(Morell.) Candida, was ist das für ein schrecklicher, seelenmordender

Zynismus? Scherzest du oder--ist es möglich--bist du eifersüchtig?

(Candida seltsam gedankenvoll:) Ja, manchmal bin ich etwas

eifersüchtig.

(Morell ungläubig:) Auf Prossi?

(Candida lachend:) Nein, nein, nein. Nicht eifersüchtig a u f

jemanden. Eifersüchtig f ü r jemanden, der n i c h t so geliebt wird,

wie er sollte.

(Morell.) Bin ich das?

(Candida.) Du? Nein. Du bist verwöhnt durch Liebe und Verehrung,

mehr, als für dich gut ist.--Nein, ich meine Eugen.

(Morell betroffen:) Eugen?

(Candida.) Es scheint mir ungerecht, daß du alle Liebe besitzen sollst

und er keine, obgleich er sie so viel nötiger hat als du. (Eine

krampfhafte Bewegung schüttelt ihn gegen seinen Willen.) Was ist dir,

quäle ich dich?

(Morell rasch:) Durchaus nicht. (Er sieht sie mit unruhiger Spannung

an.) Du weißt, daß ich dir blindlings vertraue, Candida.

(Candida.) Du eitler Mann. Bist du deiner Unwiderstehlichkeit so

sicher?

(Morell.) Candida, du verletzest mich. Ich habe an

Unwiderstehlichkeit nie gedacht. Deiner Frömmigkeit, deiner Reinheit

vertraue ich.

(Candida.) Was für häßliche, ungemütliche Dinge du mir da sagst,--oh,

du bist wirklich ein Pastor, Jakob, ein Pastor durch und durch!

(Morell ins Herz getroffen, sich von ihr abwendend:) Das sagt Eugen

auch.

(Candida neigt sich mit lebhaftem Interesse zu ihm, die Arme auf

seinen Knien:) Eugen hat immer recht. Er ist ein wundervoller Junge,

ich habe ihn lieber und lieber gewonnen während der ganzen Zeit, wo

ich fort war. Weißt du, Jakob, daß er, obwohl er selbst nicht die

leiseste Ahnung davon hat, im Begriff steht, sich wahnsinnig in mich

zu verlieben?

(Morell grimmig:) Oh, er selbst hat nicht die leiseste Ahnung davon,

wirklich?

(Candida.) Nicht die geringste. (Sie nimmt ihre Arme von seinen Knien

und wendet sich gedankenvoll ab, wobei sie eine bequeme Stellung

einnimmt, die Hände im Schoß.) Eines Tages wird er es wissen,--wenn er

erwachsen und erfahren sein wird wie du--da wird er erkannt haben, daß

ich es wissen mußte!--Ich bin neugierig, was er dann von mir denken

wird.

(Morell.) Nichts Böses, Candida. Ich hoffe und vertraue, nichts Böses.

(Candida zweifelnd:) Das wird davon abhängen...

(Morell erschreckt:) Abhängen!

(Candida ihn ansehend:) Ja, es wird davon abhängen, was er bis dahin

erleben wird. Er sieht sie verständnislos an. Begreifst du das

nicht? Es hängt ganz davon ab, wie und durch wen ihm bewußt wird, was

die Liebe eigentlich ist. Ich meine, es kommt auf die Frau an, die

ihn die Liebe lehren wird.

(Morell ganz verwirrt:) Nein,--ja,--ich weiß nicht, was du meinst.

(Candida erklärend:) Wenn eine gute Frau sie ihn lehrt, dann wird

alles gut und schön sein, dann wird er mir verzeihen.

(Morell.) Verzeihen?!

(Candida fortfahrend:) Aber gesetzt den Fall, daß eine schlechte Frau

sie ihn lehrt, wie dies vielen Männern, ganz besonders dichterisch

veranlagten, geschieht, die alle Frauen für Engel halten,--gesetzt den

Fall, sage ich, daß er den Wert der Liebe erst dann entdeckt, wenn er

sie fortgeworfen und sich in seiner Unwissenheit selbst erniedrigt hat,

--glaubst du, daß er mir dann auch verzeihen wird?

(Morell.) Dir verzeihen? Weswegen?

(Candida bemerkt, wie beschränkt er ist, fährt etwas enttäuscht, aber

sanft fort:) Verstehst du das nicht? (Er schüttelt den Kopf; sie

wendet sich wieder zu ihm, um es ihm mit zartester Vertraulichkeit zu

erklären.) Ich meine: wird er mir verzeihen, daß ich selbst ihn die

Liebe nicht gelehrt, sondern ihn schlechten Frauen überlassen habe?

meiner Frömmigkeit--meiner Reinheit wegen, wie du es nennst! Oh,

Jakob, wie wenig du mich doch verstehst, daß du nur immer von deinem

Vertrauen in meine Frömmigkeit und Reinheit sprichst. Ich würde sie

beide dem armen Eugen so gerne geben, wie einem frierenden Bettler

meinen Schal, wenn nichts anderes mich davon abhielte. Vertraue auf

meine Liebe zu dir; denn wenn die nicht wäre, aus deinen Predigten

würde ich mir sehr wenig machen--das sind bloß leere Phrasen, mit

denen du andere und dich selbst jeden Tag belügst. (Sie ist im

Begriff aufzustehen.)

(Morell.) Seine Worte!

(Candida schnell innehaltend, indem sie aufsteht:) Wessen Worte?

(Morell.) Eugens!

(Candida entzückt:) Er hat immer recht. Er versteht dich, er versteht

mich, er versteht Prossi; und du, Jakob, du verstehst nichts. (Sie

lacht und küßt ihn, um ihn zu trösten; er weicht wie gestochen zurück

und springt auf.)

(Morell.) Wie kannst du mich küssen, während du--oh, Candida! (Mit

Schmerz in der Stimme:) Ich hätte vorgezogen, daß du mir einen

Widerhaken ins Herz gestoßen hättest, statt mir diesen Kuß zu geben.

(Candida erhebt sich beunruhigt:) Mein Lieber, was ist denn mit dir?

(Morell schüttelt sie wild ab:) Berühre mich nicht!

(Candida erstaunt:) Jakob! Sie werden durch den Eintritt Marchbanks'

und Burgess' unterbrochen, der in der Nähe der Tür stehen bleibt und

sie anstarrt, während Eugen sich zwischen sie nach vorwärts drängt.

(Marchbanks.) Ist etwas vorgefallen?

(Morell totenbleich, mit eiserner Selbstbeherrschung:) Nichts, als daß

entweder Sie heute morgen recht hatten, oder daß Candida verrückt ist!

(Burgess laut protestierend:) Was? Candy auch verrückt? Das ist

zuviel! (Er durchschreitet das Zimmer bis zum Kamin, protestiert

während des Gehens und klopft dort seine Pfeifenasche aus. Morell

setzt sich verzweifelt nieder, lehnt sich nach vorne, um sein Gesicht

zu verbergen, und verschlingt seine Finger krampfhaft, damit sie ruhig

bleiben.)

(Candida zu Morell, erleichtert und lachend:) Oh, du bist nur

verletzt--ist das alles? Wie konventionell ihr unkonventionellen

Leute doch alle seid!

(Burgess.) Benimm dich anständig, Candy. Was wird Herr Marchbanks von

dir denken?

(Candida.) Das kommt davon, weil Jakob mir immer predigt, nur mir

selbst Rechenschaft abzulegen und nie darauf zu achten, was andere

Leute über mich denken könnten. Das ist außerordentlich schön und gut,

solange ich derselben Meinung bin wie er. Aber jetzt--weil ich

gerade etwas anderer Meinung war jetzt schau ihn dir an, schau nur!

(Sie weist auf Morell, höchst belustigt. Eugen beobachtet ihn und

preßt seine Hand heftig ans Herz, als wenn ihn irgendein Schmerz

getroffen hätte; er setzt sich auf das Sofa wie ein Mensch, der einer

Tragödie beiwohnt. Burgess auf dem Kaminteppich:) Sie hat recht,

Jakob, Sie sehen wirklich nicht so würdig aus wie gewöhnlich.

(Morell mit einem Lachen, das ein halbes Schluchzen ist:) Das kann

schon sein, verzeiht mir alle,--ich wußte nicht, daß ich eine Störung

verursache. (Sich zusammenraffend:) Es ist schon gut, schon gut,

schon gut. (Er geht zurück nach seinem Platz am Tisch und setzt sich,

um an seinen Papieren wieder mit entschlossener Heiterkeit

weiterzuarbeiten.)

(Candida geht nach dem Sofa und setzt sich neben Marchbanks, noch in

heiterster Stimmung:) Nun, Eugen, warum sind Sie traurig? Haben Sie

vom Zwiebelschälen geweint? (Morell kann sich nicht enthalten, sie zu

beobachten.)

(Marchbanks beiseite zu ihr:) Ihre Grausamkeit ist es, die mich

traurig macht.--Ich hasse Grausamkeit. Es ist entsetzlich,

mitanzusehen, wie ein Mensch einem andern weh tut.

(Candida ihn streichelnd, ironisch:) Armer Junge, war ich grausam?

Habe ich ihn kleine, rote, häßliche Zwiebel schälen lassen?

(Marchbanks ernst:) Oh, halten Sie ein, halten Sie ein: ich meine

nicht mich! Er hat Ihretwegen furchtbar gelitten. Ich fühle seinen

Schmerz in meinem eigenen Herzen. Ich weiß, daß Sie nicht schuld

daran sind,--es ist etwas geschehen, was geschehen mußte; aber nehmen

Sie es nicht so leicht. Mich schaudert, wenn Sie ihn quälen und dabei

lachen.

(Candida ungläubig:) Ich Jakob quälen?! Unsinn, Eugen; wie Sie

übertreiben! Torheit! (Sie blickt hinüber zu Jakob, der seine

Schreiberei hastig fortsetzt; sie gebt zu ihm und steht hinter seinem

Stuhl, sich über ihn beugend.) Arbeite nicht länger, mein Lieber, komm

und plaudere mit uns.

(Morell liebevoll, aber bitter:) Ach nein: ich kann nicht plaudern,

ich kann nur predigen.

(Candida ihn streichelnd:) Nun, dann komm und predige!

(Burgess heftig widersprechend:) Ach nein, Candy! zum Henker mit dem

Predigen! (Alexander Mill kommt herein und sieht ängstlich und

wichtig aus.)

(Mill beeilt sich, Candida zu begrüßen:) Wie geht es Ihnen, Frau

Morell? Wie freue ich mich, daß Sie wieder zurück sind.

(Candida.) Ich danke Ihnen, Herr Mill. Sie kennen Eugen, nicht wahr?

(Mill.) O ja! Wie geht es Ihnen, Marchbanks?

(Marchbanks.) Danke, gut!

(Mill zu Morell:) Ich komme eben aus der Gilde von Sankt Matthäus.

Die Leute sind furchtbar bestürzt über Ihr Telegramm. Es ist doch

hoffentlich nichts geschehen?

(Candida.) Was hast du denn telegraphiert, Jakob?

(Mill zu Candida:) Es war vereinbart, daß er heute abend dort sprechen

sollte, sie haben den großen Saal in der Marestraße gemietet und eine

Menge Geld für Plakate ausgegeben. Der Herr Pastor telegraphierte nun,

daß er nicht kommen könnte! Es traf sie wie ein Blitz aus heiterem

Himmel.

(Candida überrascht, beginnt zu wittern, daß etwas nicht in Ordnung

ist:) Eine Gelegenheit, öffentlich zu sprechen, hast du ausgeschlagen?

(Burgess.) Zum erstenmal in seinem Leben, das möchte ich wetten;

--nicht wahr, Candy?

(Mill zu Morell:) Man hat beschlossen, Ihnen ein dringendes Telegramm

zu schicken, mit der Bitte, Ihren Entschluß zu ändern. Haben Sie es

erhalten?

(Morell mit mühsam verhaltener Ungeduld:) Ja, ja, ich bekam es.

(Mill.) Es war mit bezahlter Rückantwort.

(Morell.) Ja, ich weiß. Ich habe es beantwortet. Ich kann nicht

kommen.

(Candida.) Aber warum nicht, Jakob?

(Morell beinahe heftig:) Weil ich nicht mag! Diese Leute vergessen,

daß ich auch ein Mensch bin; sie halten mich für eine Redemaschine,

die man jeden Abend zu seinem Vergnügen aufziehen kann. Darf ich

nicht auch einmal einen Abend zu Hause haben, mit meiner Frau und

meinen Freunden? (Sie sind alle über diesen Ausbruch erstaunt mit

Ausnahme von Eugen,--sein Ausdruck bleibt unverändert.)

(Candida.) Oh, Jakob, du weißt es selbst: morgen wirst du dann

Gewissensbisse haben, und ich werde darunter leiden müssen.

(Mill eingeschüchtert, aber dringend:) Ich weiß natürlich, daß diese

Menschen die unvernünftigsten Anforderungen an Sie stellen; aber sie

haben überallhin um einen anderen Redner telegraphiert und können

niemanden mehr bekommen als den Präsidenten des Agnostikerbundes.

(Morell rasch:) Nun, das ist ein ausgezeichneter Mann,--was wollen sie

denn noch mehr?

(Mill.) Aber er besteht immer so fest auf der Scheidung des

Sozialismus vom Christentum. Er wird all das Gute, das wir gestiftet

haben, zunichte machen,--natürlich, Sie müssen ja am besten wissen,

aber...

(Er zögert.)

(Candida schmeichelnd:) O bitte, geh' doch hin, Jakob. Wir kommen

alle mit.

(Burgess brummend:) Schau, Candy, laß uns lieber gemütlich zu Hause am

Kamin sitzen. Er braucht ja nicht länger als zwei Stunden

wegzubleiben.

(Candida.) Du wirst dich in der Versammlung genau so behaglich fühlen.

Wir werden alle auf dem Podium sitzen und wichtige Leute sein.

(Marchbanks entsetzt:) Oh, bitte, nicht auf dem Podium; nein! Jeder

wird uns anstarren,--das hielte ich nicht aus. Ich werde im

Hintergrund des Saales bleiben.

(Candida.) Fürchten Sie sich nicht. Man wird viel zu sehr damit

beschäftigt sein, Jakob anzustarren als daß man Sie bemerkte.

(Morell wendet den Kopf und sieht Candida vielsagend über die Schulter

an:) Prossis Leiden, Candida,--nicht?

(Candida lustig:) Jawohl.

(Burgess neugierig:) Prossis Leiden? Was reden Sie da, Jakob?

(Morell beachtet ihn nicht, erhebt sich, geht nach der Tür, öffnet und

ruft in befehlendem Ton hinaus:) Fräulein Garnett!

(Proserpina aus der Entfernung:) Ja, Herr Pastor, ich komme schon.

(Sie warten alle mit Ausnahme von Burgess, der verstohlen zu Mill geht

und ihn beiseite zieht.)

(Burgess.) Hören Sie, Herr Mill: worin besteht Prossis Leiden? Was

fehlt ihr?

(Mill vertraulich:) Ja, ich weiß es nicht genau; aber sie sprach recht

seltsame Dinge heute früh;--ich fürchte, es ist manchmal nicht ganz

richtig mit ihr.

(Burgess überwältigt:) Nein,--vier in demselben Haus! Es muß

ansteckend sein. (Er geht zurück an den Kamin, ganz in Gedanken

versunken über die Veränderlichkeit des menschlichen Verstandes in der

Umgebung eines Geistlichen.)

(Proserpina erscheint auf der Schwelle:) Was wünschen Sie, Herr Pastor?

(Morell.) Telegraphieren Sie nach der Gilde von Sankt Matthäus, daß

ich kommen werde.

(Proserpina überrascht:) Werden Sie denn nicht erwartet?

(Morell gebieterisch:) Tun Sie, wie ich Ihnen gesagt habe.

(Proserpina setzt sich erschrocken an die Schreibmaschine und gehorcht.)

(Morell geht hinüber zu Burgess. Candida beobachtet seine Bewegungen

die ganze Zeit über mit wachsender Verwunderung und Besorgnis.)

Burgess, Sie möchten lieber nicht mitkommen?

(Burgess sich entschuldigend:) Oh, so dürfen Sie das nicht

auffassen--ich meine nur, wissen Sie--weil heute nicht Sonntag ist.

(Morell.) Das ist schade, ich dachte, Sie würden gerne mit dem

Vorsitzenden bekannt werden. Er ist im Provinzialarbeitsausschuß und

hat einigen Einfluß bei Abschlüssen von Lieferungen. (Burgess wird

mit einem Male lebendig; Morell, der das erwartet hat, hält einen

Augenblick inne und sagt:) Sie wollen also doch mitkommen?

(Burgess mit Enthusiasmus:) Das will ich meinen,--ob ich mitkomme,

Jakob! Es ist ja stets ein Genuß, Sie predigen zu hören!

(Morell wendet sich zu Proserpina:) Ich werde Sie nötig haben, damit

Sie in der Versammlung einige Notizen machen können, Fräulein Garnett,

falls Sie nicht schon vergeben sind. (Sie nickt, aus Angst, sprechen

zu müssen.) Sie kommen doch auch mit, Lexi?

(Mill.) Selbstverständlich.

(Candida.) Wir kommen alle mit, Jakob.

(Morell.) Nein! Du kommst nicht mit, und Eugen kommt nicht mit. Du

wirst zu Hause bleiben und dich mit ihm unterhalten, zur Feier deiner

Rückkehr. (Eugen erhebt sich atemlos.)

(Candida.) Aber Jakob--

(Morell gebieterisch:) Ich bestehe darauf; Ihr habt beide keine Lust

zu kommen, weder er, noch du! (Candida will sich dagegen verwahren.)

Oh, denkt nicht an mich, ich werde auch ohne euch eine Menge Menschen

um mich versammelt sehen. Eure Stühle werden von unbekehrten Leuten

besetzt sein, die mich noch nie gehört haben.

(Candida beunruhigt:) Eugen, möchten Sie nicht hingehen?

(Morell.) Ich würde mich fürchten, mich vor Eugen hören zu lassen; er

ist Predigten gegenüber sehr kritisch. (Sieht ihn an.) Er weiß, daß

ich mich vor ihm fürchte, er hat mir's heute früh selbst gesagt. Nun

will ich ihm zeigen, wie sehr ich mich fürchte, indem ich ihn hier

allein in deiner Hut lasse, Candida.

(Marchbanks zu sich selbst, mit lebhaftem Gefühl:) Das ist tapfer; das

ist schön. (Er setzt sich wieder und hört mit geöffneten Lippen zu.)

(Candida mit ängstlicher Beunruhigung:) Aber, aber--Ist irgend etwas

geschehen, Jakob? (Sehr verwirrt:) Ich kann dich nicht begreifen.

(Morell.) Ah, ich dachte, ich sei es, der nichts begreifen kann, meine

Liebe. (Er schließt sie zärtlich in die Arme und küßt sie auf die

Stirn, dann blickt er ruhig auf Marchbanks.)

(Vorhang)

DRITTER AKT

(Es ist nach zehn Uhr abends; die Vorhänge sind zugezogen und die

Lampe brennt. Die Schreibmaschine steht in ihrem Kasten. Der breite

Tisch ist geordnet worden; alles zeugt davon, daß das Tagewerk

vollbracht ist. Candida und Marchbanks sitzen am Feuer; die Leselampe

steht auf dem Kaminsims über Marchbanks, der in dem kleinen Stuhl

sitzt und laut liest. Auf dem Teppich neben ihm liegt ein kleiner

Haufen von Manuskripten und ein paar Bände Gedichte. Candida sitzt im

großen Stuhl und hält einen leichten Schürhaken aus Messing aufrecht

in der Hand; sie sitzt zurückgelehnt und sieht versonnen auf die

funkelnde Messingspitze. Sie hat die Füße gegen das Feuer hin

ausgestreckt und läßt ihre Fersen auf dem Kamingitter ruhen, sich

ihrer Erscheinung und ihrer Umgebung tief unbewußt.)

(Marchbanks seine Vorlesung unterbrechend:) Jeder Dichter, der je

gelebt hat, hat aus diesem Gedanken ein Sonett gemacht. Er muß es, ob

er will oder nicht. (Er sieht Candida an, ob sie ihm zustimmt, und

bemerkt, daß sie auf den Schürhaken starrt.) Haben Sie nicht zugehört?

(Keine Antwort:) Frau Morell!

(Candida auffahrend.) Wie!?

(Marchbanks.) Haben Sie nicht zugehört?

(Candida schuldbewußt, mit übertriebener Höflichkeit:) O ja. Es ist

sehr hübsch. Fahren Sie fort, Eugen. Ich bin begierig, zu hören, was

dem Engel passiert ist.

(Marchbanks läßt das Manuskript aus der Hand auf den Boden fallen:)

Verzeihen Sie, daß ich Sie langweile!

(Candida.) Aber Sie langweilen mich durchaus nicht, wirklich nicht.

Bitte, fahren Sie fort--bitte, Eugen.

(Marchbanks.) Ich habe das Gedicht über den Engel vor einer

Viertelstunde beendet. Ich habe Ihnen seitdem schon verschiedenes

vorgelesen.

(Candida reuevoll:) Das tut mir wirklich leid, Eugen. Mir scheint,

der Schürhaken hat mich behext. (Sie legt ihn nieder.)

(Marchbanks.) Er hat mich fürchterlich gestört.

(Candida.) Warum haben Sie mir das nicht gesagt? Ich hätte ihn sofort

weggelegt.

(Marchbanks.) Ich fürchtete, Sie auch zu stören; er glich einer Waffe.

Wenn ich ein Held aus alten Tagen wäre, würde ich mein gezogenes

Schwert zwischen uns gelegt haben. Wenn Morell gekommen wäre, hätte

er geglaubt, daß Sie den Schürhaken ergriffen haben, weil kein Schwert

zwischen uns liegt.

(Candida verwundert:) Was? (Sie sieht ihn mit verwirrten Blicken an:)

Das kann ich nicht recht verstehen. Ihre Sonette haben mich so sehr

verwirrt! Warum sollte ein Schwert zwischen uns sein?

(Marchbanks ausweichend:) Oh, lassen wir das. (Er bückt sich, das

Manuskript aufzuheben.)

(Candida.) Legen Sie das wieder hin, Eugen. Mein Hunger nach Poesie

hat Grenzen, selbst nach Ihrer Poesie. Sie haben mir länger als zwei

Stunden vorgelesen--seit mein Mann fort ist--, ich möchte lieber

plaudern.

(Marchbanks erhebt sich, furchtsam:) Nein, ich darf nicht reden. (Er

sieht in seiner verlorenen Weise um sich und fügt plötzlich hinzu:)

Ich glaube, ich mache einen Spaziergang im Park. (Er will nach der

Tür.)

(Candida.) Unsinn! er ist längst geschlossen. Setzen Sie sich auf den

Kaminteppich und plaudern wir, wie Sie es gewöhnlich tun! Ich will

unterhalten werden,--wollen Sie nicht?

(Marchbanks halb entsetzt, halb hingerissen:) Ja.

(Candida.) Dann kommen Sie her. (Sie rückt ihren Stuhl etwas zurück,

um Platz zu machen; er zögert, dann kauert er sich schüchtern hin vor

den Kamin, das Gesicht nach oben gekehrt, wirft seinen Kopf zurück auf

ihre Knie und sieht zu ihr empor.)

(Marchbanks.) Oh, ich habe mich den ganzen Tag so unglücklich gefühlt,

weil ich getan habe, was recht war; und nun, wo ich unrecht tue, bin

ich so glücklich.

(Candida zart, belustigt über ihn:) Ja; ich bin überzeugt, nun fühlen

Sie sich wie ein großer, erwachsener, böser Verführer--ganz stolz auf

sich, nicht wahr?

(Marchbanks erhebt seinen Kopf rasch und wendet sich ein wenig, um sie

anzublicken:) Nehmen Sie sich in acht. Ich bin sogar um vieles

älter als Sie, Sie wissen es nur nicht. (Er wendet sich auf seinen

Knien ganz herum; mit gefalteten Händen und die Arme in ihrem Schoß,

spricht er mit wachsender Erregung--sein Blut fängt an zu wallen:)

Darf ich Ihnen ein paar schlimme Dinge sagen?

(Candida ohne die leiseste Angst oder Kälte und mit vollkommener

Achtung vor seiner Leidenschaft, aber mit einem Schimmer ihres

klugkerzigen mütterlichen Humors:) Nein. Aber Sie dürfen alles

sagen, was Sie wirklich und wahrhaftig fühlen, was es auch sei, alles!

Ich fürchte mich nicht, solange Ihr wirkliches "Selbst" zu mir

spricht und nicht eine bloße Pose--eine galante oder eine gottlose,

oder selbst eine dichterische Pose. Das verlange ich von Ihnen, bei

Ihrer Ehre und Wahrhaftigkeit!--Nun sagen Sie, was Sie wollen.

(Marchbanks der heiße Ausdruck verschwindet vollkommen von seinen

Lippen und Nasenflügeln, seine Augen flammen auf in begeistertem Feuer.)

Oh, jetzt kann ich nicht mehr alles sagen; denn alle Worte, die ich

weiß, gehören mehr oder weniger irgendeiner Pose an, alle--bis auf

eines.

(Candida.) Welches Wort ist das?

(Marchbanks sanft, sich dem melodischen Klang des Namens hingebend:)

"Candida, Candida, Candida, Candida, Candida"--das muß ich jetzt sagen,

da Sie mich bei meiner Ehre und Wahrhaftigkeit fragen, denn ich denke

und fühle niemals "Frau Morell", immer nur "Candida".

(Candida.) Selbstverständlich! Und was haben Sie Candida zu sagen?

(Marchbanks.) Nichts als Ihren Namen tausendmal zu wiederholen.

Fühlen Sie nicht, daß es jedesmal ein Gebet zu Ihnen ist?

(Candida.) Macht es Sie nicht glücklich, daß Sie beten können?

(Marchbanks.) Ja, sehr glücklich.

(Candida.) Nun, dieses Glück ist die Antwort auf Ihr Gebet.--Wünschen

Sie sich etwas Besseres?

(Marchbanks selig:) Nein, ich bin im Himmel, wo man wunschlos ist.

(Morell tritt ein; er bleibt an der Schwelle stehen und überschaut mit

einem Blick die ganze Szene.)

(Morell ernst und mit Selbstbeherrschung:) Hoffentlich störe ich nicht.

(Candida fährt heftig auf, aber ohne die leiseste Verlegenheit. Sie

lacht über sich selbst. Eugen, noch auf den Knien, schützt sieh vor

dem Fallen dadurch, daß er seine Hände auf den Stuhlsitz legt; Morell

mit offenem Munde anstarrend, bleibt er in dieser Stellung.)

(Candida im Aufstehen:) Oh, Jakob, wie du mich erschreckt hast; ich

war so mit Eugen beschäftigt, daß ich deinen Schlüssel nicht gehört

habe. Wie ist die Versammlung verlaufen? Hast du gut gesprochen?

(Morell.) Ich habe in meinem ganzen Leben nicht besser gesprochen.

(Candida.) Das ist ausgezeichnet! Wieviel ist eingegangen?

(Morell.) Ich vergaß zu fragen.

(Candida zu Eugen:) Er muß wundervoll gesprochen haben oder er hätte

das nicht vergessen. (Zu Morell:) Wo sind die andern?

(Morell.) Sie verließen den Saal lange ehe ich fortkommen konnte; ich

glaube, sie essen irgendwo zur Nacht.

(Candida in ihrer hausmütterlichen Art:) Oh, dann kann Marie zu Bette

gehn; ich will es ihr sagen. (Sie geht hinaus in die Küche.)

(Morell blickt strenge auf Marchbanks nieder:) Nun?

(Marchbanks läßt sich mit gekreuzten Beinen auf den Kaminteppich

nieder und fühlt sich Morell gegenüber ganz sicher, sogar voll

verschmitzten Humors:) Nun?

(Morell.) Haben Sie mir etwas zu sagen?

(Marchbanks.) Nur, daß ich mich hier heimlich zum Narren gemacht habe,

während Sie öffentlich dasselbe getan haben.

(Morell.) Ich glaube, kaum auf dieselbe Art.

(Marchbanks springt auf, eifrig:) Ganz genau auf dieselbe Art. Ich

habe eben ganz so wie Sie den braven Mann gespielt! ganz so wie Sie.

Als Sie Ihr Heldentum, mich hier mit Candida allein zu lassen,

begannen--

(Morell unwillkürlich:) Candida?

(Marchbanks.) Ja, so weit bin ich schon. Heldentum ist ansteckend,

ich bekam die Krankheit von Ihnen und habe mir geschworen, Candida in

Ihrer Abwesenheit nichts zu sagen, was ich nicht schon vor einem Monat

in Ihrer Gegenwart gesagt hätte.

(Morell.) Und haben Sie dieses Gelübde gehalten?

(Marchbanks setzt sich plötzlich in grotesker Weise in den Lehnstuhl:)

Ich bin bis vor etwa zehn Minuten dumm genug gewesen, es zu halten.

Bis dahin habe ich ihr verzweifelt vorgelesen, meine eigenen

Gedichte--und andere--um einer Unterhaltung auszuweichen. Ich sah

das Himmelstor offen und weigerte mich, einzutreten.... Sie können

sich nicht vorstellen, wie heldenhaft das war und wie ungemütlich....

Dann--

(Morell seine Ungeduld bezähmend:) Dann?

(Marchbanks geht prosaisch in eine ganz gewöhnliche Stellung im

Lehnstuhl über:) Dann konnte sie das Vorlesen nicht mehr vertragen.

(Morell.) Und da haben Sie sich dem Himmelstor schließlich genähert?

(Marchbanks.) Ja.

(Morell.) Und dann? (Wild:) Sprechen Sie, Mensch! Haben Sie denn

kein Gefühl für mich!

(Marchbanks sanft und melodisch:) Dann wurde sie ein Engel, und ein

Flammenschwert erschien, das mir jeden Zugang versperrte, so daß ich

nicht eintreten konnte und nun begriff, daß dieses Tor in Wahrheit das

Tor der Hölle war.

(Morell triumphierend:) Sie hat Sie zurückgestoßen!

Candida: Ein Mysterium in drei Akten · 第 4 / 6 段