L. T.«

* * * * *

Mehr als zehn Jahre sind verstrichen, seit ich die letzten Zeilen

meiner Erinnerungen an Leo Tolstoi schrieb.

In diesem zehnjährigen Zeitraum hat Tolstoi seinen Platz in der

Literatur nicht nur niemandem abgetreten, sondern sein Ruhm nahm

ständig zu. Jedes seiner Werke erregte beim Erscheinen in allen

Schichten der russischen Gesellschaft wie im Auslande begeistertes

Interesse. Es ist schwer, sich die Vorgänge zum Beispiel bei

Erscheinen der »Kreuzersonate« und der »Macht der Finsternis«

vorzustellen. Noch nicht zum Druck freigegeben, wurden diese Werke

schon in Tausenden von Exemplaren abgeschrieben, gingen von Hand zu

Hand, wurden in alle Sprachen übersetzt und überall mit unglaublicher

Leidenschaft gelesen. Es schien bisweilen, als wenn das Publikum, alle

persönlichen Angelegenheiten vergessend, nur für die Literatur des

Grafen Tolstoi lebte. Die wichtigsten politischen Ereignisse wirkten

auf die Massen nicht mit solcher Macht. Die erwähnten beiden Werke

erschienen in den letzten Regierungsjahren Kaiser Alexanders III.,

der Tolstoi außerordentlich liebte und es selten glaubte, wenn man

ihm nicht ganz beifällig aufgenommene Artikel brachte, die Tolstoi

zugeschrieben wurden. »Nein,« sagte der Kaiser dann, »mein Tolstoi

schreibt so etwas nicht.«

Der Kaiser fragte mich oft nach Tolstoi und beriet sich sogar mit mir,

wenn es sich um die Zensur der Tolstoischen Werke handelte. So war

es auch mit der »Kreuzersonate«. Es kam darauf an, ob das Werk zum

Druck freigegeben werden sollte oder nicht. Ich erlaubte mir meine

Meinung in bejahendem Sinne zu äußern und hielt dem Kaiser vor,

daß ganz Rußland das Werk schon mit Gier gelesen hätte und daß die

Freigabe die Erwartungen des Publikums nur herabstimmen könnte. An

demselben Tage unterhielten wir uns über die Popularität Tolstois,

und ich äußerte mich dahin, daß in Rußland eigentlich nur zwei

Personen wahrhaft populär seien: Graf Leo Tolstoi und Pater Johann von

Kronstadt.

Der Kaiser lachte sehr über diese Zusammenstellung, gab aber zu, daß

sie richtig sei, trotz der Grundverschiedenheit der beiden Typen, die

nur das gemeinsam hätten, daß zu beiden Angehörige aller Stände um

Rat kämen.

»Wenn die Sonne allzu hell strahlt, sind Wolken nicht fern.«

Dieses Sprichwort bewahrheitete sich auch an Tolstoi. Auch für

ihn brachen trübe Zeiten herein. Einerseits ging die Verehrung und

Beweihräucherung weiter; andererseits erschienen Feindschaft und Neid.

Nach meiner Auffassung gibt es nichts Traurigeres als Zeitungskriege.

In Moskau rührten sich plötzlich ganze Scharen unterirdischer

Ratten, die sich bemühten, Tolstoi nicht nur in der Gegenwart,

sondern auch in der Vergangenheit anzuschwärzen, indem sie

längst vergessene literarische Sünden ans Tageslicht zerrten, die

jeder Autor und Poet in seiner Jugend und Prahlerei sich erlaubt.

Das Schlimmste kam dann einzig durch die eigene Unvorsichtigkeit

Tolstois, der jede sogenannte öffentliche Meinung, besonders aber

die Zensur verachtete. Er ließ einen nicht für die Presse bestimmten

sehr regierungsfeindlichen Artikel von einem englischen Journalisten

mitnehmen, worauf dieser richtige Sohn des perfiden Albion den Artikel

unverzüglich in seiner Zeitung abdruckte; dabei versichernd, Tolstoi

hätte ihm die Erlaubnis erteilt.

Man kann sich vorstellen, mit welch teuflischer Schadenfreude

die Zeitungsratten in Moskau über diesen Artikel herfielen, ihn

nachdruckten, mit Kommentaren versahen und den Gedanken des Autors

natürlich einen ganz anderen Sinn beilegten. Ich will den Sturm

nicht schildern, der sich nach diesem Artikel in ganz Europa erhob,

und welche Strafen man für den armen Leo Tolstoi ersann. Sibirien,

Festung, Verbannung, fast den Galgen sagten ihm die Moskauer

Journalisten voraus. Die ausländischen Zeitungen waren ebenfalls voll

von dem Ereignis und zwei, drei Monate lang erhielt ich von überall,

Amerika nicht ausgenommen, Briefe mit der Anfrage, wozu denn nun

eigentlich der berühmte Schriftsteller verurteilt sei?

Als ich einst zum Grafen Dmitri Andrejewitsch Tolstoi, dem damaligen

Minister des Innern kam, traf ich ihn in großer Aufregung.

»Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll,« sagte er. »Sehen

Sie diese Anzeigen gegen Leo Tolstoi. Die ersten habe ich einfach ~ad

acta~ gelegt; ich kann doch aber dem Kaiser die ganze Geschichte nicht

einfach verheimlichen.«

»Natürlich nicht,« erwiderte ich. »Der Kaiser liebt aber Tolstoi

sehr! vielleicht mildert das sein Urteil.«

Es zeigte sich dann, daß der Kaiser unsere Erwartungen weit

übertraf. Seine Weisheit entschied die Frage auf ganz andere Art. Auf

den Vortrag des Ministers über das Vorgefallene und die starke

Erregung des Publikums erwiderte der Kaiser folgendes:

»Ich bitte Leo Tolstoi nicht anzurühren; ich habe nicht die Absicht,

einen Märtyrer aus ihm zu machen und mir die Mißbilligung ganz

Rußlands zuzuziehen. Ist er schuldig, um so schlimmer für ihn.«

Der Minister kehrte sehr glücklich aus Gatschina zurück; im Falle

strenger Maßregeln wären natürlich auch auf ihn Vorwürfe entfallen.

Mit Tolstois sprach ich, als wir uns dann wiedersahen, niemals über

diese Episode, in der ich zu viel Widersprüche und zu wenig Klarheit

fand.

Ich weiß nicht mehr, ob vor oder nach diesem Vorfall Tolstois Gattin

nach Petersburg kam, um eine Audienz beim Kaiser zu erlangen und ihn

um Schutz gegen die Moskauer Zensur zu bitten, die jede Gelegenheit

wahrnahm, Tolstoi zu schikanieren und zu benachteiligen. Der Kaiser

empfing die Gräfin sehr liebenswürdig, stellte sie der Kaiserin

vor, unterhielt sich lange mit ihr und gab seine Zustimmung zu

all ihren Wünschen. Leider verschwand diese Wohlgeneigtheit

nach einiger Zeit, teils aus Unbedachtsamkeit der Tolstois, teils

infolge Verleumdungen. Unter anderem hatte der Kaiser den Druck der

»Kreuzersonate« nur in den gesammelten Werken Tolstois, nicht aber

als Einzelausgabe gestattet. Da wurde plötzlich, man weiß nicht

durch wessen Schuld (natürlich nicht die der Gräfin Tolstoi),

die Sonate als Broschüre feilgeboten. Sofort hinterbrachten das die

nimmer rastenden »Freunde« dem Kaiser, und als ich zur Verteidigung

der Tolstois (ohne ihr Wissen) beim Kaiser erschien, war es schon zu

spät. Der erzürnte Kaiser ließ mich nicht zu Ende sprechen, sondern

brach in heftige Verwünschungen gegen Tolstoi aus.

Übrigens übte der Kaiser nie Vergeltung; ich war aber tief

bekümmert, daß der wechselseitige gute Eindruck für immer verdorben

war.

Der hervorstechendste Charakterzug Alexanders III. war unerbittlicher

Haß gegen Lüge und Betrug. Er selbst war ohne Falsch.

* * * * *

Im Jahre 1891 kam ich wieder nach Jaßnaja Poljana und fand dort

keine Veränderungen vor; nur waren die Kinder groß geworden, und

an das Haus war eine Veranda angebaut, wo man sich nach dem Essen

versammelte, wenn die Hitze nicht allzu groß war. Tolstoi schrieb

damals ein Werk über den Frieden und das völlige Aufhören des

Krieges. Wahrscheinlich wollte er sich vergewissern, welche Wirkung

seine neuen Dogmen auf mich ausübten, und so sprach er denn über

dieses Thema sehr beredt. Es wurden viele, sehr schöne und gesunde

Gedanken von ihm ausgesprochen; alles zusammen bildete aber ein

solches Bukett phantastischer, ultraromantischer Utopien, daß nur ganz

exaltierte Verehrerinnen sich dadurch hinreißen lassen konnten. Ich

hörte ihn schweigend an. Nur zweimal erwiderte ich auf seinen

fragenden Blick:

»Sehr schön auf dem Papier; nur schade, daß sich das nicht

verwirklichen läßt.«

Er hörte nicht auf mich, sondern fuhr in seiner Predigt fort.

Sophie Andrejewna teilte mir nachher mit, daß Leo auf ihre Frage,

worüber er so lange mit mir gesprochen -- geantwortet hätte: »Ich

habe Alexandrine zu meinen Gedanken über den Krieg bekehrt.«

Wir lachten sehr über diese Prätension.

Einmal fragte mich eine der Töchter, was ich über den Vegetarianismus

dächte?

»So gut wie gar nichts,« erwiderte ich, »weil das eine so

gleichgültige Frage ist, daß ich niemals ernstlich darüber

nachgedacht habe. Sie kann nur dann wichtig werden, wenn die Menschen

sich einbilden, dadurch Gott zu dienen -- und in diesem Falle nehme ich

an, daß sie sich irren. Übrigens ist die Frage längst entschieden.«

Leo hörte das schweigend mit an. Abends am Teetisch aber, als ich die

Hand ausstreckte, um einen Teller mit Schinken zu ergreifen, rief er

ironisch: »Gratuliere zum Essen vom toten Schwein!«

War das Scherz oder Rache -- jedenfalls wurde mir mein Butterbrot

zuwider.

Der Vegetarianismus spielte im Tolstoischen Hause eine große Rolle

und machte die Arbeit der armen Hausfrau noch komplizierter. Außerdem

teilte er die Familie in zwei Lager. Es war bisweilen sehr komisch,

wie Sophie Andrejewna bei Tisch feierlich erklärte, sie ließe _ihre_

Kinder nicht vegetarisch leben. _Ihre_ Kinder nannte sie die noch nicht

zwölf Jahre alten.

Sie hatte stets Sorge um ihren Mann, dem die Ernährung durch Brot,

Kartoffel, Grütze, Kohl, Pilze usw. bei seinem chronischen Leberleiden

sehr schädlich war.

Es geht das Gerücht, daß die Gräfin zur Zeit seines Gallenleidens

heimlich Bouillon unter all diese Gerichte mischte und daß Tolstoi

es nicht bemerkte, oder nicht bemerken wollte -- ähnlich gewissen

Mönchen.

Wenn ich Tolstoi während des Essens beobachtete, fand ich stets, daß

er wie ein ausgehungerter Mensch allzu schnell und gierig aß. --

Was viele Menschen, auch ich, für ein großes Glück halten,

nämlich Gefühlsgemeinschaft mit anderen und Übereinstimmung in den

Grundwahrheiten, hatte Tolstoi nicht nötig. Er hatte fast Scheu, mit

anderen Sterblichen auf einer Stufe zu stehen, und gab sich vielleicht

keine Rechenschaft darüber; in anderen Fällen aber griff er gierig

nach jeder Äußerung einer oft nur scheinbaren Sympathie.

Bei einem unserer Zusammensein fragte er mich, ob ich die Predigten

des amerikanischen Pastors X. (ich habe seinen Namen vergessen) schon

gelesen hätte. Ich verneinte.

»Nun, dann lies bitte meinen Briefwechsel mit ihm; er ist

in Sonderausgabe gedruckt, und merkwürdig, obwohl wir uns

nie gesehen haben, stimmen wir in allen Urteilen über Leben,

Religion und Menschenpflichten so überein, als hätten wir stets

zusammengelebt. Ich halte ihn für meinen besten Freund. Er wäre jetzt

achtzig Jahre alt; schade, voriges Jahr ist er gestorben.«

Ich nahm das Buch des Amerikaners abends mit, da ich die schlechte

Angewohnheit habe, nachts zu lesen. Wie groß aber war mein Erstaunen

und meine Verwunderung! Der Pastor schrieb genau das, was jeder

rechtgläubige, von Tolstois Theorien nicht beeinflußte Mensch

tausendmal gedacht und gesprochen hat.

»~My dear brother~« begann der erste Brief im sanften Tone eines

Reverend: »Ich bin glücklich, mit Ihnen bekannt geworden zu sein, und

möchte mit Ihnen völlig übereinstimmen, aber« -- und dann folgte

eine feine, aber unerbittliche Kritik aller Tolstoischen Axiome, die

mich an die Stelle im Evangelium erinnerte: Moses hat euch das und das

gesagt; ich aber sage euch ... usw.

Der ~dear brother~ erwiderte ganz im Geiste seines göttlichen Lehrers,

wich aber nicht um einen Schritt zurück, wenn es sich um den Ausspruch

handelte, dem Tolstoi solch verkehrte Auslegung gab, und der sozusagen

den Kernpunkt aller Tolstoischen Theorien bildet: »Du sollst dem

Bösen keine Gewalt entgegensetzen.«

Dann erhob der Amerikaner seine Stimme und enthüllte kühn das Falsche

dieser Ansicht sowie ihre Unanwendbarkeit im Leben.

»Wenn ein Räuber oder ein Verrückter in Ihr Haus kommt, geben Sie

ihm nicht nur Ihre Habe, sondern auch Ihr Weib und Ihre Tochter. Ich

aber, ~dear brother~, suche ihn möglichst festzubinden und möglichst

schnell zu entfernen, und kann in Ihrer unverständlichen Nachsicht

nicht die geringste wahre Liebe entdecken.«

Beim Lesen dieser Stelle wäre ich vor Freude bald aus dem Bett

gesprungen und strich mit starken Strichen alle Bemerkungen an, die

mich durch ihre Wahrheit überraschten. Am nächsten Tage ging ich, das

Buch in der Hand, in Leos Arbeitszimmer mit einer Miene, in der meine

unschuldige Schadenfreude wahrscheinlich allzu deutlich zu lesen war.

»Nun, hast du das Buch gelesen?« fragte Leo.

»Gewiß; ich habe eine reizende Nacht damit verbracht. Weißt du auch,

lieber Freund, daß dein Amerikaner ein Kleinod ist?«

»Und das sagst du?«

»Gewiß; ich bestätige es ausdrücklich und bin bereit, es zu

unterschreiben. Wie schade, daß wir uns nicht treffen können. Wir

würden uns ausgezeichnet verstehen.«

Dann legte ich, um meinen Triumph nicht allzu deutlich zu zeigen, das

Buch auf den nächsten Tisch.

Leo erwiderte nichts. Sobald ich mich aber umwandte, griff er nach dem

Buch und sah die angestrichenen Stellen durch. Natürlich erlaubten

Stolz oder Eigenliebe ihm nicht, seinen Fehler einzugestehen. Das

Sonderbarste aber war: wie konnte er sich so irren?

Der liebe gute und oft so unlogische Leo Tolstoi! Wieviel steckte in

ihm von dem, was die Franzosen ~pur enfantillage~ nennen! Ist es nicht

tatsächlich Kinderei oder Spielerei: dieses Schustern, Schleppen von

Brennholz, Ofensetzen usw.? Er aber führte alles durchaus ernst, wie

eine heilige Pflicht aus. --

Am selben oder nächsten Tage waren wir abends allein in Tolstois

Arbeitszimmer. Er war nicht sehr fröhlich und brachte selbst die

Unterhaltung auf folgendes Thema (wahrscheinlich hatte ihn etwas

gereizt):

»Du sagst immer, ich atme und lebe nur von Weihrauch. Wie viele

Menschen tadeln mich aber ganz mit Recht, weil mein Leben mit meiner

Lehre nicht übereinstimmt.«

»Mir scheint,« erwiderte ich, »daß man dich am meisten wegen deiner

unerfüllbaren Theorien tadelt. Um sie buchstäblich zu erfüllen,

müßtest du damit beginnen, daß du zunächst einmal verschwändest

-- nicht wahr? Du hast aber Familie und hast kein Recht, weder

sie zu verlassen noch ihr dein Streben und deine Überzeugungen

aufzubürden. Du selbst hast bis in dein reifes Alter angenehm

gelebt -- das wollen sie auch, da sie nicht die geringste Neigung zur

Bettelarmut und Feldarbeit oder zum Leben in einer Hütte verspüren.«

Leo hörte schweigend zu. Ein finsterer Ausdruck zog über sein

Gesicht. Endlich sagte er, tief atmend: »Du siehst, ich handele ja

auch so (daß ich ihnen in allen Dingen freie Hand lasse); aber es wird

mir schwer ...«

Nach dem Tee las Leo uns norwegische Novellen in russischer

Übersetzung vor, die er sehr lobte und auch tatsächlich gut las,

allerdings etwas befangen, wenn gefährliche, d. h. nicht ganz

anständige Stellen kamen.

Ich sah Tolstoi seitdem noch zweimal. Einmal bei meiner Durchreise

durch Moskau nach Woronesh zur Prinzessin von Oldenburg auf der

Bahnstation, wohin er mit seiner Tochter Tanja kam und sehr fröhlich

war, so daß mir der allerangenehmste Eindruck blieb. Ich scherzte,

daß er so elegant gekleidet sei; er trug einen wirklich sehr feinen

Pelz und ebensolch schöne Mütze -- wahrscheinlich Fürsorge seiner

Frau --, er selbst wäre nie auf den Gedanken gekommen.

Als die Zeit zum Einsteigen kam, gab Leo mir die Hand und fragte, ob

ich mich nicht genierte, mich mit ihm zu zeigen.

»Auf englisch nennt man das '~fishing for compliment~',« sagte

ich, »du weißt sicher, lieber Freund, daß viele Damen in diesem

Augenblick an meiner Stelle sein möchten.«

Meine Liebenswürdigkeiten waren so selten, daß er sich hiermit

zufriedengab. --

Mein zweites und letztes Wiedersehen fand einige Jahre später in

Petersburg statt.

März 1899

Winterpalais, Petersburg

Gräfin A. A. Tolstoi.

Erinnerungen an Leo N. Tolstoi · 第 8 / 10 题