Ehe die Morgendämmerung hereinbrach, trieb es mich hinaus, um den stillen
Kampf der roten Morgensonne mit dem grünlichen Silberlicht des Mondes zu
sehen. Oft sah ich die einsamen, hohen Palmen am Meer auf der einen Seite
in rote Glut getaucht, während die andere noch die silbernen Wahrzeichen
des Mondlichts trug, aus dessen kaltem Leuchten sie langsam im Morgenwind
zu erwachen schienen. In solcher Licht- und Farbenpracht standen sie gegen
das bewegte Meer, dessen Stimmen den heraufeilenden Tag begrüßten.
Aber ich sollte diesen Morgen nicht zur Freude des herrlichen Anblicks
gelangen, denn Panja hatte mit mir zu verhandeln.
»Sahib,« rief er, als ich um Wasser bat, »was ist dies für ein Haus, in
welches du eingezogen bist!«
Ich begann es zu beschreiben, aber er unterbrach mich mitleidig.
»Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht!« rief er, und die
herausfordernde Traurigkeit seiner Augen grenzte geradezu an Mißachtung.
»Sieh, Panja,« sagte ich so freundlich, als es mir möglich war, »ich
brauche nun Wasser, bedenke die Sitten meines Landes.«
Da führte mich Panja durch den Garten, ohne noch etwas zu sagen, denn er
verzweifelte offenbar daran, mich anders als durch Tatsachen von der
Ungerechtigkeit meiner Forderung zu überzeugen.
Die ganze Frische des indischen Frühlingsmorgens umfing uns. Alle Blüten
strömten von Tau über, ihre Farben leuchteten im ersten Licht, so daß meine
Augen das Entzücken dieser Pracht nicht zu fassen vermochten, und der
Geruch von Nässe, Erde und tausend aufbrechenden Blumen ließ mich taumeln
vor Glück. Auch über Panja kam dieser Rausch, als risse das irdische
Lebensheimweh der Blühenden seine Seele, wie auch die meine, mit sich
empor. Er hob die braune Nase in die Luft, lächelte breit in einfältigem
Behagen und sah sich nach mir um. Mit allen Sinnen sog er die Frische und
das Licht ein, und sein dunkler, nackter Körper glänzte von Tau.
Als wir am Ende des Gartens, dicht beim Palmendickicht, an der Zisterne
anlangten, erblickte ich anfänglich nichts als eine turmartige Wildnis von
Schlinggewächsen, und erst als Panja die Ranken zerteilte, gewahrte ich die
zum Wasserspiegel niederführende Treppe, die wie in eine unterirdische
Höhle hinabging. Die zerbröckelten Steinquadern in der Dämmerung waren von
seltsamen Moosen übergrünt und fast ganz bedeckt, ein kühler Modergeruch
kam mir entgegen, und Panja, der den Eifer seiner Entrüstung vergessen zu
haben schien, warnte mich mit einem geflüsterten Wort und sah fast
ehrfürchtig drein. Sein braunes Gesicht unter dem weißen Turban schaute aus
einer Wolke halboffener, roter Blüten hervor, die so groß wie Kinderköpfe
waren. Ein Falter, wie aus blauem Samt, erhob sich schläfrig aus ihrem
Ampellicht und zog lautlos davon, in die Pflanzenwildnis hinein.
»Du darfst nicht hinabsteigen,« sagte Panja, »überall hockt der Tod im
halben Licht, hierhin geht er aus dem Tag der Menschen; tritt zurück. Ich
habe das Wasser gesehen, es ist grün wie sterbendes Laub und von Pflanzen
bedeckt, es trägt Blumen, die niemals ein Sonnenstrahl getroffen hat und
die deshalb giftig sind, wie die Schlange und das Fieber, die bei ihnen
wohnen.« Dann besann er sich plötzlich, seine kindlichen Augen verloren
ihren andächtigen Ernst und er sagte mit gerunzelter Stirn:
»Solch ein Haus mietest du! Wie lange willst du hier bleiben? Wir reisen
nach Bitschapur zurück, ich werde alles in die Koffer stecken.«
Auf dem Rückwege trafen wir Pascha, den Koch, der über die Straße kam und
auf das Haus zuging. Einen roten Tonkrug mit Wasser auf der Schulter,
schritt er durch die Sonne, die inzwischen aufgegangen war. Aus dem Hause
drang Holzfeuergeruch. Pascha grüßte mich mit der freien Hand und schritt
stumm an mir vorüber. Mir war zumute, als sei er stolz auf sein Land und
auf seine Pflicht, gönnte mir das erste nicht und täte das zweite um seiner
selbst willen. In seinen großen, samtartigen Augen, unter den langen
Wimpern, verbarg sich sein Verlangen nach den Bergen. Seine männliche
Gestalt entzückte mich, ich empfand plötzlich den Namen, den ich ihm
zugelegt hatte, als lächerlich und wünschte mir, den seinen zu wissen, nur
um ihn vor mich hinsagen zu können, diesen fremdartigen Namen seines
fremden Geschlechts aus den Bergen. Mich ergriff aufs neue jene sonderbare
Traurigkeit, die mich in Indien nie verlassen hat, und die dem menschlichen
Herzen, allem Unerforschbaren gegenüber, eigentümlich ist.
Panjas empfindsamer Sinn für alle meine Regungen, die sein Interessengebiet
berührten, ahnte auf seine Weise, daß Paschas wortlose Tätigkeit mir
wohlgefiel. Er sagte:
»Diese Hunde aus den Felsspalten haben eine Spürnase für alles Genießbare.
Er wird aber vergessen, das Wasser zu kochen, und morgen hast du Fieber,
Sahib. Ich werde also nach dem Rechten sehen.«
Er ging ins Haus, und gleich darauf hörte ich Elias klagen. Die
Sonnenstrahlen wärmten bereits spürbar, obgleich ihr Licht noch rötlich
war. Der Garten dampfte, und Vogelstimmen, mit den ersten Lauten der
ausschwirrenden Insekten gepaart, drangen aus der nebligen Morgenschwüle
des Dickichts. Ich verließ den gärenden Garten und betrat den rötlichen
Sandweg, der unter uralten wilden Feigenbäumen breit dahinführte, auf
Cannanore zu, in freierer Luft. Mein Haus lag etwa in der Mitte zwischen
der Stadt und dem Meere; um die eine oder das andere zu erreichen, mochte
etwa eine Viertelstunde Wegs zu gehen sein. So entschloß ich mich, die
Stadt zu einem kurzen Besuche zu betreten, während Pascha den Tee
bereitete.
Der breite Weg war fast leer, über Cannanore lag ein bläulicher
Holzfeuerrauch, der aus den Palmen stieg, die Ortschaft war ganz von ihnen
verborgen, wie die meisten Städte und Dörfer der fruchtbaren malabarischen
Küste. Es war so still umher, daß ich das Rauschen des Meeres an den Felsen
vernahm, und das Sonnenlicht war von unfaßbarer Milde und Wohltat. Ein
Ochsenwagen knatterte langsam heran, die hohen Räder mahlten leise im Sand,
und ein Hindu hockte auf der Deichsel, dicht zwischen den Schwänzen der
prächtigen, geduldigen Tiere, sein Kinn zwischen den mageren Knien. Er
blinzelte scheu zu mir herüber, ohne einen Gruß zu wagen, die gewaltigen
Hörner der Ochsen schaukelten gemächlich wohl einen Meter lang über den
blendend weißen Rücken.
Am zerfallenen Stadttor erhob sich zur Rechten und zur Linken eine einsame
Palme, jene nach rechts, diese ein wenig nach links geneigt und ihre
Fächerkronen, über den flachen Dächern der Häuser, zeichneten sich dunkel
und deutlich gegen den klaren Morgenhimmel ab, die Stämme waren von der
Sonne bemalt, wie mit roter Farbe. Ich sah durch das Tor in die bereits
belebte Basarstraße, in der die eiligen nackten oder weiß bekleideten
Gestalten sich zwischen den niedrigen Häusern bewegten und die Händler ihre
Straßenläden öffneten und ihre Waren ausbreiteten. Der Wächter am Tore
erhob sich, um sich tief zu verneigen, wobei er sein Gesicht mit den
Händen bedeckte. Ich beschritt die Basarstraße und empfand die Stille und
das Erstaunen, die ich hinter mir zurückließ; nur die Brahminen, die graue
Schnur auf der nackten Brust, gingen stumm und steil an mir vorüber, ohne
zu grüßen und ohne sich umzuschauen. Ich erblickte schöne Gestalten und
stolze Gesichter unter ihnen und las aufs neue aus ihren Zügen die ferne
Verwandtschaft mit den germanischen Völkern unseres Erdteils, deren Wesen
die Jahrtausende nicht ausgelöscht haben. Sie haben lange das gewaltige
Reich beherrscht, bis Mohammed seine Fahnen inmitten ihrer Königsschlösser
aufpflanzte und ihnen langsam mehr und mehr die furchtbare und
geheimnisvolle Macht erschütterte, die heute nur noch tief im Lande, in
düsterer Gewalttat und mystischem Dunkel waltet. Bis auch Mohammeds Zeichen
und die Pracht seiner Könige erblaßte, als das Gebrüll des britischen Löwen
sich über dem Meer erhob und das Land erfüllte. Als ich mich nach kurzem
Gang zum Heimweg wandte, sah ich die Umrisse des englischen Forts gegen das
Meer. Seine Kanonen sind Tag und Nacht auf das Schloß des Hindukönigs, im
Herzen der Stadt, gerichtet, um es beim ersten Zeichen einer Revolte in
Trümmer zu legen. Unter dem stummen eisernen Mund, der unerbittlich und
unveränderbar unter der zornigen Sonne und dem ruhigen Mond auf die Stadt
schaut, flackern die letzten, schüchternen Reste der alten Königsmacht von
Cannanore.
* * * * *
Es war freilich mancherlei in meinem Hause vorzubereiten, bevor ich es zu
dauerndem Aufenthalt behalten konnte, und beim Tee sprach ich mit Rameni
und Panja über die Maßnahmen. Rameni hatte seine offenen Schuhe vor meiner
Tür stehen lassen und versuchte während unserer Unterhaltung vergeblich ein
erträgliches Verhältnis zu dem Liegestuhl zu finden, den ich für ihn
aufgerichtet, und den er aus Höflichkeit angenommen hatte. Endlich stand
er auf und ordnete sein weißes Gewand, aus dem von den Knien ab seine
mageren braunen Beine schauten.
»Es soll alles nach deinem Willen geschehen, Sahib«, sagte er so
liebenswürdig, als sein furchtbares Englisch zuließ. Panja verachtete ihn
so angestrengt, daß ihm der Schweiß ausbrach.
Es war herrlich auf der Veranda. Der Morgen des indischen Frühlings -- es
war nach unserer Zeitrechnung Ende Oktober -- ist frisch und erquickend,
erst nach drei oder vier Stunden wird die Sonne wirklich heiß. Panja wurde
guter Laune, als Rameni gegangen war.
»Wie das Schwein stinkt«, sagte er freundlich. »Er wird dich überall
betrügen, Sahib. Wenn deine Reichtümer nicht unermeßlich wären, so würde
dieser Schurke dein Untergang sein. Zuerst werde ich nun die Ameisen
vernichten, sie fressen alles, was sie finden. Wenn man Whisky zwischen die
Steinplatten gießt und zündet ihn an, so ist es um die Tiere geschehen. Gib
eine Flasche, ich werde beginnen, wenn du ans Meer gehst.«
Ich schlug vor, es mit Petroleum zu versuchen, das man sicher in der Stadt
auftreiben würde.
Panja schüttelte sich.
»Die armen Tiere«, sagte er.
Nach einer Weile rückte eine Schar alter Weiber mit Besen, Eimern und
Tuchfetzen heran, deren Anblick zuerst den ahnungslosen Elias und dann auch
mich vertrieb. Nur Panja hielt dem Ansturm dieser wilden Amazonen stand,
weil ihm daran gelegen war, seine Autorität in Szene zu setzen.
Das Haus war in wenig Tagen derart instand gesetzt, daß ein beschauliches
Leben voll reicher Eindrücke für mich hätte beginnen können. Auch Panja
fand sich bald in unsere neue Lebenslage, und es kamen stille, herrliche
Frühlingstage, die ich nie vergessen werde. Die beständige Sonne weckte
mich, und meine durch tiefen Schlaf belebten Sinne empfingen die ferne
Stimme des Meeres, das mich Tag für Tag in sein glitzerndes Bereich
hinablockte. Die Fischer wurden meine ersten Freunde in Cannanore, und ich
hatte mich bald daran gewöhnt, ihre Arbeit mit ihnen zu teilen. Es gelang
mir, ihr anfängliches Mißtrauen zu zerstreuen, und ich lernte von ihnen,
wie sie von mir.
Wir saßen in der Abenddämmerung bis tief in die Nacht hinein auf den
schwarzen Uferfelsen, die in geraden, hohen Blöcken weit in die Meerflut
hineindrangen. Oft mußten wir von einem Steinplateau zum andern springen,
oder über schmale Holzbretter balancieren, um bis an das äußerste Riff zu
gelangen, von wo aus die Angeln weit in die See geschleudert wurden. Neben
uns, zur Rechten und zur Linken, wogte still die ungeheure Wassermasse,
erst in tiefem, klarem Blau, dann färbte sie sich langsam rot und blendete
den Blick, bis sie endlich tiefschwarz und drohend auf und ab stieg, so daß
es erscheinen konnte, als tauchte der Fels in einem unbeweglichen dunklen
Spiegel auf und nieder. Weit hinter uns donnerte die Brandung, und hinter
ihr ging über den Palmen der rötliche Mond auf.
Es war in der Hauptsache auf den Fang größerer Fische abgesehen, die
Angelhaken hatten die Größe eines gekrümmten Kinderfingers und waren mit
dem Eingeweide erbeuteter Fische umwickelt. Etwa vier bis fünf Meter vom
Köder entfernt war ein Stückchen leichter Baumborke als Schwimmer an der
Leine befestigt, und die Angeln wurden über dem Kopf in Kreisform
geschwenkt, so daß sie bis zu zwanzig Metern weit ins Meer hinaus
gelangten. Dann hockten die Männer sich nieder und verharrten unbeweglich,
wie mit dem Fels verwachsen, bis ein leises Rucken am Seil sie vom Erfolg
ihrer Mühe unterrichtete.
Oft kam das wogende Meer bis hart an unsere nackten Füße, dann wieder sahen
wir es viele Meter tief unter uns. Selbst in der Nacht erkannten die Leute
deutlich das Herannahen einer größeren Welle, und ein leiser Zuruf warnte
mich, damit ich mich am Felsen festhalten möchte. Wenn dann für Augenblicke
der Steinboden den Blicken entschwand und nichts als das leise brodelnde
nächtliche Element unter mir kenntlich war, hatte ich anfangs ein dumpfes
Gefühl der Angst, ja der Todesfurcht zu überwinden, und nur die
unerschütterliche Gelassenheit meiner Nachbarn sicherte meinen Mut.
Die Männer hielten ihre Leinen niemals fest in den Händen, sondern nur
leicht zwischen den Fingern, weil es vorkam, daß ein Haifisch anbiß, und
weil der erste Ruck ihnen hätte verhängnisvoll werden können. In solchem
Fall, den ich einmal erlebt habe, schreckte ein lauter Zuruf alle empor.
Ich sah die Leine wie ein Ankerseil in rasender Schnelligkeit ins Meer
gleiten und wie ihr Ende hastig um einen Felsvorsprung gewickelt wurde. In
den meisten Fällen war das Gerät dann verloren; zuweilen gelang es aber,
das Raubtier durch die Felslücken bis auf den Strand zu schleifen, und ich
erschrak über die Lebenskraft und Wildheit des Gefangenen, der trotz seiner
Hilflosigkeit einen geradezu einschüchternden Widerspruch gegen seine
Bändiger an den Tag legte. Man befestigte den Rest der Angelschnur mit
einem Pflock im Sande, ohne den Haken zu lösen, und ließ das Tier auf dem
Trockenen sterben, so gut und rasch es konnte. Erst am andern Tage oder
nach Stunden bemächtigten sich die Frauen alles Verwendbaren von seinem
glatten Leibe, dessen Fleisch nicht genossen wird.
Gegen Norden zu brachen die dunklen Küstenfelsen jählings ab, und es
breitete sich, soweit das Auge reichte, die freie Bucht entlang, weißer
Sand aus. Oft wuchsen Palmen, besonders wenn sie einem kleineren Bach das
Geleite gaben, bis dicht an den Meeresstrand hinab. Dort sah man, noch nahe
dem Ort, die bunten Boote der Eingeborenen in Reih und Glied im Sand, und
weiter hinaus begann eine Stille und Verlassenheit, die wohl dazu angetan
war, ein empfindsames Herz zu locken.
Dort lag ich oft am Wasser, bohrte mich in den Sand und warf die Lasten
meiner unnützen Gedanken weit von mir. Es war herrlich, der Stimme des
Meers zu lauschen, die die ganze Welt zu beherrschen schien, und die endlos
langen, ebenmäßigen Wogen zu betrachten, welche heranliefen wie sanfte
Windwellen unter blaßblauer Seide, sich lautlos hoben und sich mit
jubelndem Erbrausen, in ein weites Lichtband zerbrechend, auf den
geduldigen Strand warfen. Das ging so lange so fort, wie nur immer die
Sinne sich in Geduld und Traum hinzugeben vermochten, denn das Meer kennt
keine Zeit. In seiner Stimme sind weder Hoffnungen noch Verheißungen, keine
Liebe und kein Drohen, weder Wahrsagungen noch Beschwichtigungen. Das Wesen
des Meeres hat keine Gemeinschaft mit dem unsrigen, und nichts als ein
beseligter Unfriede erwacht in uns, wenn wir uns ihm zu nähern trachten,
nur seine Größe erhebt uns, wie alle großen Formen dem Gemüt eine Ahnung
künftiger Freiheit vermitteln. Das Meer enthält keine Maßstäbe für unsere
Rechte oder für unsere Pflichten, wie die Erde sie uns bietet, die uns
trägt und ernährt und deren Schicksal dem unsrigen verwandt ist. Die
Dichter haben das Meer selten verstanden, sie haben es nur beschrieben,
aber wer würde durch sie ein Bild von seiner unermeßlichen Gewalt und
Freiheit bekommen, wenn er das Meer niemals gesehen hätte? Nur in jenem ins
Mystische hinüber verblühenden Geiste des großen, gottberauschten
Schwärmers der Apokalypse leuchtet ein wahrsagerisches Licht vom Wesen des
Meers auf, als er das Tausendjährige Reich in seinen unendlichen Visionen
erblickt, und vom Meer sagt, es sei nicht mehr. In dieser Erkenntnis liegt
eine tiefe Ahnung vom Wesen des Meers, das nicht wie die Erde verflucht
scheint, und keinem Gericht, keiner Wiederkehr und keinem Wandel
unterstellt ist.
So hat auch das Meer keineswegs eine Verwandtschaft mit der Seele des
Menschen, wie manche festgestellt haben, die weder das eine noch die andere
kennen, und die nur deshalb, weil sie in der Seele etwas Bodenloses
wittern, auf den Gedanken gekommen sind, sie wäre vielleicht so tief wie
der Ozean in der Mitte. Das ist ein leichtfertiger Schluß, der schwer zu
erweisen ist, die einzige Ähnlichkeit zwischen solchen Seelen und dem Meer
ist die, daß man oft in beiden herumfischt, ohne etwas zu fangen. --
Einmal fand ich am Strand einige große Meerschildkröten, die auf dem Rücken
lagen und nach Wasser schnappten. Aus den Spuren nackter Füße, die sie wie
ein in den Sand eingeprägter Lorbeerkranz umgaben, ließ sich leicht
entnehmen, daß diese Tiere sich nicht freiwillig in solche Lage begeben
hatten und daß sich ein menschlicher Zweck mit dieser Grausamkeit verband.
Und richtig sah ich unter den Bäumen einen braunen Hinduknaben flüchten,
dessen Respekt vor mir so groß war, daß er eine Palme bis an den Wipfel
erklomm.
Die Schildkröten waren in dieser Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit
einem langsamen Tode in der unbarmherzigen Sonne ausgesetzt, der um so
qualvoller war, als sie nicht wie die Fische rasch sterben, wenn sie ihrem
Element entrissen worden sind, sondern eine zähe Lebensdauer, auch auf dem
Trockenen, beweisen. In der Tat war auch der Gesichtsausdruck einzelner von
ihnen bereits sehr verstimmt, anderen hing der merkwürdig häßliche Kopf
schon leblos nieder, an dem faltigen Hals, der mir wie ein welker, rissiger
Schlauch erschien. Ich kehrte mit großer Mühe diejenigen um, die mir noch
regsam genug für eine Fortsetzung ihres Daseins erschienen, aber sie
taumelten wie betrunken hin und her und fanden das Wasser erst, als ich
ihnen den Weg wies. Dort schwammen sie rasch und erregt hinaus und tauchten
sobald als möglich unter, sichtlich im Zweifel darüber, ob dieser Vorgang
eine Tatsache war, oder nur eine neue greuliche Vorstellung ihrer
Fieberphantasien im Sonnentod.
Später erfuhr ich, daß die Tiere von den Eingeborenen in diese Lage
gebracht werden, damit sie sterben, denn sie können sich nicht aus eigenen
Kräften wieder umkehren. Auf diese Weise gewinnen die Leute das sehr
begehrte Schildpatt, ohne einen Eingriff in das Leben der Tiere
vorzunehmen, was ihnen verboten ist und auch ihrer Überzeugung
widerspricht. Die Tiere sterben auf diese Art durch den Willen der Gottheit
und werden so nach Vorstellung der Hindus nicht von Menschen getötet;
offenbar ersieht man aus der Tatsache, daß die Götter die Schildkröten
nicht wieder umdrehen, ihren Beschluß, sie zum Nutzen der Menschheit
sterben zu lassen.
Übrigens hatte ich es mit jener Handwerkerkaste in Cannanore endgültig
verdorben, denn eben jener Knabe, welcher mir Achtung erwies, hatte von
seinem hohen Versteck aus meine Maßnahmen wahrgenommen und er nahm Anlaß,
diese Neuigkeit in Cannanore zu verbreiten.
Es gab am Strand vielerlei Krebse und allerhand kleines Meergesindel, mit
dem ich mich einließ, auch Ratten kamen bisweilen die Bäche herab und
erkundeten, ob das Meer Tote angeschwemmt oder ausgewühlt hatte. Eine
bestimmte Kaste in Malabar begräbt ihre Pesttoten am Meer im Sand; zwar
werden meist die Sandbänke und Inseln gewählt, aber häufig findet man auch
die Spuren der Gräber an der Küste.
Einmal machte ich die Bekanntschaft einer größeren Fliege, die nur einen
Flügel hatte und den Rest ihres Lebens am Gestade zu verbringen schien. Ich
beobachtete sie, während ich am Strand lag und rauchte. Sie suchte sich die
Steine aus, die besonders rund, blank und heiß waren, und es schien, als
bevorzugte sie die weißen. Wenn sie eine Weile auf einem solchen gesessen
hatte, faßte sie einen anderen ins Auge und versuchte ihn mit einem
sprungartigen Flug zu erreichen, aber sie landete jedesmal auf irgendeinem
dritten, weil sich leider das Fehlen ihres einen Flügels beim Einhalten der
Richtung bemerkbar machte.
Jedesmal schaute sie anfänglich etwas verdutzt um sich, ergab sich aber
dann ihrem merkwürdigen Schicksal, immer anderswo landen zu müssen, als sie
gewollt hatte. Mit einem etwas bekümmerten, aber keineswegs gereizten
Ausdruck orientierte sie sich über die ihr bestimmte Umgebung, schließlich
schien die Sonne auch hier, und sie blieb sitzen, im heißen Licht, vor dem
glitzernden Wasser.
Ich faßte eine gewisse Neigung zu dieser flüchtigen Freundin meiner
einsamen Stunden am Meeresstrand. So sehr viel besser ging es schließlich
im Leben auch mir nicht, und im Grunde kam es uns beiden auf die Sonne an.
Ich erzählte ihr, wie ich es mit dem Dasein hielt, aber da sie nicht auf
mich achtete, warf ich mit kleinen Steinen nach ihr, die lustig über die
runden Brüder ihrer Jahrtausende kollerten und vergnügt klirrten. Die
meisten dieser Steine waren prächtig abgerundet, ich nahm einen von ihnen
in die warme Hand und polierte ihn sorgenvoll. »Du bist noch nicht rund
genug, mein Kleiner«, und ich warf ihn ins Meer zurück, damit ihn die Flut
noch ein paar weitere tausend Jahre lang abschliffe. Es kam mir auf tausend
Jahre nicht an, so wenig wie auf einen Tag. Aber vielleicht würde dieser
Stein mich nicht vergessen, sicherlich war es ihm noch nicht geschehen, daß
einer dieser vergänglichen Menschlein sich seiner annahm und plötzlich
einen solchen Eingriff in seine gemächliche Entwicklung machte.
Das Meer trug leichte und liebliche Gedanken in meinen Sinn, törichte und
sinnvolle, aber niemals schwere. Seine Gaben waren Traum, Vergessen und
Schlaf, sie stiegen mit der flimmernden, heißen Luft in unbekannte Regionen
empor, und der flüchtige Seewind trug sie von dannen. Die Menschen meines
verflossenen Lebens versanken in einem schimmernden All, in welchem ich
wesenlos, wie sie selbst, dahintrieb, und auch die Liebe wurde zur
Erinnerung.
Nie aber, daß Langeweile oder Mißmut mich plagten, das Leben war ein
makelloses Gefäß, angefüllt mit dem klaren alten Wein lieblicher
Sinnenfreude und heiterer Daseinslust. Ich begriff die Menschen dieses
Landes und dieser Sonne, die kein anderes Begehren zu bewegen schien, als
das Dasein auf solche Art als seligen Bestand auszukosten und sich dem
selbsttätigen Walten von Erstehen und Vergehen, den vergänglichen
Glücksgütern der Erdenzeit gegenüber wahllos und zufrieden, ohne Bedenken,
anheimzustellen. Was den Unedlen zu einem Anlaß anteillosen Verkommens
wurde, das wurde im verwandten Geist den Edlen zu einer tiefen Offenbarung
tatlosen Versinkens in einer hellseherischen Demut der Selbstbeschränkung.
Zuweilen zollte ich am Strande dem Tode eine kleine Abschlagszahlung auf
seine künftigen Rechte und schlief ein, aber die Stimme des Meerwassers
ging mit mir in das dunkle, ruhige Land. Die Monotonie seiner frischen
Stimme verwandelte sich in meinen Träumen in einen beredten Glanz von
großer Mannigfaltigkeit, und ich erfuhr Wunder und Sagen vom Gang der Welt,
die ein ganzes Buch füllen würden, aber etwas an der Weisheit des
Meerwassers verhinderte mich daran, so törichte Pläne zu fassen. »Ich sage
es allen,« rief es gleichmütig, »warum willst du es tun? Niemand wird Dinge
durch Menschen hören, die ihm die Natur nicht vertraut, und ihr, die ihr
nicht einmal euch selbst versteht, wie wollt ihr mich, das Meer, in seinem
heiligen Wesen erfassen?« Als ich erwachte, sah ich im Abendglanz auf der
Silberleiste der Meerflut groß und nah ein schwarzes Boot im roten
Himmelsschein dahinfahren, das von vier Männern angetrieben wurde, die
stehend ruderten, und die mir gleichfalls schwarz erschienen, weil das
Licht hinter ihnen mich gelinde blendete.
Vielleicht fuhren sie ins Weite hinaus, vielleicht kehrten sie heim, ich
wußte es von ihnen so wenig wie von mir.
* * * * *
Ein bedauernswertes Ereignis dieser Zeit, das den Wert meines Charakters in
den Augen der Einwohner Cannanores ernstlich in Frage stellte, ist mir
lebhaft im Gedächtnis geblieben. Von Jugend auf habe ich den Hang verspürt,
Schmetterlinge und Käfer zu sammeln, es aber leider auf diesem Gebiet
niemals zu Erfolgen gebracht, im Gegenteil begleitete mich stets ein
spürbares Mißgeschick bei solchen Unternehmungen, und es lag nachweislich
kein Segen darauf. Der prächtige Kasten mit einem Glasdeckel, den meine
Eltern mir zur Förderung meiner lehrreichen Neigung schenkten, wurde bald
zu einer Goldgrube billiger Ernährung für eine kleine, lausartige Sorte von
Parasiten, die über meine gesammelten Insekten herfielen und sie
verzehrten. Auf den Rat eines erfahrenen Schulfreundes hin erwarb ich das
prächtige Schutzmittel, das Naphthalin genannt wird, aber die Parasiten
fielen auch über das Naphthalin her, fraßen es auf und gediehen dabei
zusehends. So sah ich die Resultate meiner Bemühungen zuschanden werden bis
auf einen rötlichen Erdfloh, der hoch an einer rostigen Stecknadel hockte
und kaum größer war, als ihr Knopf.
Es wäre sicherlich besser gewesen, wenn ich mir diese Erfahrungen meiner
Jugend auch in Indien zunutze gemacht hätte, anderseits aber wird es jedem
verständlich sein, daß meine alte Leidenschaft bei der außerordentlich
mannigfaltigen und prächtigen Insektenwelt Indiens aufs neue angeregt
wurde. Ich schlug Panjas Einwände in den Wind und ließ in Cannanore
bekanntgeben, daß ich Erwachsenen oder Kindern für jeden Schmetterling oder
Käfer, die mir in meine Niederlassung gebracht würden, den Preis von einer
Anna zu zahlen bereit sei.
Am Morgen nach dieser Kundgebung weckte mich in aller Frühe ein seltsames
Geräusch vor meinem Hause, das ich anfänglich vergeblich zu erkennen
trachtete, bis ich endlich herausbrachte, daß es ein Volksgemurmel war.
Erschrocken trat ich ans Fenster und erkannte nun eine auffallend geordnete
Reihe von Menschen, Kindern, Greisen, Frauen mit Säuglingen auf den Hüften,
Männern und Jünglingen, auch fehlte es nicht an Bettlern, Straßendirnen und
Landstreichern. Die Reihe machte gehorsam den Bogen des Gartenwegs mit,
schlängelte sich durch die offene Pforte und ging dann auf Cannanore zu. Es
war nicht abzusehen, wie lang sie war; diese Erfahrung blieb mir anfänglich
erspart, wie es das Leben bei harten Schicksalsschlägen seinen Opfern
zuweilen dadurch erleichtert, daß es nicht sofort die ganze Fülle des
Ungemachs offenbart.