_Bismarck_ hat das neue Preußen geschaffen, Preußens Vorherrschaft in
Deutschland begründet und das Deutsche Reich aufgebaut in Kriegen,
die er, wenn nicht herbeigeführt, so doch politisch vorbedacht und
diplomatisch vorbereitet hat; vorbedacht und vorbereitet in einer
Weise, daß der Gegner isoliert und eine der eigenen Macht überlegene
feindliche Koalition verhindert wurde. Nach dem Krieg von 1870/71
und der Begründung des Reichs war er nach seinem eigenen Geständnis
beherrscht von dem »cauchemar des coalitions« in einem Maße, daß
ihm dieser Alpdruck oft den Schlaf raubte. Ebenso wie Moltke, der
vorausgesagt hat, daß wir in fünfzig Jahren um die Errungenschaften
von 1870 würden kämpfen müssen, hat Bismarck klar erkannt, daß eine
Versöhnung des besiegten, in seinem alten nationalen und kriegerischen
Stolz schwer getroffenen Frankreich auf viele Jahrzehnte hinaus nicht
möglich sein werde, und daß damit jeder anderen Großmacht, die sich
zur kriegerischen Auseinandersetzung mit Deutschland entschließen
sollte, von vornherein ein nicht zu unterschätzender Bundesgenosse
gesichert sei. Die Gefahr der Bildung gegnerischer Koalitionen hat
durch diese Tatsache eine besondere Verschärfung erfahren; sie hat
für die Politik des Deutschen Reichs von Anfang an eine Erschwerung
geschaffen, wie sie die Politik keines andern Staates belastete.
Es ist bekannt, wie Bismarck diese Verhältnisse gemeistert hat. Bei
seinem Rücktritt hinterließ er uns eine Mächtegruppierung, die sich in
kurzen Zügen folgendermaßen umreißen läßt:
Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien in dem Schutzbündnis
des Dreibundes zusammengeschlossen. Rußland durch den geheimen
Rückversicherungsvertrag von jeder Allianz mit offensiven Zielen gegen
das Deutsche Reich abgehalten. England in der Gesamtorientierung
seiner Politik dreibundfreundlich, wenn auch frei von irgendwelchen
vertragsmäßigen Bindungen.
Bismarck selbst hatte den Wert von Bündnissen und Verträgen nie
überschätzt. Niemand wußte besser als er, daß Bündnisse und Verträge,
sollen sie in den Lagen, für die sie geschlossen sind, Stich halten,
der Untermauerung durch die Übereinstimmung der wirklichen Interessen
der vertragschließenden Teile bedürfen. Vor allem war sich Bismarck
klar über den bedingten Wert der Zugehörigkeit Italiens zum Dreibund:
auf der einen Seite war der italienisch-österreichische Gegensatz
nicht aus der Welt zu schaffen, sondern nur durch Vorteile, die Italien
im Dreibund fand, oder stärkere Gegensätze zwischen Italien und anderen
Ländern, namentlich Frankreich, zu überbieten; dann bedurfte Italien
angesichts seiner Küstengestaltung, wie Bismarck stets anerkannt hat,
einer Anlehnung an den maritimen Schutz Englands. Diese Voraussetzungen
für ein Sichwohlfühlen Italiens im Dreibund waren, als Bismarck im
Jahre 1890 zurücktrat, vorhanden: der Gegensatz zwischen Italien
und Frankreich, hervorgerufen insbesondere durch die Festsetzung
Frankreichs in Tunis, aufs äußerste verschärft durch einen heftigen
Zollkrieg, ließ die gegen Österreich gerichteten irredentistischen
Aspirationen zurücktreten. England, das in den Fragen des Mittelmeers
und in kolonialen Angelegenheiten in Gegnerschaft mit Frankreich stand,
und das sich durch die russische Ausdehnung nach Osten in seinen
asiatischen Interessen, vor allem in seiner Herrschaft über Indien,
bedroht sah, hielt damals noch ein Zusammengehen mit dem Dreibund --
trotz mancher Reibungen mit Deutschlands jungen Kolonialbestrebungen
-- für die richtige Politik. In Rußland allerdings hatten die
Nachwirkungen des Berliner Kongresses, die immer stärker werdenden
panslawistischen Bestrebungen, der Gegensatz zu Österreich-Ungarn in
den Balkanfragen, schließlich das Mißtrauen Alexanders III. gegenüber
der Bismarckschen Politik den Wert des im Jahre 1887 erneuerten
deutsch-russischen Rückversicherungsvertrages so stark ausgehöhlt,
daß bereits in den letzten Jahren der Bismarckschen Kanzlerschaft die
Gefahr des Zweifrontenkriegs für Deutschland akut zu werden drohte.
Das Gebäude der Sicherung Deutschlands gegenüber einer übermächtigen
feindlichen Koalition, wie es Bismarck seinen Nachfolgern überließ,
war ein äußerst kunstvolles. Es trug die Gewähr seines Bestandes nicht
in sich selbst, sondern ruhte in wichtigen Teilen auf einem leicht
veränderlichen Grunde, dessen Tragfähigkeit schon in der Vergangenheit
nur durch unablässige Achtsamkeit und ununterbrochene Bemühungen
erhalten werden konnte und für die Zukunft durch kaum abwendbare
Entwicklungen schwer bedroht erscheinen mußte.
Alsbald nach Bismarcks Rücktritt begann das von ihm geschaffene
und schließlich von ihm nur noch mühsam aufrechterhaltene System
abzubröckeln.
Der Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages mit _Rußland_ im
Jahre 1890 folgte in kurzer Zeit die russisch-französische Entente,
die sich im weiteren Verlauf zu dem Zweibundsvertrag verdichtete. Die
Gefahr des Zweifrontenkriegs war damit vom Anfang der neunziger Jahre
des vorigen Jahrhunderts an zu einer dauernden geworden. Alle deutschen
Bemühungen, das russisch-französische Bündnis zu lockern, blieben in
der Folgezeit ergebnislos.
Das Verhältnis zu _England_ blieb zunächst noch ein gutes. Während
wir durch den Helgoland-Zanzibar-Vertrag von 1890 koloniale
Reibungspunkte aus unsern Beziehungen zu England beseitigten, bestand
die britisch-französische Kolonialrivalität fort und erreichte im
Jahre 1898 mit dem Zwischenfall von Faschoda ihren Höhepunkt. Noch
mehr fiel ins Gewicht, daß der starke Gegensatz zwischen England und
Rußland sich in unverminderter Schärfe erhielt. Unter solchen Umständen
konnte man in Deutschland die Hoffnung hegen, daß es einer umsichtigen
Politik gelingen werde, die für uns bedrohlichste Koalition -- den
Zusammenschluß Englands mit dem seine Spitze gegen Deutschland und
seine Verbündeten richtenden Zweibund -- zu verhindern.
Diese Hoffnung schien sich zu bestätigen, nachdem in England die
Erregung über die »Krügerdepesche« (Januar 1896) sich gelegt hatte
und die britische Regierung, trotz der damals schon erwachten
Handelseifersucht, den Versuch einer entschiedenen Annäherung an
Deutschland machte. Kein Geringerer als Josef Chamberlain setzte
sich in jener Zeit öffentlich für einen germanisch-angelsächsischen
Dreibund ein, bestehend aus Deutschland, Großbritannien und Irland und
den Vereinigten Staaten von Amerika. Aber dieser Annäherungsversuch
fand sowohl bei der deutschen öffentlichen Meinung, die gerade damals
infolge des Burenkrieges stark gegen England erregt war, wie auch bei
der Reichsregierung, die sich zwischen England und Rußland freie Hand
wahren wollte, keine ermutigende Aufnahme. Die Entwicklung kulminierte
in dem zwischen Deutschland und England im Herbst 1900 abgeschlossenen
Abkommen über China (in Deutschland zumeist »Yangtse-Abkommen«
genannt), in dem die beiden Mächte sich gegenseitig auf den Grundsatz
der offenen Tür festlegten und sich eine Verständigung für den Fall
vorbehielten, daß eine andere Macht die chinesischen Wirren benutzen
sollte, um territoriale Vorteile zu erlangen. Dieses Abkommen wurde in
der internationalen Öffentlichkeit als ein Zusammenschluß Deutschlands
und Englands gegen die russischen Aspirationen auf die Mandschurei
aufgefaßt. Aber gerade in diesem entscheidenden Punkte stellte sich
eine ernste Verschiedenheit der Auslegung zwischen der deutschen und
der großbritannischen Regierung heraus. Als wenige Monate nach dem
Abschluß des Abkommens die Frage durch Rußlands Vorgehen akut wurde,
erklärte Fürst Bülow im Reichstag, daß sich das deutsch-englische
China-Abkommen nicht auf die Mandschurei beziehe; darüber sei auch
bei den Verhandlungen über das Abkommen den britischen Staatsmännern
kein Zweifel gelassen worden. Demgegenüber erklärte Lord Salisbury im
Unterhaus, daß die Behauptung, Deutschland habe bei den Verhandlungen
die Mandschurei ausgenommen, nicht den Tatsachen entspreche. Auf
diese Weise kam es statt zu einer ihre Spitze gegen Rußland kehrenden
deutsch-englischen Annäherung zu einer tiefgehenden, die weitere
Entwicklung wohl endgültig beeinflussenden deutsch-englischen
Verstimmung und zu einer von Rußland freudig begrüßten, aber mit
keinem Dank entgoltenen deutschen Rückendeckung für die russische
Ostasien-Politik.
Der weitere Verlauf der Dinge erhielt sein Gepräge durch die
Annäherung zwischen England und Frankreich, die sich schließlich
unter Einbeziehung des russischen Bundesgenossen der französischen
Republik zur Triple-Entente ausweitete. Es muß festgestellt werden, daß
bereits im Sommer 1903 der nachmalige Staatssekretär des Auswärtigen,
Sir Edward Grey, als oppositioneller Abgeordneter den Versuch des
Zusammengehens mit Deutschland in den ostasiatischen Angelegenheiten
als einen erwiesenen Mißgriff bezeichnete und daraus die Folgerung zog,
eine Annäherung an Rußland zu empfehlen.
In _Frankreich_ wirkte die Demütigung von Faschoda einige Zeit stark
nach. Im Burenkrieg ergriff die öffentliche Meinung in Frankreich kaum
minder lebhaft gegen England Partei als in Deutschland. Aber bald waren
Kräfte am Werk, die gerade aus der Demütigung von Faschoda eine neue
Orientierung der französischen Politik gegenüber England herleiteten.
Faschoda hatte gezeigt, daß gegen Deutschland _und_ gegen England
Frankreich seine Großmachtstellung nicht würde behaupten können. Das
alte Revanchebedürfnis gegenüber Deutschland erwies sich in dieser Lage
als stärker denn die neue Erbitterung über die Vergewaltigung durch
England. Delcassé als französischer Minister des Auswärtigen leitete
in stiller und zäher Arbeit die britisch-französische Annäherung
ein. Er fand in England günstigen Boden. Dort hatte man endgültig die
Hoffnung, in Deutschland ein Werkzeug gegen Rußland gewinnen zu können,
aufgegeben; die Handelseifersucht gegen Deutschland wuchs mit der
Entfaltung der deutschen Wirtschaftskraft, namentlich des deutschen
Außenhandels, der deutschen Unternehmungen im Ausland und der deutschen
Handelsflotte, von Jahr zu Jahr; die Vergrößerung der deutschen
Kriegsflotte, eine durch die Vermehrung des Außenhandels und das
Wachstum der Handelsflotte gerechtfertigte Entwicklung, erregte mehr
und mehr Besorgnis; und schließlich bestieg nach dem Tode der Königin
Victoria im Januar 1901 Edward VII. den britischen Thron.
Die Entente zwischen Frankreich und England trat vor aller Welt
offenkundig in Erscheinung in dem am 8. April 1904 unterzeichneten
Abkommen, das neben einer Anzahl schwebender kolonialer Fragen Marokko
und Ägypten behandelte. Soweit Marokko in Betracht kam, zeigte diese
diplomatische Aktion in der Sache wie in der Form eine Spitze gegen
Deutschland. England und Frankreich setzten sich -- in dem erst
später veröffentlichten Geheimabkommen noch sehr viel deutlicher als
in dem offenen Vertrag -- über die erheblichen deutschen Interessen
in Marokko und über die auch von Deutschland unterzeichnete Madrider
Konvention von 1880 hinweg, während sie den vierten Hauptinteressenten,
Spanien, in einem öffentlichen und einem geheimen Abkommen vom
7. Oktober 1904 abfanden und zum Teilhaber ihrer Aktion machten.
Sie setzten sich über die deutschen Rechte und Interessen hinweg,
ohne der deutschen Regierung eine offizielle Mitteilung über das
Deutschland so nahe berührende Abkommen zu machen. Die deutsche
Regierung zeigte zunächst eine bemerkenswerte Zurückhaltung. Erst als
Frankreich zu tatsächlichen Maßnahmen in Marokko schritt, die eine
nicht mehr zu ignorierende Verletzung der Souveränität des Sultans
von Marokko und der auf der Madrider Konvention beruhenden deutschen
Rechte darstellten, gab Deutschland durch den Besuch des Kaisers
Wilhelm in Tanger zu erkennen, daß es nicht gewillt sei, sich als
nicht vorhanden behandeln zu lassen. Dieser Schritt klärte die Lage.
Delcassé, der mit allem Nachdruck für die Ablehnung der unbestreitbar
berechtigten Forderung auf internationale Regelung der bisher durch
die Madrider Konvention international geregelten Marokkofrage eintrat,
konnte sich im französischen Ministerrat auf die Zusage nicht nur
diplomatischer, sondern auch militärischer Unterstützung Englands
gegenüber Deutschland berufen[1]. Wenn es nicht zum Kriege zwischen der
neuen englisch-französischen Koalition und dem Deutschen Reiche kam,
wenn Frankreich vielmehr die von Deutschland vorgeschlagene Regelung
der Marokkofrage durch eine neue internationale Konferenz schließlich
annahm und den zum Krieg entschlossenen Delcassé fallen ließ, so lag
der Grund hierzu nicht bei dem Friedenswillen der englischen Regierung
oder einer Selbstbesinnung Frankreichs, sondern lediglich in dem von
dem französischen Kriegsminister anerkannten Mangel an Bereitschaft
des französischen Heeres sowie in der Schwächung Rußlands durch den
russisch-japanischen Krieg und die inneren Wirren.
Die Konferenz von Algeciras, deren Zusammentritt ein formaler Erfolg,
deren Verlauf und Ergebnis ein kaum verhüllter materieller Mißerfolg
der deutschen Politik war, konnte die Tatsache des entschlossen gegen
Deutschland gerichteten englisch-französischen Einvernehmens nur
bestätigen. Sie enthüllte weiter, daß Rußland -- trotz des Versagens
seines französischen Bundesgenossen und der freundschaftlichen Haltung
Deutschlands während des russisch-japanischen Krieges -- nach wie
vor unbeirrt auf der Seite seines französischen Verbündeten stand;
daß Deutschland, jedenfalls in dieser Mittelmeerfrage, auf eine
Unterstützung durch Italien gegen Frankreich nicht rechnen konnte und
daß auch Österreich-Ungarn in einer solchen seine eignen Interessen
nicht unmittelbar berührenden Angelegenheit nur ein lauer Freund war.
Wir wissen heute aus der großen Rede, die Sir Edward Grey am 3. August
1914, am Tag vor dem Eintritt Englands in den Krieg, im Unterhaus
gehalten hat, daß schon damals, während der ersten Marokkokrisis, die
englisch-französische Entente eine militärische Ausgestaltung erhalten
hat. Auf Wunsch des französischen Botschafters erklärte sich Sir
Edward Grey damit einverstanden, daß die beiderseitigen militärischen
und maritimen Stabschefs miteinander in regelmäßig wiederkehrende
Beratungen eintreten sollten, deren Zweck die Vereinbarung über
einen gemeinschaftlichen Feldzugsplan gegen Deutschland war. Formal
wurde die Freiheit der Entschließung für den Eventualfall, dem diese
gemeinschaftlichen Beratungen gelten sollten, vorbehalten. Was von
diesem Vorbehalt materiell zu halten war, hat Sir Edward Grey selbst am
3. August 1914 im Unterhaus dargelegt; er führte damals aus, daß die
Vereinbarung für England eine moralische Verpflichtung geschaffen habe,
Frankreich zu helfen; er fügte hinzu, daß auf Grund des in eventum
vereinbarten Feldzugsplans Frankreich seine Flotte im Mittelmeer
konzentriert und damit seine westlichen und nördlichen Küsten
unverteidigt gelassen, d. h. sie der englischen Flotte zur Verteidigung
überlassen habe.
Die Abmachung zwischen Sir Edward Grey und dem französischen
Botschafter über die Zusammenarbeit der beiderseitigen General- und
Admiralstäbe war zunächst nur eine mündliche. Sie wurde in England
seinerzeit nur dem damaligen Ministerpräsidenten Sir Henry Campbell
Bannerman, Lord Haldane und Mr. Asquith mitgeteilt; das Gesamtkabinett
selbst wurde, wie Sir Edward Grey bekannte, »much later on« -- es
ist anzunehmen während der Marokkokrisis von 1911 -- informiert.
Schriftlich niedergelegt, in Form eines Briefwechsels zwischen Sir
Edward Grey und Mr. Paul Cambon, wurde die Abmachung erst am 22.
November 1912. Das britische Parlament erhielt von ihr zum erstenmal
Kenntnis am 3. August 1914, als der Eintritt Englands in den Krieg auf
Grund dieser Abmachung bereits unabwendbar geworden war.
Die englisch-französische Kombination, die im Juli-August 1914 wirksam
wurde, geht also bereits auf die Wende der Jahre 1905 und 1906 zurück.
Die militärische Zusammenarbeit wurde sofort auch auf _Belgien_
ausgedehnt. Im Januar 1906 trat der britische Militärattaché in Brüssel
an den belgischen Generalstabschef heran, um unter Hinweis auf die
bestehende Kriegsgefahr und die Bedrohung der belgischen Neutralität
vertrauliche militärische Unterhaltungen der gleichen Art, wie sie
zwischen England und Frankreich begonnen worden waren, einzuleiten.
Die Besprechungen, auf die der belgische Generalstabschef sich
bedingungslos einließ, hatten als Grundlage die von dem britischen
Militärattaché für den in Betracht kommenden Eventualfall angekündigte
Landung eines britischen Expeditionskorps und seinen Durchmarsch
durch Belgien; die Kooperation dieses Expeditionskorps mit dem
belgischen Heer wurde im weiteren Verlaufe der Unterhaltungen in allen
Einzelheiten durchberaten[2].
_Rußland_, Frankreichs Verbündeter, war in den letzten Jahrzehnten, ehe
die Engländer in Deutschland den gefährlichsten Rivalen zu erkennen
glaubten, für England der Gegenstand der größten Sorge gewesen.
Denn Rußland war die einzige Macht, die der britischen Weltstellung
zu Lande bedrohlich werden konnte. Die völlige Unvereinbarkeit der
britischen und russischen Strebungen galt lange Zeit hindurch als
ein Axiom der Politik. Englands Verhältnis zu Deutschland selbst war
bis zur Jahrhundertwende stark beeinflußt von dem britischen Wunsch,
Deutschland als Gegengewicht gegen Rußland zu benutzen.
Dieser Wunsch wurde im Jahre 1900 endgültig als unausführbar
erkannt. Aber die britische Politik hatte damals bereits ein anderes
Gegengewicht gegen Rußland in Aussicht: _Japan_. Am 30. Januar 1902
wurde das britisch-japanische Bündnis unterzeichnet. Zwei Jahre später
brach der russisch-japanische Krieg aus, der mit der Niederlage
Rußlands und dem Zusammenbruch seiner ostasiatischen Politik endete.
Wie Frankreich durch Faschoda für England bündnisreif gemacht worden
war, so jetzt Rußland durch den Ausgang des ostasiatischen Krieges. Die
für das britische Weltreich gefährlichen russischen Aspirationen waren
für absehbare Zeit so weit beschnitten, daß jetzt eine Verständigung
möglich erschien. Deutschland wurde infolge der Schwächung Rußlands
für England nun der konkurrenzlose Feind. Und wie sich England noch
wenige Jahre zuvor um das deutsche Schwert gegen Rußland beworben
hatte, so suchte es nunmehr Rußland für die Auseinandersetzung mit
Deutschland auf seine Seite zu ziehen. Schon im September 1905 wurde
dem von den Friedensverhandlungen in Portsmouth zurückkehrenden Grafen
Witte in Paris ein von König Edward und dem russischen Botschafter in
Petersburg ausgearbeiteter Vertragsentwurf vorgelegt. Witte zeigte
sich zurückhaltend. Aber zwei Jahre später, am 31. August 1907, kam in
Petersburg zwischen dem damaligen Minister des Auswärtigen, Iswolski,
und dem britischen Botschafter ein dem damaligen Entwurf ungefähr
entsprechender Vertrag zustande, der eine Auseinandersetzung der
beiderseitigen Interessen in Persien, am Persischen Golf, in Tibet und
in Afghanistan enthielt. Damit waren alte und gefährliche Reibungen
zwischen den beiden Großmächten aus der Welt geschafft und dem bisher
als unmöglich geltenden Zusammengehen von »Elefant und Walfisch« der
Weg bereitet. Gleichzeitig war der russische Druck, dem durch den
Ausgang des Kriegs mit Japan der ferne Osten verschlossen worden war,
nunmehr auch von Mittelasien auf den Balkan und die Türkei abgelenkt.
Nicht ganz ein Jahr später, im Juni 1908, traf König Edward mit
dem Zaren Nikolaus in Reval zusammen. Alle Welt wußte, daß diese
Zusammenkunft, die das größte Aufsehen erregte, den Fragen des näheren
Orients, vor allem der mazedonischen Frage galt. Damit begab sich
die russisch-britische Entente auf ein Gebiet, das -- im Gegensatz
zu Mittelasien, dem Objekt des Vertrages von 1907 -- deutsche und
vor allem österreichisch-ungarische Interessen von großer Bedeutung
einschloß.
Seit jener Zeit konnte man mit Fug und Recht von der _Triple-Entente_,
dem _dreifachen Einvernehmen_, sprechen. Was diese neue Kombination
bedeutete, läßt sich am besten mit den Worten des belgischen Gesandten
in Berlin, Baron Greindl, sagen:
»Der Dreibund hat während dreißig Jahren den Weltfrieden gesichert,
weil er unter der Führung Deutschlands stand, das mit der politischen
Gruppierung Europas zufrieden war. Die neue Gruppierung bedroht
ihn, weil sie aus Mächten besteht, die eine Revision des status quo
anstreben.«[3]
Aber mit dem Zusammenschluß der drei Großmächte
Frankreich-England-Rußland war die Änderung in der Mächtegruppierung
noch keineswegs erschöpft. Unser eignes Bündnissystem hatte, soweit
_Italien_ in Betracht kam, durch die internationalen Vorgänge eine
unverkennbare Lockerung erfahren.
Ich habe bereits darauf hingewiesen, wie sehr auch nach Bismarcks
Ansicht die Stellung Italiens im Dreibund bedingt war durch das
Verhältnis zu England. Solange England in guten Beziehungen zum
Dreibund stand, konnte sich Italien im Dreibund wohl geborgen fühlen.
Je stärker sich der Gegensatz zwischen England und der führenden Macht
des Dreibundes herausentwickelte, desto stärker mußte für Italien die
Versuchung zu einer andern Orientierung werden, und desto geringer
war, auch wenn Italien im Dreibund verblieb, der Wert des Bündnisses
für den Ernstfall zu veranschlagen. Dazu kam, daß die Reibungspunkte
Italiens mit Frankreich in den Hintergrund traten. Im Jahre 1898
wurde der langjährige Zollkrieg zwischen den beiden Ländern durch
einen Handelsvertrag beendigt. Die Erinnerung an Tunis verblaßte, man
fand sich um so eher mit dem seit bald zwei Jahrzehnten bestehenden
französischen Protektorat über Tunis ab, als man jetzt nicht nur
von England, sondern auch von Frankreich Zusicherungen in bezug auf
Tripolis erhielt, die eine gewisse Kompensation für Tunis in Aussicht
stellten (Erklärungen des Ministers Canevaro im Frühjahr 1899). Der
Dreibundvertrag wurde zwar im Jahre 1902 ohne Veränderung erneuert;
aber die Erneuerung vollzog sich, wie Fürst Bülow damals im Reichstag
ausführte, nicht ohne Schwierigkeiten. Vor der Erneuerung hatte der
Reichskanzler im Reichstag das Wort gesprochen, daß der Dreibund nicht
mehr eine absolute Notwendigkeit sei; nach der Erneuerung machte der
italienische Ministerpräsident Rudini in der italienischen Kammer die
Bemerkung, daß nach dem Einvernehmen mit Frankreich in den Fragen des
Mittelländischen Meeres diejenige Besorgnis an Bedeutung verloren
habe, die seinerzeit für den Eintritt Italiens in den Dreibund
bestimmend gewesen sei. Wenn Rudini in der gleichen Rede ausführte,
daß dank des Dreibundes Italien darauf rechnen könne, daß sich auf
dem Balkan keine Kombination ohne sein Wissen und zu seinem Nachteil
verwirklichen könne, so weist diese Bemerkung darauf hin, daß auf
diesem klippenreichen Boden zwischen Italien und Österreich-Ungarn neue
Reibungsmöglichkeiten entstanden waren, um deren Beseitigung man sich
-- für den Augenblick mit Erfolg -- bemüht hatte. Im Herbst 1903 sprach
König Victor Emanuel bei einem Besuche in Paris von dem »glücklich
vollendeten Werk der Annäherung« zwischen Frankreich und Italien. Die
Früchte zeigten sich auf der Konferenz von Algeciras.
Zur Vervollständigung des Bildes gehört ein Wort über unser Verhältnis
zu _Japan_ und zu den _Vereinigten Staaten_ von Amerika.
Unsere Beziehungen zu dem aufstrebenden Reich der aufgehenden
Sonne waren gute gewesen bis zu unserm Eingreifen nach dem den
chinesisch-japanischen Krieg beendigenden Frieden von Shimonoseki
im Jahre 1895. In Gemeinschaft mit Rußland und Frankreich setzte
damals Deutschland bei dem siegreichen Japan den Verzicht auf die
ihm im Friedensvertrag zugesprochene Halbinsel Liautung durch. Die
Intervention hat in Japan einen tiefen Stachel hinterlassen. Wenn für
Deutschlands Beteiligung an dieser Aktion der Wunsch mitgesprochen
hat, unsere Beziehungen zu Rußland -- die nach der Nichterneuerung des
Rückversicherungsvertrages, unseren deutlichen Versuchen einer guten
Verständigung mit England und dem Abschluß der französisch-russischen
Allianz gespannt geworden waren -- wieder zu verbessern und den
Zweibund gewissermaßen zu entschärfen, so haben wir zwar, soweit unser
Verhältnis zu Japan in Betracht kam, die Kosten dieses Versuchs voll
bezahlt, den Zweck jedoch nur teilweise und nur vorübergehend erreicht.
Unsere Ende 1897 erfolgte Festsetzung in Kiautschou, an die sich kurz
darauf die Festsetzung Rußlands in Port Arthur, der Südspitze der Japan
wieder entrissenen Halbinsel Liautung, und die Festsetzung Englands
in Wei-hai-wei anschlossen, war nicht geeignet, unsere Beziehungen
mit Japan zu verbessern. Unsere Niederlassung in Kiautschou, die im
offenbaren Einverständnis mit Rußland auf Grund der gemeinschaftlichen
Aktion von 1895 erfolgte, schuf vielmehr eine den Japanern dauernd vor
Augen liegende Erinnerung an unser für sie so empfindliches Eingreifen
nach Shimonoseki.
Am 30. Januar 1902 wurde in London der Bündnisvertrag zwischen England
und Japan abgeschlossen. Nach dem russisch-japanischen Krieg und der
britisch-russischen Verständigung förderte England mit Erfolg die
Wiederannäherung zwischen den beiden Gegnern. Auf diese Weise wurde
Japan dem System der Triple-Entente angegliedert.
Die _Vereinigten Staaten_ haben vor dem Krieg niemals Neigung gezeigt,
sich in die Fragen der europäischen Politik einzumischen. Während
des spanisch-amerikanischen Kriegs kam es zwischen dem deutschen und
dem amerikanischen Geschwaderchef vor den Philippinen zu an sich
unbedeutenden Mißverständnissen, die zu einer auffallend scharfen
Stellungnahme der amerikanischen Presse gegen Deutschland führten. Die
Differenzen, betreffend die Samoa-Inseln sind durch das Samoa-Abkommen
von 1899 beseitigt worden. Die Venezuela-Affäre (1902/03), in der
Deutschland mit England gemeinschaftlich vorging, zeigte abermals eine
starke Voreingenommenheit der amerikanischen Presse und öffentlichen
Meinung gegen Deutschland, dem ohne jeden Schatten eines Grundes
allerlei törichte Pläne territorialer Erwerbungen auf amerikanischem
Boden nachgesagt wurden. Auch handelspolitische Differenzen blieben
nicht aus. Der wirkliche Kern aller dieser gelegentlichen Reibungen war
bedeutungslos, und von deutscher Seite wurde mit Zähigkeit und nicht
ohne Erfolg daran gearbeitet, in Amerika ein besseres Verständnis
für deutsches Wesen und deutsche Politik zu schaffen. Aber alle
bei uns gelegentlich aufgetauchten Ideen, als ob die Vereinigten
Staaten für uns ein wirksames Gegengewicht gegen eine Bedrohung durch
Großbritannien und seine Mächtegruppe werden könnten, gehörten in
das Reich weltfremdester Phantasie. Für jeden Kenner amerikanischer
Verhältnisse stand es fest, daß im Falle einer Weltkonflagration
die Sympathien Amerikas, trotz des starken deutsch-amerikanischen
Einschlags, auf der Seite der Westmächte sein würden, und daß wir
für uns günstigstenfalls eine Neutralität ohne besonderes Wohlwollen
erwarten dürften.
* * * * *
So war die Mächtegruppierung um das Jahr 1908 beschaffen, zu der Zeit,
als sich das große Verhängnis zusammenzuziehen begann. Die Ereignisse,
die nun folgten -- die bosnische Krisis von 1908/09, die Marokkokrisis
von 1911, der türkisch-italienische Krieg, die beiden Balkankriege --,
sind die unmittelbaren Vorläufer des Weltkriegs.
Während bei dem Abgang Bismarcks die Stellung Deutschlands unter
den Großmächten über den Dreibund hinaus gesichert war durch den
allerdings prekär gewordenen Rückversicherungsvertrag mit Rußland
und das gute Verhältnis zu England, und während es dem auf Revanche
sinnenden Frankreich damals noch nicht gelungen war, einen sicheren
Bundesgenossen zu erlangen, war gegen Ausgang der Bülowschen
Kanzlerschaft in der Triple-Entente eine starke Kombination mit
deutlicher Spitze gegen Deutschland und Österreich-Ungarn entstanden,
der überdies Japan durch das Bündnis mit England nahestand und die mit
Italien in wichtigen Punkten sich verständigt hatte. Der Dreibund war
isoliert und, soweit Italien in Betracht kam, unterhöhlt. Bismarcks
»cauchemar des coalitions« war zur Wirklichkeit geworden. Wir mußten
von jetzt ab damit rechnen, daß wir bei jedem ernsten Konflikt mit
einer einzelnen der Großmächte, mit denen ein ernster Konflikt
überhaupt denkbar war, uns einer starken Koalition gegenüber sehen
würden.