UNWAHRSCHEINLICHES GERÜCHT VOM ENDE EINES VOLKSMANNS

Ein blauer Sommertag lag über dem stillen Dorf. In den Feldern draußen

klangen die Sicheln und Sensen und rauschten in den Halmen zu den Reden

der Weiber. Von einigen ganz nahen hörte man es bis auf den Platz vor

der Kirche. Der Pfarrer las heute die Messe fast nur für den Küster und

war vielleicht darum so merklich bald fertig.

In den Dorfstraßen schliefen die Hunde, die Sonne brannte in die leeren

Höfe und niemand hörte einem kleinen Kinde zu, das eingesperrt im

Stübchen hinter dem Fenster in seinem Korbe lag. Es kaute am Unterleib

eines ehemaligen Kautschuksoldaten und lachte und spuckte und strampelte

und freute sich über Gott weiß was.

Da raste rasselnd, brauste, donnerte, schoß ein Auto die unaufhörliche

Landstraße von der Bahnstation herunter, dampfte hohe weiße graue Wolken

um sich, hinter sich langhin bis an den Himmel. Der hagere rotbärtige

Mann drin beugte sich fast gleichzeitig nach rechts und links hinaus und

seine Augen drangen auf die Häuser, die Zäune, die Meilensteine, die

Bäume zu beiden Seiten ein.

Der Chauffeur mußte schon einiges gewohnt sein, denn er blieb sitzen,

wandte den Kopf nicht, lächelte kaum, als in dem Augenblick, da er eben

erst zu halten beabsichtigte, sein Herr schon aus dem Wagen und gegen

die Tür des Wirtshauses sprang, die er, hoffentlich nur, weil sie gerade

zufällig angelehnt war, mit den Füßen aufstieß. Ein markerschütternder

Schrei war sein: »Wirt!« Es hallte in dem leeren Hause: »Wirt!«

Er war nicht zu Hause und auch die Wirtin nicht; selbst die Kinder waren

draußen auf den Feldern. Nur ein alter Großvater schlurfte endlich

zittrig in seinen zerlumpten Schlafschuhen aus dem dämmrigen Hintergrund

des schmalen tiefen Gangs heran.

»Ja, was soll denn das heißen?« fuhr der Herr los, »niemand an der Bahn,

niemand hier! Was ist das für eine Ortsgruppe?«

»Bier?« fragte der Alte zaghaft, »Wein? -- Aber mein Sohn hat leider die

Kellerschlüssel mit, -- er ist so ängstlich! --«

Wie die plötzlich in die wahrgenommene Welt durchgebrochene ewige

mechanische Herzensangst der toten Materie pulste, hämmerte

unerschöpflich gleichmäßig hilflos verzweifelt die gefesselte Kraft des

stehenden Motors draußen hinter ihnen auf der Straße.

»Ja, wo ist denn der Ausschuß, das Komitee, der Vertrauensmann oder nur

ein Ersatzobmannstellvertreter? Nächste Woche ist doch die Wahl!« Der

Herr keuchte, tobte verzweifelt, fast weinend. Er drang auf den Alten

ein: seine Augen, seine Hände, seine Zähne funkelten.

Der Greis sah ihn ängstlich forschend an, sehr gern bereit, zu

erschrecken und zu bereuen, schuldbewußt schon, weil er noch nicht

herausbekommen hatte, warum und in welcher Art es von ihm erwartet

wurde.

»Siebenunddreißig Dörfer, fünf Marktflecken, drei Städte gehören zu

meinem Wahlkreis! Glaubt man hier, ich habe siebenunddreißig Wochen,

fünf Monate, drei Jahre zur Verfügung? Sie, Mann, hören Sie! Was denkt

man hier? Was stellt man sich denn hier vor?«

Wie sollte der Greis, der sich gewiß auch in seiner Jugend nie näher mit

Politik befaßt hatte, ahnen, daß es sich dem Herrn unmöglich um das

Gewicht der Wählerschaft in diesem Örtchen handeln konnte und etwas

Tieferes auf dem Grunde dieser Erregung war? Wie sollte er ahnen, daß

der Herr im Vorbeifahren beim Anblick des selig strampelnden Kleinen in

seinem Korbe hinter dem Fenster fern zu Hause sein einsames krankes Kind

nach ihm wimmern hörte und gehetzt und getrieben vor dem wahnsinnigen

Wunsche floh, schwächer zu sein, nicht so durchdrungen von dem richtigen

Notwendigen, oder kalte eiserne Maschine zu werden ohne Leben für sich,

ohne Gefühl in den Gliedern, empfindungslose Hülse des leuchtenden

Wissens vom Notwendigen ohne Wahl, abgeschnellt seinen einen Weg

abzuschnurren. -- -- Wie sollte der Greis das ahnen? -- Aber mit jenem

rätselhaften Feingefühl, wie es manche, auch ungebildete Menschen

deutlich vor andern auszeichnet, spürte er genau, daß er von dem

Schreiben der Frau an den Gemeindevorsteher, -- oder war es ein

Telegramm? -- durch das heute morgen im letzten Augenblick die schon

anberaumte Versammlung abgesagt worden, besser vielleicht nichts

erwähne.

»Die Ernte!« wagte er versuchsweise schüchtern für jeden Fall, »wenn so

lange Regenwetter war, und dann die Sonne schön herauskommt.« --

»Ernte! Welche politische Reife!« Der Herr lachte erbittert, »begreift

ihr denn nicht, daß alles Ernten, alles Säen, alles Haben und Verdienen

euch nichts nützen kann, wenn die falschen Grundsätze euch regieren, zur

Macht kommen!«

Er blickte dabei die Wände entlang nach allen Seiten, bohrend bis in die

Schatten der Winkel, als ob er durch die Decke, durch den Boden sehen

könnte, wenn er nur allen Willen in die Augen brachte. Er glaubte, er

müßte es doch dem Hause von außen ansehen, wenn man drin auf ihn

wartete. Er suchte in den Augen, in den Mienen des Alten; aber er fragte

nicht! Nicht einmal, ob Fremdenzimmer im Hause seien. -- Wie qualvoll,

daß es so geheim bleiben mußte! Wenn er wenigstens sich hätte erkundigen

dürfen, ob nicht jemand durch den Ort gekommen war und nach ihm gefragt

hatte! Aber sie hatten ja nicht nach ihm gefragt. Diese Menschen waren

viel zu gefühllos, gewissenhaft und beherrscht!

Da wies das Greislein mit einer plötzlichen Erleuchtung freudig nach den

weit offenen Türen des Wirtssaals an der Seite und drin auf die sehr

nahe zusammengeschobenen Tische, die langen dichten Stuhlreihen und das

wirklich bereitstehende, einladend hohe Podium, vielleicht für die

Musikanten des nächsten Tanzabends vorbereitet, vielleicht von einer

gestrigen Versammlung des Gegenkandidaten stehengeblieben. »Ich brauche

sie nur zusammenzurufen!« rief er glückstrahlend, »sie werden alle

gleich da sein.«

»Rufen!« fuhr der Herr gereizt auf, »er wird sie rufen! Wie sich das

Bild der Welt im Kopfe so eines einfachen Mannes malt! Nachmittags habe

ich in Klarbach, dann in Alt-Gustiz, spät abends noch in Oberreizendorf,

morgen in Kieseck zu reden! Und jetzt will er sie -- rufen! Oh, wenn man

doch Redner und Hörer, Führer und Geführter, Gott und Welt zugleich sein

könnte! Aber so allein, allein mit seiner Pflicht! Und alle Opfer, alle

Hingabe, restlose Bereitschaft ungenommen, ungehört, ohne Sinn, wie

ungetan verloren . . .«

Der Alte aber hörte nicht auf ihn, drückte sich demütig, geduckt, voll

Vorsicht in der Tür an ihm vorbei und klopfte mit seinem Stock hastig

die Straße hinab. Es schien, als versuche er, ob es mit kleineren

Schritten vielleicht schneller vorwärts ginge, so sehr war alles an ihm

Eifer und Bewegung. »Sie werden schon kommen!«

Der Herr sah ihm verzweifelt nach, griff sich mit den Fäusten in die

Haare. Wenn nur einer von diesen Menschen hier ahnte, was auf dem Spiele

stand: die Zukunft des Staates! Sie wußten ja gar nicht, was das war!

Glück und Freiheit aller, vielleicht die erlösende große Einsicht, die

Gerechtigkeit von oben, vom Sitz der Macht! -- Da schlich, kroch, schob

sich der schlurfende Greis; nun war er schließlich doch um die Ecke

verschwunden. Er kam ja niemals auch nur zum ersten Feld! Und während

auf irgendeiner Station, auf der nächsten vielleicht, jetzt eben die

Jahrzehnte herbeigesehnte Gelegenheit für Beglückung und Befreiung des

Volkes einstieg und weiterfuhr, weiter und weiter vor ihm her,

vielleicht nicht mehr zu erreichen, -- mußte er hier stehen und warten.

--

»Ja, aber warum wartete er? Warum setzte er sich nicht auch ein und fuhr

davon? Warum kam ihm dieser Gedanke gar nicht? War das die Schuld? Daß

Worte in ihm drängten, Dinge, die er den Leuten zu sagen hatte, gerade

diesen Leuten, die stumpf und taub waren gegen die Notwendigkeit, daß

jeder einzelne mit seinem Willen den Staat belebe! -- Daß es wenige

waren? Ach, wenn das Wort in ein richtiges Ohr fiel, konnte es oft

wichtiger sein als ein Meetinggewimmel, und wann konnte man wissen, wo

dieser eine war und wo er nicht war? --

Nur wer die menschliche Natur nicht kennt oder die Vorgänge in seinem

Innern nicht nachfühlen will, kann sich wundern, daß der Mann bis ins

Innerste vor Ungeduld wund und zitternd schon als er die ersten

Landleute von fern kommen sah, verschwitzte Gesichter, Rechen und Sensen

über der Schulter, ein paar Weiber und Kinder hinter ihnen, sogleich ins

Haus eilte und in den Saal, zur Tribüne emporzusteigen.

Da hob sich hinter ihm draußen aus dem Auto, aus den Falten des

zurückgeschlagenen Dachs vielleicht, aus einem Geheimfach,

Geheimverschlag der Rückenlehne ein erregter blasser Damenkopf mit ganz

unzerdrückter Frisur, -- aus solch kleinem Raum! -- eine elegante

lichtblaue Seidenbluse, wie aus dem Boden emporwachsend ein ganz kurzer

lichtgrauer Seidenrock und hohe lichtgraue Tuchschuhe; sie schwebte,

reckte sich wie auf einem dritten Trittbrett hinter dem Auto stehend,

beugte sich weit vor und blickte ihm nach: wie er dahinschritt! Er, der

Berühmte, Gefeierte, der nie solchem verlorenen Nest die Ehre antat.

Stundenweit strömten die Leute aus dem Umkreis herbei, wenn irgendwo

seine Rede angekündigt war. Und hier hatte er sich selbst angeboten zu

kommen und sie fanden es nicht selbstverständlich, am Sonntag! -- Und

dennoch stieg er nicht ein und fuhr fort: nein, wartete, um zu ihnen zu

reden. Also nicht der Premier mußte es sein, nicht große Entscheidungen

braucht's, jedes Wirtshaus voll Bauernohren war ihm wichtiger als Weib

und Kind! Noch sah er nicht ein, überfiel ihn nicht die Klarheit, daß

sie aus Liebe, aus Güte, aus mehr Weitblick und tieferem Erkennen des

Lebens seine Bemühungen um Glück und Freiheit aller haßte und verdammte.

Nicht aus Eifersucht, obwohl sie ihn der Familie völlig entzogen, auch

nicht, weil er sein großes Geschäft, die Zukunft seiner Kinder dem

schläfrigen Direktor und dem gar nicht zuverlässigen Kompagnon überließ,

nein, nur weil er selbst dabei zugrunde ging, seinen Kräften viel zu

viel zumutete und sich aufrieb. Darüber, daß sie die Bemühungen

Ambitionen nannte, dachte er, würde sie nicht hinausgehen. Als sie ihm

beim Abschied nachrief: »Auf der Walstatt sehen wir uns wieder!« hatte

er herzlich über den Scherz gelacht; so kannte er sie. -- Ein anderer,

jeder andere hätte diese Agitationsreise, wenn sie so furchtbar gern mit

wollte, auch noch ein drittesmal aufgeschoben, als ihr Kleid immer noch

nicht fertig war. Nun gut, das konnte ihm unmännlich scheinen. Das war

ungeschickt von ihr gewählt. Aber als man ihm, -- gleich auf die erste

Station, -- nachtelegraphierte, daß es eben als er fort war, geliefert

worden und sie in derselben Stunde verschwunden sei, niemand wisse

wohin, -- hätte da nicht ein anderer sich darüber Gedanken gemacht, ob

sie nicht an der geringen Zeit, die er nur zu warten gebraucht hätte,

messen mußte, wie viel sie ihm war? Und man berichtete ihm, daß gleich

nach ihrem Verschwinden das Kind, das liebe süße Würmchen schwer

erkrankt sei und sich das Mädchen keinen Rat wisse. Aber er hörte diese

Meldungen vielleicht gar nicht, weil man ihm gleichzeitig

telegraphierte, daß der Ministerpräsident ihn gesucht habe, kaum er vom

Hause fort war, um mit ihm etwas äußerst Wichtiges, Unaufschiebbares

geheim, wohl unter vier Augen zu verhandeln. Der Ministerpräsident mit

ihm! Ja, das zündete, das hatte sie gut gewählt. Das ließ ihn nicht los.

Augenblicklich wollte er da natürlich die Reise unterbrechen, aber als

seine Nachricht den Minister nicht mehr erreichte, weil der ihm sogleich

nachgefahren war, -- so große Eile hatte es, -- da dachte er nicht mehr

daran umzukehren. Immer dringender telegraphierte das Mädchen: daß der

Zustand des Kindes sich verschlimmere, wo denn die Frau sei? Es sei so

selten ein Arzt zur Stelle in dieser schrecklichen Zeit. Die

Verantwortung sei ihr zu schwer. Sie war viel zu gewissenhaft. Herzlose

vielleicht, die hätten das mit ansehen können, aber sie, sie

telegraphierte ihm ihre Kündigung. -- Er suchte und jagte den Premier

von Ort zu Ort des Wahlkreises, immer erregter, weil er sich mit ihm,

der vielleicht vor ihm herjagte, nicht verständigen konnte. Sie durften

nicht viel telephonisch oder telegraphisch hin- und herfragen; es hätte

auffallen können. Die Beamten konnten, vom Parteifieber der Wahltage

ergriffen, unzuverlässig sein. Und es durfte auch nicht das geringste

Gerücht von einer solchen Zusammenkunft in die Öffentlichkeit dringen.

Die höchsten Staatsinteressen waren in Gefahr. Vielleicht waren die

Gegensätze im Volke durch die Erregung der Tage und die äußern Vorgänge

zu unberechenbarer Maßlosigkeit aufgestachelt. Aber hier dieser

armselige Wirtssaal vermochte ihn aufzuhalten. Hier wartete er, um zu

ein paar Bauern zu reden. Keine Sorge störte, beirrte ihn. Er wußte

nicht, daß er ein Heim, eine Familie hatte, sah nicht fern sein Kind

einsam sterben, die Frau umherirren, ihr verlorenes Glück suchen. -- Mit

dem Ernst und der Entschlossenheit eines Mannes, der seine oberste

Pflicht kennt, schreitet er dahin, auf dem die ganze schwere

Verantwortung des Vertrauens aller ruht und der sich würdig fühlt, weil

die Sache ihm heilig ist, nicht Ruhm, nicht Einfluß, nicht einmal Liebe

des Volkes ihn lockt, nichts, nichts an ihm ihm selbst gehört, alles

allen, der Zukunft, der Nation. -- Und er steigt zwischen den leeren

Tischen, den eingeschobenen Stuhlreihen zur Tribüne empor, merkt gar

nicht, daß der Saal leer ist, -- sie hob sich auf die Fußspitzen, um in

die Fenster zu sehen, -- steht schon oben und beginnt wirklich seine

Rede. Wie bei solchem Manne, solchem Erfülltsein vom Feuer der Ideen

nicht anders zu erwarten, bemerkte er nicht, daß die Bauern, die er

gesehen hatte, und auch alle Nachfolgenden sich nicht hereinzukommen

getrauten, als sie ihn drin schon reden hörten, sondern ehrfürchtig

draußen vor der Tür stehen blieben und lauschten. Die stille, immer

schwülere Mittagsluft wurde durchschnitten von seinen immer

leidenschaftlicher herausgeschleuderten Anklagen, Forderungen,

Beschwörungen, Beweisen. Die Luft zitterte, die Fenster klirrten, die

Bretter der Bühne bebten von der Erregung seiner Füße.

Dem Chauffeur wurde es draußen unheimlich. Dazu, dachte er, das viele

Benzin, das jetzt so unerschwinglich teuer ist und manchmal einfach

überhaupt nicht zu haben? Und er sah auf die Menge, die sich immer mehr

vor dem Hause staute. Langsam kamen sie, sehr langsam, einzeln, in

Gruppen, aber unaufhörlich und immer zahlreicher -- da sah er zwischen

ihnen die Landstraße herunter -- oder wuchs sie hinter dem Auto aus dem

Boden hervor? -- die Frau seines Herrn wirklich und wahrhaftig auf sich

zukommen, mitten unter den Landleuten mit ihrer städtischen Kleidung und

ihrem städtischen Gang, leicht, vielleicht schwebend, mit einem kleinen,

aber darum nur um so wunderbareren Abstand zwischen ihren Füßen und dem

Boden und winkte ihm; ihm, dem Chauffeur, unleugbar und in einer Weise,

in der man Untergebenen nicht winkt, außer in einer einzigen, bei einer

wirklichen Dame unbegreiflichen Absicht.

Einundzwanzig Jahre diente der Mann der Organisation und man kann sich

denken, daß er alle diese Zeit über nicht immerwährend gleich jung

geblieben war. Aber sie winkte ihm wirklich, deutlich, lebhaft, mit ein

wenig verzogenem Mund, jawohl! es gibt Prahlhänse, die sagen würden, mit

einem verheißungsvollen Lächeln. Die Frau des Herrn, ein Teil vom ihm!

dachte er vielleicht. Es war ungehörig, daß sie ihm winkte, aber wie

unerträglich unziemlich wäre es gewesen, wenn er nun auch noch gar nicht

gefolgt wäre. Konnte man sich's nur überhaupt vorstellen? War es nicht

eine Ehre, daß sie ihm winkte? Welch eine unerhörte Überhebung,

Frechheit wäre es gewesen, dies nicht so aufzufassen? In mancher

Hinsicht geradezu eine Beleidigung des Herrn! --

So verkehrt empfindet naive Demut manchmal, so wehrlos!

Die Frau deutete auf ein Haus und schwebte mit ihrem schwellenden jungen

Körper, den zarten weißen Gliedern, den runden duftenden voraus. Der

Chauffeur war unglücklich, peinvoll zerrissen, gedrückt und beklommen,

als er ihr folgte.

Die Worte, die der Herr drin im Wirtssaal zu sagen hatte, waren

hinausgeglüht und er eilte durch die enge Gasse zwischen den Tischen

davon. Ein Schauer ergriff die Menge draußen vor den Fenstern, als in

diesem Augenblick über die leeren Tische ein gewaltiger Applaus

hinrauschte und von den eingeschobenen Sesselreihen jubelnde Zurufe

einer begeisterten Menge ertönten. Er achtete nie darauf, wie die Reihe

Gesichter vor ihm zugehört hatte, das Verständnis, der Wille der anderen

ihm antworteten. Es mußten doch alle bis ins Innerste von dem

durchdrungen werden, was so wahr war? Wenn einzelne so böse oder so

unglücklich waren, es nicht zu verstehen, durfte ihn das ja nicht

berühren.

Als er nun heiß und strahlend unter die Leute vors Haus trat, wichen,

prallten sie ehrerbietig zu beiden Seiten zurück und er nickte ihnen mit

Handbewegung und durchleuchtetem Blick Abschied zu, sich mit leichtem

elastischen Schwung, wie Fürstlichkeiten nach festlichen Empfängen, ins

Auto schwingend und sah erst, als er schon drin war, den einen Fuß noch

auf dem Trittbrett, daß der Chauffeur nicht da war. Er sah sich um:

Nirgends! Nur die Verlegenheit der Leute, die betretene angstvoll

neugierige Spannung, der inständige Wunsch aller Gesichter, er möchte

doch nicht hin, gerade hinschauen, wies seinen Augen den Weg. Nur einen

Augenblick huschten die zwei Gesichter an dem Fenster ohne Vorhang

vorbei, aber seinetwegen hätte der Vorhang nicht zurückgezogen sein

müssen. Er sah durch die Mauer, sah die Hände des Chauffeurs mit seiner

Frau beschäftigt. Ja natürlich, sie war es! Welche Frau hätte er denn

auch sonst sogleich ohne Toilette erkennen können? -- Aber wie war er

vollkommen Politiker! Als jetzt sein Bewußtsein, Willen, Denken gefroren

aussetzten, öffneten sich seine Lippen und sagten, -- er hörte es, --

mit überzeugender Nachlässigkeit: Der Kerl sei nicht zurückzuerwarten!

Er habe ihn nur mit einem Telegramm zur Bahn geschickt und wohl wegen

des dummen Benzins habe der kleinliche Mensch nicht das Auto benützt. Ob

vielleicht jemand von ihnen oder im Dorf ein Auto lenken könne? Nein? --

Er habe unmöglich Zeit zu warten! Die Versammlung in Klarbach. -- Er

müsse es zu Fuß versuchen. Man solle ihn also sogleich nachschicken,

wenn er komme.

Er sprang von seinem Sitz und eilte. Er hatte sich geirrt! Im nächsten

Dorf wartete seine Frau auf ihn, konnte er denken, je weiter er war, nur

schnell! damit sie nicht zu lange warte! Mitten in der ersten

Zuhörerreihe der nächsten Versammlung würde sie sitzen, hinter der Tür

des nächsten Wirtssaals mit einem »Baff« hervorspringen, sobald er

öffnete; oder hatte sonst eine Überraschung für ihn vor. Sie war doch

solch ein Kind, solch ein süßes großes lustiges Kind!

Aber zu diesen Menschen gehörte er nicht. Er dachte: Mein Kind ist tot,

die Frau ist tot. -- Aber ich habe keine Zeit!

Er lief; er flog. Der Ministerpräsident wartete auf ihn! Er hatte nie

gewußt, daß man so schnell laufen konnte. >Vielleicht handelte es sich

um die Altersversorgung der abgeschufteten Überbleibsel armer

mißbrauchter Menschmaschinen oder um die Behütung der Kinder vor Hunger,

schlechter Luft und Haß und zerstörender Arbeit. -- Ich habe unrecht

getan und es geschieht mir unrecht. Oder geschieht mir vielleicht recht!

Aber ich habe keine Zeit! -- Auf jeden entfällt das entsprechende Maß

Glück und Unglück, wenn er sich nur natürlich benimmt. Aber sie warten

alle, die auf mich vertrauen! Wie sind sie doch mehr als ich, ich

einzelner! Der Ministerpräsident wartet auf mich! --<

Er lief, raste, aber gleichmäßig, hetzte nicht! Oh, er hatte sich in der

Gewalt, wenn es nottat. Er mußte ja lange ausdauern. Er wollte das Ziel,

verschmähte die kluge Mäßigung nicht, wußte, daß sie mehr war als die

Tollheit. -- >Vielleicht handelte es sich um eine neue Verteilung des

Bodens, um reine, lichte, hohe Wohnungen für jeden, für alle, um die

Abschaffung der Gefängnisse, der Kriegsrüstungen. Für jeden sein

Häuschen, sein Gütchen, sein kleines irdisches Glück, auf dem das ewige

Große seiner Seele und seines Geistes gesund und gerade wachsen konnte.

Vielleicht --<

Alles an ihm wurde Fuß. Er hatte nur diese Muskeln. Er sah nicht, hörte

nicht, roch nicht. Sein Atem ging gehorsam im Schritt.

Der Chauffeur war aus Pflichteifer so rasch hinter ihm hergefahren, aus

Reue, Treue. Die versäumte Zeit einzubringen, ihn rasch einzuholen, und

merkte nichts von dem Hindernis, das er überrannte. Die Straße war

schlecht. Und als man ihn später zu dem blutigen zerquetschten Leichnam

führte, ihn zu agnoszieren, wollte er lange nicht glauben, daß er es

gewesen sei, der seinen Herrn überfahren hatte.

***

Der blaue Sommernachmittag lag über dem Dorf. In den Feldern klangen

wieder die Sicheln und Sensen und rauschten in den Halmen zu den Reden

der Weiber. Von einigen ganz nahen hörte man es bis vor das Wirtshaus,

wo ein Teil der Bauern zurückgeblieben war, die einen in Scheu, die

andern in erregtem Lärm das Erlebte besprachen.

In den Dorfstraßen schliefen die Hunde, die Sonne brannte in die leeren

Höfe und das Kind hinter dem Fenster war von seiner Mutter gesäugt und

wieder in seinem Stübchen eingeschlossen, schlief in seinem Korbe und

lachte im Schlaf und hatte den Finger im Mund.

Zwei Erzählungen · 第 6 / 6 题