VON HILO NACH HONOLULU.

Eine seltsame Todtenfeier. Kapitän Spencer und seine Zuckersiederei.

Der Kilauea kommt nicht. Ein hawaiisches Souper und Abschied von Hilo.

Nächtliche Bootfahrt nach Kohala. Konflikt mit dem Sabath und abermals

fort. Landung auf Maui. Ein interessanter Mann der Presse. Der Bäcker

von Lahaina. Stürmisches Wetter. Endlich in Honolulu.

Von nun an fiel fast beständig Regen in Strömen herab, so dass wir

grösstentheils zu Hause bleiben mussten.

Einige Weisse kamen uns zu besuchen, darunter auch ein Missionär und ein

Arzt. Der Kollege litt an einer Krankheit, die in der heissen Zone häufig

zu sein scheint. Er hatte sich das Schnapstrinken so sehr angewöhnt, dass

er es nicht mehr lassen konnte und ohne Schnaps unglücklich war. Nun war

ihm vor einigen Tagen sein Vorrath, den erst die Ankunft des Dampfers

von Honolulu erneuern sollte, zu Ende gegangen, und er fühlte sich recht

elend. Bei mir hoffte er eine Flasche des süssen Giftes zu erhalten.

Leider waren jedoch auch unsere Spirituosen auf der Neige, und der halbe

Schoppen Whisky, den ich ihm vorsetzte, erregte nur ein halb wehmüthiges

halb verächtliches Lächeln.

Dieser langweilige Tag fand einen höchst interessanten Abschluss. Abends

als es bereits dunkelte, kam unser Halbchinese in grosser Aufregung, wie

gewöhnlich wenn er etwas Neues wusste, und lud uns ein schnell ihm zu

folgen, er wolle uns zu einem Hula Hula führen, wie wir noch keinen

gesehen hätten. Da nichts Besseres zu thun war, ging ich mit. Ich

versprach mir nicht viel und dachte, es handle sich wieder um eine der

gewöhnlichen erotischen Unternehmungen, zu welchen dem Fremdling in jenem

Lande so reichlich Gelegenheit geboten wird.

Wir hatten bis ans andere Ende der ausgedehnten Ortschaft zu gehen. Schon

von weitem tönte die einförmige wilde Melodie und das schrille Klappern

der Kalebassen durch die Gärten herüber, als wir auf engen schlüpfrigen

Seitenpfaden zwischen Zäunen und niedrigen Mangobäumen leise im

Gänsemarsch dahinwanderten.

Neugierige standen in Gruppen vor dem Hause, welches unser Ziel war, und in

dessen Veranda, von einer Petroleumlampe beleuchtet, zwei Frauenzimmer

auf dem Boden sassen und unter dem rhythmischen Hin- und Herwerfen des

Oberkörpers und der Arme die uns bereits wohlbekannte geräuschvolle Musik

verübten. Unter der Thüre, hinter den geöffneten Fenstern und im Innern

des Hauses, welches durch seine europäischen Möbel einen höheren Grad

von Wohlhabenheit verrieth, sassen alte Weiber, ein paar Männer und einige

junge Mädchen.

Wir schienen nicht unwillkommen zu sein. Man machte Platz in der Veranda

und brachte Stühle heraus. Hapai stellte uns den jungen Damen vor. Sie

waren entfernte Kousinen von ihm und hatten auf der Missionsschule Englisch

gelernt. Nun freuten sie sich, ihre Konversationskünste zeigen zu können,

und plapperten sehr angenehm los, trotzdem der unaufhörliche Lärm der

Hula Hula-Rassel das Sprechen beinahe vereitelte.

Eine geraume Weile sassen wir so da, ohne zu ahnen, welcher

eigenthümlichen Art von Feierlichkeit wir beiwohnten, bis eine der

anziehenden Schönen frug, ob wir nicht ihre todte Schwester ansehen

wollten. Erstaunt und ungewiss, ob wir auch richtig verstanden, traten wir

ins Innere, und -- da lag wirklich eine Leiche mitten im Zimmer auf dem

Paradebett, die Leiche eines jungen Mädchens von 17 Jahren.

Blumenkränze und Blattguirlanden bedeckten das schwarze Tuch, welches

über sie gebreitet war. Zwei Frauen, schwarzgekleidet wie die Uebrigen,

kauerten traurig daneben, zerdrückten hie und da mit dem Taschentuch eine

Thräne und wehrten mit Blumenwedeln die Fliegen ab.

Draussen aber lärmten unermüdlich und immer ungestümer die beiden

Tänzerinnen. Sie hatten sich erhoben und führten nun jene äusserst

unzüchtigen Bewegungen aus, welche zum Hula Hula gehören.

Wir waren Zeugen einer Todtenfeier im altem Styl. Und dieselben Frauen, die

eben an der Leiche geweint hatten, traten dann und wann ans Fenster, sahen

dem Hula Hula zu und klatschten laut und lachten ausgelassen, wenn gerade

eine Passage besonders verfänglich war. Wie ganz anders als wir mussten

diese Menschen fühlen.

Wir setzten uns wieder in die Veranda. Unseren jungen Damen war keine

sonderliche Traurigkeit anzumerken, sie waren heiter wie immer. Nur an dem

Hula Hula schienen sie nicht denselben Gefallen zu finden wie die älteren

Weiber. Sie gehörten entschieden der besten Klasse von Hawaiierinnen an

und hatten soviel Vornehmes und Ladylikes in ihrem Benehmen, dass sie den

Vergleich mit Europäerinnen nicht zu scheuen brauchten. Dabei besassen sie

den ganzen naturfrischen Duft ihrer Rasse. Ihre weissen Zähne glänzten

so verführerisch und ihre Augen blitzten so herausfordernd, dass es nicht

Wunder nahm, wenn meine Gefährten bald wärmer wurden und den Gesprächen

eine Wendung gaben, die es mir lieb machte, dass die Mädchen nur

mangelhaft Englisch verstanden. Und mit welcher Würde und mit wie viel

Anmuth wussten sie ihre Abweisung zu erkennen zu geben, als sie endlich

begriffen.

Unterdessen klapperten und schrieen die Tänzerinnen immer wüthender fort,

und immer leidenschaftlicher wurden ihre Hüftenevolutionen, und immer

entzückter lachten und klatschten die alten Weiber, die Mütter und Tanten

unserer Freundinnen.

Und wie ich das sah, schien es mir selbst, dass wir nicht an einem Orte

waren, für welchen schüchterne Zurückhaltung passte. Da kam aber gleich

wieder die hoheitsvolle sittliche Entrüstung, sobald wir uns die kleinsten

Freiheiten erlaubten. War dies Koketterie oder Wahrheit, mitten in solcher

Umgebung, im Angesicht des scheusslichen Hula Hula? Man verzieh uns

übrigens und vertraute uns an, dass der anwesenden jüngeren Generation

der Hula Hula ebenso verhasst sei, als beliebt bei der älteren.

Wir hatten zwei Kulturstufen, die eine tiefe Kluft trennte, vor uns. Die

Alten staken noch fest in ihrer alten Barbarei, die Jungen fühlten bereits

europäisch. Dass beide Kulturstufen, anderwärts durch jahrhundertlange

Zwischenstufen vermittelt, hier auf einem Fleck nebeneinander vorkamen, war

ein Anachronismus, der eben nur bei einer so rapiden Zivilisirung möglich

ist, wie die Hawaiier sie genossen.

In einem Missionarbericht aus den zwanziger Jahren erinnere ich mich ein

Gegenstück zu unserem Erlebniss gelesen zu haben. Als Kamehameha II.

gestorben war, trauerte ganz Honolulu um ihn und zwar in folgender Weise.

Beide Geschlechter enthielten sich Wochen lang jeglicher Bekleidung. Einige

hackten sich die Finger ab, andere schlugen sich die Vorderzähne aus.

Tag und Nacht wurde Hula Hula getanzt, und die Weiber ergaben sich der

uneingeschränktesten Prostitution.

Als wir am nächsten Morgen wieder nach jenem Hause gingen, um der

Beerdigung beizuwohnen, war diese schon vorüber. Vor der Veranda aber sass

ganz allein ein altes Weib, die Mutter des todten Mädchens, und sang die

Todtenklage, ein so herzzerreissendes grässliches Wimmern und Heulen, wie

ich vorher nie von einer menschlichen Stimme vernommen hatte.

Trotz des schlechten Wetters folgten wir einer schon früher erhaltenen

Einladung Kapitän Spencers, des amerikanischen Konsuls von Hilo, ihn in

seiner eine Viertelstunde entfernten Zuckerfabrik zu besuchen. Kapitän

Spencer, ebenfalls ein ehemaliger Walfischfänger, wie alle die vielen

»Captains« auf Hawaii, ist eine hervorragende Persönlichkeit. Jedermann

weit und breit kennt ihn, er ist berühmt durch seine Körperstärke und

durch die vielen halbbraunen Kinder, die er allenthalben gezeugt hat. Er

fängt aber auch bereits an alt zu werden, und als wir zu ihm kamen, war er

in sehr schlechter Laune, denn er litt wieder einmal an einem Gichtanfall.

Dieses hinderte ihn jedoch nicht uns aufs Reichlichste zu bewirthen.

Unangenehm war nur der Ton des Gespräches, den er anschlug, indem er mit

dröhnender Stimme über Alles schimpfte, was nicht amerikanisch war, und

erst aufhörte, als wir uns empfahlen. Er gab uns einen Burschen bei zur

Führung durch seine ausgedehnten Zuckerfelder, die sich ein paar Meilen

ins Land hinauf erstrecken, und durch die Siederei.

Künstlich angelegte Abzweigungen des reissenden Wailuku dienen dazu, das

oben geschnittene Zuckerrohr herabzuschwemmen. Die Siederei ruhte eben,

ein Theil derselben war vor wenigen Wochen abgebrannt, wahrscheinlich durch

einen entlassenen Arbeiter angezündet. Auf diesem Rundgang begegneten wir

einem blonden Hawaiier mit blaugrünen Augen. Er sah skrophulös aus und

hatte Drüsennarben am Halse. »Kanaka maoli« (maoli-maori, echt) sagte

mir der Führer. Ohne diese Bemerkung würde ich ihn für einen Engländer

oder Deutschen der ärmsten Auswanderersorte gehalten haben.

Am 30. August sollte der Dampfer Kilauea wieder kommen, um uns nach

Honolulu zurückzubringen. Wir warteten vergeblich den ganzen Tag, aber

er kam nicht. Auch der folgende Tag verging, und kein Dampfer liess sich

sehen. Es musste ihm etwas zugestossen sein. Der Postmann, welcher die

Strecke von Hilo bis Kohala an der Nordspitze der Insel abgeritten hatte,

traf mit der Nachricht ein, auch in Kohala und in Kawaihae sei nichts von

einem Dampfer zu bemerken gewesen. Man fing an zu munkeln, der Kilauea sei

untergegangen, er sei schon seit lange nicht mehr seetüchtig, kein Wunder

dass ihn endlich sein Ende ereilt. Da sassen wir nun und wussten nicht was

thun, ohne Telegraphen und ohne Gewissheit.

Es blieb vorläufig nichts übrig, als geduldig zu warten und die Zeit zu

vertreiben so gut wir konnten. Wir machten Kanuufahrten ins Meer hinaus,

wir gingen mit aufgespanntem Regenschirm am Strand spazieren, wir badeten

Vormittags in der See und Nachmittags im Fluss, wir machten Besuche und

empfingen solche, und Abends kam, falls es nicht zu stark regnete, der

Gesangverein von Hilo und gab uns ein Konzert draussen im Garten um ein

paar Zigarren zu verdienen.

Aber alles dieses war eigentlich doch sehr langweilig, jetzt da unser

Programm durch das Nichterscheinen des Dampfers gestört war und wir alle

von Hilo fortzukommen wünschten. Auch das famose Bad im Wailuku hatte

allen Reiz eingebüsst, da die höhere weibliche Schuljugend sich nicht

mehr einstellte. Ihre so anziehende Schwimm- und Purzelbaumproduktion des

ersten Tages hatte das Missfallen der frommen Missionäre erregt. Es

war ihnen eingeschärft worden, unsere Nähe zu meiden, und um die

Tugendhaftigkeit im Kampf mit dem Bösen zu unterstützen, schlich

nächtlicher Weile die hohe Polizei um unser Hotel.

Zwei Tage warteten wir noch, und als der Kilauea immer noch nicht kam,

mussten wir das Hoffen auf ihn aufgeben und in irgend einer anderen Weise

nach Honolulu zurückzugelangen suchen, wollten wir nicht den Verlust

unserer Passage nach San Francisco riskiren. In Kohala, war uns gesagt

worden, läge ein Schuner segelfertig für Honolulu, und wenn wir uns

beeilten, könnten wir diesen noch erreichen. Zu Land und mit Pferden

würden wir mindestens zwei Tage gebraucht haben, und ans Reiten konnten

wir mit unseren zerschundenen Gliedmassen nicht denken. Wir beschlossen

deshalb, irgend ein Fahrzeug zu miethen und dorthin aufzubrechen.

Das war aber leichter gesagt als gethan. Man suchte uns jetzt durch alle

möglichen Vorstellungen der grossen Gefährlichkeit einer solchen Reise an

der Küste voller Klippen und Brandung entlang abzuhalten. Erst nachdem

wir nochmals einen Tag mit Herumlaufen nach jeder Richtung verloren hatten,

gelang es uns durch die gütige Vermittelung Kapitän Spencers, ein grosses

Walfischfängerboot aus der guten alten Zeit der Walfischfängerei, welches

schon lange keinen Walfisch mehr gesehen hatte, sowie eine Mannschaft von

sechs Kanakas aufzutreiben und für 50 Dollars bis Kohala zu miethen.

Wir verproviantirten uns mit Esswaaren und Trinkwasser und um Mitternacht

sollten wir in See stechen. Wir hätten dies eigentlich schon

mehrere Stunden früher thun können. Aber da wir für den Abend bei

liebenswürdigen jungen Damen zu einem Souper eingeladen waren, so mussten

wir die Abfahrt verschieben.

Die holden Wahines hatten uns Blumenkränze zum festlichen Schmucke

geschickt, wir kauften noch einige mehr dazu, und blumenbehangen wie die

Boeufs gras zu Paris verfügten wir uns in ihre Behausung. Es handelte sich

um eine etwas verfeinerte Mahlzeit im landesüblichen Styl mit Poi, rohen

Fischen, Fischgedärmen, roher Schweinsleber und Seemuscheln. Um auch dem

europäischen Geschmack Rechnung zu tragen, gab es ausserdem noch kalte

Hühner, Schinken und Brot, Kaffe und Thee.

Die ganze Bescherung war in der Mitte des Zimmers auf dem mattenbelegten

Boden ausgebreitet. Wir setzten uns ringsherum und kreuzten die Beine,

neben und zwischen uns die braunen Schönen, selbstverständlich

gleichfalls über und über mit Blumen bekränzt. Die Versammlung war

ein duftender Blumengarten. Wirkte nun allerdings das Fremdartige einiger

Gerichte störend auf unseren Appetit, und konnte man sich auch vielleicht

daran stossen, dass die nackten Füsse der Damen häufig mit den uns

vorgesetzten Portionen in Berührung geriethen, und dass wir Alles mit den

Händen zu zerreissen hatten, so waren unsere Wirthinnen doch von einer

so gewinnenden Liebenswürdigkeit, und es machte ihnen sichtlich so viel

Freude uns zu bewirthen, dass wir mit Beherrschung der widerstrebenden

Gefühle wacker zugriffen und ihnen selbst gestatteten, uns eigenhändig

den Poi-Brei in den Mund zu schieben. Man that uns damit eine Ehre an,

deren Ablehnung eine Beleidigung gewesen wäre. Sie machten ihre Sache auch

recht artig und gingen erst hinaus um sich die Hände zu waschen, ehe sie

damit in die grossen Kalebassen tunkten, den sauren Kleister um die zwei

ersten Finger wickelten und uns willenlose Opfer damit regalirten.

Die Bootsmannschaft, welche wir auf elf Uhr bestellt hatten, wurde

ungeduldig und wir mussten uns losreissen. Noch ein zärtlicher Abschied,

viel hundert Alohas, und wir wandten uns nach dem Gestade.

Mister Wilky liess sein Pferd satteln uns zu begleiten. Ein zahlreicher

Tross von Chinesen und Kanakas holte das Gepäck aus dem Hotel herbei, und

unter den kräftigen Tönen eines kriegerischen Gesanges marschirten wir

durch die nächtlich stillen Strassen von Hilo. Ein dreimaliges Hurrah und

wir stiessen ab. Den bereits im Schlummer liegenden friedlichen Bewohnern

wäre es wahrscheinlich lieber gewesen, wenn wir uns minder geräuschvoll

empfohlen hätten. Mancher Fluch mag uns nachgesandt worden sein. Als wir

in die Bucht hinausgerudert waren und die ersten Windstösse um die Ecke

kamen, schlug es auf den zwei Kirchthürmen zwölf Uhr.

Nur selten erschien der Mond in den Lücken des Gewölks und beleuchtete

auf kurze Augenblicke die gigantischen Massen Hawaiis, unter denen wir,

getrieben von dem frischen Hauch des Passates, vorüberglitten. Leider

stellte sich die Seekrankheit ein, und die Fahrt in dem engen Boot wurde

sehr ungemüthlich. Zwar hatten wir uns so komfortabel als möglich

eingerichtet. Das Hintertheil unseres Fahrzeuges war durch Matratzen und

Kissen und Decken in ein geräumiges Bett für drei Personen umgewandelt,

und die Reihenfolge des Schlafens war ausgeloost worden. Aber drei von uns

fünfen stöhnten so jämmerlich, dass mein Freund Bats, an den ich mich

enger angeschlossen, und ich selbst gerne auf unser Recht verzichteten.

Der Morgen kam und enthüllte eine Naturschönheit nach der anderen.

Schade dass wir in unserem unausgeschlafenen Zustand, müde, gähnend und

blinzelnd, nicht viel davon geniessen konnten. Wieder ging es an den vielen

Wasserfällen vorüber, die zur tosenden Brandung herabstürzten, an

der grossartigen Thalschlucht des Waipiu Valley, an kahlen Wänden,

ununterbrochen oder zu riesigen Blöcken zerklüftet senkrecht aus

dem Meere emporschiessend, um erst in 300 Meter Höhe zu einem sanft

ansteigenden Winkel sich abzubiegen, an Zuckerplantagen und Ohiawäldern

oben auf unzugänglicher Kante, an einsam verlassenen Kirchen und an

Ortschaften, winzig klein im Grunde der steil gethürmten Felsenkulissen.

Häufig fuhren wir so nahe an Vorsprüngen der Insel hin, dass wir deutlich

Menschen erkannten, welche unter den Blöcken und dem schäumenden Gischt

des Ufers herumkrochen und fischten.

Gegen Mittag waren wir in Kohala, das heisst an der nördlichen Landspitze.

Von dem Dorfe dieses Namens selbst, welches eine Viertelstunde binnenwärts

liegt, war noch nichts zu sehen. Wir fanden erst nach längerem Suchen den

Landungsplatz. Die See ging hoch, unser Kapitän kannte den Grund nicht,

überall drohten Klippen. Zum Glück erschien als rettender Engel eine

Kanakin zu Pferd auf dem nächsten Hügel und blickte verwundert zu uns

herab. Einer unserer Leute zog sich aus und schwamm ans Ufer, um sich bei

ihr zu erkundigen. So gelangten wir endlich in eine versteckt gelegene

Bucht, in welcher ein Boothaus stand, die erste Andeutung menschlicher

Wohnstätten. Von dem versprochenen Schuner weit und breit nichts zu

entdecken.

Kohala ist ein öder und langweiliger Platz und liegt in der Mitte einer

ganz reizlosen, welligen Stoppelgrasfläche, die sich langsam zu dem

dritten und kleinsten Hauptvulkan der Insel, dem Hualalai, hinaufzieht.

Eine grosse Zuckersiederei, eine Reihe von Wohngebäuden, an deren Ende

eine Kapelle, und weitherumgestreut etliche Hütten von Eingeborenen setzen

die ausgedehnte Ortschaft zusammen.

Es stellte sich nun heraus, dass die ganze Geschichte von dem Schuner, mit

der man uns veranlasst hatte hierher zu reisen, Schwindel war, und auf

alle Anfragen nach einer Fahrgelegenheit erhielten wir nur Achselzucken und

unfreundliche Gesichter zur Antwort. Man lud uns ein, hier zu bleiben und

auf unbestimmte Zeit zu warten. Für heute war allerdings nichts Besseres

zu thun als auszuschlafen und das Weitere bis morgen zu verschieben. Wir

nahmen deshalb bei dem Besitzer der Zuckersiederei Quartier.

Der nächste Tag war unglückseliger Weise ein Sonntag, und unser sonst

sehr liebenswürdiger Wirth entpuppte sich als ein arger Mucker. Bats und

ich hatten beschlossen, um jeden Preis nach Honolulu weiterzugehen, und

sollte es auch in unserem offenen Walboot sein. Wir kollidirten damit

aufs Heftigste mit den herrschenden Sabathgefühlen und nichts wurde

unterlassen, gegen unser Vorhaben zu intriguiren. Auch die drei anderen

Gefährten waren dagegen, wohl mehr aus Furcht vor der See als aus wahrer

Religiosität. Schliesslich siegten wir aber doch, und gegen 65 Dollars

und das Versprechen, Boot und Mannschaft von Honolulu nach Hilo mit

dem nächsten Schuner oder auch mit dem Dampfer, falls er wieder ginge,

zurückzuschicken, übernahm es der Kapitän, uns beide nach Honolulu zu

bringen. Die anderen drei blieben zurück.

In Kohala war es unerträglich öde und feierlich. Den ganzen Morgen

klimperte der blasse Backfisch des Hauses geistliche Melodien auf dem

Klavier, während wir unten im Garten uns mit dem frommen Vater und unserer

Bootsmannschaft herumdisputirten. Als wir bereits am Landungsplatz unten

waren, um uns einzuschiffen, erhoben sich neue Schwierigkeiten. Wir wollten

noch zwei Kalebassen Poi für die Mannschaft mitnehmen. Aber heute war

Sonntag, und kein Mensch in Kohala getraute sich etwas zu verkaufen, und

ohne den Poi erklärte die Mannschaft aufs Bestimmteste, nicht zu fahren.

Zum Glück fanden wir doch noch einen Kanaka bereit, gegen das Fünffache

des gewöhnlichen Preises den unumgänglichen Kleister heimlich zu liefern.

Endlich stiessen wir wirklich vom Lande und waren der peinlichen

Ungewissheit ledig. Hinter uns die gottesfürchtige Sonntagslangeweile von

Kohala zurücklassend ruderten wir in das offene Wasser hinaus, wo uns

bald ein günstiger Wind ergriff. Das Wetter war Gutes versprechend.

Passatwolken rings am Horizont, nur die Berge der Inseln dunkler

verschleiert.

Unser Kapitän wollte rechts nach der Windseite von Maui steuern. Da wir

jedoch seiner Navigation und der Takelage nicht viel zutrauen durften,

bedeuteten wir ihm, dass wir in Lee um die Insel gehen wollten. Wir

fürchteten die Wogen und die Brandung des freien Meeres, hatten aber

entschieden Unrecht, da wir aussen herum viel schneller vorwärts gekommen

wären.

Ein Fregattvogel zog seine Kreise hoch in den Lüften. Kleine fliegende

Fische schwirrten neben uns aus dem Wasser und mehrere von ihnen fielen

in unser Boot. Die See ging heftiger und eilig durchfurchte der Kiel die

hüpfenden Wellen. Wir freuten uns die drei seekranken Reisegefährten los

und im alleinigen ungeschmälerten Besitz des Matratzenverdecks zu sein.

Gegen Abend wurde die Luft verdächtig klar und die gewaltigen Formen des

Haleakala traten uns immer näher entgegen. Scharfgeschnitten hoben sich

seine ungeheuren Radienpfeiler aus dem Meere, strahlendes Sonnenlicht

auf den Kanten und tiefe, warme Schatten in den riesigen Schluchten,

so ergreifend schön und grossartig, wie ich niemals vorher Aehnliches

gesehen.

Wie sehr verschieden sind doch diese Hawaiischen Inseln von den

Viti-Inseln, obgleich beide ungefähr gleichweit vom Aequator entfernt

sind, die einen südlich, die anderen nördlich. Während in der

Landschaft von Viti das Anmuthige und die Ueppigkeit tropischer Vegetation

vorherrscht, trägt hier Alles den Charakter des Wilden, Gigantischen. Noch

viel mehr aber als sonst irgendwo auf der ausgedehntesten und jüngsten und

südöstlichsten der Inseln, auf Hawaii, welche jetzt gleichfalls wie zum

Abschied in ihrer ganzen Pracht sich entfaltete. Hoch über der Wolkenlinie

schwammen duftig violett und bestreut mit glitzernden Schneefeldern die

beiden Häupter Maunaloa und Maunakea, beide mehr als 4000 Meter hoch. Sie

bestehen durchaus aus Lava. Und wenn man bedenkt, dass sie sich mit einer

Basis von beinahe 60 Seemeilen oder 111 Kilometer im Durchmesser zu ihrer

gewaltigen Höhe erheben, und dass ihre Konturen ohne Brechung in einer

sanftabsteigenden geraden Linie aus den Wolken herabkommen, so kann man

sich ungefähr einen Begriff machen, welche kolossale Massen hier durch

Lavaeruptionen geschaffen wurden.

Wir segelten bereits ganz dicht an der Brandung von Maui entlang, als mit

einem mal der bisher so günstige und frische Wind aufhörte und tödtliche

Stille eintrat.

Es war wie eine Strafe für die unzüchtigen Gespräche und Geberden

des Kapitäns, womit er uns zu unterhalten suchte. Erst hatte er uns

die Bewegungen des Hula Hula mit all seinen scheusslichen Feinheiten

vorgemacht, dann über die Frauenzimmer des frommen Kohala geschimpft, die

nichts mehr davon verstehen wollten, und dagegen die Mädchen seines Dorfes

gepriesen, die darin noch sehr bewandert seien. Dies war auch in so fern

höchst interessant, als er dabei die teuflischesten Grimassen schnitt,

deren das Teufelsgesicht eines solchen obszönen und lasziven Kanakas

überhaupt fähig ist, wenn er von Weibern spricht. Die Mannschaft hatte

ihm jubelnd Beifall geklatscht. Jetzt da sie wieder rudern mussten, legte

sich ihre Heiterkeit. Sie arbeiteten faul und verdrossen an den Riemen und

benutzten jeden Vorwand, um sich eine Pause zu gönnen. Bald zog einer zur

Erleichterung sein Hemd aus, ein anderer zog es wieder an, bald bewunderten

sie die Pracht des aufgehenden Mondes und hörten deshalb insgesammt zu

rudern auf, oder sie kauten an langen Zuckerrohrstangen, und schliesslich

fing einer an das Abendgebet vorzubeten, und alle entblössten ihr Haupt

und falteten die Hände und sahen nun so fromm und andächtig aus, als ob

sie niemals gezotet hätten.

Wir schliefen ein, und als ich erwachte schlief auch die ganze Mannschaft

und schnarchte. Senkrecht über uns stand der Vollmond und goss sein

mildes Licht über die leise wogende See, über unser langsam auf- und

niederschwebendes Boot und über die nahen Felsgründe des Haleakala. Eine

zauberhafte Stille lag ringsum auf der Umgebung, kein Lüftchen regte

sich, schüchtern gluckste das Wasser unter dem Kiel. Es war eine äusserst

poesievolle, aber auch etwas gefährliche Situation. Auf allen Seiten

drohten Klippen mit heftiger Brandung, und wir trieben gerade im Fahrwasser

des Dampfers, der ja doch mittlerweile ausgebessert sein und den Dienst

wieder aufgenommen haben konnte.

Eine Weile genoss ich noch die Schönheit der Nacht und der Umgebung, dann

weckte ich die Schläfer und trieb sie zur Arbeit an. Hie und da fächelte

uns ein leiser Zephyr die Wangen, und gleich hörten wieder die Kanakas zu

rudern auf und setzten das Segel, um es bald wieder wegnehmen zu müssen.

So kamen wir langsam vorwärts, bis die niedrige flache Lücke zwischen

dem Haleakala und dem westlichen Gebirgsstock von Maui erreicht war, durch

welche der Passat ungehemmt herüber weht. Nach Sonnenaufgang hatten wir

diese und den schönen Wind hinter uns und abermals Stille. Die Hitze wurde

drückend. Am Ufer kam gerade eine grüne Oase in Sicht, vor welcher eine

zahlreiche Gesellschaft mit Fischen beschäftigt war. Wir beschlossen hier

zu landen um unser Frühstück statt in dem schaukelnden Boot auf festem

Boden zu verzehren.

Etliche Mädchen rannten nach ihren Hemden als wir uns näherten, und

ein paar Männer wateten dienstfertig uns entgegen, packten das Boot und

leiteten es durch die Klippen, welche aus dem sandigen Grunde hervorragten.

Das Boot stiess fest, und wir sprangen ans Ufer. Die liebenswürdigen

Insulaner hatten bereits eine Menge kleiner kaum fingerlanger Fische

gefangen und in Töpfen über einem prasselnden Feuer gekocht. Wir setzten

uns in den spärlichen Schatten der nächsten Palme und theilten unsere

gepöckelten Austern, unseren Schinken und unseren Zwieback mit ihnen,

wogegen sie uns von ihren sehr wohlschmeckenden Backfischchen gaben. Wir

waren bei diesem famosen Picknick zweifellos im Vortheil, wenn auch unsere

selteneren Artikel bei jenen die grössere Freude hervorriefen. Trotz des

strengen königlichen Verbots liessen wir auch an unserem Whisky nippen,

der den meisten noch neu zu sein schien und ein schauerlich wollüstiges

Grinsen abzwang.

Wir baten die braunen Freunde, ihre Methode des Fischens zu zeigen, und sie

gingen ins Wasser, die Männer bis auf den Maro nackt, die Weiber jetzt

mit ihren Hemden bekleidet. Unter Kanakas pflegt das zarte Geschlecht sich

weniger zu geniren und fischt sehr oft ohne alle Gewandung. Männer jedoch

habe ich niemals ohne Maro gesehen. Ein grosses Netz wurde von zwei Jungen

auf dem Grunde ausgebreitet und an den Zipfeln gehalten. Die übrige Schaar

formirte einen weiten Kreis und trieb, mit Armen und Beinen plätschernd,

die Fische über das Netz zusammen, welches schliesslich, rasch

emporgezogen, jedesmal eine reiche zappelnde Beute gewährte.

Schon gleich im Anfang war mir ein schöner, stattlicher Mann aufgefallen,

der das Haupt der Gesellschaft sein musste. Scharfe, intelligente Züge,

ein wohlgepflegter Henriquatre und sorgsam gescheiteltes Haar gaben ihm

den Typus eines eleganten französischen Gendarmeriebrigadiers. Er

sprach fliessend Englisch und hatte viel natürliche Kourtoisie in seinem

Benehmen. Auch er war nackt bis auf den Maro und entpuppte sich als

Zeitungskorrespondent. Bei unserer Ankunft war ein Reiter zugegen gewesen

und rasch ins Innere abgesprengt. Nun kam dieser zurück, einen Bogen

Papier und einen Bleistift in der Hand, und jener feine wohlfrisirte

Kavalier richtete höflich an uns das Ersuchen, ihm unsere Namen zu

notiren, er schreibe Berichte an die in Honolulu erscheinende hawaiische

Zeitung, und er könne ihr das wichtige Ereigniss unserer Landung bei ihm

nicht vorenthalten. Mit Vergnügen willfahrten wir diesem interessanten

Mann der Presse.

Drei Stunden später näherten wir uns, von einer plötzlich

aufgesprungenen munteren Brise vorwärtsgetrieben, der Hauptstadt der Insel

Maui, Lahaina, wo wir abermals ausstiegen.

Lahaina hat vielleicht 500 Einwohner und liegt auf einer grünen Zunge, die

sich aus wüsten und kahlen Höhen in die See herausstreckt. Die Häuser

sind klein und malerisch unter Palmen und Bananen verborgen. Vorne am

Hafen steht in der Sonnenhitze ein alter Thurm und ein grösseres

Regierungsgebäude. Wir wollten Wassermelonen kaufen und Kaffe trinken. Da

es hier zwar mehrere chinesische Speisespelunken aber kein Hotel giebt, so

wurden wir von einem sehr artigen städtisch gekleideten Kanaka, der nebst

einer Menge Neugieriger uns bewillkommnend herbeieilte, zum Bäcker des

Ortes geführt, welcher einer der wenigen ansässigen Weissen war. Diese

Hawaiier sind alle von der grössten uneigennützigsten Zuvorkommenheit.

Das Erste was ich erblickte, als wir beim Bäcker eintraten, war das

Porträt Ludwigs II. von Baiern, ein Holzschnitt aus irgend einer

illustrirten Zeitung, welcher an der Wand klebte. Ich befand mich in dem

Hause eines engeren Landsmanns, der alsbald dick und schwerfällig, eine

echt baierische Bäckergestalt, aus dem Hintergrund sich hervorwälzte.

Wie sein Name hiess, weiss ich leider nicht mehr. Es war schwer aus dem

alten, schweigsamen Kauz etwas herauszubringen. Deutsch oder vielmehr

Baierisch hatte er theilweise vergessen, Englisch wohl nie recht gelernt,

obgleich er früher in Kalifornien Gold gegraben. Mit dem Hawaiischen, dem

Idiom seiner Gattin, gings vielleicht besser, Hawaiisch aber verstand

ich nicht. Er begriff erst nach einiger Zeit, dass ich aus München sei,

erinnerte sich langsam, dass auch er einmal dort gewesen und sogar noch

Verwandte dort habe. Allmälig thaute er auf und zeigte mir einen Brief

seiner Schwester, der schon mehrere Jahre alt war, und frug mich, ob ich

sie nicht vielleicht kenne, sie habe früher beim Lotzbeck gedient, der

den vielen Schnupftabak mache. Ich schrieb mir die Geschichte in mein

Notizbuch, und als ich später einmal in München von den Sandwichinseln

sprach, wurde mir von jener Köchin erzählt, die nun todt ist, und deren

Kinder vor Kurzem über das Meer gegangen sind, um ihren Onkel den Bäcker

von Lahaina aufzusuchen und sein Geschäft zu übernehmen. Denn seine Ehe

ist ohne Frucht geblieben.

Nachdem wir Kaffe und eine heimliche unerlaubte Flasche Bremer Bier von

derselben Sorte wie auf dem Vulkan Kilauea getrunken, schüttelten wir dem

Landsmann die Hand und fuhren wieder ab.

Wir hatten eben etwa zehn Minuten gerudert und auf die Langsamkeit

unserer Reise geschimpft, da kam unerwartet schnell viel mehr Wind als wir

brauchten. Der Kanal zwischen den Inseln Maui und Molokai öffnete sich,

der Passat fegte stürmisch darüber hin, die Wogen gingen höher und

höher und warfen unser Boot auf und nieder, dass es verdächtig in unserer

zweifelhaften Takelage krachte. Ueberall war die See weiss von dem Gischt

der Wellenkämme. Hoch empor schäumte das Wasser vorne am Steven, grobe

Sprühregen über uns giessend, und nach links und nach rechts gierte das

Boot unter dem Druck des Steuers, welches nun der Kapitän ergriffen hatte.

Der sonst so laszive Kerl musste mir jetzt imponiren. Er bot das schönste

Bild eines entschlossenen, scharf nach allen Vortheilen spähenden Mannes,

der mit den Elementen um sein und unser Leben kämpfte. Mit grosser

Geschicklichkeit verstand er, den höheren Wellen auszuweichen, und oft

furchte sich besorgnissvoll seine Stirne. Die Fahrt wurde bedenklich. Bats

und ich, wir sprachen kein Wort, jeder von uns fühlte vielleicht etwas wie

Reue über unser Wagniss. Ich wusste nicht, sollte ich wünschen dass das

Segel aushielt und uns nach Honolulu brachte, oder dass es lieber reissen

und uns dadurch vom Kentern bewahren möchte. Vorne auf den schräg

ansteigenden Sandflächen des Ufers von Molokai zeigten sich zuweilen

eigenthümliche Säulen wie von Rauch oder Sand, die sich fortbewegten, und

ich erinnerte mich gelesen zu haben, dass hierzulande Windhosen ziemlich

häufig seien. Waren es solche, und geriethen wir zufällig in ihr Bereich,

so hätten sie uns wahrscheinlich nicht lange am Leben gelassen. Wir

behielten sie sorgsam im Auge, aber sie verschwanden je mehr wir uns

näherten. Der Himmel war seltsam düster. Eine blauschwarze Bank stieg

über Molokai auf, rostrothe geballte Wolken flogen vor ihr her und

bildeten einen grellen Gegensatz zu ihrem unheimlichen Dunkel.

Nach vier ziemlich unangenehmen Stunden endlich, während deren kaum ein

Laut geäussert wurde, höchstens dass unsere Mannschaft zuweilen Rufe

ausstiess, als ob sie die Wogen beschwören wollte, kamen wir unter Land,

in ruhigeres Wasser und mässigeren Wind. Wir athmeten erleichtert auf, und

sofort begann beim Kapitän auch wieder die Laszivität. Er übergab das

Steuer und holte wieder die Hula Hula-Rassel hervor, um zu rasseln und zu

singen und unzüchtige Geberden zu machen.

Noch hatten wir den breitesten Kanal offener See zwischen Molokai und Oahu

zu bestehen, ehe wir in Sicherheit waren. Wir erreichten diesen, als eben

die Sonne unterging, und jenseits des Abendrothes der Vollmond glühend

emporstieg. Der Wind war hier nicht mehr so heftig. Die See ging zwar

hoch, aber nur wenige Schaumkämme zeigten sich auf den Wellen. Trotz der

herrlichen Mondnacht konnten wir unser Ziel, die fernen Massen der Insel

Oahu, welche Gewölk überlagerte, nur eben noch erkennen. Endlich hellte

es vorne ein wenig auf, und die kahlen Wände von Diamond Head traten

deutlicher vorne als Richtpunkt heraus, immer höher und höher rückend.

Eine Viertelstunde nach der anderen verging, wir glaubten Diamond Head

greifen zu können, und immer noch war es fern und wollte nicht näher

kommen, obwohl wir nicht weniger als sieben Meilen die Stunde segelten. Ich

werde diesem Wahrzeichen von Honolulu, das wir müde der gewagten Fahrt so

heiss herbeisehnten, nie vergessen, wie es uns damals neckte.

Nachts um Ein Uhr kamen wir glücklich nach Honolulu, nachdem wir bei

Waikiki uns noch eine Weile zwischen den Riffen verirrt hatten. Wir

lauschten und hörten einen einsamen Kanaka in seinem Kanuu dem Ufer

entlang rudern, wir riefen ihn an, und er brachte uns wieder auf den

richtigen Weg, ohne dass wir ihn erblickten. Kurz vorher war ein grösseres

Fahrzeug mit einem rothen Licht weit draussen in Sicht gewesen, welches nur

der Dampfer Kilauea sein konnte. Er war also doch nicht zu Grunde gegangen.

Tiefe nächtliche Ruhe lag über den Schiffen des Hafens, als wir dem Kai

zuruderten. Ein Posten rief uns an, woher wir kämen und ein »Oh« des

Erstaunens entschlüpfte ihm, als wir »von Hilo« antworteten. Der ganze

Zauber einer tropischen Mondnacht erfüllte die stillen Strassen und

Gärten Honolulus. Ferne schmachtende Gesänge liessen sich leise

vernehmen, und ein Liebespaar, blumenbekränzt und eng umschlungen, sie den

Arm um seine Hüften und er um ihren Hals, wandelte schwebenden Schrittes

nach Hause, als wir dem Hotel zustrebten, um den Wirth aus dem Bett zu

trommeln.

Der Kilauea war wirklich nicht zu Grunde gegangen, er hatte nur einen

Sprung in seinen alten Kesseln erlitten und nach dessen Reparatur

den Dienst wieder aufgenommen. Drei Tage später brachte er unsere

Reisegenossen, die in Kohala geblieben waren. Wir beide, Bats und ich,

hatten somit viel Geld und Wagniss umsonst geopfert. Die Verwaltung

des Kilauea gab uns indessen die Hälfte des bereits vorausbezahlten

Dampferfahrgeldes zurück, übernahm unentgeltlich die Rückbeförderung

unseres Walbootes nebst Mannschaft, wozu sie durchaus nicht verpflichtet

gewesen wäre, und lieferte damit ein Beispiel seltener Anständigkeit,

die man von europäischen oder amerikanischen Dampfergesellschaften wohl

niemals erwarten dürfte.

Reise durch den Stillen Ozean · 第 71 / 85 题