allein der Erinnerung. Es war merkwürdig, daß Panjas Gesicht
mich dabei störte, das ungewiß und groß, wie ein Wolkenschatten, zuweilen
über mir erschien, mein Dahinziehen durch das flimmernde All hinderte und
in sinnloser Aufdringlichkeit in meiner Nähe verharrte. Ich ließ mich nicht
täuschen, ich erkannte in unzweifelhafter Klarheit, daß der Durst, der
meinen Körper durchglühte, der Wissensdurst meiner Seele war; er war mein
einziger Schmerz, und ich pries mich glücklich.
Irgend jemand sprach zu mir; ich beachtete es lange absichtlich nicht, weil
ich mich nicht von der Überzeugung trennen wollte, daß niemand das Recht
hat, mit einem Toten zu reden. Merkte denn dies wesenlose Geschöpf immer
noch nicht, daß Tote andere Interessen haben, als sich mit dem
vergänglichen Tand abzugeben, der die Lebendigen der ungewöhnlich kleinen
Erde beschäftigt, die nicht einmal in der Lage ist, sich ruhig zu verhalten
und in lächerlicher Abhängigkeit von der Sonne umhertanzt? So entschloß ich
mich endlich, mir Ruhe zu verschaffen, und wandte mich in der prächtigen
Freiheit des Muts um, den nur Tote haben, um Schweigen zu gebieten. Aber da
erkannte ich, daß mein Ich neben mir saß und rauchte. Es hatte sich meiner
Pfeife bemächtigt, meiner Kleider und Schuhe und trug meinen fünfmal
gewundenen Schlangenring aus Gold mit den Saphiraugen und der
Brillantenkrone. Ich fand im Augenblick nicht den rechten Ton, denn es ist
ungewöhnlich schwer, sich im Tode richtig gegen jemand zu benehmen, den man
im Leben oft hintergangen hat. Mein Ich lächelte mir ermutigend zu, aber
ich ließ mich nicht irreführen; dies Lächeln kannte ich, man weiß doch,
womit man andere über sich selbst zu täuschen pflegt, und was hinter seinem
eigenen Lächeln steckt. Aus irgendeinem Grunde sagte ich rasch und
ärgerlich:
»Nur keine Philosophie, bitte.«
Mein Ich erwiderte freundlich, daß ihm dererlei völlig fernläge, und daß
nach der Scheidung, die ich als vor sich gegangen zugeben müßte, überhaupt
alle Fragen über das Wesen von Sein und Nichtsein aufgehoben wären.
Es war ungemein fesselnd, meine eigene Stimme zu hören, derer sich mein
Gegenüber bediente; aber irgend etwas am Klang der Stimme ging in kühler
Sachlichkeit weit über die arme Befangenheit hinaus, in welcher ich mich
früher dieser Stimme bedient hatte. Dies ärgerte mich empfindlich, denn ich
erkannte, was ich zu Lebzeiten versäumt hatte.
»Siehst du, was alles in mir gesteckt hat?« fragte ich, aber ich verwand
meinen Verdruß rasch, denn mein abgeklärtes Ich an meiner Seite hatte etwas
ungemein Imponierendes.
»Habe ich eigentlich jemals auf einen Menschen einen ähnlichen Eindruck
gemacht, wie Sie auf mich?« fragte ich.
»Du kannst schon du sagen,« meinte mein Ich recht liebenswürdig und ohne
kränkendes Wohlwollen, »wir müssen versuchen, uns endlich zu verstehen.«
Das sah ich ein. »Gib wenigstens den Ring her!« bat ich.
Da sah ich, wie ich selbst, an meinem Lager sitzend, meinen Ring vom Finger
zog, genau auf die gleiche Art, wie ich es zu Lebzeiten getan haben mochte,
wenn ich ihn irgend jemand auf seinen Wunsch hin zeigte. Ich versuchte, den
Ring anzustecken, aber mein Finger brach ab. »Verflucht, ist es schon so
weit mit mir, Sahib?« fragte ich unwirsch. Mein Ich nahm den Finger und
steckte ihn umständlich in die Tasche, und zwar in die richtige, die ich
für solcherlei Gegenstände leer zu halten pflegte.
»Sind wir noch in Indien?« fragte ich; aber unmittelbar, nachdem ich diese
Frage ausgesprochen hatte, überkam mich die Erkenntnis, wie völlig
belanglos solch ein Umstand für mich war. »Was soll geschehen?« fragte ich
etwas burschikos, denn ohne einen bestimmten Zweck würde mein Ich sich
hier kaum niedergelassen haben, so gut glaubte ich mich zu kennen.
Und wirklich erhob sich nun das Ich in meiner Gestalt, zog seinen Rock
zurecht, trat einmal mit dem Bein nach vorn, um die Hose zu glätten, und
strich sich über das Haar. Ich wußte schon, daß es sich darum handelte, daß
ich mein Grab kennen lernen sollte.
»Du darfst dir keine besondere Vorstellung von der Ausstattung machen«,
hörte ich. »Panja hat dich im Wald verscharrt, kaum tiefer, als deine Arme
lang sind, und die Waldblumen wachsen über deinen Augen.« Nachdem diese
Worte verklungen waren, sah ich niemand mehr und empfand nun, daß ich in
meinem Grabe ruhte. Einen kleinen Augenblick lang huschten mir noch
Gedanken durch den Sinn, aber dann überwältigte mich eine unbeschreibliche
Ruhe.
Diese Ruhe vermag kein irdischer Mund zu schildern; es ist mir niemals eine
Wohltat geschehen, die dieser Ruhe zu vergleichen wäre. Nach einer langen
und ermüdenden Wanderung voll ungesunder Hast und qualvoller Befürchtungen
langte ich früher in meinem Leben einmal am Ort meiner Bestimmung an und
außer einer trostreichen Gewißheit empfing mich ein kühles, weißes Lager in
einem stillen Raum, dessen Fenster den Blick auf die Berge hinausführten.
Die wenigen Minuten, in welchen ich meinen übermüdeten Körper vor dem
Einschlafen auf diesem Lager ruhen fühlte, sind vielleicht entfernt dem
glücklichen Zustand zu vergleichen, in welchem ich nun im Grabe lag, aber
man muß sich diese Wohltat bis an die Grenze der Bewußtlosigkeit gesteigert
denken und wie im friedlichen Rausch einer überirdischen Musik.
Meine Hände waren hoch auf der Brust übereinandergelegt, ohne gefaltet zu
sein; ich ruhte ganz gerade ausgestreckt, und die schwere Decke der Erde
war eine glückliche Last; sie lag auf meiner Stirn und auf meinem Gesicht,
wie die liebevollen Hände einer besorgten Mutter nicht sanfter ruhen
können. Ich vernahm einen gleichmäßigen, starken Pulsschlag, dessen
Ursprung ich nicht erkannte, der mich aber mit großer Beruhigung erfüllte.
So lange unter den lebenden Wesen der Erde noch eines meiner in Liebe
gedachte, blieb mein Bewußtsein wach, aber ohne qualvolle Erinnerungen; es
war ein unbeschreiblich erhabenes und freies Lächeln, mit welchem ich der
irdischen Ereignisse gedachte, ohne mich ihrer recht zu erinnern. So ruht
das Korn in der winterlichen Erde, es trägt sein Gedenken an den Sommerwind
und an die Sonne, in der es herangereift ist, wie einen Frühlingstraum
durch seinen Schlaf. Das Licht, der Regen, das Schwanken in der bewegten
Luft und der Schnitter sind eine einzige lind durchbebte Ahnung der
Vergangenheit, die keine Trauer oder kein Gefühl der Verlassenheit
aufkommen läßt. Denn im dunklen Schlummerland pocht ein herber,
gleichmäßiger Pulsschlag; ob es die Lichtwellen der Sonne, ob es Tag und
Nacht sind, oder der Wechsel der Jahrtausende, ist niemals die Sorge eines
im Erdreich Schlummernden gewesen, denn nun ist der Tod überwunden; man muß
ihn nur kennen, um zu wissen, wie wesenlos seine Mächte sind, die die armen
Erdbefangenen als eine so unerhörte Herrschaft feiern. Nun sind tausend
Jahre wie ein Tag. Ich hatte weder den Wunsch, jemand von denen
wiederzusehen, die ich geliebt hatte, noch kannte ich Sorge um ihr
Geschick. Glückseliger konnten die Frommen nicht sein, die Gottes Angesicht
schauten.
Nach einer unabsehbar langen Zeit, in der ich keinerlei Veränderung spürte,
schien es mir, als würde es langsam dunkler um mich her und in mir. Nicht
die Furcht, nun vergessen zu sein, bewegte mich, aber eine laue
Anteillosigkeit auch an dieser Möglichkeit. Vielleicht war das Laub des
Waldes dichter und dichter über meiner Ruhestatt niedergesunken, oder die
Erde kreiste nicht mehr um die Sonne, vielleicht war sie von einem anderen,
größeren Gestirn aufgenommen, auf welchem der Wechsel der Zeit nach anderen
Gesetzen vor sich ging. Mehr und mehr verlor ich das Bewußtsein meiner
selbst, aber ohne darüber in Gram zu sinken; es war mir, als ob der Rest
meiner Klarheit sich in einem einzigen Fünkchen sammelte, das ähnlich
glomm, wie die Hoffnung in den Herzen der lebendigen Menschen.
Da bemerkte ich allmählich, in einem heraufdämmernden Zeitraum, den ich
nicht begrenzen kann, einen sanften Lichtschein über mir, der still anwuchs
und sich langsam näherte. Er war weißlich, ohne zu glänzen, und erschien
mir wie ein blasser Strahl von zartem Umriß und langsamem Leben; er senkte
sich auf die Gegend meines Herzens nieder und ohne einen Schein im Erdreich
zu verbreiten, glomm er doch in lieblicher Seligkeit, und der unfaßbare
Zauber einer fernen Erinnerung an die Sonne verband ihn mit meiner
Zuversicht. Da erkannte ich, daß es der tastende Wurzelkeim einer Pflanze
war, der sich meiner Brust näherte, und mich ergriff ein tiefer Schauer,
der nicht Freude noch Hoffnung war, aber man könnte ihn vielleicht mit der
Ergriffenheit vergleichen, in der die Irdischen bei einer großen
Erschütterung ihres Gemüts in Tränen ausbrechen, ohne dabei schon Lust oder
Schmerz zu verspüren. Je näher der bleiche, saugende Mund auf kindlicher
und frommer Wanderschaft und in gehorsamem Wachstum meiner Brust kam, um so
mehr verwandelte sich mein erlöschendes Menschbewußtsein in ein seliges
Allgefühl von erhabener Gestilltheit und froher Bereitschaft zum Vergehen
in ein unversiegbares Bereich. Da geschah es bald darauf, daß die Wurzel
der Pflanze in mein Herz eindrang und in einem funkelnden Erklingen, in
einem von Frische und seliger Wildheit betäubenden Lichtwirbel wurde mein
Wesen emporgerissen in das warme, leuchtende Brausen der Erdoberfläche.
Über meinem Grab brach eine große Blume auf und öffnete sich gegen die
himmlische Sonne. --
Nun kam es mit weichen Schritten durch die dichten Lauben des Urwalds
heran, auf diesen verschlungenen Pfaden, die kaum ein paar Schritt weit zu
übersehen sind und wie grüne Höhlen wirken; unendlich weich und geschmeidig
schritt es dahin, von der stolzen Erhobenheit der Gestalt, die unter allen
Geschöpfen nur die Menschen haben. Es war ein Mädchen, das herankam,
beinahe noch ein Kind an Jahren. In jener schattigen Lichtung im großen
Urwald, an welcher unter einem Baum vorzeiten mein Grab gegraben worden
war, und in welcher nun die frische Blume sich langsam gegen das
Sonnenlicht kehrte, machte das Mädchen halt und beugte sich nieder. Sie
trug Lotusblüten im Haar, von sanftem Rot und einen schmalen Gürtel von
gewundener ockerroter Seide um die zarten Hüften. Ein Hauch von Ambra
begleitete sie, wie unsichtbare Flügel der Jugend.
Um den Hals trug sie eine zweifache Schnur aus roten Angolaerbsen, und ein
breiter Goldring, der um ihr Fußgelenk geschmiedet war, funkelte im Tau der
Bodenpflanzen.
Als ihre Augen mit dem nächtlichen Glanz einer tausend Jahre alten
Schwermut sich über das frische, helle Blau der kaum erblühten Blume
neigten, war es, als begegneten einander ein himmlisches Erstrahlen und ein
irdischer Widerschein. Aber das Mädchen brach die Blume nicht, sondern es
schien, als erinnere sie sich zuvor einer köstlichen Pflicht, denn ihr
Angesicht belebte sich unter einer mit Schamhaftigkeit gemischten
Erwartung. Über die Wurzeln der Bäume dahin, im weichen Erdreich und über
braunem Laub, floß ein Bach; sein klares Wasser zog rasch und lautlos
durch Sonnenflecke und Buschschatten. Das Mädchen legte ihre Halsschnur ab
und hängte sie in kindlicher Fürsorge nachdenklich in die Betelranken, die
die hängenden Zweige des Baumes mit dem Waldboden verbanden; sie legte
ihren Gürtel ab und blinzelte fröhlich in das warme Licht. Nur die Blumen,
die ihr Haar schmückten, ließ sie in der nachtdunklen, glänzenden Fülle
ruhen, in der sie zum Ruhm ihrer jungen Herrlichkeit verwelken sollten.
Das Wasser wurde unter der Freude ihres lieblichen Körpers beredt; es
überrieselte wie mit fröhlichem Lachen die helle Bronze dieses Leibes, der
sich unter den Berührungen der Natur beseligt dehnte und in einer Hingabe
ohnegleichen seinen Schöpfer lobte, den Schöpfer der Waldriesen, die ihn
behüteten, der Milliarden Pflanzen und allen Getiers, das gleich ihm im
duftenden Schatten atmete, und der großen Sonne, die ohne Aufhör goldenes
Glück zum Wohlergehen der Ihren auf die geduldige Erde sandte.
An einem besonnten Hügel, der weich von Moos gepolstert war, legte das
Mädchen sich auf den Boden nieder, um in der warmen Luft zu trocknen; sie
gab sich dem Licht in holder Bedachtlosigkeit preis, denn es gibt vor ihm
keine Geheimnisse des Körpers oder der Seele, und beide sehnen sich nach
ihm. Sie schien mit dem Boden zu verschmelzen; der Pulsschlag der Erde
verband sich mit dem Pochen ihres Bluts, und die Blüten in ihrem Haar
dufteten noch einmal empor im Verein mit dem sanften Hauch von Müdigkeit,
der wie ein Lied von ihrem Leib aufstieg. Die Sonnenstrahlen glitten
spielend über die zierlichen Hügel der kleinen Brüste dahin, über die
Rundungen der warmen Glieder; hier leuchteten sie auf, dort tauchten sie in
heimliche Schatten nieder, allmächtiger als der stärkste Beherrscher, der
sich jemals eine Welt zu eigen gemacht hat, und mit der Anmut eines
Geliebten, der nach überwundenen Stürmen seine Wohltäterin beglückt.
Wie in reglosem Stolz, erstarrt vor Andacht, sah die grüne Waldherrlichkeit
auf den ruhenden Triumph der Schöpfung nieder, bis jählings mit hellem
Flöten ein Vogel im Rankendickicht ein Lied begann, überselig, beinahe
grell und erschreckend, und aus der Nähe drang eine gejubelte Antwort. Da
erhob sich das Mädchen, legte bedächtig ihren geringen Schmuck aufs neue an
und bückte sich über die Blume nieder, in der das Blut meines Leibes
auferstanden war; sie brach sie und befestigte sie, indem ihre großen Augen
über dem zitternden Kelch lächelten, in ihrem Gürtel. --
Wie war es doch gewesen? Ach, nun erinnerte ich mich, jene große Blume von
leuchtendem Blau rief mir alles ins Gedächtnis zurück. Ich kannte dies
Mädchen und ihre Blume schon längst; es war in einer jener vertanen Nächte
in Bombay, in einer jener Nächte, die ruhlos und ziellos beginnen und oft
so trostlos verstreichen, hingegeben an Nichtigkeiten, in denen unsere
hohen Erwartungen, vom Geist des Weins umhüllt, in grauen Morgenstunden
versiegen. Aber es gibt keine Hoffnungen, die nicht irgendwo in unserer
Seele und irgendwo in unserer Zeit mit einem jenem Lächeln verwandten Glanz
gestillt werden, in dem sie erwachen. Hoffnungen sind den Blüten
schlummernder Rechte vergleichbar, im Dämmerlicht der Ahnung.
Ich hatte damals in einer Abendstunde das Hotel verlassen, in dem ich schon
seit Tagen auf einen Dampfer wartete, der mich nach Singapore bringen
sollte, und war die breite, belebte Straße hinabgeschlendert, ohne
Ausrüstung für eine bewegte Nacht, ja, ohne eine andere Absicht, als die,
mich noch für einige Minuten in der kühleren Luft des Abends zu ergehen und
dem bunten Straßentreiben zuzuschauen. Aber es lag keine Linderung in der
schwülen Luft, die nach verdunstendem Sprengwasser, nach Pferden und Öl
duftete, sowohl die freien Atemzüge behinderte, als auch die vernünftigen
Gedanken. Oft wirkt diese Atmosphäre wie eine Ankündigung des Fiebers,
verwirrend und zu allerhand Sinnlosigkeiten ermunternd; die Lebensleiden
der Verlassenheit gären darin, satt von Melancholie; kleine Teufel erheben
darin die nach Abenteuern lüsternen Narrenköpfe, während der nahende, rote
Mond den nüchternen Sinn aller Dinge in Schleier legt. --
Ich ließ mich nach einer Weile am Holztischchen eines Straßencafés nieder;
es erschien mir, als verbürgen mir alle, die mich anschauten, etwas, in
mitleidiger Überlegenheit. Eine kleine, ganz in ein dunkles Tuch gehüllte
Straßenbettlerin hielt mir die braune, offene Hand hin, und unter ihrem
Lächeln verstand ich plötzlich die Nacht.
Nun war es dunkler geworden, als ich weiterschritt. Aus geöffneten Türen
drang der Schein bunter Lichter; die Straßen wurden enger und die Passanten
seltener. Ich hörte Schritte herannahen und jählings hinter mir verstummen,
sobald eine der vermummten Nachtgestalten an mir vorübergegangen war; man
blieb stehen und sah mir nach, neugierig, oder lüstern auf einen Raub, von
einer Ahnung der Ruhlosigkeit und Unsicherheit angeweht, die mich
gefangenhielten und dahintrieben. Einen Augenblick war ich um mein Leben
besorgt, da ich die Gefährlichkeit dieser Stadtgegend kannte, aber dann war
mir, als sei dies, mein geliebtes und umsorgtes Leben, eine ganz fremde und
gleichgültige Sache für mich geworden. Es kam auf ganz andere Dinge an; die
Nacht forderte ihr Recht, die Nacht der Erde und die meiner unruhigen
Seele, die nach einem mystischen Tag ihrer Wandlung Verlangen trug.
Die Tür eines Holzhauses stand angelehnt, und als ich sie aufstieß, blickte
ich in einen schmalen Korridor, der durch eine grünliche Papierampel
dämmerig erhellt wurde. Zur Rechten und zur Linken der Ampel waren an den
kahlen Wänden Spiegel angebracht, die das matte, schwebende Gestirn dieses
stillen Bereichs nach beiden Seiten hin tausendfach in ein magisches All
hinüberzauberten. Von irgendwoher erklang gedämpft eine klimpernde Musik,
der einer Mandoline vergleichbar, aber um vieles unbelebter und im Takt oft
von einem lang anhaltenden Ton unterbrochen, der einer Flöte entstammen
konnte. Ein schwerer, süßer Geruch drang mir entgegen, wie von gärendem
Honig und betäubendem Räucherwerk; er quoll aus dem Spalt eines roten
Vorhangs im Hintergrund, wie aus der Wunde einer überreifen Frucht.
Als ich an diesem Ort eine kleine Weile gestanden und gelauscht hatte,
öffnete der niedrige Vorhang sich, und eine alte Frau trat zögernd und
scheinbar überrascht auf mich zu. Sie war welk, und ihr ergrautes Haar
flimmerte vermodert in dem blaßfarbigen Licht der Papierlaterne über ihrem
Scheitel, ein gelbes Tuch war wie eine Fahne um ihren Körper geschlungen,
so daß ihre Schultern und Arme, sowie ihre Beine von den Knien an abwärts
unbedeckt waren. Nachdem sie sich von ihrer anfänglichen Überraschung
erholt hatte, lächelte sie mir in feiner, unpersönlicher Herzlichkeit zu,
die Leuten eignet, die aus Beruf oder Gewohnheit gastfreundlich sind, und
lud mich, nach einem prüfenden Blick über meine europäische Kleidung ein,
näherzutreten. Sie sagte ein paar Sätze, die ich nicht verstand, denen aber
leicht ein Willkomm zu entnehmen war und eine ehrende Begrüßung. Da ich
ohne Zögern nähertrat, verdoppelte sie ihre Unterwürfigkeit, und ich hatte
den Eindruck, als kröche sie mir die Stiege hinauf voran, die wir im
rötlichen Dämmerlicht erklommen; ich sah immer nur ihr Angesicht dicht vor
meinem, während ihr übriger Körper bereits voraus war. Sie grinste süßlich
und boshaft; irgendwo bimmelte zaghaft ein Glöcklein; beklommen folgte ich,
ohne Aufwand von Mut, ohne Umsicht, ja fast ohne rechte Erwartung; was
geschehen sollte, mochte geschehen. Das Leben wog leicht.
Wir kamen an eine mit buntem Papier bezogene Tür, die die Treppe hart
abschloß, und die sich lautlos und leicht unter dem Druck der welken Hand
der alten Frau öffnete.
»Tritt ein, Herr«, sagte sie auf Hindustani und drückte sich an die Wand,
die nachgab und schwankte; ich hatte den bestimmten Eindruck, daß wir von
allen Seiten beobachtet wurden. So tappte ich nun vorsichtig voran in das
von Rauch wie in Nebel getauchte bläuliche Dämmerlicht eines niedrigen
Raumes, in welchem ich anfänglich, außer dem erlöschenden Mond einer
stillen Ampel, nur hängende Wandteppiche in mancherlei gedämpften Farben
und seltsamen Ornamenten zu erkennen glaubte. Es glitzerte mir in matten
Goldtönen entgegen und ein sanft betäubender Hauch von welkendem Jasmin und
Opium beengte die Brust.
Ich durchschritt mit meiner Führerin diesen Raum, um in einen zweiten zu
gelangen, der noch kleiner und finsterer war, und in dem ich zuerst nur ein
breites Ruhebett erkannte, das mit vielfarbigen Decken und Fellen belegt
und kaum einen Fuß hoch war. Die Alte verbeugte sich viele Male, nachdem
ich, wie sie es zu wünschen schien, auf diesem Lager Platz genommen hatte,
und sagte im Hinausgleiten in gebrochenem Englisch:
»Ich werde Goy für dich holen, Herr, du wirst zufrieden sein.«
Als ich ihr mit zwei zustimmenden Worten zunickte, lachte sie, glücklich
und stolz darüber, verstanden worden zu sein. O, sie war eine hochgebildete
Frau, nun hatte sie den Beweis erbracht, und nichts wäre in der Lage
gewesen, sie zu einer Handlung zu bewegen, die mich an dieser Meinung über
sie wieder irremachte.
Ich sah mich kaum im Zimmer um, als ich allein war; es mußte alles so sein
und kommen, wie es für diese Nacht bestimmt war.
Unter einer winzigen grünen Ampel, dicht an der Decke, erblickte ich ein
rundes Tischchen mit unwahrscheinlich dünnen Beinen, und in einer mit roten
und blauen Ornamenten ausgelegten Messingschale, die darauf stand, lagen
trockene, fremdartige Früchte, Tabak, Hanf und Betel. Da meine Augen sich
bald an das ebenmäßige, sanfte Licht gewöhnt hatten, erblickte ich, als nun
die Tür sich öffnete, sogleich mit der übersinnlichen Deutlichkeit einer
Vision das Mädchen, das meinen Raum betrat und vorsichtig die Tür hinter
sich schloß und verriegelte. Sie trat so gelassen und freundlich auf mich
zu, als sei ich ihr ein längst vertrauter Gast, und grüßte mich, indem sie
nach kanaresischer Sitte die Spitzen ihrer Hände an die Stirn legte und
sich tief verneigte. Sie war völlig nackt unter einem unendlich feinen
Schleier von rauchfarbenem Seidenflor; ihr schwarzes Haar war mit grauen
Blumen geschmückt, und ein schmaler Ledergürtel von verblichenem Ockerrot
legte sich, ohne ihren Körper zu beengen, wie ein Ring aus rostigem Metall
um ihre Hüften, die, obgleich ich ein Kind vor mir zu haben glaubte, doch
von weicher Rundung und lieblicher, ebenmäßiger Fülle waren. In diesem
Gürtel war eine große Blume von hellem Blau befestigt, mit tiefem
goldbraunem Kelch; sie hob sich fast unwirklich und in seltsam wohltuendem
Kontrast vom Bronzeton des jungen Körpers ab.
Alles, außer dieser frischen Blume, hatte jene seltsam überzeugende
Bewußtheit in Farbe, Erscheinung und Bewegung, wie nur eine jahrhundertalte
Tradition sie verleihen kann, alles außer dieser Blume und dem schmiegsamen
Mädchenleib.
Ich weiß nicht, ob ich alles verstanden habe, was in dieser denkwürdigen
Nacht dieses Kind zu mir sagte, wohl aber weiß ich, daß wir einander
verstanden. Die Ausschließlichkeit, welche das glühende Bereich
heraufbeschwört, in das der Liebreiz dieses Mädchens mich zog, verbannte
alle kleinen Einzelinteressen und Begierden, die unser Leben spalten und
bedrängen, und es gab nur ein Ziel für unser Blut.
»Soll ich tanzen?« fragte Goy, »sage mir, was dir wohltut?«
Sie tanzte unter dem grünlichen Mond der kleinen Ampel, der eine ganze Welt
bestrahlte. Es war schwül und totenstill in dieser Welt. Ich hörte nur den
Schlag der weichen Füße auf den Matten, und wenn ich die Augen schloß, so
fühlte ich den zarten Fuß auf den Herzensquellen meines Lebens tanzen. Mit
jedem neuen Erwachen meiner Blicke erschien mir Goys erblühter Kinderkörper
erneut; er blieb mir fremd und wechselte wie eine Landschaft, die der Geist
im Flug durcheilt. Nun wurde es still, und ihre Frauenaugen lächelten
erfahren, kindlich und begierig über den meinen:
»Willst du mir nicht befehlen, Herr?« sagte Goy so langsam, daß mir war,
als stünde mein Herz unter den unausgesprochenen Verheißungen ihrer Bitte
still, aber doch lauerte hinter ihrer Unterwürfigkeit, ohne Falsch, das
glückliche Bewußtsein ihrer Herrschaft. Nun hockte sie sanftmütig,
merkwürdig beschienen vom Ampellicht, wie eine große, goldene Katze vor mir
auf dem Lager, drehte bedächtig Papyrus, zerbröckelte Tabak und Hanf und,
als sie Opium hineinmischte, verwandelte sie sich mir plötzlich in eine
Göttin, die den Schlaf herbeiführt.
Goy war, wie die meisten Frauen des Orients, auf eine Art für die Liebe
erzogen, die die Folge einer grauenhaften Verwöhntheit ist, aber über allen
ihren Handlungen lag ein zauberhaftes Glück von einer Unschuld der
Gesinnung, die wie Keuschheit wirkte. Goy tat ihre Pflicht, und kein
Gewissen, wie es in unserer Brust wohnt, behinderte ihre geschäftige Treue
gegen den einzigen Genuß, den sie kannte und austeilte.
Ich rauchte in tiefen, durstigen Zügen und sank mehr und mehr in
Betäubung. Das Mädchen ließ keinen Augenblick verstreichen, in dem sie sich
nicht hinzugeben schien; ihr Bild verwandelte sich unaufhörlich; sie gab
keines ihrer Geheimnisse preis, ohne ein neues ahnen zu lassen.
»Vergiß das Leben«, sagte sie mit sanftem Tadel, scheinbar über mein Zögern
in milden Schrecken versetzt. »Bin ich nicht schön?«
»Doch, du bist sehr schön, Goy, schöner als alle, die ich gesehen habe.«
»O, nein,« antwortete sie nachdenklich, »die blassen Mädchen sind schöner.«
Sie schaute mit ihren übergroßen Kinderaugen auf mich hin und lächelte, als
ich schwieg. Ihre Nägel waren rot bemalt, und ihre Hände, wie ihr ganzer
Körper waren mit großer Sorgfalt gepflegt.
»Die Menschen legen mit den Kleidern die Lüge nicht ab,« sagte Goy, »ich
glaube an nichts, als an die Liebe und an die Lust, die durch sie kommt.«
Ich verstand, wie sie ihre Worte meinte, denn sie stand, als sie so sprach,
innig dargeboten und aufgerichtet vor mir und hob ihre Arme, als ob sie
eine Schale darreichte. Ihr Haupt verdunkelte die Ampel, so daß ihre
Gestalt in magischen Lichträndern glomm. Aber ihre Worte bewegten sich in
meinem Herzen auf eine andere Art, sie nahmen Glanz an und entzündeten sich
für eine weite Reise.
Goy las in meinen Zügen.
»Vergiß,« sagte sie, »woran mußt du denken? Hier ist weder Zeit, noch Tag
und Nacht.«
»Und doch, du Geliebte dieser kleinen Ewigkeit, ist nicht das Leben länger
als die Jugend?«
»Nein,« sagte Goy sicher, und ihr Lächeln hatte etwas unfaßlich
Überzeugendes, »vielleicht für euch Männer, aber für uns Mädchen nicht.
Eine alte Frau ist schlimmer als eine ausgepreßte Mangofrucht, mit den
Gliedern welkt die Hoffnung, denn das Blut verliert seine Stimme, der der
Gang der Welt gehorcht. Kein Kind wird meine Freude sein.«
»Was kann ich für dich tun, Goy? Nimm alles, was ich habe!«
»Ich nehme nichts«, sagte das Mädchen. »Ich habe niemals etwas genommen.
Die Alte nimmt. Sage mir, daß ich schön bin und daß ich dich beglückt
habe.«
»Du bist sehr schön.«
»Du sagst nur das eine, so bist du undankbar, oder du bist von denen, die
niemals sich selbst vergessen können, als wären sie so wichtig, ach, so
wichtig!«
Sie kam mir ganz nah und sah mir unter die Augen, dann zog sie gelinde den
Finger vom Winkel meines Auges über die Wange und um den Mund herum,
seufzte tief auf, als beklagte sie mich, und nickte.
Ich schloß die Augen. Die feuchte Blüte an ihrem Gürtel näherte sich meinem
Gesicht, und mir war für einen Augenblick, als legte sie sich kalt auf
meine Stirn.
»Welche Menschen meinst du?« fragte ich. Mir war, als wiche der bunte
Rausch, wie Wolken dem Wind weichen, für kurz von mir.
Goy sann nach und lächelte wehmütig, als gäbe sie mich verloren; dann hob
sie die Hand an meine Stirn, tippte schnell mit der Spitze des Fingers an
die Schläfen und sagte:
»Das kalte Feuer dort! Es ist stärker als alle anderen Flammen und scheint
heller. Es kämpft mit der Wärme des Herzens und hat schon viele Herzen
ausgelöscht. Ihr müßt immer von einem zum andern. Wer alle Hindernisse zu
seinen Mitteln machen will, verdirbt seine Ruhe, denn die Welt ist voller
Hindernisse. Wohin willst du? Unsere Weisen lächeln über euch. So komm',
vergiß!« --
Als ich aus dem Hause trat, fiel mich die Sonne wie ein Raubtier an. Ich
taumelte und tastete mich an den Häusern entlang voran, bis langsam meine
Besinnungen zurückkehrten. Ich wußte nicht, wieviel Zeit verstrichen war.
So muß Lazarus die Welt empfunden haben, als ihn ein Gott ins Leben
zurückrief. Ich erinnerte mich langsam der Einzelheiten meiner Erlebnisse,
wie der eines tiefen Traumes. --
Es mag nun wohl gewesen sein, daß eine habgierige Alte mich geführt und ein
verdorbenes Kind mein Lager geteilt hatte, aber da ich von beiden
Eigenschaften keine fürchte, so bekümmern sie mich wenig, denn es kam mir
damals nicht darauf an, wieviel die Dinge in den richterlichen Augen einer
Weltgerechtigkeit wert sein mochten, sondern es kam mir darauf an, wie sie
sich in meinen Augen spiegelten.
Das Leben aber trübt die Augen der Menschen mit Träumereien, Scherzen und
Tränen.
* * * * *
Langsam empfand ich nun mehr und mehr, daß es einzig noch auf jene
sonderbare Blume ankam und auf ihr schimmerndes Blau, das sich seltsam
herrschsüchtig und still vor mir auszudehnen schien. Da war mir, als
erwachte ich wiederum zu einem neuen Dasein. Eine unendliche Mattigkeit
beschwerte meine Glieder, und meine Augen waren unsicher und benommen, wie
befangen von jenem strahlenden Azur meiner Traumblume, die sich nun als
eine endlose blaue Mauer vor mir ausbreitete. Ich versuchte mit großer
Anstrengung, diese blaue Mauer zu begreifen. Da sah ich plötzlich, wie
einen ganz fremden Gegenstand, meine Hand auf meinen Knien liegen,
abgemagert und ganz weiß. Ich versuchte, sie zu heben, und sie gehorchte
mir. Die unbeschreiblichen Schauer eines ganz neuen Lebens ließen meine
Glieder erbeben; sie gingen vom Bewußtsein aus und rieselten wie
Lichtgarben durch meine Adern, eigensinnigen Funken gleich, heiß und kalt.
Ich seufzte tief auf und weiß heute noch gut und genau, daß ich laut sagte:
»Es kann das alte Leben nicht sein.«
Da kam Panja um eine weiße Säule geschritten, die sich von der blauen Wand
abhob, und starrte mich an. Er stand merkwürdig unwirklich da, als schwebte
er in der Luft. Dies ist ja ein brauner Mann mit einem weißen Turban,
dachte ich.
»Sahib!« schrie er, als er in meine Augen sah. »Sahib, sprich.«
»Wo sind wir, Panja?« fragte ich matt, »was ist mit der Zeit geschehen,
Panja?«
Mein Diener starrte mich verständnislos und in einer deutlich in seinem
Gesicht aufs neue auftauchenden Angst an, aber sie wich mehr und mehr, je
länger er in meine Augen schaute.
»Sahib, sprich gute Worte«, bat er, zweifelnd und hoffnungsvoll zugleich.
Da kam mir zum Bewußtsein, daß ich meine Frage in deutscher Sprache
gestellt hatte, und ich wiederholte sie englisch.
An Stelle einer Antwort stieß Panja einen lauten Schrei aus und warf sich
auf die Knie, indem er die meinen mit seinen Armen bedeckte. Schluchzend
stammelte er: »Sahib, du wirst leben!«
»Wohin sind wir geraten, Panja? Was ist dort für eine blaue Wand?«
Panja erhob sich mit glücklichem Lachen, trat zur Seite und sagte: »Es ist
das Meer. Wir sind hoch in den Bergen, du siehst auf das Meer hinab. Wir
haben dich aus den Sümpfen hinaufgetragen, zwei Tage und zwei Nächte lang,
ohne zu schlafen und kaum, daß wir geruht haben, bis die leichte Luft kam,
die Kühle und die Ruhe. Sieh um dich, sieh die Wälder an! Dies ist das
verlassene Bungalow einer englischen Farm. Wir haben die Affen vertrieben,
die von ihm Besitz ergriffen hatten«, er stockte und sah mich an. »Ach,
Sahib, nun bist du erwacht und gesund geworden, der Sinn ist in deine Augen
und Worte zurückgekehrt und die Freude in meine Brust.«
Ich sah Panja weinen und begriff, daß er die Wahrheit sprach, und daß mein
Geist aus dem Bereich der Fiebergifte in die Wirklichkeit zurückgekehrt
war. Da sah ich in einiger Entfernung Guru am Boden hocken und mich
unverwandt mit seinen großen Nachtaugen anstarren. Es lag etwas in seinen
Blicken, was ich nie vergessen werde.
Erst nach Tagen erfuhr ich langsam, was sich zugetragen hatte, denn Panja
verschonte mich mit allem, bis ich danach fragte. Ein großer Teil unseres
Gepäcks war verloren, da die Leute sich meiner annehmen mußten und keine
Träger zu bekommen waren. Panja hatte hauptsächlich Proviant mitnehmen
lassen und die Koffer, von denen er wußte, daß sie meine wertvollsten
Besitztümer bargen, ebenso meine Waffen und ein Zelt. Zwar waren seit
gestern Pascha und ein Kuli hinabgestiegen, um zu retten, was noch zu
finden war, und um Sorge zu tragen, daß alles noch Vorhandene in einem
Eingeborenendorf untergebracht werden sollte, aber Panja hatte wenig
Hoffnung und fürchtete, daß die ersten Gewitter hereinbrechen könnten. Er
saß oft lange schweigend in der Mittagsglut neben meinem Liegestuhl und sah
den Himmel über dem Meer an und die weite, blaue Fläche, die aus dieser
Höhe so ebenmäßig erschien, wie eine Platte aus Metall. Zuweilen lag ein
feiner, grauer Dunst darüber. Aber außer dieser Besorgnis, deren Gewicht
ich kannte, bedrückte ihn ein anderer Kummer; ich merkte es ihm an, wollte
aber nicht fragen. Erst als ich meine erste Zigarre anzündete, lächelte
Panja melancholisch und meinte: »Nun wirst du auch das Schlimmste ertragen,
da deine Kraft zurückgekehrt ist.«
Elias war vom Panther geholt worden.