Allgemeiner Charakter der Stadt. Die Chinesen und ihr Viertel.
Chinesische Hurenhäuser, Opiumbuden und Spielhöllen. Das Yu Henn
Choy Theater und das Dschosshaus. Chinesische Dramaturgie.
Sabathschänderisches Getriebe der San Franciscaner. Sonstige
Sehenswürdigkeiten. Woodwards Garden. Ein gefährlicher
Sonntagsspaziergang. Das Cliff House und seine zoologischen Genüsse.
Ground Squirrels.
Wenn man Eine amerikanische Stadt gesehen hat, so hat man sie alle gesehen.
San Francisco schien mir hierin keine sonderliche Ausnahme zu machen.
Ueberall derselbe styllose Bombast der Architektur, dieselbe bunte
Farbenmenge schreiender Aufschriften. Die Geschäftsstrassen lotterig
und unreinlich gehalten, voll von Kisten und Ballen, Papierfetzen
und Packstroh, Telegraphendrähte kreuz und quer, die Wohnstrassen
verhältnissmässig still und einsam, anmuthig von Alleebäumen und Gärten
beschattet, überall Streetcars mit ihrem monotonen Geklingel.
Das unterscheidende Merkmal San Franciscos liegt in der Beschaffenheit des
Bodens, in den vielen Hügeln und in der wüstenartigen Dürre. Die Hügel
sind manchmal so steil, dass der Streetcar ausgespannt und durch stabile
Dampfmaschinen an Ketten emporgezogen wird. Oben warten bereits andere
Pferde und führen ihn weiter. Dünen von Flugsand füllen die Lücken
zwischen den Gebäuden, wo noch leere Baustellen stehen und dringen selbst
in die Gärten. An ganzen Häuserreihen sah ich die Erdgeschosse der einen
Seite bis über die Fenster mit Flugsand verweht. Man findet die schönsten
Anpflanzungen und Promenaden, aber jegliches Grün ist mit grauem Staub
überzogen. Alles ist trocken und durstig.
Dies ist der Charakter von San Francisco im Sommer und Herbst, in jener
Zeit, in der niemals Regen fällt. Erst im Winter, der angenehmsten Saison,
darf man sich einer Vegetation erfreuen.
Auch die Menschen schienen mir nicht verschieden von denen New Yorks und
anderer Städte des fernen Ostens. Ganz dieselben markigen, gierigen,
scharfen, intelligenten Gesichter, dieselbe Eleganz in Wäsche und
Kleidung, ganz dasselbe hastige Rennen wie drüben. Nur die vielen Chinesen
sind ein eigenartiger Zug. Ich hatte sie schon beim Hereinfahren vom Schiff
rudelweise dahinwandeln sehen, die sonst auf dem Hinterhaupt spiralig
zusammengerollten Zöpfe galamässig frei fast bis zum Boden herabbaumelnd.
Der Zopf wenn er lose ist zwingt sie, um ihn frei schwingen zu lassen, den
Kopf höher und steifer zu halten als andere Menschenkinder.
Die Chinesen nahmen denn auch mein Hauptinteresse in Anspruch. Kaum hatte
ich mich auf einem Plan orientirt wo ihr Viertel lag, als ich diesem
zueilte, ungeachtet der Warnungen vor den Pocken. Es war mir überraschend,
das Chinesenviertel mitten in der Stadt zu finden, durchaus nicht
abgesondert und in seiner blockförmigen Anordnung nicht unterschieden von
anderen Theilen. Man biegt aus Montgomery Street rechtwinklig in Jackson
Street ein und ist plötzlich in China.
Eine ganz andere fremdartige Kultur thut sich auf. Der merkwürdige
Farbenreiz des Hildebrandt'schen Aquarells aus Tientsin steht verkörpert
vor Augen. Die zwei- bis dreistöckigen geradlinigen Häuserfronten sind
zwar echt amerikanisch und wohl viel höher als sie in China sein mögen,
aber die Ausschmückung von unten bis oben ist chinesisch. Fast jeder Stock
hat einen breiten Balkon oder eine Gallerie. Blumen und Strauchwerk in
Töpfen stehen auf diesen, und dazwischen gaukeln bunte Papierlaternen im
Winde. Rothe, grüne und gelbe Aushängeschilder, senkrecht gestellt
und mit den arabeskenhaften Charakteren der chinesischen Schrift bemalt,
prunken vor den Läden, in deren Schaufenstern alle möglichen sonderbaren
Artikel den Blick auf sich ziehen.
Zu einer fast magischen Wirkung erhöht sich dieses eigenthümliche Bild am
Abend. Die bunten papierenen Laternen werfen ihr farbiges Licht durch das
Laub der Miniaturgärten auf den Balkonen. Inschriften und Vergoldungen
glitzern im Schein der Gasbeleuchtung, alle Fenster sind hell und
geöffnet. Besonders schön strahlen die vielen Restaurationen und
Theebuden, aus denen die seltsamen quieksenden und klappernden Töne
chinesischer Musik auf die Strasse dringen. Dichte Haufen hässlicher
Mongolen, alle in dasselbe dunkle bequeme Gewand gekleidet, schwarze
Filzhüte auf den kahlen Schädeln, hinten die langen Zöpfe, drängen
sich durcheinander und reden in einer Sprache, die aus lauter heftig
ausgestossenen Interjektionen wie »Tsching«, »Fu«, »Dschong« zu
bestehen scheint, oder lauschen müssig, die Hände in den Hosentaschen und
die Mäuler offen, den lieblichen heimischen Melodien. Und mitten durch
das asiatische Geklitzer, Gewühl und Geklimper poltert lustig der
amerikanische Streetcar den Berg hinauf.
Emsiges Treiben herrscht in den Kaufbuden und Werkstätten. Die Kugeln
der Zählmaschinen fliegen hin und her unter den Fingern mongolischer
Ladenschwengel, und dickwanstige Patrone, unförmige, rundglasige Brillen
auf der Nase, sitzen daneben an ihrem Pult und malen mit senkrecht
gehaltenem Pinsel bizarre Schriftzeichen auf eine Rechnung, welche sie
danach in ein europäisches Kopirbuch pressen. Hier arbeiten etliche
Dutzend Schneidergesellen an schwirrenden Nähmaschinen, zusammengepfercht
in einen so engen niedrigen Raum, dass man kaum begreift, wie sie noch
athmen können, dort klopfen etliche Dutzend Schustergesellen an Stiefeln
und Stiefeletten herum, die für amerikanische Füsse bestimmt sind. Denn
Chinesen tragen in der Regel nur chinesische Schuhe. Früchte und Esswaaren
aller Art sind vor den Läden aufgestapelt, und an jeder Ecke zupft uns ein
anderer Mongole am Rock und bietet unverständlich flüsternd geschmuggelte
Zigarren feil, wobei sie ausnahmsweise sich Mühe geben, freundlich zu
sein.
Selten begegnet man hie und da einigen chinesischen Weibern auf der
Strasse. Es sind Prostituirte und dementsprechend folgt ihnen überall
rohes Witzereissen von Seiten des männlichen Publikums. Sie wandeln
gewöhnlich mit gekreuzten Armen, die sie in ihre weiten Aermel
zurückstecken, so dass sie aussehen wie amputirt, dahin, die bekannte
Schmetterlingsfrisur auf den blossen Köpfen.
Während die Blocks, in denen weisse Bevölkerung wohnt, Gärten und Höfe
umschliessen, sind sie hier dicht und regellos vollgebaut. Ein wahres
Labyrinth elender Holzschuppen, Keller, Dachverschläge, halbvollendeter
und halbabgebrochener Häuser, durch Bretter wieder zugedeckt oder
zusammengeflickt, kleben an- und übereinander. Gänge, Löcher zum
Durchschliefen, Leitern und Wege über die Dächer kreuzen sich in allen
Richtungen, und überall wimmelt es von Chinesen, deren die meisten nicht
mehr Raum für sich beanspruchen als sie zum Schlafen brauchen, nicht mehr
als ein Zwischendecker auf einem Auswandererschiff hat.
Schmale und krumme und schmutzige Gassen sind durch diese Ameisenhaufen
gebrochen und gewähren manchmal Einblicke von malerischer Wirkung. Die
Willkür der Linien, das auf- und absteigende Terrain, die schwärzliche
Bräunung der Mauern und des Holzwerks, rothe, gelbe und grüne
Anschlagzettel, bunte Papierlaternen, glimmende Räucherkerzchen vor den
Thüren, das ruhelose Gewühl, das Quieksen und Klappern von Musikanten,
welches auch hier nicht fehlt, setzen ein wunderbar fremdartiges und
zugleich stimmungsvolles Bild zusammen. Vorne folgen auch hier abwechselnd
Werkstätten, Spielhöllen, Opiumbuden, Kaufläden und Hurenhäuser auf
einander. Hinten mag noch eine grössere Menge gräulichen Schmutzes
verborgen sein.
Die Zeitungen wussten damals viel Schaudergeschichten von heimlichen
Pockenhospitälern zu erzählen, in denen die Sanitätsbeamten
mehrere Wochen alte Leichen aufgefunden haben sollten. Die herrschende
Pockenepidemie wurde ergiebig ausgebeutet, um gegen die Chinesen zu hetzen,
und man warf den Stadtbehörden unverblümt vor, dass sie von diesen
zu einer verbrecherischen Duldsamkeit bestochen worden seien. Die
Unreinlichkeit der Chinesen ist zweifellos arg genug. Trotzdem wird hier,
vielleicht in Folge des trockenen Klimas, die Nase weniger oft beleidigt,
als in den deutschen oder irischen Quartieren New Yorks. Der Qualm der
Räucherkerzchen überdeckt alle anderen Düfte, er scheint der spezifische
Geruch von ganz China zu sein.
Ein feiner Chinese, mit dem ich bekannt wurde, bat mich, aus dem was ich
in San Francisco sah keinen allgemeinen Schluss über seine Landsleute zu
ziehen, es gäbe hier zum Beispiel nicht eine einzige anständige Chinesin.
Ich will ihm gerne glauben. Wäre es ja doch eben so unrecht, aus dem
elenden deutschen Gesindel, welches in New York die Gegend des East River
bewohnt, eine Vorstellung von den Deutschen zu Hause sich machen zu wollen.
Die chinesische Prostitution San Franciscos ist das Widerlichste, was man
von dieser Kulturkrankheit sehen kann. Ein paar dunkle holperige Gassen
bestehen streckenweise nur aus Hurenhäusern. Thüren und Fensterläden
sind bis auf ein kleines viereckiges Guckloch verschlossen. In jedem
Guckloch lauert das Fratzengesicht einer Mongolin, gierig greift eine
dazu gehörige Hand heraus nach dem Vorübergehenden, und von allen Seiten
überbieten sich schändliche Anträge in dem komischen Kauderwälsch des
Pidschin English.[9] Unter dem verluderten hölzernen Seitenpfad sieht man
durch Gitter in spärlich erleuchtete Kellerhöhlen hinab.
[9]: Pidschin English ist das von den Chinesen gesprochene englische
Kauderwälsch, nach chinesischer Auffassung zurechtgemodelt und
mit chinesischen und portugiesischen Ausdrücken gespickt. Die
hervorragendsten Eigenthümlichkeiten desselben sind das häufige
Anfügen der Endung Y, das Fehlen des Buchstaben R, für den immer L
eintreten muss, und der Gebrauch des Begriffes Piecy = Piece, Stück
bei Zahlen. So zum Beispiel sagt der Chinese nicht »Two Americans«
sondern »Two Piecy Amelican Man« -- »Zwei Stück Amerikanischer
Mann«. »You no sabe (portugiesisch) me talky« heisst »Du verstehst
mein Sprechen nicht« und »Me have got Man Numble one« -- »Ich bin
ein ausgezeichneter Kerl (Mann Nummer eins)«.
Scheuen wir uns nicht, das Menschenthier auch in seiner abstossendsten
Gestalt kennen zu lernen, und treten wir in eines dieser Häuser, so werden
wir sofort von einem halben Dutzend zierlich trippelnder und affenartig
beweglicher Frauenzimmer in Beschlag genommen und mit einem winzigen
Schälchen Thee regalirt, zu dem ein Kessel kochenden Wassers immer bereit
steht. Jede sagt uns, wie viel die Erneuerung ihrer Schmetterlingsfrisur
wöchentlich kostet und dass sie erst seit kurzer Zeit angekommen sei. Sie
sind ein blosser Handelsartikel und schon als Kinder in China drüben von
älteren Weibern angekauft und aufgefüttert worden, bis sie für den Markt
reif waren. Ich glaube nicht, dass ihnen das Bewusstsein ihres niedrigen
Zweckes jemals Scham oder Kummer erregt, wie dies bei unseren Prostituirten
häufig der Fall ist. Die mongolische Rasse hat kein Gemüth.
Schon auf der Strasse sahen wir vor einigen Thüren glimmende
Räucherstäbchen in den Boden gesteckt, welche die Gottheit zur Verleihung
von Kundschaft ermuntern sollen. Auch im Innern der Häuser glimmen solche
Stäbchen vor kleinen Altärchen. Nebenan steht vielleicht ein etwas
europäisch modifizirtes Himmelbett, auf dem die Decke nicht nach unten,
sondern quer in sorgsamen Falten zurückgeschlagen ist. Ein paar Tischchen
und Stühlchen bilden das übrige Mobiliar. Hinter Gardinen folgt eine
Reihe anderer Kammern.
Gleich nebenan ist eine Opiumbude. Zwei alte ausgediente Weiber kauern an
der Thüre, sie sind die Inhaberinnen des Geschäftes. Ihr Lokal besteht
aus zwei oder drei niedrigen, dumpfigen Stuben, welche in lauter kleine
Verschläge mit hölzernen doppelt über einander gebauten Kojen wie das
Zwischendeck eines Auswandererschiffes abgetheilt sind. Auf jedem dieser
harten Betten ruht die ausgemergelte Gestalt eines Chinesen, dem Genuss
des narkotischen Giftes fröhnend. Die einen haben bereits ihren Rausch
und liegen regungslos da mit stier geöffneten Augen und schlaffen
Gesichtszügen wie Leichen, die anderen sind noch eifrig beschäftigt, sich
zu betäuben.
Das Opiumrauchen erfordert viel Arbeit und könnte wahrscheinlich
zweckmässiger eingerichtet werden, als das Herkommen vorschreibt. Der
übliche Stoff bildet eine schmierige Paste, ein dickes Extrakt, welches in
kleinen Hornbüchschen aufbewahrt wird. Der Pfeifenkopf ist ein bauchiges
Thongefäss, das senkrecht quer auf dem Rohre sitzt und nur eine
ganz kleine Oeffnung von kaum zwei Millimeter Weite hat. Nebst dem
Opiumbüchschen und der Pfeife gehört noch eine gläserne Oellampe und
eine dünne Drahtnadel zum Opiumrauchen. Aus dem Extrakt wird eine Pille
von Erbsengrösse geformt, mit der Nadel an dem Licht der Lampe erwärmt
und in das kleine Loch der Pfeife gestrichen. Beständig verstopft sich
dieses, und dann muss wieder mit der Nadel nachgestochert und an dem Licht
erwärmt werden, um ein paar volle Züge Opiumqualm in die Lunge zu lassen.
Stumm und eifrig obliegen die Raucher ihrem mühseligen Geschäfte, keiner
spricht ein Wort.
Lebhafter geht es in den Spielhöllen zu, die oft mit Opiumbuden verbunden
sind. Hier sitzen eng zusammengedrängt die Spieler an langen schmutzigen
Tischen und locken sich gegenseitig mit Dominosteinen das Geld,
amerikanische Silberdollars und Cents, aus der Tasche. Haufen von
Zuschauern stehen um sie herum und verfolgen eben so erregt und unter
denselben wilden Interjektionen wie die direkt Betheiligten den Wechsel des
Glücks. Chinesische Münzen sind unter den Chinesen San Franciscos nicht
im Gebrauch, man kann sie aber als Andenken in jedem der vielen Läden voll
mongolischen Schnickschnacks kaufen.
Die obere bergan steigende Hälfte von Jackson Street ist der vornehmste
Theil des Chinesenviertels. Hier setzten sich die Chinesen zuerst fest
und schoben von hier aus ihr Gebiet allmälig weiter und weiter in die
benachbarten Quer- und Parallelstrassen hinein, so dass es jetzt etwa neun
Blocks, die dichtest bevölkerten San Franciscos, umfasst. Die Grenzen sind
nicht scharf, sondern bilden eine Zone von sehr gemischter Gesellschaft der
gelben und weissen, schwarzen und vielleicht auch rothen Rasse. Im
Süden und Osten beginnt sofort das Reich der äusserst ungenirten,
nichtchinesischen Prostitution. Im Norden schliesst sich das Deutschthum
schlechterer Sorte mit grossen schmutzigen Bierhallen an. Westlich, gegen
den Hafen zu, wohnen hauptsächlich Irländer, Franzosen und Italiener.
Die Hauptmerkwürdigkeiten von Jackson Street und Umgebung sind die beiden
Theater und das Dschosshaus, die buddistische Kirche. Erstere liegen
einander gegenüber ziemlich weit unten im belebtesten Theile von Jackson
Street, letzteres ganz oben in Sacramento Street und bereits in der
Grenzzone Chinas.
Aeusserlich zeichnen sich die beiden Theater nur durch je zwei
Gaskandelaber mit Aufschriften, deren eine »Yu Henn Choy« und deren
andere »Imperial Theater« lautet, aus. Innen gleichen sie sich
vollständig, blos dass das ältere, das »Yu Henn Choy«, um etliche Grade
schmutziger und russiger ist, und in diesem die Gallerie hinten so hoch
hinaufgeht, dass man gebeugten Hauptes nach vorne hinabsteigen muss. Die
Bühne in beiden ist ein einfaches Podium ohne Vorhang und ohne Koulissen,
welches die ganze Breite des Saales einnimmt und durch fünf Oeffnungen,
einem mittleren grossen Fenster, zwei Thüren und zwei Guckfensterchen mit
dem Raum hinter der Szene in Verbindung steht. Der Bühne gegenüber bauen
sich die Sitzreihen, hölzerne Bänke, in die Höhe. An den Seiten sind
Logen abgesondert und gewöhnlich mit Frauenzimmern bevölkert. Die
Beleuchtung ist Gas.
Es wird hier meist von vier Uhr Nachmittags an bis in die späte Nacht
gespielt, manchmal sogar ganze Tage lang. Man braucht sich also um keinen
Anfang zu kümmern und an keine Zeit zu binden. Ausserdem sind auch die
Wirkungen der chinesischen Dramaturgie auf das Gehörorgan so intensiv,
dass ein normaler Durchschnittseuropäer nach einer halben Stunde reichlich
genug hat.
Als ich zuerst das Imperial Theater betrat und über die dunkle, schmale
und schmutzige Treppe hinaufstolperte, gestossen und gedrängt von einer
Schaar ebenfalls hinaufstolpernder Mongolen, machte mir der seltsame
Lärm der Musik, der mir entgegentönte, den Eindruck, als ob ich in eine
Menagerie voll schreiender Papageien kommen sollte. Ein amerikanischer
Rowdy sass vor einem Tisch und nahm mir zwei »Bits« Eintritt ab. Dies ist
der Preis für die vorwitzigen Weissen, Chinesen zahlen nur einen halben
Bit.[10] Eine schmutzige braune Gardine wurde zurückgeschlagen, und ich
war im Theater, auf der obersten Reihe der staffelförmig bis unmittelbar
zur Bühne hinabreichenden Bänke. Auf dem Podium unten glitzerten sechs
Personen in seidenen gestickten Gewändern und krähten und fistulirten.
Hinter ihnen vier Musikanten, quieksend und klappernd, pauckend und
rasselnd, schnalzend und pfeifend, dass einem Hören und Sehen verging.
Schwieg dieser Höllenspektakel eine Minute, so begannen die sechs Akteurs
in der Fistel zu näseln und zu miauen und faxenhafte Geberden zu machen,
indem sie halb sangen, halb sprachen und den Schluss jeder Phrase zu einem
gellenden Misston steigerten.
[10]: Ein Bit ist 12½ Cents, der alte spanische Real, der in dieser
Umtaufung noch immer an die Herkunft Kaliforniens erinnert, aber in
Wirklichkeit nicht mehr existirt.
Nur allmälig konnte ich mich von meiner Ueberraschung erholen und
versuchen, mich in den räthselhaften Sinn der Vorgänge zu vertiefen. Ich
glaubte anfangs, es sei ein lustiges Stück, es war aber ein trauriges, wie
mir mein des Chinesischen kundiger Gefährte sagte. Theaterzettel gab es
leider nicht. Dagegen wurden Erfrischungen, die aussahen wie geschmorte
Nacktschnecken und Regenwürmer, herumgetragen. Ueberall sassen Mongolen,
den Hut auf dem Kopf.
Die Hauptrolle schien ein Kerl mit weisslackirtem Gesicht zu spielen. Sein
Gebahren drückte protzenhaften Hochmuth und unaufhörliche Zornigkeit aus.
Mit gewaltsam gespreizten Beinen, die Arme in die Hüften gestemmt, ritt
er auf seinem Thronstuhl und schimpfte fortwährend einen anderen Kerl, der
als Frauenzimmer in demüthiger Haltung vor ihm stand und schliesslich
von einigen Schergen abgeführt wurde. Jede Steigerung in den Ausbrüchen
seines erregten Inneren begleitete die Musik mit einer Steigerung ihres
Lärms, der plötzlich anschwoll, um danach langsam abzuklingen. Es war
erstaunlich, welch ohrenzerreissendes Chaos von Tönen und Geräuschen die
vier Musikanten mit Hackbrett, Viola, Paucken, Klappern und Dschinellen zu
erzeugen im Stande waren.
So oft ich auch die chinesischen Theater besuchte, ich vermochte selten
den Sinn der Aufführungen zu errathen. Die Stücke, deren manchmal zehn
an einem Tag gespielt werden, folgen sich so rasch, dass es dem Fremdling
entgehen kann, wann das eine aufhört und das andere beginnt. An
den Kostümen ist zuweilen zu erkennen, ob es sich um ein einfaches
bürgerliches oder um ein romantisches Schauspiel mit Königen, Feldherrn
und Heerschaaren, welche letzteren aber meistens nur aus drei oder vier
Mann bestehen, handelt.
Von hervorragender Schönheit, Pracht und Kostbarkeit sind oft die
Gewänder, die in diesen Höhlen voll Schmutz, Dunst und Gestank entfaltet
werden, und sie allein sind den Besuch mit all seinen Unannehmlichkeiten
werth. Namentlich Feldherrn und Könige pflegen in den lebhaftesten
Farben und strotzendsten Goldstickereien zu glänzen. Vier meterlange
Fasanenfedern zieren fühlerähnlich das Haupt, am Rücken flattern gleich
Schmetterlings- oder Libellenflügeln vier glitzernde Fähnchen. Eben so
grotesk wie der Putz dieser Gestalten, ist die Art und Weise, wie sie sich
einführen, und sind die Bewegungen, mit denen sie Stolz und Tapferkeit
auszudrücken suchen. Einer nach dem anderen schwirrt durch die Thüre
links herein, bläht seine Brust auf, schlenkert mit den Beinen, lässt die
langen Fasanenfedern spielend durch die Finger gleiten, dreht sich mehrmals
um seine Axe, schlägt sich auf den Bauch und fängt an zu krähen und zu
miauen.
Im »Yu Henn Choy« sah ich einmal verschiedene Pantomimen und gymnastische
Künste. Ein Policeman des Chinesenviertels hatte mir am Morgen
mitgetheilt, dass dort heute Abend um neun Uhr »a great Tumbling« (eine
grossartige Purzelei) aufgeführt werden sollte. Das Tumbling ist die
Hauptforce und die spezifische Leistung chinesischer Akrobaten, die nur
selten und als etwas Besonderes mitten zwischen dramatischen Stücken zum
Besten gegeben wird.
Nach etlichen reizlosen equilibristischen Produktionen auf Stuhlpyramiden
und Stangen folgte das bekannte Messerwerfen und nach diesem als
Schluss- und Knalleffekt das Tumbling. Alle zwölf Akrobaten, theilweise
phantastisch geputzt und mit Fähnchen auf dem Rücken, die sie im weiteren
Verlauf abwarfen, traten vor das Orchester und begannen erst einzeln, dann
zu zweit und zu dritt oder auch alle auf einmal Luftpurzelbäume zu
machen. Immer heftiger und rascher wurden ihre Bewegungen und die Musik.
Rücksichtslos sprangen sie mit den kahlen Schädeln auf den harten Boden,
dass es laut dröhnte, oder warfen sich platt auf den Rücken nieder, als
ob es für sie gar keine Gehirn- oder Rückenmarkerschütterung gäbe.
Immer wilder und ungestümer purzelten sie durch einander, über und
unter sich, kreuz und quer, über Tische und Stühle, schmetterten mit den
Schädeln gegen einander und gegen den Boden, bis von dem ganzen Dutzend
tobender Menschen nur mehr einzelne Arme, Beine und Schädel herumzufliegen
schienen, wie von Geisterhänden durcheinander gequirlt, während die Musik
immer verrückter wurde und in den schrillsten, gellendsten Dissonanzen
sich bemühte, auch die Zuschauer in die auf der Bühne herrschende
Tobsucht hineinzuziehen. Mit mir wäre ihnen dies beinahe gelungen. Meine
bezopften Genossen aber sahen stumpfsinnig und blöde vor sich hin, ohne
ihr Gesicht zu verändern.
Unter den Pantomimen die ich vorher gesehen hatte war namentlich eine
interessant und auch für europäische Empfindungsart durch ihren blossen
Inhalt von komischer Wirkung.
Zwei Männer schleppen einen Scheintodten herein, werfen ihn auf den Tisch
und stellen Belebungsversuche an. Sie blasen ihm in die Nase, sie kitzeln
ihn mit einer Feder in der Nase, der Kerl rührt sich nicht. Sie legen
ihn auf den Rücken, sie legen ihn auf den Bauch, Kopf und Extremitäten
baumeln schlaff herab. Nun wird er bis auf eine Schwimmhose entkleidet. Sie
binden ihm Hände und Füsse an den Leib und stossen ihn mit dem Kopf
auf den Boden, so dass er fest steht wie das Ei des Columbus. Sie zünden
Pulver vor seinem Gesicht an -- Alles umsonst. Die Augen bleiben starr
geöffnet, kein Muskel zuckt. Grosse gelehrte Berathung, bedenkliches
Kopfschütteln. Endlich haben sie das Richtige gefunden und hüpfen
frohlockend wieder herbei. Der zusammengeschnürte Körper wird losgebunden
und ausgestreckt mit den Beinen an einen Nagel gehängt. Teuflische
Grimassen schneidend kitzeln sie mit sämmtlichen zwanzig Fingern an ihm
auf und ab, von unten nach oben, von oben nach unten, an den Sohlen, in
den Achseln -- ohne Erfolg. Sie verlieren die Geduld, werden ärgerlich,
entzweien sich, prügeln sich. Jeder möchte allein kitzeln und beansprucht
den Kadaver für sich. Sie reissen ihn von der Wand und zerren ihn hin
und her, der eine an den Beinen, der andere an den Armen. Sie hauen gegen
einander und im Wirrwarr des Gefechts erhält aus Versehen das Objekt des
Zwistes eine schallende Ohrfeige. Da springt plötzlich der Scheintodte
auf, giebt jedem der Streitenden einen Fusstritt ins Gesicht, dass sie
hintüber purzeln, und läuft heulend zur Thüre hinaus.
Man konnte sich nichts Teuflischeres denken, als das Geberdenspiel
der beiden mongolischen Fratzengesichter in jener Kitzelszene, und die
quicksende Musik gab die entsprechende Tonmalerei dazu so eindringlich und
wirksam, dass man sich zu kratzen versucht fühlte.
Die dritte Hauptmerkwürdigkeit, das Dschoss Haus, setzt sich zusammen aus
drei verschiedenen Abtheilungen, aus einer offenen Holzbaracke, die in eine
schmale Lücke der Häuserreihe etwas zurücktretend hineingebaut ist, und
aus zwei Zimmern im ersten Stock des linken Nachbargebäudes, die mit jener
durch eine Treppe verbunden sind. Alles glitzert innen von Gold und von
Silber, von rothen und gelben, blauen und grünen Farben. Hellebarden,
Götterfiguren allein und in Gruppen, Altärchen und Schüsselchen stehen
neben- und übereinander, längs den Wänden und in der Mitte. Das eine
der Zimmer ist halb dunkel und durch farbige Lämpchen sehr wirkungsvoll
magisch düster beleuchtet. Der Totaleindruck erinnert lebhaft an den
Geschmack des bunten Aufputzes katholischer Dorfkirchen in Baiern oder
Tirol. Es fehlt nur der Weihrauchgeruch, der hier durch das zweifelhafte
Aroma unzähliger Räucherkerzchen vertreten ist.
In der Regel herrschte ein starkes Gewühl von Chinesen in den engen
Räumen, und man musste sich sehr in acht nehmen, in dem fortwährenden
Drängen und Stossen nichts von all dem heiligen Flitterkram umzuwerfen,
oder sich an den überall steckenden Räucherkerzchen zu brennen. Zwei
weisse Policemen hielten am Eingang barsch und gewaltsam die Ordnung
aufrecht. Ich konnte nie eine Spur von andächtiger Stimmung in den
Physiognomien der Kirchgänger bemerken. Sie benahmen sich ganz wie auf der
Strasse, rauchten Zigarren, hatten den Hut auf dem Kopf und die Hände in
den Hosentaschen und gafften gleichgültig umher.
Neben einem der Altärchen in der magisch halbdunklen Ecke war ein
thönerner Ofen, und vor ihm knieten einmal zwei Frauenzimmer nieder,
küssten den Boden, standen wieder auf, zündeten einige papierene
Gebetlein an und warfen sie in den Ofen. Dabei fuhren sie mit der
auflodernden Flamme so unerwartet und nahe an meinem Gesicht vorbei, dass
ich erschrocken zurücktrat, worüber die Nächststehenden ein lautes
Gelächter aufschlugen. Die zwei Damen, Prostituirte wie alle weiblichen
Glieder des Chinesenviertels, waren übrigens für die herumgaffenden
Burschen die beständige Zielscheibe der Unterhaltung. Ihre Frömmigkeit
mochte auch ziemlich unlautere Motive gehabt haben. Der Buddist verlangt
von Gott nur Segen für sein Geschäft.
Ein anderes mal kam ich gerade noch recht zu den letzten Akten einer
grösseren Feierlichkeit. In der Eingangsbaracke sass halbversteckt hinter
allerlei Zierrath eine Musikbande und quiekste und miaute ganz ebenso, wie
ich es schon im Theater gehört hatte. Oben im ersten Stock zelebrirte
der alte, dünnbärtige Oberbonze, dessen Pilzhut ein Glasknopf zierte,
im Verein mit zwei jungen Diakonen, welche rothseidene, gelbbeknöpfte
Glatzkäppchen trugen, und mehreren Dienern, die Glatzkäppchen, aber ohne
Knopf aufhatten, hinter einer Barriere eine Art Messe. Einige Frauen mit
kleinen Kindern drängten sich vor, stiegen über die Barriere und setzten
sich stumm auf den Boden. Sie hatten offenbar eine Rolle bei dem Fest zu
spielen. Ein langes Brett in der Mitte war mit winzigen Opferschälchen,
welche Reis, Weinträubchen, Rübchen und sonstige Gerichtchen enthielten,
bedeckt, und über dieses trugen zwei Diener etliche Heiligenfigürchen auf
einer Tafel, die sie von den beiden Seiten in die Höhe hielten, langsam
herab und hinauf, als ob sich die Figürchen die ganze Bescherung recht
genau anschauen sollten. Mein Verständniss dessen, was ich sah, war eben
so undeutlich wie meine Schilderung sein dürfte.
Weniger unverständlich hingegen ist das Getriebe, welches gleich
ausserhalb des Dschosshauses beginnt. »Mademoiselle Laurence«,
»Sennorita Juanita«, »Miss Mary« und so weiter lauten die Aufschriften,
die in Sacramento Street und in den nächsten Strassen gegen Süd und West
beinahe an jeder Thüre oder an farbigen Gaslaternen in prangenden Lettern
das Auge auf sich ziehen. Die Fenster der Erdgeschosse sind geöffnet und
hell erleuchtet, und hinter ihnen sitzen im strahlenden Lichte die holden
Trägerinnen jener Namen, sticken oder nähen und warten mit resignirter
Gelassenheit auf Kundschaft. Unter dem Schatten einer Veranda ladet auch
wohl eine Sirene in leichter Balletgewandung flüsternd zum Besuch ein,
während verluderte Gaunergestalten rudelweise vorüberziehen und zynische
Witze reissen.
San Francisco hat eben von der alten Zügellosigkeit doch noch einige
Ueberbleibsel behalten. Zum Glück macht sich auch in Bezug auf den Sonntag
diese grössere Freiheit geltend. Während drüben auf der atlantischen
Seite Amerikas die englisch-puritanische Sonntagsöde ungemildert über
den Städten lagert, und die armen Fremdlinge in den Hotels den ganzen Tag
nichts thun können als schlafen oder unten im gemeinschaftlichen Parlour,
den Zylinder auf dem Kopf und ein bereits mehrmals gelesenes Blatt in
der Hand, mit drei oder vier Stühlen die verschiedensten amerikanischen
Posituren durchprobiren -- man muss eine solche Gesellschaft von Gentlemen
gesehen haben, um zu wissen was Langeweile heisst -- freut sich das Volk
an der pazifischen Küste lustig des Lebens. Einem frommen Reverend aus
England oder aus den östlichen Staaten, den »Staaten« schlechtweg, muss
ordentlich die Haut schaudern, wenn er den sabathschänderischen Lärm San
Franciscos kennen lernt. Ich selbst, durch längere Gewöhnung anglikanisch
entartet, fühlte etwas wie Befremdung, als ich den Heidenspektakel von
Drehorgeln, Biermusiken, Volksversammlungen, Aufzügen, Fackelprozessionen
und militärischem Pomp sah, der hier an Sonntagen verübt wird.
Sehr beliebt scheint das Soldatenspielen zu sein. Die Milizen haben in
Amerika das Recht, ihre Uniformirung selbst zu wählen; gewöhnlich thun
sich die Landsmannschaften zusammen und kleiden sich nach heimischem
Reglement, und so kann man bald einem Haufen rothblusiger Garibaldianer,
bald einem Regiment dunkler Preussen mit Pickelhauben, in dieser Strasse
einem Bataillon Franzosen, in jener Schweizern begegnen. Derartige
Erscheinungen sind in jeder grösseren Stadt zu haben, am meisten
entwickelt und wechselvoll fand ich sie in San Francisco vor. Die dortigen
Gardegrenadiere sind nicht weniger stolz als die in Berlin. Was kann es
auch für einen jungen Teutonen am Sonntag Schöneres geben, als sich in
Uniform zu werfen, die Flinte zu ergreifen und unter den kriegerischen
Klängen der Janitscharenmusik hinauszuziehen nach irgend einem
Vergnügungslokal. Voran reiten der Oberst und der Regimentsadjutant, die
Majore und die Bataillonsadjutanten, auch die Hauptleute sind beritten,
und in New York sah ich einmal selbst einen Regimentsarzt mitreiten. Dieser
hatte aber keine Pickelhaube sondern einen Federhut auf dem Kopf. Sonst war
Alles echt von den Zündnadelgewehren bis zu den Schärpen der Adjutanten
und den Säbelquasten, welche die verschiedenen Kompagnien auszeichnen.
Draussen wird dann Bier getrunken und getanzt und Abends gehts wieder
in derselben Weise nach Hause, nur etwas weniger stramm und oft auch
schwankenden Schrittes.
Diese heterogenen Milizen sollen sich bei besonders feierlichen
Gelegenheiten oft in die Haare gerathen. Es soll vorkommen, dass
die Preussen es unterlassen zu präsentiren, wenn die Franzosen
vorbeimarschiren, worauf diese vielleicht zu pfeifen und zu johlen
beginnen, und dann ist der Teufel los, und die Konsuln haben ihre liebe
Noth, die Empfindlichkeit der beleidigten Nationalitäten zu beschwichtigen
und den respektiven Heerführern klar zu machen, dass das Deutsche Reich
solche Vorkommnisse noch nicht für ausreichend zu einer offiziellen
Kriegserklärung erachten dürfte.
In den zahlreichen und grossartigen Bierpfützen der deutschen Quartiere
übrigens herrscht eine rühmenswerthe Neutralität. Dort verschmähen
es auch die benachbarten Franzosen nicht, sich mit ihren Erbfeinden in
demselben gemüthlichen Schlamm zusammenzufinden. Die in Amerika leider so
beliebten Riesendrehorgeln, auf denen Orchestermusik mit Blasinstrumenten,
Trommeln und Paucken abgehaspelt wird, spielen abwechselnd die Marseillaise
und die Wacht am Rhein dazu.
Was San Francisco ausserhalb des Chinesenviertels an Sehenswürdigkeiten
besitzt, ist bald gesehen. Das Palace Hotel repräsentirt das Höchste, was
amerikanisches Hotelwesen, weit überlegen dem europäischen, an Eleganz
und Solidität zu leisten vermag. Das neue Stadthaus, welches eben im
Bau begriffen war, verspricht sich zu einem ganz verrückten, echt
amerikanischen Architekturwerk zu gestalten, und in der Münze, deren
Einrichtungen täglich zu einer bestimmten Stunde gratis gezeigt werden,
kann man sich an der Erzeugung grosser Zwanzigdollarstücke ergötzen.
Interessanter indess als der schnöde, gleissende Mammon war mir die
Ehrerbietung, die den zwanzig oder dreissig Frauenzimmern, welche in einem
geräumigen Saal die Goldstücke auf ihre Makellosigkeit prüften,
gezollt wurde. »Bitte die Hüte abzunehmen« sagte unser Führer ehe wir
eintraten, »wir kommen jetzt in das Departement der Ladies«, und die
Damen, die da an langen Tischen sassen und feine Wagen hantierten, schienen
die Artigkeit werth zu sein. Ihr Aeusseres und ihre Haltung litt nicht
unter dem Druck der Arbeit um das tägliche Brot.
Nicht unerwähnt darf die kalifornische »Academy of Science« bleiben.
Unter diesem Wohlklang ist keine Akademie in unserem Sinn, sondern nur
ein Wust von verstaubten Büchern und verstaubten Vogelbälgen, von
eingetrockneten Spirituspräparaten und einem durcheinandergeworfenen
Herbarium in einer alten baufälligen Kirche zu verstehen. »Science does
not pay in California« tröstete mich der hohläugig und halbverhungert
blickende Kustos, der das genannte Museum der »Metropole des Westens« zu
verwalten hatte. Er war ausnahmsweise ein Vollblutamerikaner. Sonst geben
sich meist nur Deutsche zu solch brotlosen Künsten her.
Der bedeutendste Vergnügungsort und zugleich ein ganz eigenartig
universelles Institut ist Woodwards Garden, welcher schon beinahe
ausserhalb der Stadt liegt, wo die Wüste beginnt. Eine Menagerie mit
Löwen, Tigern, Elephanten, Bären und Schlangen und hundert anderen
Thieren bis zu den weissen Mäusen herab, ein grosser Robbenteich, ein
Papageienhaus, ein See- und Süsswasser-Aquarium, ein Palmenhaus, eine
Sammlung von Naturalien und Kuriositäten, eine Gemäldegallerie und was
es sonst noch für die Schaulust geben mag, sind hier dem Publikum offen.
Tanzsäle, Turngeräthe, Schiessbuden, ein Skating Rink, ein Karoussel
von Gondeln und Segelböten auf einem kleinen runden Wasserbassin
bieten mannigfaltigen Sport. Man kann hier auf Eseln reiten, mit einem
Hirschgespann herumkutschiren, sich wägen lassen und Kraftproben aller Art
anstellen.
An Sonntagen produziren sich Akrobaten, Messerverschlinger und Feueresser,
und ein Programm von Woodwards Garden, das ich in einem Streetcar bekam,
versichert in grossen Buchstaben, ihre Leistungen seien so schauderhaft
anzusehen, dass regelmässig darüber die Frauenzimmer in Ohnmacht fallen
und die Kinder heulen. »Women faint and Children cry!« »Rel Muab, der
wahrhaftige menschliche Salamander spottet aller Naturgesetze! Er
beisst glühende Eisenstangen entzwei! Er trinkt kochendes Oel! Er
isst geschmolzenes Blei! Er steht mit blossen Füssen auf glühenden
Eisenplatten!« »Rollo, der Zahn-Herkules, übertrifft alles bisher
Gesehene mit der Kraft seiner Zähne und Kinnbacken!« Und der Eintritt zu
all diesen Herrlichkeiten kostet nur einen Bit.
Das zoologische Museum von Woodwards Garden ist musterhaft sauber gehalten,
besitzt eine Menge vortrefflicher Spiritusgegenstände und hat wirklichen
wissenschaftlichen Werth. Der Konservator desselben ist natürlich ein
deutscher Landsmann. Unter dem Kuriositätenappendix befindet sich auch ein
Palmstumpf, vor welchem Cook von den Sandwichinsulanern erschlagen worden
sein soll. Im Museum zu Honolulu wird die nämliche Reliquie aufbewahrt.
Welches von beiden die ächte ist, möge unentschieden bleiben.
Unter den lebenden Thieren sind besonders die riesigen pazifischen Robben
oder Seelöwen interessant, welche in einem stark umgitterten Teich
gehalten werden. Zweimal täglich zu bestimmten Stunden ist Fütterung.
Die scheinbar so plumpen Kolosse gerathen dann in grosse Erregtheit.
Unglaublich gewandt klettern und schieben sie sich schnaubend mit ihren
zu Flossen verkümmerten Extremitäten den aus der Mitte ragenden Felsen
hinauf, wohin der Wärter ihnen ansehnliche Fleischportionen zuwirft, die
sie oft noch im Fluge erschnappen, oder stürzen sich von oben kopfüber
herab, um die ins Wasser gefallenen Stücke zu holen. Schwimmend nehmen sie
den Charakter von Walfischen an, tauchen hie und da in die Höhe um Luft zu
schöpfen, tauchen dann wieder in die Tiefe und verschwinden, und nur
das Strudeln und Wallen des aufgewühlten schmutzigen Teichs zeigt an, wo
ungefähr sie sich herumtreiben.
Die Anlagen von Woodwards Garden sind hübsch und verhältnissmässig
geschmackvoll. Eine Menge Kioske und Flaggen zieren die vielen wirr
aneinander gefügten Gebäude. Leider will unter dem Staub der benachbarten
Wüste kein freundliches Grün gedeihen. Auf hohen Holzgerüsten stehen
ringsum blauweissrothe, vielflügelige Windmühlen, die sich durch ihre
Steuerung selbst gegen den Wind drehen, und pumpen langweilig knarrend
Wasser empor.
Market Street ist die von Nordost nach Südwest gerichtete diagonale Axe
San Franciscos. Am Hafen endet dieselbe in dem Hauptpier der Ferryboote.
Das andere Ende verliert sich in der Wüstenei der San Pablo Berge, die den
Hintergrund ihrer Perspektive bilden. Jenseits der San Pablo Berge liegt
die Lagune de la Merced, ein seeartiges, langgestrecktes und seichtes
Süsswasserbecken, nur durch einen schmalen Dünensaum von der Meeresküste
getrennt.
Dorthin ging ich am letzten Sonntag vor meiner Abreise spazieren, um
vom Stillen Ozean Abschied zu nehmen. Es war der erste Oktober, und die
Regenzeit schien, etwas früher als gewöhnlich, eben beginnen zu wollen.
Bereits in drei Nächten nach einander hatte es geregnet, das Wetter am
Tage war noch immer ungetrübt sonnig und heiss.
Ein Sonntagsspaziergang in der nächsten Umgebung San Franciscos ist
nicht ohne Gefahren. Da es in diesem freien Lande keine Jagdscheine
giebt, strömt dann Alles mit Schiessgewehren bewaffnet ins Freie hinaus,
allerwärts knallt es, und hie und da hört man eine Kugel sausen. So wars
auch heute. Eine Menge Menschen zu Fuss und zu Wagen begegneten mir oder
fuhren an mir vorüber, und jeder hatte ein Schiessgewehr bei sich.
Hier marschiren etliche Schuljungen die Strasse entlang. Der eine trägt
eine alte verrostete Flinte, der andere eine Jagdtasche, ein dritter das
Pulverhorn umgehängt, und ein vierter hat vielleicht einen Revolver im
Gürtel stecken. Dort sitzen vier Sonntagslümmel in einem gemietheten
Zweispänner, und ebenso viele Doppelläufe starren neben ihnen aus dem
Fuhrwerk heraus. In einem eleganten leichten Buggi kutschirt ein behäbiger
Spiessbürger dahin. Sein Pferd sieht aus, als ob es während der Woche
Fleisch ziehen müsste. Zur Linken sitzt ihm die Gattin, zur Rechten starrt
die Mündung einer Büchse gegen Himmel, und vorne sitzt arrogant ein
fetter Mops und schneidet heute ein Gesicht, als ob er ein ganz verflucht
gescheidter Hühnerhund wäre, obgleich er weiter nichts versteht als die
Kälber seines Herrn anzubellen.
Wenn so ein richtiger amerikanischer Junge gerade in heiterer Laune ist, so
macht er sich wohl einmal den Spass, auf einen harmlosen Spaziergänger zu
schiessen. Am Ufer der Laguna de la Merced erlebte ich ein Beispiel davon.
Halbversteckt im Schilf sammelte ich Süsswasserschnecken, Limnäen und
Planorben, da knallte es drüben, und über mir schlug eine Kugel in die
Böschung. Ich eilte nach oben, um mich zu zeigen und so den Schützen
zu warnen, dass er seinem Vergnügen in einer anderen Richtung genügen
möchte. Aber in der nächsten Minute fuhr ein zweites Geschoss neben
mir in den Sand, und das fröhliche Lachen zweier Burschen, die jenseits
standen, überzeugte mich, dass es nicht absichtslos geschehen war.
In den San Pablo Bergen, die ich zuerst ohne Pfad, nur der Himmelsrichtung
folgend, überschritten hatte, war es öde und einsam. Nebelmassen zogen
über die kahlen Gipfel und kalte Windstösse fuhren durch die Thäler,
an deren Gehängen Kühe den spärlichen Pflanzenwuchs abweideten. Ein
isolirtes Gehöft aus lotterig zusammengestoppelten Hütten war die einzige
menschliche Wohnstätte, die ich passirte.
Am Meere angelangt, wo es wieder lebendig wurde, bog ich nach Norden dem
Cliff House zu. Villen und Vergnügungsorte haben sich dem Strand entlang
angesiedelt, unter ihnen ragt das Ocean House durch seine Dimensionen
dominirend hervor.
Die Strecke vom Ocean- zum Cliff House ist ein beliebter Korso. In
eleganten Buggies und Landaus fahren die Bürger der Metropole auf dem
durchfeuchteten und dadurch festen Sande spazieren, links die rastlos
rollenden und sich überstürzenden Wogen des Ozeans, die in flachen
schaumigen Zungen bis unter die Räder lecken, rechts die eigenthümliche
melancholische Landschaft der Dünenhügel, deren Kuppen dunkle Büschel
von Fettpflanzen bedecken, Möven kreuzen draussen über dem Wasser, und
eine Schaar weiss blinkender Segel unterbricht angenehm die Monotonie des
Horizonts.
Ein ganz einziger Punkt ist das Cliff House, das mit Recht berühmte
Hauptausflugsziel der San Franciskaner. Hingebaut an den äusseren Absturz
der Felsenkette, die den südlichen Pfeiler des Goldenen Thores bildet,
beherrscht es die Aussicht über das Meer und auf einige nahe Klippen,
welche von einer Menge Seelöwen, Möven und Pelikane bevölkert sind. Dank
einem weisen Gesetz dürfen diese Thiere hier nicht geschossen werden und
scheinen sich auch ihrer Sicherheit wohl bewusst zu sein.
Schon ehe man von der Strasse aus die elegante Restauration betritt, geben
etliche fünfzig schöne Gespanne, die unter einem Dache aufgestellt sind,
die Anwesenheit wohlhabender und, was hier gleichbedeutend, vornehmer
Gesellschaft kund. Wir gehen durch das Gebäude nach der Seeseite zu und
gelangen auf eine Gallerie, auf welcher geputzte Ladies und Gentlemen
an sauber gedeckten Tischen sitzen, duftigen Mokka schlürfen und mit
Ferngläsern zoologischen Studien über die interessante Bewohnerschaft der
Klippen sich hingeben.
Unten donnert die Brandung gegen das schroffe Ufer, hie und da übertönt
von dem gellenden Brüllen und Bellen der Seelöwen, die sich durch
dasselbe schlangenartige Winden und Drehen, das wir bereits bei
den Gefangenen von Woodwards Garden kennen gelernt, an den Felsen
hinaufschieben und sich um die besten sonnigsten Plätze zanken. Manchmal
sperrt einer den geräumigen Rachen auf und faucht giftig den Nachbar an,
als ob er ihn fressen wollte, klappt aber gleich wieder zusammen, während
jener eingeschüchtert hinabrutscht. Manchmal beginnen sie alle auf einmal
zu brüllen und zu bellen, mit hellen und tiefen Stimmen. Sind ihrer viele,
etwa dreissig oder vierzig auf einem der Felsen versammelt, so sehen sie
glänzend von Feuchtigkeit aus wie schlüpfrige Reptilien, die sich über-
und durcheinander schlängeln. Die günstigste Zeit zum Besuch und zur
Beobachtung der »Seal Rocks« ist der Morgen, wenn die Sonne im Osten
steht und alle westlich vom Auge liegenden Gegenstände scharf beleuchtet.
Nicht minder interessant für denjenigen, der sie zum ersten mal sieht,
sind die zahlreichen Pelikane, die ringsum kreuz und quer die Luft
durchmessen. Langnasige Karrikaturen von Vögeln, umkreisen sie
unermüdlich die Klippen, deren dunkle Massen sie mit ihren Exkrementen
weisslich gestrichelt haben.
Neben und unter dem Cliff House sind terrassenförmige Gärtchen in
Felsenstufen gebettet. Ein reicher Flor von Malven stand in voller Blüthe,
und braun schillernde Kolibris schwirrten von Blume zu Blume, um Insekten
daraus zu erbeuten, zum Verwechseln ähnlich unseren europäischen
Sphinxen.
Von Cliff House bis zur Stadt paradirt auf den Plänen bereits ein
ansehnliches grünes Rechteck als »Golden Gate Park«. In der Wirklichkeit
ist das meiste davon noch Sand und Wüste. Zwei ausgezeichnete breite
Strassen führen durch den Zukunftspark, auf denen die vorzüglichsten
Traber der Erde die Bewunderung herausfordern. Ich glaube nicht, dass es in
London eben so viele herrlich trabende und schöne Wagenpferde giebt wie
in San Francisco. Eine Tafel giebt kund, dass zehn Meilen per Stunde
(= 16 Kilometer) die höchste erlaubte Fahrgeschwindigkeit sei. Wer aber
kontrolirt diese prachtvollen Thiere, die weit übergreifend so leicht und
sicher mit den zierlichen Buggies dahinfliegen?
In der Nähe sind eine Rennbahn und die Begräbnissplätze. Ein hohes
Kruzifix krönt den bedeutendsten Hügel als weithin sichtbare Landmarke.
Auch der chinesische Leichenacker befindet sich hier, kenntlich an einer
Windmühle, welche Wasser pumpt, und mehreren weissgetünchten hölzernen
Kiosken. Es ist also übertrieben, wenn behauptet wird, dass die Chinesen
ihre sämmtlichen Todten in die Heimath verschiffen.
Auf einem anderen Ausflug, den ich nach Berkley, einer kleinen
grösstentheils aus Wirthshäusern bestehenden Ortschaft am
gegenüberliegenden Ufer des Hafens machte, hatte ich Gelegenheit, einen
in Kalifornien sehr gemeinen Nager, der dort die Stelle unseres
Hamsters vertritt, kennen zu lernen. Sein Name »Ground Squirrel« --
»Erdeichhörnchen« ist die beste Beschreibung desselben. Nur ist
das Thier etwas grösser und weniger schlank und geschmeidig als sein
Taufpathe, der flinke Bewohner unserer Forste. Alle die weitgedehnten dürr
gebrannten Stoppelfelder waren unterminirt von Legionen desselben. Legte
man sich auf die Lauer, so kamen sie vorsichtig aus ihren Löchern, machten
Männchen und hielten Umschau und versammelten sich. Eine leise Bewegung,
und sie verschwanden, indem sie sich durch Pfiffe warnten.