Wir müssen hier unterscheiden: die Breschelegung auf nahe und diejenige
auf größere Entfernungen.
Wenn die gewöhnlichen Breschbatterien einmal zum Feuern gekommen sind,
ist die Breschelegung immer als eine Operation von kurzer Dauer
angesehen worden, so daß die größere Wirksamkeit der gezogenen Geschütze
hierbei von geringem Einfluß auf die Dauer der Belagerungen sein wird.
In älterer Zeit hat man wohl mitunter den Escarpenmauern eine
unverhältnißmäßige Dicke gegeben, um sie widerstandsfähiger gegen den
Brescheschuß zu machen. In neuerer Zeit ist dies aber niemals -- am
Wenigsten bei unsern neuern preußischen Festungs-Bauten geschehen, indem
man wohl erkannte, daß der dadurch zu erzielende Zeitgewinn, mit den
erforderlichen Kosten durchaus in keinem Verhältniß stehe -- (wie dies
auch bereits in meinen Beiträgen zur angewandten Befestigungskunst S. 6.
ausgesprochen ist). In dieser Beziehung ändert sich also durch die
Anwendung der gezogenen Geschütze nichts Wesentliches.
Ebenso haben bekanntlich die Engländer bereits vor 50 Jahren im
spanischen Kriege den direkten Brescheschuß bis auf 800 Schritt
Entfernung mit Erfolg in Anwendung gebracht. Ich brauche die
mannigfaltigen Verhandlungen über diese Art des Brescheschießens nicht
zu wiederholen. Es wurde schon damals hervorgehoben, daß es mit dem
Brescheschießen allein nicht abgemacht sei; daß man vielmehr bis zur
Bresche approchiren müsse -- und daß ein ohne gedeckte Annäherung
ausgeführter Sturm stets ein sehr blutiger sein werde. Außerdem
vertheidigten sich auch diejenigen Festungen, deren Mauern aus der
Entfernung gesehen werden konnten, noch mit großer Energie und wenn auch
im Allgemeinen die Nothwendigkeit anerkannt wurde, das Mauerwerk
möglichst dem feindlichen Feuer zu entziehen, so kamen doch Fälle genug
vor, (auch bei unsern neuern Festungs-Bauten) in welchen man trotz jener
allbekannten Erfahrungen keinen Anstand nahm, Mauerwerk dem entfernten
feindlichen directen Schuß auszusetzen:
entweder, weil man ein Breschelegen an der blosgegebenen Stelle
überhaupt nicht fürchtete;
oder, weil man durch ein überlegenes Geschützfeuer die Erbauung
und das Feuer der feindlichen Breschbatterie unmöglich zu machen
hoffte;
oder endlich, weil es kein anderes Mittel gab, den Zweck zu
erreichen, namentlich weil es an Platz fehlte, um besser
gedeckte Festungswerke aufzuführen, an Stellen, wo es darauf
ankam, gewisse Terraintheile unter Feuer zu nehmen.
Alle diese Verhältnisse bestehen auch jetzt noch, nur mit dem
Unterschiede, daß das was sonst auf 800 Schritt ausführbar war, jetzt
auch auf die doppelte und größere Entfernung möglich ist.
Auch die Erfahrungen bei Sebastopol haben hierin nichts geändert. Denn
sie ergeben, daß das Mauerwerk der Küstenforts von dem Feuer der Schiffe
durchaus nicht auf eine bemerkenswerthe Weise beschädigt wurde und wenn
die von Weitem gesehenen Mauerwerke auf den Landfronten in einer
11monatlichen Belagerung endlich zusammengeschossen wurden, und der
Malakoff bei dem letzten Sturm noch einen solchen Widerstand leistete,
daß seine geringe Besatzung sich nur in Folge einer Kapitulation ergab,
so kann man unmöglich daraus folgern, daß fortan die Anwendung des
Mauerwerks in den Festungen ganz unzulässig sei. Es liegen uns in dieser
Beziehung auch zwei sehr wichtige und competente Zeugnisse vor.
General Niel sagt nämlich in seiner Belagerung von Sebastopol, S. 443:
»Betroffen von der langen Dauer der Belagerung von Sebastopol
haben einige fremde Offiziere die Ansicht ausgesprochen, daß die
Mauerescarpen von keinem unbestrittenen Nutzen bei der
Vertheidigung der Festungen seien.«
»Sebastopol, ein großes verschanztes Lager, vertheidigt durch
Erdbefestigungen von starkem Profil, zog seine vornehmste Stärke
von einer Geschützarmirung, wie man sie nur in einem großen
Kriegshafen finden kann, -- und von einer zahlreichen Armee, die
immer ihre freien Verbindungen mit dem Innern von Rußland
behalten hat. Wäre die Enceinte mit guten gemauerten Escarpen
versehen gewesen, hätte man darin Bresche legen und durch enge
Zugänge eindringen müssen, hinter denen die Spitzen unserer
Angriffs-Colonnen eine Armee gefunden haben würden: _so wäre
Sebastopol eine nicht zu erobernde Festung gewesen._«
»Man vergleiche die Angriffsarbeiten vor Sebastopol mit denen
einer gewöhnlichen Belagerung und man wird finden, daß am 8.
September, dem Tage des letzten Sturmes, nach den größten
Anstrengungen nur erst die Cheminements fertig waren, welche der
Krönung des Glacis vorhergehen. Man war also noch gar nicht in
den Bereich der schwierigsten und mörderischsten Arbeiten einer
Belagerung gelangt und es lag auch keine Veranlassung vor, sich
darauf einzulassen, da die Gräben und Brustwehren der Enceinte
nicht sturmfrei waren, wie es der Erfolg gezeigt hat. Die
Schwierigkeit bestand vielmehr eben so sehr darin, die russische
Armee auf einem seit lange zur Vertheidigung eingerichteten
Terrain, als das materielle Hinderniß der Befestigung zu
überwältigen. Unsere letzten Parallelen waren 30 Meter[1] von
den angegriffenen Werken entfernt und man konnte daher sich
unerwartet auf den Feind werfen, den das Feuer unserer
Artillerie bis zum letzten Augenblick genöthigt hatte, Schutz
unter zahlreichen Blendungen zu suchen. Wäre man mit den
Angriffsarbeiten weiter vorgegangen, würde man die russische
Armee nur veranlaßt haben, die Initiative des Angriffs zu
ergreifen.«
[1] 95-1/2 preuß. Fuß.
»Das Fehlen der Escarpenmauern, welche den Platz vor einer
Leiterersteigung geschützt hätten, übte nicht weniger Einfluß
auf die Vertheidigung aus, denn die Belagerten waren genöthigt,
fortwährend in den Kehlen ihrer Werke starke Reserven bereit zu
halten, um einen Angriff zurückzuschlagen, mit dem sie vom
Beginn der Belagerung an bedroht waren.« --
Ganz übereinstimmend hiermit spricht sich der so kriegserfahrene oberste
englische Ingenieur-General Sir John Fox Burgoyne in seinen »Military
opinions« (S. 190 bis 196) (Über Erdwerke und die Vertheidigung von
Sebastopol) aus. Er sagt:
»Es sind kürzlich einige irrige Ansichten darüber in England in
Umlauf gekommen, (denn im Auslande denkt man nicht daran [?])
daß die lange Vertheidigung von Sebastopol hauptsächlich den
Vorzügen der Erdwerke vor gemauerten Werken, und der
Geschicklichkeit zuzuschreiben ist, mit welcher die russischen
Ingenieure sich diese vermeintliche Entdeckung zu Nutze zu
machen wußten.«
»Schon vor einigen Jahren wurde dieser Gegenstand lebhaft
verhandelt und verfochten, und jetzt, wo bei der glänzenden
Vertheidigung von Sebastopol dergleichen Erdwerke in Anwendung
gekommen sind, soll daraus ein siegreicher Beweis für ein System
gezogen werden, was damit durchaus in keiner Verbindung steht.«
»Die Russen waren genöthigt, ihre Vertheidigungswerke bei einer
unerwarteten Veranlassung rasch auszuführen und sie benutzten
dazu das seit unvordenklichen Zeiten in solchen Fällen
angewandte Mittel, nämlich Erdwerke -- nicht aus freier Wahl,
sondern weil ihnen nichts anderes übrig blieb und sie verdienen
in dieser Beziehung das größte Lob, -- nicht aber wegen der
vorurtheilsfreien Anwendung von Erdwerken, sondern wegen ihrer
energischen Vertheidigung, trotz der Schwäche und
Unvollkommenheit solcher Werke.«
»Die Hauptargumente gegen das Mauerwerk sind, außer seiner
großen Kostbarkeit, daß es aus der Entfernung in Bresche gelegt
werden kann und daß die abspringenden Steinstücke den
Vertheidigern gefährlicher sind, als Voll- und Hohlkugeln. Aber
man muß sich klar machen, daß diese Übelstände nicht nothwendig
mit gemauerten Werken verbunden sind, daß vielmehr, wo diese
Übelstände vorkommen, dies daher rührt, daß die betreffenden
Festungsanlagen von sehr altem Datum sind, oder die Localität so
beschränkt ist, daß es für zweckmäßigere Anlagen, namentlich für
Senkung des Mauerwerks unter den Horizont, so daß bloß die
Brustwehr zu sehen ist, an Platz mangelt. Denn will man das
System der Anwendung von Erdwerken durchaus als eine neuere
Verbesserung ansehen, so muß man es mit dem in neuerer Zeit von
den Ingenieuren immer als Regel aufgestellten System
vergleichen, daß die Brustwehren aus Erde bestehen und daß die
Escarpen von außen nicht gesehen seien, bis man an den Graben
gelangt. Hierdurch werden die oben gedachten zwei Übelstände
gehoben.«
»Eine der wesentlichsten Vertheidigungsmittel ist immer eine
senkrechte Wand oder Mauer, welche die Angreifer passiren
müssen. Ist diese Mauer über 30 Fuß hoch und flankirt, dann ist
sie ein formidables Hinderniß und eine Ersteigung desselben (und
etwas anderes bleibt nicht übrig, so lange die Mauer nicht
zerstört ist) ein höchst gewagtes Unternehmen, was nur bei
vollständiger Überraschung oder großer Schwäche des
Vertheidigers gelingen kann.«
»Daraus folgt die Nothwendigkeit, eine Bresche zu bilden; aber
in solche gute gedeckte Werke kann die Bresche (direkt) nur
gelegt werden, mittelst Batterien auf der Contrescarpe und die
große Zunahme der Schwierigkeiten ist bekannt, welche der
Angreifer findet, je mehr sich seine Approchen und Batterien dem
Platze nähern. Und wenn denn auch wirklich eine oder mehrere
Breschen zu Stande gekommen sind, haben dieselben für den Sturm
doch nur immer eine begrenzte Ausdehnung, während Erdwerke auf
dem ganzen Umkreis des Platzes eine solche Bresche darstellen.«
»Wenden wir das Vorstehende auf Sebastopol an. Die Franzosen
hatten endlich nach ungeheueren Anstrengungen und Opfern, ein
Logement 30 Yards[2] von dem Graben der feindlichen Werke sich
verschafft. Es steht fest, daß die Schwierigkeiten weiter
vorzugehen so groß für sie wurden, daß sie nicht näher an den
Platz heranrücken konnten, und doch, wäre der Platz auf die
gewöhnliche Weise mit permanenten Werken befestigt gewesen,
hätten sie nothwendig Breschbatterien auf der Contrescarpe
anlegen müssen, um Breschen von einiger Ausdehnung zu erlangen,
welche für die starken Angriffskolonnen, durch welche allein der
Platz genommen werden konnte, doch nicht genügenden Raum gewährt
haben würden. Ebenso wäre es bei den innern Retranchements
gewesen.«
[2] 87-1/3 preuß. Fuß.
»Obgleich bei Befestigungsanlagen das Mauerwerk in der Regel vor
dem feindlichen Geschützfeuer aus der Entfernung gedeckt werden
soll, so giebt es doch Fälle, wo man davon absehen muß und auch
absehen kann. Namentlich ist dies der Fall bei Küstenbatterien.
Denn manchmal liegt eine kleine Insel, ein Felsen, oder schmaler
Terrainabschnitt sehr günstig, um die feindlichen Schiffe
abzuhalten, ist aber nur gerade groß genug für einen größern
oder kleinern Thurm. Um aber die nöthige Geschützzahl
aufzustellen, müssen mehrere Stockwerke und darum ein hohes
Gebäude angelegt werden. Solche Gebäude haben nun trotz der
ihnen anklebenden Mängel, die man auch nach Möglichkeit
beseitigen muß, oft eine sehr kräftige Wirkung, und es ist
durchaus ein Irrthum, daß sie durch Feuer von Schiffen so leicht
zerstört und zum Schweigen gebracht werden können.«
»Aber auch außer den Fällen, wo Mauern dem Feuer der
Schiffs-Artillerie ausgesetzt werden, sind sie auch sonst noch
zulässig, ja oft unvermeidlich.«
»So kommt es manchmal vor, daß ein befestigter Punkt nur
Sicherheit gegen einen Handstreich gewähren soll, wie z. B. in
allen Fällen, wo die Umstände nicht gestatten, Geschütz dagegen
in Anwendung zu bringen. Ebenso wenn der Zweck des Werkes
erfüllt ist, sobald der Feind genöthigt wird, vielleicht mit
großer Schwierigkeit Geschütze dagegen aufzustellen, oder auch
zum Schluß der Kehlen der Außenwerke, wo es darauf ankommt, daß
das Mauerwerk von unserer eigenen Artillerie wieder
eingeschossen werden kann. In allen diesen Fällen ist Mauerwerk
den Erdwällen vorzuziehen.« --
Nach solchen Zeugnissen wird man die Anwendung von gemauerten Escarpen
in den Festungen auch jetzt noch gerechtfertigt und nicht unnütz finden
und den neuen preußischen Festungsanlagen nur an wenig Stellen den
Vorwurf machen können, Mauerwerk blosgegeben zu haben, wo es besser
durch Erdwälle gedeckt worden wäre. Letzteres findet namentlich bei
mehrern ältern Thurmforts statt, bei denen es allerdings wünschenswerth
sein wird, nachträglich noch entweder auf Verwandlung der gemauerten
Brustwehren in Erdbrustwehren, oder auf Deckung der von Außen gesehenen
kasernirten Etage Bedacht zu nehmen.
Ich bemerke in letzterer Beziehung, daß es da, wo Raum genug vorhanden
ist und die Höhenverhältnisse es gestatten, wohlfeiler und zweckmäßiger
sein wird, die obere kasemattirte Etage beizubehalten und lieber den
vorliegenden deckenden Wall cavalierartig zu erhöhen.
Bei einem Umbau oder Neubau solcher Kasematten, würde demnächst auch zu
untersuchen sein, ob nicht die Konstruktion der kasemattirten Batterie
auf Tafel 80 B. meiner Beiträge etc. oder eine ähnliche Konstruktion in
Anwendung kommen könnte, namentlich wenn die Bedeckung der Erdscharten
mittelst Eisenbahnschienen, sich bewähren sollte, und dadurch die
Möglichkeit gegeben wäre, das ganze Mauerwerk, auch über den Scharten,
mit Erde zu decken.[3] Eine Eindeckung der Scharten mit Balken erscheint
dagegen nach den auf S. 46 meiner Beiträge beschriebenen Versuchen mit
hölzernen bedeckten Geschützständen, nicht rathsam.
[3] Nach einer mir gewordnen Mittheilung von zwei
fremdherrlichen Offizieren haben dieselben neuerdings in England
Versuchen mit gezogenen Geschützen von schwerem Kaliber gegen
Bekleidungen von Eisen beigewohnt, welche sehr günstige Resultate
ergaben. So weit sie beobachten konnten, bestand diese vor einer
Mauer angebrachte Bekleidung aus horizontal über einander
gelegten, mit einer Nuthe und Feder versehenen, Eisenschienen
(wahrscheinlich Puddlingsstahl) von 12' Länge, 8" Breite, 4"
Dicke. Die Schartenwangen waren ebenfalls mit Eisen bekleidet. Das
Mauerwerk zeigte sich als ganz entbehrlich. Der Unternehmer (aus
Wales) war seiner Sache so sicher, daß er sich hinter diese
Eisenwand während der Versuche stellen zu wollen erklärte. Er
behauptete, eine solche Eisenwand koste nicht mehr, als eine Mauer
und war bereit für die Befestigung von Antwerpen dergleichen
Eisenbekleidungen zu liefern. Genauere Kenntniß zu nehmen,
gestattete er nicht. Es scheint, daß durch die Nuthen und Federn
der Stoß des Geschosses sich auf die ganze Fläche des Eisens
vertheilt.
Sollte sich eine derartige Benutzung des Eisens bewähren, so steht
eine ausgedehntere Anwendung desselben zu erwarten und würde darin
ein ganz wesentliches Vertheidigungsmittel gegen den Brescheschuß
gegeben sein.