Die Tränen stiegen ihm auf. »Ja, ja, natürlich!« sagte er eilig, »gern!«

Sie nickte gerührt und streichelte seinen Arm. »Alles?« fragte sie leise

und zaghaft, »und wenn es das Schwerste auf der Welt wäre?«

»Alles,« erwiderte er ernst und eine Welle überströmender inniger

Hingabe hob ihn hoch, er wäre in dem Augenblick wirklich alles für dies

fremde Geschöpf zu tun imstande gewesen.

Sie stand eine Weile und atmete tief. Dann winkte sie ihm entschlossen,

ihr zu folgen und ging eilig quer über den Garten dem Hause zu.

Er sah nach der Gartentür aus. Ja, sie war ganz nahe, aber geschlossen.

Das Mädchen wandte ungeduldig den Kopf nach ihm. Da kletterte er denn,

wiewohl es mit dem wunden Bein einigermaßen beschwerlich war, über den

Zaun. Vor dem Hause hielt sie an und wartete auf ihn.

Er stand nun vor ihr.

»Ich weiß ja nicht, ob es nützen wird,« sagte sie mutlos und sann mit

halbgeschlossenen Augen vor sich hin, »aber tun muß man es doch! Man muß

doch!« Eine Verzweiflung zuckte in ihrem weißen Gesicht, die nicht

niederzuzwingen war. Ihr Mund, ihre Nasenflügel, ihre Augenlider

zuckten.

»Worin soll ich Ihnen helfen?« fragte er nach einer geraumen Weile, um

sie an seine Anwesenheit zu erinnern.

Sie sah auf: »Ich werde es Ihnen zuerst erzählen,« und sie wies auf die

Bank neben der Tür, ohne sich selbst zu setzen. »Wissen Sie, ich hätte

ja einfach jemanden aus dem Dorf unten rufen können. Der Pope hätte

mir's auch getan. Aber ich muß einen Fremden dazu haben. Ich weiß nicht,

ob Sie das verstehen werden. Ich würde es nicht ertragen, wenn es ein

Freund oder überhaupt ein Bekannter von früher wäre. Nicht, daß ich

fürchtete, sie könnten mich steinigen. Oder doch ja, ein wenig fürchte

ich mich schon auch!« Sie lauschte nach dem Hause hin. Nichts rührte

sich dort. »Er ist nicht fort,« begann sie geheimnisvoll, »nein, er war

überhaupt nicht fort. Ach, Sie wissen ja noch gar nicht, daß ich verlobt

war; doch? Nun, ich ließ ihn nicht. Der Krieg dauerte damals schon so

lange. Er wurde irgendwo in der Ferne ausgekämpft. Niemand dachte, daß

er uns hier angehen könnte. Er begann erst für mich, als mein Bräutigam

einberufen wurde. Am letzten Abend nun war er bei uns bis spät in der

Nacht. Und ich goß wieder und wieder sein Glas voll. Ich hätte es auch

ohne Absicht getan. Er war so traurig! Ja, ja, das kann er nicht

leugnen. Und ich, ach, was war ich an diesem Abend! Niemand freilich sah

mir an, wie wahnsinnig ich war. Alle weinten sie mehr als ich. Nach dem

Abschied dann, als er fortging, ging ich mit ihm vor die Tür hinaus, die

Treppe hinab, auf die Gasse. Niemand wunderte sich, daß ich mich von ihm

nicht trennen konnte. Er aber wußte nicht, wo er ging und fast nicht,

wer mit ihm sprach. Er lachte und sang und mein Vorhaben war leichter

auszuführen, als ich gedacht hatte. Ich führte ihn hinunter in unsern

Kohlenkeller,« sie dämpfte ihre Stimme und faßte heftig seinen Arm.

Spitz bohrten sich die umklammernden Finger ein, »nicht in den andern,

wo alle unsere Vorräte lagen und jeden Augenblick jemand hineinkam! Das

war wohl überlegt. Ich band ihm Hände und Füße, das können Sie mir

glauben. Band auch ein dickes Tuch um seinen Mund. Ein unabsichtlicher

Schrei oder Ausruf in der Überraschung des Erwachens, dachte ich, wenn

gerade zufällig jemand am Keller vorbeikäme. Und die Vorsicht erwies

sich weit notwendiger, als ich dachte, aber aus einem Grunde, den ich

wahrhaftig nicht hatte voraussehen können. Ich dachte nur, wenn wir es

vorher beraten und beschließen würden, würde er es nicht wagen. Deshalb

hatte ich ihn dazu zwingen wollen. Doch er war mit dem Mittel zur

Rettung unzufrieden, denken Sie nur! Als er am Morgen seinen Rausch

ausgeschlafen hatte, begann ein richtiger Kampf zwischen uns. -- Ich war

früher als alle anderen im Hause aufgestanden. Nicht aus Vorsicht und

Ängstlichkeit. Ich hatte die ganze Nacht nicht schlafen können vor

Glück, vor Freude über den Einfall und die gelungene Ausführung.

Behutsam schlich ich durchs schlafende Haus. Mir war so selig zumute,

als schliche ich zu einem verbotenen Stelldichein. Wie dankbar würde er

mir sein für diese Eingebung der Liebe, dachte ich. Wie zu unverhofftem

neuem Leben erwacht, mußte er sich doch fühlen! Statt in den Krieg zu

müssen, im Arm der Geliebten zu bleiben, in ihrem Hause, von ihr

gepflegt! Und ich malte mir aus, wie ich ihm das Leben drunten in dem

engen dumpfen Raum erleichtern und verschönern wollte, ohne selbst die

Eltern einzuweihen, da es ja allzu gefährlich war. Aber er, -- als ich

ihn zärtlich mit Küssen weckte, als er erfuhr, was ich vorhatte, -- er

wurde tobsüchtig vor Zorn über meine Zumutung. Sofort solle ich ihn

freilassen, damit er noch den Zug erreiche. Ich flehte schmeichelnd und

kosend, ohne auf seine Worte zu hören, er möchte, wenn schon nicht

anders, so aus Güte und Mitleid für mich dableiben, da es doch ging. Er

wäre einfach verschollen. Kein Mensch würde ihn hier suchen. Ich kniete

vor ihm und bat ihn weinend mit gerungenen Händen. Er aber stieß mich

von sich und herrschte mich wütend an, ich solle mich schämen, in

solcher ernsten Sache eine so lächerliche Komödie zu machen. Ich

verstünde von diesen Angelegenheiten nichts. Was würden die Leute im

Dorf und was seine Kameraden bei der Kompanie von ihm sagen? -- An

solche Dinge dachte er, wo es sich um sein Leben handelte! Wahrhaftig,

die Männer wissen nicht, was das Leben ist! -- Und als er nachher, da

ich ihn um keinen Preis losbinden wollte, mit aller Kraft um Hilfe zu

brüllen begann, da packte mich die Wut über seine Dummheit und die

Verzweiflung, daß er nun doch fort sollte und ich stopfte ihm ein Tuch

in den Mund und band es fest. Da mochte er beißen und sich werfen,

soviel er wollte. Ich werde ihn eben zu seinem Glück zwingen, wenn er so

dumm ist, dachte ich. Er wird mir schon einmal Dank wissen. Aber

schrecklich war es, wie er so hilflos war und ganz in meiner Gewalt, er,

vor dem ich immer demütig gezittert hatte.« Grauen verzerrte ihr Gesicht

und verdunkelte ihre Augen voll Tränen, »hatte ich denn nicht recht?

Gehörte er nicht auch mir? Durfte er überhaupt noch allein über sich

bestimmen? Nun, -- Sie verstehen jetzt, warum ich nicht fliehen wollte.

Ich war ja glücklich, als sie alle fort waren. Es wurde mir nicht

leicht, meinen Gefangenen mit allem Notwendigen zu versehen, ohne daß

jemand etwas ahnte. Aber ich war schlau. Es gelang mir sogar,

unauffällig, einen Teil der Kohle hinaufzuschaffen. Ich kochte ihm seine

Lieblingsspeisen, brachte ihm täglich frische Tannenzweige und Blumen,

weil die Luft unten so dick und häßlich war, aber ihn freute nichts von

alledem. Eine Zeitlang berührte er die Speisen nicht und wollte

verhungern. Zu schreien oder sonstwie aus dem Loch heraus zu wollen,

wagte er nicht mehr. Er wollte nicht als Deserteur erschossen werden.

Mich haßte er. Ja! Er drehte mir den Rücken, wenn ich eintrat; er stieß

nach mir, wenn ich ihm nahe kam. Wenn ich mich schmeichelnd an ihn

schmiegte, von süßen Hoffnungen sprach, vom baldigen Kriegsende und den

schönen Tagen unserer Zukunft, da lachte er nur so eigentümlich, daß es

einem kalt den Rücken hinablief oder er wurde wild und schlug mich.

Manchmal weinte er, wenn ich kam. >Ach, wie schön auf Wiesen in freier

Luft zu schlafen,< sagte er, >zwischen den Kameraden durch Wälder

marschieren oder über Felder hinstürmen!<

Er war nicht krank, gar nicht! Nur ein wenig schwach natürlich. Ewig in

dem Loch voll Kohlenstaub zu sein bei dem elenden Licht des Öllämpchens!

Wer konnte aber auch wissen, daß der Krieg so lange dauern würde?

Ich sehnte mich nach ihm, so wie er ehedem gewesen, nach einem guten

Wort, nach seinem sanften Streicheln. Aber er war stumpf und leblos

geworden wie ausgedörrt und wurde immer stumpfer und lebloser.

Das ging so Monate.

Als die deutschen Granaten um uns hier in die Häuser schlugen, kam ich

lachend und weinend vor Freude zu ihm hinunter, tanzte und sprang:

Jetzt, jetzt war die schreckliche Gefangenschaft für ihn zu Ende, jetzt

konnte er heraus und die Rettung war besiegelt. >Siehst du, siehst du,

wo wärst du jetzt, wenn ich dich gelassen hätte?< Und ich umschlang ihn

jauchzend und wollte mit ihm umhertanzen, soweit es der Raum zuließ. Da

aber kam das Entsetzliche!« Ein Zittern lief über ihren Körper und sie

neigte sich vor, als sähe sie das, was sie erzählte: »Er schleuderte

mich von sich; bis zur Tür flog ich. >Wie kannst du dich freuen, wenn

die Feinde kommen? Du Ehrlose, Hirnlose, du Tier aus dem Stall!< Der

Schaum stand ihm vor dem Mund. Mit geschwungenen Fäusten stürzte er auf

mich los. Ich war zuerst wie gelähmt vor Angst und Schrecken und

Verblüffung. Dann floh ich, warf hinter mir die Tür zu und versperrte

sie. Ich überlegte nicht warum, aber nicht aus Furcht meinetwegen,

wahrhaftig! Droben rast der Kampf, dachte ich, er weiß jetzt nicht, was

er tut und rennt in die Kugeln. Mußte ich nicht so denken? Wo, wo ist

meine Schuld?« Sie schlug die Hände vors Gesicht, geballte Fäuste bohrte

sie in die Wangen. Keuchend, schwer schleppte die Brust ihren Atem. »Vor

der geschlossenen Tür,« fuhr sie nach einer langen Pause sehr leise

fort, »auf den Stufen kniete ich atemlos, als wenn ich wer weiß wie

gelaufen wäre, und lauschte. Ich weiß nicht, ob er mit dem Kopf gegen

die Mauer rannte oder ob er in der Raserei so unglücklich zu Boden

stürzte. Es war nicht zu unterscheiden! Ich war sogleich drin, als ich

ihn hinschlagen hörte. Ich untersuchte ihn und dachte: Gottlob, es ist

ihm nichts geschehen. Es floß kein Tropfen Blut, es war keine Wunde.«

Sie richtete sich mit matter Willenskraft langsam auf: »Also kommen

Sie!« Und sie wandte sich ins Haus.

Zwei Erzählungen · 第 4 / 6 题