Dschungelleute

Panja roch die Dörfer, ehe wir sie erreichten, wenn der Wind seinen

Forschungen günstig war.

»Es kommt ein Dorf, Sahib,« pflegte er zu sagen, »hier schlagen wir das

Zelt ein.« Es geschah hauptsächlich deshalb dort, weil wir sicher sein

konnten, in der Nähe einer Niederlassung frisches Wasser, Reis und Bananen,

auch Geflügel oder Eier zu bekommen.

Wir hatten viel Umstände und Mühe damit, Träger zu finden, denn einmal

brauchten wir auch für kleinere Lasten meistens zwei Männer oder Frauen,

und zum andern wurden die Leute gewöhnlich nach zwei oder drei Tagen von

Heimweh befallen und liefen zurück, obgleich ich ihnen ihren Lohn erst nach

der beendeten Frist auszuzahlen pflegte. Sie ließen ihn um so leichter im

Stich, als sie für gewöhnlich irgend etwas stahlen, was sie reichlich

entschädigte, ohne mir empfindliche Verluste beizubringen.

Jedesmal, wenn wieder einer unserer Sklaven fehlte, sprach Panja die

Hoffnung aus, der Panther möchte ihn auf seiner Flucht erwischen, er hoffte

es herzlos und aufrichtig und wechselte niemals das Raubtier, dem der

Flüchtling erliegen sollte. Dann blieben wir oft tagelang am Rand der

Steppe oder mitten in der Dschungelwildnis liegen, ließen die Sonne kommen

und gehen, rauchten, schliefen und jagten. Ich hatte die genaue

Orientierung auf der Karte verloren, aber es war nicht wichtig, da ich die

Breite des Dschungels kannte und der Richtung durch die Sonne und den

Kompaß gewiß war. Auch zeigten uns die Flüsse, die wir auf schmalen Furten,

oder in den Kanus der Eingeborenen überquerten, daß wir im wesentlichen die

Richtung nicht verloren hatten. Und hatte ich denn ein Ziel?

Einer der jungen Träger ist lange bei mir geblieben und er fand nicht

allein meine, sondern endlich auch Panjas Gunst, was eine große Seltenheit

war. Er hieß Gurumahu und war ein Jüngling von etwa achtzehn Jahren,

hochgewachsen und sehr schlank, aber geschmeidig und kräftig. Er war zum

Islam übergetreten, weil er die größten Hoffnungen auf die Freiheiten

gesetzt hatte, die sich mit dieser Lehre für sein künftiges Leben

einstellen sollten, aber leider hinderte sein gutmütiger Charakter ihn

daran, Gebrauch von ihnen zu machen. Er erzitterte nach wie vor vor den

Brahminen und änderte seine Lebensgewohnheiten in keiner Weise. Er kam uns

auf die nicht eben ungewöhnliche Art eines Diebstahls besonders nahe, und

zwar hatte sein unersättlicher Drang nach Reichtümern ihn auf meine

Kupferkessel gestürzt.

Gurumahus Diebstahl wurde gottlob zeitig genug entdeckt, denn wir wären in

nicht geringe Verlegenheit geraten, wenn er mit seiner Beute entkommen

wäre. In der Hauptsache ist seine Entlarvung Elias zu danken, was

allerdings von Panja bestritten wurde. Wir hatten damals unser Zelt am Rand

der Steppe aufgeschlagen, so daß der Ausgang den Blick auf die hüglige

Ebene zuließ, und ich erwachte vom Knurren des Elias. Da sah ich Gurumahu

im Mondschein über die Steppe laufen, rechts und links einen unserer

Kupferkessel in der Hand. Er fraß den Boden mit so riesigen Sprüngen, als

hinge das Heil seiner Seele von ihrer Länge ab. Ich nahm den Revolver und

schoß in die Luft, die Kugel hätte ihn ohnehin nicht mehr erreicht, auch

lag es mir fern, ihn töten zu wollen. Man täte in Indien nicht gut daran,

so entscheidend vorzugehen, da die Hindus nicht das gleiche Vergnügen am

Sterben empfinden, wie nach den Berichten der Afrikareisenden die Neger.

Auch wußte ich, daß der Knall eine nützliche Einwirkung auf das böse

Gewissen des Räubers ausüben würde, der selbst eine große Schießwaffe

besaß, auf die ich später noch zu sprechen kommen werde. Gurumahu warf

sich mit einem gellenden Aufschrei der Länge nach zu Boden, auf das

Gesicht, und die beiden Kessel rollten, funkelnd im Mond, zu beiden Seiten

über ihn hinaus ins Steppengras.

Als es hinter ihm still blieb und er keine Verfolger sah, raffte er sich

langsam auf und begann seine Glieder der Reihe nach zu befühlen. Er fing

mit den Beinen an, die ihm in dieser Situation wahrscheinlich am

wichtigsten waren, ging langsam bis zu den Armen empor und gedachte zuletzt

auch seines Kopfes, der ihm anscheinend, wie alles andere, an seinem Platze

und in Ordnung vorkam. Dann sprang er auf und lief gebückt, in Sprüngen,

weiter, ohne die Kupferkessel, die ihm nicht gegönnt waren, noch eines

Blicks zu würdigen.

Panja holte sie zurück und putzte sie, boshaft wie er war, mit großer

Ausführlichkeit. »Der Panther wird ihn erwischen«, sagte er und warf

ärgerlich Reisig ins Feuer. Es verstimmte ihn tief, daß er durch meinen

Schuß um seine Nachtruhe gebracht worden war. Ich gab im stillen, nicht

ohne Bedauern, Gurumahu verloren, wenn auch nicht unbedingt auf die Art,

wie Panja es tat, aber ich sollte mich hierin täuschen, denn er kam am

andern Tage gegen Mittag in unser Lager geschlichen. Wahrscheinlich hatte

ihm der Dschungel bei Nacht in seiner Verlassenheit nicht gefallen, oder

der Currygeruch unserer Reismahlzeit zog ihn an. Panja führte ihn mir

majestätisch vor, der arme Verbrecher sah aus, als wäre er aus dem Wasser

gezogen worden.

»Ich werde dich töten«, sagte ich still.

Er sprang ein Meter hoch in die Luft und fiel dann zur Erde nieder.

»Soll ich ihn aufhängen?« fragte Panja so gleichmütig, daß ich darüber die

ganze Niederträchtigkeit meiner Drohung erkannte. Es ist merkwürdig, wie

rasch einem eine Ungerechtigkeit auffällt, wenn ein anderer sie sich

zuschulden kommen läßt.

»Er hat ein ganzes Glas mit Salz gefressen,« berichtete Panja sachlich,

»vom Whisky will ich schweigen, denn er hat ihn nicht finden können.«

»Hat dich der Hunger hergetrieben? Wo warst du so lange?« fragte ich den

Übeltäter.

Er hob den Kopf und versuchte meinen Blick auszuhalten, was den

Eingeborenen der Urbevölkerung sehr schwer ist, wenn es sich um blaue Augen

handelt, in die sie hineinsehen müssen, und wenn sie selten mit Weißen in

Berührung kommen. Aber Gurumahu erkannte den Ausdruck meines Gesichts doch

und begann zu lachen wie ein Kind.

»Du bist freundlich, Herr,« sagte er zögernd und dann mit Überzeugung: »du

bist nicht klug und gerecht, wie die Engländer. Ich werde deine Kessel

bewachen, bis ich sterbe.«

»Wenn du sonst nichts tun willst, kannst du dich wieder in die Sümpfe

scheren«, grollte Panja, aber Guru ließ sich nicht im Genuß seines ihm eben

erst geschenkten Lebens beeinträchtigen, und als sich die beiden

entfernten, hörte ich ihn hochmütig zu meinem Diener sagen:

»Hat schon ein Sahib auf dich geschossen, du Abtrünniger? Du bist keine

Kugel wert, deshalb lebst du und kriechst dem Herrn zwischen den Füßen

umher, ich aber habe mit ihm gekämpft!«

»Das ist wahr, du Kupferfresser,« sagte Panja, »ich danke dir, daß du ihn

nicht zerschmettert hast, du Blattlaus!«

Aber Gurumahu blieb von nun an bei uns, wir nannten ihn Guru, weil sein

Name mir zu lang war, übrigens war es nicht sein einziger, er hatte noch

eine ganze Reihe wohlklingender Namen, aber auf Gurumahu schien es ihm am

meisten anzukommen.

* * * * *

Einmal hatten wir das Herabsinken der Sonne trotz Panjas Vorsicht verpaßt,

und die Finsternis überraschte uns am sumpfigen Ufer eines Flusses. Guru

schnupperte in die feuchte Nachtluft hinaus und spähte vom Ufer aus zu den

gegenüberliegenden Palmenhainen hinüber, und richtig sahen wir nach einer

Weile ein schwaches Lichtlein aufblinken. Als das Zelt aufgeschlagen worden

war und die Feuer brannten, hörten wir, wie das Flußwasser von

Ruderschlägen plätscherte, oberhalb unseres Zeltes verklang das Geräusch,

und das Dickicht raschelte, aber dann blieb alles still.

»Jetzt haben die Mangroven Augen bekommen,« sagte Panja, »aber es muß ein

leichtsinniges Volk sein, denn sie fürchten den Panther nicht.«

Auf Elias war in dieser Beziehung kein rechter Verlaß, denn seine

Gesinnungsart hinderte ihn daran, friedlich sich nähernde Nachtwandler

durch Gebell zu ängstigen. Hörten wir den Panther in der Nähe des Lagers

husten, so pflegte Elias sich in den Hintergrund des Zeltes zurückzuziehen,

nicht etwa, weil er Furcht hatte, sondern weil es ihm dort besser gefiel.

Am Tage hatte ich eine Häherdrossel geschossen, ich rupfte ihr das braune

Gefieder aus, und das zierliche Köpfchen mit den hellblauen Augenringen

schlenkerte mit geöffnetem Schnabel über meinem Knie. Gurus Augen fehlten

nur noch diese hellfarbigen Ringe, um ebenso starr und leblos

dreinzuschauen wie meine Jagdbeute. Er begriff nicht, daß ich Vögel

verspeiste, in denen wahrscheinlich die Seele eines Abgeschiedenen

mitverschlungen wurde. Panja war in dieser Beziehung seiner heimatlichen

Weltbetrachtung längst entrückt. In den Kupferkesseln siedete das Wasser,

und eine Unmenge beschwingten Nachtvolks sammelte sich im Feuerschein,

umschwärmte die Flammen wie farbige Funken, oder glotzte von den Blättern

aus in dies unfaßbare rote Leben, aus dessen Glut der Tod lockte.

Panja brachte mir freundlich die Reste meines Rasiermessers, das einer

Taschensäge glich und auch als solche hier und da Verwendung fand. Es war

in Zeiten betrüblicher Unkenntnis einmal von einem Koch zum Schlachten

einer Ziege verwendet worden; so rächt es sich, wenn wir Europäer ein

argloses Volk zu unsern barbarischen Sitten verleiten. Ein Schatten dieses

Barbarentums lagerte nun seit langem in unsteten Wucherungen um mein Kinn

und um meine Wangen und wetteiferte an planloser Ausgestaltung mit der

Pflanzenwelt des Dschungelbodens. Guru hatte in den Pfefferranken bei Tage

Vogelnester ausgenommen und mir die Eier gebracht, wir kochten aber nur

die, welche noch nicht piepten. Panja kaute Betel und sah mir zu, er hatte

viel Sinn dafür, wann eine Arbeit mich selbst vergnügte und wann er sie mir

abnehmen mußte, auch fühlte er sich in der letzten Zeit in seiner Rolle als

Reiseführer sichtlich geläutert, und mir schien es, als täte er seine

Arbeit mit einem ganz neuen Bewußtsein schöner Freiheitlichkeit. Pascha

putzte Palmenschößlinge, das zarteste und wohlschmeckendste Gemüse, das

Indien zu bieten hat, aber ein streng verbotenes Gericht, weil das Leben

der Palme, durch diesen Raub ihres Herzens, zerstört wird. Der weißliche,

mittlere Trieb des Baumes wird herausgeschnitten, er ist zart wie ganz

frische Haselnüsse und schmeckt ähnlich; mit Öl und saurem Fruchtsaft

zubereitet, stellt er einen Salat dar, wie ihn die europäische Küche nicht

aufzuweisen hat.

»Soll ich die Leute fragen, ob Mangobäume im Dorf stehen?« sagte Guru

plötzlich.

»Welche Leute?« fragte ich erstaunt.

»Jene dort«, sagte Guru und zeigte vor sich hin.

Da erkannte ich die braunen Gesichter im Feuerschein zwischen den Blättern

der Mangroven. Ich hatte mich längst daran gewöhnt, daß ich niemals allein

war, aber ich erschrak jedesmal aufs neue. Erst zählte ich fünf, dann zehn

und endlich etwa zwanzig große und kleine Gesichter, das ganze Dorf schien

versammelt.

Ich schickte Guru hinüber, die Gesichter tauchten unter, aber dann begann

ein immer lebhafteres Geschnatter im Dunkeln, endlich wurde Feuer gemacht,

und die Ruder polterten im Kanu. Ich hätte gern mit den Leuten gesprochen,

aber sie waren zu furchtsam, brachten uns jedoch alles, was wir wollten.

Die Bewohner dieser Landstriche, wie auch die der östlichen Berge

entstammen der Urbevölkerung und haben sich mit den eingewanderten

indogermanischen Stämmen kaum vermischt. Ihre Hautfarbe ist fast ganz

schwarz, und ihre Gesichtszüge ähneln eher denen der Neger, als denen der

Brahminen. Sie stehen auf einem außerordentlich niedrigen Stande der

Zivilisation, sind aber arglos und sehr friedsam. Ihre Religion ist

anscheinend in den primitivsten heidnischen Vorstellungen geblieben, sie

beten hölzerne Götzen an, und nur hier und da ist ein schwacher Lichtschein

des Brahman oder der buddhistischen Lehre in ihre Geisteswelt gedrungen.

Irgendeine der vielen Inkarnationen Brahmas lebt hin und wieder in ihrer

Vorstellung in entstellter Gestalt fort, ohne daß ihr Sinn lebendig

geworden ist.

Der Dschungel ernährt sie freigebig in guten Zeiten, sie tragen Pfeffer in

die kleinen malabarischen Häfen, wo die eingeborenen Gewürzhändler ihn

ihnen für sehr geringes Entgelt abnehmen. Ihre Nahrung besteht aus

Früchten, einige fischen sogar, andere sollen auch Fleischkost zu sich

nehmen, ich habe es aber nie gesehen. Auf den flachgeklopften

Lehmplätzchen, vor ihren Laubhütten, breiten sie die Pfefferbeeren zum

Trocknen in der Sonne aus, und man erblickt dort in wohlgeordneten

Rechtecken den Pfeffer in allen Farbennuancen seines Dörrens am Boden

ausgebreitet, vom saftigen Grün bis zum tiefsten Schwarz. Ihre

Hauptbesitztümer sind Kinder. Ich habe niemals so viele kleine Kinder

gesehen wie in diesen Dörfern, wie Orgelpfeifen standen die schwarzen

Reihen vor den Hütten, mit kleinen Kugelbäuchlein und Rotznasen, und

glotzten uns an, wenn wir vorüberkamen.

Dieser Abend und diese Nacht sind mir unvergeßlich geblieben, weil unter

meinen Augen ein bebendes Lebenslichtlein in der Dschungelnacht erlosch.

Ich hatte keine Vorstellung, wie weit die Zeit vorgeschritten war, ein

lauter Ruf weckte mich. Panja fuhr neben mir empor und stieß in der

Schlaftrunkenheit gegen meine Hängematte, so daß ich fast herausgefallen

wäre und im ersten Augenblick in ihm einen Feind vermutete. Das Feuer war

fast erloschen. Panja war mit einem Satz an der glühenden Asche, und ich

begreife heute noch nicht, wie rasch es ihm gelungen ist, eine Flamme

emporzuschüren. Der klagende Ruf wiederholte sich laut und nahe beim Feuer

in der dichten Finsternis, die nun so schwarz wie Kohle war, nur die

beschienenen Bäume, dicht am Feuer, glommen phantastisch und unwirklich,

wie Ungeheuer, die mit verschlungenen Gliedmaßen, unter verworrenen

Laubkränzen, in ein rotstrahlendes Gemach drängen. Pascha rief etwas vom

zweiten Feuer her, das Guru eifrig schürte. »Was sagt er?« fragte ich

Panja.

»Eine Frau schreit aus Angst vor dem Tod«, sagte Panja, der noch nicht

verstanden hatte, um was es sich handelte.

Ich trat aus dem Zelt heraus und erkannte nun im Dickicht schwelende

Fackeln und die dunklen Gestalten der Wilden. Das Geschrei einer

Frauenstimme zerriß mein Herz. Ich habe selten wieder etwas so

Durchdringendes an Schmerz und Verzweiflung gehört. Ein tierischer

Wehelaut, der doch die erbarmungswürdige Erniedrigung der Menschenseele

enthielt, fiel mich wie ein nächtliches Gespenst an, und ich mußte mich

wieder und wieder aufraffen, um nicht in tatlosem Erstarren zu lauschen und

um nicht meinem Entsetzen zu erliegen.

»Feuer!« brüllte ich, »Licht!«

Eine Wolke gelben Qualms hüllte uns ein, dann flackerte eine hohe, rote

Säule daraus empor. Guru schrie: »Es ist die Mutter!«

Endlich brachte Panja Ordnung in einen scheu herandrängenden Haufen

halbnackter Gestalten, die ein dunkles Etwas auf einer Bahre aus Zweigen

heranstießen. Eine Frau, der das schwarze Haar wild um das Gesicht hing,

und deren Arme durch die Luft irrten, schrie mir etwas zu. Sie wagte sich

trotz der großen Erregtheit, die das Ereignis mit sich brachte, das sie zu

mir geführt hatte, nicht in meine unmittelbare Nähe, aber ich sah nun, daß

ihr Gesicht von Angst und Hoffnung entstellt war.

Auf den Zweigen lag ein Kind von vielleicht zwölf oder dreizehn Jahren, ein

Mädchen, dürftig mit einem bunten Kattunfetzen bedeckt, unter dem sich der

kleine, dunkle Körper wand, und ich hörte einen matten zischenden

Klagelaut, ein ersticktes Gurgeln, aus dem Knäuel hervordringen.

Guru stöhnte bedauernd und hob sich auf die Zehen als fröre er.

»Die Kobra«, sagte Panja kurz und sah mich an. »Die Mutter hofft, du

könntest ihrem Kind helfen.«

Mein Herz blutete unter den Blicken der alten Frau, die in ihrem Schmerz

und ihrer bedürftigen Häßlichkeit unsagbar rührend und bejammernswert vor

mir stand. Ihre welke Brust hing leblos nieder, und es zitterte und zuckte

in den Furchen ihres eingefallenen Gesichts. Sie klagte nicht mehr, ihre

Erwartung hielt sie gefesselt, und ihre Augen, im vorgereckten Angesicht,

prüften und suchten in meinen Zügen, aus denen sie den Tod oder das Leben

ihres Kindes glaubte entnehmen zu können, nach meinem Willen.

Das Mädchen war mit den andern Bewohnern des Orts an unser Lager

geschlichen, um den sonderbaren Mann aus einer fremden Welt zu sehen, die

jenseits des Meeres lag und unerforschlich war an Geheimnissen und Wundern.

Und ihr Verlangen nach dem Glanz dieses Neuen, Unfaßbaren hatte sie die

Vorsicht vergessen lassen, die so not tut im Dschungelland, die man sie von

Kind auf an gelehrt hatte, und die sie in allen Fällen so klug und sorgsam

zu beachten gewußt hatte. Nun hatte es im Finstern den kleinen, bösen Stich

gegeben, den anfänglich das Herz nicht als das furchtbare Verhängnis

glauben will, obgleich das Blut es ahnt und die Schrecken des jähen

Dahinsinkens wie dunkle Flügel um die Schläfen brausen. Ein Dorn, ein Dorn

war es, vom Rand eines Palmblatts, oder vom Zedernbaum..., aber dann kam

der feine süße Schwindel, der in den Augen beginnt und der den Pulsschlag

des Herzens so eigen behindert, der zuerst die Hände und langsam alle

Glieder in trockene, kurze Krämpfe zerrt, als trieben Glassplitter im Blut,

die die Adern zerrissen. Bis die gräßliche Klage aus der Gewißheit brach:

»Die finstere Königin!«

Diese aus Ehrfurcht vor der Gottheit und aus tiefstem Grauen gemischte

Wehklage erfüllte die Walddunkelheit.

Es war zu spät. Ich öffnete die Wunde, die nur in einem winzigen,

schwarzumrandeten Pünktchen am Fuß bestand, aber das Blut floß nicht mehr

rot und warm, sondern zersetzt und stockend. Wir versuchten es mit Whisky,

aber das Kind konnte trotz unserer Mühe das scharfe Getränk nicht

aufnehmen, und die großen brechenden Augen flackerten angstvoll unter den

Peinigungen ihrer grausamen Bedränger. Feuer hilft nur im ersten

Augenblick, auch hätte ich es um alles nicht über mich gebracht, auch

diese neue Marter noch dem kleinen Leib zuzufügen. Laß das Kind sterben,

rief es in mir, das ist sein letztes, irdisches Recht.

Die Blicke der Mutter marterten mich, ich wandte mich ihr zu in der

einzigen Barmherzigkeit, welche es für sie in dieser Stunde gab. Sie brach

mit einem langen Klagelaut zusammen und blieb die ganze Nacht stumm an der

Leinwand des Zeltes liegen, wie ein dunkles Kleiderbündel.

Als das Kind gestorben war, erschütterte mich, wie mit rauhen Fäusten, die

bittere Erkenntnis unserer Menschenohnmacht. Wir sind nicht, was wir nach

unserem besten Verlangen sein könnten, wo ist die Macht, die wir in unserem

Begehr nach Vollendung ahnen, wo die Hoheit, die unsere Güte sucht, wo

unser Glaube, der Berge versetzt?

* * * * *

Düster, lieblich und glühend strichen diese seltsamsten Tage meines Lebens

dahin. Wir blieben oft tagelang am gleichen Platze, ich vergaß mein Ziel

und die Zeit. Die grünen Sumpfaugen des Dschungels und das Silberwehen der

Steppennächte bannten mich, das tiefe Atmen bei geschlossenen Augen

ersetzte die Gedanken, das Licht wurde zu einer unermüdlichen Gewißheit der

Lebensfreude und die Nacht zum gestaltlosen Traum. Das gewaltige, stille

und geduldige Leben der Pflanzen, die die ganze Erde für sich

beanspruchten, raubte meinem Gemüt langsam das Bewußtsein seiner eigenen

Rechte, gewiegt von Staunen und erfüllt von fremdem Daseinswillen trieb

mein Geist wie schlafend dahin, und doch überwach und tief innerlich

durchglüht von einem heiligen Daseinsglauben. Ich ahnte das

grünlich-morastige Gift des Waldes, dessen Königin und Göttin mir in ihrer

ganzen Macht erschienen war, ich sah den Fiebergeist im feuchten Dämmern

schleichen, aber mein Widerstand war zu einer vagen Hoffnung auf mein

Glück herabgesunken. Diese gärende, brodelnde Sumpffruchtbarkeit würde auch

meinen Leib aufnehmen und neu erblühen lassen, wenn sie ihn in ihr Bereich

saugte. Der Wald war mächtiger als die Menschen. --

Eines Nachts lag ich im Zelt auf einem Laublager, da ich die unsichere

Nachgiebigkeit der Hängematte nicht mehr ertrug. Guru war am Feuer

eingeschlafen. Er hockte neben der glühenden Asche vor dem Dreieck des

Zelteingangs wie ein Geköpfter, den Nacken zwischen den hochgezogenen

Knien, und seine fast drei Meter lange, uralte Araberflinte überragte ihn

wie eine halb gesunkene Fahnenstange. Er liebte dieses Gewehr zärtlich und

trug es meist bei sich, besonders wenn Aussicht vorhanden war, daß wir

Menschen begegneten. Dabei lebte er in dem festen Glauben, daß diese Waffe

es ihm niemals antun würde, eines Tages loszugehen. Er war nicht in Gefahr,

enttäuscht zu werden, denn die Flinte war hundert Jahre alt, hatte sicher

vom Sudan bis Singapore den ganzen Orient bereist, und es bestand keine

Möglichkeit, sie zu laden oder gar abzufeuern. Aber Guru wäre mit dieser

Waffe mitten im Urwald sorglos eingeschlummert, so sicher war er, daß außer

ihm kein anderes Wesen ähnliche Hoffnungen wie er auf seinen langen

Talisman setzte.

Wir waren am Tage an Felsausläufer des Gebirges gekommen, in deren

Schluchten der Dschungel sich aufwärts erstreckte, um sich mehr und mehr zu

lichten. In den Felsspalten floß klares Wasser, und als wir endlich

umkehrten, da der Boden zu zerklüftet und verwachsen war, kamen wir an ein

kleines Dorf von etwa zehn Laubhütten, das Itupah hieß. Unweit dieser

Niederlassung hatten wir die Zelte aufgeschlagen und die Lagerfeuer

angezündet. Die Leute waren gekommen, um uns Früchte anzubieten, hatten

sich aber bald zurückgezogen, da unsere Gerätschaften ihnen allzu magisch

und gefahrdrohend erschienen waren.

Ich konnte nicht einschlafen. Die Stimmen der wilden Tiere und der Mond

störten mich. Panja war in das Hindudorf geschlichen, um Liebesabenteuer zu

bestehen, er benutzte die Aufregung, die meine Gegenwart in Itupah

hervorgerufen hatte, um darzutun, wie berechtigt sie war. Ein paar Flecke

Mondlicht lagen am Zelteingang wie Papierschnitzel, und die Grillen füllten

die Luft mit ihrem Zirpen, als würde feiner Silberdraht gefeilt von vor

Hast toll gewordenen Sträflingen.

Es raschelte in der Zeltecke, und als ich hinübersah, entdeckte ich ein

kleines Tier, das ich anfänglich für einen Marder hielt. Es saß totenstill

da, nachdem meine Bewegung es mißtrauisch gemacht hatte, und sah mich mit

zwei riesengroßen schwarzen Augen an, die sehr weit vorn und dicht

beieinander saßen, wie bei einem Affen. Das zierliche Köpfchen war nicht

viel größer als eine Walnuß in ihrer grünen Schale, und die Färbung des

Fells erschien mir graubraun, wie bei einem Eichkätzchen im Winter.

Der Kleine gefiel mir außerordentlich, und ich versuchte Anschluß an ihn zu

gewinnen.

»Treten Sie näher«, sagte ich und pfiff leise ein paar immer gleiche Töne

in die dämmerige Nachtluft. Das Tierchen rührte sich nicht, und ich sann

auf ein Anlockungsmittel. Als ich eine Bewegung mit der Hand machte, um ihm

ein englisches Biskuit anzubieten, das neben mir lag, tat es einen

lautlosen Ruck, und der Zeltwinkel war leer. Aber nach einer Weile huschte

es wieder wie ein Schatten durch die Mondflecke, der kleine Fremde war

wieder da, offenbar wurde er durch seine Neugier geplagt.

Die beiden schwarzen Augenkugeln saugten, weit geöffnet und starr vor

Erstaunen, meine Erscheinung in sich auf, ich bin noch niemals so

angeglotzt worden. Der Kleine schien furchtbar aufgeregt vor Begierde,

herauszubringen, was es für eine Bewandtnis mit mir hatte, und was mich aus

meinem entlegenen Lande nun gerade in die Nähe der Menschenstadt Itupah und

dort in die Gegend seiner Behausung geführt haben mochte. Ich hätte es ihm

nicht sagen können. Aber enttäuschen wollte ich ihn auch nicht.

»Haben Sie Familie?« fragte ich leise.

Fort war er. Die Frage mag für den Beginn einer Bekanntschaft vielleicht

etwas zudringlich gewesen sein, aber nach einer kurzen Weile kam der Kleine

doch wieder, diesmal genau an derselben Stelle, zwischen unsern Salzgläsern

und Panjas Sandalen. Er schien nun bemerkt zu haben, daß meine Worte nicht

so gefährlich waren, wie er anfänglich angenommen hatte, und kam ein wenig

näher, um besser glotzen zu können.

Es tat mir leid, daß ich nichts anzubieten hatte, und daß meine

Gastfreundschaft sein Mißtrauen erregte.

»Es scheint, Sie leben des Nachts,« begann ich vorsichtig, »ich entnehme es

Ihren Augen und der Tatsache, daß wir uns zu dieser Stunde begegnen. Ich

bitte Sie darum, keine falschen Schlüsse aus den vielerlei Gerätschaften zu

ziehen, die Sie hier erblicken, im Grunde bewegt uns lange aufrechte Wesen

kein anderer Herzensdrang als euch. Es läßt sich so leicht sagen: das

Glück, im Sonnenschein in der Welt zu sein, die Liebe und der Schlaf.

Darüber wacht etwas, wie eine unermüdliche Hoffnung, es möchte eines Tages

alles noch um vieles herrlicher werden. Das spricht auch aus deinen großen

Nachtaugen; und ist die Begierde, die dich herzutreibt, im Grunde etwas

anderes, als die meine, die mich veranlaßte, in die Wildnis deiner Heimat

zu kommen?«

Da antwortete mir ein heller, böser Pfiff, der mir durch Mark und Bein

ging, und gleich darauf erscholl, als Entgegnung, ein ärgerliches Zischen

im Laub meines Lagers. Nun galt es, still zu liegen, das wäre ein

verdrießlicher Abschluß meiner Dschungelfahrt gewesen...

Ich wußte nun, wen ich vor mir hatte, aber bei weitem wichtiger war mir,

wen ich in meiner unmittelbaren Nähe in den welken Blättern wußte. Das

kleine Tier vor mir begann sich sanft und sonderbar zu schaukeln und

brachte dabei hell und stoßweise einen halb gepfiffenen, halb geknarrten

Ton hervor, der der Gefährtin meines Lagers galt. Nun quoll es dicht unter

meinen Augen aus dem Reisig hervor, wie das Rinnsal einer dicken, dunklen

Flüssigkeit und suchte den Ausgang zu gewinnen. Ein kleiner Schatten vom

Zeltrand her huschte der Schlange blitzschnell nach, und draußen begann für

eine kurze Weile ein von Fauchen, Zischen und Schnarchen wildbewegtes

Rascheln und Schleifen. Dann wurde es still, und ich hörte nur die

Hammerschläge meines Herzens und sah die weißen Papierschnitzel des

Mondlichts, bis langsam die eintönige Grillenmusik wieder die Nacht

beherrschte. Mir war, als habe sie geschwiegen, während sich ein Schicksal

unter den Geschöpfen des Nachtvolks vor meinen Augen abgespielt hatte.

Wie eigenartig unterscheiden sich oft unsere Erwartungen von den

Erscheinungen selbst! Ich hatte von diesem merkwürdigen Tier oft gehört,

das in Indien als der ärgste Feind der Schlange gepriesen wird, und das

sogar oft von den Engländern wie ein Haustier zum Schutz gegen die Kobra

gehalten werden soll, aber ich hatte mir die Erfüllung meines Wunsches,

diesem Tier einmal zu begegnen, anders vorgestellt. Was hatte sich mehr

zugetragen, als ein von wenigen Rufen des Kampfes, der Angst und der

Lebensgier zerrissenes Huschen und Springen? Schattenhaft, fast unwirklich

war es geschehen, grau, im Halbdunkel und ohne jene pathetische Gebärde,

die erst die Erkenntnis langsam dem Ereignis verleiht. Erst die Erinnerung

erschafft die Gestalten der Helden. War dies alles? Wie wird es uns mit dem

raschen, kleinen Leben ergehen, das wir in Erwartungen dahinhuschen lassen?

* * * * *

Oft, wenn ich von unserm Zelt aus mit der Büchse und Elias den Dschungel

durchschweifte, sah ich vom Flußufer aus die Alligatoren in der Sonne

liegen. Sie sonnten sich auf den Sandbänken und lagen kreuz und quer

durcheinander, einmal lagen sogar zwei aufeinander, das war peinlich. Der

Ausdruck ihrer sehr ausgedehnten Gesichter war in der Regel ungemein

vergnügt, die winzigen Äuglein funkelten fröhlich, und die riesigen, oft

weit geöffneten Mäuler zeigten deutlich einen Hang zum Lächeln. Man merkte

den Tieren an, wie wohl ihren knorpligen Schuppenhäuten die Sonnenglut tat,

und entschloß sich schwer, etwas Böses von ihnen anzunehmen. Zuweilen

gluckst etwas in ihren gelben Hälsen, die zart und weich wie Wachs sind.

Ich habe niemals welche gesehen, deren Länge zwei Meter überschritt, ihre

afrikanischen Geschwister scheinen einem anderen Volksschlag anzugehören

und mehr Wert auf die Einschüchterung der Menschen zu legen. Zuweilen schoß

ich auf eine dieser riesigen Eidechsen, aber meine Kugel wirkte nie so

ausschlaggebend, daß das verwundete Tier nicht noch Zeit gewann, ins Wasser

zu schnellen. Es kann auch sein, daß ich niemals getroffen habe. Nachdem

der Donner des Schusses verhallt war, war die Sandbank für gewöhnlich leer.

Diese Tiere haben eine geradezu verletzend geschwinde Art, sich zu

empfehlen, sie schießen ins Wasser wie Torpedos, es ist unmöglich, eine

Bewegung ihrer Beine zu unterscheiden, und es erweckt den Anschein, als

wären sie an gestrafften Gummibändern mit dem Wasser verbunden und würden

plötzlich losgelassen. Sie schwimmen prächtig und erinnern in der Flut an

Hechte, sind aber außerordentlich scheu und werden nur kleinerem Rotwild

gefährlich, das sie an der Tränke überraschen.

Ich warf ihnen eines Morgens die Überreste einer erlegten Hirschantilope

zu, von der ich nicht mehr als ein Rückenstück hatte genießen können, und

die sonst die Sonne oder die Schakale vernichtet hätten, und erschrak über

die sinnlose Gier dieses Flußgesindels. Es dauerte kaum eine Minute, bis

der Körper des Tiers in einem dahintreibenden blutigen Schaumbecken, in

hundert Fetzen zerrissen, verschwunden war. Am Mittag lagen die Ungeheuer

wieder in der Sonne und lächelten, während der breite, trübe Strom gurgelnd

dahinzog und den Sonnenschein in mörderischen Lichtpfeilen in die

schmerzenden Augen schleuderte, die die Dschungeldämmerung verwöhnt hatte.

Einmal saß ich in der Nähe unseres Zeltes in den Rankenverschlingungen der

Luftwurzeln eines wilden Feigenbaumes in der Morgensonne am Fluß und putzte

meine Jagdflinte, als es neben mir in den Mangroven raschelte. Als ich mich

umwandte, sah ich einen kleinen Hinduknaben vor mir stehen, der vor Schreck

völlig erstarrt war. Seine Augen schienen leblos geworden, wie zwei

schwarze, runde Spiegel, und sein Mund stand offen. Es war recht

begreiflich, denn ich hatte gebadet und so viel am Leibe, wie man ohne

Übertreibung etwa mit nichts bezeichnen kann. Offenbar hatte der Kleine auf

seinem Morgengang zum Fluß alles andere erwartet, als solch ein weißes

Ungetüm vorzufinden, das ihn angrinste.

Er zitterte heftig und schluckte, wagte aber keine Bewegung. Dies war

schlimmer als der Tiger, es war ein furchtbarer Waldspuk. Über und über

weiß war dies fremde Wesen, das da vor ihm eine unfaßliche blanke Sache

über den Knien hielt, triefte und glitzerte und Augen hatte, in die man

nicht hineinschauen konnte, ohne seinen Untergang zu riskieren. Als aber

dies dampfende Ungeheuer nun plötzlich nieste, entwand sich der gequälten

kleinen Brust, die ganz mit Entsetzen angefüllt war, ein lauter Jammerruf

und wahrscheinlich machte der Kleine innerlich einen raschen Strich unter

sein verflossenes Dasein und beschloß es in seinen Erwartungen endgültig.

Jedenfalls fiel er zu Boden, preßte sein Gesicht in die Pflanzen und stieß

wieder und wieder denselben monotonen Klagelaut hervor, in dem er sich

wahrscheinlich dem besonderen Wohlwollen irgendeines Götzen empfahl.

Es kam mir gar nichts in den Sinn, was ich etwa anstellen könnte, den

gebrochenen, kleinen Mann zu beruhigen. Wenn ich ihn berührt hätte, so wäre

er vor Angst gestorben, so ließ ich ihn einstweilen liegen und stellte

fest, daß sich seine Toilette in einer ähnlichen Etappe der Entwicklung

befand, wie die meine. Dann verfiel ich darauf, ihm eine arglose und

sinnvolle Weise vorzupfeifen, die nach meiner Überzeugung etwas

Beschwichtigendes enthielt, erst wählte ich ein altes Wiegenlied, dann

einen Choral und endlich »Heil dir im Siegerkranz«.

Das wirkte. Mein Freund drehte das dunkle Köpfchen am Boden so weit, daß er

mich mit dem einen Auge bis etwa an meine Knie hinauf betrachten konnte.

Daß ich Menschen fraß, war immer noch sicher für ihn, aber es schien doch,

als wenn ich es nicht besonders eilig damit hätte. Ich gab ihm nun in

zurückhaltender Weise zu verstehen, daß er sich erheben sollte, und er

gehorchte, immer noch am ganzen Körper zitternd, aber sichtlich erstaunt

darüber, daß ich wie ein vernünftiger Mensch zu sprechen verstand und noch

dazu in seiner Sprache. Er bestand gewissermaßen nur noch aus Augen, und in

ihnen brannte nur ein einziger Wunsch, der, sich auf möglichst unauffällige

Art empfehlen zu dürfen; glotzen ließ sich weit besser aus einem Versteck,

und was konnte aus dieser Annäherung gutes kommen?

Aber er änderte seine Meinung doch, als ich nach meinen Kleidern tastete

und ihm eine Kupferanna unter die Augen hielt. Zunächst war sie da, das

ließ sich begreifen, aber nur langsam dämmerte in seinem Köpfchen der

Glaube hervor, daß sie ihm gehören sollte. Das war schlechthin unmöglich.

Als ob er den Wert dieser runden Metallplättchen nicht kannte, die sein

Vater zuweilen aus den Hafenstädten mitbrachte, wenn er Pfeffer oder

Ingwerwurzeln hinabgetragen hatte, und mit Hilfe derer man alles erlangen

konnte, alle Herrlichkeiten der Welt, buntes Tuch, die Süßigkeiten der

Basarstraße, Reis und Maniokbrot und Macht über alle Knaben des Ortes.

Und so entwischte er ungefressen mit seinem Schatz, nachdem er endlich

begriffen hatte, daß meine Pläne sich in diesem Opfer erschöpften.

Vielleicht erinnert er sich meiner zu einer Zeit, wo er ein Jüngling

geworden ist und zu seiner ersten Kupferanna in den Hafenstädten so manche

andere verdient, und seine Meinung über uns Weiße geändert haben mag, in

einem zweifachen Sinn. --

Mehr und mehr empfand ich von Tag zu Tag, daß ein fremder Bestand, der

nicht festzustellen war, die Beschaffenheit meines Bluts veränderte. Ich

schob die Schuld, wie man es in solchen Fällen zu tun pflegt, bald auf das

eine, bald auf das andere, heute schien mir das Trinkwasser der Anlaß zu

sein, morgen der Tabak, oder eine fremde Frucht, dann wieder verband ich

meinen Zustand mit meiner Schlaflosigkeit, oder mit der Beschaffenheit

dieser schwülen, von tausend Düften geheizten Luft. Panja betrachtete mich

oft lange und besorgt von der Seite, ohne zu wissen, daß ich seine Blicke

gewahr wurde, und daß sie mich reizten. Ich behandelte ihn ungerecht und

hart, aber er blieb geduldig und verfiel nicht wie früher in sein

gekränktes Schmollen. Überhaupt hatte er sich in der letzten Zeit merklich

geändert, mir war oft, als habe ihn eine neue Verantwortlichkeit über sich

selbst hinausgehoben, gerade als ob er sich hätte bewähren müssen, um sich

seiner Kräfte und Tugenden bewußt zu werden. Ich lohnte ihm diesen Wandel

schlecht, aber ich konnte nicht anders.

Mir war bisweilen, als habe mein Gehirn sich um vieles verkleinert und als

mache es eigenartige Drehungen und Schwankungen in seiner Schale, wie ein

schwimmender Ball in einem Wasserglas. Dabei verfiel ich auf alle möglichen

Heilmittel, nur nicht auf das einzige, das mir hätte helfen können: auf die

Flucht aus den Niederungen des Dschungels.

War es Morgen, so mußte ich den Mittag erwarten, in welchem die Insekten

mit einem seligen Brausen, oder die großen Schmetterlinge leicht und

lautlos von Blüte zu Blüte zogen, durch unwahrscheinlich tiefes Blau oder

Grün, während die Welt in heißer Fülle verging. Mit dem leisen Unbehagen

des sinkenden Mittags mußte ich den Abend erwarten und an ihm die Nacht mit

ihrem Licht und Läuten über schwarzen Tiefen, ihren gurgelnden und

stöhnenden Stimmen der Raubgier und der Liebeswut und mit ihren blendenden

Gestirnen. Tag und Nacht waren für mich längst keine Begriffe des Wachens

oder der Ruhe mehr, sondern wechselnde Züge des indischen Weltenantlitzes,

magisch ineinander überwogend, wahrsagerisch entstellt.

Ich hatte meine Heimat vergessen. Europa versank in meiner Erinnerung wie

ein lauter, häßlicher Traum voll unnützer Erregtheit, und ich lächelte

mitleidig über die Schande, die mir in den kleinen Beteiligtheiten meiner

hastigen Vergangenheit widerfahren zu sein schien. Wie ein einziger,

kreischender, grellfarbiger Lebensirrtum erschien mir das Treiben der

großen Städte, und ich verging und erstand in Schlafen und Wachen wie in

Frühling und Winter, das Angesicht der Tages- und der Jahreszeiten

verschmolz miteinander zu einem unbestimmbaren Gefühl des Wandels, und die

Unschuld der Pflanzen, die mich einhüllten, wie ein lebendiges Gewand, war

die stärkste Gewalt über meine langsam verschwindende Erkenntniskraft.

Es trieb mich zuweilen aus der Dschungelnacht an den Steppenrand zurück, es

war ein Verlangen, den offenen Himmel zu sehen und das weite braune

Hügelland, und es war mir angesichts dieser Helligkeit, als entkleidete

mich ein lautloser stiller Sturm des Lichts. Oft brachen wir mitten in der

Nacht auf, nahmen zuweilen den gleichen Weg, den wir am Tage mit Mühe

durchmessen hatten, und errichteten das Lager an der verlassenen

Feuerstätte. Mir war, als hätten die Pflanzen mich am Atmen behindert, als

raubten sie meiner Brust, was ihr zum Leben not tat. Oft ertappte ich mich

über gereizten und boshaften Blicken auf eine blühende Pflanze, deren

dargebotene Liebeswut in purpurroten Kelchen mich mit Zorn und Haß und

zugleich mit hingebender Demut erfüllte.

Langsam war eins meiner Manuskripte und Bücher nach dem andern dem

nächtlichen Feuer zum Opfer gefallen, ich sah die weißen Blätter in

hämischer Genugtuung in der Glut welken und fühlte mich freier, wenn die

verkohlten Rollen zerbröckelten. Nur ein kleines, törichtes Büchlein

begleitete mich lange noch, ich weiß zuversichtlich, daß ich es nur deshalb

nicht zerstörte, weil eine merkwürdig verschlungene Ranke aus geprägtem

Gold den Einband verzierte, ungefällig, sinnlos und aufdringlich, aber es

tat mir wohl, diesen Linien mit den müden Augen nachzugehen. Einmal

versuchte ich, mich darauf zu besinnen, wo Nachrichten für mich liegen

könnten, ich schloß auf Bombay, Goa und Madras, aber ich wußte es nicht

mehr.

In den Ohren die Muschelstimmen des Chinins, träumte ich oft in der

totenstillen Mittagsglut mit geschlossenen Augen vom Winter. Immer wieder

tauchte das gleiche Bild vor mir auf: ein graues Flußtal im Abendnebel, auf

den Feldern der bläuliche Schnee im sinkenden Tageslicht, und ein eisiger

Wind über dem pechschwarzen Wasser, auf welchem Eisschollen dahintrieben.

Sie stießen sich und knarrten und läuteten, auf einigen von ihnen saßen

Raben und ließen sich mitnehmen. Dann empfand ich die Kälte plötzlich als

schneidenden Schmerz an Stirn und Wangen, und meine Brust weitete sich, wie

zerspringend vor Frische. In kalten Schauern schlief ich über solchen

Visionen zuweilen ein, aber die sinnlosesten Träume raubten meinen Schlaf

die ersehnte Erquickung.

Eines Nachts träumte mir, ich sei am Meer eingeschlafen, in einer

Bergschlucht, und plötzlich weckten mich die Stimmen zweier Männer, deren

Klang eine eigenartige Verwandtschaft mit dem Reden des Meerwassers hatte.

Ich richtete mich halb empor, stemmte die Ellenbogen in den Sand und sah

betroffen auf. Die Sonne war ins Meer gesunken und schien aus der Tiefe,

durch das Wasser. Obgleich sie selbst rötlich glänzte, war doch das Licht

der Luft grünlich und blaß, und merkwürdige Schattenwellen zogen hindurch,

wahrscheinlich entstanden sie durch die Uferwogen.

Die beiden Männer standen gerade nebeneinander im Sand, der wie Türkisen

schimmerte. Sie hatten ihre Arme schlicht und ohne Gebärde an den Körper

gelegt, und unter ihren leichtgesenkten Stirnen sahen mich ruhige, runde

Augen von einem gleichmäßigen sehr hellen Blau an, in denen ich keine

Abzeichnung der Pupillen unterscheiden konnte. Die Färbung ihrer Haut war

bernsteingelb und ihr Haar weißlich, sie hatten breite, aber hagere

Schultern, und ihre Hüften waren so schlank und so wenig ausgezeichnet, daß

man von der Achselhöhle bis an die Fußknöchel hinsah, wie an einer geraden,

schräg gestellten Leiste. An ihren Schläfen war ein eosinrotes Band

befestigt, das in einem breiten Fächer auf die linke Schulter herabsank und

hinter ihr verschwand.

So standen die Zwei, die sonst nicht bekleidet waren, ruhig vor mir in der

grünlichen Luft mit ihren geheimnisvollen Schattenwellen. Es schien mir,

als lächelten sie, aber eher neugierig als spöttisch. Endlich begannen sie

eine Unterhaltung miteinander und versuchten den Anschein zu erwecken, als

sei ihnen an meiner Beachtung nichts gelegen, aber ich unterschied doch,

daß sie nur meinetwegen sprachen. Sie lächelten verstohlen und ungefällig

und sahen bisweilen mit einem raschen Blick zu mir hinüber. Nun wies einer

von ihnen zu den Felsen einer Schlucht empor, wo sich in halber Höhe der

Berge ein gleichmäßiger, tiefer Einschnitt im Gestein bemerkbar machte, der

rundlich ausgehöhlt war.

»Richtig,« antwortete der andere, »das ist unsere alte Meergrenze, die

letzte, aber wo ist die Grenze der Väter geblieben?«

»Die Gipfel schwemmen gar zu rasch nieder,« lautete die Antwort, »die neue

Welt wird klein.«

Dann unterschied ich nicht mehr alles, was sie sagten oder meinten, aber

ich empfand, daß sie von versunkenen Reichen sprachen, deren Kulturstätten

der Meersand seit undenkbaren Zeiten in tiefen Gründen der Flut vergraben

hatte, und sie tuschelten davon, daß nun bald die Zeit anbrechen müsse, in

der der Meerboden und der Erdboden vertauscht werden sollten. Bestürzt

überfiel mich eine dunkle Ahnung der Reiche, die das Meer verbarg, und ich

sah sie, nach ihrer Auferstehung, von Sonne, Wind und Regen langsam aus

ihrer sandigen Hülle brechen. Ich wagte keine Frage, obgleich mein Herz vor

Begierde brannte, an den Erfahrungen der beiden Menschen teilzunehmen, aber

es war, als ahnten sie, daß ich die Absicht im Sinn trug, ihnen ihre

Geheimnisse zu entreißen, denn sie berührten einander die Schultern mit der

Hand, so daß sie zu einem seltsam schönen Ornament verschmolzen, wandten

sich dem Wasser zu und schwebten hinein und in die Tiefe, wie durch die

Luft. Ich sah sie noch einmal, als sie an der Sonne vorüberzogen, die sehr

tief gesunken war, dann schlief ich ein, in großer Traurigkeit, wie ich sie

nie gekannt habe, und wie man sie nur im Schlaf empfinden kann.

Ein anderes Mal im Traum schenkte mir irgend jemand ein Kriegsschiff mit

weiblicher Bedienung, damit ich gegen meine Feinde vorgehen könnte, aber

ich hatte deren leider nur drei und die lebten auf dem Festlande. So

entließ ich die Damen, damit diese drei Gegner glücklich würden. Mit den

Kanonen schoß ich auf Möwen, aber sie schnappten nach den Kugeln, ja, dies

Geflügel wartete geradezu an der Öffnung der Geschütze, es war ungemein

ärgerlich. So sah ich ein, daß es hiermit nichts Rechtes werden würde, und

löste einstweilen spielend eine Reihe von Problemen, die mich früher auf

ganz unverständliche Art gequält hatten. Dabei brachte ich endgültig

heraus, daß man zu dererlei Geistesexperimenten am Boden umherkriechen

mußte, und ich tat es mit Ausdauer und fröhlich.

Als ich aber nach vielerlei Träumen dieser Art, die ich vergessen habe,

eines Tages mit trockenem Mund und einer scheußlichen Leere hinter der

Stirn, in der Mittagshitze frierend, am Fußboden, in einem Winkel des

Zeltes, erwachte, ergab ich mich anteillos den Weisungen Panjas, ließ mich

in Wolldecken wickeln und erwartete meinen Verbrennungstod in diesen

phantastischen Feuern meines Bluts und meiner Seele, die von boshaften

Dämonen geschürt wurden.

Indienfahrt · 第 15 / 44 题