Am Silbergrab des Watarpatnam

Es wurde von Tag zu Tag heißer, ich schlief in der Mittagsstunde mit der

Zigarre in der Hängematte ein, erwachte unfroh und matt, und auch die

Bücher blieben oft tagelang, immer die gleiche Seite aufweisend, offen auf

dem Schreibtisch liegen. Mein Entschluß zu reisen, stand fest, ich

studierte die recht unvollständigen Karten, war aber schon entschlossen,

den Weg nach Norden durch die Flußniederungen der Küste zu machen, obgleich

die Ströme noch reich an Wasser waren und das Land teilweise überschwemmt

hatten. Die Offiziere der englischen Garnison, deren einige ich

kennengelernt hatte, rieten mir ab, aber sie verstanden meine Absichten

nicht, und wenn sie des Glaubens waren, daß mir daran gelegen sei, rasch

und bequem voranzukommen, so hatten sie recht. Immerhin hatte ich in etwa

vierzehn Tagen alle Vorbereitungen getroffen, der Ochsenwagen war gedungen,

Proviant für zwei Monate war herbeigeschafft, und eines Morgens brachte mir

ein Knabe die Nachricht, daß in Tschirakal am Seeufer die Boote auf uns

warteten.

Der Watarpatnam und der Ponani sind, im Norden und Süden Malabars ins Meer

einmündend, die größten Ströme des Landes. Der Watarpatnam bildet, wie die

meisten Flüsse der Westküste, vor seiner Einmündung ein gewaltiges

Seenbecken, in welchem sich die Meerflut durch einen schmalen Ausfluß mit

seinen Wassern verbindet. Die einzelnen Flußmündungen dagegen sind unter

sich, mitsamt ihren Seen durch Kanäle verbunden, die vor der Zeit der

Kämpfe Tippu Sultans mit den Engländern, dieser ebenso umsichtige wie

grausame Fürst anlegen ließ, um den Handel zur Zeit der Monsunstürme, die

die Küste unbefahrbar machen, in den Meerstädten keine Unterbrechung

erleiden zu lassen. Heute, wo der Hauptküstenhandel durch die Dampfschiffe

besorgt wird, ist diese herrliche Wasserstraße durch die Seeniederungen und

den Urwald fast vergessen worden. Die Kanäle sind zum Teil durch die

Anschwemmungen der Regenzeit versandet, oder das leidenschaftliche Wachstum

seiner Ufer hat sie völlig eingesponnen.

Panja war in bester Laune, seit ich meinen Entschluß kundgetan hatte, die

Stadt zu verlassen, denn er liebte Cannanore nicht und wünschte sich, mit

mir in Gebiete zu kommen, in denen wir allein herrschten. Als er von den

Wegen hörte, die ich zu machen gesonnen war, kratzte er sich froh und

nachdenklich im Nacken und sah mich geistesabwesend von der Seite an; heute

weiß ich, daß er vielleicht manches besser überschaute, was unserer

wartete, als ich, und daß es ihn heimlich erfreute, mich bald in großer

Abhängigkeit von sich zu wissen. Er leitete die Vorbereitungen mit viel

Umsicht, und aus mancher Anschaffung, die er entschlossen und selbständig

machte, gewann ich langsam einen Einblick in die Schwierigkeiten, die es zu

überwinden galt. Er vertauschte meine letzten Lederkoffer mit solchen aus

Eisenblech, und eine Mauer von Blechbüchsen verschwand im Gepäckwagen, er

riet mir, meine Waffen nicht zur Schau zu tragen, sie aber wohl zu rüsten,

da die Mohammedaner uns rudern würden.

Ich wußte damals noch nicht, wie weit seine Befürchtungen angebracht waren,

aber es war mir bekannt, daß vielerlei Gesindel der Hinduwelt nur deshalb

zum Islam übertritt, um die größeren Freiheiten dieser Lehre zu genießen.

Die Mohammedaner bilden in den Westprovinzen eine entschlossene und geeinte

Gesellschaft, von der England größere Gefahr droht, als von den Anhängern

des Hinduismus, der durch den Kastengeist hundertfältig gespalten und in

die verschiedensten Interessengebiete zergliedert ist.

Sonst verriet unsere Expedition eher die Friedlichkeit, als die Gefahren

des Landes, die nicht von den Menschen kommen, und ich erinnerte mich,

vergleichend, einer anderen Ausfahrt in die Wildnis, die in meiner

Gegenwart für den Sudan ausgerüstet wurde. Damals starrte das bunte Lager

von Waffen und Todesbereitschaft, die glänzenden Riesengestalten der Neger

verbreiteten das heimliche Grauen vor ihren blutdürstigen Brüdern im

Innenlande, und mit den Schwingen der Aasgeier, die den Ausgangsort der

Expedition umkreisten, rauschten in der Luft die Fittiche des Todesengels,

dessen furchtbare Züge die Seuchen Afrikas und den Blutdurst in

Fieberschwüle ausstrahlten. Viel später, als ich längst nach Europa

zurückgekehrt war, erfuhr ich, daß von jener Gesellschaft nicht ein

Einziger in die Heimat zurückgekehrt sei, der letzte Name ist in einem

Krankenhaus von Genua verklungen, in das ein fiebernder Straßenbettler

eingeliefert wurde, der, aller Mittel beraubt, und von einer furchtbaren

Krankheit zerfressen, den Versuch gemacht hatte, seine deutsche Heimat von

Neapel aus zu Fuß zu erreichen.

Die Gefahren Indiens haben dagegen wenig mit dem Charakter der

Urbevölkerung zu tun, denn seine Menschen sind friedliebend und ergeben,

sie töten nicht und sind seit Jahrtausenden gewohnt, beherrscht zu werden.

Abgesehen von den durch politischen Fanatismus aufgewühlten Leidenschaften

und ihren von Rachgier, Haß und Herrschsucht entfesselten Unbillen, sind

die europäischen Reisenden im größten Teil des Landes vor den Eingeborenen

sicher; gäbe es nicht die Gefahren des Fiebers, der wilden Tiere und der

Pest, so wäre das heutige Indien für die, welche um ihr Leben besorgt sind,

weit weniger gefahrvoll, als die Umgebung unserer europäischen Großstädte

bei Nacht. Indiens Gefahren, seine Einflüsse und geheimnisvollen Mächte

walten in anderen Regionen des Seins, als dort, wo das Messer oder die

Büchse über Wohl und Wehe entscheiden. Indien wird kaum jemand gefährlich

werden, dessen Ansprüche nicht über die Erhaltung seines leiblichen Lebens

hinausgehen, aber sein dämonischer Geist trifft das Mark der Seele dort

inmitten, wo ihr Flug die großen Fragen allen Seins und die Höhen des

Menschenbewußtseins zu erstürmen sucht. Der alte Geist des ewigen

Gottreichs lähmt mit der unfaßbaren Stille seines himmlischen Triumphs

allen zornigen Eifer des Kampfes und der Forschung, alle Jugend im Streit

um die Erkenntnis und die Frische jeder Tat im Geist. Es ist alles gewesen.

Erkenntnis ist es, welche Opfer zeitigt,

Erkenntnis nur vollzieht die heiligen Werke,

die Götter auch, im Licht, allein verehren

als Brahman, als das älteste, die Erkenntnis.

Und wer begreift als Brahman die Erkenntnis,

und wer sich nicht mehr ab vom Brahman wendet,

streift schon im Leibe alle Übel von sich,

und alle Wünsche werden sich erfüllen.

Den Himmelswelten der Upanishad und ihrem Licht ist kein Geistesstrahl

fremd, der ihr aus der Erkenntniswelt unserer Kulturen entgegenbricht, es

gibt nur Einkehr in Gehorsam und Stille oder eine ruhlose Umkehr, und

überall in Indien träumt ihr Friede über all den lebendigen und erstorbenen

Wesen seines Schaffens und Wandelns. Ein altes Sprichwort sagt, daß, wer

ohne Geduld nach Indien ginge, sie dort bald lernte, daß aber jeder, der

mit Geduld gewappnet einzöge, sie dort verlöre. Dieses Wort läßt sich

leicht, auf äußerliche Dinge angewandt, gleichmütig zu den Anekdoten

rechnen, aber sein tieferer Sinn trifft auf das alte Geisteswesen der

Jahrtausende zu, das überall waltet. Auf den Wegen Indiens hockt der Geist

der Menschheit mit grauen Haaren und jungen Augen, mit einem stillen

Triumphlächeln in den Zügen, über seine eingeäscherten Völker und über den

törichten Lichteifer der neuen Geschlechter. Niemand, in dessen Gewissen

der alte Schuldgedanke der Menschheit brennt, kommt an ihm vorüber, nur die

leuchtenden Augen der Kinder sind vor seinem Anblick gefeit und die

erbarmungswürdige Selbstsicherheit der Pharisäer.

Es war zweifellos zum guten Teil mein seltsamer Traum von Huc, dem Affen,

gewesen, der mich hinaustrieb in die unberührte Natur, die Mutter des

Glaubens und der Klarheit für alle Aufrichtigen. Wer will ermessen, ob

unsere Träume unsere Gedanken anzuregen vermögen, wie in einer unschuldigen

Selbsttätigkeit des Gehirns, die an wunderreiche Offenbarungen erinnert,

oder ob nur unsere Gedanken unsere Träume zu befruchten vermögen? Damals

erschien es mir, als läge ein ganz neues Evangelium der Weltanschauung in

Hucs schlichter Meinung, daß alles Große des Erdendaseins uns allein aus

unserer Liebe zu allem Erschaffenen der Natur erwachsen könnte. Daneben

blieb mir der Satz im Sinn: Euer ewiger Bestand hat nichts zu tun mit euren

Werken, und solange ihr glaubt, euch im Streben Erlösung zu sichern,

beweist ihr nur, daß ihr nicht wißt, was Erlösung ist.

Solcherlei Gedanken waren es, die mich mit Ruhlosigkeit erfüllten und

dahintrieben, als gelte es, das Herz des alten Reichs im Rauschen der

Ströme und Bäume des Landes zu finden, im Himmelsblau über den Wildnissen

des Dschungels, im Gebaren seiner Geschöpfe, seien es nun Menschen, Tiere

oder Pflanzen, und in der strahlenden oder gärenden Flut des Sonnenlichts

über dem jahrtausendalten Wandel und der geduldigen Wiederkehr, die alle

miteinander in innigstem Verein das Brahman geboren zu haben schienen, als

höchsten Anspruch und endliche Erfüllung.

So trieben mich die glücklichen Irrtümer meiner Jugend, wie sie Millionen

vor mir erhöht oder erniedrigt, befreit und gefesselt, gesegnet, verdorben

oder vernichtet, aber niemals zur vollen Genüge gebracht haben. Aber ihre

Leiber erbrausen verwandelt als neue Hoffnung und als neuer Glaube in den

Auferstandenen der Natur, im stürzenden Quell, in schwellenden Früchten

oder in den Liedern der Singvögel, die in Lichtwellen verwoben, über

aufbrechende Blüten dahinklingen. Krishnas große Worte vom eigenen Wesen,

der Glanz der höchsten Gottheit, verführt und leitet uns immer aufs neue zu

friedlosem Suchen nach Vollendung in uns selbst.

Ich bin der Weg, der Träger, Fürst und Zeuge,

der Freund, die Heimat und die Zufluchtsstätte,

Ursprung und Endziel und Bestand der Dinge,

bin der Behälter und der ewige Same.

* * * * *

Die erwachten Hindus standen noch, in der Morgenkühle fröstelnd, in den

Eingängen ihrer Hütten, als unsere Ochsenwagen Cannanore gegen Norden zu

verließen. Es war von unaussprechlicher Frische umher, das Leben der

Menschen hatte noch kaum begonnen, nur die Vogelstimmen begrüßten uns, das

im Tau funkelnde Morgenlicht, das in unfaßlichem Rot, wie in Farbenflecken,

im Grün und Braun der Palmen und des Buschwerks und auf der breiten

Heerstraße lag, die anfänglich sacht emporstieg.

Ich schaute nicht zurück, der rastlose Frohsinn meines erwartungsvollen

Bluts kämpfte mit der gelinden Traurigkeit des Scheidens, aber ich empfand

keinen Schmerz, sondern nur die Wehmut derer, die in tausend Hoffnungen

eine alte Liebe aufgeben, um sie dennoch zu bewahren. Der Postwagen aus den

Bergen, von Dindumalla, kam uns entgegen, ein schreiender Sturmwind, von

Trompetengeschmetter begleitet. Vier kleine, abgehetzte Steppenpferdchen,

die wie in Todesverzweiflung galoppierten, dampften unter der sausenden

Peitschenschnur ihres Führers, der halb hockend und mit dem Geschrei eines

geärgerten Affen auf sie einhieb. Ein kleiner, überfüllter Wagen rasselte

in Sprüngen und Zickzackkurven hinterdrein. Dieser Postwagen hätte keine

Maus mehr beherbergen können, selbst in den Rahmen der Fenster und auf dem

gebrechlichen Verdeck hockten die halbnackten Gestalten auf Bündeln und

Kisten und klammerten sich mit einem Geschrei, das zur Hälfte Ergriffenheit

und Jubel und zur Hälfte Angst war, aneinander fest. Niemand begriff, aus

welchen Gründen diese furchtbare Hast ihrer aller Leben gefährdete, man

schob die Wichtigkeit der Sendung auf die geheimnisvolle Weisheit der

Behörde, deren halbeuropäische Mischlingsvertreter noch in Cannanore

schliefen. Eine rötliche Wolke hüllte diese Höllenjagd aus Unfrieden und

Torheit hinter uns ein.

Panja, welcher neben dem Ochsentreiber, der zugleich Besitzer unserer Wagen

war, über dem Deichselende kauerte, wandte sich nach mir um, schob die

Bambusvorhänge zur Seite und unterrichtete mich lakonisch über den Vorfall.

Er sagte nur: »Wilde Schweine«, und ließ die Bambusmatte wieder fallen. Es

wurde wieder still umher, die Sonne stieg, die Räder knarrten, und aus den

Niederungen der Reisfelder rief die Häherdrossel ihre drei melodischen

Flöttöne.

Nach einer Weile bogen wir von der Heerstraße ab, um einen schmaleren Weg

einzuschlagen, der schlicht und ohne Baumbestände zwischen frisch

bewässerten Reisfeldern dahinführte. Die kleinen, weißen Rennochsen griffen

kräftig aus, so daß unser Wagen fast die Geschwindigkeit eines mäßigen

Pferdetrabs erreichte. Man reist in den Südprovinzen beider Indien bei

weitem gesicherter und zuverlässiger mit Ochsen, als mit Pferden, da

erstere die Hitze besser ertragen und anspruchsloser in der Ernährung

sind.

Mit dem heraufsteigenden Tage zog der Frohsinn der Menschen bei mir ein,

die sich jung und sorglos auf der Reise befinden. Auf der Reise sind die

meisten Menschen besser als in den kleinen Bedrückungen ihrer engen

Häuslichkeit; mit meiner Erinnerung an meine Reisejahre, die fast meine

ganze Jugend ausfüllten, verbindet sich für mich die Vorstellung, daß ich

damals ein bei weitem besserer Mensch war, als heute. Das Reisen läutert

das Gemüt, denn die Fremde macht bescheiden, und durchaus nicht auf die

Art, wie es nur die Lumpen sein sollen. Die Achtung vor fremdem Wesen, die

gerade uns Deutschen so gern als Tadel nachgesagt wird, ist nur dann eine

Untugend, wenn sie sich mit einer Preisgabe des eigenen Wesens verbindet.

Dieser Respekt aber vor fremdem Geist und Tun und vor der Lebensart anderer

wird in allen reicheren Herzen die Tadelsucht und die Selbstüberhebung

dämpfen, die beiden Grundfehler unserer jungen Generation.

Nicht, daß solcherlei Gedanken mich damals beschäftigten, sie kommen erst

später, sind meistens zwecklos und dienen nur denen, die sie im Grunde

nicht brauchen. Denn gute Gedanken werden nur von denen recht verstanden,

deren Wert darin beruht, daß sie ihre eigenen haben. Nein, mich nahm das

herrliche Bild des klaren Morgens gefangen, das stille Leben auf den

fruchtbaren Reisäckern, der Takt der Wassermühlen und die schönen Gestalten

der arbeitenden Männer und Frauen. Langsam verwilderte das Land mehr und

mehr, nur einmal noch, als unser Wagen, wie aus einer Laube, aus hohen

Buschbeständen und Laubwald in ein Stückchen freien Landes ausfuhr,

breitete sich vor meinen Augen ein dunkler Acker aus, der gepflügt, aber

noch nicht bewässert worden war, und das schräge Sonnenlicht legte die

aufgeworfene Erde in Schatten und Licht. Ein reicher Glanz der

Morgenfrische strahlte über dem dampfenden Land, das duftete und von

Fruchtbarkeit zu gären schien. Zwei schneeweiße Ochsen vor dem Krummholz,

das unseren Pflug ersetzt, wurden von einem jungen Manne gelenkt, der außer

seinem schmalen Lendenschurz nur einen leuchtend roten Turban auf den

schwarzglänzenden, langen Haaren trug. Ein Palmenwald schloß das Bild im

Hintergrund ab, und darüber strahlte ein unfaßlich blauer und klarer Himmel

von seliger Weite.

Am Ende des Feldes waren Mädchen an der Wassermühle beschäftigt, sie

mochten vierzehn oder fünfzehn Jahre alt sein, waren fast völlig nackt, und

ihr tiefschwarzes Haar, das von Öl glänzte, hing in einem langen, schmalen

Knoten in den lichtbraunen Nacken nieder. Sie hantierten eifrig, ihre

jungen Körper bewegten sich in einem noch unverstandenen Glücksbewußtsein

kindlicher Freiheit und in jener großzügigen Schamhaftigkeit der

selbstseligen Natur, die unbegrenzten Frohsinn um sich her verbreitet, und

sangen einstimmig ein monotones Lied von großer Traurigkeit. Der Fall des

stürzenden Wassers und ihre Stimmen bewirkten, daß sie das Herannahen des

Wagens nicht sogleich bemerkten; als sie uns aber erblickten, flüchteten

sie mit einem hellen Aufschrei hinter die trockenen Schilfwände einer

kleinen Hütte, wobei sie, wie zwei aufgeschreckte Antilopen, über einen

kleinen Bach sprangen. Aus der Hütte trat gleich darauf eine

zusammengeschrumpfte Alte, die uns aus ihren welken Zügen anlächelte und

uns winkte. Dann nahm der Wald uns auf, der dichter und dichter wurde. Die

Sonnenstrahlen drangen nur noch in spitzen Speeren bis zu uns herab, es

wurde dämmerig und schwül, die Bambusdickichte und die hängenden,

buntverwobenen Teppiche der Lianen verhüllten mehr und mehr den Blick in

die Schatten des Urwalds.

Niemand schien anfänglich über den Verlauf unseres Unternehmens erfreuter

als Elias. Die erste Tagesstunde hindurch durchmaß er unseren Weg etwa

zehnmal, die zweite machte er ihn ungefähr fünfmal und selbst in der

dritten Stunde, in der es schon empfindlich heiß geworden war, lief er

immer noch munter kreuz und quer, uns alle an Eifer und Ausdauer

übertreffend. Erst als wir in den Urwald kamen, wurde er nachdenklicher,

blieb zuweilen betroffen stehn und suchte die Dämmerung unter den Bäumen

mit seinen Blicken zu durchdringen, wobei er gewöhnlich das eine Vorderbein

emporhob und die Pfote im rechten Winkel herabhängen ließ. Seine Ohren

bewegten sich dabei unablässig, zuweilen sah er mich forschend an, wie in

Unsicherheit darüber, ob diese Umgebung mir ebensowenig geheuer sei, wie

ihm.

Übrigens hatte Elias sich auf das prächtigste entwickelt, er trug nun die

Merkmale eines Wolf- und Schäferhundes nicht minder deutlich, wie die eines

forschen und geschmeidigen Terriers, jener tüchtigen Rasse, die damals die

Engländer bevorzugten und pflegten. Seine wollige Behaarung erfreute auch

verwöhnte Kenner durch ihre Fülle und die Mannigfaltigkeit ihrer Färbung,

während ein großer Ringelschwanz ihn auf das prächtigste zierte. Da er noch

ein wenig gewachsen war, so verband er mit seiner Anmut eine gewisse

Bedrohlichkeit der Erscheinung, die er jedoch wegen der Vortrefflichkeit

seines Charakters in keiner Weise auszubeuten suchte. Zweifellos floß auch

vom Blut des sehr beliebten Hühnerhundes ein gut Teil in seinen Adern, denn

sobald sich ein Geflügel zeigte, verriet Elias einen unbezähmbaren Hang,

sich dieses Getiers zu bemächtigen, um es zu zerreißen. Hier zeigte er

einen nachahmungswerten Mut, der so leicht nicht wieder bei einem Hunde

gefunden werden wird.

* * * * *

Es begann eine herrliche Zeit! Wie soll ich die leuchtende Klarheit der

hereinbrechenden Morgen schildern, die in unfaßbarer Beständigkeit

heraufzogen, den stillen, glühenden Glanz der Tage und den magischen

Frieden der weißen, gefährlichen Nächte! Von allem, was mir aus dieser Zeit

der Wanderung durch die Wildnis am tiefsten im Gedächtnis geblieben ist,

preise ich die Kanufahrt durch die Seen und Kanäle. Ich vergesse die

Abendstunde niemals, in der unsere Wagen in Tschirakal anlangten, einem

kleinen Ort an jenem Binnensee, den der Watarpatnam vor seinem Austritt ins

Meer bildet. Der Ort lag unter Palmen und hob sich weiß, braun und grün von

der merkwürdig stillen, graublauen Silberwand des großen Wassers ab, als

wir die Straße zum Hafen niederfuhren. Aus den niedrigen Häusern und

Palmenhütten stieg blauer Rauch auf, und aus der Dämmerung einer hölzernen

Tempelpagode drang ein priesterlicher Singsang. Es regte sich kein Windzug,

die Mattigkeit des Tages lagerte in der Luft, und der bunte Hafen war so

still wie ein Bild. Ungeheure Laubbäume, unserem Ahorn vergleichbar,

überschatteten den schmalen Wassereinschnitt, in dem die Kanus ruhig, wie

eingelassen in erstarrtes Metall, dicht nebeneinander lagen, sie waren zum

Teil hoch mit grell bemalten Warenballen bepackt, und die Zugänge zu diesem

Hafen führten eng an den Häusern entlang. Es duftete nach Tee, Gewürzen und

Früchten, und als unsere Wagen dicht am Rand des Wassers haltmachten, erhob

sich ein alter Mann, ganz in ein weißes Gewand gehüllt, und begrüßte mich

im Namen Allahs und des Propheten.

»Bist du der Herr, der das Wasser befahren will, um nach Taliparambu zu

gelangen?«

Seine Stirn war dicht über den Brauen, wie von einer weißen Binde,

abgeschnitten, die schwarzen Augen sahen mich sicher und abwägend an. »Gib

die Geldsumme für die Fahrt, Sahib, wir müssen die Ruderer ablohnen, damit

sie gehorsam sind.«

Panja trat zwischen uns, absichtlich so, daß der Alte einen gelinden Stoß

empfing und zurücktreten mußte. Er funkelte Panja zornig an.

»Wer hat dir erlaubt, den Sahib anzureden?« zischte Panja. Ich war erstaunt

über seine Keckheit. »Tritt zur Seite und zeig' deine Kanus her, ob sie dem

Herrn genügen, glaubst du, der Sahib wäre gekommen, um mit dir zu

schwatzen?«

Der Alte schwankte und sah zweifelnd zu mir herüber, aber dann folgte er

Panja und sagte zögernd:

»Die Kanus sind gut.«

»Das entscheide ich«, sagte Panja kalt.

»Führst du einen großen Herrn durchs Land?« fragte der Alte.

Panja lachte. »Ihr wißt in Tschirakal nicht mehr als die Frösche in euren

Sümpfen«, sagte er geringschätzig. »Ich habe meine Seide nicht gestohlen.

Der Kollektor von Mangalore wartet so ungeduldig, daß er einen Boten nach

dem anderen sendet. Ist kein Bote angekommen?«

Der Alte schüttelte den Kopf und wandte sich scheu nach mir um. Panja

gefiel mir, und trotz seiner sonstigen kleinen Eitelkeiten empfand ich, daß

hier sein Vorgehen Gründe hatte. Ich war oft vor den Mohammedanern gewarnt

worden. Panja kannte sein Land.

Wir besichtigten die Boote eingehend. Es waren etwa acht Meter lange Kanus

aus Baumstämmen mit langen Auslegern, da sie von stehenden Ruderern

angetrieben werden, und mit wohlgepflegten Leinendächern, die den mittleren

Teil beschützten, etwa auf die Art, in der in Deutschland Lastfuhrwerke mit

Leinen gedeckt sind, straff angespannt und gewölbt. Zwischen dem

Leinenschirm und dem Bootsrand war ein schmaler Durchblick gelassen, und

vor dieser Kabine befand sich ein etwa zwei Meter langer Aufenthaltsort für

kühlere Stunden, in denen der Sonne nicht ausgewichen zu werden brauchte.

Der Boden war sorgfältig gepolstert und mit sauberen Bambusmatten belegt,

aber die Boote selbst waren nicht breiter als ein schmales Feldbett.

Panja zeigte sich zufrieden. Ich sah über den See hinaus, der sich rötlich

färbte.

»Wann kommt der Mond?« fragte Panja.

»Gegen Mitternacht,« antwortete der Alte nachdenklich, »wir werden in der

Morgendämmerung fahren.«

»Wer will reisen?« fragte Panja gelassen, »du oder der Herr? Wir fahren

sogleich.«

»Es geht nicht, die Leute sind in Tschirakal weit verstreut und nicht so

rasch zu finden.«

»Wieviel Ruderer hast du?« fragte Panja, ohne auf den Einwand des Schiffers

einzugehen.

»Für jedes Boot vier.«

»Es genügen zwei für jedes Boot,« entschied Panja, »das Wasser ist still.«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Morgen kommt ihr am offenen Meer vorüber,

wenn auch nur für eine kurze Zeit, so können doch zwei Männer das Boot

nicht durch die Brandung rudern.« Diesmal schien der Alte recht zu haben,

denn Panja fügte sich, aber er forderte, daß die Leute sogleich gerufen und

in den Booten verteilt würden. Er sagte mir später, daß es besser sei, die

Ruderer tauschten ihre Meinung über uns zuvor nicht aus, und er setzte

seinen Willen durch. Unser Gepäck wurde hinübergetragen, die Ochsenwagen

kehrten noch in dieser Nacht um, und wir fuhren nach kaum einer Stunde

hinaus, unter den aufgehenden Sternen dahin.

Der Gesang der Ruderer weckte mich. War ich denn eingeschlafen? Ich

brauchte eine kleine Weile, um zu mir zu kommen, die Luft roch fremd und es

war kühl, ich hörte das Wasser und taumelte empor in einen sanften

weißlichen Lichtschein.

Es fiel mich ein stechender Glanz vom Himmel her an, als ich aus der

Kabine kroch: die Sterne! Unter mir sanken sie in unendliche

schwarzblinkende Abgründe, totenstill, ohne zu zittern, wie Diamanten auf

kohlschwarzer Seide. Zwischen den beiden zornigen Lichtwelten, am Firmament

und in der Totentiefe, schaukelten und schwankten zwei riesige dunkle,

nackte Körper vor mir hin und her, stießen in das dunkle von Sternen und

Sternbildern funkelnde All und sangen. Ihre Ruder tauchten in die Flut und

hoben sich wieder, wie mit fließendem Silber übergossen, sprühend und

glitzernd troff es nieder, und als ich mich umwandte, sah ich eine schmale

Silberstraße von solchem Glanz, daß meine Augen geblendet wurden.

Wie ein traurig ertönender Komet mit langem Schweif schoß unser Boot durch

ein uferloses, von Himmelsfunken flimmerndes Weltall. Ich vermochte

nirgends Land zu erkennen, wir waren mitten auf dem See, diesem Bett des

ruhenden Stromes, der, über tausendjährigem Schlamm, zögernd ins Meer

hinüberglitt. Ich tauchte meine Hand ins Wasser, und sie überzog sich mit

Silber. Kraftlos sank ich, ohne Erfassen und Begreifen gegen die Wandung

meines Verdecks, erbebend in übersinnlichem Schwindel vor diesem Wunder der

Nacht.

Gegen Mitternacht tauchten im Licht des aufgehenden Mondes bläuliche

Nebelkuppen vor uns auf. Der Mond stand, eine ockerrote Sichel, über dem

Dschungel. Wir liefen Land an, ich empfand lange Zeit nichts anderes als

nasse Zweige, die mein Gesicht streiften, hörte die Zurufe der Mohammedaner

in der feuchten Finsternis, und meine Augen wurden nur selten durch einen

weißlichen oder rötlichen Schein über mir getroffen. Von solchem

Hintergrund hoben sich große Blätter oder die Schwerter eines hohen Schilfs

ab. Einmal schoß mit durchdringendem Klageruf, der noch lange draußen über

dem Wasser gurgelte, ein großer Sumpfvogel empor.

»Panja!« rief ich.

Da flammte vor mir ein Feuerschein auf, in dem ich eine schmale Sandbank

erkannte, auf die das Kanu aufgelaufen war. Es öffnete sich darüber ein

Laubengang, so dicht verwachsen, daß er wie eine grüne Höhle wirkte, mitten

darin stand Panja in seinem weißen Gewand, hielt eine Fackel hoch und

winkte mir.

Die Leute mußten einige Stunden ruhen. Es wurde ein Halbkreis von Feuern

gegen das Land zu angebrannt, nach kurzer Zeit lagen die Männer in tiefem

Schlaf auf ihren Matten, und Panja hockte mir gegenüber am Feuer und sprach

leise und erregt ohne Aufhör. Ich merkte ihm die Ruhlosigkeit der

tropischen Sommernacht an, die Ruderarbeit der Leute hatte eine merkwürdig

im Blute siedende Erinnerung an wilde Taten in mir zurückgelassen, und es

lauerte in der gärenden Stille umher eine aufreizende Liebessucht und die

Ahnung eines hastigen törichten Todes. Es war, als erwartete die

Daseinsgier und der Lebensdrang der üppig und in stiller Wildheit

ausbrechenden Pflanzen und Bäume unsere Leiber. Mein Blut pochte in den

Spitzen der Finger, in den Schläfen und im Halse.

Nach einer Weile brach Panja auf, er wand sich aus trockenen Lianen und

vermodertem Holz eine Fackel, goß Öl darauf und entzündete sie am Feuer.

»Wohin gehst du, Panja?«

»Zu den Frauen«, sagte er dumpf.

Noch eine Weile sah ich den Schein seiner Fackel rot durch das Dickicht

schaukeln, er schwenkte sie hoch empor und weit hinter sich, zum Schutz

gegen die wilden Tiere, im Takt seines raschen, weichen Tritts. Dann blieb

ich allein am Feuer zurück mit Elias, Pascha schlief im Boot bei den

Koffern, er hatte seine Matte quer über meinem Eigentum ausgebreitet und

bewachte es schlafend mit seinem Leibe.

Indienfahrt · 第 13 / 44 题