Melanie war nach Empfang dieser Zeilen in einer Aufregung, die sie
weder verbergen konnte noch wollte. So fand sie Rubehn und geriet in
wirkliche Sorge, weil er aus Erfahrung wußte, daß solchen Überreizungen
immer ein Rückschlag und solchen hochgespannten Erwartungen immer
eine Enttäuschung zu folgen pflegt. Er suchte sie zu zerstreuen und
abzuziehen, und war endlich froh, als der andere Morgen da war.
Es war ein klarer Tag und eine milde Luft, und nur ein paar weiße
Wölkchen schwammen oben im Blau. Melanie verließ das Haus noch vor der
verabredeten Stunde, um ihren Weg nach der Alsenstraße hin anzutreten.
Ach, wie wohl ihr diese Luft tat! Und sie blieb öfters stehen, um
sie begierig einzusaugen und sich an den stillen Bildern erwachenden
Lebens und einer hier und da schon knospenden Natur zu freuen. Alle
Hecken zeigten einen grünen Saum und an den geharkten Stellen, wo man
das abgefallene Laub an die Seite gekehrt hatte, keimten bereits die
grünen Blättchen des Gundermann und einmal war es ihr, als schöss'
eine Schwalbe mit schrillem aber heiterem Ton an ihr vorüber. Und so
passierte sie den Tiergarten in seiner ganzen Breite, bis sie zuletzt
den kleinen, der Alsenstraße unmittelbar vorgelegenen Platz erreicht
hatte, den sie den »kleinen Königsplatz« nennen. Hier setzte sie sich
auf eine Bank und fächelte sich mit ihrem Tuch und hörte deutlich, wie
ihr das Herz schlug.
»In welche Wirrnis geraten wir, sowie wir die Straße des Hergebrachten
verlassen und abweichen von Regel und Gesetz. Es nutzt uns nichts,
daß wir uns selber freisprechen. Die Welt ist doch stärker als wir und
besiegt uns schließlich in unserem eigenen Herzen. Ich glaubte recht
zu tun, als ich ohne Blick und Abschied von meinen Kindern ging, ich
wollte kein Rührspiel; entweder oder dacht' ich. Und ich glaub' auch
noch, daß ich recht gedacht habe. Aber was hilft es mir? Was ist das
Ende? Eine Mutter, die sich vor ihren Kindern fürchtet.«
Dies Wort richtete sie wieder auf. Ein trotziger Stolz, der neben aller
Weichheit in ihrer Natur lag, regte sich wieder und sie ging rasch auf
das Gryczinskische Haus zu.
Die Portiersleute, Mann und Frau, und zwei halberwachsene Töchter,
mußten schon auf dem Hintertreppenwege von dem bevorstehenden
Ereignisse gehört haben, denn sie hatten sich in die halbgeöffnete
Souterraintür postiert und guckten einander über die Köpfe fort.
Melanie sah es und sagte vor sich hin: »~A nine days wonder!~ Ich bin
eine Sehenswürdigkeit geworden. Es war mir immer das schrecklichste.«
Und nun stieg sie hinauf und klingelte. Riekchen war schon da, die
Schwestern küßten sich und sagten sich Freundlichkeiten über ihr
gegenseitiges Aussehen. Und alles verriet Aufregung und Freude.
Das Wohn- und Empfangszimmer, in das man jetzt eintrat, war ein
großer und luftiger, aber im Verhältnis zu seiner Tiefe nur schmaler
Raum, dessen zwei große Fenster (ohne Pfeiler dazwischen) einen
nischenartigen Ausbau bildeten. Etwas Feierliches herrschte vor, und
die roten, von beiden Seiten her halb zugezogenen Gardinen gaben
ein gedämpftes, wundervolles Licht, das auf den weißen Tapeten
reflektierte. Nach hinten zu, der Fensternische gegenüber, bemerkte man
eine hohe Tür, die nach dem dahinter gelegenen Eßzimmer führte.
Melanie nahm auf einem kleinen Sofa neben dem Fenster Platz, die beiden
anderen Damen mit ihr, und Jakobine versuchte nach ihrer Art eine
Plauderei. Denn sie war ohne jede tiefere Bewegung und betrachtete
das Ganze vom Standpunkt einer dramatischen Matinee. Riekchen aber,
die wohl wahrnahm, daß die Blicke Melanies immer nur nach der +einen+
Stelle hin gerichtet waren, unterbrach endlich das Gespräch und sagte:
»Laß Binchen. Ich werde sie nun holen.«
Eine peinliche Stille trat ein, Jakobine wußte nichts mehr zu sagen
und war herzlich froh, als eben jetzt vom Platze her die Musik eines
vorüberziehenden Garderegiments hörbar wurde. Sie stand auf, stellte
sich zwischen die Gardinen, und sah nach rechts hinaus ... »es sind die
Ulanen,« sagte sie. »Willst du nicht auch ...« Aber ehe sie noch ihren
Satz beenden konnte, ging die große Flügeltür auf und Riekchen, mit den
beiden Kindern an der Hand, trat ein.
Die Musik draußen verklang.
Melanie hatte sich rasch erhoben und war den verwundert und beinah
erschrocken dastehenden Kindern entgegengegangen. Als sie aber sah,
daß Lydia einen Schritt zurück trat, blieb auch +sie+ stehen und ein
Gefühl ungeheurer Angst überkam sie. Nur mit Mühe brachte sie die Worte
heraus: »Heth, mein süßer, kleiner Liebling ... Komm ... Kennst du
deine Mutter nicht mehr?«
Und ihre ganze Kraft zusammen nehmend, hatte sie sich bis dicht an die
Türe vorbewegt und bückte sich, um Heth mit beiden Händen in die Höhe
zu heben. Aber Lydia warf ihr einen Blick bitteren Hasses zu, riß das
Kind am Achselbande zurück und sagte: »Wir haben keine Mutter mehr.«
Und dabei zog und zwang sie die halb widerstrebende Kleine mit sich
fort und zu der halb offen gebliebenen Tür hinaus.
Melanie war ohnmächtig zusammengesunken.
Eine halbe Stunde später hatte sie sich so weit wieder erholt, daß sie
zurückfahren konnte. Jede Begleitung war von ihr abgelehnt worden.
Riekchens Weisheiten und Jakobinens Albernheiten mußten ihr in ihrer
Stimmung gleich unerträglich erscheinen.
Als sie fort war, sagte Jakobine zu Riekchen: »Es hat doch einen
rechten Eindruck auf mich gemacht. Und Gryczinski darf gar nichts davon
erfahren. Er ist ohnehin gegen Kinder. Und er würde mir doch nur sagen:
›Da siehst du, was dabei heraus kommt. Undank und Unnatur.‹«
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