Frömmigkeit und Prellerei. Emigrantenzüge. Die Prairien. Omaha. Eine
unangenehme Nacht. Präsidentenwahl zum Zeitvertreib. Niagara Fall und
Stadt. Das Amerikanische und das Kanadische Ufer. Praktischer Sinn der
Niagarenser. Herbstliche Färbung.
Ogden ist ungefähr halbwegs zwischen San Francisco und Omaha. Von hier an
heisst die Bahn Union Pacific und die Passagiere haben hier die Wagen
zu wechseln. Die Leiter dieser Linie scheinen mit grosser Frömmigkeit
begnadet zu sein. Denn in jedem Wagen liegt eine Bibel auf. Ich habe aber
nie jemand darin lesen sehen. Die Mucker befolgen die nämliche Politik wie
die Schneider und Quacksalber. Es bleibt doch immer ein Weniges hängen,
auf diesem psychologischen Moment beruhen ebensowohl die überall
herumgestreuten Traktätlein und Bibeln, als die überall an die Felsen
geklecksten Reklamen.
Als ich in Ogden einstieg, um weitere drei Tage Pacific Bahn abzubüssen,
kam der Gepäckmann, nahm mir meine Flinte ab und sagte, ich müsse einen
Dollar zahlen dafür dass er sie aufbewahre. Ich war empört über solche
Zumuthung, die ich für einen plumpen Schwindel hielt. Und doch war der
gute Gepäckmann in seinem Recht. Denn als ich mich bei dem nächsten
Superintendent in Evanston beschwerte und frug, was denn dieser Dollar
eigentlich zu bedeuten habe, ob Strafe oder Zoll oder Extrafracht, nachdem
ich für mich und meine Koffer bereits Alles bezahlt, wurde mir die
Antwort zu Theil, die Direktoren der Linie hätten ihren Bediensteten das
Privilegium gegeben, jede Flinte der Passagiere aufzubewahren und dafür
einen Dollar zu berechnen.
Es war gewiss eine ganz lobenswerthe Vorsicht den Passagieren ihre Waffen
einzusperren, in einer Gegend, die vor noch nicht sehr langer Zeit dem
Auswurf des Erdballs als Sammelplatz und Schlupfwinkel diente, wo vor
Kurzem noch Mord und Todtschlag die Tagesordnung beherrschte und die
Hälfte der Bevölkerung »in den Stiefeln«, das heisst auf dem Wege
des Todtgeschossen-, Todtgestochen-, Todtgeschlagen- oder auch
Lynchweise-gehenktwerdens starb. Dafür aber noch Bezahlung zu verlangen,
war eine schmähliche Prellerei. Von Omaha bis Chicago auf der Rock Island
Pacific kostete die Flinte abermals einen Dollar Privilegium.
Da die Gegend wieder zu abscheulich und trostlos wurde, um sie anzusehen,
nahm ich wieder Mister Williams Pacific Tourist zur Hand, um mich
wenigstens an den Schilderungen der mir unfassbaren Schönheiten schadlos
zu halten.
Im Thal von Uintah zeigten sich einzelne Fichten auf den Bergen, und
Schneestreifen schmückten die Furchen ihrer Gipfel. Im Vordergrunde eine
Geröllebene, durch die sich schmutzige Bäche ziehen, gelbe Weiden und
Pappeln an den Ufern. Ein Emigrantenkarren stand unten am Bahndamm. Die
Pferde waren ausgespannt und weideten das spärliche dürre Gras ab. An
einem Feuer sass die Frau mit zwei zerlumpten Kindern und kochte, unweit
davon am Rande eines Wasserlaufs sass der Mann und hielt eine Angelruthe
in die trübe Flüssigkeit. Ob diese weisse Zigeunerfamilie westwärts oder
ostwärts wanderte, war nicht zu entscheiden.
Noch jetzt also giebt es abenteuerliche Existenzen, die trotz der Bahn in
der alten beschwerlichen, langsamen Art durch die öden Wildnisse reisen.
Später einmal in der Dunkelheit passirten wir ein grösseres Lager von
Emigranten mit mehreren Wachtfeuern.
Bedauerlicher Weise kam auch hier wieder die Nacht, als wir den zweiten
landschaftlich genussreichen Abschnitt der Bahn, die durch Ausläufer der
Rocky Mountains hergestellte Unterbrechung der ewigen Gegend, passirten.
In aller Frühe des nächsten Morgens dehnte sich die monotone Ebene der
Laramie Prairien vor uns, und im Laufe des Vormittags hielten wir an der
Station Sherman, 8242 Feet oder 2510 Meter über dem Spiegel des Meeres.
Dies ist der höchste Punkt der Bahn, von dem aus das Land gegen Osten
abzudünen beginnt. Sherman war auch damals für mich der höchste Punkt,
den ich je erreicht hatte.
Fast alle die elenden primitiven Stationen, durch die wir nun fuhren und an
denen wir leider auch hielten, hatten hochtrabende Namen. Nur eine einzige
und nicht die schlechteste hiess, wie sie eigentlich insgesammt heissen
sollten, nämlich Miser. Etwa zwanzig Blockhütten sind in einer
Reihe neben den Schienen aufgepflanzt. Weissgemalte Bretterfronten mit
bombastischen Aufschriften in grossen Lettern und allen Farben sollen ihre
wahre Natur maskiren. »City Emporium« nennt sich zum Beispiel so ein
Bauwerk. Ein Stiefel hängt vorne heraus, und ein krummbeiniger schäbiger
Kerl mit einer Schnapsnase und einem Pfeifenstummel steht unter der Thüre.
»Drinking Saloon, Drinks 12½ Cents«, worunter aber hier zu Lande 15
Cents zu verstehen sind, da es keine einzelnen Cents und noch viel weniger
halbe giebt, lautet der Titel einer anderen, die bei uns zu schlecht für
eine Almhütte wäre. Biegt man um die nächste Ecke der Ortschaft, so ist
man bereits in der dürrgebrannten Wüste, die auf- und ab undulirend, bis
zum Horizont sich ausdehnt, und über welcher sehr wirkungsvoll schöne
blaue Berghäupter mit Schneeflecken emportauchen. Hie und da sind
vielleicht noch ein paar umzäunte Vierecke für Rinder, umzäunt in jener
amerikanischen Art, die ganze Balken zickzackförmig in einander legt, eben
so viel Zaunmaterial als Boden verschwendend.
Immer weiter und weiter geht unsere Fahrt. Aber nicht etwa mit der
erwarteten rasenden Schnelligkeit des Amerikanerthums, sondern so langsam
und mühselig, dass ein deutscher Bummelzug uns einholen könnte. Links und
rechts hat die Gluth der Lokomotive einige Grasstoppeln angezündet. Die
prasselnden Flammen schreiten jedoch nicht weit, denn es weht kein Wind,
und die Stoppeln ragen einzeln und inselweise aus dem trockenen staubigen
Schlammboden. Zuweilen lassen sich in der Ferne weidende Antilopen sehen,
in kleine Gesellschaften von vier oder sechs Stück vereinigt. Sie nehmen
keine Notiz von uns, wenn sie nicht gerade sehr nahe sind, und dann
gallopiren sie eilig über die nächste Terrainwelle.
In Medicine Bow kampirte ein kleines Kommando Soldaten unter Zelten und
führte offenbar ein sehr armseliges Dasein. Zwei Wachen standen auf beiden
Seiten unter Gewehr, als ob der Feind in der Nähe sei. Es war eben wieder
einmal Indianerkrieg in den Black Hills, und in Laramie lagerte noch mehr
Militär. Auch Bäume gab es hier, sie schienen sich aber nicht wohl zu
fühlen.
Endlich kam ein kleines Excitement, die Dale Creek Schlucht nämlich, über
die eine äusserst verdächtige Brücke, 40 Meter hoch, 200 Meter lang
und aus Holzfachwerk, führt. Der Zug bremste seinen Lauf zu der
Geschwindigkeit eines Fusswanderers, dann gings behutsam und sachte auf das
morsche Gestell. Die Balken krachten und stöhnten, und das ganze Gebäude,
die Brückenpfeiler, das Schienengeleise und unser Zug fingen an hin und
her zu wackeln, dass man sich unwillkürlich an den Sitzpolstern festhielt.
Nach Mister Williams ist die Brücke »one of the Wonders on the great
Transcontinental Route«, und diesmal hatte er Recht.
Bald darauf kam ein einsames Haus in der baumlosen Ebene, welches unter den
Passagieren ebenso viel Aufregung verursachte, wie auf hoher See ein Schiff
in Sicht. Alle drängten sich an die Fenster um es zu sehen. Interessant
wären mir die unglückseligen Geschöpfe gewesen, die es bewohnten und von
denen keine Spur zu entdecken war.
Sehr oft unterbrechen Schneegallerien das Tageslicht. Man fährt dann eine
Viertelstunde im Dunkeln und sieht weiter nichts als die dünnen Striche
Sonnenschein, die durch die Spalten zwischen den Brettern vorbeiblitzen,
was übrigens ungefähr eben so amüsant ist als der Anblick der
unverhüllten Landschaft. Merkwürdig war mir, dass diese Schneegallerien
fast mitten in der Ebene die Eisenbahn überdeckten, an Stellen, die nur
ganz unbedeutende Einsenkungen zeigten. Wir hatten auch manchmal weite
Umwege um solche flache Mulden zu machen. Allerdings mag der nivellirende
Sturmwind, der im Winter über die Steppen braust, gerade in diesen
scheinbar so geringen Vertiefungen genug Schnee zusammenfegen, und die
Reste vertrockneter Bäche, die sich wie Muren durch sie hinziehen, deuten
auf mächtige Wassermengen.
Auf der Station Sidney im Staate Nebraska, von welcher aus der nächste
Weg zu den gerade nördlich gelegenen Black Hills abgeht, und zu der wir
am zweiten Abend gelangten, trieben sich viele Indianer herum. Es
waren regierungsfreundliche Rothhäute unter weissen Offizieren, lauter
jugendlich kräftige Gestalten mit scharfgeschnittenen Zügen. Man hatte
ihnen eine Art Uniform und Waffen gegeben, die ihnen viel Freude zu
machen schienen, indem sie stolz und grimmig mit dem Säbel rasselten, den
Revolver im Gürtel. Die meisten trugen grosse Ringe in den Ohren. Einer
hatte schwarz und weisse Federn daran befestigt, einem anderen baumelte
eine Schnur mit einem Hasenschwänzchen auf der Schulter herum. Ihre
Gesichter waren nicht bemalt wie die der übrigen Indianer die ich
gesehen. Wachtfeuer brannten neben dem Stationsgebäude, zu denen die wilde
Soldateska eine überaus genussreiche malerische Staffage lieferte.
Am Mittag des 9. Oktober mussten wir nach Omaha kommen. Als ich mich
Morgens von meinem Lager erhob, war noch nichts von der Annäherung an das
Bereich der Kultur zu merken. Immer noch dieselbe trostlose Ebene.
Kein Baum oder höchstens ein paar verkrüppelte. Ueberall kurzes,
gelbgedörrtes, mit Staub überzogenes Büffelgras, welches indess auch
unsere europäischen Rinder gern fressen sollen, wie mir mein Nachbar
sagte.
Wenige Stationen vor Omaha begegneten wir einem westwärts fahrenden Zug,
aus dessen Fenstern eine Menge Indianergesichter uns anstarrten.
Farmen und Getreidefelder treten auf. Etwas wie Waldesduft dringt in
die Nase, die drei Tage lang nichts als Staub zu kosten bekommen hat.
Laubbäume und Gebüsch in Menge, ein wirklicher kleiner Wald, und wir sind
in Omaha.
Omaha ist jetzt eine Stadt von vielleicht 25000 Einwohnern und für den
europäischen Reisenden hauptsächlich dadurch interessant, dass es der
Endpunkt der Union Pacific ist, dass man hier Züge wechselt, und dass
hier das Gepäck mit einer beispiellosen Rohheit umgeladen und »recheckt«
wird. Dies geschieht drüben am anderen Ufer des schmutziggelben Missouri,
über den eine lange eiserne Brücke führt, in Council Bluffs, welches
eine Vorstadt von Omaha darstellt, obwohl es bereits zu Iowa gehört. Der
Missouri trennt diesen Staat von Nebraska.
Mit Stolz sah ich, wie mein deutscher Koffer, dem ich nicht mehr viel
zutraute, die schwere Probe, ohne Umstände kurz aus dem Wagen auf die
steinerne Platform herabgeworfen zu werden, ruhmvoll bestand, während
einige amerikanische Kollegen erlagen und platzend ihren Inhalt dem
Hohngelächter der fröhlichen Packknechte preisgaben.
In Council Bluffs spaltet sich die Pacific Bahn in drei Zweige. Drei Züge
stehen neben einander bereit, um nach Uebernahme der Passagiere sofort
gleichzeitig in verschiedenen Richtungen abzudampfen. Ich bestieg den
mittleren, der über Rock Island nach Chicago ging. Die Gegend wurde
nun hübscher als je, und ich war auch jetzt nach der dreitägigen
ästhetischen Hungerkur für landschaftliche Anmuth viel empfänglicher
denn je. Niedrige Wälder mit jungen Eichen die daraus hervorragen, wie
man sie in Frankreich so oft sieht, wechselten mit Farmen, Obstgärten und
abgeheimsten Getreidefeldern, auf denen rothe Kürbisse in der Sonnenhitze
zeitigten. Alles sehr hausbacken und gewöhnlich, lange nicht so schön wie
unsere deutschen Forste und unsere deutschen Fluren, aber die Wirkung des
Kontrastes machte bescheiden und dankbar. Die Policemen auf den Stationen
hatten jetzt wieder Uniformen, nicht mehr blos einen metallenen Stern auf
der Brust wie westlich von Omaha.
Zwischen Davenport auf dem einen und Rock Island auf dem anderen Ufer
wälzt sich der Mississippi dem Süden zu, ebenso schmutzig gelb wie sein
Bruder Missouri und landschaftlich eben so reizlos wie dieser. Auf einer
eisernen Brücke überschreiten wir ihn und betreten den Staat Illinois.
Bis Omaha waren nur wenige Passagiere im Zuge gewesen, und wir hatten uns
dabei recht wohl befunden. Jetzt wurde es aber ungemüthlich. Wir fuhren
»Express« und hielten trotzdem auf allen Stationen, die Wagen
füllten sich immer mehr mit Menschen, die kamen und gingen. Ich hatte
unglücklicherweise mein Bett und damit auch die Berechtigung zum Gebrauch
des vollständig besetzten Saloon Cars einer Dame abtreten müssen und
war somit gezwungen, die Nacht auf einem gewöhnlichen Sitz unter dem
gewöhnlichen Eisenbahnpöbel zuzubringen, da es von nun an nur mehr Eine
Klasse gab.
Ich bin niemals mit einer widerlicheren Menschensorte in Berührung
gekommen als in jenen vierundzwanzig Stunden, in denen ich das nördliche
Illinois durchkreuzte. Der ungebildete Durchschnittsamerikaner ist
bekanntlich ein geborener Lümmel und rücksichtslos gegen Andere aus
Grundsatz. Er hat eine gewisse Vorliebe, Anderen auf die Füsse zu treten,
Andere zu rempeln und sich gerade dahin zu setzen, wohin ein Anderer eben
seinen Hut gelegt hat. Lässt man irgend einen Gegenstand zu Boden fallen,
gleich hat er seine Stiefel darauf und mit einer staunenswerthen Flinkheit
hat er ihn vollgespuckt. Von all diesen Liebenswürdigkeiten erfuhr ich
reichliche Proben, und ich müsste eben so ekelhaft werden wie jener
Theil des souveränen Volkes von Illinois, in dessen Mitte ich jene
vierundzwanzig Stunden zuzubringen hatte, wollte ich zu schildern
versuchen, was man in solcher Gesellschaft von der nationalen Leidenschaft
des Spuckens allein erleben kann.
Die demokratische Gleichberechtigung Aller ist gewiss ein sehr schöner
Gedanke. Wenn nur nicht die Geruchswerkzeuge und andere Empfindungsorgane
so oft gegen die Praxis desselben protestirten. Auch der amerikanische
Frauenkultus ist zweifellos eine schöne Sache. Wenn nur nicht hier zu
Lande jede feiertäglich geputzte Stallmagd, die auf zehn Schritt nach
ihrem nützlichen Berufe duftet, eine Lady zu sein und ladyhafte
Ansprüche machen zu müssen glaubte. Ich sehnte mich lebhaft nach unserem
europäischen, sonst so verwerflichen Kupeesystem, bei dem man doch
wenigstens nur mit sieben unangenehmen Subjekten zusammengesperrt werden
kann.
An manchen Städten und Städtchen gings vorüber, von denen noch nichts
in der Geographie steht, die aber doch schon viele tausend Einwohner haben,
und in denen ein emsiges Leben von qualmenden Fabriken, von dampfenden
Maschinen, von Kanälen, Strassen und Brücken voller Verkehr pulsirt.
Bremen (sprich »Brümmin«) hiess eine Station und erinnerte durch die
flache, monoton grüne Weidelandschaft und einige Windmühlen an ihre
Pathe, das deutsche Bremen. Eine andere hiess Joliet. Der Schaffner rief
»Eioleiet«, was jedoch für ein unkundiges Ohr auch »How do you like
it« klingen konnte. Joliet ist, wie schon der Name sagt, eine Ansiedlung
französischer Abkunft.
Mein ursprünglicher Plan war gewesen, einen oder zwei Tage in Chicago zu
bleiben. Ich gab ihn auf, um die lästige Reise so bald als möglich hinter
mir zu haben, und fuhr gleich wieder weg. Nur den Niagara durfte ich mir
nicht schenken. Ich war wahrscheinlich zum ersten und letzten mal in seiner
Nähe.
Ich sah somit von Chicago nur einige Aussenstrassen, durch welche
die Lokomotive langsam mit der Glocke bimmelte, und einige Masten
und Getreideelevatoren, welche das süsse Meer des Lake Michigan
repräsentirten.
Zwischen Chicago und Buffalo in den Staaten Indiana und Ohio bevölkerte
ein weit besseres, anständigeres Publikum unseren Zug als im Staate
Illinois. Es war viel die Rede von der bevorstehenden Präsidentenwahl, und
von allen Seiten ertönten die Schlagworte Tilden und Hayes. Eine mir neue
Art von Unterhaltung wurde veranstaltet. Man wettete auf die Chancen der
beiden Gegenkandidaten unter den Passagieren, vertheilte Stimmzettel und
hielt eine Probewahl. Die Republikaner siegten mit einer sehr geringen
Majorität. Grosse Begeisterung und nicht endenwollende Cheers auf Hayes
brausten durch sämmtliche Wagen des Zuges, bis wir in Cleveland angekommen
waren, wo die Meisten ausstiegen.
Schon gestern, als ich noch in Illinois war, hatte ich viel von Wahlen,
von Tilden und Hayes gehört. Und da ich noch nicht wusste, um was es sich
handelte, frug ich meinen Nachbarn, einen alten stupid aussehenden Farmer.
»Ach, die wollen den Governor von Illinois wählen« war die Antwort. Auch
er hatte noch keine Ahnung von der Präsidentenwahl.
Wir fuhren das ganze südliche Ufer des Erie-Sees entlang, manchmal so
dicht an seinem Rande, dass wir die Brandung hörten und den aufspritzenden
Schaum der sich brechenden Wellen sahen. Einige weissglänzende Segel
glitten über die grüne Fläche im Strahle der Morgensonne dahin. Das Land
war eben und brach am Ufer mit horizontalen Schichtungsflächen, die an
den Solenhofener Schiefer erinnerten, senkrecht hinab. Eichenwälder
und Obstgärten wechselten mit Feldern von türkischem Korn, dessen
Fruchtähren bereits abgeschnitten waren, und zwischen dem rothe Kürbisse
lagen, aus welchen man einen beliebten Kuchen, den Pumpkin Pie, fertigt.
Farmen, zierliche Landhäuser und zierliche Dörfchen, alle aus Holz, waren
hineingestreut.
Von Buffalo im Staate New York bog ich, wie gesagt, nach Niagara ab. In
zwei Stunden war ich am Ziele dieser Seitenexkursion, stieg aus und begab
mich sofort nach dem Wasserfall.
Kaum hat man den Bahnhof verlassen und befindet sich in der Stadt, so
schlägt der brausende Donner der grossen Sehenswürdigkeit ans Ohr. Dieses
Naturwunder beherrscht hier Alles. Ihm verdankt die Stadt Niagara ihre
Entstehung und ihre Existenz. Es giebt hier keine Industrie, die sich
nicht auf den Wasserfall und den Fremdenverkehr bezöge. Und Tag und Nacht
bekundet er weithin tosend seine Nähe.
Am anderen Ende einer breiten fast nur aus Hotels und Kaufläden mit
allerhand Souvenirschnickschnack zusammengesetzten und merkwürdig todten
Strasse ist der Eingang zu ihm und kostet einen Vierteldollar. Auf einer
Säule davor steht ein steinerner amerikanischer Soldat, aus Anlass irgend
einer gloriosen Begebenheit verurtheilt, seine traurige Gestalt den
Augen aller Vorüberwandelnden preiszugeben. »Prospect Park« heisst der
umzäunte, von Restaurationen und Photographenbuden bevölkerte Hain, den
man zunächst betritt, und von dessen felsigem Rande aus man den ersten
Anblick des gewaltigen sich in eine fünfzig Meter tiefe Schlucht
stürzenden Stromes geniesst.
Es ist überwältigend, berückend, in die kolossalen Massen zu schauen,
die rastlos ohne Ende sich heranwälzen und in ihrer ganzen mächtigen
Dicke von mindestens sechs Meter mit weiter Wölbung in den Abgrund sich
hinunterbeugen. Auf halbe Höhe prallt diesem Wassergewölbe von unten
herauf der glänzende Gischt entgegen, zu phantastischen, ewig wechselnden,
ewig kämpfenden Formen geballt. Man fühlt sich unwillkürlich versucht,
Kaulbachs Hunnenschlacht in sie hineinzumalen. Das Grossartige des
Phänomens spottet jeglicher Beschreibung.
Ein thurmartiger Vorbau nähert sich so sehr dem Bug des Stromes, dass wir
ihn mit der Hand zu greifen wähnen. Feiner Staubregen wirbelt ins Gesicht,
brüllender Donner erfüllt die Luft und macht die eigene Stimme unhörbar.
Wir können uns den Scherz erlauben, so laut als möglich zu schreien --
der Nebenstehende merkt nichts davon.
Die Umgebung des durch eine Insel in zwei grössere Abtheilungen
geschiedenen Falles ist flach, und ihr ruhiger hausbackener Charakter
lässt eine so schroffe Unterbrechung im Lauf des Niagara gänzlich
unmotivirt. Erst eine Viertelstunde oberhalb beginnt der bisher gesetzt und
würdevoll durch die Ebene fliessende Strom zu schäumen und zu rumoren und
über Felsblöcke zu hüpfen, und verräth dadurch seine wilden Absichten.
Die plötzlich und unvermittelt sich aufthuende Schlucht ist sein Werk,
seit Jahrtausenden nagt er langsam und stetig an dem harten Gestein, und
der Fall schreitet nach rückwärts fort. Dieses Rückwärtsschreiten soll
im Jahre etwa ein drittel Meter betragen, so dass er in 70000 Jahren den
Erie See erreichen und tiefer legen wird.
Die Wände der Schlucht sind nahezu senkrecht. Durch einen geneigten
Schacht stellen zwei auf- und nieder steigende Wagen die Verbindung
zwischen oben und unten her, und mit überraschender Schnelligkeit
schweben in ihnen die ängstlich sich festhaltenden Passagiere hinab. Für
diejenigen, die sich den Fall auch von hinten betrachten wollen, sind unten
Führer und wasserdichte Anzüge bereit.
Wir vertauschen in einer Hütte die ganze Bekleidung gegen Wachstuchhose
und Wachstuchjacke, ziehen ein paar plumpe Gummistiefel an und stülpen
einen Südwester aufs Haupt. Dann klettern wir in dieser ungeschlachten
Vermummung, angestaunt von Ladies und Kindern und belächelt von ähnlich
uniformirten Gestalten, die zurückkommend uns begegnen, über schlüpfrige
Felsen und über schlüpfrige Stege, um das Opfer eines niederträchtigen
Humbugs zu werden.
Dichter und heftiger wird der Regen, Windstösse pfeifen von allen Seiten,
die Wasser brüllen und donnern, unter den Füssen zittert die Erde. Wir
vermögen nichts mehr zu sehen, hundert stechende Tropfen peitschen Gesicht
und Hände wie bei einem Orkan auf See, nur dass das Wasser nicht salzig
schmeckt. Wir tasten uns blindlings am schwanken Geländer und am Arme des
Führers vorwärts auf einem schmalen Brett in unbekannte Regionen hinein,
um uns die tobenden Elemente. Wir sehnen uns nach dem Moment, die Augen
öffnen zu dürfen, aber vergebens. Das Duschbad wird immer wüthender, und
der Führer kehrt um und zieht uns mit sich. Gehorsam und schweigend folgen
wir ihm, denn zu sprechen hat keinen Sinn.
In die Hütte zurückgelangt, wo man sich endlich wieder hören kann,
erklärt er, dass wir den Fall nun auch von hinten gesehen hätten,
verlangt für den Anzug einen halben Dollar und für seine Bemühung ein
Trinkgeld nach Belieben, und reicht uns Handtücher dar, das genossene
Vergnügen von unserem Körper zu trocknen. Nun begreifen wir, warum die
Begegnenden so eigenthümlich gelächelt, und lächeln nun selbst über
neue Opfer.
Von hier aus kann man sich entweder in einem Boot ans jenseitige,
Canadische Ufer setzen lassen, oder man fährt auf demselben Wege durch den
Schacht wieder nach oben und geht über die einen Büchsenschuss unterhalb
befindliche Hängebrücke.
Das einmalige Passiren der Brücke kostet abermals 25 Cents, gleichwie das
Auf- und Abrutschen im Schacht, das Uebersetzen, der Eintritt in Prospect
Park und zu anderen Aussichtspunkten. Die Niagarenser wissen aus ihrer
Naturmerkwürdigkeit vortrefflich Kapital zu schlagen. Will der Fremde die
Niagarafälle von allen Seiten beschauen, so kostet ihm der Zutritt allein
schon etliche Dollars.
Drüben in Canada unter englischer Flagge herrscht dieses System nicht. Man
kann dort frei und ohne Zoll von der am Rande der Schlucht hinführenden
Strasse die volle Ausdehnung des Niagara übersehen. Grosse und elegante
Hotels stehen an der anderen Seite der Strasse und geben dem Ganzen ein
vornehmes, reiches Gepräge.
Kaufbuden und photographische Ateliers fehlen indess auch hier nicht.
Photographen lauern mit ihren Apparaten am Wege und fragen, ob man sich
nicht mit dem Falle im Hintergrund photographiren lassen wolle. Es scheint
hier Mode zu sein, ein solches Dokument zu erwerben, um schlagend beweisen
zu können, dass man wirklich in Niagara gewesen. Ich verzichtete darauf,
mit dem grossen Naturwunder zusammen verewigt zu werden. Das Wetter war zu
unfreundlich und kalt, bitter kalt für mich, der ich vor drei Tagen noch
in den Wüsten Nebraskas geröstet worden war.
Niagara selbst machte mir den Eindruck der ödesten und todtesten
amerikanischen Stadt, die ich jemals gesehen. Es fehlte selbst das
Charakteristikum der Streetcars und der vielen Stroh- und Papierabfälle
auf den Strassen, weil es hier eben keinen nennenswerthen Handel gibt.
Trotz der Anwesenheit zahlreicher Centennial Vergnügungsreisender aus
allen Gegenden der Vereinigten Staaten schienen die Kaufläden mit ihren
Schwindelwaaren, mit ihren ausgestopften Vögeln und Hirschgeweihen, ihren
Muschelkästchen und Photographien, ihren unechten Indianerwaffen und
ihren von der Nähmaschine zusammengestoppelten Phantasie-Indianerkostümen
schlechte Geschäfte zu machen. Weitgeöffnet und hellerleuchtet suchten
sie am Abend vergeblich Käufer anzulocken. Unter den Thüren aber standen
die Besitzer und Besitzerinnen und flöteten in den süssesten Tönen
»Step in Sir if you please«, »Would not you come in Sir«, »Please come
in Sir« -- eine sehnsüchtige Fluth von Einladungen bei jedem Schritt,
grade wie ehemals in gewissen dunklen Strassen zu Hamburg.
Am nächsten Morgen fuhr ich nach New York. Immer anmuthiger wurde das
Land, bis mein alter Bekannter, der Hudson, erreicht war, dessen Reize
nach amerikanischer Anschauung sogar mit denen des Rheins zu wetteifern im
Stande sein sollen. Rechts guckten die blauen Catskill Mountains hinter den
Hügeln des jenseitigen Ufers heraus, links erhoben sich steile Felswände,
unter denen der Schienenstrang, den Krümmungen des Flusses sich
anschmiegend, uns südwärts geleitete. Segelfahrzeuge und Dampfer belebten
die Fläche des Wassers. Ueber den Wäldern lag jene eigenthümliche
herbstliche Färbung, die für Amerika charakteristisch ist und sonst wohl
nirgends auf der Erde vorkommt. Während bei uns der scheidende Sommer das
Grün der Forste in die bekannten, von den Malern so sehr geschätzten,
weich gestimmten und harmonischen braunen Töne abklingen lässt,
verwandelt sich dort das Laub in grelles Zinnoberroth und schreiendes
Pomeranzengelb. Man würde Amerikanern gegenüber eine arge Ketzerei
begehen, wollte man Zweifel äussern, dass dieses bizarre Gewand der Natur
schön sei. Trägt es ja doch dieselben Farben, die dem Bürger der grossen
Republik an seinen Lokomotiven und Häusern, Reklamen und Krawatten so lieb
sind.