LETZTE TAGE IN HONOLULU.

Das Walboot und der Stadtklatsch der Honoluluianer. Audienz beim

König. Festliche Zurüstungen. Bad im Kapena. Tanzvergnügen. Der

Deutsch-englische Klub. Besuch verschiedener Kirchen. Die Missionäre.

Den nächsten Tag wusste ganz Honolulu um unsere Bootfahrt. Alles wunderte

sich und staunte uns an. Wir kamen in die Zeitung, und im Hotel und auf

der Strasse frugen die Leute uns unaufhörlich, ob es nicht furchtbar

gefährlich gewesen sei. Kamehameha der Grosse hat eine starke Armee auf

gebrechlichen Kanuus von einer Insel zur anderen gebracht, die jetzige

Generation ist durch Dampfer und Schuner schon so verweichlicht, dass sie

vor solchem Wagniss zurückschreckt.

Wir und das Walboot wurden das stehende Thema und wir wurden nervös,

von nichts als von dem Walboot zu hören. Wir besuchten einen Beamten im

Governementsgebäude und sahen bei ihm zum ersten mal eine amerikanische

Schreibmaschine. Bemüht uns gefällig zu sein setzte er sich sofort an das

Instrument und fingerte in die Tasten: »These Gentlemen have come in an

open Waleboat from« -- wir hatten genug von seinen Künsten und dankten.

Als wir bald darauf dem König Kalakaua vorgestellt wurden, war das Walboot

wieder das Erste, wovon Seine Majestät sprach. Die Fama knüpfte indess

an dieses Thema weitergehende abenteuerliche Geschichten. Ein Herr der

mich nicht kannte erzählte mir bei Tisch allen Ernstes, es seien in der

gestrigen Nacht zwei Europäer unter sehr verdächtigen Umständen gelandet

und von der Polizei in Gewahrsam genommen worden, und bei den Eingeborenen

galten wir für Parteigänger der Königin Emma, der halbweissen Wittwe

Kamehamehas IV., welche viel Sympathien geniesst und deren Rehabilitirung

von den Gegnern des jetzigen Königs noch immer gehofft zu werden scheint.

Es war mehr als ermüdend, von nichts anderem als von dem Walboot und all

den Versionen darüber reden zu hören. Honolulu ist eben eine richtige

Kleinstadt, und da es keine telegraphische Verbindung mit der übrigen

Welt hat, müssen sich die Leute dort von einem Schiff zum anderen mit dem

Lokalklatsch unterhalten.

Dank der Zuverlässigkeit des Nordostpassats gibt es zwischen Honolulu

und San Francisco noch eine vierwöchentliche Post per Segelschiff, welche

meist in der Mitte zwischen zwei Dampferposten eintrifft. Zum Glück

erschien am zweiten Tage eine solche und brachte nebst Briefen auch einige

Blatternfälle, die uns als Unterhaltungsstoff ablösten.

Der König hat zwei Schwestern, welche beide an englische Kaufleute

verheirathet sind. Die eine heisst Missis Dominis, die andere Missis

Gleghorn. Nachdem mittlerweile der zwanzigjährige Kronprinz gestorben, ist

Missis Dominis präsumptive Thronfolgerin geworden und ihr Mann, der einen

Laden für Alles in Honolulu hat, präsumptiver Prince Consort. Der

Hof mischt sich hier überhaupt sehr demokratisch mit den bürgerlichen

Elementen. Ich lernte zum Beispiel einen jungen Amerikaner kennen, der bei

feierlichen Gelegenheiten als Flügeladjutant in goldgestickter Uniform

mit breiter Schärpe, Degen und Generalshut neben Majestät reitet, an

gewöhnlichen Wochentagen aber als Komptorist bei einer grösseren Firma

beschäftigt ist.

Mister Gleghorn hatte die Güte, uns bei seinem königlichen Schwager

einzuführen. Wir warfen uns in schwarzen Anzug, obwohl dies eigentlich

gar nicht nothwendig gewesen wäre, und betraten das Innere der grossen

Residenzmauer durch eines der vier Thore, hinter welchem ein Gardesoldat

auf Posten stand und vor Mister Gleghorn, der sein zwangloses Ladenzivil

trug, das Gewehr präsentirte. Durch eine schattige Allee gelangten wir

zu mehreren niederen anmuthigen Gebäuden im Verandastyl, wo abermals ein

Gardist aber ohne Gewehr stand und die Hand salutirend an die Mütze legte.

Im Hintergrunde erschien eine auffallend hübsche Kammerzofe oder

Prinzessin oder Favoritin, guckte uns neugierig an und verschwand sogleich

wieder. Ein kokettes, schiefsitzendes Watteauhütchen beschattete das

braune Gesichtsoval, die grossen glühenden Augen und das blauschwarz

herabquellende Haar, ein leichtes Hemd flatterte um ihren klassischen

Körper, und leicht und barfüssig tänzelte sie geschmeidig vorbei. Es

war die hinreissendste Kanakin, die wir jemals gesehen. Leider währte die

holde Erscheinung nur einen Augenblick. Mister Gleghorn hatte den

Kämmerer geholt, und dieser, ein alter Mann vom Typus eines deutschen

Schlosskastellans und ehemaligen Unteroffiziers, führte uns in das

Empfangszimmer des Königs. Kaum hatten wir uns in dem elegant tapezierten

und möblirten Gemach umgesehen, als Seine Majestät eintrat.

Folgendermassen lautet das Signalement Kalakauas. Haare schwarz,

gekräuselt und links gescheitelt, Schnurrbart, Kotelettes und Mücke,

ausrasirtes Kinn, Lippen voll, Nase voll und etwas gebläht, Augen

dunkelbraun und mandelförmig geschlitzt, Gesicht breitknochig, Farbe ein

sattes Hellbraun. Er ist ein grosser und starker Mann mit mehr gutmüthigen

als geistvollen Zügen, und war von Kopf bis zu Fuss in blendendes Weiss

gekleidet wie ein echter Amerikaner des Südens. Er reichte uns echt

amerikanisch die Hand zum Grusse, während wir vorgestellt wurden, dann

nahmen wir Stühle aus Strohgeflecht und setzten uns alle vier um einen

runden Tisch. Kalakaua sprach langsam aber vollkommen fliessend und korrekt

Englisch und benahm sich als tadelloser Gentleman.

Das erste Thema war auch hier unsere Fahrt von Hilo in dem Walboot, das

zweite der altersschwache Kilauea und die Nothwendigkeit eines neuen

Dampfers, welche Majestät betonte, vielleicht um zu zeigen, dass Sie das

Regieren verstehe, die Bewunderung Ihres schönen Landes und unser

Bedauern es bald verlassen zu müssen das dritte. An diese reihten sich die

Schwimmkünste Ihrer Unterthanen, Haifische, die Unfreundlichkeit unserer

Heimath und der kalte Winter des Nordens. Ich frug, ob Majestät jemals

schon Schnee und Eis auf den Strassen gesehen habe, und Sie versicherte

fast beleidigt über meinen Zweifel, einen ganzen Winter in New York und

anderen Städten des amerikanischen Ostens zugebracht zu haben. Und als

Bats frug, ob Majestät nicht auch einmal Europa besuchen wolle, zuckte Sie

lächelnd die Achseln wie um zu sagen: »Ich möchte wohl, aber Ich habe

kein Geld«.

Jedenfalls würde sich Kalakaua an europäischen Höfen anständiger und

ebenbürtiger aufgeführt haben, als jener Schah von Persien, der überall

Spuren seiner unsauberen Gewohnheiten zurückliess. Ich erinnerte mich

jetzt, dass ich damals selbst in Amerika war und alle Witzblätter voll von

Menschenfresserkarrikaturen des Hawaiischen Potentaten fand, desselben,

den ich nun als vollendeten Gentleman kennen lernte. Ueber seine

Regentenweisheit wird allerdings in Honolulu viel geschimpft. Aber wo

auf der Erde geschieht dies nicht? Beachtenswerth war mir namentlich eine

Aeusserung, welche er über die oft in Reisebeschreibungen aufgetischten

Wasserkämpfe der Eingeborenen mit Haifischen machte. Er sagte, dass

er solche Geschichten nicht glaube, und wahrscheinlich verhält es sich

hiermit wie mit vielen anderen Mährchen, die wir den Seeleuten verdanken.

Nach diesem interessanten Besuch, den wir eigenmächtig beendeten, ohne

des Königs gnädiges Zeichen hierzu, das er vielleicht nie gegeben

hätte, abzuwarten, benützten wir die Gelegenheit, das Innere des grossen

ummauerten Residenzblocks zu rekognosziren. Ausser ein paar schattigen

Alleen und den Anfängen von Gartenanlagen war kein besonderer fürstlicher

Schmuck zu bemerken. Am anderen Ende eines grossen viereckigen Platzes war

man mit dem Aufschlagen von Gerüsten und Dekorationen für ein grosses

Freudenfest beschäftigt, welches gegeben werden sollte, sobald die

offizielle Bestätigung des Handelsvertrages mit den Vereinigten Staaten

eingetroffen sei. Ein riesiges Wappen des Hawaiischen Königreiches wurde

eben festgenagelt.

Ins Hotel zurückgekehrt kleideten wir uns um und fuhren dann das

Nuuanu-Thal hinauf, um beim Kapena-Wasserfall zu baden. Der Kapena, ein

Nebenbach des Nuuanu, hat hier hinter dem Mausoleum einen kleinen aber in

der Mitte ziemlich tiefen Tümpel ausgehöhlt, aus dessen Rand ein etwa

15 Meter hoher senkrechter Felsen emporragt. Von dieser bedeutenden Höhe

herab ins Wasser zu springen ist die Lieblingsunterhaltung der vielen

Jungen und Mädchen, die sich fast beständig dort schreiend herumtreiben.

Die kleinen Körper zittern und biegen sich deutlich, wie von der Gewalt

des Sprunges erschüttert, während sie hinunter stürzen. Dabei ist die

genügende Tiefe so eng begrenzt, dass sie sich oben kräftig abschnellen

müssen, um in dem richtigen Bogen gerade das Zentrum zu treffen.

Springen sie zu kurz oder zu weit, so zerschellen sie an den zahlreichen

scharfkantigen Klippen der seichteren Stellen.

Nach dem Bade liessen wir uns an Bord des englischen Kanonenbootes

»Myrmidon« übersetzen, dessen Offiziere wir im Honolulu-Klub kennen

gelernt hatten. Ich wollte danach auch der gleich nebenan liegenden

amerikanischen »Lackawanna« einen Besuch machen, aber mein Gefährte Bats

hielt es für unvereinbar mit seinen britischen Gefühlen, einen Yankee zu

betreten, und so fuhren wir wieder nach Honolulu zurück.

Am Abend folgten wir der Einladung einiger ansässigen Weissen und

besuchten mit ihnen ein Tanzlokal für die eingeborene Jugend in Kapalama,

in welchem aber nicht etwa Hula Hula sondern nur europäische Tänze geübt

werden. Die braunen Mädchen waren alle so schüchtern gegen uns, dass

wir bald wieder weggingen, um die armen Dinger nicht länger in ihrem

Vergnügen zu stören.

Die kurze Zeit, die uns noch auf Hawaii zu verleben vergönnt war, schwand

uns aufs Angenehmste in Gesellschaft deutscher und englischer Landsleute.

Im Honolulu-Klub, in welchem diese beiden Nationen sehr kordial

zusammenleben, gab es für mich eine Menge Zeitungslektüre nachzuholen.

Aus der Kölnischen Zeitung entnahm ich mit grosser Genugthuung, dass

im Deutschen Reich mittlerweile die Kulturepoche des Kri Kri und des

geschundenen Raubritters angebrochen war.

Um auch den wichtigen Faktor der Religiosität, der in der Geschichte

des Hawaiischen Inselvölkchens eine so grosse Rolle spielt, nicht zu

vernachlässigen, besuchte ich eines Sonntags verschiedene Kirchen. Das

Glockengebimmel hatte den ganzen Morgen nicht aufgehört und erinnerte sehr

an erzkatholische Städtchen bei uns, nur dass es aus lauter Diskantstimmen

zusammengesetzt und kein einziger tieferer Ton darunter zu hören war.

Von nah und fern strömten Fussgänger, Reiter und Wagen zum Gottesdienst

heran, und um alle Bäume vor den Kirchthüren waren Pferde gebunden.

Vornehme hawaiische Damen wandelten, stolz das Haupt erhoben und mit

unübertrefflicher Grandezza, in ihren schwarzen taillelosen Talaren,

schwarze Sonnenschirmchen in den elegant behandschuhten Händen, über die

Strasse, und hinter ihnen trugen Dienerinnen die grossen Gebetbücher mit

goldenem Kreuz. Man sieht zuweilen klassisch schöne Gestalten unter diesen

Weibern, und ihr freier aufrechter ungezwungener Gang verleiht ihnen ein

hohes Mass natürlicher Würde -- so lange sie schweigen. Oeffnen sie die

sinnlich üppigen Lippen um zu sprechen oder zu lachen, so sind sie wieder

die alten rohen Barbarinnen. Der Schnitt ihrer Züge ist in der Ruhe oft

stylvoll und grossartig, er entspricht dann weniger dem Geschmack unserer

Modejournalkünstler als dem Genius eines Michel Angelo. Leider dauert bei

ihnen die Schönheit nicht lange, und ist die erste Jugendfrische vorüber,

so werden sie fett und schwammig.

In helleren Gewändern und blumenbekränzt gallopirte die Landbevölkerung

herein, Mädchen und Frauen alle rittlings im Sattel, nicht immer sehr

graziös und ohne sich viel zu kümmern, ob die langen Hemden die feinen

Stiefeletten und weissen Strümpfe bedeckten. Das grosse rothe Tuch,

welches sie ehemals um die Beine zu schlingen und malerisch hinten

nachflattern zu lassen pflegten, scheint aus der Mode zu kommen. Ich habe

es nur zwei oder dreimal gesehen. Sie springen ziemlich ungenirt vom Pferde

und begeben sich schwatzend von dannen, um Freunde zu begrüssen.

In der Kawaiahao Kirche, in deren Hof das Mausoleum Lunalilos steht, hoffte

ich nebst dem König auch die Königin zu sehen. Das versammelte Volk

plauderte laut und fröhlich, da der Gottesdienst noch nicht begonnen

hatte, und das anmuthige Spiel der Fächer, hinter denen wieder die

bekannten grossen glühenden Augen funkelten, wogte unruhig über die

Menge. Man bot mir freundlich einen Platz in der Nähe der königlichen

Loge an. Die Majestäten kamen jedoch heute nicht. Ich ging nun in die

katholische Kirche, in der ein Hochamt zelebrirt wurde. Das Publikum dieser

schien vorwiegend den ärmeren Klassen anzugehören, und nicht nur auf den

Altären, sondern auch in den Gewändern herrschten die freudigeren Farben

des Katholizismus.

In der Kapelle des anglikanischen Bischofs sah ich fast nur Weisse. Eine

Abtheilung Matrosen des englischen Kanonenbootes füllte die Hälfte des

bescheidenen Raumes, der dafür eine um so grössere Zahl von Ober-

und Unterpriestern entfaltete. Des ewig wechselnden Aufstehens und

Niederknieens das dieser Ritus erfordert war ich bald müde und ich

drückte mich wieder von dannen. Zum Schluss machte ich noch bei einer

anderen frommen Gesellschaft Besuch, die ihr einfaches schmuckloses Haus in

der Nähe des Chinesenviertels hat. Es waren dort nur Eingeborene zu sehen.

Ein presbyterianischer Reverend aus Amerika in schwarzem Frack und weisser

Kravatte hielt eine Hawaiische Predigt, dann sang die Gemeinde mit vollen

und kräftigen Stimmen einen schönen Gesang, welcher mir wieder Zeugniss

ablegte von der grossen musikalischen Begabung dieser Kanakas. Nur die

Weiber haben zuweilen etwas zu wilde gellende Stimmen gleich unseren

süddeutschen Bäuerinnen.

Wie allenthalben in der Südsee wird auch in Hawaii von den Kaufleuten

den Missionären viel Schlimmes nachgesagt und behauptet, dass sie sehr

geldgierig seien. In wie fern derartige Aeusserungen berechtigt waren,

konnte ich bei der kurzen Dauer meines Aufenthaltes natürlich nicht

beurtheilen. Auffallend war mir, dass dieselben sich stets nur auf

Missionäre der verschiedenen angloamerikanischen Sekten bezogen, während

über die katholischen, meist französischen Missionäre stets nur

Lobeserhebungen ihrer Uneigennützigkeit zu hören waren. Diese Beobachtung

drängte sich mir nicht blos in Hawaii, sondern auch in Viti und in

Neuseeland auf. Die geringere Macht und in Folge dessen vielleicht eine

geringere Geschäftsbeeinträchtigung von Seiten des Katholizismus dürften

zur Erklärung nicht ausreichen.

Reise durch den Stillen Ozean · 第 73 / 85 题