Löbbekes Kaffeehaus

Vor Löbbekes Kaffeehaus hatte sich innerhalb der letzten zwei Stunden

nichts verändert, mit alleiniger Ausnahme der Sperlinge, die jetzt,

statt auf dem Straßendamm, in den verschnittenen Linden saßen und

quirilierten. Aber niemand achtete dieser Musik, am wenigsten Van der

Straaten, der eben Melanies Arm in den Elimars gelegt und sich selbst

an die Spitze des Zuges gesetzt hatte. »~Attention!~« rief er und

bückte sich, um sich ohne Fährlichkeit durch das niedrige Türjoch

hindurchzuzwängen.

Und alles folgte seinem Rat und Beispiel.

Drinnen waren ein paar absteigende Stufen, weil der Flur um ein

erhebliches niedriger lag, als die Straße draußen, weshalb denn auch

den Eintretenden eine dumpfe Kellerluft entgegenkam, von der es schwer

zu sagen war, ob sie durch ihren biersäuerlichen Gehalt mehr gewann

oder verlor. In der Mitte des Flurs sah man nach rechts hin eine Nische

mit Herd und Rauchfang, einer kleinen Schiffsküche nicht unähnlich,

während von links her ein Schanktisch um mehrere Fuß vorsprang.

Dahinter ein sogenanntes »Schapp«, in dem oben Teller und Tassen und

unten allerhand ausgebuchtete Likörflaschen standen. Zwischen Tisch

und Schapp aber thronte die Herrin dieser Dominien, eine große, starke

Blondine von Mitte dreißig, die man ohne weiteres als eine Schönheit

hätte hinnehmen müssen, wenn nicht ihre Augen gewesen wären. Und

doch waren es eigentlich schöne Augen, an denen in Wahrheit nichts

auszusetzen war, als daß sie sich daran gewöhnt hatten, alle Männer

in zwei Klassen zu teilen, in solche, denen sie zuzwinkerten: »wir

treffen uns noch« und in solche, denen sie spöttisch nachriefen: »wir

kennen euch besser.« Alles aber, was in diese zwei Klassen +nicht+

hineinpaßte, war nur Gegenstand für Mitleid und Achselzucken.

Es muß leider gesagt werden, daß auch Van der Straaten von diesem

Achselzucken betroffen wurde. Nicht seiner Jahre halber, im Gegenteil,

sie wußte Jahre zu schätzen, nein, einzig und allein weil er von alter

Zeit her die Schwäche hatte, sich ~à tout prix~ populär machen zu

wollen. Und das war der Blondine das verächtlichste von allem.

Am Ausgange des Flurs zeigte sich eine noch niedrigere Hoftür und

dahinter kam ein Garten, drin, um kümmerliche Bäume herum, ein

Dutzend grüngestrichene Tische mit schrägangelehnten Stühlen von

derselben Farbe standen. Rechts lief eine Kegelbahn, deren vorderstes

unsichtbares Stück sehr wahrscheinlich bis an die Straße reichte.

Van der Straaten wies ironischen Tons auf all diese Herrlichkeiten

hin, verbreitete sich über die Vorzüge anspruchslos gebliebener

Nationalitäten und stieg dann eine kleine Schrägung nieder, die, von

dem Sommergarten aus, auf einen großen, am Spreeufer sich hinziehenden

und nach Art eines Treibhauses angelegten Glasbalkon führte. An einer

der offenen Stellen desselben rückte die Gesellschaft zwei, drei Tische

zusammen und hatte nun einen schmalen, zerbrechlichen Wassersteg und

links davon ein festgeankertes, aber schon dem Nachbarhause zugehöriges

Floß vor sich, an das die kleinen Spreedampfer anzulegen pflegten.

Rubehn erhielt ohne weiteres den besten Platz angewiesen, um als

Fremder den Blick auf die Stadt frei zu haben, die flußabwärts, im

rot- und golddurchglühten Dunst eines heißen Sommertages dalag. Elimar

und Gabler aber waren auf den Wassersteg hinausgetreten. Alles freute

sich des Bildes, und Van der Straaten sagte: »Sieh, Melanie. Die

Schloßkuppel. Sieht sie nicht aus wie Santa Maria Saluta?«

»Salutè,« verbesserte Melanie, mit Akzentuierung der letzten Silbe.

»Gut, gut. Also Salutè,« wiederholte Van der Straaten, indem er jetzt

auch seinerseits das e betonte. »Meinetwegen. Ich prätendiere nicht,

der alte Sprachenkardinal zu sein, dessen Namen ich vergessen habe.

~Salus salutis~, vierte Deklination, oder dritte, das genügt mir

vollkommen. Und Salutà oder Salutè macht mir keinen Unterschied.

Freilich muß ich sagen, so wenig zuverlässig die lieben Italiener

in allem sind, so wenig sind sie's auch in ihren Endsilben. Mal a

mal e. Aber lassen wir die Sprachstudien und studieren wir lieber

die Speisekarte. Die Speisekarte, die hier natürlich von Mund zu

Mund vermittelt wird, eine Tatsache, bei der ich mich jeder blonden

Erinnerung entschlage. Nicht wahr, Anastasia? He?«

»Der Herr Kommerzienrat belieben zu scherzen,« antwortete Anastasia

pikiert. »Ich glaube nicht, daß sich eine Speisekarte von Mund zu Mund

vermitteln läßt.«

»Es käm' auf einen Versuch an, und ich für meinen Teil wollte mich zu

Lösung der Aufgabe verpflichten. Aber erst wenn Luna herauf ist und ihr

Antlitz wieder keusch hinter Wolkenschleiern birgt. Bis dahin muß es

bleiben und bis dahin sei Friede zwischen uns. Und nun, Arnold, ernenn'

ich dich, in deiner Eigenschaft als Gabler, zum Erbküchenmeister und

lege vertrauensvoll unser leibliches Wohl in deine Hände.«

»Was ich dankbarst akzeptiere,« bemerkte dieser, »immer vorausgesetzt,

daß du mir, um mit unsrem leider abwesenden Freunde Gryczinski zu

sprechen, einige Direktiven erteilen willst.«

»Gerne, gerne,« sagte Van der Straaten.

»Nun denn, so beginne.«

»Gut. So proponier' ich Aal und Gurkensalat ... Zugestanden?«

»Ja,« stimmte der Chorus ein.

»Und danach Hühnchen und neue Kartoffeln ... Zugestanden?«

»Ja.«

»Bliebe nur noch die Frage des Getränks. Unter Umständen wichtig

genug. Ich hätte der Lösung derselben, mit Unterstützung Ehms

und unsres Wagenkastens, vorgreifen können, aber ich verabscheue

Landpartien mit mitgeschlepptem Weinkeller. Erstens kränkt man die

Leute, bei denen man doch gewissermaßen immer noch zu Gaste geht, und

zweitens bleibt man in dem Kreise des Althergebrachten, aus dem man

ja gerade heraus will. Wozu macht man Partien? Wozu? frag' ich. Nicht

um es besser zu haben, sondern um es anders zu haben, um die Sitten

und Gewohnheiten anderer Menschen und nebenher auch die Lokalspenden

ihrer Dorf- und Gauschaften kennen zu lernen. Und da wir hier nicht im

Lande Kanaan weilen, wo Kaleb die große Traube trug, so stimm' ich für

das landesübliche Produkt dieser Gegenden, für eine kühle Blonde. Kein

Geld kein Schweizer; keine Weiße kein Stralow. Ich wette, daß selbst

Gryczinski nie bessere Richtschnuren gegeben hat. Und nun geh' Arnold.

Und für Anastasia einen Anisette ... Kühle Blonde! Ob wohl unsere

Blondine zwischen Tisch und Schapp in diese Kategorie fällt?«

Elimar hatte mittlerweile dem Schauspiele der untergehenden Sonne

zugesehn und auf dem gebrechlichen Wasserstege, nach Art eines

Turners, der zum Hocksprung ansetzt, seine Knie gebogen und wieder

angestrafft. Alles mechanisch und gedankenlos. Plötzlich aber, während

er noch so hin und her wippte, knackte das Brett und brach, und

nur der Geistesgegenwart, mit der er nach einem der Pfähle griff,

mocht' er es zuschreiben, daß er nicht in das gerad' an dieser

Dampfschiffanlegestelle sehr tiefe Wasser niederstürzte. Die Damen

schrien laut auf, und Anastasia zitterte noch, als der durch sich

selbst Gerettete mit einem gewissen Siegeslächeln erschien, das unter

den sich jagenden Vorwürfen von »Tollkühnheit« und »Gleichgültigkeit

gegen die Gefühle seiner Mitmenschen« eher wuchs als schwand.

Ein Zwischenfall wie dieser konnte sich natürlich nicht ereignen, ohne

von einer Fülle von Kommentaren und Hypothesen begleitet zu werden, in

denen die Wörter »wenn« und »was« die Hauptrolle spielten und endlos

wiederkehrten. +Was+ würde geschehen sein, wenn Elimar den Pfahl nicht

rechtzeitig ergriffen hätte? +Was+, wenn er trotzdem hineingefallen,

endlich +was+, wenn er nicht zufällig ein guter Schwimmer gewesen wäre?

Melanie, die längst ihr Gleichgewicht wieder gewonnen hatte,

behauptete, daß Van der Straaten unter allen Umständen hätte

nachspringen müssen, und zwar erstens als Urheber der Partie, zweitens

als resoluter Mann und drittens als Kommerzienrat, von denen, allen

historischen Aufzeichnungen nach, noch keiner ertrunken wäre. Selbst

bei der Sintflut nicht.

Van der Straaten liebte nichts mehr, als solche Neckereien seiner Frau,

verwahrte sich aber, unter Dank für das ihm zugetraute Heldentum, gegen

alle daraus zu ziehenden Konsequenzen.

Er halte weder zu der alten Firma Leander, noch zu der neuen des

Kapitän Boyton, bekenne sich vielmehr, in allem was Heroismus angehe,

ganz zu der Schule seines Freundes Heine, der, bei jeder Gelegenheit,

seiner äußersten Abneigung gegen tragische Manieren einen ehrlichen und

unumwundenen Ausdruck gegeben habe.

»Aber,« entgegnete Melanie, »tragische Manieren sind doch nun mal

gerade +das+, was wir Frauen von euch verlangen.«

»Ah, bah! Tragische Manieren!« sagte Van der Straaten. »Lustige

Manieren verlangt ihr und einen jungen Fant, der euch beim

Zwirnwickeln die Docke hält und auf ein Fußkissen niederkniet, darauf

sonderbarerweise jedesmal ein kleines Hündchen gestickt ist. Mutmaßlich

als Symbol der Treue. Und dann seufzt er, der Adorante, der betende

Knabe, und macht Augen und versichert euch seiner innigsten Teilnahme.

Denn ihr +müßtet+ unglücklich sein. Und nun wieder Seufzen und Pause.

Freilich, freilich, ihr hättet einen guten Mann (alle Männer seien

gut), aber ~enfin~, ein Mann müsse nicht bloß gut sein, ein Mann müsse

seine Frau +verstehen+. Darauf komm' es an, sonst sei die Ehe niedrig,

so niedrig, mehr als niedrig. Und dann seufzt er zum drittenmal.

Und wenn der Zwirn endlich abgewickelt ist, was natürlich solange

wie möglich dauert, so glaubt ihr es auch. Denn jede von euch ist

wenigstens für einen indischen Prinzen oder für einen Schah von Persien

geboren. Allein schon wegen der Teppiche.«

Melanie hatte während dieser echt Van der Straatenschen Expektoration

ihren Kopf gewiegt und erwiderte schnippisch und mit einem Anfluge von

Hochmut: »Ich weiß nicht, Ezel, warum du beständig von Zwirn sprichst.

Ich wickle Seide.«

Sehr wahrscheinlich, daß es dieser Bemerkung an einer spitzen Replik

nicht gefehlt hätte, wenn nicht eben jetzt eine dralle, kurzärmelige

Magd erschienen und auf Augenblicke hin der Gegenstand allgemeiner

Aufmerksamkeit geworden wäre. Schon um des virtuosen Puffs und Knalls

willen, womit sie, wie zum Debüt, ihr Tischtuch auseinanderschlug.

Und sehr bald nach ihr erschienen denn auch die dampfenden Schüsseln

und die hohen Weißbierstangen, und selbst der Anisette für Anastasia

war nicht vergessen. Aber es waren ihrer mehrere, da sich der lebens-

und gesellschaftskluge Gabler der allgemeinen Damenstellung zur

Anisette-Frage rechtzeitig erinnert hatte. Und in der Tat, er mußte

lächeln (und Van der Straaten mit ihm), als er gleich nach dem

Erscheinen des Tabletts auch Riekchen nippen und ihre Eulenaugen immer

größer und freundlicher werden sah.

Inzwischen war es dämmerig geworden und mit der Dämmerung kam die

Kühle. Gabler und Elimar erhoben sich, um aus dem Wagen eine Welt von

Decken und Tüchern heranzuschleppen, und Melanie, nachdem sie den

schwarz- und weißgestreiften Burnus umgenommen und die Kapuze kokett

in die Höhe geschlagen hatte, sah reizender aus als zuvor. Eine der

Seidenpuscheln hing ihr in die Stirn und bewegte sich hin und her, wenn

sie sprach, oder dem Gespräche der andern lebhaft folgte. Und dieses

Gespräch, das sich bis dahin medisierend um die Gryczinskis und vor

allem auch um den Polizeirat und die neue, katilinarische Verschwörung

gedreht hatte, fing endlich an sich näherliegenden und zugleich auch

harmloseren Thematas zuzuwenden, beispielsweise wie hell der »Wagen« am

Himmel stünde.

»Fast so hell wie der große Bär,« schaltete Riekchen ein, die nicht

fest in der Himmelskunde war. Und nun entsann man sich, daß dies gerade

die Sternschnuppennächte wären, auf welche Mitteilung hin Van der

Straaten nicht nur die fallenden Sterne zu zählen anfing, sondern sich

schließlich auch bis zu dem Satze steigerte, »daß alles in der Welt

eigentlich nur des Fallens wegen da sei: die Sterne, die Engel, und nur

die Frauen nicht.«

Melanie zuckte zusammen, aber niemand sah es, am wenigsten Van der

Straaten, und nachdem noch eine ganze Weile gezählt und gestritten

und der Abend inzwischen immer kälter geworden war, einigte man sich

dahin, daß es zur Bekämpfung dieser Polarzustände nur ein einzig

erdenkbares Mittel gäbe: eine Glühweinbowle. Van der Straaten selbst

machte den Vorschlag und definierte: »Glühwein ist diejenige Form des

Weines, in der der Wein nichts und das Gewürznägelchen alles bedeutet,«

auf welche Definition hin es gewagt und die Bestellung gemacht wurde.

Und siehe da, nach verhältnismäßig kurzer Zeit schon, erschien auch die

blonde Wirtin in Person, um die Bowle vorsorglich inmitten des Tisches

niederzusetzen.

Und nun nahm sie den Deckel ab und freute sich unter Lachen all

der aufrichtig dankbaren »Achs«, womit ihre Gäste den warmen und

erquicklichen Dampf einsogen. Ein reizender blonder Junge war mit ihr

gekommen und hielt sich an der Schürze der Mutter fest.

»Ihre?« fragte Van der Straaten mit verbindlicher Handbewegung.

»Na, wen sonst,« antwortete die Blondine nüchtern und suchte mit Rubehn

über den Tisch hin ein paar Blicke zu wechseln. Als es aber mißlang,

ergriff sie die blonden Locken ihres Jungen, spielte damit und sagte:

»Komm, Pauleken. Die Herrschaften sind lieber alleine.«

Elimar sah ihr betroffen nach und rieb sich die Stirn. Endlich rief er:

»Gott sei Dank, nun hab' ich's. Ich wußte doch, ich hatte sie schon

gesehn. Irgendwo. Triumphzug des Germanikus; Thusnelda, wie sie leibt

und lebt.«

»Ich kann es nicht finden,« erwiderte Van der Straaten, der ein

Piloty-Schwärmer war. »Und es stimmt auch nicht in Verhältnissen

und Leibesumfängen, immer vorausgesetzt, daß man von solchen Dingen

in Gegenwart unserer Damen sprechen darf. Aber Anastasia wird es

verzeihen, und um den Hauptunterschied noch einmal zu betonen, bei

Piloty gibt sich Thumelikus noch als ein Werdender, während wir ihn

hier bereits an der Schürze seiner Mutter hatten. An der weißesten

Schürze, die mir je vorgekommen ist. Aber sei weiß wie Schnee und

weißer noch. Ach, die Verleumdung trifft dich doch.«

Diese zwei Reimzeilen waren in einer absichtlich spöttischen

Singsangmanier von ihm gesprochen worden, und Rubehn, dem es mißfiel,

wandte sich ab und blickte nach links hin auf den von Lichtern

überblitzten Strom. Melanie sah es und das Blut schoß ihr zu Kopf,

wie nie zuvor. Ihres Gatten Art und Redeweise hatte sie, durch all

die Jahre hin, viel Hunderte von Malen in Verlegenheit gebracht, auch

wohl in bittere Verlegenheiten, aber dabei war es geblieben. Heute zum

ersten Male schämte sie sich seiner.

Van der Straaten indes bemerkte nichts von dieser Verstimmung und

klammerte sich nur immer fester an seinen Thusnelda-Stoff, in der

an und für sich ganz richtigen Erkenntnis, etwas Besseres für seine

Spezialansprüche nicht finden zu können.

»Ich frage jeden, ob dies eine Thusnelda ist? Höher hinauf, meine

Freunde. Göttin Aphrodite, die Venus dieser Gegenden, Venus

Spreavensis, frisch aus demselben Wasser gestiegen, das uns eben

erst unsern teuren Elimar zu rauben trachtete. Das Wasser rauscht,

das Wasser schwoll. Aus der Spree gestiegen, sag' ich. Aber so mich

nicht alles täuscht, haben wir hier +mehr+, meine Freunde. Wir

haben hier, wenn ich richtig beobachtet oder sagen wir, wenn ich

richtig geahnt habe, eine Vermählung von Modernem und Antikem: Venus

Spreavensis und Venus Kallipygos. Ein gewagtes Wort, ich räum' es

ein. Aber in Griechisch und Musik darf man alles sagen. Nicht wahr,

Anastasia? Nicht wahr, Elimar? Außerdem entsinn' ich mich, zu meiner

Rechtfertigung, eines wundervollen Kallipygosepigramms ... Nein, nicht

Epigramms ... Wie heißt etwas Zweizeiliges, was sich nicht reimt ...«

»Distichon.«

»Richtig. Also ich entsinne mich eines Distichons ... bah, da hab' ich

es vergessen ... Melanie, wie war es doch? Du sagtest es damals so

gut und lachtest so herzlich. Und nun hast du's auch vergessen. Oder

+willst+ du's bloß vergessen haben? ... Ich bitte dich ... Ich hasse

das ... Besinne dich. Es war etwas von Pfirsichpflaum und ich sagte

noch ›man fühl' ihn ordentlich‹. Und du fandst es auch und stimmtest

mit ein ... Aber die Gläser sind ja leer ...«

»Und ich denke, wir lassen sie leer,« sagte Melanie scharf und

wechselte die Farbe, während sie mechanisch ihren Sonnenschirm auf- und

zumachte. »Ich denke, wir lassen sie leer. Es ist ohnehin Glühwein. Und

wenn wir noch hinüber wollen, so wird es Zeit sein, +hohe+ Zeit,« und

sie betonte das Wort.

»Ich bin es zufrieden,« entgegnete Van der Straaten, aber in einem

Tone, der nur allzu deutlich erkennen ließ, daß seine gute Stimmung in

ihr Gegenteil umzuschlagen begann. »Ich bin es zufrieden und bedauere

nur, allem Anscheine nach, wieder einmal Anstoß gegeben und das adlige

Haus de Caparoux in seinen höheren Aspirationen verschnupft zu haben.

Es ist immer das alte Lied, das ich nicht gerne höre. +Wenn+ ich es

aber hören will, so lad' ich mir meinen Schwager-Major zu Tische, der

ist erster Kammerherr am Throne des Anstands und der Langenweile.

Heute fehlt er hier und ich hätte gern darauf verzichtet, ihn durch

seine Frau Schwägerin ersetzt zu sehen. Ich hasse Prüderien und jene

Prätensionen höherer Sittlichkeit, hinter denen nichts steckt. Im

günstigsten Falle nichts steckt. Ich darf das sagen und jedenfalls

+will+ ich es sagen, und was ich gesagt habe, das habe ich gesagt.«

Es antwortete niemand. Ein schwacher Versuch Gablers, wieder

einzulenken, mißlang, und in ziemlich geschäftsmäßigem, wenn auch

freilich wieder ruhiger gewordenem Tone wurden alle noch nötigen

Verabredungen zur Überfahrt nach Treptow in zwei kleinen Booten

getroffen; Ehm aber sollte, mit Benutzung der nächsten Brücke, die

Herrschaften am andern Ufer erwarten. Alles stimmte zu, mit Ausnahme

von Fräulein Riekchen, die verlegen erklärte, »daß Bootschaukeln,

von klein auf, ihr Tod gewesen sei«. Worauf sich Van der Straaten

in einem Anfalle von Ritterlichkeit erbot, mit ihr in der Glaslaube

zurückbleiben und das Anlegen des nächsten, vom »Eierhäuschen« her

erwarteten Dampfschiffes abpassen zu wollen.

10

Wohin treiben wir?

Es währte nicht lange, so steuerten von einer dunklen, etwas weiter

flußaufwärts gelegenen Uferstelle her, zwei Jollen auf das Floß zu,

jede mit einer Stocklaterne vorn an Bord. In der kleineren saß derselbe

Junge, der schon am Nachmittage die Reifen auf die Kirchhofswiese

hinausgetragen hatte, während die größere Jolle, leer und bloß

angekettet, im Fahrwasser der anderen nachschwamm. Es gab einen

hübschen Anblick, und kaum daß die beiden Fahrzeuge lagen, so stiegen

auch, vom Floß aus, die schon ungeduldig Wartenden ein: Rubehn und

Melanie in das kleinere, die beiden Maler und Anastasia in das größere

Boot, eine Verteilung, die sich wie von selber machte, weil Elimar und

Gabler gute Kahnfahrer waren und jeder anderweitigen Führung entbehren

konnten. Sie nahmen denn auch die Tete und der Junge mit der kleineren

Jolle folgte.

Van der Straaten sah ihnen eine Weile nach und sagte dann zu dem

Fräulein: »Es ist mir ganz lieb, Riekchen, daß wir zurückgeblieben sind

und auf das Dampfschiff warten müssen. Ich habe Sie schon immer fragen

wollen, wie gefällt Ihnen unser neuer Hausgenosse? Sie sprechen nicht

viel, und wer nicht viel spricht, der beobachtet gut.«

»O, er gefällt mir.«

»Und +mir+ gefällt es, Riekchen, daß er Ihnen gefällt. Nur das ›o‹

beklag' ich, denn es hebt ein gut Teil Lob wieder auf, und ›o, er

gefällt mir‹, ist eigentlich nicht viel besser, als ›o, er gefällt mir

+nicht+‹. Sie sehen, ich lasse Sie nicht wieder los. Also nur immer

tapfer mit der Sprache heraus. Warum nur o? Woran liegt es? Wo fehlt

es? Mißtrauen Sie seinen Dragonerreserveleutnants-Allüren? Ist er Ihnen

zu kavaliermäßig oder zu wenig? Ist er Ihnen zu laut oder zu still, zu

bescheiden oder zu stolz, zu warm oder zu kalt?«

»Damit möchten Sie's getroffen haben.«

»Womit?«

»Mit dem zu kalt. Ja, er ist mir zu kalt. Als ich ihn das erstemal

sah, hatt' ich einen guten Eindruck, obgleich nicht voll so gut wie

Anastasia. Natürlich nicht. Anastasia singt und ist exzentrisch und

will einen Mann haben.«

»Will jede.«

»Ich auch?« lachte die Kleine.

»Wer weiß, Riekchen.«

»... Also das erste war: er gefiel mir. Es war in der Veranda, gleich

nach dem zweiten Frühstück, wir hatten eben die blauen Milchsatten

zurückgeschoben, und es ist mir, als wär' es gestern gewesen. Da kam

der alte Teichgräber und brachte seine Karte. Und dann kam er selbst.

Nun, er hat etwas Distinguiertes und man sieht auf den ersten Blick,

daß er die kleine Not des Lebens nicht kennen gelernt hat. Und das

ist immer hübsch und das Hübsche davon soll ihm unbenommen sein. Er

hat aber auch etwas Reserviertes. Und wenn ich sage was Reserviertes,

so hab' ich noch sehr wenig gesagt. Denn Reserviertsein ist gut und

schicklich. Er übertreibt es aber. Anfangs glaubt' ich, es sei die

kleine gesellschaftliche Scheu, die jeden ziert, auch den Mann von

Welt, und er werd' es ablegen. Aber bald konnt' ich sehen, daß es nicht

Scheu war. Nein, ganz im Gegenteil. Es ist Selbstbewußtsein. Er hat

etwas amerikanisch Sicheres. Und so sicher er ist, so kalt ist er auch.«

»Ja, Riekchen, er war zu lange drüben, und drüben ist nicht der Platz,

um Bescheidenheit und warme Gefühle zu lernen.«

»Sie sind auch nicht zu lernen. Aber man kann sie leider +ver+lernen.«

»Verlernen?« lachte Van der Straaten. »Ich bitte Sie, Riekchen, er ist

ja ein Frankfurter!«

* * * * *

Während dieses Gespräch in dem Glassalon geführt wurde, steuerten die

beiden Boote der Mitte des Stromes zu. Auf dem größeren war Scherz

und Lachen, aber auf dem kleineren, das folgte, schwieg alles und

Melanie beugte sich über den Rand und ließ das Wasser durch ihre Finger

plätschern.

»Ist es immer nur das Wasser, dem Sie die Hand reichen Freundin?«

»Es kühlt. Und ich hab' es so heiß.«

»So legen Sie den Burnus ab« ... Und er erhob sich, um ihr behilflich

zu sein.

»Nein,« sagte sie heftig und abwehrend. »Mich friert.« Und er sah nun,

daß sie wirklich fröstelnd zusammenzuckte.

Und wieder fuhren sie schweigend dem andern Boote nach und horchten

auf die Lieder, die von dorther herüberklangen. Erst war es »~Long,

long ago~« und immer wenn der Refrain kam, summte Melanie die Zeile

mit. Und nun lachten sie drüben, und neue Lieder wurden intoniert und

ebenso rasch wieder verworfen, bis man sich endlich über eines geeinigt

zu haben schien. »O säh' ich auf der Heide dort.« Und wirklich, sie

hielten aus und sangen alle Strophen durch. Aber Melanie sang nicht

leise mehr mit, um nicht durch ein Zittern ihrer Stimme ihre Bewegung

zu verraten.

Und nun waren sie mitten auf dem Strom, außer Hörweite von den

Vorauffahrenden, und der Junge, der sie beide fuhr, zog mit einem Ruck

die Ruder ein und legte sich bequem ins Boot nieder und ließ es treiben.

»Er sieht auch zu den Sternen auf,« sagte Rubehn.

»Und zählt, wie viele fallen,« lachte Melanie bitter. »Aber Sie dürfen

mich nicht so verwundert ansehen, lieber Freund, als ob ich etwas

Besonderes gesagt hätte. Das ist ja, wie Sie wissen, oder wenigstens

seit +heute+ wissen müssen, der Ton unsres Hauses. Ein bißchen spitz,

ein bißchen zweideutig und immer unpassend. Ich befleißige mich der

Ausdrucksweise meines Mannes. Aber freilich ich bleibe hinter ihm

zurück. Er ist eben unerreichbar und weiß so wundervoll alles zu

treffen, was kränkt und bloßstellt und beschämt.«

»Sie dürfen sich nicht verbittern.«

»Ich verbittere mich nicht. Aber ich bin verbittert. Und weil ich

es bin und es los sein möchte, deshalb sprech' ich so. Van der

Straaten ...«

»Ist anders als andre. Aber er liebt Sie, glaub' ich ... Und er ist

gut.«

»Und er ist gut,« wiederholte Melanie heftig und in beinahe

krampfhafter Heiterkeit. »Alle Männer sind gut! ... Und nun fehlt

nur noch der Zwirnwickel und das Fußkissen mit dem Symbol der Treue

darauf, so haben wir alles wieder beisammen. O Freund, wie konnten Sie

nur +das+ sagen, und um ihn zu rechtfertigen so ganz in seinen Ton

verfallen!«

»Ich würde durch jeden Ton Anstoß gegeben haben.«

»Vielleicht ... Oder sagen wir lieber gewiß. Denn es war zu viel,

dieser ewige Hinweis auf Dinge, die nur unter vier Augen gehören,

und das kaum. Aber er kennt kein Geheimnis, weil ihm nichts des

Geheimnisses wert dünkt. Weil ihm nichts heilig ist. Und wer anders

denkt, ist scheinheilig oder lächerlich. Und das vor Ihnen ...«

Er nahm ihre Hand und fühlte, daß sie fieberte.

Die Sterne aber funkelten und spiegelten sich und tanzten um sie her,

und das Boot schaukelte leis und trieb im Strom und in Melanies Herzen

erklang es immer lauter: wohin treiben wir?

Und sieh, es war, als ob der Bootsjunge von derselben Frage beunruhigt

worden wäre, denn er sprang plötzlich auf und sah sich um, und

wahrnehmend, daß sie weit über die rechte Stelle hinaus waren, griff er

jetzt mit beiden Rudern ein und warf die Jolle nach linksherum, um so

schnell wie möglich aus der Strömung heraus und dem andern Ufer wieder

näher zu kommen. Und sieh, es gelang ihm auch, und ehe fünf Minuten um

waren, erkannte man die von zahllosen Lichtern erhellten Baumgruppen

des Treptower Parks, und Rubehn und Melanie hörten Anastasias Lachen

auf dem vorauffahrenden Boot. Und nun schwieg das Lachen und das Singen

begann wieder. Aber es war ein andres Lied und über das Wasser hin

klang es »Rothtraut, Schön-Rothtraut«, erst laut und jubelnd, bis es

schwermütig in die Worte verklang: »Schweig stille, mein Herze.«

»Schweig stille, mein Herze,« wiederholte Rubehn und sagte leise »soll

es?«

Melanie antwortete nicht. Das Boot aber lief ans Ufer, an dem Elimar

und Arnold schon in aller Dienstbeflissenheit warteten. Und gleich

darauf kam auch das Dampfschiff, und Riekchen und Van der Straaten

stiegen aus. Er heiter und gesprächig.

Und er nahm Melanies Arm und schien die Szene, die den Abend gestört

hatte, vollkommen vergessen zu haben.

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L'Adultera: Roman · 第 15 / 36 题