BESTEIGUNG DES KILAUEA.

Wilder Ausritt. Das Halfway House zu Olaa. Der Krater thut sich auf.

Das Volcano Hotel und seine Vorzüge. Besuch des kochenden Lavakessels.

Mondschein und Hölle. Beschwerlicher Abstieg nach Puna. Erstarrte

Lavaströme und eingestürzte Lavadome. Kapitän Eldart und sein

Gehöft Kapoho. Die warmen Quellen. Awa und Brotfrucht. Glücklich

wieder in Hilo.

Früh am folgenden Morgen rief uns ein lebhaftes Getümmel im Garten vor

dem Hotel aus den Betten. Obgleich wir schon gestern unsere Wahl getroffen

hatten, waren noch einige spekulative Kanakas mehr mit Pferden gekommen, in

der Hoffnung, vielleicht doch noch ein Geschäft zu machen.

Ueber eine Stunde verging, ehe wir wegkamen, ehe wir die Ausrüstung der

Pferde genau untersucht, ehe hier ein liederlich zusammengestoppeltes

Zaumzeug geflickt, dort ein halb durchgerissener Steigbügelriemen durch

einen neuen ersetzt, ehe alle die Satteltaschen gepackt und aufgeschnallt

waren. Den Kanakas ist in Dingen der Propretät niemals zu trauen, und in

Bezug auf ihre Thiere lügen sie wie alle Pferdeverleiher dieser schnöden

Erde. Ein paar Mädchen schmückten uns noch schnell mit Blumen und

Guirlanden. Dann schwangen wir uns in den Sattel, drückten den Hut fest in

die Stirn und gallopirten südwärts zur Ortschaft hinaus. Links und rechts

bellten wüthend die Hunde, und die halbe Einwohnerschaft lief auf die

Strasse uns ein freundliches »Aloha« nachzurufen.

Würde es einem gesitteten Staatsbürger zu Hause einmal einfallen, in

demselben Aufputz auszureiten, in dem wir damals mit Uebertreibung der

grelle Farben und Blumenschmuck liebenden Landessitte den Ritt nach dem

Kilauea antraten, er würde unfehlbar arretirt werden. Rock und Weste

hatten wir zu Hause gelassen, um das Scharlachroth unserer Garibaldihemden

zur Geltung zu bringen. Grosse dreizöllige Spornräder starrten uns von

den Stiefeln, buntes Troddelwerk und klirrendes Schellengeklingel bedeckte

das mexikanische Sattel- und Zaumzeug, und an den Hüten, um Hals und

um Brust hingen uns flatternde Guirlanden von Farnkraut und

weithin leuchtenden schwefelgelben Blüthen oder pomeranzengelben

Pandanusfrüchten.

Eben so wild wie unser Aufputz war unser Ritt. Der Weg war der

schlechteste, den man sich denken kann, und so schmal, dass wir eigentlich

nur in einer Reihe hätten reiten sollen, zu beiden Seiten Farn und Busch.

Ueberall nichts als glasharte Lava, in unzählige Schrunden und Blöcke

zerklüftet. Die Pferde drängten alle vorwärts, eines strebte dem anderen

zuvorzukommen, und mit einem Leichtsinn, der aller Vernunft Hohn sprach,

sprengten wir, eng in einander gekeilt, Knie dicht an Knie und uns

gegenseitig mit Armen und Beinen zurückreissend, rücksichtslos über den

gefährlichen Boden, durch das zerfetzende Gestrüpp. Unsere hawaiischen

Pferde, an solche rauhe Pfade gewöhnt und unübertrefflich zäh,

stolperten kaum ein einziges mal und flogen dahin wie auf einer ebenen

Chaussee.

Die Hetzjagd dauerte zum Glück nicht lange. Es ging mehrmals in steile

Gräben hinab, in denen unten sumpfige Tümpel waren, und Lavablöcke von

grösseren Dimensionen stemmten sich uns entgegen. Ueberall nichts als

Lava, glasharte, widerlich kratzende und knirschende Lava, die meistens

noch deutlich die Faltung ihres Gusses zeigte, als wäre die Masse eben

erst jetzt erstarrt. Stellenweise dröhnte es hohl unter den Hufen von

unterirdischen Räumen. Trotz der Frische des noch wenig verwitterten

Bodens war doch schon eine reichliche Vegetation aus den Schrunden

emporgesprosst. Ein nicht sehr dichter Wald von Ohiabäumen, an denen

sich Schlingpflanzen mit schönen rothbraunen Blüthen hinaufrankten, mit

eingestreuten Pandaneen folgten auf Farnkrautbestände, die an Neuseeland

erinnerten. Die Sonne brannte glühend heiss herab, und da wo der Busch

nicht dicht und nicht hoch genug war, um Schatten zu gewähren, rieselte

uns und den Pferden der Schweiss von den Gliedern.

Die Entfernung von Hilo bis zum Krater beträgt 29 englische Meilen oder

44 Kilometer. Im Halfway House zu Olaa, einem Platz, der nur aus drei oder

vier zwischen Felsen, Gebüsch und spärlichen Wiesenfleckchen zerstreuten

Hütten besteht, machten wir Mittag. Wir nahmen unseren Pferden Sattel und

Zaum ab und liessen sie grasen. Einige Hühner erlitten den Tod, und bis

sie gebraten waren, legten wir uns in den kühlen Schatten des Wirthshauses

und liessen unter den Händen brauner Mädchen das »Lome lome« über uns

ergehen. Diese nach einem anstrengenden Ritt höchst erquickende Prozedur

besteht in dem kunstgerechten Kneten der Muskeln des Rumpfes, der Beine und

Arme und bildet einen Theil der landesüblichen Gastfreundschaft, der

dem eben angekommenen Fremdling auf sein Verlangen und oft auch ohne sein

Verlangen geleistet wird. Kaum ist man irgendwo in einem Dorfe vom Pferde

gestiegen und hat sich müde auf der Erde ausgestreckt, als auch sogleich

ein paar Frauenzimmer nebenan Platz nehmen und erst schüchtern, dann immer

dreister und eindringlicher zu kneten beginnen.

Bis zum Ziele unserer Partie ging es immer durch dieselbe Landschaft von

dünnem Busch und Farnkraut, immer über denselben knirschenden, glasharten

Boden fort. Höchstens dass hier und da in einer Vertiefung so viel Humus

angesammelt war, dass die Hufe auf einige Schritte zu kratzen aufhörten

und dadurch dem gequälten Ohr eine angenehme Rast gewährten.

Ich war in Bezug auf die Wahl meines Pferdes der glücklichste von uns

allen gewesen. Und auch mein Pferd durfte mit seinem Loose zufrieden sein,

denn ich war der leichteste Reiter der Gesellschaft. Es war dafür auch

allen anderen voran, und während hinter mir ein paar kurzathmige Häuter

bereits erbärmlich keuchten, und klatschende Hiebe und Flüche auf die

armen Thiere herabregneten, brauchte ich nur ein wenig mit der Zunge

zu schnalzen, um meinen Grauschimmel aufzumuntern. Auch verstand er das

Terrain viel besser als ich und wusste genau Bescheid, wann er gallopiren

oder traben durfte, und wann er im Schritt gehen musste, und kletterte so

geschickt über Lavablöcke und stieg so sicher und vorsichtig in die jeden

Augenblick unseren Pfad kreuzenden Gräben hinab, dass ich ihn ganz sich

selbst überlassen konnte.

So schlängelte sich unser Ritt ermüdend unter beständigem Wechseln

der Gangart über Felsen und Schluchten, durch sumpfige Mulden und über

glasharte vor wenigen Jahren noch feurigflüssige Lava dahin, links und

rechts in den engen Saumpfad hereinreichendes Gebüsch, welches uns

ins Gesicht schlug und an den Steigbügeln zerrte. Ein lechzender Durst

peinigte uns, und wo wir eine vom Regen der letzten Nacht zurückgelassene

Pfütze fanden, stiegen wir ab, legten uns auf den Bauch und schlürften

mit dem Munde das schmutzige Wasser. Keine prangenden Blumenguirlanden

schmückten mehr unsern Körper, wir hatten sie weggeworfen, und nichts

erinnerte mehr an die Farbenpracht des Morgens, als die rothen Hemden, an

denen die moorige Erde haftete.

Wir merkten nicht, dass wir höher stiegen. Der Krater Kilauea ist kein

Berg im gewöhnlichen Sinne des Wortes, er liegt blos 4000 englische Fuss

oder 1200 Meter über dem Meere, und der Weg von Hilo bis hinauf und somit

die ganze Erhebung dehnt sich gleichmässig, nur unterbrochen von kleinen

welligen Vertiefungen, auf 44 Kilometer aus. Mit gespannter Erwartung

spähten wir umsonst nach einem Feuerschein oder nach Rauchsäulen vor uns.

Wir näherten uns dem grössten thätigen Vulkan der Erde. Die schwüle

Atmosphäre war trübe und düster, und eine dunkle Wolkenwand überlagerte

den Horizont in der Richtung, in der er liegen musste, so dass wir

berechtigt waren, von den höheren Punkten aus, die eine weitere Umschau

gestatteten, doch endlich ein Anzeichen von ihm zu erhalten. Aber keine

Spur war zu entdecken.

Eben war der Weg etwas besser geworden, und eben hatten wir voll Freude

darüber wieder eine kleine Hetzjagd angeschlagen, mein unübertrefflicher

Grauschimmel weit voran, während zwei oder drei Pferde übermüdet

zurückblieben, ungerührt von den rasselnden Peitschenhieben, als

plötzlich der nun dichtere Busch sich lichtete, eine Grasfläche uns

entgegenschimmerte mit einem Haus und einigen Hütten darauf, und links vom

Wege ein tausend Fuss tiefer Abgrund sich aufthat, der grosse, 9 Meilen im

Umfang zählende Krater, die Behausung der gefürchteten alten hawaiischen

Göttin Pele. Wie ein riesiger kreisförmiger Steinbruch lag er unter uns,

rings umgeben von senkrechten Wänden. Und auf der erhöhten Mitte dieses

gewaltigen Zirkus, etwa 2 englische Meilen von unserem Standpunkt, qualmten

aus einem Kessel gelbliche Dämpfe empor, und hier und da erschienen über

den schwarzen, zackigen Rändern desselben glühendrothe Massen, die sich

deutlich bewegten -- flüssige, kochende Lava. Im Hintergrunde streckte

sich sanft ansteigend und mit ungebrochenen geraden Linien der Maunaloa in

die Wolken, die noch etwa 2000 Meter seiner Höhe verhüllten. Die nächste

Umgebung bestand aus Ohiabusch. Rechts neben den menschlichen Wohnstätten

dampfte es in einer Vertiefung aus unzähligen Fumarolenlöchern.

Der Kilauea ist bereits ein sehr zivilisirter Krater. Denn sein nördlicher

Rand, an dem wir standen, trägt ein gutes Hotel, welches die schönste

Aussicht auf ihn hinab bietet. Nur an Touristen ist noch ein bedenklicher

Mangel, und wenn es gut geht, kommen im Durchschnitt monatlich einmal

Gäste. Wir waren noch im Beschauen des Kilauea begriffen, als die

Wirthsleute, ein amerikanisirter Schotte und seine eingeborene Gattin,

sowie einige braune Burschen sich daran machten, unsere Pferde abzuzäumen

und uns selbst zum Absteigen einzuladen.

Es war kalt hier oben, und ein rauher Wind blies über die öden,

todesstillen, buschigen Flächen der Umgebung, so dass wir das im Kamin

lodernde Feuer dankbar begrüssten. Durch die Fenster und von der

Veranda aus konnten wir den Vulkan überblicken, dessen Schauspiel mit

vorrückender Dunkelheit immer glänzender und grossartiger wurde. Als es

Nacht war, kamen noch einige feurige Spalten mehr zum Vorschein, die von

dem zentralen Feuerbecken nach verschiedenen Richtungen ausstrahlten.

Deutlich sahen wir mit dem Fernglas, wie die glühenden Wogen geschmolzener

Lava sich schwerfällig über den Rand desselben hinüberwälzten. Das

Ganze machte den Eindruck einer brennenden Stadt, und Paris, wie ich es in

den letzten Mainächten der Kommune von den Wällen des Forts Nogent aus

gesehen, ein prasselnder Höllenpfuhl, kam mir in die Erinnerung.

Als wir nach dem Essen wieder durchs Fenster nach dem Krater ausguckten,

lag ein dicker Nebel über ihm, der ihn vollständig verhüllte, so dass

keine Spur eines feurigen Scheins zu sehen war. Sollte mich das bisherige

Glück mit dem Wetter verlassen wollen, und sollte es uns gehen, wie

anderen vor uns, die im Fremdenbuch klagten, gar nichts vom Kilauea gesehen

zu haben? Unter solchen Zweifeln gingen wir zu Bett und entschliefen,

nachdem wir den Wirth und uns selbst verpflichtet hatten, alle aufzuwecken,

falls einer den Vulkan in heftigerer Thätigkeit wahrnehmen würde. Wir

wurden auch wirklich um Ein Uhr geweckt, da der Nebel verschwunden war und

die Lava in ausnehmend starken Garben über den Rand des feurigen Kessels

wallte.

Der Nebel kam nicht wieder, und den nächsten Morgen stiegen wir

unter strahlendem Sonnenschein in den Krater hinab. Dies klingt viel

gefährlicher, als es in Wirklichkeit war. Denn der Boden des Kilauea,

so wie ich ihn damals am 25. Aug. 1876 gesehen habe, war bis auf jene

verhältnissmässig kleine Stelle vollständig erstarrt, ein gefrorener

See. Entweder durch Senkung der peripherischen oder durch Hebung der

zentralen Theile desselben hatte sich nicht ganz in der Mitte, sondern

etwas näher der westlichen Wand ein sekundärer Kraterkegel in dem

primären Krater von 9 Meilen Umfang gebildet, dessen Spitze den noch

nicht gefrorenen feurigflüssigen Lavakessel trug. Wir stiegen also in

den primären Krater hinab, der Wirth und einer seiner Kanakas als Führer

voran, alle mit tüchtigen Stöcken bewaffnet. Gerade vor dem Hotel ist

die hier etwa 180 Meter tiefe Wand eingestürzt und hat so Staffeln von

Trümmerhaufen aufgeschüttet, über die steile und geschlängelte Pfade

uns rasch hinuntergeleiteten. Grosse rosenfarbige Heidelbeeren wuchsen

zwischen dem Geröll und unterbrachen freundlich den rauhen Abhang.

Wir betraten die nackte, frisch wie Metall glänzende Lava und stiegen

langsam aufwärts. Erstarrte Lavaströme, in konzentrischen Bogen

gewulstet, überlagerten einander in verschiedenen Richtungen und von

verschiedenen Farben, schwarz, grünlich und gelbbraun wie Erz. Breite

und tiefe Spalten zerklüfteten diese Ströme. In den Ritzen zwischen den

Falten des Gusses fanden wir überall jenes eigenthümliche Mineral,

das Haar der Göttin Pele oder Pelenit genannt, zu Fäden ausgesponnene

Schlacke, welches genau so aussieht, wie die Schlackenwolle unserer

Eisenwerke. Die Oberfläche, auf der wir im Gänsemarsch hinter den

Führern marschirten, war sehr spröde und voll von grossen Luftblasen, in

die wir häufig einbrachen, manchmal über ein Meter tief. In diesen Blasen

herrschte eine bedeutende Hitze und Feuchtigkeit. Wenn man sich mit der

Hand auf den Boden stützte, um sich herauszuarbeiten, stachen feine

splitterige Nadeln, die ihn allenthalben überzogen, die Haut. Es dröhnte

beständig hohl unter unseren Schritten. Wir passirten einige alte

Nebeneruptionspunkte von jeder Form, so zum Beispiel einen 2 Meter hohen

Schornstein, durch aneinander gebackene Schlackentropfen aufgebaut, aus

dessen Oeffnung es geheimnissvoll rauchte.

Schon lange ehe wir unser Ziel, den kochenden Kessel erreichten, bereitete

uns die aus ihm emporspritzende Lava ein höchst eigenthümliches

Phänomen. Die Sonne stach grell auf den metallisch wie Messing blitzenden

Pfad herab. Und obwohl bekanntlich unter dem Sonnenlichte jegliches Feuer

bedeutend an Wirkung verliert, so war doch die Farbe der flüssigen Lava

von einer Gluth, wie ich sie bisher nur an feuerrothen Blumen gesehen

hatte. Hinter grossen schwarzen zackigen Blöcken von Schlacke spritzte die

flüssige Lava rastlos in grossen Fetzen und Tropfen empor und machte

mir den Eindruck, als ob Blüthenbouquets von besonders brennendem Roth

beständig in die Höhe geworfen würden.

Wir näherten uns dem Rande bis auf etwa vier Schritte. Der Kessel war

bis zum Ueberlaufen mit flüssiger und kochender Lava gefüllt, und wir

standen, da der Rand erhöht war, noch unter dem Niveau, welches von

unserer Augenhöhe nicht viel überragt wurde. Das ganze Bassin hatte zwei

Abtheilungen, von denen jede einen guten Steinwurf im Durchmesser breit

war und mit der andern durch eine schmale Verbindung zusammenhing, so dass

beide durch eine Achterfigur begrenzt waren.

In jeder der beiden Abtheilungen schwammen Platten halberstarrter,

noch glühender Lava, die fast die ganze Oberfläche einnahmen und sich

beständig im Kreise drehten. Intensiv glühende fussbreite Spalten zogen

sich durch diese Platten, und aus ihnen brachen alternirend bald hier bald

dort die feurig flüssigen Garben und spritzten etwa 20 bis 30 Fuss hoch

empor. Drei oder vier solche Spritzfontänen waren immer zu gleicher

Zeit thätig. Es wallte fortwährend, und die schwimmende Rinde bog sich

wellenförmig, ebenso wie dünnes Eis, durch welches ein Dampfer seinen Weg

bahnt. Ein dumpfes Rollen erschütterte den Boden unter unseren Füssen.

Hier und da donnerte es plötzlich heftiger, die Rinde bekam einen neuen

Riss, und nun wallte es aus diesem hervor, da wo eben nichts zu sehen war,

als die glühende Rinde.

Wir warfen Schlackenstücke hinein, welche nicht schwer genug waren, um

durchzubrechen, sondern liegen blieben, bis sie von einer neuen plötzlich

hervorquellenden Lavafontäne verschlungen wurden. Schwere, dichte Steine

hätten die Rinde vielleicht durchbrochen. Wir standen auf der Windseite,

sonst wären wir nicht sicher gewesen. Wäre der Wind von der anderen Seite

gekommen, so konnten die rothen Tropfen und Fetzen auf uns niederfliegen.

Wo sie uns gegenüber auf die Schlackenblöcke des Randes fielen, flossen

sie entweder flüssig bleibend in das Becken zurück, oder sie kollerten,

allmälig verdunkelnd, nach aussen hinab, und es war mir, als könnte ich

dann, trotz des unterirdischen Grollens und trotz des pfeifenden Windes,

das klappernde Geräusch vernehmen, welches sie dabei machten. Es war

ziemlich heiss hier, aber nicht so bedeutend, als die Strahlung so

mächtiger feurig flüssiger Massen erwarten liess. Die Luft zitterte über

dem Becken, halb undurchsichtig von gelblichen Dämpfen.

Wir blieben nicht lange. Denn über den Rand eines zum Ueberlaufen vollen

kochenden Lavakessels zu blicken und dabei auf einem Boden zu stehen,

unter dem es beständig donnert, rumort und stampft, ist eine unheimliche

Situation. Die Fluth schien höher zu steigen, und wir ergriffen die

Flucht.

Den Rückweg nahmen wir in einer anderen Richtung, als von der wir gekommen

waren. Wir passirten noch mehrere erstorbene Eruptionspunkte im Krater.

Mehrere hundert Schritt lange und gegen zwanzig Meter tiefe Klüfte mit

rothen Wänden durchzogen kreuz und quer den westlichen Theil, der

aus Terrassen höherer und tieferer Flächen bestand. Eingestürzte,

kuppelförmige Gewölbe von dichter Lava lagen neben Schutthügeln von

grossen gleichmässigen Steinwürfeln. Ueberall Spalten im älteren

Gestein, aus denen jüngere noch ganz frischglänzende Lava herausgequollen

war, in konzentrischen Kreisen erstarrt, mit nichts besser zu vergleichen

als mit den Verdauungsprodukten weidender Rinder auf unseren Wiesen, nur

dass diese Lavafladen 30 bis 50 Schritt im Durchmesser hatten. Mehrere

dunkle Höhlen, wie die Bogen grosser Brücken gewölbt, führten in die

Tiefe. In einer derselben stiegen wir etwa zwanzig Meter schräg über

Schutthaufen hinab. Sie wurde nach unten zu enger, aber wir hätten noch

viel weiter hinabsteigen können, wenn nicht eine erdrückende Hitze und

ätzender Wasserdampf uns zurückgeschreckt hätten. Der Führer zündete

eine Stearinkerze an, welche bald immer wieder zu knistern begann und

erlosch. Tropfsteinbildungen aus grauschwarzen und hohlen drusigen Aesten

hingen von der Decke herunter, und zarte weisse Krystalle von Alaun hatten

sich in den Schrunden ansublimirt.

Wir waren sehr glücklich gewesen, den Kilauea so stark in Thätigkeit zu

finden. Oft weicht die Lava in ihm ganz zurück, und andere Besucher sahen

dann statt des bis zum Rande gefüllten Beckens nur in ein hundert Fuss

tiefes Loch hinab, aus dem gelbe Dämpfe emporqualmten.

Das genossene Schauspiel war allerdings hinter den Erwartungen

zurückgeblieben, zu welchen die überschwänglichen Schilderungen

des grössten aktiven Vulkans der Erde von 9 Meilen Umfang und die

Aufschneidereien über die haarsträubenden Gefahren seines Innern, die ich

gelesen, berechtigten. Nichtsdestoweniger war das Wunderbare, Dämonische

der Erscheinung, das fremdartige, rastlose Arbeiten todter Massen ohne

sichtbare Ursache ergreifend und überwältigend genug, um auch

ohne grössere Dimensionen den grossartigsten bleibenden Eindruck zu

hinterlassen. Ich begreife sehr wohl, wie noch heutzutage die Eingeborenen

der hawaiischen Inseln als echte Naturkinder an ihrer alten Göttin Pele,

der Beherrscherin und Urheberin des Kraters, festhalten und ihr zuweilen,

sie zu beschwichtigen, Opfer darbringen, indem sie Münzen und andere

Kostbarkeiten oder auch Schweine und Ziegen in den feurigen Schlund

werfen, trotz des Christenthums. Sind ja doch bei unseren Bauern ähnliche

abergläubische Ueberbleibsel der Heidenzeit nach mehr als tausend Jahren

noch zahlreich vorhanden.

Den Nachmittag benutzten wir dazu, die Fumarolen und Solfataren in der

unmittelbaren Nähe des Hotels zu besichtigen. In einem flachen und kleinen

Thale erheben sich mehrere Hügel von lockerer, zerbröckelter, weisslicher

Erde und verwittertem, geröstetem Gestein, feucht und förmlich gedünstet

von Wasserdampf, der entweder überall aus den Spalten hervorraucht

oder aus einigen Löchern unter Hochdruck herauszischt. Aeusserst zarte

Krystalle von Schwefel und Alaun haben sich in den Spalten angesetzt und

zerfallen, sobald man sie mit der Hand berührt. Der Boden ist stellenweise

so weich, dass man leicht stecken bleibt und sehr unangenehm die Hitze des

Bodens empfindet.

Eines der dampfenden Löcher wird als Dampfbad benützt. Ein Schwitzkasten

mit einer runden Oeffnung oben für den Hals, so faul und baufällig, dass

man in Gefahr schwebt, durchzubrechen und in die geheimnissvolle Tiefe zu

sinken, ist darübergebaut, das Ganze umschliesst und deckt eine Hütte

aus Flechtwerk. Mein Gefährte Bats und ich machten sofort von dieser

Gelegenheit Gebrauch, was aber nichts weniger als genussreich war. Theils

die überraschend hohe Temperatur, theils die ätzenden Beimischungen des

Dampfes verursachten unserer wundgerittenen Haut grässliche Schmerzen.

Die einzige Entschädigung dafür bestand darin, dass wir die übrigen

Reisegefährten einen nach dem anderen verleiteten, ebenfalls in den Kasten

zu steigen, und dass wir uns dann an ihren Qualen weideten und sie nicht

eher aus der Halsumschliessung des Deckels befreiten, als bis sie in den

flehentlichsten und demüthigsten Ausdrücken um ihre Erlösung baten.

Links und rechts von der Hütte liegen zwei kanuuartig ausgehöhlte

Baumstämme unter den Längsseiten des überhängenden Strohdaches, in

welche die kondensirte Feuchtigkeit des Dampfbades herabträufelt. Das auf

diese Weise gesammelte Wasser muss hier oben zum Trinken dienen.

Ein bitter kalter Wind brachte abermals Nebel mit Regenschauer und

verhüllte damit auf einige Stunden den Krater. Gegen Abend peitschte er

ihn wieder weg, und über einem schönen klaren Himmel stieg der Mond in

die Höhe, beeinträchtigte aber nur wenig die Wirkung der immer lebhafter

werdenden Feuermasse des Lavakessels. Wir wollten diesem auch in der

Nacht einen Besuch abstatten. Unsere Führer und der Wirth jedoch waren

entschieden dagegen, sie behaupteten, ein grösseres Ueberfliessen der Lava

stände bevor, und es sei zu gefährlich. Wir stimmten ab und beschlossen,

statt in den Krater hinunter, oben auf dem Rande an seine Nordecke zu gehen

nach jenem Punkt, der dem Feuerkessel am nächsten lag. Dort kauerten

wir uns, in Decken gehüllt, auf einem Felsvorsprung zusammen und

sahen wirklich, wie die glühende Lava in mächtigen kochenden Wellen

überwallte, ungefähr da, wo wir heute Morgen gewesen waren, und zwei

glühende Bäche flossen von jener Stelle strahlenförmig durch den grossen

Krater etwa ein Kilometer hinab. Neue Eruptionspunkte hatten sich daneben

gebildet, aus denen ebenfalls Lava emporspritzte. Es wäre jetzt nicht

möglich gewesen, auf demselben Wege wie am Morgen den Kessel zu erreichen.

Lange sassen wir so da, blickten hinab auf das glänzende Schauspiel und

froren, dass uns die Zähne klapperten. Hinter uns war die öde, buschige

Fläche vom Silberlichte des Mondes übergossen, auf unseren Gesichtern und

auf den Felswänden um uns flackerte der röthliche Schein der glühenden

Lava. Gespenstige Nebelgestalten flogen, vom heulenden Winde gepeitscht,

rasch durch die Luft und schufen einen doppelten Mondregenbogen, wie ich

ihn niemals so vollkommen gesehen. Unten aber prasselte und donnerte,

glühte und kochte es unaufhörlich in dem feurigen Kessel, als ob es hier

direkt zur entsetzlichsten Stufe der Hölle ginge.

Nichts fehlte dem Volcano House, wie das Hotel sich nennt, an Komfort,

uns den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Vortreffliche

amerikanische Betten, ein für die Verhältnisse guter Tisch und

ausgezeichnetes Bremer Flaschenbier, das um so freudiger überraschte,

als wir auf der Insel Hawaii, auf der es keine Lizenz für den Verkauf

von Spirituosen giebt, derlei nicht zu finden gehofft hatten, ein schönes

wärmendes Feuer, liebenswürdige Bedienung, einige Jahrgänge von Frank

Leslies Illustrirter Zeitung, Alles war vorhanden, was wir in einem Hotel

in so ferner Abgeschiedenheit nur wünschen konnten.

Was aber noch besser war und ein unschätzbares Vergnügen gewährte,

selbst ein Fremdenbuch lag hier auf, in welchem jeder Besucher seine

Erfahrungen und Gefühle über den Kilauea verewigt hatte, jene sinnige

Einrichtung, die leider bei uns zu Hause in den Touristenhotels der Alpen

immer mehr ausser Brauch kommt. Zwei dicke Foliobände waren bereits mit

poetischen und prosaischen, witzigen und langweiligen, guten und schlechten

Ergüssen und Zeichnungen über die Kilauea-Partie gefüllt. Auch der

bekannte amerikanische Humorist Mark Twain, der über die Sandwich-Inseln

einen mehr amüsanten als wahren Bericht geschrieben, hatte ein paar Seiten

geliefert. An deutschen Inschriften fehlte es natürlich nicht, ebenso

wenig an schlechten deutschen Gedichten, deren Urheber verschwiegen sein

mögen. Von illustren Namen fand ich den des ehemaligen preussischen

Konsuls Lindau in Yokohama verzeichnet. Mit grosser Befriedigung entnahmen

wir, dass wir ausnahmsweise glücklich gewesen waren. Wenige vor uns

hatten den Vulkan bei so günstigem Wetter und in so lebhafter Thätigkeit

gesehen. Manche hatten nur Nebel und Regen hier oben gefunden. Einer

ging so weit, feierlich gegen die Existenz des Kilauea als einen grossen

Schwindel zu protestiren.

Am anderen Morgen brachen wir in aller Frühe auf, um nach Kapoho zu

reiten. Es war noch dunkel, und der Vulkan leuchtete ziemlich stark herauf,

theilweise verschleiert von einem dünnen Nebel. Der eine Lavabach mochte

vielleicht 200 Schritte vorgerückt sein.

Wir nahmen den Rückweg nach Hilo durch den Distrikt Puna, welcher den

östlichen Vorsprung der dreieckigen Insel Hawaii umfasst. Während wir

von dem nordöstlich gelegenen Hilo in ziemlich gerader Richtung gekommen

waren, wandten wir uns jetzt nach Südost um zunächst an das Meer

hinabzusteigen und dann, den Windungen der Küste folgend, die östliche

Spitze Hawaiis, Kapoho, zu erreichen und dort in dem Gehöft eines

Deutschen namens Eldart abermals Rasttag zu halten. Denn es galt heute

einen schweren Ritt von 42 englischen Meilen oder 64 Kilometer immer über

dieselbe glasharte kratzende Lava.

Bald wich die Kälte des Berges der Gluth der tropischen Sonne, und die

morgentlich starren und ungelenken Glieder salbte rieselnder Schweiss.

Durch Ohiagebüsch an einem alten Vulkan von kleineren Dimensionen vorbei

gelangten wir zu dem Absturz des Hochlandes.

Auf unglaublich steilen Pfaden trugen uns die Pferde vorsichtig hinunter.

Hätten wir uns nicht vor dem Führer geschämt, wir wären wahrscheinlich

aus dem Sattel gestiegen und zu Fuss geklettert. Wohl rutschten zuweilen

die Hufe knirschend von glatten Felsblöcken ab, wohl strauchelte zuweilen

eines unserer wackeren Thiere und drohte zu stürzen, und einen Sturz

auf diesem widerlich harten Boden voll scharfer Kanten und tiefer Löcher

hätten die besten Knochen nicht ausgehalten. Aber glücklich kamen wir

über alle Gefahren und Hindernisse hinab.

Von nun an ging es bis Hilo auf dem breiten Saum der Küste entlang,

welcher, aus demselben Material gegossen wie die ganze gewaltige Masse der

Insel, die erste niedrigere, nur vielleicht zwanzig Meter aus dem Meer sich

erhebende Staffel bildet. Von ferne sieht dieser breite Saum aus, als ob

er nahezu eben wäre, und nur einige schärfere Horizontallinien deuten,

allmälig verschwimmend im Blau des Horizonts, Vertiefungen an, die sich

in der unmittelbaren Nähe als nicht zu verachtende Schluchten erweisen.

Ueberall knirscht der Huf auf harter Lava, und doch scheint bereits eine

dichte Vegetation links und rechts sich zusammen zu drängen. Wo nur die

kleinste Schrunde etwas Erde zurückhält, sprossen Pflanzen empor, die

wahre Natur des noch intakten Lavabodens verhüllend.

Schrecklich zu reiten ist dieser Lavapfad, aber reich an interessanten

Gebilden vulkanischen Ursprungs. Der Hauptsache nach ist der Boden aus

Einem Guss. Aber hie und da fliessen jüngere Ströme darüber hin,

deutlich erkennbar an den dunkleren frischeren Farben ihres Gesteins und an

der geringer entwickelten Vegetation. So zum Beispiel tritt einmal ein 200

Schritt breiter schwarzer Strom bis nahe an den Weg heran. Er lässt

sich mit dem Auge weit nach oben verfolgen, wie er gleich einer riesigen

Schlange durch den Wald sich herabwälzte, bis er hier unten erstarrte

und stehen blieb. Die ganze Oberfläche des Stromes ist so verschlackt

und zerklüftet, dass sie den Eindruck eines hingeschütteten Koakshaufen

macht, dessen einzelne Stücke mehrere Kubikmeter betragen. Versengte

und halbverkohlte Bäume sind hineingebacken, wahrscheinlich oben von der

glühenden Fluth ergriffen und mit heruntergeschwemmt.

Oft dröhnte es wieder hohl unter den Hufen wie am ersten Tage, und

mehrmals sah ich in tiefe Blasenräume hinab, die durch Einsturz der

domartigen Gewölbe freigelegt waren. Unten ruhten die Trümmer der

fussdicken Kuppeln, Aussen- und Innenseiten an der Rundung leicht

unterscheidbar, und einmal sah ich die wenigen Bruchstücke noch so

geordnet, dass man sie ohne Mühe hätte zusammenfügen können, als wären

sie nur deshalb hinabgesunken, weil die tragenden Wandungen plötzlich

auseinander wichen. Kokospalmen haben sich in diesen Verliessen angesiedelt

und gucken mit ihren Kronen in die schwarzgraue Wüste hinaus.

Auf lange Strecken scheint der Weg eine einzige gerade und ebene Linie zu

sein. Man freut sich darüber und spornt sein Pferd zum Gallop -- da gähnt

unerwartet eine in der Perspektive verborgene Querschlucht, die uns steil

hinab und auf der anderen Seite eben so steil wieder hinauf zu klimmen

nöthigt. Manchmal geht es so nahe dem Ufer hin, dass man die donnernde

Brandung emporspritzen sieht. Oder mächtige dünenartige Hügel aus grobem

Lavageröll haben sich über die niedrigen Ränder gehäuft, in breiten

schaumigen Zungen lecken die Wogen herauf, und scheue schnepfenartige

Vögel trippeln darin herum und fischen. An einer solchen Stelle kam uns

ein isolirter mehr als zehn Meter hoher Kegel aus Lavasand zu Gesicht, der

nicht durch die See allein gebildet sein konnte.

Eine kleine Gruppe von Brotfruchtbäumen und Palmen, dazwischen eine

einsame Hütte, winkte uns freundlich entgegen. Dort machten wir Halt, um

Kokosnussmilch zu trinken und den Pferden Wasser zu geben. Die Kokosnüsse

werden hier zu Lande anders geöffnet als auf Viti. Man reisst nicht erst

die äussere Faserhülse ab, sondern durchschneidet sie mit dem Messer

sammt der inneren Schale. Der Mann dem die Hütte gehörte hatte vor

etlichen Tagen eine Rippe gebrochen und konsultirte mich, was er thun

sollte. Er sass vor der Thüre und sonnte sich, nur mit dem Maro und einem

grossen Pflasterfladen, welcher die verletzte Seite überdeckte, bekleidet.

Ich empfahl ihm Ruhe und etwas mehr Gewandung. Der berühmteste Haruspex

hätte ihm nichts Besseres verordnen können.

Unsere Mittagsstation war das Dorf Kalapama. Welch köstliche Wohlthat,

als plötzlich die knirschende Lava aufhörte und ein weicher Grasboden

die Hufe verstummen machte, als wir wieder vom Pferde springen durften,

auf einer kühlen Veranda den erquickenden Knetkünsten der herbeigeeilten

Mädchen uns preiszugeben und danach in einem brackischen Tümpel, welchen

ein hoher natürlicher Deich aus Lavageröll von der draussen donnernden

Brandung des Meeres abschloss, ein Bad zu nehmen, bis die unvermeidlichen

Hühner gemordet, gerupft und gebraten waren.

Nach zwei Stunden gings abermals fort, abermals über Lava, glasharte,

knirschende und kratzende Lava. Etliche Dörfer flogen vorüber. Denn

in der Nähe menschlicher Wohnstätten kamen wir meistens auf eine

wohlgeglättete Strasse, und unbekümmert um die holde Weiblichkeit, die

uns zu sehen aus den Hütten trat, spornten wir die Pferde zur höchsten

Eile, um die wenigen besseren Stückchen des Weges auszunützen.

Bergauf und bergab, bald dicht am Meere entlang, bald weiter innen durch

Lavawüsten und Pandanusdickichte, führte uns der ermüdende Ritt. Ein

seltsamer Begräbnissplatz stand unmittelbar am Rande des steilen Ufers,

etwa sechs Leichenhügel aus Lavablöcken, deren glänzend weissgetünchte

Umzäunungen eigenthümlich von der Schwärze der rauhen Umgebung

abstachen. Es gab weit und breit nicht Humus genug zur Beerdigung. Donnernd

prallten die Wogen gegen die Felswand unten, und die Brandung spritzte

herauf bis zu der Stätte wo die Todten ruhten.

Ein mit Gras und Kukuigebüsch bewachsener Hügel erschien zur Linken, das

Wahrzeichen unseres Zieles Kapoho, eine herzerfreuende Oase nach solcher 42

Meilen langen Lavawüstenei.

Mein Landsmann, Kapitän Eldart, kam uns entgegen und wies uns den Weg in

sein gleich einer Burg mit Zyklopenmauern umgebenes Gehöft. Einige braune

Burschen bemächtigten sich der Pferde. Wir selbst liessen uns sofort zum

Baden führen.

Natürlich ist auch der nächste Hügel gleich hinter dem Gehöft ein alter

Vulkan, in dessen Krater ein Teich sich angesammelt hat. Goldfische werden

in ihm gezüchtet, und hie und da blitzte einer dieser glänzenden Bewohner

des dunklen und stillen Grundes empor, als wir in sein kühles Wasser

tauchten, den Schweiss des heissen Tages von den Gliedern zu spülen.

Die Umgebung Kapohos wird nach innen durch eine Reihe ganz mit Gras

überzogener Hügel abgegrenzt, nach aussen gegen die See zu dehnt sich die

einförmige Lavafläche mit ihrer dünnen Farnkrautdecke. Aussergewöhnlich

schlanke Kokospalmen stehen gruppenweise zusammen, die Spitzen der Hügel

sind mit dem eigenthümlichen Silberglanz der Kukuibüsche geziert.

Kapitän Eldarts Hauptbeschäftigung ist die Jagd auf die seit hundert

Jahren verwilderten Rinder, die heerdenweise ringsherum leben und nur wegen

ihres Talges und ihrer Häute geschossen werden. Ein gefährliches und

verwegenes Handwerk, auf solchem Boden und zu Pferde diesen Thieren

nachzustellen, oft genug auch von ihnen sich jagen zu lassen. Seit zwei

Jahren lebt ein junger Verwandter aus Deutschland bei ihm als Gehilfe,

ein ehemaliger Ulan, der mit in Frankreich gewesen und jetzt erst recht in

seinem Elemente sich fühlt, da er so viele Gäule zu Schanden reiten

kann als er mag. Ein nicht zu verachtender Nebensport scheint ihm die

Verbesserung der Rasse im nächsten Dorf drüben zu sein.

Die Mischung germanischen und polynesischen Blutes giebt ganz prachtvolle

Jungen. Kapitän Eldarts reizende Kinderschaar, die sich stetig dem Dutzend

nähert, liefert ein nachahmungswürdiges Beispiel. Sein Aeltester ist

ein ideal schöner Knabe im Style jenes jungen Italieners von Karl

Becker. Gleichwohl fehlte es auch hier nicht an Symptomen der überall zu

beobachtenden Thatsache, dass die Ehe eines Weissen ausserhalb seiner Rasse

zu Missverhältnissen führt. Es schien mir, als ob mein Landsmann unser

freundlicher Wirth sich seiner braunen Gattin schämte. Wir bekamen sie

nicht zu Gesicht. Sie wohnte abseits in dem Haus für die Dienerschaft und

blieb dort verborgen, solange wir in Kapoho weilten.

Am nächsten Morgen regnete es. Ab und zu kamen heftige Windstösse und

bogen die schlanken Palmen und zausten an ihren Kronen, dass sie aussahen

wie zerrissene und umgestülpte Regenschirme. Wir benützten deshalb

unseren Rasttag nur zur Besichtigung der allernächsten Merkwürdigkeiten.

Wir waren auch viel zu müde und steif um weit herumzulaufen.

Der junge Eldart führte uns zuerst auf einen Hügel zu den Ueberresten

eines alten Heidentempels, von welchem gegenwärtig nur mehr einige sehr

exakt gearbeitete Lava-Quaderblöcke vorhanden sind. Dann nahmen wir ein

Bad in einem äusserst malerisch zwischen steilen Felsen gelegenen warmen

Tümpel, »Wai wela wela« (Wasser warm warm) genannt. Farnkrautbüschel

und Pandanen hängen von oben über die Wände der Schlucht herab. Das

angenehm laue Wasser ist wunderbar blaugrün und so klar, dass man jedes

Steinchen des Grundes sieht, obwohl er so tief ist, dass es keinem von uns

gelang ihn tauchend zu erreichen. Eine Viertelstunde entfernt ist noch eine

andere von den Mächten der Göttin Pele geheizte Badegelegenheit, welche

wir am Nachmittag besuchten. Wir stiegen durch eine Kluft 20 Meter

ins Innere der Erdkruste hinab, nachdem wir uns oben entkleidet und

Stearinkerzen angezündet hatten. Dann nahm uns ein schmales Wasserbecken

auf, etwas wärmer als jenes oberirdische Wai wela wela, in welches wir

etwa 200 Schritt hineinschwammen, indem wir von Zeit zu Zeit Lichter an

den Wänden befestigten. Man soll eine Meile weit hier unten fortschwimmen

können.

Dies werden wohl die beiden »heissen Quellen« sein, welche auf Karten

bei Kapoho angegeben sind. Ich habe sonst nichts dergleichen zu erfragen

vermocht.

Auf dem Rückweg lernte ich eine sehr interessante Pflanze kennen, welche

hier in Menge vorkommt und bei den Einwohnern englischer Sprache »Air

Plant« heisst. Wenn man ein einziges Blatt davon mit einer Stecknadel am

Fenster oder sonstwo anspiesst, so stirbt dasselbe ab, aus einer Stelle

seines Randes aber wächst ein neues Pflänzchen hervor, dem das Gewebe des

alten Blattes als nährender Boden dient.

Wir hatten Sonntag, und es war sehr öde und menschenleer in Kapitän

Eldarts Ranch. Nur die Kinder und das Schiessen von Truthähnen und

Hühnern für unseren Tisch, die sich sonst nicht so leicht hätten

ergreifen lassen, gewährten einige Unterhaltung. Bier oder Schnaps gab

es hier nicht, da diese Artikel im Hawaiischen Königreich überhaupt,

ausgenommen in Honolulu, verboten sind. Hingegen besass der halbchinesische

Diener unseres Wirthes eine Lizenz zur Bereitung und Verabreichung von

Awa, welche monatlich 25 Cents kostet. Und da wir nichts Besseres wussten,

liessen wir uns am Abend Awa vorsetzen. Wer dieselbe zurechtgekaut hatte,

wurde uns diskreter Weise nicht verrathen. Die schmutzig graubräunliche

Flüssigkeit, in Schoppengläsern kredenzt und ohne den romantischen Zauber

der Yankonagelage auf Viti, machte mir keinen sehr verlockenden Eindruck.

Aber getrunken wurde sie doch. Sie schmeckte ganz ähnlich der Yankona, nur

etwas schärfer seifenartig und konzentrirter. Auch an der Pflanze, die

man uns zeigte, konnte ich keinen Unterschied von dem Piper methysticum

Kandavus wahrnehmen. Es stellten sich indessen bei vieren von uns sehr

unangenehme Folgen in Form von Ergüssen aus beiden Enden des Tractus

Alimentationis ein, welche uns einen erheblichen Theil der Nachtruhe

raubten.

An demselben Abend ass ich zum ersten mal Brotfrucht. Auf Kandavu waren sie

gerade nicht reif gewesen, und auch diese war nur ein kleines, faustgrosses

Individuum. Sie wurde uns in gekochtem Zustand aufgetragen, ihr Geschmack

ähnelte dem junger noch etwas seifiger Kartoffeln.

Die letzten 24 Meilen am folgenden Tag, die wir bis Hilo zurückzulegen

hatten, waren nicht angenehmer als die vorhergegangenen. Während die

anderen noch sattelten und packten ritt ich langsam voraus. Ich war eben an

der Schule eines weiter abwärts gelegenen Dorfes angelangt, in welcher die

Kinder gerade ihr Morgengebet beteten, da kam hinter mir Kapitän Eldart

nachgejagt, um sich den Namen einer Arznei aufschreiben zu lassen, den ich

ihm gestern gesagt, den er jedoch mittlerweile wieder vergessen hatte. Der

Schulmeister, ein Kanaka, brachte Papier und Tinte heraus, mit ihm seine

ganze kleine Heerde.

Je mehr wir uns Hilo näherten desto mehr hofften wir, der Weg möchte doch

endlich einmal besser werden. Er blieb aber gleich niederträchtig bis zum

Schluss. So wie die Wegmacherei im Hawaiischen Königreiche betrieben

wird, ist es kein Wunder wenn die Wege schlecht sind. Es wird dem Einzelnen

freigestellt, die Steuer dafür durch Arbeiten abzuverdienen, und

dieser begnügt sich gewöhnlich damit, alle Monat ein Häufchen Erde

zusammenzukratzen und auf den Weg zu schütten.

Die Pandanusdickichte wurden lichter und machten stellenweise einem dünnen

Wald von Ohiabäumen Platz, an denen sich Kletterpflanzen mit schönen

rothbraunen Blüthen emporrankten. Zuweilen liess sich die schnalzende

Stimme eines Vogels vernehmen, das einzige mal dass ich derlei auf Hawaii

hörte.

Durchnässt von Regen und Schweiss und übermüde des quälenden Knirschens

der Lava sprangen wir frohlockend im Hotelgarten zu Hilo aus dem Sattel.

Unsere Pferde hatten keine Eisen mehr, und wir selbst waren mehr oder

weniger mit Blut gezeichnet.

Reise durch den Stillen Ozean · 第 69 / 85 题