Weihnachten

Die nächsten Tage, die viel Besuch brachten, stellten den unbefangenen

Ton früherer Wochen anscheinend wieder her, und was von Befangenheit

blieb, wurde, die Freundin abgerechnet, von niemandem bemerkt, am

wenigsten von Van der Straaten, der mehr denn je seinen kleinen und

großen Eitelkeiten nachhing.

Und so näherte sich der Herbst und der Park wurde schöner, je mehr sich

seine Blätter färbten, bis gegen Ende September der Zeitpunkt wieder da

war, der, nach altem Herkommen, dem Aufenthalt in der Villa draußen ein

Ende machte.

Schon in den unmittelbar voraufgehenden Tagen war Rubehn nicht

mehr erschienen, weil allernächstliegende Pflichten ihn an die

Stadt gefesselt hatten. Ein jüngerer Bruder von ihm, von einem

alten Prokuristen des Hauses begleitet, war zu rascher Etablierung

des Zweiggeschäfts herübergekommen, und ihren gemeinschaftlichen

Anstrengungen gelang es denn auch wirklich, in den ersten Oktobertagen

eine Filiale des großen Frankfurter Bankhauses ins Leben zu rufen.

Van der Straaten nahm an all diesen Hergängen den größten Anteil und

sah es als ein gutes Zeichen und eine Gewähr geschäftskundiger Leitung

an, daß Rubehns Besuche seltener wurden und in den Novemberwochen

beinahe ganz aufhörten. In der Tat erschien unser neuer »Filialchef«,

wie der Kommerzienrat ihn zu nennen beliebte, nur noch an den kleinen

und kleinsten Gesellschaftstagen, und hätte wohl auch an diesen am

liebsten gefehlt. Denn es konnt' ihm nicht entgehen, und entging ihm

auch wirklich nicht, daß ihm von Reiff und Duquede, ganz besonders

aber von Gryczinski, mit einer vornehm ablehnenden Kühle begegnet

wurde. Die schöne Jacobine suchte freilich durch halbverstohlene

Freundlichkeiten alles wieder ins gleiche zu bringen und beschwor ihn,

ihres Schwagers Haus doch nicht ganz zu vernachlässigen, um ihretwillen

nicht und um Melanies willen nicht, aber jedesmal, wenn sie den Namen

nannte, schlug sie doch verlegen die Augen nieder und brach rasch und

ängstlich ab, weil ihr Gryczinski sehr bestimmte Weisungen gegeben

hatte, jedwedes Gespräch mit Rubehn entweder ganz zu vermeiden oder

doch auf wenige Worte zu beschränken.

Um vieles heiterer gestalteten sich die kleinen Reunions, wenn

die Gryczinskis fehlten und statt ihrer bloß die beiden Maler und

Fräulein Anastasia zugegen waren. Dann wurde wieder gescherzt und

gelacht, wie damals in dem Stralauer Kaffeehaus, und Van der Straaten,

der mittlerweile von Besuchen, sogar von häufigen Besuchen gehört

hatte, die Rubehn in Anastasias Wohnung gemacht haben solle, hing in

Ausnutzung dieser ihm hinterbrachten Tatsache seiner alten Neigung

nach, alle dabei Beteiligten ins Komische zu ziehen und zum Gegenstande

seiner Schraubereien zu machen. Er sähe nicht ein, wenigstens für

seine Person nicht, warum er sich eines reinen und auf musikalischer

Glaubenseinigkeit aufgebauten Verhältnisses nicht aufrichtig freuen

solle, ja die Freude darüber würd' ihm einfach als Pflicht erscheinen,

wenn er nicht andererseits den alten Satz wieder bewahrheitet fände,

daß jedes neue Recht immer nur unter Kränkung alter Rechte geboren

werden könne. Das neue Recht (wie der Fall hier läge) sei durch

seinen Freund Rubehn, das alte Recht durch seinen Freund Elimar

vertreten, und wenn er diesem letzteren auch gerne zugestehe, daß er

in vielen Stücken er selbst geblieben, ja bei Tische sogar als eine

Potenzierung seiner selbst zu erachten sei, so läge doch gerade hierin

die nicht wegzuleugnende Gefahr. Denn er wisse wohl, daß dieses Plus

an Verzehrung einen furchtbaren Gleichschritt mit Elimars innerem

verzehrenden Feuer halte. Wes Namens aber dieses Feuer sei, ob Liebe,

Haß oder Eifersucht, das wisse nur +der+, der in den Abgrund sieht.

In dieser Weise zischten und platzten die reichlich umhergeworfenen Van

der Straatenschen Schwärmer, von deren Sprühfunken sonderbarerweise

diejenigen am wenigsten berührt wurden, auf die sie berechnet waren.

Es lag eben alles anders, als der kommerzienrätliche Feuerwerker

annahm. Elimar, der sich auf der Stralauer Partie weit über Wunsch

und Willen hinaus engagiert hatte, hatte durch Rubehns anscheinende

Rivalität eine Freiheit wiedergewonnen, an der ihm viel, viel mehr als

an Anastasias Liebe gelegen war, und diese selbst wiederum vergaß ihr

eigenes, offenbar im Niedergange begriffenes Glück in dem Wonnegefühl,

ein anderes hochinteressantes Verhältnis unter ihren Augen und ihrem

Schutze heranwachsen zu sehen. Sie schwelgte mit jedem Tage mehr in

der Rolle der Konfidenten und, weit über das gewöhnliche Maß hinaus

mit dem alten Evahange nach dem Heimlichen und Verbotenen ausgerüstet,

zählte sie diese Winterwochen nicht nur zu den angeregtesten ihres an

Anregungen so reichen Lebens, sondern erfreute sich nebenher auch noch

des unbeschreiblichen Vergnügens, den ihr ~au fond~ unbequemen und

widerstrebenden Van der Straaten gerade +dann+ am herzlichsten belachen

zu können, wenn dieser sich in seiner Sultanslaune gemüßigt fühlte,

+sie+ zum Gegenstand allgemeiner und natürlich auch seiner eigenen

Lachlust zu machen.

In der Tat, unser kommerzienrätlicher Freund hätte bei mehr

Aufmerksamkeit und weniger Eigenliebe stutzig werden und über das

Lächeln und den Gleichmut Anastasias den eigenen Gleichmut verlieren

müssen; er gab sich aber umgekehrt einer Vertrauensseligkeit hin, für

die, bei seinem sonst soupçonnösen und pessimistischen Charakter, jeder

Schlüssel gefehlt haben würde, wenn er nicht unter Umständen, und auch

jetzt wieder, der Mann völlig entgegengesetzter Voreingenommenheiten

gewesen wäre. In seiner Scharfsicht oft übersichtig und Dinge sehend,

die gar nicht da waren, übersah er ebensooft andere, die klar zutage

lagen. Er stand in der abergläubischen Furcht, in seinem Glücke von

einem vernichtenden Schlage bedroht zu sein, aber nicht heut und nicht

morgen, und je bestimmter und unausbleiblicher er diesen Schlag von

der Zukunft erwartete, desto sicherer und sorgloser erschien ihm die

Gegenwart. Und am wenigsten sah er sich von +der+ Seite her gefährdet,

von der aus die Gefahr so nahe lag und von jedem andern erkannt worden

wäre. Doch auch hier wiederum stand er im Bann einer vorgefaßten

Meinung und zwar eines künstlich konstruierten Rubehn, der mit dem

wirklichen eine ganz oberflächliche Verwandtschaft, aber in der Tat

auch nur +diese+ hatte. Was sah er in ihm? Nichts als ein Frankfurter

Patrizierkind, eine ganz und gar auf Anstand und Hausehre gestellte

Natur, die zwar in jugendliche Torheiten verfallen, aber einen

Vertrauens- und Hausfriedensbruch nie und nimmer begehen könne. Zum

Überflusse war er verlobt und um so verlobter, je mehr er es bestritt.

Und abends beim Tee, wenn Anastasia zugegen und das Verlobungsthema

mal wieder an der Reihe war, hieß es vertraulich und gut gelaunt:

»Ihr Weiber hört ja das Gras wachsen und nun gar erst +das+ Gras!

Ich wäre doch neugierig zu hören, an wen er sich vertan hat. Eine

Vermutung hab' ich und wette zehn gegen eins, an eine Freiin vom

deutschen Uradel, etwa Schreck von Schreckenstein oder Sattler von der

Hölle.« Und dann widersprachen beide Damen, aber doch so klug und so

vorsichtig, daß ihr Widerspruch, anstatt irgend etwas zu beweisen, eben

nur dazu diente, Van der Straaten in seiner vorgefaßten Meinung immer

fester zu machen.

Und so kam Heiligabend und im ersten Saale der Bildergalerie waren

all unsre Freunde, mit Ausnahme Rubehns, um den brennenden Baum her

versammelt. Elimar und Gabler hatten es sich nicht nehmen lassen,

auch ihrerseits zu der reichen Bescherung beizusteuern: ein riesiges

Puppenhaus, drei Stock hoch, und im Souterrain eine Waschküche mit Herd

und Kessel und Rolle. Und zwar eine altmodische Rolle mit Steinkasten

und Mangelholz. Und sie rollte wirklich. Und es unterlag alsbald keinem

Zweifel, daß das Puppenhaus den Triumph des Abends bildete, und beide

Kinder waren selig. Sogar Lydia tat ihre Vornehmheitsallüren beiseit

und ließ sich von Elimar in die Luft werfen und wieder fangen. Denn er

war auch Turner und Akrobat. Und selbst Melanie lachte mit und schien

sich des Glücks der andern zu freuen oder es gar zu teilen. Wer aber

schärfer zugesehen hätte, der hätte wohl wahrgenommen, daß sie sich

bezwang, und mitunter war es, als habe sie geweint. Etwas unendlich

Weiches und Wehmütiges lag in dem Ausdruck ihrer Augen, und der

Polizeirat sagte zu Duquede: »Sehen Sie, Freund, ist sie nicht schöner

denn je?«

»Blaß und angegriffen,« sagte dieser. »Es gibt Leute, die blaß

und angegriffen immer schön finden. Ich nicht. Sie wird überhaupt

überschätzt, in allem, und am meisten in ihrer Schönheit.«

An den Aufbau schloß sich wie gewöhnlich ein Souper und man endete mit

einem schwedischen Punsch. Alles war heiter und guter Dinge. Melanie

belebte sich wieder, gewann auch wieder frischere Farben, und als sie

Riekchen und Anastasia, die bis zuletzt geblieben waren, bis an die

Treppe geleitete, rief sie dem kleinen Fräulein mit ihrer freundlichen

und herzgewinnenden Stimme nach: »Und sieh dich vor, Riekchen. Christel

sagt mir eben, es glatteist.« Und dabei bückte sie sich über das

Geländer und grüßte mit der Hand.

»O, ich falle nicht,« rief die Kleine zurück. »Kleine Leute fallen

überhaupt nicht. Und am wenigsten, wenn sie vorn und hinten gut

balancieren.«

Aber Melanie hörte nichts mehr von dem, was Riekchen sagte. Der

Blick über das Geländer hatte sie schwindlig gemacht, und sie wäre

gefallen, wenn sie nicht Van der Straaten aufgefangen und in ihr Zimmer

zurückgetragen hätte. Er wollte klingeln und nach dem Arzte schicken.

Aber sie bat ihn, es zu lassen. Es sei nichts, oder doch nichts

Ernstes, oder doch nichts, wobei der Arzt ihr helfen könne.

Und dann sagte sie, was es sei.

14

L'Adultera: Roman · 第 18 / 36 题