»Heim will ich, Herr! Ich kann doch gehen?«
»Wenn du willst. Doch wär's mir lieb, wenn du eine Weile noch bleiben
möchtest. Ich hätt eine Arbeit für dich.«
»Wohl, Herr!« sagte Wolfrat zögernd.
»Setz dich nur da her auf die Bank und warte, bis ich komme!«
Mit finsteren Augen ging der Sudmann zur Bank; man sah es ihm an, er
tat's nicht gerne; unter dem Kittel rührte er die Schultern, als wäre
ihm nicht wohl zu Mut in seiner Haut.
Zwischen den Zweigen der Fichten schlüpfte Gittli hervor und huschte in
die Jägerhütte. Haymo saß auf dem Bett. Sie flog auf ihn zu und
umschlang seine Hand. »Vergeltsgott, Haymo, Vergeltsgott tausendmal,
weil du Erbarmen gehabt hast mit ihm!«
»Hab ich nit _müssen_?« sagte er. »Und wenn's mich gleich meine Seel
gekostet hätt!« Seine Augen hingen an ihr mit sehnsüchtiger Schwermut.
»Schau, Haymo,« zitterte es von ihren Lippen, »er hat freilich was Arges
getan! Aber gelt? Ich hab's doch ein lützel wieder gutgemacht? Wie er
gekommen ist und hat's der Schwährin gestanden, und ich bin drin in der
Kammer gewesen und hab's gehört, schau, da hat mich doch keins nimmer
halten können. Gelaufen bin ich und gelaufen, bis ich dich gefunden hab.
Und gelt, ich hab's doch wieder ein lützel gutgemacht?«
Er ließ ihre Hände und überflog sie mit bangem Blick. »Nur weil du's
wieder gut hast machen wollen?« fragte er mit versagender Stimme. »Sonst
wegen gar nichts bist du gekommen?«
Sie blickte erschrocken zu ihm auf. »Weswegen sonst denn hätt ich kommen
sollen? Was hast du? Was schaust du mich denn so an?«
Er schwieg und fuhr sich mit der zitternden Hand über die Stirn.
»Aber so red doch!« bat sie in herzbeklemmender Angst.
Er schüttelte den Kopf und wandte sich ab.
»Gott, was hast du denn, ich hab dir doch nichts getan?«
Sie wollte seine Hand fassen. Da klang von draußen die Stimme des
Fraters: »Gittli? Gittli?« Er trat in die Stube. »Da bist du ja! So komm
doch, Dirnlein, komm doch, du sollst mir packen helfen.« Bei der Hand
zog er sie mit sich fort.
»Haymo?« stammelte sie noch, aber da stolperte sie schon über die
Schwelle hinaus.
Als sie an Wolfrat vorüberkam, senkte er den Kopf. Sie wollte zu ihm
sprechen; der Frater hielt fest und zog, da gab es kein Bleiben. In der
Küche tat sie wortlos, was man ihr sagte.
»Bruder,« flüsterte Herr Schluttemann dem Frater zu, »packet das
>Pärchen<, das noch übrig ist, oben auf! Dann haben wir noch eine
Kurzweil, wenn wir rasten.«
Frater Severin nickte verständnisvoll.
Eine Viertelstunde später waren sie alle zur Heimfahrt gerüstet. Als
Wolfrat die beiden Knechte mit hochbeladenen Kraxen davonschreiten sah,
erhob er sich von der Bank. Die Ungeduld der Furcht zitterte ihm in
allen Fibern. Er trat an das Fenster und rief hinein: »Soll ich noch
allweil warten, Herr?«
»Ja, Wolfrat!« klang Herrn Heinrichs Stimme, als eben Gittli zu ihm in
die Stube kam, um Abschied zu nehmen. Er sah sie freundlich an. »Geh mit
Gott, mein Kind!« sagte er und bot ihr die Hand. Als sie diese Hand
küßte, fiel eine Zähre aus ihren Augen. »Gittli? Bekümmert dich etwas?«
Sie schüttelte den Kopf und schlich davon. Vor ihrem Bruder blieb sie
stehen. »Gelt, ich kann der Seph schon sagen, daß du bald heimkommen
wirst?«
»Sagen kannst ihr's allweil!«
Sie wollte gehen. Unruhig blickte Wolfrat ihr nach. Jetzt sprang er auf.
»Dirn!«
Sie wandte sich, und da streckte er wortlos die Hand. In Kummer, die
Lippen stumm bewegend, blickte sie zu ihm auf, als sie ihre Hand in die
seine legte.
»Tummel dich, Dirnlein, daß wir weiterkommen!« mahnte Frater Severin.
»Ich geh schon!« Sie eilte zur Jägerhütte und fand die Stube leer.
Erschrocken kam sie herausgelaufen. »Wo ist der Haymo?«
»Vor einer Weil hat er dem Hund gepfiffen,« rief ihr Wolfrat zu, »und
ist da hinaufgestiegen nach den Halden.«
Zitternd blickte sie in die leere Stube.
»Ist das ein Narr, ein unguter!« brummte Frater Severin. »Nit einmal
warten kann er, bis man ihm Behüt Gott sagt! Komm, Dirnlein, komm!«
Zögernd, mit gesenktem Kopf, schritt Gittli hinter Herrn Schluttemann
und dem Frater einher. Immer wieder blieb sie stehen und blickte nach
der Jägerhütte zurück, so daß die beiden immer weiter vorauskamen. Nun
führte der Weg in eine Mulde, und die Hütten verschwanden. Da sank sie
auf einen Stein und schluchzte in die Hände.
»Jetzt ist er harb auf mich. Und ich hab ihm doch nichts getan.«
Aus dem Tal herauf hörte sie den Frater ihren Namen rufen. Sie trocknete
mit dem Ärmel die Augen und fing zu laufen an.
19.
»So, Wolfrat!« sagte Herr Heinrich, als er, die Armbrust führend, aus
der Tür trat. »Wir werden bald fertig sein. Ich hab mich schon zur
Heimfahrt gerüstet.«