Eines Morgens stand auf der Veranda meines Hauses in Cannanore ein brauner
Hinduknabe, der einen Affen auf der Schulter trug. Wie lange er schon dort
gestanden hatte, wußte ich nicht, weil die Eingeborenen bescheiden zu
warten pflegen, bis es dem fremden Herrn gefällt, sie anzureden. Auch wenn
sie annehmen, längst gesehen worden zu sein, harren sie geduldig fort, oft
stundenlang, ob es nun auch gefällt, sie zu beachten. Dieser Umstand hat
mir in der ersten Zeit meines indischen Aufenthalts oft einen nicht
gelinden Schreck eingebracht, denn auch wenn ein Diener des Hauses ein
Zimmer betritt, wartet er still in der Nähe des Herrn, bis er angeredet
wird. Es geschah mir in Bitschapur, wo ich zu Anfang meiner Reise inmitten
alter zerfallener Königsschlösser mein Lager aufgeschlagen hatte, daß ich
nächtlicherweile plötzlich am Schreibtisch den Eindruck gewann, es stünde
jemand hinter mir. Solche Befürchtung ist in der Verlassenheit tiefer Nacht
um vieles beängstigender, als die Gewißheit eines jähen, unerwarteten
Zusammentreffens. Ich weiß noch heute genau, daß ich lange nicht wagte,
mich umzuschauen, und als ich es endlich langsam, Zoll um Zoll, tat und
plötzlich den Umriß einer braunen Gestalt, dunkel in dunkel, hinter mir
gewahrte, emporfuhr, als sei es der Böse selber, der mich heimsuchte. Der
Bote hatte, in der festen Annahme, daß ich längst von seiner Gegenwart
Notiz genommen hatte, bescheiden und geduldig auf meine Anrede gewartet. Da
die Hindus den Tritt nackter Füße, selbst auf einer Kokosmatte, deutlich
hören, begreifen sie nicht ohne Schulung, daß unser Ohr an deutlichere
Beweise einer Annäherung gewöhnt ist. Glücklicherweise erschrak damals der
nächtliche Ankömmling so heftig über meinen Schreck, daß mich ein Lachen
befreite und aus meinem Entsetzen riß.
Eine große Zahl Berichterstatter aus dem heutigen Indien behaupten in
Büchern und Journalen immer wieder, dies Land sei aller Geheimnisse und
Wunder und aller Mystik längst entkleidet. Wahrscheinlich kennen sie von
Indien nur die neumodischen Hotels. Ich habe den poetischen Glanz der Veden
und den Geist Kalidasas überall gefunden und erst im Lande selbst recht
würdigen und fassen gelernt, und der bedauernden Ernüchterung der modernen
Propheten habe ich nur den Kummer entgegenzuhalten, daß meine Kräfte nicht
ausreichen, von den mystischen Herrlichkeiten und dem geheimnisvollen
Zauber aller Erscheinungen ein rechtes Bild zu geben. Wer allerdings die
Wunder Indiens in der Kunst der Taschenspieler sucht und enttäuscht ist,
wenn ihm keine Gelegenheit geboten ist, auf einem frei hängenden Seil
emporklettern zu können, wird seine Erwartungen nicht erfüllt sehen, aber
er wird nicht nur in Indien, sondern überall in der Welt enttäuscht sein,
wo er glaubt, etwas Rechtes erleben zu können, ohne etwas Rechtes zu sein.
Denn das Mystische ist weder das Dunkle und Unklare, noch das phantastisch
Bedrohliche unverständlicher oder geheimnisvoller Vorgänge, sondern es
umschließt, seiner tieferen Bedeutung nach, viel eher die Gewißheit ewiger
Wahrheiten in ihrem Fortwirken jenseits unserer Erkenntnis.
Jener Knabe nun, den ich vor meinem Hause fand, bot mir seinen Affen zum
Kauf an, ich erfuhr durch Panja sein Anerbieten und den nützlichen Zweck,
der sich für jeden Garteninhaber mit dem Besitz eines Affen verbinde. »Er
holt die Kokosnüsse aus den Palmen«, erklärte mir Panja. Das kleine,
graubraune Tierchen, das etwa die Größe eines Foxterriers hatte, sah mich
von seinem erhöhten Sitz ruhig aus seinen alten Zügen an. Es war an einer
Kette befestigt, deren Ende einen Ring um seine hageren Lenden bildete.
Der Knabe erklärte sich bereit, seinen Affen vorzuführen, und in der Tat
zeigte sich das Tier außerordentlich gut unterrichtet. Kaum war er von
seiner Fessel befreit worden, als er mit großer Geschwindigkeit eine Palme
erstieg, eine große Nuß abdrehte und sich geduldig wieder festlegen ließ,
nachdem die Nuß gefallen war, und er, um vieles langsamer, wieder
niederkletterte. Panja verhandelte mit dem Knaben wegen des Kaufpreises,
und während ich, ohne zu verstehen, die beiden beobachtete, gewahrte ich,
daß eine sichtbare Besorgnis das Gesicht des Hinduknaben betrübte. Er
schien begierig und traurig zugleich. »Er will seinen Affen nur vermieten,«
erklärte Panja, »das kommt daher, daß er ein Dummkopf ist.«
Mir schienen die Dinge anders zu liegen; ich bemerkte deutlich, daß der
Knabe heißes Verlangen nach der Kaufsumme trug, die er zu erzielen hoffte,
daß er sich aber schwer für alle Zeit von seinem Affen zu trennen
vermochte.
»Biete ihm fünf Rupien als Kaufsumme«, sagte ich.
Panja bot eine. Der Knabe zitterte heftig, denn schon diese kleine Summe,
die nach unserem Geld noch nicht zwei Mark ausmacht, bedeutete ihm einen
großen Schatz. Da die Ergriffenheit des Kindes mich deshalb fesselte, weil
ich deutlich zu fühlen glaubte, daß nicht einzig seine Geldgier ihn
bewegte, gab ich Panja ein nicht mißzuverstehendes Zeichen, daß ich
vorübergehend Gehorsam von ihm forderte. Er wußte, daß ich genug
kanaresisch verstand, um ihn kontrollieren zu können, und sank in eine
Haltung gottergebener Verzweiflung zusammen, die er stets einnahm, wenn ich
meinem Untergang entgegenging, ohne seine Hilfsbereitschaft zu beachten.
»Weshalb willst du den Affen nicht verkaufen?« ließ ich fragen.
»Ich habe sonst kein Eigentum«, antwortete das Kind.
»Aber wenn ich dir eine große Summe gebe, so kannst du leicht neue Affen
erstehen. Ich biete dir fünf Rupien.«
Panja verschluckte sich bei der Summe und mußte sie noch einmal sagen.
Der Knabe zitterte so heftig, daß ich ihn am liebsten in die Arme
geschlossen hätte. Er sagte zögernd:
»Es ist kein Affe so gut wie Huc. Aber,« fügte er schnell und mühsam hinzu:
»für diese große Summe will ich ihn dir geben. Du wirst Huc weder schlagen
noch töten, und wenn du erlaubst, werde ich zuweilen kommen und durch das
Gartengitter schauen.«
»Weshalb verkaufst du ihn, wenn du deinen Affen liebst?« fragte ich.
»Soll ich so was wirklich übersetzen?« fragte Panja.
Ich sah ihn an, und er übersetzte meine Worte wie ein Automat.
»Meine Eltern hungern«, sagte das Kind einfach, ohne Klage und ohne
Anklage. Und im Verlauf des Gespräches erfuhr ich eine merkwürdige
Geschichte, die mich lebhaft fesselte. Der Vater dieses Knaben war von der
deutschen Missionsgesellschaft in einer Weberei, die in Cannanore von den
Missionen unterhalten wird, angestellt gewesen, nachdem er sich zum
Christentum bekehrt hatte. Da er sich aber im Verlauf seiner Tätigkeit
wiederholt Diebstähle hatte zuschulden kommen lassen, war er entlassen
worden. Seine Stammesgenossen, die ihn längst als Abtrünnigen betrachtet
hatten, wollten nun, bei seiner Wiederkehr in ihr Bereich, nichts mehr von
ihm wissen, und er war hier wie dort ein Geächteter geworden und in Elend
geraten. Nun begriff ich wohl, daß man in einer Industrie keine Diebe
gebrauchen kann, aber der Gedanke, ob im Tempel eine Weberei am Platze sei,
erfüllte mich nach dieser Erfahrung mit mancherlei Zweifeln. Die Wechsler
und die Priester werden in keinerlei Gotteshaus zum Segen einander dienlich
sein, am wenigsten in einem christlichen.
Ich sollte auf diesem Gebiet noch recht unterhaltsame Erfahrungen machen,
und es stand mir noch bevor, einige dieser Gottesboten kennen zu lernen,
sowie auch den Geist und Wert ihres Wesens. Panja mußte nun zu seiner
Bekümmernis mit dem Knaben einen Vertrag abschließen, nach welchem mir das
Recht auf den Affen Huc für zwei Monate zustand, wogegen ich die Summe von
fünf Rupien im voraus als Gebühr entrichtete. Dem Besitzer stand es zu,
seinen Affen zweimal in der Woche zu besuchen und ihn abzuholen, falls ich
früher als in der ausgemachten Frist Cannanore verließ.
Das Kind eilte glücklich heim, und Panja kündigte mir den Dienst; dies
hatte aber weiter nichts zu bedeuten, denn er tat es oft. Als ich von
seiner Abkehr keine Notiz nahm, blieb er stehen und sah mich an.
»Sahib,« begann er, »du wirst in wenigen Wochen ruiniert sein, und was wird
dann aus mir und meiner alten Mutter, meinen Geschwistern, den Schwestern
meiner Mutter und den Reisfeldern am Purrha?«
Ich erwiderte höflich:
»Panja, als ich dir vor wenigen Wochen die zehnte Rupie deines Vorschusses
ausbezahlte, sagtest du mir, deine Mutter sei gestorben, und du brauchtest
das Geld für ihre Bestattung.«
»Es war meine Großmutter,« sagte Panja, »soll ich dir von ihr erzählen?«
»Deine Großmutter starb bei unserer Ankunft in Bitschapur.«
»Du wirfst alles durcheinander,« sagte Panja traurig, »nur den Vorschuß
behältst du richtig im Gedächtnis.«
Diesen Tadel meiner Gesinnung zog ich mir deshalb zu, weil Panjas Vorschuß
doppelt so groß war, als ich gewagt hatte, anzuführen, und ich nahm mir
ernstlich vor, künftig ehrlicher zu sein.
Als ich gegen Abend vom Meer heimkehrte, nachdem ich am Strand der
Fischerstadt ein Boot erhandelt hatte, fand ich Huc in meinem Zimmer. Panja
war nirgends aufzutreiben, und Pascha servierte mir schweigend den Reis am
Ausgang zur Veranda. Ich sah seinen Bewegungen und dem gelassenen Schaffen
des Mannes zu. Er nahm die Tonkrüge mit gekochtem Wasser aus ihren
Bambusschaukeln, in denen sie zur Kühlung geschwenkt werden, trug die
Speisen und Früchte ernst und sorgfältig herzu, alles in kleinen Gerichten
und zierlich verwahrt, Früchte des Zimtapfelbaums, Ingwer, geröstete
Pisangfrüchte und Reis mit Curry und Kokossaft. Ich hatte mich damals
längst an die indische Kost gewöhnt, die in ihrer großen Mannigfaltigkeit
wahrhaft kennen zu lernen wenigen vergönnt ist, denn selbst in den
Hinduhotels bemühen sich die Eingeborenen, den Europäern die Speisen auf
deren Art zuzubereiten. Wer den Reichtum der indischen Früchte kennen
gelernt hat und ihre Art seinen Bedürfnissen anzupassen versteht, ist in
Indien wohl daran und wird diese erfrischende und gesunde Ernährungsart
jeder anderen vorziehen und niemals vergessen.
Als Pascha die Ananas und die Bananen brachte und die ersten Mangofrüchte,
die noch nicht in Malabar gereift waren, sah er Huc, den Affen, neben den
Speisen auf dem Tisch sitzen und erschrak.
»Ich werde ihn hinausbringen«, sagte er.
Aber ich erklärte ihm, daß ich mit Huc sprechen müsse, und er ging still
hinaus. Anfänglich hatte der Affe nur geringes Zutrauen zu mir gehabt und
sich in seiner weichlichen Vorsicht immer wieder zurückzuziehen versucht,
aber bald hatte er herausgebracht, daß ich es gut mit ihm meinte, und in
seiner scheinbar so nachlässig abwartenden Art betrachtete er mich und nahm
zögernd mit matter, immer ein wenig hängender Hand, was ich ihm darbot. Er
hatte großes Mißtrauen gegen die Menschen, der Arme, denn einem gefangenen
Affen ist in Indien kein gutes Los beschieden, er muß den Haß und die
Verachtung erleiden, die seinen räuberischen Gefährten gelten. Jeder
Vorübergehende vergnügt sich eine Weile damit, an dem Gefangenen einen Teil
seines Zornes auszulassen, den seine Brüder in der Freiheit mit ihrem
frechen, spöttischen Wesen, in der Sicherheit ihrer Palmenkronen,
heraufbeschworen haben. Am schlimmsten aber setzen die Kinder ihm zu, deren
gedankenlose Grausamkeit in keinem Lande schlimmer ist, als in Indien, da
die Verdorbenheit der Gesinnung und des Blutes schon früh hinzukommt; und
wieviel gilt in Indien das Leben eines Affen, wo kaum das Leben eines
Menschen etwas gilt. Der Knabe, der mir Huc gebracht hatte, bildete in
seiner Stellung zu dem Tier eine Ausnahme.
Die Abendsonne schien noch. Da ich im Garten eine schmale Bresche in das
Dickicht hatte schlagen lassen, so war nun ein Ausblick auf das Meer
hinüber möglich, aber ich sah nur die Hochebene, hinter der es atmete,
spürte seinen kühlenden Hauch und vernahm sein gedämpftes Dröhnen an den
Felsen. Auf der Höhe der Ebene erblickte ich die Silhouetten zweier Palmen,
deren eine kerzengerade emporstieg, während die andere sich demütig in
einem sanften, ebenmäßigen Bogen zur Seite neigte. Fein und schwarz, wie
mit Kohle gezeichnet, sah ich diese zierlichen Figuren in der Ferne gegen
das Ampelrot des Abendhimmels, sie erhoben sich in der Melodie des Meeres
mitten auf jenem Wege in die Freiheit des Himmels, den meine Augen nun
Abend für Abend nahmen, so lange ich in Cannanore weilte. Lange noch,
nachdem ich die Stadt verlassen hatte, erschien oft dies Bild unter meinen
geschlossenen Lidern und mit ihm die verlorenen und versunkenen Gestalten
meines indischen Lebens, dessen Herrlichkeit kein irdischer Mund wird
nennen können. Im Getriebe der tobenden Großstädte Europas, mitten im
Straßengetümmel, in erleuchteten Sälen unter schwatzenden und lachenden
Menschen, oder in der einsamen Ruhe meines nächtlichen Arbeitsraums
erscheint mir bisweilen noch dies einfache Bild, und mit ihm ersteht die
große Melodie des Ozeans und der Ruf des Wassers an den dunklen Felsen. Das
unstillbare Heimweh nach der Fremde liegt darin beschlossen und ein großer
Friede.
Die Nacht sank nieder, aber Huc tat deutlich den Wunsch kund, noch in
meiner Nähe zu verweilen, und ich ließ es zu, da mich ohne Aufhör das
merkwürdig beklemmende Bewußtsein gefangenhielt, daß wir einander in Rede
und Antwort noch vieles schuldig seien. Kein Lebewesen der Schöpfung löst
in so hohem Maße den Hang zur Nachdenklichkeit über sich selbst in uns aus,
wie der Affe. Während ich langsam ein Glas des schweren indischen Palmweins
nach dem andern meiner isolierten Seele gönnte, zog der gewohnte Reigen
meiner Traumgestalten, von Weinlaub bekränzt, an meinen Augen vorüber, und
langsam verlor mein Herz die Kraft des Alltags, um sie gegen eine bessere
und höhere Kraft einzutauschen, die keine irdischen Erweise ihrer Gewalt zu
geben vermag. Während dieser Stunde saß Huc still und nachdenklich vor mir
und betrachtete mich geduldig. Seine merkwürdig zarten, hellgrauen
Augenlider, die an dünnen Guttapercha erinnerten, hoben sich nur selten
über die Hälfte des scheinbar ermüdeten Auges empor, und die dunklen
Greisenhändchen mit den schwarzen Nägeln führten ein schläfriges und
gesondertes Leben, von dem seine Gedanken nichts zu wissen schienen.
»Huc,« sagte ich zu ihm, »mein geliehener Affe, der Gang, den das
menschliche Herz antritt, wenn es sich ohne Gesellschaft den beschwingten
Führungen des Weins anvertraut, ist überall in der Welt der gleiche, nur
im Grad voneinander unterschieden, aber in seiner Art wie die Gemeinschaft,
derer alle teilhaftig werden, die sich unter die Segnungen eines Sakraments
stellen. Ist es nicht zuerst, als träten die Sorgen des Alltags einen
stillen Rückzug an, daß unser Gefühl erstaunt und sehr erfreut nach der
Ursache dieser Flucht forscht? Auf der nun begrünten Walstatt ihres
quälenden Aufenthalts erhebt sich der freundliche Engel unserer Hoffnung,
der, ohne unsere Augen zu blenden, in feierlicher Weise das Schönste
unserer Zukunft zur Gewißheit macht, so daß wir unvermerkt und heimlich am
Ziel unserer Wünsche angelangt sind. Aber so ist es mit uns, Huc, an diesem
Ziel wird uns plötzlich traurig zumute, weil es solcher Gestalt Guten, wie
der Wein sie aus uns macht, nicht wohl tut, ohne Verlangen zu sein, es
entsteht uns aus dem erreichten Ziel nicht mehr als ein Ausblick auf ein
neues. Und mit der zugleich schmerzvollen und doch seligen Ahnung, daß es
immer so bleiben wird, erwacht in unserm Herzen das Heimweh nach einem
bleibenden Gewinn.«
»Prost«, sagte Huc.
»Du mußt mich jetzt nicht stören«, antwortete ich in jener Bekümmernis, in
die leicht Leute geraten können, die ihre Gedanken viel wichtiger nehmen,
als sie sind, und die deshalb glauben, man wollte sie ablenken, wenn man
ihre Ergriffenheit nicht teilt. »Huc, wir müssen nun sehen, wo dieser Trost
zu finden ist, und in welcher Gestalt er einhergeht. Er taucht aus dem
Grund unseres Glases hervor, aus dem Schatten des Kelchs und wird zum
Bildnis einer Frau auf seinem goldenen Spiegel.
Alles was wir gern geglaubt
strahlt aus seinem Grund,
Jesu schmerzgeneigtes Haupt
und der Liebsten Mund.«
»Keine Verse, bitte«, sagte Huc.
»Vergib,« antwortete ich, »es kommt zuweilen vor, ohne daß man es
beabsichtigt, aber ich begreife, daß die Wesen selten sind, die erkennen
können, daß man die Dinge wahrhaft schön nur in Versen sagen kann. Sieh
nun, Huc, das Bildnis dieser Frau gleicht dem keines dieser Wesen, die wir
kennen, die Schönheit und Milde dieses Angesichts ist niemals in der Welt
zu finden, und darin liegt sein unnennbarer Trost. Aus dem Grund ihrer
Augen erstrahlen das unvergängliche Leben und der irdische Schlaf, und vom
Schlaf steigen liebliche Schleier empor, wie der Duft des Jasmins in der
Sommernacht, und legen sich über unsere Augen, so daß wir in Ruhe
versinken, als hätten wir uns nichts gewünscht, als diese gnädige Ruhe.«
»Ein Asket bist du also nur,« antwortete Huc, »weil der Weg dorthin mit
einer Reihe genußreicher Annehmlichkeiten verbunden ist.« Er fuhr sich
rasch mit der Hand über die schmalen Lippen seines großen Mundes, der wie
in eine dunkle Halbkugel eingeschnitten war, und ließ dann mit
hochgezogenen Brauen die Hand wieder sinken, als habe er sie vergessen.
»Gib einen Schluck her«, fuhr er fort und zog die Schultern hoch, wobei
sein Kopf vorrückte und mir so groß erschien wie ein Menschenkopf. Er trank
vorsichtig, leckte sich umständlich die Lippen und atmete so schmerzvoll
auf, wie nur Menschen aufatmen können.
Es war eine Weile still zwischen uns, die nächtlichen Geräusche der Natur
drangen gedämpft zu uns herein und das leise, heimliche Sausen der
reisenden Erde. Da legte Huc die welke Hand auf die Gegend seines Herzens
und sagte einfach:
»Ich bin schwindsüchtig und werde nicht mehr lange leben, ich will dir von
den Wäldern erzählen. Viel kann ich nicht sagen, denn die Schönheit der
Wälder ist so groß, daß die Gedanken und Worte darüber zu Träumen werden,
je näher sie der Wahrheit kommen. Denke nicht, meine Krankheit betrübte
mich, nur armselige Wesen leiden an ihrem Leibe, alle Schmerzen des Körpers
und seine Hinfälligkeit sollte man nur mit einem Lächeln hinnehmen.«
»Ich bin erstaunt über deine Weisheit, Huc«, sagte ich.
»Wie hochmütig du sein mußt, um darüber zu erstaunen«, antwortete Huc ohne
Eifer. »Ihr Menschen habt verlernt, in den lebendigen Wesen der Schöpfung
den Schöpfer zu ehren, und ihr überschätzt eure Eigenschaften so sehr, daß
ihr darüber diejenigen aller anderen Wesen belächelt. Aber wir sind alle
auf dem gleichen Wege, und wenn wir Sinne hätten die Zeit zu ermessen und
sie in Vergangenheit und Zukunft zu überschauen vermöchten, würden wir
ehrfürchtiger sein, bescheidener und frömmer. Gib einen Schluck her.«
Ich reichte ihm das Glas, das er mit beiden Händen nahm und langsam mit
geschlossenen Augen leerte.
»Alle guten Menschen haben den Hang, den Tieren in ihrem Gehabe und Wesen
zuzuschauen,« fuhr Huc ruhig fort, »es regt ihre Ahnungen einer zukünftigen
Vollendung in Rührung und ungewissem Glauben an; andere sind schon viel
weiter und lernen es, die Eigenarten der Pflanzen zu bewundern, die,
obgleich sie sich von denen der Tiere unterscheiden, doch nicht weniger
mannigfaltig sind; wann aber werdet ihr das Leben der Steine beachten? Die
Menschen haben die Geduld verloren. Ich habe lange unter ihnen leben müssen
und darunter nicht nur gelitten, wie du meintest, als du mich ausliehst,
sondern ich habe auch gelernt. Ich habe ihre Häuser und Städte kennen
gelernt, bin auf Schiffen die Küste entlang gefahren, so daß die Wälder an
den Ufern mir wie feine blaue Nebelstriche erschienen, sogar eine
Eisenbahnfahrt habe ich gemacht, so daß ich weiß, worauf ihr stolz seid. In
der Gesellschaft mit Menschen habe ich mir meine Krankheit zugezogen, denn
ich habe in Regen und Wind und in der furchtbaren Sonne ohne Schutz auf
meinem Pfahl zubringen müssen, an den ich mit einer Kette angeschlossen
war. Du wirst mein letzter Herr sein. Prost!«
Ich holte ein zweites Glas für mich herbei und schenkte uns beiden aufs
neue ein. Huc saß still mit seinen alten, nachdenklichen Augen dicht vor
mir auf dem Tisch, so daß unsere Stirnen etwa in gleicher Höhe waren,
zwischen zwei glänzenden Flaschen im Kerzenlicht. Eine Weile spielte er mit
dem farbigen Stanniol, zerriß es und roch daran. Als er es endlich aus den
Händen fallen ließ, als habe er nie Interesse daran bekundet, zweifelte ich
wieder für einen Augenblick an seiner Bedeutung.
»Du bist doch nur ein Affe«, sagte ich, und raffte mich auf wie aus einem
Traum.
Huc zog seinen langen Schwanz melancholisch durch die Hand, hielt endlich
das Ende fest und fragte, das runde Maul mit einem Ruck auf mich zustoßend:
»Wieviel hast du eigentlich schon getrunken?«
Ich entschuldigte mich beschämt; so war also Huc doch im Recht, wie ich
gleich anfangs angenommen hatte, als er mich von der Schulter seines jungen
Herrn aus mit seinem unbeirrbaren Ernst und seiner versunkenen
Überlegenheit angesehen hatte. »Erzähle von den Wäldern«, bat ich.
»Ich meine oft,« begann Huc ruhig, »ich kenne die Wälder erst, seit ich sie
habe verlassen müssen, weil ich mich von jenem Tage an, Stunde für Stunde,
bis tief in meine Träume hinein habe mit ihnen befassen müssen, und darüber
habe ich auch erfahren, daß das Geliebte erst recht unser Eigentum zu
werden scheint, wenn wir es verloren haben. Alles Kleine ist dahingesunken,
und mir ist nur ein einziges strahlendes Bild von herrlicher Freiheit im
Gemüt zurückgeblieben, es ist verwoben mit dem weißen Licht des Mondes
über dem Blätterdach der Bäume, mit dem Spiel des Sonnenscheins im frischen
Grün, mit dem Lied der Nachtigall am Wasser und dem Geruch der Blüten,
deren es so viele gibt, wie unsere Sinne nur immer an Farben und Gestalten
ersinnen können. Du wirst länger leben als ich, so will ich dir die
Sehnsucht nach den Wäldern als Erbteil zurücklassen, bewahre sie.«
Ich hob mein Glas, um es als Zeichen der Bestätigung aufs neue zu leeren,
aber Huc trank nicht mehr mit. Er schmiegte sich an die eine Flasche, die
nur um weniges kleiner war als er, als könnte ihr buntes Funkeln im
Kerzenschein ihn wärmen, und sprach eintönig und scheinbar ohne
Begeisterung weiter, seine Züge lächelten weder, noch verrieten sie Trauer.
»Es war an einem Frühlingsmorgen, als ich in Gefangenschaft geriet, meine
Heimat liegt weit von hier, in den Dschungeln von Mangalore, der alten
Priesterstadt am Meer. Ich geriet auf einem Reisfeld in eine Schlinge, die
von den Menschen gelegt worden war, und ergab mich in mein Geschick, als
ich merkte, daß das Hanfseil unzerreißbar war, das sich mir um Arm und
Schultern gelegt hatte. Zwei Knaben schleppten mich in eine armselige
Hütte, die aus Lehmwänden und Palmblättern zwischen den hängenden Wurzeln
eines wilden Feigenbaums errichtet worden war. Es roch nach Sandelholz und
verbranntem Kuhmist und war so dumpf und dunkel, daß ich lange Zeit wenig
erkannte. Als ich nach der ersten Nacht am Morgen erwachte, sah ich den
Sonnenschein auf den Bananenblättern vor dem engen Fenster und dachte an
die Gefährten in der Freiheit, die sich nun, wie einst auch ich, auf den
Wipfeln der Arekapalmen im Morgenwind schaukelten und den Kranichen
zuschauten, die auf den Sandinseln im seichten Wasser des Flusses standen
und fischten. Wenn ich meine Augen schloß, so hörte ich das Wasser
rauschen und die Stimmen der Schilfpflanzen am Ufer. Ich hörte die Lockrufe
der Wildtauben aus den dichten Lauben des Gehölzes dringen und sah den
Panther durch das Ried schleichen, um zu trinken. Er bewegte sich zwischen
den Sonnenspeeren und Schattenstrichen des hohen Schilfs, als spielten
Sonne und Wind mit Schatten und Licht, und niemand erkennt ihn, wenn ihn
sein heiseres Keuchen nicht verrät, oder sein dampfender Atem, der von dem
Blutgeruch seines nächtlichen Raubs schwer ist. Hoch über mir sang der
Milan seinen hellen Jagdruf im Blauen, nach Beute ausspähend, wie von Gold
übergossen schwebte er klein und selig in der kühlen Morgenhöhe, über dem
wilden, grünen Meer des Dschungels. Ich saß Schulter an Schulter mit den
Gefährten in der rötlichen Frühsonne in der Höhe, atmete die herrliche Luft
ein und fühlte die schweigsamen Bewegungen der unzähligen Pflanzen unter
mir, die sich gegen die Sonne emporreckten. Du würdest lernen, das
leidvolle und süße Geräusch der aufbrechenden Blumen zu hören, wenn du mit
mir im Urwald gelebt hättest, du könntest den Duft des ersten Aufbrechens
vom Hauch des Verblühens unterscheiden, und das wollüstige Drängen, das
sehnsüchtige Keimen, und die Hingabe dieser Geduldigen, in der Lust und Not
ihres Frühlings Erzitternden.
Aber was ist euch Alltäglichen nicht alles wichtig und wie vielerlei
Geringfügiges setzt ihr höher an, als die beschauliche Gemeinschaft mit dem
Leben der großen Natur. Wir Affen gelten bei euch als ein unnützes
gedankenloses Volk, das nichts Gescheites zustande bringt und seinen Tag
vertändelt. Aber wieviel wißt ihr vom Glück unseres freien Daseins in der
Sonne oder im Mondglanz in der weißen, gärenden Nacht, von unserer
Gemeinschaft mit dem unschuldigen Geschick der tausendfältigen Geschöpfe
der Natur? Glaubst du, wir gäben nicht für eine einzige Stunde friedvoller
Gemeinschaft mit den Glücklichen des Waldes den ganzen Tand dahin, um
dessentwillen ihr euch euren hastigen Tag hindurch so wichtig gebärdet? Die
Wahrheit, daß wir euer Wesen nicht haben, schließt uns vom irdischen
Daseinsglück nicht aus, und habt ihr denn in der Zeitlichkeit ein anderes
Ziel als das Glück? Ihr verlacht uns, wenn ihr uns unsere Freiheit genommen
habt, und vergeßt, daß wir ohne sie nichts mehr sind. Nur im Glück lernt
man ein Wesen wahrhaft kennen, denn das Glück ist die Vorbedingung zum
wohlabgewogenen Selbstbewußtsein, und aus dem Selbstbewußtsein kommt alles
Große.«
»Was ist denn von euch Affen Großes gekommen?« fragte ich.
Huc zog die Achsel hoch, und sein Gesicht wurde grau und alt, als wären
Jahrtausende über diese Züge dahingegangen; er bekam etwas von einer
ägyptischen Mumie und zugleich etwas schwermütig Tierhaftes von
unbeschreiblich drohendem Ernst.
»So kann nur ein Mensch fragen,« sagte er matt. »Immer noch glaubt ihr, der
Natur etwas hinzufügen zu können, und meint, etwas erschaffen zu müssen, um
bestehen zu bleiben. Euer ewiger Bestand hat nichts zu tun mit euren
Werken, und solange ihr glaubt, euch im Streben Erlösung zu sichern,
beweist ihr nur, daß ihr nicht wißt, was Erlösung ist. Das Große, das dem
rechten Selbstbewußtsein entspringt, ist nicht Werk von Menschenhand,
sondern die Liebe zu allem Erschaffenen der Natur.«
»Was weißt denn du von Gott, du Affe!« sagte ich.
»Es kommt nur darauf an, daß Gott etwas von mir weiß,« antwortete Huc, »und
er tut es. Unglücklich sind nur diejenigen, derer Gott sich nicht
erinnert.«
»Das ist wahr, Huc, das ist wahr, ich habe dir unrecht getan, Huc.«
»Nun fängst du gar an, mir zu glauben,« entgegnete der Affe melancholisch,
»nichts könnte mich mehr an der Wahrheit meiner Worte irre machen.«
Huc hatte nun einmal keine gute Meinung von mir, ich weiß nicht, wodurch
ich sein Mißfallen erregte, vielleicht dadurch, daß ich zu viel Palmwein
getrunken hatte.
»Erzähle von den Wäldern,« bat ich, »über Gott soll man nicht streiten,
kein Weiser streitet über Gott.«
»Das wäre für dich ein Grund, es zu tun«, sagte Huc, öffnete sein Maul ein
wenig, so daß ich seine Zähne blinken sah, und es erschien mir plötzlich,
als lauerte eine erschreckende Bosheit hinter seinen Zügen.
Es ergriff mich über dieser Wahrnehmung ein unbeschreiblicher Zorn, dessen
Ursprung gewiß nicht allein in diesem heimlichen Hohn des Tieres zu suchen
war, sondern vielmehr in jener an Wut grenzenden Beschämung, in welcher man
das Gebäude einer falschen Gotterkenntnis unter den einfältigen
Liebesansprüchen der Natur zusammenbrechen fühlt. In Besinnungslosigkeit
und Verblendung ergriff ich jählings eine der Flaschen, packte sie am Hals
und schwenkte sie hoch durch die Luft, um sie mit einem wuchtigen Schlag
auf Hucs kahlem Schädel zu zerschmettern. Die Scherben stoben in einem
bunten Regen nach allen Seiten auseinander und ich glaubte einen dunklen
Schatten davonhuschen zu sehen, als ich die von einem jähen Licht
geblendeten Augen öffnete.
Da erkannte ich, daß draußen die Morgensonne auf die Blätter schien, und
daß ich in der Nacht am Tischrand auf meinen Armen eingeschlafen war.
Bestürzt und benommen sah ich mich um, denn das Klirren des Glases lag mir
so deutlich im Ohr, daß kein Zweifel darüber herrschen konnte, daß eine
Flasche zerschlagen war. Da erkannte ich, daß ich im Schlaf ein Glas vom
Tisch gestoßen hatte, am Boden blinkten die Scherben im Morgenlicht, und
vom halbgeöffneten Fenster her wehte es kühl herein und brachte das
Geschrei der Sittiche aus den Mangobäumen mit sich. Ich raffte meine
erstarrten Glieder mühselig auf, eins nach dem andern, und gähnte über die
stille dunkle Weinlache hin, die den Tisch zierte, und in der meine Zigarre
jämmerlich ertrunken war. Immer noch ein wenig betäubt, bückte ich mich
endlich nieder, um Hucs Leiche aufzulesen, aber ich fand den Affen
nirgends. Da fiel mein Blick auf das ungeschlossene Fenster, und mit leisem
Schreck begriff ich Hucs Geschick. Ich trat, nicht ohne einen Anflug von
Altersschwäche, mit geraden Beinen und etwas krampfhaft geschwenkten Armen
auf die Veranda hinaus und richtig fand ich Huc auf dem Gipfel einer
Papeiapalme. Es sah aus, als säße er auf seinen Händen, dabei schaukelte er
sich seelenvergnügt nach besten Kräften, und auf meinen Zuruf hin schaute
er nieder, zog den Kopf zwischen die Schultern und zeigte mir fletschend
die Zähne, als verlachte er mich. Aber bald wurde ich ihm gleichgültig, er
blinzelte in die rote Morgensonne hinein, ließ den Zweig ausschwanken, wie
er wollte, legte den kleinen, klugen Menschenkopf in den Nacken und schloß
vor Lebensseligkeit die Augen.
Als ich ins Zimmer zurückging, stand Panja in der geöffneten Tür, die Hände
auf dem Rücken, morgenfrisch und ausgeschlafen stand er da, den sauberen
Turban auf dem kohlschwarzen Strähnenhaar, und seine Augen wanderten mit
unaussprechlichem Ausdruck von der umgestoßenen Weinflasche bald zu den
Scherben am Boden, bald über meine arme Gestalt hin, die in der Tat der
Frische und Schwungkraft entbehrte.
»Sahib...«, sagte er und stemmte die Hände in die Hüften.
Ich will den Ausdruck seines Gesichts nicht schildern, es ist eine
unangenehme Erinnerung für mich. Nun wird er nach dem Affen fragen, dachte
ich, aber es geschah nicht. Panja war seit dieser Nacht, nach welcher er
Elias allein in meinem Bett gefunden hatte, davon überzeugt, daß selbst er
mir nicht zu helfen in der Lage sei. Er sagte nur in einer ganz
abscheulichen Überlegenheit, die ich ihm nicht vergessen werde:
»Sahib, es ist ein Fischer draußen, der dir sagen läßt, der Ostwind sei
gekommen, und dein Boot sei für die Meerfahrt bereit.«