Die Centennial Exhibition in Philadelphia. Abschied von New York.
Ankunft in England und Landung in Liverpool. Sonntagsöde. Auffahrt des
Mayors. Ueber London nach Hamburg.
New York war mir willkommener als je nach einer stürmischen Atlantikfahrt.
Die sieben Tage und sieben Nächte Eisenbahn, die ich, abgerechnet Salt
Lake City und Niagara, hinter mir hatte, summten noch weitere drei Tage und
drei Nächte in meinem Gehirn herum.
Der anfänglich nur auf kurze Zeit projektirte, aber immer wieder und
wieder verlängerte Aufenthalt in dem Hause eines theuren Freundes
entschädigte mich für die erlittenen Strapatzen. Dank dem wonnigen
Gefühle, ein Daheim zu haben, sah ich diesmal nicht viel von der Empire
City, die ich bereits von früher her kannte. Und beinahe hätte ich im
Genuss dieser körperlichen, gemüthlichen und geistigen Oase auch den
grossen Jahrmarktsleviathan in Philadelphia, die Centennial Exhibition,
»the Wonder of the Wonders« vergessen.
Offen gestanden, ich ging nur mit Widerstreben hin, weil ich musste. Ich
war so übersatt von der ewigen Bombasterei, von all den Lobpreisungen und
all dem Geschrei im Styl der Menageriebudenbesitzer. Ich hatte schon so
viel schlechtes erbärmliches Zeug gesehen, was sich centennial nannte,
Centennial Akrobates, Centennial Minstrels und Centennial Dancers, hatte
in San Francisco eine Centennial Hose gekauft, die eine Woche später in
Chicago aus dem Leim ging, und in Buffalo ein paar Centennial Schuhe, deren
Sohlen an den Felsen des Niagarafalles zurückblieben, hatte verschiedene
Centennial Dinners zu mir genommen, und auf der ganzen Reise so viel
saueres Centennial Bier getrunken, und war überdies von so vielen
lümmelhaften Centennial Vergnügungsreisenden gerempelt und auf die Füsse
getreten worden, dass man es mir nicht verübeln kann, wenn ich ein kleines
Vorurtheil gegen das Wort hatte.
Ich ging aber dennoch pflichtschuldigst hin nach Philadelphia und
betrachtete Alles in drei Tagen und war sehr zufrieden, als ich wieder nach
New York zurückkehren durfte. Ich hatte mir fest vorgenommen, mir nicht
imponiren zu lassen, und in Folge davon imponirte mir auch nichts in der
ganzen Ausstellung.
Das berühmte »Billig und schlecht« brauchte ich zum Glück nicht erst
hier schätzen zu lernen. Wieder sah ich mit Entsetzen verschiedene Bilder,
die ich schon in Berlin und in Hamburg vor Jahresfrist mit Entsetzen
geschaut. Wieder sah ich auch den amerikanischen Soldaten trauriger
Gestalt, den ich kurz zuvor in Niagara kennen gelernt. Hier aber war er ein
Riese aus Granit gemeisselt und stand vor dem Haupteingang des gläsernen
Industriegebäudes, und an seinem Sockel waren sämmtliche Elemente der
Kunstkritik, wie hoch, wie breit, wie schwer und wie theuer das Monstrum
sei, für Jedermann leicht verständlich zu lesen. Von dem in den Zeitungen
ausposaunten Zusammenströmen sämmtlicher Völker der Erde vermochte ich
blos einige Chinesen und etliche deutsche Juden, die mit rothen Fezen auf
den Häuptern türkischen Tabak verkauften, der in Virginia gewachsen war,
zu entdecken. Ich sah Krupps Killing Engine und die vielen Prinzen und
Fürsten aus Erz und aus Thon und aus Pappe, die Riesenhand mit der
flammenden Fackel aus Frankreich, die Maschinenhölle, den Palast der
Frauen, die Horticultural Hall und den Tempel der Künste, ich fuhr auf der
kleinen Eisenbahn mehrmals im Kreise herum, ich speiste jedesmal bei einer
anderen Nation, aber lieber als alle diese Herrlichkeiten war mir die
Rückkunft in New York.
Nur zu bald war auch hier meine Zeit bis zur äussersten Frist
abgelaufen. Ich musste fort nach Europa. Abermals nahm ich Abschied,
den schmerzlichsten auf der ganzen Rundreise, und der Cunard Dampfer
»Scythia« entführte mich von dannen.
Lange noch blickte ich zurück nach jenem winkenden Taschentuch, welches
aus dem Menschengewühl des Piers mir Grüsse nachsandte, während das
Schiff vorsichtig die Mitte des Stromes zu gewinnen suchte und sich
mühselig dem Ausgang zuwandte, ringsum das heftig pulsirende Leben des
unruhigsten Hafens der Erde. Wahrscheinlich zum letzten mal zogen die
imposanten Häusermassen der Manhattan Insel, wie ich sie früher so oft
mit Wohlgefallen betrachtet, an mir vorüber. Wirr durcheinander strebende
Fahrzeuge jeglicher Art, in allen Richtungen kreuzende Ferryboote, rastlos
mit den grossen Balancirstangen in der freien Luft arbeitend, kleine
kräftige Schleppdampfer, mit rauher Stimme brüllend, hinter sich flache
Kähne und etliche Eisenbahnwagen darauf, segelnde Dreimastschuner und
Vollschiffe, dunkle Mastenwälder und himmelhohe Lagerschuppen über und
über bedeckt mit riesigen Aufschriften in bunten Farben -- lichter wurden
diese Attribute des handelsreichen Hudson, Staaten Island mit seinen
Villen, Gärten und Strandbatterien, eine Biegung links, Sandy Hook -- und
der Atlantische Ozean dehnte sich vor mir.
Es war der 1. November als ich New York verliess, und am 9. November
näherten wir uns der irischen Küste. Trotz der ungünstigen Jahreszeit
hatten wir nicht einen einzigen Tag schlechtes Wetter gehabt.
Erst jetzt, unmittelbar vor dem Ziele, erhob sich ein Oststurm gerade gegen
uns. Aber er konnte der Scythia weiter nichts schaden, als dass er sie ein
bischen stampfen liess und sie verhinderte, in Queenstown anzulegen, so
dass die dorthin bestimmten Passagiere mit nach Liverpool mussten. Am
10. November, während wir beim Dinner sassen, kam die bergige Südostecke
Irlands in Sicht, und am nächsten Vormittag waren wir bei Holyhead.
Grimmig pfiff der Wind durch das Takelwerk und weisser Schaum flog
spritzend über die grüne See, als die ersten kahlen Felsen von Wales
auftauchten und uns in ihren Schutz nahmen. Ich bemitleidete die Fahrzeuge,
die nach aussen steuerten.
Gerade an der Ecke, da wo es westwärts ging, kam der Lootse an Bord. Es
wurde natürlich auf Alles gewettet, was ihn betraf, auf die Nummer seines
Fahrzeugs, auf Krieg und Frieden, auf die Präsidentenwahl, und dass er von
letzterer gar nichts wusste, nahmen ihm die Amerikaner sehr übel.
Liverpool ist mit derselben Kalamität einer bei Niedrigwasser für grosse
Schiffe unpassirbaren Barre behaftet wie so viele andere weniger berühmte
Häfen, was uns leider durch eine praktische Erfahrung klar wurde, indem
wir fern von Land in der breiten Mündung des Mersey ankern und auf die
Fluth warten mussten. Erst nach zwei Stunden gingen wir wieder weiter, aber
langsam und vorsichtig und immer das Loth in der Hand, so dass es dunkel
war, ehe wir etwas von Liverpool zu sehen bekamen.
Unsere Landung wurde in einer so langweiligen, ungeschickten und
ungemüthlichen Weise bewerkstelligt, dass die heftigsten Vorwürfe
losbrachen, und dass man sich nicht zu verwundern brauchte, wenn
die Amerikaner spöttisch und verächtlich über dieses erste Stück
Europäerthum die Nase rümpften. Die Scythia legte sich nicht an einen der
vielen Kais, sondern kettete sich mitten im Wasser an eine Boje, und ein
Dampfboot kam, uns abzuholen. Man schickte uns auf das Dampfboot und liess
uns eine halbe Stunde warten, bis auch das Gepäck herübergeschafft wäre.
Ein widerlich kalter Sturmwind pfiff uns um die Ohren und peitschte uns
den Regen ins Gesicht. Die Kajüte reichte nicht für die Hälfte der
Passagiere, wir waren den Unbilden des Wetters preisgegeben, und das
kleine Fahrzeug schaukelte, von den Wellen bewegt, so sehr, dass die
hochaufgethürmten Kisten und Koffer sammt dem Menschenknäuel über Bord
zu rutschen drohten. Das wüste Geschrei der Seeleute flog hin und her,
keiner schien den anderen zu verstehen, und schliesslich stellte sich
heraus, dass doch nicht alle Passagiere und alles Gepäck Platz, und dass
das Dampfboot zweimal zu fahren hatte.
Auch in der Ankunftshalle, wo die Zöllner sich unserer Habe bemächtigten,
herrschte Konfusion. Unglücklicher Weise war diese eben im Umbau begriffen
und alles Holzwerk frisch gestrichen, die Gasbeleuchtung noch nicht
vorhanden und kümmerlich durch schmutzige Petroleumlampen ersetzt. Kaum
Raum genug um die Koffer zu öffnen. »Einen netten Geschäftsgang haben
Sie hier in Europa« höhnte mich ein Yankee, dem ich gar oft widersprochen
hatte, wenn er mir die Vorzüge seines Landes über Gebühr zu lobpreisen
schien. Diesmal konnte ich nichts erwidern.
Am nächsten Morgen erwachte ich im North Western Eisenbahn Hotel in
einem schönen englischen Bett, über mir an der kahlen Wand die
zwei Gesetzestafeln des Hauses, von welchen die eine gegen jede
Verantwortlichkeit für Diebstähle protestirte, die andere über die
Preise Auskunft gab, Bedienung und Bougies, Bäder und Heizung extra
gerechnet. Ja, ich war wieder einmal im alten Europa. Wie viel anständiger
sind doch drüben in Amerika die Hotels, wo man einfach seine drei, vier
oder fünf Dollars zahlt und dafür alle diese selbstverständlichen Dinge
erhält.
Draussen regnete es, und mürrisch guckten vor der prachtvollen
Säulenhalle der St. Georges Börse die vier ehernen Löwen zu mir herauf
und schienen ewig die Nase zu rümpfen. Hinter ihnen ritten traurig auf
gleichfalls ehernen Rossen Queen Victoria und ihr Prince Consort, letzterer
genöthigt, mit abgezogenem Hut und entblösstem Haupte unaufhörlich seine
Hochachtung vor der englischen Nation zu bezeugen.
Gleich der erste Tag, den ich wieder auf europäischer Erde zubrachte, war
eine der grössten Unannehmlichkeiten, die dem Menschen in England passiren
können, nämlich ein Sonntag. Liverpool bietet auch sonst wohl nicht viel
Herzerfreuendes, wenn man nicht selbst zu den reichen Kaufleuten gehört,
die vor der Stadt in üppigen Villen wohnen. Heute aber war es hier doppelt
unerträglich öde, alle Strassen und selbst der Hafen wie ausgestorben,
alle Museen und alle Läden geschlossen, die Wirthshäuser nur dem
Eingeweihten auf Schleichwegen von hinten erreichbar. Kurz, es lagerte eben
jene schreckliche Langweiligkeit über Allem, wie sie nur die englische
Sabathheiligung hervorzuzaubern im Stande ist. War es die Wirkung dieses
gottwohlgefälligen Zustands, oder war es eine Eigenthümlichkeit des alten
Europa, die mir erst jetzt nach längerer Entwöhnung zum Bewusstsein
kam, dass mir die meisten Gesichter ganz auffallend unintelligent zu sein
schienen? Schon gestern war mir dieser Gedanke gekommen, als ich den ersten
englischen Policeman wieder erblickte. Ein ähnlich stupides Gesicht hatte
ich schon lange nicht mehr und, mit Ausnahme der Mormonenstadt, über dem
grossen Wasser drüben niemals geschaut.
Zwei Excitements gabs aber dennoch an jenem Sonntag in Liverpool, nämlich
Morgens eine Auffahrt des Bürgermeisters und Abends eine fulminante
Feuersbrunst.
Mister Walker, der Mayor, war zum so und sovielten Male wiedergewählt
worden und hielt heute seinen feierlichen Kirchengang zum Beginn einer
neuen Amtsperiode. Alle Achtung vor Mister Walker. Er hat seine Vaterstadt
aus eigenen Mitteln mit einer Bildergallerie beschenkt.
Eine Kompagnie äusserst knotig aussehender Policemen mit einem Trompeter
an der Spitze, welcher eine Art Husarenuniform trug, aber ein sehr
lederner, steifer und bürgerlicher Husar war, stellte sich vor dem
Rathhaus auf. Dann hielten einige aufgeputzte Wagen, und der Festzug
entwickelte sich. Sechs oder acht mittelalterlich gekleidete Kerls mit
Szeptern schritten Mister Walker voran, welcher ein langes Schwert der
Gerechtigkeit in der Hand hielt, mit einem Talar und schweren goldenen
Ketten behangen. Hinter ihm etliche Zivilisten mit den gewöhnlichen
Komtoirphysiognomien. Die ganze Maskerade erinnerte mich unwillkürlich
an meine Doktorpromotion. Nur dass mein Wagen damals nicht so buntscheckig
elegant war, dass bei mir statt so vieler unheimlich schwarzer Policemen
nur ein paar Professoren in dem erquickenden Grün der medizinischen
Fakultät zugegen waren, und dass mir statt des Schwertes der Gerechtigkeit
in der Hand ein vom Universitätspedell gemietheter alter Degen an der
Linken blinkte.
Der Expresszug der North Western Eisenbahn brachte mich mit Windeseile nach
London. Die stinkende Finsterniss eines langen Tunnels, ein Meeresarm und
Ebbeschlick, Kanäle und Seefahrzeuge darauf, Thäler voller Schornsteine,
voll russigen Kohlenqualms und weissen Maschinendampfes, dann ein bischen
Park und ein bischen Feld, italienische Pinien auf einem Hügel, ein
vornehmes Schloss hinter Bäumen versteckt, Obstgärten und Wiesen, Alles
so sauber und ordentlich eingefasst, Stratford, Shakespeares Geburtsort,
flogen vorüber. Herrschaftliche Kutschen hielten unter dem Bahndamm, und
am Fusse eines Abhangs lauerten zwei Jäger und ein Hund auf ein armseliges
Kaninchen.
Häufiger wurden die rauchenden Fabriken, dichter drängten sich in
schnurgeraden Reihen die Häuschen und Höfchen des »My House is my
Castle« Systems zusammen, über die wir in der Höhe hinwegbrausten.
Gelblicher Dunst erfüllte die Luft, und das Getöse der Riesenstadt
verschlang mich.
Sechs Wochen später fuhr ich nach Hamburg und betrat nach mehr als
einjähriger Abwesenheit den Boden des Vaterlandes wieder. Ueberall hörte
ich nun wieder die Laute der Muttersprache. Die Hamburger Nachtwächter
hatten Pickelhauben bekommen und der Petrikirchthurm wurde aufgebaut. Sonst
hatte sich nichts verändert.