Ziehen wir dagegen die Mittelwerthe aus den ersten und letzten 3 Tagen
gesondert, so findet sich, dass in den ersten 3 Tagen beim Genuss von
1917 CC. Fluidis entleert wurden:
1279 CC. Urin mit 24,786 Grm. Harnstoff
0,292 " Harnsäure
1,369 " Schwefelsäure
2,302 " Phosphorsäure und
13,615 " Chlor;
das Körpergewicht aber täglich um 138 Grm. zunahm; dass dagegen in den
letzten 3 Tagen beim Genuss von 1977 CC. Fluidis entleert wurden: 1655
CC. Urin mit
24,583 Grm. Harnstoff
0,095 " Harnsäure
1,469 " Schwefelsäure
1,679 " Phosphorsäure und
11,857 " Chlor;
und dass dabei das Körpergewicht täglich um 52 Grm. abnahm.--
Die Hauptergebnisse dieser Untersuchungen springen leicht in die
Augen.--Zunächst ist die ~Menge des Harnstoffs~ wieder auf ganz dieselbe
Höhe zurückgegangen, auf welcher sie vor dem Gebrauch des Bades in
Oldenburg stand; es wurden damals 24,43 Grm., jetzt 24,63 Grm. in je 24
Stunden entleert. Das Resultat stellt sich sowohl bei Berechnung des
Mittelwerthes aus allen 6 Tagen, als auch bei Berechnung desselben aus
den zwei 3tägigen Perioden im Einzelnen heraus. Ihm entsprechend finden
wir auch wieder die Schwefelsäure auf derselben Stufe, wie vor Gebrauch
des Bades; wir fanden damals 1,404 Grm., jetzt 1,419 Grm. in 24 Stunden.
Schwefelsäure und Harnstoff zeigen, wie in allen obigen Untersuchungen,
so auch hier wieder einen beständigen Parallelismus.--Die Deutung
dieser Verhältnisse ist nicht schwierig. Die durch Seeluft und Seebad
bedingte Beschleunigung des Stoffwechsels hörte sofort nach Rückkehr auf
den Continent auf; die Consumption grösserer Mengen Nahrungsmaterial war
nicht mehr, wie in Wangeroge, Bedürfniss; die vollkommne Befriedigung
des jetzigen Nahrungsbedürfnisses hatte Statt bei einer Menge von
stickstoffhaltigen Substanzen, welche per Tag 24,5 Harnstoff zu bilden
vermochten. Es geht hieraus mit zweifelloser Gewissheit hervor, dass der
vermehrte Consum und die eventualiter vermehrte Harnstoffausgabe in
Wangeroge lediglich Folge des Seeluft- und Seebadgenusses waren. Dort,
wie in Oldenburg, genoss ich ganz nach Bedürfniss; die Befriedigung
desselben führte aber bei mehr oder weniger gleicher Qualität der
Nahrung dort zu einer täglichen Harnstoffausgabe von 27-30 Grm., hier
nur zu einer solchen von 24 Grm. Deutlicher kann die den Stoffwechsel
beschleunigende Wirkung der Seeluft und des Seebades nicht wohl
dargethan werden.--
Nicht so, wie mit Harnstoff und Schwefelsäure, verhielt es sich dagegen
nach der Rückkehr aus dem Bade mit ~Harnsäure~ und ~Phosphorsäure~.
Trotz der der frühern ganz gleichartigen Lebensweise wurden vor dem
Gebrauch des Bades täglich ausgeschieden:
0,418 Grm. Harnsäure und 2,893 Grm. Phosphorsäure,
jetzt, nach dem Bade: 0,193 " " u. 1,990 " " ;
und trennen wir wieder die letztern 6 Tage in die 2 Mal 3 Tage, so
wurden während der
ersten 3 Tage im Mittel: 0,292 Grm. Harnsäure und 2,302 Grm. Phosphorsäure,
dagegen während der
letzten 3 Tage: 0,095 " " u. 1,679 " "
entleert.--
Auch hier tritt uns zunächst wieder der oben so oft beobachtete
Parallelismus der Harnsäure und Phosphorsäure entgegen, ein Umstand, auf
den ich, bei der Bedeutung der Phosphorsäure für den Ernährungsprocess
und bei der Mangelhaftigkeit der Physiologie des letztern jedesmal von
Neuem aufmerksam machen möchte. Dann aber fällt es sofort auf, dass
beide Stoffe, nicht wie Harnstoff und Schwefelsäure zu dem vor dem
Badegebrauch beobachteten Mengenverhältniss zurückkehren, vielmehr weit
hinter demselben zurückbleiben, ja noch unter das im Bade selbst
beobachtete Minimum herabsinken; dass ferner diese auffallende
Erscheinung am frappantesten in einem Zeitraum, der 4 Wochen von der
letzten Badezeit getrennt war, hervortritt.--Bestätigen fernere
Untersuchungen dieses Factum, so wird dasselbe ohne Frage zur Erklärung
der so oft beobachteten s. g. Nachwirkung des Seebades auf den
Ernährungsprocess benutzt werden können und uns die nachträgliche Hebung
des letztern in ihrem wahren Grunde erkennen lassen.--Erinnern wir uns
der obigen Annahme, dass der Gebrauch des Bades die Production von
Harnsäure im Organismus absolut steigere, eine vermehrte Ausscheidung
derselben bedinge,--ein Verhältniss, dessen causaler Nexus vorläufig
dahingestellt bleiben muss--, so ist die auffallende Verminderung
der Harnsäurequantität in den nächsten 4 Wochen nach dem Bade nicht
eben auffallend. Die Harnsäure kann sowohl aus integrirenden
Körperbestandtheilen, als direct aus den eingeführten Nahrungsmitteln
hervorgehen. Es ist sehr wohl möglich, dass im Gange des gewöhnlichen
Lebens jene integrirenden Körperbestandtheile einen sehr bedeutenden
Theil des Bildungsmateriales für die Harnsäure liefern, und
eben so möglich wieder, dass das Seebad die Metamorphose dieses
Bildungsmateriales in der Weise beschleunigt, dass eine "absolut
vermehrte Harnsäureproduction" resultirt und für die nachfolgende Zeit
der Vorrath an jenem Materiale einstweilen erschöpft ist. Dann erscheint
selbstverständlich im Harne nur diejenige Quantität Harnsäure, welche
aus den eingeführten Nahrungsmitteln direct hervorgeht, eine Quantität
etwa, wie wir sie in den letzten Untersuchungsperioden gefunden haben.
Wird nun aber in dieser Weise in Folge des Badegebrauchs absolut weniger
Harnsäure im Organismus producirt, so wird, nach den oben gegebenen
Auseinandersetzungen, damit auch weniger Oxalsäure gebildet und damit
endlich eine geringere Ausscheidung von Phosphaten bedingt. Der
Organismus erfährt jetzt also, ebenso wie während des Aufenthaltes auf
der Insel, noch fortdauernd einen Gewinn an Phosphorsäure, ein Gewinn,
der im Stande ist uns diejenigen Zunahmen des Embonpoint zu erklären,
die wir oftmals erst im 2ten oder 3ten Monat nach dem Gebrauch des
Seebades zu beobachten Gelegenheit haben, ein Gewinn ferner, der im
vorliegenden Falle nicht unbedeutend war, wenn wir bedenken, dass vor
dem Bade täglich 2,893 Grm., nach der Badezeit aber nur 1,990 Grm.
Phosphorsäure ausgeschieden wurden.--Erinnere man sich bei der
Ueberlegung dieser Thatsachen und Vermuthungen stets des Experimentes
von Wöhler und Frerichs, welches nach Harnsäurefütterung eine Vermehrung
des Harnstoffgehaltes des Urins und Erscheinen von Oxalsäure in
demselben kennen lehrte; erinnere man sich ferner des von mir
erwiesenen Satzes, dass reichlicher Gehalt des Urins an Oxalaten
immer zusammenfällt mit abnorm reichlichem Gehalt desselben an
Erdphosphaten--, und, ich meine, wir gewinnen damit eine Einsicht in die
schwierigen Verhältnisse des Ernährungsprocesses, die für Pathologie
sowohl, als Therapie von grossem Werthe ist. An stickstoffhaltigem
Materiale (Albuminaten) und an Fetten fehlt es selten, vielleicht nur in
wirklichen Inanitionszuständen; aber das dritte Requisit für den
Zellenbildungsprocess, die Phosphorsäure (und specieller: der
phosphorsaure Kalk) ist vermöge seiner Abhängigkeit von leicht
veränderlichen Verhältnissen der Stoffmetamorphose (Harnsäure- und
Oxalsäurebildung) steten Schwankungen unterworfen und bedingt--ich bin
davon überzeugt--in der grossen Mehrzahl der Fälle allein die
mannigfachen Schwankungen in der Körperzu- und -abnahme, die uns im
praktischen Leben entgegentreten. Das Studium der Wirkung des Seebades
ist in der That nicht sowohl deshalb von Wichtigkeit, weil es uns mit
der Wirkung eines einzelnen Heilmittels vertraut macht, sondern
namentlich deshalb, weil es auf die gesammte Lehre von dem
Ernährungsprocess des Körpers ein bedeutendes Licht zu verbreiten
verspricht.--
Wir bringen also die Verminderung der Harnsäure im Urin in der dem
Seebade folgenden Zeit noch auf Rechnung des Bades, es documentirt
sich in ihr eine s. g. Nachwirkung; ihr entsprechend ist die
Phosphorsäureausscheidung gering; die Ernährung des Körpers hebt sich
noch fort und fort.--Die Körpergewichtsbestimmungen dienen zur
Unterstützung dieser Ansicht.--Während das Körpergewicht am Ende der
Untersuchungen auf Wangeroge, am 12ten August, 125 [Pfund] 321 Grm.
betrug, belief es sich am 1sten Septbr. zu gleicher Tageszeit auf 127
[Pfund] 175 Grm. Der in Wangeroge erreichte Gewinn war also nicht nur
ein bleibender, sondern wuchs noch, auch nach erfolgter Rückkehr. Und
wenn dieser fortschreitende Gewinn in der ersten Zeit des September sich
nicht mehr so augenscheinlich kund gab, wenn wir am 13. Septbr. wieder
ein Gewicht von nur 126 [Pfund] 30 Grm. finden, so mag das in dem durch
sehr angestrengte Thätigkeit gesteigerten Stoffverbrauche, wie er in der
That im September Statt hatte, seinen Grund haben, nicht aber den obigen
Satz entkräften.--Während der letzten 3 Untersuchungstage, vom 12.-15.
Septbr., hatte sogar ~täglich~ eine geringe Körpergewichtsabnahme (von
52 Grm.) Statt. Aber ich muss zur Erklärung dieser auf die während
dieser 3 Tage aus unbekannten Gründen sehr gesteigerte Diurese
aufmerksam machen. Bei nicht geringer Hauttranspiration und reichlichen
Darmentleerungen wurden bei täglichem Genuss von 1977 CC. Fluidis 1655
CC. Urin entleert, ein Verhältniss, welches in Vergleich mit den
frühern eine noch viel bedeutendere, momentane Gewichtsabnahme hätte
erwarten lassen.--Bei Beurtheilung der Gewichtsverhältnisse des Körpers
sind selbstverständlich stets alle Factoren der Stoffmetamorphose,
die Einnahmen und gesammten Ausgaben zu berücksichtigen; ein Tag
oder wenige aufeinanderfolgende Tage können durch gesteigerte
Diurese, Hauttranspiration oder Darmentleerung sehr leicht einen
Körpergewichtsverlust von einigen Pfunden bedingen, ohne dass
man deshalb schon von einem beeinträchtigten oder sinkenden
Ernährungsvorgang reden darf; der momentane Verlust gleicht sich rasch
wieder aus. Nur wenn in Zeiträumen von 8, 14, 21 u. s. w. Tagen
Veränderungen in den Körpergewichtsverhältnissen eintreten, ist ein
Schluss auf die Energie des Ernährungsprocesses zulässig. Solches ist
aber, mit Ausnahme der letzten 3 Untersuchungstage bei meinen
Untersuchungen der Fall--und wenn das Körpergewicht vor Gebrauch des
Bades am 9ten Juli 120 [Pfund] 400 Grm. betrug, 14 Tage nach dem Bade,
am 1sten Septbr., sich aber auf 127 [Pfund] 175 Grm., und noch 14 Tage
später, am 14. Septbr., auf 126 [Pfund] 23 Grm. belief, so liegt darin
mit aller Bestimmtheit der Beweis, dass das Seebad den Ernährungsprocess
hebt, die Anbildung von Körpersubstanz befördert; und diese Wirkung
zeigt sich sicher sowohl während des Aufenthaltes auf der Insel selbst,
als auch noch in der der Badezeit zunächst folgenden Zeit[19].--
[19] Am Tage, wo mir diese Zeilen zur Correctur vorliegen, den 12.
Decbr. 1854 Morgens 10 Uhr, beträgt das Körpergewicht: 126 Pfd.
422 Grm. Der Gewinn an Körpersubstanz ist also ein andauernd
bleibender geworden, ohne dass die Lebensverhältnisse gegen die
frühern im Januar und Februar verändert gewesen wären.--
Was endlich den Chlorgehalt des Urins in dieser dem Bade folgenden Zeit
betrifft, so stand derselbe im Mittel eben so hoch, als während der
letzten Badezeit.--Während dieser wurden täglich 12,019 Grm., in
Oldenburg täglich 12,736 Grm. entleert. Im Vergleich zur Oldenburger
Zeit vor dem Bade wurden jetzt täglich circa 2 Grm. Chlor mehr
ausgeschieden. Ich glaube nicht, dass diese Vermehrung als Folge des
Bades anzusehen ist. Ebenso wie ich oben die Vermehrung des
Chlorgehaltes des Urins während der Badezeit nur als Folge gesteigerten
Salzgenusses ansprach, so möchte ich es auch hier thun. In beiden
letzten 3tägigen Untersuchungsperioden kam ein Tag vor, an welchem sehr
salzreiche Speisen (Häring und gesalzener Schinken) genossen wurden; an
jedem dieser Tage war der Chlorgehalt des Urins abnorm hoch; am 31sten
Septbr. belief er sich auf 18,419 Grm.; am 14ten Septbr. auf 14,433 Grm.
Es ist keinem Zweifel unterworfen, dass nur hierdurch die höhere
Mittelzahl von 12,736 Grm. per Tag bedingt wurde. Die übrigen Tage geben
ein Mittel, das ganz demjenigen gleich steht, welches in Oldenburg vor
Gebrauch des Bades beobachtet wurde.--Dieses Verhältniss gesteigerten
Salzgenusses muss ich auch zur Erklärung der bedeutenden Wasserausgabe
durch die Nieren in der letzten 3tägigen Periode in Anschlag bringen;
bei ziemlich beträchtlicher Hautfunction und geregelter Darmentleerung
kam sonst ein Verhältniss von 1977 CC. Fluidis: 1655 CC. Urin nicht
vor;--und dass reichlicher Salzgenuss das Wasserbedürfniss, wie die
Urinsecretion steigert, ist eine bekannte Thatsache.--Andrerseits wollen
wir aber auch nicht verkennen, dass nach Aufhören des Bades die
gesteigerte Thätigkeit der Haut wieder nachliess und wenn in den ersten
3 Tagen der letzten Untersuchungen noch ein ähnliches Verhältniss
zwischen genossenem Fluidum und entleertem Urin (1917 CC. : 1279 CC.)
obwaltete, wie zur Badezeit, so mag die Veränderung desselben in den
letzten 3 Tagen (1977 : 1655) zum Theil wenigstens von der allmälig
nachlassenden Haut- und wieder gesteigerten Nierenthätigkeit bedingt
gewesen sein.--
Endlich habe ich noch eines wichtigen Umstandes zu gedenken. Es wurde
oben schon mehrfach erwähnt, dass während des Gebrauches des Seebades
der Urin stets stark sauer oder sauer, fast nie aber schwach sauer
reagirte. Die letzten 6 Beobachtungstage zeigen uns, dass auf dem
Festlande und unter den frühern gleichen Lebensverhältnissen der
Säuregrad des Urins sofort wieder ein geringerer wurde; der Urin
reagirte mehrfach nicht nur schwach sauer, sondern mitunter sogar
alkalisch.--Bei dem Mangel unserer Kenntniss der Bedingungen des
verschiedenen Säuregrades des Urins enthalte ich mich auch hier wieder
aller Hypothesen in Betreff dieses Umstandes; das Factum ist aber
wichtig genug, um die vollste Aufmerksamkeit späterer Beobachter zu
verdienen.--
Damit schliesse ich die Reihe der in Frage kommenden Untersuchungen ab;
zum Schluss stelle ich nur noch der klaren Uebersicht halber die
sämmtlichen aufgefundenen Mittelwerthe zusammen:
~MITTELWERTHE~
der 24stündigen Periode.
----------+-------+---------------+------+------+-----+------+-----+------
Zeit | Quan- | |Quan- | | | | |
und | tität | ~Körper- | ti- | | |Schwe-|Phos-|
Ort | der | gewicht~ | tät |Harn- |Harn-| fel- |phor-|Chlor.
der |genos- | | des |stoff |säure|säure |säure|
Unter- | senen | zu- | ab- |Urins | | | | |
suchung. |Fluida.| nahme | nahme | | | | | |
----------+-------+-------+-------+------+------+-----+------+-----+------
In Olden- | | | | | | | | |
burg, | 1353 | ? | ? |1226,9|26,887|0,297|2,050 |2,349|10,517
Januar | CC. | | | CC. | Gr. | Gr. | Gr. | Gr. | Gr.
1854. | | | | | | | | |
| | | | | | | | |
In Olden- | | | | | | | | |
burg, | 1404,6| -- |Täglich| 1408 |24,59 | ? |1,688 |2,404|11,97
Februar | CC. | | 135 | CC. | Gr. | | Gr. | Gr. | Gr.
1854. | | | Grm. | | | | | |
| | | | | | | | |
In Olden- | | | | | | | | |
burg, | 1921 | -- |Täglich| 1317 |24,43 |0,418|1,404 |2,893|10,213
Juli | CC. | | 135 | CC. | Gr. | Gr. | Gr. | Gr. | Gr.
1854. | | | Grm. | | | | | |
| | | | | | | | |
In Wange- | 1894 |Täglich| -- | 1469 |27,51 |0,214|1,681 |2,379|10,599
roge, ohne| CC. | 59,5 | | CC. | Gr. | Gr. | Gr. | Gr. | Gr.
Bad. | | Grm. | | | | | | |
| | | | | | | | |
In Wange- | | | | | | | | |
roge, | 2096 |Täglich| -- | 1290 |28,33 |0,308|1,892 |2,617|9,332
erste | CC. | 57,7 | | CC. | Gr. | Gr. | Gr. | Gr. | Gr.
Badezeit. | | Grm. | | | | | | |
| | | | | | | | |
In Wange- | | | | | | | | |
roge, ar- | 1792 |Täglich| -- | 1251 | -- | -- | -- | -- | --
beitsfreie| CC. | 95,3 | | CC. | | | | |
Zeit. | | Grm. | | | | | | |
| | | | | | | | |
In Wange- | | | | | | | | |
roge, | 1920 |Täglich| -- | 1440 |28,37 |0,324|1,857 |2,671|12,019
letzte | CC. | 15 | | CC. | Gr. | Gr. | Gr. | Gr. | Gr.
Badezeit | | Grm. | | | | | | |
| | | | | | | | |
In Olden- | | | | | | | | |
burg, Ende| 1947 |Täglich| -- | 1467 |24,634|0,193|1,419 |1,990|12,736
August u. | CC. | 43 | | CC. | Gr. | Gr. | Gr. | Gr. | Gr.
Mitte Sep-| | Grm. | | | | | | |
tember. | | | | | | | | |
~MITTELWERTHE~
für die Morgenstunden von 6-1 Uhr.
-------------+-------+---------+---------+---------+---------+---------+
Zeit und Ort | Urin- | Harn- | Harn- |Schwefel-|Phosphor-| Chlor. |
der |quanti-| stoff. | säure. |säure | säure. | |
Beobachtung. | tät | | | | | |
-------------+-------+---------+---------+---------+---------+---------+
In Oldenburg,|543 CC.|6,852 Gr.|0,047 Gr.|0,303 Gr.|0,686 Gr.|3,673 Gr.|
im Juli. | | | | | | |
| | | | | | |
In Wangeroge,|752 " |9,219 " |0,025 " |0,490 " |0,786 " |4,542 " |
ohne Bad. | | | | | | |
| | | | | | |
In Wangeroge,| | | | | | |
erste Bade- |436 " |8,257 " |0,094 " |0,476 " |0,710 " |3,288 " |
zeit. | | | | | | |
| | | | | | |
In Wangeroge,| | | | | | |
arbeitsfr. |411 " | -- | -- | -- | -- | -- |
Zeit. | | | | | | |
| | | | | | |
In Wangeroge,| | | | | | |
letzte Bade- |538 " |8,674 " |0,077 " |0,438 " |0,680 " |4,891 " |
zeit. | | | | | | |
~MITTELWERTHE~
für Nachmittag und Nacht.
-------------+-------+---------+---------+---------+---------+---------
Zeit und Ort | Urin- | Harn- | Harn- |Schwefel-|Phosphor-| Chlor.
der |quanti-| stoff. | säure. |säure | säure. |
Beobachtung. | tät | | | | |
-------------+-------+---------+---------+---------+---------+---------
In Oldenburg,|774 CC.|17,579 G.|0,370 Gr.|1,101 Gr.|2,207 Gr.|6,540 Gr.
im Juli. | | | | | |
| | | | | |
In Wangeroge,|717 " |18,293 " |0,189 " |1,191 " |1,593 " |6,057 "
ohne Bad. | | | | | |
| | | | | |
In Wangeroge,| | | | | |
erste Bade- |675 " |20,308 " |0,231 " |1,499 " |1,852 " |5,146 "
zeit. | | | | | |
| | | | | |
In Wangeroge,| | | | | |
arbeitsfr. |840 " | -- | -- | -- | -- | -- |
Zeit. | | | | | |
| | | | | |
In Wangeroge,| | | | | |
letzte Bade- |902 " |19,703 " |0,247 " |1,418 " |1,990 " |7,128 "
zeit. | | | | | |
Hiernach lassen sich die Wirkungen des Aufenthaltes auf der
Nordsee-Insel und des Seebades übersehen und die Antwort auf die
Eingangs (pag. 6.) aufgestellten Fragen fällt nicht mehr schwer.--
Die erste Frage lautete: ~Welchen Einfluss übt der alleinige Aufenthalt
an der See auf den Stoffwechsel aus~? Wir antworten hierauf auf Grund
der IV. Untersuchungsreihe: ~einen unbedingt beschleunigenden~; d. h.
die Ausgaben des Organismus werden auf der Insel um ein Bedeutendes--im
vorliegenden Falle um 1/8--gesteigert. Sollen diese vermehrten Ausgaben
gedeckt werden, so muss selbstverständlich eine grössere Quantität von
Nahrungsmitteln dem Körper zugeführt werden, als auf dem Festlande
erforderlich war; wir haben damit die Erklärung des allseitig
wahrgenommenen, gehobenen Nahrungsbedürfnisses gewonnen.--Aber es findet
gleichzeitig das interessante Verhältniss seine Bestätigung, dass eine
derartige Beschleunigung des Stoffwechsels, oder, was dasselbe ist, ein
gesteigerter Oxydationsprocess, nicht zur Vermehrung, sondern
zur Verminderung zweier Secretionsprodukte führt: der Harnsäure
nämlich und der Phosphorsäure; und es ist nach den oben gegebenen
Mittheilungen sicher Folge dieses Verhältnisses, dass auf der Insel
durch die Vermehrung der Einnahmen die Ausgaben nicht nur gedeckt
werden, sondern sogar eine neue Anbildung Platz greift, d. h. der
Ernährungsprocess des Körpers gehoben wird. Der ausschliessliche Genuss
der Luft bedingt, trotz allgemeiner Beschleunigung des Stoffwechsels,
eine Körpergewichtszunahme und glaubten wir diese Wirkung entschieden
auf den directen und indirecten Gewinn an Phosphorsäure reduciren zu
müssen, so geht aus den spätern Untersuchungen hervor, ~dass in dieser
Beziehung der ausschliessliche Genuss der Luft eine bedeutendere Wirkung
hat, als der gleichzeitige Gebrauch des Bades~. Wo es deshalb
insonderheit auf Hebung des Ernährungsprocesses, auf Gewinn an
Phosphorsäure ankommt, da möchte der ausschliessliche Genuss der Luft
dem gleichzeitigen Gebrauch der Bäder entschieden vorzuziehen sein, und
namentlich für atrophische Kinder, Patienten mit sehr geschwächtem
Nervensystem, mit einem Worte, überall da, wo es auf Substanz- und
Kraftgewinn abgesehen ist, muss man den ausschliesslichen Luftgenuss
empfehlen, den Gebrauch der Bäder aber immer nur bedingungsweise
erlauben. Wir haben, das ist keine Frage, kein zweites Agens,
welches, wie die Seeluft, so unvermerkt, und doch so intensiv
beschleunigend auf den Stoffwechsel einwirkt; und darin besteht
eben ihr grosser Vorzug, dass sie anstrengende körperliche Bewegung
nicht nur nicht erfordert, sondern sogar dann am wohlthätigsten und
kräftigsten wirkt, wenn eine gewisse Ruhe im gesammten Verhalten
beobachtet wird, eine Ruhe, die bei andern ähnliche Heilzwecke
verfolgenden Curen, so selten zu ermöglichen und doch für eine Hebung
des Ernährungsprocesses und insonderheit der Kraft des Nervensystems so
nothwendig ist. In dieser Weise zeichnet sich ihre Wirkung u. a. vor der
der s. g. Wasserkuren, der Fussreisen u. s. w. aus. Vor andern Curen,
und ich meine insonderheit Trinkcuren an salinischen Quellen, hat sie
wieder das voraus, dass sie dem Organismus nicht gleichzeitig Stoffe
einverleibt, deren Wirkung nur zu leicht schädlich wirkt, denn mag auch
z. B. das kohlensaure Alkali in reichlichen Mengen Wassers gelöst
immerhin eine Beschleunigung des Stoffwechsels, und selbst eine
bedeutende, herbeiführen, es wird bei der Vornahme solcher Curen nur zu
leicht übersehen, dass die alkalischen Basen auch wieder Feinde einer
Anbildung neuen Materiales, einer Zunahme am Körpergewicht sind, ein
Verhältniss, dessen weitere Begründung ich a. a. O.[20] versucht habe,
mich hier aber zu weit vom Wege abführen würde.--Damit sei jedoch jenen
Curen kein Vorwurf gemacht, im Gegentheil, für manche Fälle sind sie gar
nicht durch andere zu ersetzen. Aber es ist Aufgabe des Arztes sich der
Einzelwirkungen seiner Heilmittel klar bewusst zu sein; dann erst kann
er bei richtiger Individualisirung, d. h. bei richtiger Diagnose
verordnen. Und nun noch eine praktische Bemerkung. Wenn sich der
Einfluss der Seeluft schon bei Patienten, die auf der Insel ihr Heil
suchen, in unverkennbarer Weise zu erkennen giebt, so erhält die
dargelegte Art und Weise ihrer Wirkung nicht minder durch den
Gesundheitszustand eine Bestätigung, den wir bei den Einwohnern der
Inseln wahrnehmen. "Bemerkenswerth ist es jedenfalls", sagt Riefkohl in
seinen "Mittheilungen aus Norderney"[21], "dass unter den Eingeborenen
Norderney's Brustleiden, wie Lungenentzündung, Bluthusten, Schwindsucht
kaum dem Namen nach bekannt sind, dass ferner unter den im dortigen
Kirchenbuche angegebenen Todesursachen Schwindsucht nie sich aufgeführt
findet." Und solche Resultate haben meine Nachfragen ebenfalls auf
Wangeroge geliefert. Mir war die schlanke Gestalt, das blühende Aussehen
insonderheit des jüngern Theils des weiblichen Geschlechts auffallend;
ich habe keine Chlorosen, keine nur im Entferntesten auf Tuberculose
deutende Constitution gefunden und unter den Kindern namentlich habe ich
ganz vergeblich nach irgend einer Form des s. g. scrophulösen Leidens
gesucht, ein Leiden, dem wir bekanntlich auf dem Festlande und in
unserer Zone fast bei jedem Schritt auf der Strasse begegnen. Das hat
aber eben darin seinen Grund, dass alle die genannten Leiden, und
besonders die Scrophulosis und Tuberculosis, dieser "cancer in the
root", wie sie ein berühmter englischer Arzt, Mr. Coulson, nennt, in
einer retardirten Stoffmetamorphose mit all ihren nothwendigen
Folgezuständen, ihre Entstehung finden; was die Metamorphose in einer
Weise befördert, wie es die Seeluft thut, muss, nach rationellem
Schluss, auch das beste Heilmittel für sie sein.--
[20] Cf. Entwickelungsgeschichte der Oxalurie.
[21] S. Medicin. Conversations- und Correspondenzblatt für die Aerzte
im Königreich Hannover. 1853. Nr. 16. pag. 125.
Ich habe einen grossen Theil dieser Heilwirkung dem Gewinn an
Phosphorsäure, den der Organismus auf der Insel erfährt, zugeschrieben.
Man wird mir einwenden, dass sich denn doch ein ähnliches Resultat durch
Darreichung von Phosphorsäure in Form eines Heilmittels müsse erreichen
lassen. Allein es ist von mir a. a. O.[22] nachgewiesen, dass die in
dieser Form dem Organismus einverleibte Phosphorsäure, denselben alsbald
wieder mit dem Urin verlässt und nur zur Hinwegnahme einer gewissen
Quantität alkalischer Basen führt.--Ich hätte vielleicht richtiger sagen
sollen: die Heilwirkung beruhe zum grossen Theil auf directem und
indirectem Gewinn an phosphorsauren Erden (Kalk und Magnesia), da es von
dem phosphorsauren Kalk ja eben bekannt ist, dass er ein durchaus
nothwendiges Requisit für den Ernährungsprocess abgiebt. Allein ich habe
mich streng nur an das gehalten, was meine Untersuchungen ergeben haben,
und muss es künftigen Forschungen zu entscheiden überlassen, ob der
bezeichnete Gewinn an Phosphorsäure einen Gewinn an Phosphorsäure
allein, oder einen Gewinn an phosphorsaurem Alkali oder endlich einen
Gewinn an phosphorsauren Erden (insonderheit Kalk) bezeichnet. Nach
Allem, was ich über die Bedeutung des phosphorsauren Kalkes für den
Ernährungsprocess selbst und von Andern erfahren habe, muss ich glauben,
dass das Letztere der Fall ist, und ich zweifle nicht, dass die
chemische Analyse solches mit aller Bestimmtheit nachweisen wird. Meine
Beobachtungen über die Wirkung des phosphorsauren Kalkes in ähnlichen
Zuständen, wie durch den Genuss der Seeluft geheilt werden, ist zu oft
und von zu vielen Seiten bestätigt, als dass ich den Ansichten der
negirenden Kritiker ein grosses Gewicht beilegen könnte. Und wenn
namentlich Donders, in seinem Schriftchen "die Nahrungsstoffe u. s. w.
1853" sagt, dass es eine rohe Chemiatrie sei, den phosphorsauren Kalk
mit solchen Voraussetzungen als Heilmittel darzureichen, dass all dessen
Wirkung ja ebensowohl durch Milchgenuss erreicht werden könne, da die
Milch phosphorsauren Kalk in genügender Quantität enthalte, so muss
Donders zunächst Thatsachen beibringen, durch die er eine derartige
Wirkung der Milch nachweist, er muss aber andrerseits auch ebensowohl
annehmen, dass die Milch alle Krankheiten heilt, in denen es dem
Organismus an Eisen, an Fett u. s. w. fehlt. Ich habe ihm nur zu
erwidern, dass ich die Milch für das trefflichste Nahrungsmittel für
Gesunde und für viele Kranke, nicht aber für ein Heilmittel halte, das,
bei einer dem gesunden Aufbau des Organismus entsprechenden
Zusammensetzung, gleichzeitig auch Verluste ersetzen kann, die der
Organismus in jahrelangem Siechthum erfahren hat. Nach Donders Princip
muss ein Mann, der eine seine Ausgaben gerade deckende Einnahme hat, mit
dieser Einnahme auch alle Schulden bezahlen können, die er früher etwa
gemacht hat. So viel ich weiss, ist das noch Niemandem möglich
gewesen.--
[22] Archiv des Vereins für gem. Arb. Bd. I. Heft 4.
Unsere zweite Frage lautete: ~Wie verhält sich der Einfluss der Seeluft
auf den Organismus, wenn täglich ein Seebad genommen wird~? Wir
antworten hierauf, dass das Seebad den Einfluss der Seeluft in
gewisser Beziehung noch erhöht, in gewisser Beziehung aber auch
beeinträchtigt.--Es kann nach den obigen Mittheilungen nicht zweifelhaft
sein, dass durch das Seebad die Metamorphose der stickstoffhaltigen
Körperbestandtheile noch beschleunigt wird; und erinnern wir daran, dass
wir in dem gefundenen Werthe des Harnstoffs nicht das wahre Maass des
Stoffwechsels erblicken zu können, vielmehr annehmen zu müssen glaubten,
dass in Folge der Bad-Einwirkung circa 2 Grm. Harnstoff mehr als
gewöhnlich auf anderm Wege und in andrer Form (als kohlensaures Ammoniak
durch die Haut) den Organismus verliessen, so stellt es sich heraus,
dass die Wirkung des Bades an und für sich eine Beschleunigung des
Stoffwechsels bedingt, die ungefähr der des Luftgenusses gleich
kommt.--Von der ganzen Wirkung des "Seebades" kommt in dieser Beziehung
also die eine Hälfte auf die Luft, die andre Hälfte auf das Bad,
und in dieser Berechnung sind wir dem Bade eher zu günstig, als
nachtheilig.--Aber das Bad includirt eine andre Wirkung. Es bedingt eine
absolut vermehrte Harnsäureproduction im Organismus, bedingt damit im
zweiten und dritten Gliede eine vermehrte Oxalsäureproduction und
vermehrte Ausscheidung von Phosphaten, und beeinträchtigt somit den
reichen Gewinn an Phosphorsäure, die bedeutende Hebung des
Ernährungsprocesses, welche der Organismus bei ausschliesslichem
Luftgenuss erfuhr. Ich habe mich schon oben darüber ausgesprochen, welch
bedeutsame Winke hieraus für Aerzte und Patienten hervorgehen, und der
Wichtigkeit des Gegenstandes entsprechend, mag es hier nochmals
hervorgehoben werden, dass dieserhalb das ~tägliche~ Bad sehr
geschwächten Individuen nur selten zu erlauben, dass ferner Alles, was
den Körper ausserdem fatiguiren könnte, während der Badezeit streng zu
untersagen ist. Fatigue bedingt allemal Retardation der Metamorphose,
und durch eine solche wird die nachtheilige Einwirkung des Seebades
bezüglich der Hebung des Ernährungsprocesses nur noch gesteigert.--Hat
man im Allgemeinen kräftige Individuen vor sich, bei denen eine
gesteigerte Metamorphose der stickstoffhaltigen Körperbestandtheile
den Hauptzweck der Cur ausmacht, so lasse man immerhin täglich
baden, tüchtige Promenaden machen u. s. w.; aber ein vorhandener
Schwächezustand gebietet auch jedesmal das Gegentheil. Hier entspringen
in jedem einzelnen Falle Fragen, die nur durch die sorgfältigste
Ueberlegung und umsichtigste Kritik des Arztes entschieden werden
können, und nicht selten wird der Patient mit hinreichender Bestimmtheit
durch körperliches Unwohlsein darauf hingewiesen, dass in seinem
Verhalten doch wohl irgend welche Fehler liegen müssen, die ihm den
ärztlichen Rath nicht länger entbehrlich machen.--Er ist fatiguirt, er
will sich durch weite Spaziergänge am Strande beleben; aber die Fatigue
wird schlimmer, als zuvor; er will sich durch Wein und kräftige Kost
"Kraft" verschaffen, aber seine Digestionswerkzeuge sind zu schwach für
solche Angriffe und der gastrische Catarrh, mit allen möglichen
Erscheinungen, bleibt nicht aus; er schläft nicht, er will den Schlaf
mit Ermüdung durch körperliche Bewegung erzwingen, aber der schlechte
Erfolg der Cur bleibt nicht aus, und unbefriedigt verlässt er die
Insel.--Doch ich beschränke mich auf die Betrachtung der allgemeinen
Wirkungen des Seebades. Den Seebadeärzten bleibt es überlassen, die
Richtigkeit derselben in den einzelnen Fällen zu prüfen und sie im
günstigen Falle als leitende Principien festzuhalten. Es existirt kein
einziges Leiden, so localer Natur es auch sein mag, bei dem nicht die
allgemeinen Verhältnisse des Lebens-, des Ernährungsprocesses in's Auge
gefasst werden müssten; es ist die schwierigste Aufgabe des Arztes die
einzelne Krankheitserscheinung mit den allgemeinen Gesundheitszuständen
in den richtigen Zusammenhang zu bringen; an eine gründliche Heilung ist
aber nimmer zu denken, wenn dieser Zusammenhang nicht richtig erfasst,
wenn die allgemeine Wirkung des Seebades nicht neben der für einzelne
Fälle besondern erfasst wird, und deshalb ist ihre Kenntniss
unerlässlich nothwendig.
Ich komme zur dritten Frage: ~Welchen Einfluss übt das Seebad momentan,
welchen in je 24 Stunden auf den Stoffwechsel aus~. Wir antworten
hierauf: dass das Seebad niemals und zu keiner Tageszeit die
beschleunigende Einwirkung auf den Stoffwechsel auszuüben verfehlt; dass
sich diese Beschleunigung aber in den Morgenstunden, namentlich durch
eine bedeutend gesteigerte Hautthätigkeit, Nachmittags und Nachts
dagegen wieder durch eine Vermehrung der Auswurfsstoffe im Urin zu
erkennen giebt; dass ferner insonderheit die absolut gesteigerte
Harnsäureproduction unmittelbar nach dem Bade zum Vorschein kommt und
sich durch vermehrten Harnsäuregehalt des Urins ausspricht, Nachmittags
und Nachts dagegen der Harnsäuregehalt um die Hälfte weniger gesteigert
ist, als am Morgen.--Die beschleunigende Einwirkung des Bades auf den
Stoffwechsel besitzt also ohne Frage in den Morgenstunden, wo das Bad
genommen wird, eine grössere Intensität, als in der übrigen Tageszeit,
aber sie hört deshalb nicht auf, stets vorhanden zu sein. Dieses
Ergebniss führt uns wieder zu einigen praktischen Schlussfolgerungen. Es
wurde oben schon erwähnt, dass eine Beschleunigung des Stoffwechsels
allemal auch ein gewisses Quantum von dem Nervensystem angehöriger
"Kraft" in Anspruch nehme.--Ist nun durch das Bad die Stoffmetamorphose
gewissermaassen bis zu einem Maximum getrieben, so würde es ein
gänzlicher Irrthum sein, wollte man dieser Bad-Wirkung durch ermüdende
Anstrengung noch eine weitere Ausdehnung geben.--Sobald also nach einem
kurzen und ruhigen Spaziergange die gesteigerte Thätigkeit der Haut
hervorgetreten ist, lasse man in allen Anstrengungen nach, widme sich
einer ruhigen Beschäftigung womöglich in freier Luft, hüte sich nur vor
scharfer Zugluft, die die Hautthätigkeit stören könnte, und gebe sich
selbst, wenn es erforderlich, d. h. eine grosse Neigung dazu vorhanden
ist, einer kurzen, vollkommnen Ruhe hin.--Die Hautthätigkeit ist bald
nach dem Bade bedeutend gesteigert; man unterstütze diese heilsame
Wirkung, leite sie aber nicht alsbald dadurch ab, dass man wieder innere
Organe in Thätigkeit bringt. Ein zu reichliches Frühstück, alsbald nach
dem Bade genossen, kann nur schädlich wirken; während etwa 1 - 1-1/2
Stunden nach dem Bade dem gesteigerten Nahrungsbedürfniss durch mässigen
Genuss von etwas altem Wein, einer leichten Fleischspeise u. s. w. ohne
Schaden nachgegeben werden darf.--Ich empfehle "etwas Wein", ein Glas
Portwein, Madeira oder dgl. insonderheit deshalb, weil dasselbe dazu
dienen soll, dem durch das Bad ohne Frage und in den meisten Fällen
fatiguirten Zustande des Nervensystems abzuhelfen; es darf an einer
gewissen Kraft des letztern nicht fehlen, falls die volle Wirkung des
Bades, die Beschleunigung des Stoffwechsels, zu Stande und zur
Ausführung kommen soll. Entnervte Constitutionen frieren nach dem Bade,
statt zu transpiriren, und verfallen in eine Müdigkeit, der sie sich den
ganzen Tag über nicht wieder entreissen können.
Ich hatte es mir zur Aufgabe gestellt, die momentane Wirkung des
Seebades noch weiter durch eine genaue Beobachtung der Körpertemperatur,
der Respiration und des Pulses vor und nach dem Bade zu studiren. Nur in
letzterer Beziehung ist es mir jedoch gelungen, einige Resultate zu
gewinnen; zu erstern fehlte es mir geradezu an Zeit und an Individuen,
die sich zu einer genauern Beobachtung eigneten. Auch die Resultate der
Pulsbeobachtungen befriedigten mich noch keineswegs, da das verschiedene
Verhalten vor dem Bade, der Act des Ankleidens nach dem Bade, das rasche
Auf- und Niedergehen vieler Herrn am Strande nachdem sie die Karre
verlassen hatten, zu leichten Irrthümern Anlass gab. Im Wesentlichen
schien sich mir aber folgendes Resultat herauszustellen: das Bad selbst
wirkt unmittelbar bedeutend beschleunigend auf die Anzahl der
Herzcontractionen, der Puls wird dabei voller und härter; alsbald aber
beginnt er langsamer zu werden, und hebt er sich auch anfänglich wieder
bei einem etwaigen Spaziergange, so sinkt er nach und nach doch wieder
bis zu einer Tiefe, die er vor dem Bade nicht hatte. Er wird langsamer,
und diese Retardation traf ich immer dann, wenn die gesteigerte
Hautfunction sich in einem Feuchtwerden der Haut, angenehmer Hautwärme
u. s. w. kund zu geben begonnen hatte. Als Beispiele mögen folgende
Verhältnisse, die ich bei Männern, von 30-50 Jahr alt, beobachtete,
dienen:
| Vor |Unmit-| Nach | Nach |
| dem |telbar| dem | 1/2 |
| Bade. | nach |Anklei- |Stunde.|
| | dem | den. | |
| |Bade. | | |
------------+-------+------+--------+-------+-------------------------
Herr F.: | 68 | -- | -- | 62 |}kräftige, mehr zum
" L. | 64 | -- | 66 | -- |}Vergnügen, als zur
" H. | 76 | -- | 80 | -- |}Cur badende Individuen.
" v. A. | 76 | -- | 78 | 64 |}
" v. St. | 78 | -- | 88 | -- | Cardialgie.
" G. | 90 | -- | 114 | -- | Hypochondrie.
" B. | 96 | 108 | 92 | 84 | Hyperaem. abdom.
" D. | 96 | 114 | -- | -- | Haemorrhoidarius.
" v. W. | 60 | -- | 90 | -- | ?
" v. P. | 80 | -- | 84 | -- | Hypochondrie.
" W. | 84 | -- | 96 | -- | Irritat. spinal. (?).
u. s. w.
Es ergiebt sich aus diesen wenigen Angaben, wie sehr verschieden bei
verschiedenen Individuen die durch das Bad bewirkte Beschleunigung der
Herzcontractionen ausfällt; es muss dies von der geringern oder grössern
Impressionabilität des Nervensystems abhängen; bemerken will ich aber
zugleich, dass ich bei allen denjenigen, die nach dem Ankleiden nur eine
geringe Beschleunigung des Pulses zeigten, auch zu derselben Zeit schon
allgemeine Hautwärme, selbst gelinde Transpiration eintreten sah,
während diejenigen, welche einen bedeutend beschleunigten Puls hatten,
länger fröstelten[23]. Es lohnt sicher der Mühe, diese Verhältnisse
genauer zu verfolgen, um eine richtige Anschauung von der verschiedenen
momentanen Wirkung des Seebades auf verschiedene Individuen zu gewinnen.
Aber es bedarf dazu grosser Ausdauer, Berücksichtigung aller vor, in und
nach dem Bade auf den Puls influirenden Momente, und oftmaliger
Wiederholung der Versuche.
[23] Bei einem 68jährigen Herrn, der an Plethora abdominalis und
Ossification verschiedener Arterien litt, beobachtete ich im 26°
R. warmen Bade (Seewasser) folgende Pulsveränderungen:
Vor dem Bade: 8 Uhr 45 Min. -- 90.
Im Bade: 8 " 48 " -- 84.
" 8 " 52 " -- 78.
" 8 " 59 " -- 76.
" 9 " 2 " -- 76.
" 9 " 7 " -- 74.
Nach dem Bade: 9 " 22 " -- 80.
Im Ostseebade bei Kiel hat Dr. Esmarch an seinem eigenen Körper 12 Tage
hindurch Puls- und Temperaturbeobachtungen vor und nach einem kalten
Seebade angestellt. Auf meinen Wunsch sind mir von ihm die Resultate
dieser Beobachtungen freundlichst mitgetheilt, und bei dem Wenigen, was
wir in dieser Hinsicht Zuverlässiges besitzen, benutze ich dankbar die
Erlaubniss, dieselben nachstehend vorlegen zu dürfen:
~WÄHREND DES ANKLEIDENS~.
/-------------^--------------\
Datum| Tempe- | Vorm |Hin-| Bei der |Dauer| 5 | 10 | 15
| ratur |Ausgehen:|aus | Ankunft | des | Minuten | Minuten | Minuten
| | |ging| auf dem | Auf-| nach | nach | nach
| | |ich | Bade- | ent-| dem | dem | dem
| | |in: | floss: |halts| Bade: | Bade: | Bade:
| |Tem-| | |Tem-| | im |Tem-| |Tem-| |Tem-|
| |des |pe- | | |pe- | | Was-|pe- | |pe- | |pe- |
|der |Was-|ra- | | |ra- | | ser.|ra- | |ra- | |ra- |
|Luft|sers|tur |Puls| |tur |Puls| |tur |Puls|tur |Puls|tur |Puls
-----+----+----+----+----+----+----+----+-----+----+----+----+----+----+----
| | | | | | | | | | | | | |
11 | 12°| 12°| 28°| 64 | 15 | 28°| 84 | 2 | 27°|100 | 27°| 88 | 28°| 84
Octo-| | | | |Min.| | |Min. | | | | | |
ber | | | | | | | | | | | | | |
| | | | | | | | | | | | | |
12 | 11-| 11 | 29 | 72 | 20 | 28 | 72 | 2 | 27 | 80 | 27 | 80 | 27-| 80
Octo-| 1/2| | | |Min.| | |Min. | | | | | 1/2|
ber | | | | | | | | | | | | | |
| | | | | | | | | | | | | |
13 | 10-| 12 | 29 | 64 | 20 | 27 | 88 | 3 | 26 |100 | 27 | 88 | 27-| 88
Octo-| 1/2| | | |Min.| | |Min. | | | | | 1/2|
ber | | | | | | | | | | | | | |
| | | | | | | | | | | | | |
14 | 10-| 11-| 29 | 64 | 20 | 27 | 88 | 3- | 26 | 96 | 26 | 84 | 26-| 84
Octo-| 1/2| 1/2| | |Min.| | |1/2 | | | | | 1/2|
ber | | | | | | | |Min. | | | | | |
| | | | | | | | | | | | | |
15 | 10-| 11-| 28-| 64 | 18 | 27 | 84 | 3 | 26-| 80 | 26-| 74 | 26-| 74
Octo-| 1/2| 1/2| 1/2| |Min.| | |Min. | 1/2| | 1/2| | 1/2|
ber | | | | | | | | | | | | | |
| | | | | | | | | | | | | |
16 | 10 | 11-| 29 | 64 | 20 | 27 | 88 | 2 | 26 | 96 | 26-| 80 | 27 | 76
Octo-| | 3/4| | |Min.| | |Min. | | | 1/2| | |
ber | | | | | | | | | | | | | |
| | | | | | | | | | | | | |
17 | 10 | 11-| 28-| 68 | 18 | 27 | 92 | 2 | 26 |100 | 27 | 88 | 28 | 84
Octo-| | 1/2| 1/2| |Min.| | |Min. | | | | | |
ber | | | | | | | | | | | | | |
| | | | | | | | | | | | | |
19 | 10 | 12 | 28-| 64 | 20 | 27 | 88 | 3 | 26 |104 | 27 | 88 | 28 | 88
Octo-| | | 1/2| |Min.| | |Min. | | | | | |
ber | | | | | | | | | | | | | |
| | | | | | | | | | | | | |
20 | 12-| 13 | 28 | 64 | 18 | 28-| 84 | 3 | 27 |100 | 28 | 88 | 28 | 88
Octo-| 1/2| | | |Min.| 1/2| |Min. | | | | | |
ber | | | | | | | | | | | | | |
| | | | | | | | | | | | | |
21 | 12 | 13 | 29 | 64 | 19 | 28 | 88 | 4 | 27-|100 | 28 | 88 | 28 | 88
Octo-| | | | |Min.| | |Min. | 1/2| | | | |
ber | | | | | | | | | | | | | |
| | | | | | | | | | | | | |
22 | 10 | 11-| 28-| 64 | 17 | 27 | 72 | 2 | 26 | 72 | 27 | 68 | 27-| 72
Octo-| | 3/4| 1/2| |Min.| | |Min. | | | | | 1/2|
ber | | | | | | | | | | | | | |
| | | | | | | | | | | | | |
24 | 10 | 12-| 28-| 64 | 20 | 28-| 84 | 2 | 27 |100 | 28 | 76 | 28 | 76
Octo-| | 1/2| 1/2| |Min.| 1/2| |Min. | | | | | |
ber | | | | | | | | | | | | | |
-----+----+----+----+----+----+----+----+-----+----+----+----+----+----+----
Mit- | | | 28-| 65 | | 27-| 75-| | 26-| 94 | 27-| 82-| 27-| 82
tel: | | |7/12| | | 1/2| 2/3| |1/2 | | 1/2| 1/2| 1/2|
Datum|Zu- | Bei der |Nach dem |Bewegung| Witte-
|rück | Ankunft | Caffee: | im | rung.
|kehr-|zu Hause:| | Wasser |
|te | | | |
|ich | | | |
|in: |Tem-| |Tem-| | |
| |pe- | |pe- | | |
| |ra- | |ra- | | |
| |tur |Puls|tur |Puls| |
-----+-----+----+----+----+----+--------+---------
| | | | | | starke |Ostwind,
11 | 15 | 28°| 88 | 29°| 88 | Bewe- |schönes
Octo-|Min. | | | | | gung. |Wetter.
ber | | | | | | |
| | | | | | |
12 | 17 | 26-| 80 | 29 | 84 | ebenso |ebenso
Octo-|Min. | 1/6| | | | |
ber | | | | | | |
| | | | | | |
13 | 20 | 28 | 80 | 29 | 88 | " | "
Octo-|Min. | | | | | |
ber | | | | | | |
| | | | | |geringe |
14 | 20 | 28 | 76 | 29 | 88 | Bewe- | "
Octo-|Min. | | | | | gung. |
ber | | | | | | |
| | | | | | starke |
15 | 20 | 26-| 74 | 29 | 88 | Bewe- | "
Octo-|Min. | 1/2| | | | gung. |
ber | | | | | | |
| | | | | | |
16 | 20 | 27 | 80 | 29 | 88 | ebenso | "
Octo-|Min. | | | | | |
ber | | | | | | |
| | | | | | |
17 | 20 | 27-| 80 | 29 | 84 | " | "
Octo-|Min. | 1/2| | | | |
ber | | | | | | |
| | | | | | |Westwind,
19 | 20 | 27 | 80 | 29 | 92 | " |trübe
Octo-|Min. | | | | | |warme
ber | | | | | | |Luft
| | | | | | |
20 | 18 | 28 | 84 | 29 | 88 | " | ebenso
Octo-|Min. | | | | | |
ber | | | | | | |
| | | | | | |
21 | 20 | 27 | 80 | 29-| 80 | " |Westwind,
Octo-|Min. | | | 1/2| | |schönes
ber | | | | | | |mildes W.
| | | | | | |
22 | 20 | 27 | 76 | 29 | 88 | " |ebenso
Octo-|Min. | | | | | |
ber | | | | | | |
| | | | | | |
24 | 20 | 29 | 84 | 29 | 88 | " |Westwind,
Octo-|Min. | | | | | |Regen.
ber | | | | | | |
-----+-----+----+----+----+----+--------+---------
Mit- | | 27-| 80-| 29 | 88 | |
tel: | | 1/2| 1/6| | | |
In Bezug auf diese Beobachtungen schreibt mir Dr. Esmarch Folgendes:
"Die Temperaturmessungen sind mangelhaft, weil ich nicht Zeit genug
darauf verwandt habe; doch haben sie das Gute, dass sie alle auf
dieselbe Weise angestellt wurden. Im Uebrigen bemerke ich Folgendes zur
Erläuterung:
"Ich nahm die Bäder im October 1853 auf dem Schwimmfloss der Badeanstalt
zu Düsternbrook, welches 2600 Schritt von meiner Wohnung entfernt liegt.
Das Floss liegt am äussersten Ende des Badeplatzes auf tiefem Wasser,
ist durch einen langen Steg mit dem Lande verbunden.--Ich stand um 5 Uhr
Morgens auf, kleidete mich rasch an, bestimmte dann meinen Puls und die
Temperatur; erstern indem ich 2 Mal 1/4 Minute nach der Secundenuhr
zählte, letztere, indem ich eine Minute lang die Kugel eines kleinen,
aber guten Thermometers unter die Zunge steckte, und mit den
geschlossenen Lippen das Thermometer fixirte. Ich konnte nur halbe Grade
auf demselben mit einiger Genauigkeit ablesen.--Dann ging ich, ziemlich
leicht gekleidet, rasch (in 15-20 Minuten) hinaus, maass, auf dem Floss
angelangt, zuerst wieder Puls und Temperatur; dann Temperatur der Luft
und des Wassers, kleidete mich rasch aus, stürzte mich über Kopf ins
Wasser, schwamm eine kleine Strecke sehr heftig oder tummelte mich mit
sehr kräftigen Bewegungen im Wasser herum, stieg wieder die Treppe
hinan, stürzte mich wieder über Kopf hinein, machte wieder starke
Bewegung u. s. w.; nach dreimaliger Wiederholung dieser Procedur, welche
im Ganzen 2-4 Minuten dauerte, ging ich wieder in's Ankleidecabinet auf
dem Floss und rieb mir den ganzen Körper mit einem groben Handtuch
trocken, was etwa 5 Minuten dauerte. Dann maass ich Puls und Temperatur
und wiederholte diess während des Ankleidens, was etwa 15. Min. dauerte,
dreimal, kehrte dann rasch wieder nach Hause zurück (in 15-20 Min.),
maass wieder Puls und Temperatur, nahm dann Caffee und Semmel zu mir und
wiederholte noch einmal die Messungen.
"Die ziemlich gleichlautenden Resultate dieser Beobachtungen sind, wie
aus der Tabelle hervorgeht, folgende:
1. "Durch den Gang vor dem Bade sank die Temperatur um 1-2°, und zwar um
so mehr, je kälter die Luft und je weniger rasch das Gehen war; dagegen
stieg die Zahl der Pulsschläge um 20-24 Schläge.
2. "Durch das Bad wurde unmittelbar eine Erniedrigung der Temperatur um
durchschnittlich 1° bewirkt, während der Puls durch die dabei
stattfindende Bewegung um 8-10 Schläge stieg.
3. "Nach dem Bade folgte in den nächsten 15 Minuten eine Steigerung der
Temperatur um 1-2°, während der Puls um 10-24 Schläge herunterging.
4. "Der nun folgende Gang hatte keinen constanten Einfluss auf
Temperatur und Puls".
5. "Dagegen bewirkte der nach der Heimkehr eingenommene Caffee eine
Steigerung der Temperatur um 1-2°, eine Beschleunigung des Pulses um
4-12 Schläge."
* * * * *
Unsere vierte Frage lautete: ~Ist es wahr, dass der Aufenthalt an
der See und der Gebrauch des Seebades zunächst eine Abmagerung
herbeiführt~? Ich antworte hierauf: dass die sorgfältigste Bestimmung,
sowohl bei dem ausschliesslichen Luftgenuss, als während der ganzen
Badezeit, eine stetige Zunahme meines Körpergewichts nachgewiesen
hat und jene Annahme deshalb eine unrichtige zu sein scheint. Ich glaube
dies um so mehr, als manche Verhältnisse bei mir zusammentrafen, die
einer Körpergewichtszunahme eher hinderlich, als förderlich waren; in
Folge meiner Arbeit war ich namentlich mehr geistigen und auch
körperlichen Anstrengungen unterworfen, als die meisten Badegäste.
Sobald ich ein diesen ähnliches Verhalten beobachtete, war die
Körpergewichtszunahme doppelt so gross, als zu anderer Zeit. Nach Allem
aber, was mich die einfache objective Anschauung lehrte, möchte ich auch
glauben, dass sich ein gleiches Resultat bei andern Badegästen
herausstellte; es wäre sehr wünschenswerth, dass die Frage durch
fortgesetzte Beobachtungen entschieden würde. Die Körpergewichtszunahme
constatirt im Allgemeinen, was uns die chemische Analyse lehrte.
Bei diesem wichtigen Ergebniss der Untersuchung liegt die Frage sehr
nahe, wie die ~Diät eines Seebadenden~ beschaffen sein soll, damit sie
allen Anforderungen genügt? Es werden in Bezug auf dieselbe sicherlich
viele Fehler begangen, deren Schuld bald die Langeweile, bald der in der
That gesteigerte Appetit, bald aber die eingewurzelte Idee trägt, im
Seebade müsse man tüchtig essen und trinken. Im Allgemeinen bemerke ich
Folgendes: Nach drei Seiten hin hat sich die Aufmerksamkeit bei der
Verordnung einer Diät zu wenden, einmal hat man den gesteigerten
Stoff-Verbrauch, andrerseits das Nervensystem, drittens aber den Zustand
der Verdauungsorgane selbst zu berücksichtigen.--Der erstere macht
allemal eine Steigerung der Quantität von Nahrungsmitteln nothwendig;
die letztern gebieten Modificationen. Ist der Zustand ein im Allgemeinen
kräftiger, sind die Verdauungsorgane nicht geschwächt, so befriedige man
einfach das Bedürfniss, das unter solchen Umständen in der Regel das
richtige Maass bestimmt. Ist dagegen der Zustand des Nervensystems ein
geschwächter, ist die Fatigue durch das Bad gesteigert, grosse Müdigkeit
und Abgeschlagenheit vorhanden, so folge man dem gesteigerten
Nahrungstriebe nicht ohne grösste Vorsicht und geniesse immer eher
weniger, als der Appetit verlangt, als mehr. Derartige Patienten haben
oft das Verlangen zu essen; sie wollen ihren Schwächezustand durch
kräftige Kost beseitigen, und um so mehr, wenn es ihnen auf Momente in
der That in dieser Weise gelingt. Allein sie begehen allemal Fehler; das
Nervensystem ist noch zu schwach, die Metamorphose so gesteigerter
Nahrungsmengen durchzuführen, und es entstehen in dieser Weise
Erscheinungen retardirter Stoffmetamorphose, die sich bald in
rheumatischen Schmerzen, bald in gastrischen Catarrhen, bald in dieser,
bald in jener Form aussprechen. Man darf sich überzeugt halten,--und das
diene Jedem zur Beruhigung--dass mässigere Mengen die Anforderungen der
Luft und des Bades nicht nur hinlänglich bestreiten, sondern auch noch
hinreichendes Material zur Neubildung von Körpersubstanz übrig lassen.
Dagegen ist unter solchen Verhältnissen der mässige Genuss eines
kräftigen Weines, eines guten Thees und unter Umständen selbst des
Caffees zu empfehlen; diese s. g. "Genussmittel" sind hier zur Hebung
des Nervensystems ganz am Platz und der retardirende Einfluss, den sie
bekannter Weise auf den Stoffwechsel ausüben, verschwindet, wenn sie mit
Maass genossen werden, gegen den beschleunigenden, den die Luft und das
Bad bedingen. In die schlimmste Lage gelangen diejenigen Patienten, die
nicht nur an einer allgemeinen Schwäche des Nervensystems, sondern
insonderheit auch an einer Schwäche der Verdauungsorgane leiden. Diesen
ist zu Anfang der Cur nichts dringender zu empfehlen, als dass sie sich
der möglichsten Ruhe in der erfrischenden Seeluft befleissigen, niemals
fatiguirende Spaziergänge machen und nur jeden dritten Tag baden. Thun
sie das nicht, so übersteigt das unvermeidliche Nahrungsbedürfniss die
Kraft ihrer Verdauungsorgane; sie müssen ihm nachgeben, wenn sie nicht
Hunger leiden wollen, und nicht nur, dass sie die Verdauungsorgane unter
solchen Verhältnissen nicht kräftigen, im Gegentheil der catarrhalische
Zustand an dem sie leiden wird immer schlimmer und die ganze Cur kann in
dieser Weise vereitelt werden. Leben sie jedoch in der angegebenen
Weise, so mögen sie mit Maass ihr Nahrungsbedürfniss befriedigen, dem
Genuss des Weines nicht fremd bleiben, aber Alles vermeiden was den
Magen beschweren kann, als fette Mehlspeisen, Puddings u. s. w.--Dieser
so eben bezeichnete Zustand eines die Kraft der Verdauungsorgane
überschreitenden Nahrungsbedürfnisses tritt uns im praktischen Leben,
insonderheit bei Leuten, die angestrengte geistige Arbeit haben, häufig
entgegen; seine Beseitigung gelingt schwer und selten in anderer Weise
als durch consequente Verminderung der Arbeitszeit, so schwierig es oft
auch fällt, dieselbe zu ermöglichen.--Oft ist mir von Patienten, denen
ich einen solchen Rath ertheilt, erwiedert: ich ~muss~ stark arbeiten,
"um zu leben"; aber sie bemerken nicht, dass sie täglich am eigenen
Capital zehren und der baldige Banquerott in dieser Weise nicht
ausbleibt.--
Welcher Art soll die Qualität der Nahrung im Seebade sein? Um in dieser
Beziehung klar zu sehen, muss man sich den ganzen Zweck und die Wirkung
der Seebad-Cur vergegenwärtigen. Man will die Stoffmetamorphose
beschleunigen, um ein gewisses Quantum von stickstoffhaltigem Material
aus dem Körper zu entfernen, aber man will auch den Ernährungsprocess
und mit ihm die Kraft des Nervensystems steigern. Solchem Zwecke
entspricht vorzugsweise eine mit richtigem Maass genossene animalische
Kost, und namentlich die kräftigeren Fleischsorten, als Rindfleisch,
Schinken, Wild, sind ihres grössern Eisen- u. Phosphorsäuregehalts wegen
zu empfehlen. Ich hebe es ausdrücklich hervor: "~mit richtigem Maass~"!
Sobald zu viel stickstoffhaltige Materien eingeführt werden, ist eine
mangelhafte unvollkommene Metamorphose derselben ein unvermeidliches
Resultat, und wie eine solche zur Verminderung der Phosphate im
Organismus, und damit zur Abmagerung führt, habe ich a. a. O.
nachzuweisen gesucht. Den stickstoffreichen s. g. Albuminaten stehe eine
leichte stickstoffärmere und stickstofffreie Kost zur Seite; leichte
Gemüse, leichte Mehlspeisen, mässiger Fettgenuss sind nothwendige
Erfordernisse; für scrophulöse Kinder scheint mir der mit dem Seebade
verbundene möglichst reichliche Genuss von Leberthran, als demjenigen
Nahrungsmittel, durch welches die Zwecke der Seebadecur am wenigsten
beeinträchtigt werden können, besonders zu empfehlen. Ueberall aber, wo
sich Fatigue, Schwäche des Nervensystems u. s. w. zu erkennen giebt, sei
wiederholt der mässige Genuss eines kräftigen Weines empfohlen. Die
Rhein- und leichten französischen Weine, sind ihres Gehaltes an
pflanzensauren Salzen halber, weniger dienlich.--In einzelnen Fällen, wo
ich um einen Rath ersucht wurde, habe ich, falls der Wein nicht gut
vertragen wurde, die Tinct. Valerian. aether. mit Erfolg dafür
substituirt.--Der sonst für manche Patienten Morgens und Abends
dienliche Genuss von Milch oder Cacao scheint mir im Seebade nicht
empfehlenswerth. So trefflich die Milch als Nahrungsmittel ist, sie
giebt dem Nervensystem zu wenig Impuls, und weniger als es im Seebade
bedarf. Deshalb glaube ich Morgens zum Thee oder, wo er vertragen wird,
zum Caffee, anfangs nur mit etwas Butterbrod, später mit etwas Fleisch,
Eiern, kurz zu einem englischen Frühstück rathen, Abends dagegen eine
leichte Fleischspeise mit Thee, oder, wo das Nahrungsbedürfniss nicht
stark ist, nur eine einfache Suppe empfehlen zu müssen. Es ist
unmöglich, alle die Modificationen hier anzuführen, die im einzelnen
Falle zu treffen sind. Meiner Aufgabe gemäss, kann ich mich nur an
das Allgemeine halten, und in dieser Beziehung ist insonderheit
der massvollen Vermehrung, namentlich des stickstoffhaltigen
Nahrungsmateriales, und des gesteigerten Genusses solcher Getränke zu
gedenken, die weniger durch ihre Nahrhaftigkeit, als dadurch
ausgezeichnet sind, dass sie das Nervensystem anregen und ihm
gewissermaassen diejenige Spannkraft verleihen, die es zur Durchführung
eines gehobenen Ernährungsprocesses bedarf. Individuen, die selbst
derartige Excitationen nicht vertragen, sind nicht mehr für das Seebad
geeignet; sie gehören auf das Land, in eine leicht gebirgige Gegend,
müssen Molken trinken u. s. w. Ich möchte hier das wiederholen, was ich
in Betreff der gleichartigen und doch so verschiedenen Wirkung der
meisten Brunnen- und Badecuren a. a. O.[24] gesagt habe; die allgemeine
Wirkung fast aller dieser Curen ist eine ähnliche, es handelt sich fast
überall um eine Beschleunigung der Stoffmetamorphose; aber in jedem
Falle entsteht auch die Frage, welches Mittel das geeigneteste zum
Zwecke ist, und da ist denn allerdings die Breite der Möglichkeit keine
geringe, es muss die Wahl bei richtiger Individualisirung oft sehr
verschieden ausfallen. Für das Seeleben ist es ein unschätzbarer Vorzug
vor allen andern Bad- und Trinkcuren, dass der ausschliessliche Genuss
der Luft die Stoffmetamorphose in einem Grade beschleunigt, wie es an
andern Orten nur grosse Quantitäten salinischer Wässer, Bäder,
fatiguirende Märsche, unerbittliche Strenge in der Diät u. s. w. zu thun
vermögen. Ob auch die nachtheiligen Wirkungen dieser Heilmittel, neben
ihren unbestreitbaren Vorzügen, immer richtig bedacht werden?! Möchte
endlich die Zeit kommen, wo man bei genauer Kenntniss der speciellen
Heilwirkungen und sämmtlichen Effecte dieser und jener Quelle nicht mehr
für Krankheiten, sondern für Individuen verordnet!
[24] Die Rationalität der Molkencuren. Hannover 1853. pag. 46.
Unsere 5te Frage lautete: ~Welche weitern objectiven oder subjectiven
Erscheinungen im Befinden sind mit Sicherheit als Erfolge des Seebades
und des Aufenthaltes an der See zu betrachten~? Gehe ich auf die am
eigenen Körper gemachten Beobachtungen zurück, so kann ich nicht umhin,
das zeitweilige Gefühl der Ermüdung, die bedeutende Vermehrung der
Darmentleerungen, die dunklere Färbung derselben, die bedeutend
gesteigerte Vermehrung der Hautthätigkeit, die eigenthümlich klebrigen
Schweisse als Wirkungen des Seebades in Anspruch zu nehmen. Es sind dies
Erscheinungen, die mehr oder weniger bei jedem Patienten und Gesunden
auf der Insel hervortreten, und tritt an die Stelle vermehrter
Darmentleerung oft geradezu das Gegentheil, eine hartnäckige
Constipation, so habe ich mir darüber oben (pag. 58.) schon einige
weitere Bemerkungen erlaubt. Die Ursachen der übrigen Erscheinungen
wurden ebenfalls an geeigneter Stelle besprochen.--Doch es ist mit der
Angabe dieser wenigen keineswegs die Menge der überhaupt vorkommenden
Erscheinungen erschöpft. Die sich gegen Ende der Cur in der Regel
einstellende grössere Frische und Leichtigkeit, die freiere psychische
Bewegung, die Wiederkehr früherer Heiterkeit, der geregelte Eintritt der
Menses bei dysmenorrhoischen Frauen, u.s.w. u.s.w. sind Wirkungen, die
ohne Frage dem Gebrauch des Seebades und seiner Einwirkung auf den
Stoffwechsel zugeschrieben werden müssen. Dass es zudem noch manche
specielle Wirkungen desselben giebt, wird Niemand bestreiten, der sich
im Seebade umgesehen hat; die Erklärungen für dieselben fehlen uns
jedoch noch zum grossen Theil. Der plötzliche Schwund eines tic
douloureux, von Neuralgieen überhaupt,--wie ich ihn bei heftiger
Odontalgie und Cardialgie einmal beobachtete--, ist eine nicht selten
beobachtete Thatsache, und erinnert diese einmal lebhaft an die immer
treffenden Worte Romberg's: "Mit Schmerz bettelt der Nerv um gesundes
Blut", so giebt eben die Raschheit des Schwundes jener Schmerzen doch
auch der Vermuthung Raum, dass eigenthümliche, noch nicht genau
erforschte Verhältnisse der Seeluft oder des Bades direct auf das
Nervensystem influiren. Im Ganzen ist aber die Anzahl solcher
schwieriger zu erklärender Heilwirkungen nicht gross, und in den meisten
Fällen sind die oben näher bezeichneten Wirkungen der Luft und des Bades
auf den Stoffwechsel hinreichend zur Erklärung der therapeutischen
Thatsachen. Das unmittelbare Abhängigkeitsverhältniss zwischen Nerv und
Blut erfordert hier die sorgfältigste Berücksichtigung.
* * * * *
Ich komme zum letzten Theil meiner Arbeit. Wir haben noch nach dem
~Warum~? der aufgefundenen Wirkungen der Seeluft und des Seebades zu
fragen. Hier fehlt es leider noch sehr an thatsächlichen Anhaltspunkten;
der Hypothese ist ein weites Feld geöffnet. Gehen wir jedoch in Kürze
die etwaigen Möglichkeiten durch.--
Thatsache ist es zunächst, dass der Luftgenuss oder der Aufenthalt auf
der Nordsee-Insel allein eine nicht unbeträchtliche Beschleunigung der
Stoffmetamorphose bedingt.--In welcher Weise kann dies, abgesehen von
dem Einfluss der an allen Badeorten gleichen Ausspannung aus dem
Geschäftsleben, Befreiung von häuslichen Bekümmernissen u.s.w.,
geschehen?--Es ist nicht zu bezweifeln, dass C. Mühry in seiner oben
erwähnten Schrift einen sehr wichtigen Punkt berührt hat, wenn er zuerst
des ~psychischen Eindruckes~ gedenkt, den der Anblick des weiten Meers
auf den Menschen ausübt. Diesem Eindruck, einem zur stillen Bewunderung
hinreissenden Gefühle, kann sich schwerlich Jemand entziehen, der zum
ersten Male die Ufer des Meeres betritt. Wir wissen aber, dass jeder
anregende, psychische Eindruck, sei er durch Kunst oder Natur
herbeigeführt, auch nicht ohne Einfluss auf den Stoffwechsel bleibt, wir
wissen, dass er allemal zu einer Beschleunigung desselben führt; und so
mag denn auch jene geistige Erhebung, die der blosse Anblick des Meeres
bedingt, einen Theil der fraglichen Wirkung herbeiführen. Bringt man
jedoch in Anschlag, wie rasch man sich an derartige Eindrücke gewöhnt,
so kann dieser Theil immer nur ein sehr geringer, die Wirkung selbst
eine fast nur momentane sein; sie erklärt nicht die Ausdauer der
beobachteten Verhältnisse.--
Als eines zweiten nicht unwichtigen Umstandes ist des stärkern
~Lichtreflexes~ am Meeresufer gedacht.--Dass das Licht an und für sich
je nach seiner Intensität und Farbe einen grössern oder geringern
Einfluss auf das Nervensystem und indirect auf die materiellen Vorgänge
im menschlichen Körper ausübt, ist keiner Frage unterworfen. Für Thiere
hat C. Schmidt in seinen bekannten Untersuchungen [25] den Einfluss des
Lichtes auf den Stoffwechsel geradezu erwiesen. Er fand, dass der
Gewichtsverlust einer Katze bei Tage stets viel beträchtlicher war, als
bei Nacht, und dass, als das Thier zufällig erblindete, der Stoffwechsel
auch während des Tages nur dieselbe Intensität, wie während der Nacht
besass. Ein ähnlicher Einfluss des Lichts hat sicher auch beim Menschen
Statt. Allein auch dieser erklärt uns nicht die aufgefundenen Resultate;
die segensreichen Wirkungen der Seeluft gaben sich auch, wie ich in
Wangeroge zu erfahren Gelegenheit hatte, bei einem Manne kund, der des
Augenlichts beraubt war, und an trüben Tagen, bei wolkigem Himmel, war
die wahrgenommene Wirkung bei mir nicht geringer, als bei heiterm
Sonnenschein.
[25] Bidder und Schmidt: Verdauungssäfte u. Stoffwechsel. 1852. pag.
317.
Betrachten wir denn in dritter Reihe die ~Luft~ selbst.--So weit man
schliessen kann, müssen in ihr Verhältnisse obwalten, die jene Wirkungen
bedingen und erklären.--Der grössere ~Druck der Luft~ am Meeresufer kann
nur da in Frage kommen, wo er auf Jemand influirt, der aus höhern
Gegenden herstammt. Bei mir war das nicht der Fall; zwischen Oldenburg
und dem Meeresufer existirt im Luftdruck in der That ein so geringer
Unterschied, dass ich in den vorliegenden Untersuchungen unmöglich
daraus eine Wirkung zu erklären vermag. Aber auch bei denen, deren
Heimath in den Bergen liegt, kann der Luftdruck die fraglichen Resultate
nicht bedingen. Nach dem was wir über Lungenexhalation und
Hautausdünstung in niedern und höhern Gegenden wissen und aus den
bekannten Erfahrungen Gebirgsreisender schliessen, müsste im Gegentheil
der grössere Luftdruck eher hemmend, als beschleunigend auf den
Stoffwechsel influiren. Vierordt[26] hat es nachgewiesen, dass ein
Steigen des Barometers um 5''',67 die Pulsschläge in der Minute um 1,3,
die Athemzüge um 0,74, und die ausgeathmete Luft um 586 CC. vermehrt;
aber der Kohlensäuregehalt der letztern sinkt um 0,309%, Differenzen,
die beim Athmen in höherer Temperatur noch deutlicher hervortreten.--Die
~Temperatur der Luft~ kann uns ebenfalls nichts erklären. Sie ist im
Sommer bekanntlich am Meeresufer in der Regel um einige Grade niedriger,
als auf dem Continent; soll man sich aber aus so geringen Differenzen
jene bedeutenden Verschiedenheiten des Stoffwechsels erklären? Bedingen
doch der kalte Winter und der heisse Sommer, wie die obigen
Untersuchungen nachweisen, nur Unterschiede, die sich auf ein viel
Geringeres belaufen, als die hier aufgefundenen! Sind es denn die
~chemischen Bestandtheile~ der Seeluft, die uns eine Aufklärung
verschaffen? Was die Verhältnisse des Stickstoffs und Sauerstoffs
betrifft, so wissen wir, dass in einem etwa vermutheten grössern
Sauerstoffgehalt der Luft[27] die Ursache nicht liegt. "H. Davy fand bei
Bristol dieselbe Zusammensetzung, und zwar selbst in der Luft, welche er
bei heftigem Westwind an der Mündung des Severn gesammelt hatte, die
also weit über das atlantische Meer hergekommen war"[28], wie Andere auf
dem Festlande, und Alexander von Humboldt sagt uns selbst in seinen
"kleinern Schriften" 1853. pag. 349: "In allen unsern Versuchen sieht
man zunächst den Beweis, dass die Schwankungen im Sauerstoff-Gehalt der
Luft nicht über 0,001 betragen, obgleich die von uns analysirte Luft bei
verschiedenen Winden aufgefangen war, mithin aus sehr entfernt von
einander liegenden Gegenden kam; ferner, dass das Raumverhältniss des
Sauerstoffs zu dem übrigen Gasen in der Luft, wie 21 : 79 ist. Das erste
Resultat, dass sich die Zusammensetzung der Luft nicht ändert, ist ganz
scharf;-- --das zweite, dass die atmosphärische Luft 21 p.c. Sauerstoff
enthält, kann sich nur sehr wenig von der Wahrheit entfernen." Dagegen
ist die Seeluft bedeutend wasserreicher, als die Continentalluft, und
dass dieser ~grössere Wasserhalt~ nicht ohne Einfluss ist auf die
fragliche Beschleunigung der Stoffmetamorphose, lässt sich neuern
Untersuchungen zufolge nicht in Abrede stellen. Ein Jeder, der die
Seeluft gekostet hat, wird sich von der leichten Respirabilität
derselben, von dem wohlthuenden Gefühle tiefer Inspirationen am Strande
überzeugt haben. Man trinkt die Luft in vollen Zügen und eine
Beschleunigung der Respirationsacte, eine grössere Extensität derselben
ist eine gewöhnliche Erscheinung. Kommt dazu der positive Beweis
vermehrter Ausgabe an Kohlensäure und grössern Gewichtsverlustes des
Körpers in feuchter Atmosphäre, so dürfen wir nicht zweifeln, dass jener
Wassergehalt der Seeluft von beträchtlichem Einfluss auf die
Beschleunigung der Stoffmetamorphose ist. Diesen Beweis hat uns aber
Prof. Lehmann[29] geliefert. Die Wichtigkeit des Gegenstandes erfordert
es, dass ich ausführlich mittheile, was darüber vorliegt. Lehmann's
eigene Worte mögen also folgen:
[26] Vierordt: Physiologie des Athmens. Karlsruhe 1845.
[27] Vrgl. Dr. Bluhm l. c. pag. 28.
[28] S. Cotta: Briefe über Alex. v. Humboldt's Kosmos. Leipzig 1848,
pag. 218.
[29] C. G. Lehmann: Lehrbuch der physiolog. Chemie. Bd. III. pag. 387.
Leipzig 1852.
"Auch der Feuchtigkeitsgrad der Atmosphäre ist nicht ohne Einfluss auf
die respiratorischen Functionen und die Kohlensäureexcretion
insbesondere. Ueber diesen Gegenstand sind von mir einige Versuche an
Feldtauben, Zeisigen und Kaninchen angestellt worden. ~Die
Gewichtsmengen excernirter Kohlensäure fallen in feuchter Luft viel
grösser aus~, ~als in trockner~. So lieferten z. B. 1000 Gramm (= 2
[Pfund]) männlicher Feldtaube für eine Morgenstunde":
in ~trockner~ Luft: bei 0° = 10,438 Grm. Kohlensäure; bei 24° = 6,055 Grm.;
bei 37° = 4,69 Grm.
in ~feuchter~ Luft: bei 23° = 6,769 Grm.; bei 37° = 7,167 Grm.
Ebenso gaben 1000 Grm. Zeisige für eine Nachmittagsstunde:
in ~trockner~ Luft: bei 0° = 7,260 Grm.; bei 17,5° = 5,679 Grm.; bei 37,5° =
3,220 Grm.
in ~feuchter~ Luft: bei 17,5° = 5,351 Grm.; bei 37,5° = 6,851 Grm.
1000 Grm. Kaninchen endlich exhalirten in einer Morgenstunde:
in ~trockner~ Luft: bei 37,5° = 0,451 Grm. Kohlensäure.
" ~feuchter~ " : " 37,5° = 0,677 " "
"So spärlich diese Untersuchungen sind, so weisen sie doch deutlich
genug auf die Wichtigkeit dieses Einflusses für die Respiration hin,
eines Einflusses, den wir am Krankenbette, namentlich bei Lungenkranken,
so häufig zu beobachten Gelegenheit haben. Fragen wir aber nach dem
Causalnexus in welchem die hier beobachtete Kohlensäureexcretion mit dem
Feuchtigkeitsgrade der Luft steht, so finden wir leider noch keine
einigermaassen genügende Antwort."
"Dass die Feuchtigkeit der Luft auch auf die Athembewegungen eine
Einwirkung äussern muss, lässt sich nicht bloss errathen, sondern auch
direct beobachten: die Athemzüge der Thiere sind in der feuchtwarmen
Luft viel frequenter, als in der trocknen. Hierzu trägt nun allerdings
im Anfange des Versuchs die Veränderung selbst, der das Thier
unterworfen wird, sehr viel bei; allein wenn man auch 3, 6 oder 10
Stunden nach Beginn des Versuchs die Athmungsfrequenz beobachtet, so
findet man sie immer bedeutender, als beim Athmen in trockner Luft.
Einigen in meinem Laboratorium von Buchheim angestellten Versuchen nach
scheint aber die Feuchtigkeit der Luft mehr noch auf die Tiefe der
Athemzüge einzuwirken".
"Wenn aber die Vermehrung der ausgeathmeten Kohlensäure beim Athmen in
feuchter Luft theilweise in der berührten Veränderung der Athembewegung
ihre Erklärung findet, so wird der Einfluss der Feuchtigkeit, gleich dem
der Temperatur, sich wahrscheinlich auch noch auf einem andern Wege
geltend machen. Ein directer Einfluss des Wasserdunstes auf die
Ausscheidung der Kohlensäure aus dem Blute lässt sich freilich nach
unsern jetzigen Kenntnissen der betreffenden Verhältnisse nicht
nachweisen. Für eine weitere Untersuchung dieses Gegenstandes dürfte
aber eine von mir wiederholt gemachte Beobachtung nicht ohne Interesse
sein. Die Frösche verlieren nämlich in trockner Luft weit weniger an
Körpergewicht, als in feuchter; der Unterschied ist ausserordentlich
gross, daher ich unter vielen Beobachtungen nur folgende zwei anführe.
In einem Falle verloren 100 Grm. Frosch in 24 St. in ~trockner~ Luft =
1,820 Grm. an Gewicht; in feuchter dagegen 4,376 Grm.; in einem andern
Falle in trockner Luft = 0,681 Grm., in feuchter aber 5,340 Grm. Dass
diese Erfahrung sich mehr auf die Perspiration bezieht, versteht sich
von selbst; denn schon das äussere Ansehen der Frösche die sich in
trockner Luft befanden zeigt, dass ihre Haut ausgetrocknet und daher
wohl für die Perspiration untauglich geworden war; allein ohne allen
Bezug auf die betreffenden Respirationsverhältnisse möchte diese
Erfahrung doch nicht sein".
Diese Beobachtungen sind für unsern Gegenstand offenbar von dem grössten
Interesse; sie weisen zweifellos darauf hin, welchen bedeutenden
Einfluss der Feuchtigkeitsgrad der Luft auf die Ausgaben des Körpers,
und damit auf den Stoffwechsel ausübt.--Wollen wir auch nicht übersehen,
dass ich, wie jeder Seebadegast in seiner Heimath, in Oldenburg
keineswegs in einer absolut "~trocknen~" Atmosphäre lebte, die Luft in
Oldenburg im Gegentheil eben während meiner Untersuchungen daselbst sehr
feuchtwarm war, so wird dennoch der ~beständige~ Feuchtigkeitsgrad der
Seeluft immer einen ~gewissen~ Einfluss ausüben müssen und mit der
Kenntniss obiger Thatsachen nähern wir uns ohne Frage der Einsicht in
das Wie? der Wirkung des Lebens auf der Insel.--Ihnen zufolge kann man
auch den neuerdings angeregten Ideen zur Herstellung künstlicher Seeluft
in Krankenzimmern nur in vollstem Maasse das Wort reden. Ob der geringe
Salzgehalt der Seeluft diese Wirkung noch erhöht, lasse ich dahin
gestellt sein; ähnliche Untersuchungen, wie die von Lehmann mit einfach
feuchter Luft angestellten, können allein darüber entscheiden.
Ueber die Verschiedenheit der See- und Continentalluft in Betreff
~anderer~ und ~namentlich heterogener Bestandtheile~ ist sehr wenig
bekannt. Es lässt sich freilich annehmen, dass die Seeluft im
Allgemeinen frei ist von allen Effluvien des Erdbodens die sich der
Continentalluft in oft Krankheit erzeugender Quantität beimischen, frei
ferner von allen Beimischungen, die das Leben in der Stadt nur zu oft
beklagen lässt, und man darf ihr in dieser Beziehung sicher eine
negative Wirkung zuschreiben.
Auch in Wangeroge wird die Luft nur ausnahmsweise bei Süd- und
Südostwinden miasmatische Effluvien aus den Marschdistricten Oldenburgs
und Hannovers mit sich führen können. Ob sie aber in Folge dieses
Mangels an heterogenen Bestandteilen auch einen positiven und zwar
beschleunigenden Einfluss auf den Stoffwechsel auszuüben vermag, möchte
schwer zu beweisen und in der That kaum anzunehmen sein. So viel sich
aus allen pathologischen Thatsachen erschliessen lässt, bewirken jene
Miasmen nur qualitative, nicht aber auch quantitative Veränderungen des
Stoffwechsels; sie bedingen, wie es scheint, mehr Veränderungen der
katalytischen Vorgänge im Organismus, als der quantitativen Verhältnisse
der Mischung, der Einnahme und Ausgabe.
Von grosser Bedeutung für unsre Frage scheint dagegen ein andrer, und
zwar nicht heterogener Bestandtheil der Luft zu sein; ich meine das vom
Prof. Schönbein in Basel entdeckte ~Ozon~. Wir berühren damit einen
Gegenstand, der in neuerer Zeit die Aufmerksamkeit vieler Forscher auf
sich gezogen hat und dessen Wichtigkeit für Pathologie und Therapie eine
sehr bedeutende zu werden verspricht.--
Das Ozon ist nach Schoenbeins Untersuchungen[30] eine der am kräftigsten
oxydirenden Substanzen, ein "Sauerstoff in erregtem Zustande." Es bildet
sich in Folge der Erregung, die die Luftelectricität dem Sauerstoff der
Luft mittheilt und in dem jedesmaligen starken Ozongehalt der Luft nach
Gewittern, in der Einwirkung des elektrischen Funkens auf die
Schönbeinschen Ozometer, in dem Geruch des Ozons liegen Beweise dafür.
Es zeichnet sich endlich aus durch die besondere Eigenschaft, mit allen
miasmatischen Stoffen chemische Verbindungen einzugehen und so die Luft
zu desinficiren. Eine Atmosphäre von 1/6000 Ozongehalt ist nach
Schönbein's Untersuchungen im Stande das 540 fache Volumen einer Luft zu
desinficiren, welche eben so stark miasmatisirt ist, als es 60 Liter
Luft durch 1/4 [Pfund] Fleisch in stärkster Verwesung in einer Minute
werden.--
[30] S.C.F. Schoenbein: "Ueber einige mittelbare physiologische
Wirkungen der atmosphärischen Electricität" in Heule's und
Pfeuffer's Zeitschrift für rationelle Medicin. Neue Folge. I. Bd.
3. Heft. pag. 384.--Desgl. in Liebig und Wöhler's Annalen. Bd.
89. Heft 3.
Sind diese Forschungen richtig, und wir haben keinen Grund daran zu
zweifeln, so erhält der Ozongehalt der Luft, in welcher wir leben,
selbstverständlich auch eine hohe Bedeutung für die sämmtlichen
Lebensprocesse, für den Stoffwechsel, ja wir dürfen hoffen, mit
seiner Kenntniss auch eine nähere Kenntniss von dem unläugbaren
Einfluss der Luftelectricität selbst auf den Organismus zu erlangen.
Es wird darauf ankommen den Gehalt der Luft an Ozon in verschiedenen
Gegenden und unter verschiedenen Verhältnissen genau zu prüfen, locale
Morbilitätsverhältnisse mit den Resultaten jener Beobachtungen zu
vergleichen, nachzuforschen, ob ein grösserer Gehalt der Luft an Ozon
einen beschleunigten, geringerer Gehalt einen langsamen Stoffwechsel
bedingt u. s. w. u. s. w.--Leider fehlt es bis dahin an solchen
Beobachtungen noch sehr, und namentlich für unsre Frage ist es zu
bedauern, dass noch gar keine Untersuchungen über den Ozongehalt der
Seeluft und den Unterschied desselben von dem der Continentalluft
vorliegen. Um so mehr aber nur wandte ich auch diesem Verhältnisse meine
Aufmerksamkeit zu, und so wenig ausreichend die Untersuchungen sind, sie
dienen vielleicht dennoch dazu andere Beobachter zu einer eifrigen und
ausführlichen Fortsetzung anzutreiben und im Allgemeinen nachzuweisen,
dass der Ozongehalt der Seeluft allerdings ein beträchtlicher ist.--
Ich bediente mich zur Ermittelung desselben der Schönbein'schen
Ozonometer (vom Buchbinder Bürgy in Basel bezogen)[31]. Dieselben lassen
sehr Vieles zu wünschen übrig; sie geben nur sehr approximative
Resultate; Herr Dr. v. Maack in Kiel wird sich darüber des Weitern im
Archiv des Vereins für gem. Arb. Bd. II. Heft 1. auslassen. Allein in
Ermangelung eines Bessern hielt ich dennoch eine Anwendung derselben für
besser, als gar keine, und durch folgendes, stets gleichmässiges
Verfahren musste ich wenigstens einen allgemeinen Aufschluss gewinnen.
Jeden Morgen und jeden Abend um 8 Uhr wurden in einem nur nach unten
offenen Kästchen, welches unmittelbar am Strande in einer Höhe von circa
6 Fuss über dem Erdboden aufgestellt war, 2 Ozonometer mit einer Nadel
an einem Bande befestigt. Ein jedes derselben unterlag demnach 12 St.
der Einwirkung der Luft. Nach Ablauf derselben wurden die Streifchen
wieder gelöst, sofort in Wasser eingetaucht und nun mit der Ozon-Scala
verglichen. Beide Streifen zeigten dann stets eine gleiche Färbung; die
Bestimmung der Farbe selbst nach der Scala war aber oft schwer, da
namentlich die hellern Farbentöne meistens eine röthliche Beimischung
hatten, die sich auf der Scala durchaus nicht fand. Ich bestimmte den
Grad in solchen Fällen so gut es möglich war, notirte sodann die Nummer
der Scala, bemerkte zugleich, ob in den verwichenen Stunden ein
stärkerer oder schwächerer Wind geweht hatte, fügte Temperatur[32] und
besondere Witterungsangaben hinzu und gelangte damit zu folgenden
Resultaten:
[31] Die Schönbein'schen Ozonometer bestehen aus einfachen Streifchen
von Druckpapier, die getränkt sind mit einer Lösung von Jodkalium
und Stärkekleister. Das Ozon hat die Eigenschaft, das Jodkalium
zu zerlegen und jenachdem in Folge seiner Einwirkung mehr oder
weniger Jod frei wird, nimmt der Papierstreifen, wenn man ihn in
Wasser taucht, eine hellere oder dunklere blaue Färbung an. An
einer den Ozonometern beigegebenen Ozon-Scala liest man dann die
Nummer der Farbe ab und bestimmt darnach den höhern oder
geringern Gehalt der Luft an Ozon.
[32] Die Temperatur des Meerwassers wurde mit einem Greiner'schen in
1/10 Grade getheilten Thermometer an der Badestelle am Strande
untersucht; die der Luft an einem schattigen windstillen Orte, in
einer Höhe von 6 Fuss über dem Erdboden.--War das Wasser sehr
bewegt, so zeigten verschiedene Wellen oft verschiedene
Temperaturen. Ich kann durchaus der Angabe Bluhm's (l. c. p. 23.)
nicht beistimmen, dass das Wasser in der Nähe des Strandes seine
mitunter vorkommenden hohen Temperaturgrade dem durch die
Sonnenstrahlen erwärmten Sande verdankt. Der Strand selbst, auf
den das Wasser zur Zeit der Messung hinaufspülte, hatte meistens
eine viel niedrigere Temperatur, als das Wasser selbst. Dagegen
hatte eine oberflächliche Erwärmung des Wassers selbst durch die
Sonnenstrahlen sicher Statt; tiefere Wasserschichten zeigten eine
niedrigere Temperatur.
~BEOBACHTUNGEN~
über den Ozongehalt der Luft, die Temperatur der Luft und die Temperatur
des Wassers auf Wangeroge.
--------+-------------+--------+-----------+-----------+--------------------
| Grad der | | Luft- | Wasser- |
| Ozon-Scala | | temperatur|temperatur |
|------+------+ Wind |------+----+-----+-----+ Witterung
| Mg. | Ab. | und | | | | | im
Datum | 8 U. | 8 U. | Wind- | Mgs |Abds | Mgs |Abds | Allgemeinen.
| - | - |stärke. | 8 |8 U. | 8 |8 U. |
| Ab. | Mg. | | Uhr | | Uhr | |
| 8 U. | 8 U. | | | | | |
--------+------+------+--------+-----+-----+-----+-----+--------------------
| | | | | | | |
12. Juli| 3 | 8-9 | SW. | -- | -- | -- | -- |Sehr schön.
| | | schwach| | | | |
| | | | | | | |
13. " | 8-9 | 8-9 | SW. |12,75|11,6 | -- |12,6 |Regnigt; trüber
| | | stark |° R. |° R. | |° R. |Himmel.
| | | | | | | |
14. " | 4 | 8 | WSW. |12,4 |12,5 | -- |12,7 |Kein Regen; einzelne
| | | mässig |° R. |° R. | |° R. |Sonnenblicke.
| | | | | | | |
15. " | 3 | 9-10 | SSW. |13,5 |13,3 |14,2°|13,3 |Hell; schöner
| | | sehr |° R. |° R. |° R. |° R. |Sonnenschein.
| | | schw. | | | | |
| | | | | | | |
16. " | 4 | 8-9 | O. |14,2 |13,9 |14,5 |14,7 |desgl.
| | | zieml. |° R. |° R. |° R. |° R. |
| | |lebhaft | | | | |
| | | | | | | |
17. " | 5-6 | 8-9 | OSO. |17,2 |15,2 | -- | -- |Nachmittags bedeckter
| | | mässig |° R. |° R. | | |Himmel; Abends viel
| | | | | | | |Regen; sehr warm.
| | | | | | | |
18. " | 8 | 10 | O. |16,2 |14,5 |15,6 | -- |Mgs Sonne.
| | |ziemlich|° R. |° R. |° R. | |Nachmittags
| | | stark | | | | |bedeckter Himmel.
| | | | | | | |
19. " | 3-4 | 6 | WNW. |13,9 |13,6 |15,3 |16,3 |Heller Sonnensch.;
| | | mässig |° R. |° R. |° R. |° R. |bedeutende Wärme.
| | | st. | | | | |
| | | | | | | |
20. " | 1-2 | 6 | SOS. |16,4 |16 |16,1 |17,3 |Sehr warm.--
| |(nicht| stark |° R. |° R. |° R. |° R. |Nachts Gewitter.
| |deut- | | | | | |
| |lich) | | | | | |
| | | | | | | |
21. " | 7-8 | 10 | SO. |15,7 |15,5 |14,9 |17,5 |Sehr heiss.--
| | | mässig |° R. |° R. |° R. |° R. |Lauwarme Nacht.
| | | stark | | | | |
| | | | | | | |
22. " | 6 | 10 | O. |18,1 |15,7 |16,3 |18,2 |Grosse Hitze.
| | | mässig |° R. |° R. |° R. |° R. |
| | | | | | | |
23. " | 4 | 7-8 | NON. |17,0 |15,5 |17,3 |17,8 |desgl.
| | | mässig |° R. |° R. |° R. |° R. |
| | | st. | | | | |
| | | | | | | |
24. " | 7-8 | 10 | NON. |18,3 |15,7 |17,5 |16,8 |desgl.--Nachmittags
| | | stark |° R. |° R. |° R. |° R. |stürmisch.
| | | | | | | |
25. " | 5-6 | 9-10 | ONO. |18,4 |15,5 |18,3 |15,7 |desgl.
| | | sehr |° R. |° R. |° R. |° R. |
| | | stark | | | | |
| | | | | | | |
26. " | 4-5 | 5 | NO. |16,0 |13,2 |15,4 |14,3 |}
| | | sehr |° R. |° R. |° R. |° R. |}
| | | stark | | | | |}
| | | | | | | |}
27. " | 5-6 | 4-5 | NO. |15,0 |12,1 |15,6 |13,8 |}
| | | sehr |° R. |° R. |° R. |° R. |}
| | | stark | | | | |}
| | | | | | | |}Mehr bedeckter
28. " | 4-5 | 6-7 | N. |13,2 |12,2 |14,0 |13,4 |}Himmel, als
| | | sehr |° R. |° R. |° R. |° R. |}Sonnenschein.
| | | stark | | | | |}Stets heftiger
| | | | | | | |}Wind.
29. " | 4 | 5 | NWN. |12,9 |10,8 |13,8 |13,7 |}
| | | sehr |° R. |° R. |° R. |° R. |}
| | | stark | | | | |}
| | | | | | | |}
30. " | 2-3 | 4 | NO. |14,8 | -- |14,6 | -- |}
| | | sehr |° R. | |° R. | |}
| | | schwach| | | | |}
| | | | | | | |
31. " | 5-6 | 8-9 | SSO. | -- | -- | -- | -- |Schwül. Regen.
| | | fast | | | | |
| | | wind- | | | | |
| | | still | | | | |
| | | | | | | |
1. Aug.| 9-10 | 9-10 | SW. |14,6 |14,0 |14,4 |14,0 | --
| | | sehr |° R. |° R. |° R. |° R. |
| | | heftig | | | | |
| | | | | | | |
2. " | 7 | 10 | SW. |13,5 |12,8 |14,4 |14,2 |Gewitterschauer.
| | | stür- |° R. |° R. |° R. |° R. |Donner und Blitz.
| | | misch | | | | |
| | | | | | | |
3. " | 8 | 9-10 | WSW. |12,9 |12,5 | -- | -- |Noch gewitterhafte
| | | sehr |° R. |° R. | | |Luft.
| | | stark | | | | |
| | | | | | | |
4. " | 8 | 8-9 | WSW. |12,2 |12,8 |13,8 |14,0 |}
| | | stark |° R. |° R. |° R. |° R. |}
| | | | | | | |}
5. " | 5-6 | 5-6 | SNW. |13,3 |13,8 |13,8 |13,7 |}
| | | mässig |° R. |° R. |° R. |° R. |}
| | | | | | | |}
6. " | 5-6 | 4-5 | N. |15,0 |13,4 |14,2 |14,1 |}
| | | ziem- |° R. |° R. |° R. |° R. |}
| | | lich | | | | |}Im Ganzen
| | | stark | | | | |}stets angenehm.
7. " | 4 | 3-4 | N. |15,1 |12,7 |14,4 |14,6 |}
| | | mässig |° R. |° R. |° R. |° R. |}
| | | | | | | |}
8. " | 3 | 7-8 | N. |14,0 |12,8 |14,8 |13,7 |}
| | | mässig |° R. |° R. |° R. |° R. |}
| | | | | | | |}
9. " | 4 | 6-7 | WSW. |12,5 |14,8 |13,5 |14,6 |}
| | | mässig |° R. |° R. |° R. |° R. |}
| | | | | | | |
10. " | 8 | 10 | SWS. |16,1 |14,0 |15,6 | -- |Nachm. Gewitter;
| | | stark |° R. |° R. |° R. | |viel Regen.
| | | | | | | |
11. " | 6 | 7-8 | WNW. |14,7 |13,1 |15,2 |14,5 |Klare Luft.
| | | zieml. |° R. |° R. |° R. |° R. |
| | | st. | | | | |
| | | | | | | |
12. " | 3-4 | -- | WSW. |13,0 | -- |14,7 | -- | --
| | | still |° R. | |° R. | |
Nach diesen Beobachtungen war der Ozongehalt der Luft in der auf
Wangeroge verlebten Zeit an der Mehrzahl der Tage ein sehr
beträchtlicher. Die Schönbein'sche Ozon-Scala hat 10 Grade; wir begegnen
insonderheit in der nächtlichen Periode der einzelnen Tage nicht selten
dem höchsten derselben. Wir wissen aber durch Schönbeins auf dem
Festlande angestellte Untersuchungen, dass die Sommermonate sich in der
Regel durch einen sehr geringen Ozongehalt der Luft auszeichnen, und
darf man also aus den wenigen Beobachtungen überhaupt einen Schluss
ziehen, so würde er zu Gunsten der Ansicht eines auf der Insel
gesteigerten Ozongehalts der Luft ausfallen. Bestätigt sich diese
Annahme durch fernere, länger fortgesetzte Untersuchungen, denen
nothwendig auch gleichzeitige Beobachtungen an verschiednen Plätzen des
Continents zur Seite stehen müssen, so darf man nicht anstehen, dem
vermehrten Ozongehalt der Seeluft einen Theil der Wirkung derselben
zuzuschreiben. Wir schliessen ferner nach Schönbein's Voruntersuchungen,
aus einem vermehrten Ozongehalt der Luft auf einen vermehrten Gehalt
derselben an "strömender Electricität." Auch dieser ist ohne Frage für
die Vorgänge im Organismus von hoher Bedeutung. Es lässt sich sehr wohl
denken u. steht mit unsern übrigen Kenntnissen über die Wirkung der
Electricität im Einklang, dass der Aufenthalt in einer Luft, die reich
ist an solcher Electricität, eine excitirende Wirkung auf das
Nervensystem und indirect auf den Stoffwechsel ausübt, schreibt doch
Alex. v. Humboldt selbst den electro-magnetischen Strömungen im Innern
der Erdrinde "auf alle gestaltende Thätigkeit im Mineralreiche,
wie auf die Functionen vegetabilischer und animalischer Organismen
einen anregenden Einfluss zu"[33]. Und sucht derselbe Forscher an
derselben Stelle in dem ~Lichte~ und der von diesem unzertrennlichen
~strahlenden Wärme~ die Ursache, wie aller Bewegung und alles
organischen Lebens, so auch der electro-magnetischen Strömungen,
vermuthet er, dass das durch Aetherschwingungen fortgepflanzte
Sonnenlicht auch im Weltraum von electrischen Strömungen begleitet ist,
ist ferner nach Pouillet's Versuchen auch die Verdunstung des Wassers
eine Quelle der atmosphärischen Electricität[34], so dürfen wir
vielleicht noch einen Schritt weiter gehen und in der grössern
Lichtmasse, in dem unbehinderten Einfall der Sonnenstrahlen, so
wie in der starken Wasserverdunstung auch die letzte Quelle der
vermehrten Luftelectricität, und damit des vermehrten Ozongehaltes
derselben suchen.--Man könnte in dieser Weise den Aufenthalt in der
Seeluft ein "electrisches Luftbad" nennen und, ohne mich weiter in
Hypothesen verlieren zu wollen, ich möchte glauben, dass es der Mühe
werth sei, diesem Gegenstande die vollste Aufmerksamkeit zu widmen.
[33] S. Dr. Joh. Müller's Lehrb. der Physik u. Meteorol. II. Band.
Braunschweig 1845. pag. 613.
[34] S. Kosmos. Bd. III. pag. 44.
Somit kommen wir zu dem Schluss, dass die beschleunigende Einwirkung der
Seeluft auf den Stoffwechsel wahrscheinlich in verschiedenen
Verhältnissen ihren Grund hat.--Neben mehren und unerheblichen
Einflüssen, der Entfernung aus allen gewöhnlichen Berufs- und
Lebensverhältnissen, dem psychischen Eindruck des weiten Meeres und
seiner prachtvollen, wechselnden Farben und Formen, dem Eindruck des
Lichtes auf das Auge und das Nervensystem, der Reinheit der Luft von
fremdartigen Bestandtheilen, ist es insonderheit der bedeutende
Wassergehalt derselben, so wie der sehr wahrscheinliche grössere
Reichthum an "strömender Electricität", welche theils in noch
unbekannter Weise, theils aber sicher durch einen direct anregenden
Einfluss auf das Nervensystem, jene Wirkungen hervorbringen. Dies sind
Verhältnisse die sich in ihrer naturgemässen Grösse nicht durch die
Kunst nachahmen lassen, Verhältnisse, denen wir einzig und allein auf
dem Meere begegnen, und deshalb wird auch die Seeluft stets als ein in
seiner Art einziges Agens dastehen.--
Aber wir sahen oben, dass der Einfluss, den die Luft ausübt, in gewisser
Beziehung noch auf das Doppelte etwa erhöht wird, wenn täglich
gleichzeitig ein Seebad genommen wird. Fragen wir also auch hier noch
nach dem Wie? oder Warum? der Wirkung.--Unter allen Schriftstellern hat
sich Mühry mit dieser Frage am gründlichsten beschäftigt; er hat
namentlich die Verschiedenheit der Wirkung des Seebades und des kalten
Flussbades in einer vergleichenden Darstellung hervorzuheben gesucht.
Diese Darstellung ist recht gelungen, und die Momente, die er als die
wichtigsten bezeichnet, müssen auch wir als solche anerkennen.--
Zunächst ist des ~Shocks~ zu gedenken, den das Eintauchen in das kalte
Wasser verursacht. Dass darin ein das Nervensystem excitirendes Moment
liegt, wird Niemand in Abrede stellen wollen; die überall wahrgenommene
Pulsbeschleunigung im Bade selbst liefert einen Beweis dafür.--Die
kalten Begiessungen, welche wir hie und da in Anwendung bringen, haben
denselben Zweck und dieselbe Wirkung, und Mühry hat sicher Recht, wenn
er in dieser Beziehung keinen Unterschied zwischen Flussbad und Seebad
von gleicher Temperatur statuirt.--Jedes das Nervensystem excitirende
Moment übt aber auch einen beschleunigenden Einfluss auf den
Stoffwechsel aus und der Shock, den das Eintauchen in's Wasser
herbeiführt, trägt somit sicher zur allgemeinen Wirkung des Bades
bei.--Nach Ueberwindung dieses ersten Actes ist der Badende drei andern
Einflüssen ausgesetzt: dem Einfluss des stark salzhaltigen Wassers, dem
Wellenschlage, und, wie mehre Badeärzte so treffend sich ausdrücken,
einem "Kampfe mit den Wellen", der jede Ruhe unmöglich macht.--Ueber
die ~Einwirkung des Salzwassers~ als solchen, habe ich schon oben (pag.
65) gesprochen; es ist sicher durch seine Einwirkung auf die Haut und
alle ihr zugehörigen Gebilde, insonderheit die Nerven, es ist ferner
durch die wahrscheinliche Einleitung eines Diffusionsstromes mit
peripherischer Richtung nicht ohne Bedeutung. Diese Wirkung, die sich
nach dem Bade insonderheit durch eine gesteigerte Hautthätigkeit
ausspricht, wird aber noch beträchtlich unterstützt durch den
~Wellenschlag~, der als ein mächtiges Reizmittel der Hautnerven genannt
zu werden verdient. Wer nicht zaghaft am flachen Strande in den kleinen
schäumenden Spritzwellen seine Badezeit zubringt, sondern sich tüchtig
die Wellen hat auf Rücken und Kopf schlagen lassen, der wird durch die
Kraft eines solchen Schlagens nicht selten in Erstaunen gesetzt sein und
gefühlt haben, dass er Nerven besitzt. Trifft die Welle scharf zu, eben
in dem Augenblick wo sie sich überschlägt, so kann sich die Empfindung
des Schlages selbst zum Schmerz steigern, und eine solche Anregung, die
zunächst die Hautnerven, dann aber sicher auch das Rückenmark afficirt,
kann nicht ohne Wirkung auf den Stoffwechsel selbst bleiben. Die
nachherige bedeutende Thätigkeit der Haut erklärt sich daraus in
ungezwungener Weise.--In dieser Beziehung bedarf es keines weitern
Einflusses, um die ganze Wirkung hervorzurufen; für die Beschleunigung
des Stoffwechsels im Innern der Organe kommt aber noch ein drittes
Moment hinzu--, ich meine den schon erwähnten ~Kampf mit den
Wellen~.--Wenn der Wellenschlag fehlt und die See sich ruhig nur
kräuselt, so hört man in der Regel eine allgemeine Klage über "ein
schlechtes Bad", und darin liegt etwas Wahres. Es fehlt einem Bade in
dem ruhigen Wasser jene excitirende Wirkung die der Wellenschlag
erzeugt, der, je kräftiger er ist, in der Regel auch um so freudiger von
den Badenden begrüsst wird. Dringt eine Welle der andern nach, kommt der
Badende kaum zur Besinnung, wird er bald durch die Wellen nach vorn
geworfen und verliert er bald wieder seinen festen Stand durch die
rückfliessende Fluth, so entsteht dadurch eine allgemeine Aufregung des
Nervensystems, eine Anspannung der Aufmerksamkeit, die nicht geringer
ist, als wenn man irgend eine Gefahr zu überstehen hat, nur dass sich
ihr hier das Bewusstsein der Gefahrlosigkeit beimischt.--Solche mehr
psychische, als somatische Eindrücke verfehlen aber nie ihre Wirkung auf
die materiellen Vorgänge im Organismus, und das Resultat derselben
spricht sich wieder in einer Beschleunigung des Stoffwechsels aus.--In
diesen wenigen Momenten liegt es und muss es begründet liegen, dass der
Körper des Badenden mehr stickstoffhaltige Substanzen verarbeitet, als
der des Nichtbadenden; es muss hierin die gesteigerte Ausscheidung des
Harnstoffs, der Harnsäure, der Schwefelsäure u. s. w. begründet
liegen.--Aber auch ein zweites Moment darf nicht unberücksichtigt
bleiben. Wenn Kraftverbrauch auch Kraft erzeugt, so kann das allerdings
immer zum Theil durch die Einwirkung des gesteigerten Stoffwechsels auf
die Körperbestandtheile bedingt sein; nur gesundes Blut giebt den Nerven
das, was wir Kraft nennen, nur ein geregelter Stoffwechsel erhält das
Blut gesund; aber wie der gebrauchte Muskel in seiner Ernährung einen
Zuwachs erfährt, so wird auch der thätige Nerv durch Thätigkeit in uns
noch unbekannter Weise an Energie, an Ausdauer, an Widerstandsfähigkeit
gewinnen, und wenn das Bad durch seinen Shock, seinen Wellenschlag,
seine Unruhe alltäglich das gesammte Nervensystem mehr oder weniger in
Thätigkeit versetzt, so mag darin auch ein nicht geringer Hebel zur
allgemeinen Kraftsteigerung und Erhöhung der Widerstandsfähigkeit
liegen. Auf der Einwirkung des Bades auf das Nervensystem und
insonderheit die Centraltheile desselben (Rückenmark) beruht auch sonder
Zweifel sein bedeutender Einfluss auf die Unterleibsfunctionen; der
Erregung des Rückenmarks und des Sympathicus sind die vermehrten
Darmentleerungen, die gesteigerte Gallenexcretion, das frühere
Erscheinen oder der Wiedereintritt cessirender Menses zuzuschreiben, und
wenn man vom Seebade sagt, dass es auch auf die Thätigkeit der
Geschlechtsorgane nicht ohne anregenden Einfluss sei, wenn man nicht
selten der Erscheinung öfterer Pollutionen begegnet, so hat auch das
seinen Grund sicher in keiner andern Quelle.--Von einigen Patienten, die
an Hypochondrie und Unterleibsstockungen litten, wurde ich mehrmals
wegen eines nach dem Baden eingetretenen Schmerzes in der Lumbargegend
consultirt. Ich habe sie auf die Einwirkung des Bades auf die
Hervorrufung hämorrhoidaler Congestion verwiesen, und mich erinnert an
die Mittheilung mehrer Badeärzte, dass das Bad geradezu Haemorrhoiden in
Fluss gebracht, d. h. Blutentleerungen per anum herbei geführt habe. Die
Schmerzen schwanden bei bethätigter Darmentleerung alsbald, und die
Furcht der Patienten vor Rückenmarksleiden verschwand mit ihnen.
Ich darf es nicht unerwähnt lassen, das ich in allen Erscheinungen,
deren Hervortreten dem Bade selbst zugeschrieben werden muss, eine
gewisse Regelmässigkeit nicht zu entdecken vermochte und meine
Untersuchungen weisen nach, dass von bestimmten kritischen
Erscheinungen, wie sie Mühry haben will, und von einer darnach
eintretenden "tonisirenden Wirkungsperiode", kaum die Rede sein
kann.--Der vermehrte Stoffwechsel führt allerdings anfangs nach oben
gegebener Erklärung zur Fatigue, und dieselbe lässt nach, wenn der
Organismus sich an grössere Einnahmen und Ausgaben gewöhnt hat, das
Gefühl gehobener Kraft wird selten ausbleiben.--Wir erkennen aber aus
den obigen Untersuchungen, dass die Wirkungen des Bades bis zu Ende der
Badezeit gleichmässig anhielten; und erscheinen bei diesem oder jenem
Patienten Sedimente im Urin, abnorme Entleerungen per rectum u. s. w.,
so möchte ich diese einzelnen Erscheinungen nicht als Krisen bezeichnen,
sondern in etwaigen Excessen in der Diät, in starken Wasserverlusten
durch die Haut und damit sehr verringerter Quantität des Urins die
Ursachen suchen. Will man von einer Krise sprechen, so muss man die
ganze Badezeit als eine kritische bezeichnen.--
Ich denke nicht, dass es nach den vorstehenden Bemerkungen über das Wie?
der Wirkung des Bades noch nothwendig sein wird, auf "mittheilbare
lebendige Kräfte" des Seewassers, wie sie u. A. Chemnitz annimmt, zu
recurriren. Es sind das Kräfte, von denen Niemand etwas gesehen hat und
weiss, und weshalb zu solchen greifen, wenn die einfachen Thatsachen so
hinreichende Erklärung bieten?--
Doch es ist nicht meine Absicht weiter auf eine Kritik bisheriger
Leistungen einzugehen; ich halte mich auch fern davon, die in einzelnen
Fällen zur Beobachtung kommenden Erscheinungen zu beurtheilen und zu
erklären. Es gehört dazu eine langjährige Erfahrung im Seebade selbst,
und es ist Sache der dortigen Aerzte, zu prüfen, ob sich die hier
niedergelegten Beobachtungen über die allgemeine Wirkung des Seebades
und der Seeluft mit allen Wahrnehmungen an Kranken und Gesunden auf der
Insel vereinigen lassen.--Ob aber jene allgemeine Wirkung richtig
erkannt und aufgefasst ist, darüber lässt sich nur dann richten,
wenn den mitgetheilten Thatsachen gleichartige Untersuchungen
gegenübergestellt werden.--
Druck der Universitäts-Buchdruckerei von E. A. ~Huth~ in Göttingen.
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" 62: 2. " v. o. " "3-4 Mal" für "2/3 - 3/4"
" 115: 5. " v. o. " "gewisses" für "grosses"
" 116: 15. " v. o. " "Quantitäten" für "Qualitäten"
" 119: 2. " v. u. " "Respirabilität" für "Respiralität"
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|* S. 2: 'enthalten nur da etwas Positives': 'da' eingefügt, nicht |
| lesbar im Buch. |
|* S. 32: 'welche unmittelbar dem Gebrauche des Seebades vorauf- |
| gingen' geändert in 'welche unmittelbar dem Gebrauche des See- |
| bades vorausgingen'. |
|* S. 50: die zweite '17. Juli' ist in '18. Juli' geändert worden. |
|* Die 'Sinnstörende Druckfehler' am Ende des Textes sind schon in |
| diesem e-Text korrigiert worden. |
| |
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