(Candida sich zu ihm wendend:) ja, das meine ich, Junker Eugen, und

noch sehr viel mehr, wie Ihr beide sofort herausfinden werdet. Und

ich frage, meine Herren und Gebieter, was habt Ihr für meine Wahl zu

geben? Es scheint, daß ich versteigert werden soll. Wieviel bietest

du, Jakob?

(Modell vorwurfsvoll:) Cand.... (Er bricht zusammen, seine Augen

füllen sich mit Tränen, und seine Kehle schnürt sich zu, der Redner

wird zu einem verwundeten Tier.) Ich kann nicht sprechen.

(Candida geht impulsiv zu ihm hin:) O Liebster!

(Marchbanks in wildem Aufruhr:) Halten Sie ein, das ist nicht gerecht.

Sie dürfen ihr nicht zeigen, daß Sie leiden, Morell.--Ich bin auch

auf der Folter, aber ich weine nicht.

(Morell nimmt seine ganze Kraft zusammen:) Ja, Sie haben recht. Es

ist nicht Mitleid, worum ich bitte. (Er befreit sich von Candida.)

(Candida zieht sich frostig zurück:) Entschuldige, Jakob, ich hatte

nicht die Absicht, dich zu berühren. Ich warte auf dein Angebot.

(Morell mit stolzer Demut:) Ich habe dir nichts zu bieten als meine

Kraft zu deinem Schutze, mein ehrliches Wollen für deine Ruhe, meine

Tüchtigkeit und Arbeit für deinen Unterhalt und mein Ansehen und meine

Stellung für deine Würde. Das ist alles, was einem Manne ansteht,

einer Frau zu bieten.

(Candida ganz ruhig:) Und Sie, Eugen, was bieten Sie?

(Marchbanks.) Meine Schwäche! meine Trostlosigkeit! meine Herzensnot!

(Candida gerührt:) Das ist ein gutes Angebot, Eugen; nun weiß ich, wie

ich meine Wahl zu treffen habe. (Sie hält inne und blickt seltsam von

einem zum andern, als ob sie beide abschätzte. Morell, dessen

hochtmütiges Zutrauen sich in herzzerreißende Angst bei Eugens Gebot

verwandelt hat, verliert alle Beherrschung, und kann seine Angst nicht

verbergen. Eugen dagegen, mit äußerst angespannter Kraft, zuckt mit

keiner Wimper.)

(Morell mit halb erstickter Stimme--ein Hilferuf entringt sich den

Tiefen seiner Verzweiflung:) Candida!

(Marchbanks beiseite mit einem Aufwallen der Verachtung:) Feigling!

(Candida bedeutsam:) Ich gebe mich dem Schwächeren von beiden. (Eugen

errät ihre Meinung sofort; sein Gesicht wird weiß wie scbmelzender

Stahl.)

(Morell neigt seinen Kopf mit der Ruhe der Gebrochenheit:) Ich nehme

deine Entscheidung an, Candida.

(Candida.) Verstehen Sie, Eugen?

(Marchbanks.) Oh, ich fühle, ich bin verloren. Er könnte die Last

nicht ertragen!

(Morell ungläubig, hebt seinen Kopf empor, mit prosaischer Stumpfheit:)

Meinst du mich, Candida?

(Candida lächelt ein wenig:) Setzen wir uns und plaudern wir gemütlich

darüber wie drei Freunde. (Zu Morell:) Setze dich, mein Lieber.

(Morell nimmt den Stuhl vom Kamin--den Kindersessel.) Bringen Sie mir

diesen Stuhl, Eugen. (Sie weist auf den Lehnstuhl, er holt ihn

schweigend, sogar mit etwas wie kühler Beherrschung und setzt ihn

neben Morell, etwas hinter ihn. Sie setzt sich, er geht an das Sofa

und läßt sich dort nieder, noch immer schweigsam und unergründlich.

Als sie alle sitzen, beginnt Candida,--einen Hauch von Ruhe um sich

breitend, mit ihrer sanften, gesunden, zärtlichen Stimme:) Sie

erinnern sich doch, was Sie mir über sich selbst erzählten, Eugen: wie

sich niemand um Sie gekümmert hat, seit Ihre alte Amme starb. Wie

Ihre gescheiten, vornehmen Schwestern und erfolgreichen Brüder die

Lieblinge Ihrer Eltern waren, wie elend es Ihnen in Eton erging, wie

Ihr Vater Sie durch Entbehrungen zwingen will, nach Oxford

zurückzukehren, wie Sie leben mußten ohne Behaglichkeit oder

Willkommen, ohne Zufluchtsstätte, immer einsam und fast immer ungern

gesehen und mißverstanden! Sie armer Junge!

(Marchbanks der Größe seines Schicksals würdig:) Ich hatte meine

Bücher. Ich hatte die Natur. Und endlich bin ich Ihnen begegnet.

(Candida.) Lassen wir das im Augenblick beiseite. Nun möchte ich, daß

Sie sich diesen andern Jungen hier betrachten,--meinen verwöhnten

Jungen,--verwöhnt von seiner Wiege an. Einmal alle vierzehn Tage

besuchen wir seine Eltern. Da sollten Sie mit uns kommen, Eugen, und

die Bilder des Helden dieser Familie sehen. Jakob als Baby, das

wundervollste aller Babys! Jakob, als er seinen ersten Schulpreis

erhielt, gewonnen im reifen Alter von acht Jahren! Jakob als der

Führer seiner Mitschüler beim Cricketspiel! Jakob in seinem ersten

schwarzen Anzug! Jakob in allen möglichen ruhmvollen Posen. Sie

wissen, wie stark er ist--ich hoffe, er hat Ihnen nicht weh getan--wie

gescheit er ist--wie glücklich! (Mit wachsendem Ernst:) Fragen Sie

Jakobs Mutter und seine drei Schwestern, was es sie gekostet hat,

Jakob die Mühe zu ersparen, irgend etwas zu tun, als stark, gescheit

und glücklich zu sein. Fragen Sie mich, was es mich kostet, Jakobs

Mutter und seine drei Schwestern und seine Frau und Mutter seiner

Kinder--alles in einer Person--zu sein! Fragen Sie Prossi und Marie,

wieviel Arbeit das Haus gibt, selbst wenn wir keine Besucher haben,

die uns helfen Zwiebeln schneiden. Fragen Sie die Geschäftsleute, die

Jakob stören und seine prachtvollen Predigten gefährden wollen, wer es

ist, der sie abschüttelt! Wenn Geld zu geben ist, so gibt er es; wenn

Geld zu verweigern ist, so verweigere ich es. Ich habe ihm ein Schloß

von Behaglichkeit, Nachsicht und Liebe erbaut und stehe immer

Schildwache davor, um all den täglichen kleinen Lebenssorgen den

Eintritt zu verwehren. Ich mache ihn hier zum Herrn, obwohl er es

nicht weiß und Ihnen vor einem Augenblicke nicht sagen konnte, wie er

dazu gekommen ist, es zu sein. (Mit süßer Ironie:) Und als er dachte,

ich könnte mit Ihnen fortgehen, da war seine einzige Sorge, was aus

mir werden würde; und um mich zum Bleiben zu bewegen, bot er mir--

(sie neigt sich vor und streicht ihm bei jedem Satze über das Haar)

seine Kraft zu meinem Schutze, seine Arbeit für meinen Unterhalt,

seine Stellung für meine Würde, seine (zögernd:) ah, ich

verwechsle deine wunderschönen Sätze und verderbe sie, nicht

wahr, Liebling?

(Morell kniet ganz überwältigt neben ihren Stuhl und umschlingt sie

mit knabenhafter Leidenschaft:) Alles ist wahr, jedes Wort. Was ich

bin, hast du aus mir gemacht, durch die Arbeit deiner Hände und die

Liebe deines Herzens. Du bist mein Weib, meine Mutter, meine

Schwester,--du bist die Summe aller Liebessorgen für mich.

(Candida in seinen Armen, lächelnd zu Marchbanks:) Bin ich Ihnen auch

Mutter und Schwester, Eugen?

(Marchbanks erhebt sich mit einer heftigen Bewegung des Ekels:) Oh,

niemals! Hinaus denn in die Nacht mit mir!

(Candida erhebt sich rasch und unterbricht ihn:) sie werden nicht so

von uns gehn, Eugen!

(Marchbanks mit dem Tonfall eines entschlossenen Mannes, nicht mit der

Stimme eines Knaben:) Ich weiß, wann die Stunde geschlagen hat. Ich

bin ungeduldig zu tun, was getan werden muß.

(Morell erhebt sich von seinen Knien, beunruhigt:) Candida, laß ihn

nichts Übereiltes begehen!

(Candida lächelt Eugen vertrauensvoll an:) Oh, sei unbesorgt, er hat

gelernt, ohne Glück zu leben.

(Marchbanks.) Ich ersehne nicht mehr Glück; das Leben kann Höheres

bieten. Pastor Jakob, ich gebe Ihnen mein Glück mit beiden Händen hin;

ich liebe Sie, weil Sie das Herz der Frau, ganz ausgefüllt haben, die

ich liebte. Leben Sie wohl! (Er geht zur Tür.)

(Candida.) Ein letztes Wort. (Er hält inne, aber ohne sich nach ihr

umzuwenden.) Wie alt sind Sie, Eugen?

(Marchbanks.) Jetzt bin ich so alt wie die Welt. Heute morgen war ich

achtzehn Jahre!

(Candida geht zu ihm hin und steht hinter ihm, eine Hand liebkosend

auf seiner Schulter:) Achtzehn... Wollen Sie mir zuliebe ein kleines

Gedicht aus zwei Zeilen machen, die ich Ihnen sagen will? Und wollen

Sie mir versprechen, sich's immer vorzusagen, so oft Sie an mich

denken.

(Marchbanks ohne sich zu rühren:) Sagen Sie die beiden Zeilen.

(Candida.) Wenn ich dreißig sein werde, dann wird sie fünfundvierzig

sein; wenn ich sechzig sein werde, dann wird sie fünfundsiebzig sein.

(Marchbanks wendet sich nach ihr um:) In hundert Jahren werden wir

gleich alt sein! Aber ich trage ein besseres Geheimnis als das in

meinem Herzen! Lassen Sie mich jetzt gehen, die Nacht wächst draußen

ungeduldig.

(Candida.) Leben Sie wohl! (Sie nimmt sein Gesicht in die Hände, und

da er ihre Absicht errät und sein Knie beugt, küßt sie ihn auf die

Stirne, dann flieht er hinaus in die Nacht.--Sie wendet sich zu Morell,

mit ausgebreiteten Armen:) O Jakob! (Sie umarmen einander. Aber das

Geheimnis in des Dichters Herzen, das kennen sie nicht.)

(Vorhang)

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes CANDIDA, von George Bernard Shaw.

Candida: Ein Mysterium in drei Akten · 第 6 / 6 段