Er nickte vor sich hin. »Ich weiß schon, wie du's meinst! Gelt, weil sie
Gottesleut sind? Und müßten sich kränken, wenn sie hören täten, daß ihr
Herrgott so was hat geschehen lassen.« Ein bitteres Lächeln zuckte um
seinen Mund. »Zu mir hat er reden mögen! Warum denn hat er nit auch zum
anderen sagen können: tu's nit, tu's nit?«
Gittli hing an ihm mit angstvollen Augen; sie verstand den Sinn seiner
Worte nicht. »Haymo --«
Sie konnte nicht weitersprechen, denn Walti kam zurück. Mit zitternder
Hand reichte sie dem Jäger den gefüllten Becher, den er dürstend leerte,
mit dem Becher zugleich ihre Hand gefangen haltend. Als er dann
aufblickte zu ihr mit glänzenden Augen, flüsterte er: »Nein, Gittli,
nein, ich darf nimmer fragen: warum? Ich weiß schon, warum er's hat
geschehen lassen. Ich weiß es!« Er zog ihre Hand mit dem Becher an seine
Brust.
Sie ließ ihn gewähren und stand, als wüßte sie nicht, wie ihr geschähe.
Und da er ihre Hand nun freigab, blickte sie auf, wie erwachend, nahm
wortlos die Schüssel und ging zur Türe.
»Gittli!« rief er ihr leise nach. »Kommst du bald wieder?«
»Wohl, Haymo!« lispelte sie und verließ die Hütte.
»Hohohoho!« lachte Walti auf, klemmte die Hände zwischen die Knie und
schüttelte vor Vergnügen die Schultern.
»Was hast du denn, dummer Bub?«
»Ich weiß auch was! Hohohoho! Ich weiß auch was!« Kichernd steckte Walti
den Kopf in den Winkel zwischen Bett und Bank.
Draußen vor der Hütte stand Gittli, fuhr mit dem Rücken der freien Hand
über ihre heißen Wangen und stammelte: »Was weiß er denn? Was kann er
denn wissen?« Zögernd ging sie der Herrenhütte zu.
Einer der Knechte kam ihr entgegen; er hätte ihr eine Botschaft
auszurichten. Ihr Bruder, der Sudmann, wäre in der Nacht zu den Almen
gekommen und hätte gejammert, daß seine Schwester seit zwei Tagen
abginge, und daß kein Mensch wüßte, wohin sie gekommen wäre. Als ihm die
Knechte erzählten, daß seine Schwester den Jäger todwund gefunden und in
der Hütte gepflegt hätte, bis die Herrenleute kamen, da hätte er sich
vor Staunen kaum fassen können; jedes Wort, das er gesprochen, wäre ein
Lob für seine Schwester gewesen; und sie sollte nur ja in der Hütte
bleiben, solang die Herrenleute sie nötig hätten; er selbst wäre gern
noch zu ihr hinaufgestiegen in die Röt; aber da er nun wüßte, daß sie
wohlauf und sicher geborgen wäre -- hätte er gesagt -- so wollte er
lieber wieder heimlaufen, um die Schicht im Sudhaus nicht zu versäumen.
Er täte die Schwester recht schön grüßen lassen.
Mit Bangen und Zittern hörte Gittli diese Botschaft an, die sie nicht zu
verstehen vermochte. Wie wäre es ihrem kindlichen Sinn auch beigefallen,
daß Wolfrat diesen Gang zur Alm, wo er die Knechte zu finden hoffte, nur
getan hatte, um einen drohenden Verdacht von sich abzuwenden. Wenn er
die Schwester hatte gehen lassen, ohne sich weiter um ihr Verbleiben zu
kümmern, dann mußte er wissen, weshalb sie gegangen war, wissen, wo und
weshalb sie blieb.
Als Gittli die Herrenhütte betrat, kam sie gerade recht, um Herrn
Schluttemanns Auferstehung mitzufeiern. Sein Kopf erschien über dem Rand
des Heubodens. Wo aber hatte er das Gesicht gelassen, das er sonst an
jedem Morgen zu zeigen pflegte? Jenes zornbrennende Gesicht mit den
finster gerunzelten Brauen, den rollenden Augen und dem gesträubten
Schnauzer? Er schien sich verwandelt zu haben in diesem langen Schlaf.
Sanft hing ihm der Schnauzbart über den Mund, lustig blitzten seine
Augen, und mit einem Gesichte, lachend bis zu den Ohren, stieg er über
die Sprossen nieder, Frater Severin meinte: wie der strahlende Erzengel
Gabriel herunterkommt über die Himmelsleiter.
Auf der Erde angelangt, streckte und dehnte sich der Vogt, rieb vergnügt
die Hände, schüttelte die Heufäden von seinem Wams, schlug den Frater
mit der flachen Hand auf die breite Schattenseite, daß die ganze Kutte
wackelte, kneipte Gittli in die Wange und trat mit fröhlichem Gesicht in
die Herrenstube. Und während nun Stunde um Stunde verging, hörte man
seine lachende Stimme an allen Ecken und Enden, bald im Herrenhaus und
bald in der Jägerhütte. Hier wurde er freilich von Herrn Heinrich
ausgetrieben, um Haymo einen ruhigen, stärkenden Schlaf zu sichern.
Einige Stunden nach Mittag versiegte der Regen, die Wolken klüfteten
sich, und die Sonne warf, ehe sie hinter die Berge sank, noch einen
goldigen Schein über die beiden Hütten.
Herr Heinrich nahm die Armbrust hinter den Rücken und stieg zum
Kreuzwald empor; der Vogt machte sich mit den Knechten auf die Suche,
und Desertus wanderte einer nahen Felshöhe zu; dort sah ihn Gittli auf
einem Steinblock sitzen, bis der Abend dämmerte. Haymo schlief, und
Gittli weilte mit Frater Severin und Walti auf der Bank vor der Hütte,
mit halbem Ohr nur hörend, was die beiden plauderten; in Sorg und Unruh
glitten ihre Blicke immer wieder hinüber nach dem Steintal; die
bitterste Angst war aber doch von ihr genommen. Sie hatte jetzt einen
Schutzengel, der droben im Himmel sorgte für sie, für den Wolfrat und
die Seph. Und was der Bruder auch gesündigt -- sie hatte es doch ein
lützel wieder gut gemacht.
Der erste, der zurückkam, war Herr Schluttemann. Er hatte nichts
gefunden, rein gar nichts! Der Regen hatte Haymos blutige Fährte und die
Schweißspur des verschleppten Steinbocks ausgelöscht. Ja, der
Schutzengel!
Bei Anbruch der Nacht kam der Propst mit Pater Desertus zurück. Herr
Heinrich hatte eine Fehlpirsch auf den Auerhahn getan. Beim Niederstieg
hatte er einen Luchs aufgegangen und dem fliehenden Raubtier einen
Bolzen nachgeschickt. Nun sollten zwei der Knechte während der Nacht
hinuntersteigen zum Kloster, um die beiden Schweißhunde zu holen: die
Hel und den Weckauf. Einem der Knechte befahl Herr Heinrich, im Hause
des Sudmanns vorzusprechen, um für Gittli mitzubringen, was sie nötig
hätte an Gewand und Wäsche. Bald nachdem der Abendimbiß genommen war,
wurde es still in den beiden Hütten; Gittli und Walti wachten bei Haymo;
Herr Heinrich, der vor Tag wieder auf den Beinen sein wollte, hatte sich
zur Ruhe begeben, und Desertus mußte seinem Beispiel folgen. In der
Küche saßen Herr Schluttemann und Frater Severin am Herd. Als der Vogt
meinte, daß Herr Heinrich schon in Schlaf gesunken wäre, verließ er die
Hütte und holte das zweite >Pärchen< aus dem Versteck. Schwer seufzend
wandte Frater Severin sich ab, als Herr Schluttemann die eine der beiden
Steinflaschen zwischen die Knie nahm, um mit hochwichtiger Sorgfalt den
mit Wachs verklebten Pfropf zu lösen. Einen langen, langen Zug tat der
Vogt, dann reichte er die Flasche dem Bruder. »Tauchet an, Frater!«
Ein stummes Kopfschütteln war die Antwort.