VON HONOLULU NACH HILO.

Ihre Königliche Hoheit Ruth Keelikolani. Morgentoilette der

Reisegesellschaft. Lahaina und Kawaihae. Das Hotel zu Hilo. Unser

Vergnügungskommissär Hapai. Brandungschwimmen. Die höhere weibliche

Schuljugend im Bade. Hula Hula und Konzert. Der Rainbow Fall.

Die Verbindung zwischen den Inseln wurde damals hauptsächlich durch den

königlichen Poststeamer Kilauea, der etwa so gross wie ein Helgoländer

Dampfer und bereits so altersschwach und baufällig war, dass er

unterdessen wahrscheinlich zu existiren aufgehört hat, vermittelt. Jeden

Montag ging er von Honolulu ab, dreimal im Monat nach Maui und Hawaii und

einmal nach Kauai.

Am 21. August schiffte ich mich nebst meinen fünf Engländern auf ihm

ein, um nach Hilo, der Hauptstadt der grössten Insel Hawaii, zu fahren und

von dort aus den berühmten Vulkan Kilauea zu besuchen. Fast gleichzeitig

mit uns verliess der Schuner, der die vierzehn Leprosen nach Molokai

bringen sollte, den Hafen von Honolulu. Wir kamen gerade noch recht,

um Zeugen einer ergreifenden Abschiedsszene zu sein. Sechs Polizisten

eskortirten die traurige Schaar, hinterdrein folgten jammernd und weinend

die Angehörigen der armen Verbannten wie bei einem Leichenbegängniss. Sie

schieden auf Nimmerwiedersehen.

Es war fünf Uhr Nachmittags, als wir uns an Bord des Kilauea begaben.

Eine bunte Menge von Kanakas und Weissen, von Pferden und Wagen umstand

die Abfahrtstelle. Ganz Honolulu schien wieder auf den Beinen zu sein, dem

Dampfer das Geleit zu geben.

Man sagte, eine Prinzessin sollte mit uns nach Hilo gehen, und bald fand

ich unter dem Gewimmel, welches das Schiff erfüllte, Ihre Königliche

Hoheit heraus. Es war dieselbe kolossal fette alte Person, welche ich

kurz vorher auf der Strasse in einem eleganten Buggi eigenhändig hatte

vorbeikutschiren sehen, während ihre Begleiterin respektvoll einen

Sonnenschirm über sie hielt. Jetzt sass sie unter dem Leinendach des

Achterdecks, umgeben von ein paar vornehmen Hawaiierinnen, schwitzte und

athmete mühsam unter der Last ihres Fettes und glich mit ihrer breiten

gespaltenen Doppelnase und ihren strotzenden Fettwülsten am Halse einem

abgehetzten Bullenbeisser. Stupid sah sie gerade vor sich hin und empfing

apathisch die Huldigungen, die ihr zu Theil wurden, indem mehrere Männer,

unter diesen auch der Kronprinz, ehrfurchtsvoll entblössten Hauptes sich

zu ihr herandrängten, um ihr die Hand zu küssen. Auch drei oder vier

Weisse die ich kannte sah ich auf solche demüthige Weise ihr huldigen, sah

wie auch sie mit entblösstem Haupt auf die Hand des stupiden Fettscheusals

sich niederbeugten. Ich musste mich abwenden, ich fühlte, dass sie sich

vor mir schämten. Ruth Keelikolani wie die Prinzessin, eine Halbschwester

der beiden letzten Kamehamehas, heisst ist nämlich sehr reich, und Mancher

hofft aus ihrer Gunst Gewinn zu schlagen.

»Acht geben auf die Pferde« lautete das vorsorgliche Kommando

des Kapitäns, und die Dampfpfeife brüllte zum Zeichen, dass alle

Nichtpassagiere das Schiff zu verlassen hätten. Glücklicher Weise blieben

nur Wenige von der grossen Menge an Bord und wir bekamen Luft. Der Dampfer

trennte sich von dem Kai, heftiges Winken mit Taschentüchern von hüben

und drüben, und wir bewegten uns vorwärts, ein schönes lebensvolles

Bild von braunen Gesichtern, glänzenden Augen, grellen Gewändern und

Blumenguirlanden am Ufer zurücklassend. Einem von unserer Gesellschaft

entführte ein Windstoss seinen Strohhut ins Wasser, und sogleich war ein

Kanuu darauf aus, packte den Deserteur und brachte ihn freundlich zurück,

ohne dass eine Belohnung gereicht werden konnte. Welcher Jollenführer in

Hamburg, New York oder London hätte dasselbe gethan?

Die Prinzessin hatte für sich eine breite Bettstelle mit einem Zeltdach

darüber auf Deck stehen. Im weiteren Verlauf unserer Beobachtungen

kam auch ein weisser Topf zum Vorschein, dessen mächtiges Kaliber uns

anfänglich über seine Bestimmung in Zweifel liess, bis wir durch einen

unzweideutigen Akt in Klarheit versetzt wurden. Es dauerte nicht lange, so

fing sie an ihre Abendmahlzeit zu nehmen. In einer Kürbisschüssel

wurde ihr Poi gereicht, den sie in der üblichen Weise mit Zeige-

und Mittelfinger heraustunkte, und auf einem Porzellanteller etliche

salzbestreute rohe Fische, die sie schnell mit den Händen packte und einen

nach dem anderen gierig verschlang, indem sie wohlig schmatzte. Danach

bekam die Dienerschaft, zwei ältliche Burschen und eine junge hübsche

Kammerzofe, ein aus denselben Artikeln bestehendes Essen. In dieser

Beziehung sind die Hawaiier noch immer die alten Barbaren und werden

es bleiben, bis sie vom Erdboden verschwinden, trotz Konstitution und

Parlament.

Auch der Gouverneur von Hawaii, Seine Excellenz Samuel Kipi, fuhr mit uns

nach Hilo, und ich wurde ihm vorgestellt. Er ist ein äusserst würdig und

anständig aussehender strammer alter Herr in untadelhafter europäischer

Kleidung. Aber auch er ging nicht wie wir in die Kajüte zur Tafel, sondern

blieb oben auf Deck bei der Prinzessin sitzen und schmatzte mit rohen

Fischen und Poi herum. Ich habe überhaupt nie einen Hawaiier auf unsere

Weise essen sehen. Sie sind hierin konservativer als die Maoris, ihre nahen

Verwandten.

Die Nacht brach herein. Wir hatten unsere Betten auf Deck tragen lassen, um

kühler zu schlafen. Die See wurde unruhig, ein heftiger Wind blies in das

einzige Gaffelsegel und legte das Schiff stark auf die Seite, so dass wir

beständig nach dem Geländer hinunterrutschten und nur wenig schlafen

konnten. Ueberall regten sich die Qualen Neptuns unter den Passagieren.

Rechts von mir stöhnte ein seekranker Chinese, links schnarchte die dicke

Königliche Hoheit in ihrer Zeltbettstatt. Ich sah beinahe den ganzen

Sternenhimmel sich umdrehen, ohne ein Auge zuzuthun.

Morgens um vier, als es eben dämmerte, ankerten wir vor Lahaina auf der

Insel Maui, der ehemaligen Hauptstadt der ganzen Gruppe, einer schönen,

gartenreichen Ortschaft mit einer weissgetünchten Kirche und mehreren

grösseren Gebäuden, hellgrüne Zuckerfelder zu beiden Seiten und im

Hintergrund, der zu den kahlen Bergen ansteigt. Einige Passagiere und

Waaren wurden hier in Böten gelandet, dann gings wieder fort.

Vor uns trat die untere Hälfte des mächtigen 3000 Meter hohen Haleakala,

des »Hauses der Sonne«, der den grössten erloschenen Krater der Erde

von 27 englischen Meilen oder 43 Kilometer Umfang auf seinem Gipfel

trägt, immer deutlicher in die Augen, die obere Hälfte mit dunklen

Wolken verhüllt. Zur Rechten deckten die Inseln Kahoolawe und Molokini

den Meereshorizont, wir waren ringsum von Land umgeben. Ueberall hohe kahle

Berge, in deren Geröllböschungen winzig erscheinende Häuser eingestreut

sind.

Wir fuhren jetzt unter dem Schutz der Inseln in ruhigem Wasser, und Alles

an Bord wurde lebendig. Auch die dicke Königliche Hoheit war schon auf,

hatte sich bereits eine Portion roher Fische und eine Schüssel Poi ins

Bett reichen lassen, und guckte nun vergnügt mit dem Ausdruck eines

gutgelaunten Bulldoggs durch den Spalt ihres Leinwandkäfigs ins Freie.

Als ich unten in der gemeinschaftlichen Kajüte Toilette machte, hatte

ich Gelegenheit einer That zartester Galanterie beizuwohnen. Die hübsche

Kammerzofe kam die Treppe herab um etwas zu holen. Es wurde an der Thür

eben aufgewaschen und der Boden war voll Wasser. Sogleich sprang der

Steward, ein Kanaka wie fast die ganze Mannschaft, herbei und setzte seinen

Fuss in die Nässe, damit sie auf ihm trocken hinüberschreiten konnte.

Allerdings geschah diese Aufmerksamkeit nicht ganz uneigennützig. Denn

während sie sich Dank lächelnd des männlichen Fusses als Tritt bediente,

umschlang sie der kühne Jüngling und drückte ihr einen lauten Kuss auf

die Lippen, was sie sich sehr gerne gefallen liess.

Mit uns auf dem ersten Platz fuhr noch eine weisse Dame mit zwei kleinen

Mädchen, die jedoch alle drei grösstentheils in ihren Kojen blieben, da

sie seekrank waren, und etwa zwei Dutzend eingeborene Weiber, Männer und

Kinder, die auf Deck herumlagen. Vorne auf dem zweiten Platz war es etwas

voller. Der Hauptunterschied zwischen der Weiblichkeit erster und zweiter

Klasse war, dass die einen des Morgens ihre Unterextremitäten ziemlich

ungenirt mit weissen Strümpfen und zierlichen Stiefelchen schmückten,

die anderen jedoch barfüssig blieben. Alle aber, selbst die ältesten

reizlosesten Matronen, bekränzten sich beim Erwachen des Tages mit

frischen Blumen- und Blätterguirlanden. Dann zogen sie enge Holzpfeifen

aus dem Busen und liessen sie im Kreise herumgehen. Den Tabak hatten sie in

alten blechenen Pulverflaschen bei sich und klopften ihn erst auf die

Hand. Spangen von bunten Muscheln wurden um die Arme befestigt, Ringe mit

falschen Edelsteinen glitzerten an den Fingern, einige indess hatten nur

tätowirte Ringe. Golden stieg die Sonne hinter den Wolkenbänken

des Haleakala empor und bestrahlte leuchtend unsere malerische

Reisegesellschaft.

In der Makena-Bucht legte sich der Kilauea an eine Boje, um Bauholz zu

landen. Da dies einige Zeit in Anspruch nahm, liessen wir uns ans felsige

Ufer setzen. Mehrere grosse, breite und schwere Blockwagen mit je acht

Paar langhörniger Ochsen bespannt warteten hier, um die Balken ins

Innere abzuführen, eine Schaar Bummler lungerte herum, und ein Rudel

schwarzäugiger Mädchen lachte mich kichernd aus, als ich zwischen der

Brandung nach Schnecken und Krabben suchte.

Wir verliessen den Schutz der Insel Maui und kamen nun wieder, quer nach

Hawaii hinübersteuernd, in offenes Wasser. Scharf blies der Nordostpassat

durch die 30 Seemeilen breite Lücke über die weissen Kämme der Wellen

hin, und wieder fing die Seekrankheit an zu wüthen. Bisher hatten die

Kanakafamilien an langen Zuckerrohrstangen gekaut oder aus ihren kurzen

dünnen Holzpfeifen Tabak geraucht. Jetzt griffen sie wieder der Reihe nach

zu jenen fatalen Gefässen, die hier eine ebenso bedeutende Rolle spielen,

wie zwischen Kuxhaven und Helgoland.

Immer deutlicher traten die kolossalen Massen des Haleakala hinter uns

heraus. Seine graue Kappe löste sich vor den Strahlen der Sonne, und ein

Kegelberg von den gewaltigsten Dimensionen erhob er sich aus dem Ozean.

Riesige Schluchten zerklüfteten radienartig seine stetig und fast ohne

Brechung ansteigenden Wände in ebensoviele gewaltige Pfeiler von 1000

Meter Höhe, die weit und mächtig in die brandende See vorsprangen. Nicht

die Spur einer Vegetation war an ihnen zu entdecken. Die schroffen Flächen

schienen vollkommen kahl zu sein. Unten durchbrachen hie und da kleinere

sekundäre Vulkane den Boden. Wolkenschatten flogen gleich blauen Inselchen

darüber hin.

Gegen Abend ankerten wir in der Kawaihae-Bucht an der Westseite der grossen

Insel Hawaii. Von hier kehrten wir wieder zurück und fuhren um das Nordkap

herum nach der östlichen Seite, auf deren Mitte ungefähr die Hauptstadt

Hilo liegt. Kawaihae war früher ein sehr bevölkerter Platz und

besteht jetzt nur mehr aus wenigen Häusern. Die Trümmer eines alten

Heidentempels, welcher noch zu Anfang dieses Jahrhunderts zahlreiche

Menschenopfer gesehen haben soll, erinnern an die einstige Grösse.

Es wurde rasch dunkel, und wie wir nach einer besseren Nacht als der

vorhergehenden erwachten und um uns blickten, hatten wir die bald schroffe,

bald anmuthige, stets aber grossartige Nordostküste Hawaiis ganz nahe zu

unserer Rechten. Ueberall stieg das Land in steilen Wänden, deren Höhe

zwischen 20 und 200 Meter auf und ab undulirte, empor. Wasserfälle

stürzten von ihnen in wenigen Absätzen rauschend herab, so häufig, dass

wir fast immer einen in Sicht hatten. Von den Kanten zogen sich, hier auf

der stets befeuchteten Windseite besser gedeihend, Flächen von dunkeln

Ohiawäldern wechselnd mit helleren Zuckerplantagen sanftansteigend zu den

beiden Riesen Maunaloa und Maunakea, die noch verschleiert vom Morgendunst

den Hintergrund als dunkle Mauer bildeten, hinauf. Ein paar kleine

Ortschaften mit reinlich weissgetünchten Kirchen guckten verstohlen aus

grünen Schluchten.

Um eine Ecke biegend gelangen wir in die Byron Bai und sehen Hilo vor uns.

Ebenso gartenreich oder noch gartenreicher als Honolulu, erhält dieses

reizende Städtchen von kaum 1000 Einwohnern durch zwei hohe Kirchen, von

welchen die eine, die katholische, Doppelthürme im Jesuitenstyl besitzt,

einen fast europäischen Anstrich.[8]

[8]: Durch die grosse Fluthwelle des Erdbebens von Peru im Sommer 1877

wurde Hilo in seinen unteren Partieen gänzlich zerstört, und über

100 Menschen kamen dabei um.

Die ersten Eindrücke, die wir empfingen, als wir in Hilo das Land

betraten, liessen nichts zu wünschen. Ueberall freudig mit Blumenkränzen

geschmückte hübsche Mädchen, überall freundliche, einladende Gesichter.

Selbst die zahlreichen Chinesen, welche beinahe die ganze dem Kai

zunächstgelegene Strasse okkupiren, schienen hier weniger abstossend zu

sein.

Ein Chinese von sehr anständigem Aussehen war es auch, den uns der

liebenswürdige Kapitän des Kilauea als Hotelwirth rekommandirte. Ein

Dutzend Kanakas ergriff diensteifrig unser Gepäck und wir folgten ihnen

nach dem Hotel, einem einfachen Gartenhaus mit Veranda, welches weiter oben

in der dritten oder vierten Parallelstrasse lag und in dem wir aufs beste

untergebracht und verpflegt wurden. Zwei Halbchinesen, Vettern des Wirthes,

von denen namentlich der Aeltere, Hapai, rühmlichst genannt zu werden

verdient, nahmen sich mit grösster Hingebung der Bedienung an.

Unsere erste Sorge war ein Süsswasserbad aufzusuchen, und Hapai führte

uns nach dem Wailuku, der sich gleich neben Hilo in das Meer ergiesst.

Ein wilder Gebirgsfluss braust der Wailuku durch romantisch zerklüftete

Schluchten von Lavafelsen herab aus dem Maunakea, zwischen hohen schwarzen

Blöcken in mehrere Arme zersplitternd, sich wieder vereinigend, hier in

Wasserfällen hinunterstürzend, dort über breitere Betten von Rollsteinen

dahinschäumend, grossartig und wild wie Alles auf diesen Inseln.

Seitlich von der reissenden Strömung des Flusses haben sich stufenförmig

übereinander mehrere geräumige Tümpel mit ruhigerem Wasser gebildet,

welche zum Baden dienen. Bizarre Pandanusbäume, festgeklammert an den

Wänden mit ihren sperrigen Wurzelpyramiden, hängen von oben herab und

wiegen rauschende Büschelköpfe im lauen Passatwind. Auf dem anderen Ufer

wuschen einige Weiber. Sie sassen dabei sammt ihren weissen Hemden bis zum

Nabel im Wasser und riefen uns fröhlich »Aloha« herüber.

Nach dem Bade gingen wir an den Strand und liessen uns das berühmte

Brandungschwimmen produziren. Leider kommt dieser interessante Wassersport

der Kanakas immer mehr ausser Uebung. Namentlich die Bevölkerung von Hilo

soll ehemals sehr geschickt darin gewesen sein. Kein Theil der Küste

von Hawaii ist geeigneter, jene imposanten bis zu vier Meter hohen lang

ausrollenden Wogenketten zu erzeugen, als der flache Strand der Byron Bai,

gerade dem Ozean und dem Nordostpassat entgegen geöffnet. Nur drei Brüder

verstehen sich noch aufs Brandungschwimmen und erboten sich, gegen je einen

Dollar ihre Künste zu zeigen.

Sie holten ihre zu diesem Zweck dienenden Bretter, etwa anderthalb

Mannslängen hoch, eine Armlänge breit, aus schwerem Holze, sehr dünn

und mit scharfen Rändern, herbei und gingen mit ihnen, bis auf den Maro

entkleidet, ins Meer hinaus. Untertauchend, so oft eine überschäumende

Woge herankam, durch die Wogenthäler theils schwimmend, theils mit den

Füssen vom seichten Grunde sich abstossend, entfernten sie sich schneller

als ich es je für menschliche Lungen möglich gehalten hätte immer

weiter und weiter vom Lande. Wir setzten uns auf die Spitze eines dem Ufer

entsteigenden Lavafelsens und sahen ihnen durch Ferngläser nach, bis

sie nur mehr als schwarze Pünktchen im Gischte der flachen Brandung zu

erkennen waren. Dann schwangen sie sich plötzlich auf ihre Bretter und

kamen langsam wieder näher. Auf welche Weise dies geschah, konnte ich

anfänglich nicht unterscheiden. Sie bewegten sich nicht in der Richtung

der See dem Lande zu, sondern schräg zu dieser im Zickzack kreuzend,

so dass sie einmal auf der uns zugewendeten, dann wieder auf der

entgegengesetzten Böschung abwärts und aufwärts glitten. So eilten sie

den Wogen voran. Während sie in das Thal hinabschossen, legten sie sich

flach mit dem Bauch aufs Brett und nahmen die Hände als Ruder benützend

einen Anlauf, um über die vorne rollende Woge hinauf und durch den

schäumenden Kamm zu gelangen. Waren sie glücklich oben, so sprangen sie

auf die Knie oder auch wohl auf die Füsse und schwebten einen Augenblick

aufrecht über dem Wasser. Nicht immer gelang ihnen dies, und zuweilen

warfen sie um und verschwanden. Aber gleich waren sie wieder auf ihrem

Brett und glitten wieder über die See dahin. Mehrmals gingen sie noch

hinaus, um von Neuem ihr anmuthiges Spiel zu zeigen, bis wir genug hatten.

Die drei Dollars, welche die drei Brüder auf solche Weise verdienten,

schienen den gesammten Jungen von Hilo einen Impuls zu geben, sich

gleichfalls im Brandungschwimmen zu versuchen, und als wir gegen Abend

wieder an den Strand kamen, arbeiteten ihrer mehrere Dutzend mit Brettern

im Wasser herum, jedoch ohne etwas Nennenswerthes zu leisten. Die

schöne Sitte, an der sich früher Alles, auch das zarte Geschlecht nicht

ausgenommen, betheiligte, schwindet dahin wie die Hawaiier selbst.

Weiter gegen das östliche Ende der halbkreisförmigen Byron Bai, welches

das kleine Coconut-Inselchen markirt, da wo die Brandung weniger stark war,

wurde gefischt. Unter lautem Geschrei betheiligten sich Männer und Weiber

an diesem Geschäft. Die Männer mit kurzen Hemden bekleidet oder nackt

bis auf den niemals fehlenden Maro, die Weiber sammt ihren hellfarbigen,

prangend grünen und rothen Gewändern, wateten sie in grösseren

Gesellschaften den anrollenden Wellen, die ihnen jedesmal bis zu den

Hüften stiegen, entgegen und hielten grosse Netze horizontal ausgespannt

unter die Oberfläche des Wassers. Ich konnte jedoch nichts bemerken, was

einem gefangenen Fisch glich. Ein dicker Polizist mit Käpi, Messingschild

auf der Brust und einem Stock in der Rechten promenirte auf dem Strand und

schien die Aufsicht zu führen.

Unser Hapai, der sich zu der Rolle eines Vergnügungskommissärs berufen

fühlte, rieth uns, nach Tisch abermals an den Wailuku zu gehen, weil um

diese Zeit die höhere weibliche Schuljugend sich dort einzufinden und zu

baden pflege, und gerne folgten wir seinem angenehmen Vorschlag.

Der Badeplatz war noch leer. Drüben am anderen Ufer sassen dieselben

Frauenzimmer, die wir schon Vormittags gesehen hatten, noch immer im Wasser

und wuschen. Wir warteten nicht lange als wir über uns auf der Kante

jugendliche Stimmen hörten. Eine Schaar Mädchen von 14 bis 18 Jahren, in

hellen Gewändern und blumenbehangen, blickte herab, etwas enttäuscht und

betroffen über unsere Anwesenheit. Sie debattirten hin und her, kicherten

und zogen sich zurück, aber nur, um nach wenigen Minuten zwischen

den schwarzen Blöcken des Ufers wieder zu erscheinen, einen Steinwurf

unterhalb der Stelle, an der wir sassen.

Im Nu waren sie entkleidet und schwammen, ihr Bündel mit dem rechten

Arm hoch in die Luft haltend und das Gesicht von uns abgewandt, durch die

reissende Strömung nach der gegenüberliegenden Seite. Sie schienen in

Bezug auf ihre Kleider uns nicht zu trauen und hatten dabei vielleicht

nicht ganz Unrecht. Um die Exponirung ihrer Reize waren sie jedoch weniger

besorgt. Vollständig nackt sprangen sie glatt und geschmeidig von einem

Block zum andern, um oberhalb den Fluss nochmals zu kreuzen und zu unserem

Badetümpel zu gelangen. Hier sprangen sie von einem Felsen herab und

machten vorwärts und rückwärts Purzelbäume ins Wasser. Sie hatten

augenscheinlich die Absicht, uns mit ihren Künsten zu unterhalten,

was ihnen gewiss nicht übel gelang. Wir setzten uns nieder auf eine

natürliche Felsentribüne, drehten uns Zigaretten und klatschten Beifall,

während die liebenswürdigen Mädchen immer eifriger ihre Purzelbäume

zum Besten gaben. Es waren fast lauter üppige, verlockende Gestalten im

duftigen Reiz der eben vollendeten Formen, kleine bronzene Aphroditen,

für die moderne Kunst ohne die leiseste Idealisirung zu sinnlich

angekränkelten Statuetten verwendbar.

Auch eine von den Wäscherinnen drüben schwamm in ihrem Hemd herbei, um

sich vor uns zu produziren und ebenfalls Purzelbäume ins Wasser zu machen.

Bald merkte sie, dass sie im Hemd gegen ihre nackten Konkurrentinnen im

Nachtheil war und durchaus nicht denselben Beifall erntete. Sie liess es

fallen -- eine echte Tochter Evas. Noch mehr Weiber schwammen herbei,

auch manche ältere und unvermögend zu reizen, aber auch sie wollten sich

produziren und Purzelbäume machen, theils im Hemd theils ohne.

Schliesslich kam ein Kunststück, welches uns fast die Haare zu Berg trieb.

Unterhalb des Tümpels, vor dem wir sassen, theilt sich der Wailuku in

drei Arme, welche in enge aus mächtigen Lavablöcken gebildete Kanäle

eingezwängt, erst eine Strecke heftig dahinschiessen und dann als

zehn Meter hohe Wasserfälle frei in ein tieferes von steilen Wänden

umschlossenes Becken hinabstürzen. Mit Besorgniss sahen wir, wie die

Mädchen den gefährlichen Kanälen sich immer mehr näherten. Wir trauten

kaum unseren Augen, sie schienen gerade in die wildeste reissendste

Strömung zu steuern. Die Strömung ergriff sie und führte sie fort, sie

verschwanden. Entsetzt sprangen wir über die nächsten Blöcke, um, wie

wir fest glaubten, die Unvorsichtigen unten zerschmettern zu sehen. Aber

zu unserem Erstaunen tauchten sie wieder empor aus dem schäumenden Wasser,

riefen lachend uns zu, ihnen zu folgen, und kletterten gewandt an

den Wänden in die Höhe, um von Neuem das waghalsige Schauspiel zu

unternehmen. Spöttisch freuten sie sich, dass uns ihre Leistungen so sehr

imponirten.

»Ich wette, das wagen Sie doch nicht« neckte man mich, und unten winkte

gerade eine besonders verführerische kleine Sirene. Ich wettete, warf

meine Kleider ab und sprang in den Fluss, und eine Minute später hatte

ich etwas gewagt, was ich kurz vorher für Wahnsinn erklärt hätte.

Pfeilschnell riss es mich, auf dem Rücken, die Beine voraus, zwischen den

Felsblöcken durch. Ich plumpste hinab, es wurde dunkel, es wirbelte

mich ein paar mal im Kreise, aber leicht und rasch arbeitete ich mich aus

ziemlich beträchtlicher Tiefe an die Oberfläche empor. Zweimal machte

ich diese wilde Wasserfahrt, ohne jemals an eine der vielen Unebenheiten zu

stossen. Ich fühlte deutlich, wie der heftige Zug der Strömung gleichsam

federte über den scharfen Zacken, als ob sie gepolstert wären. Viel

schwieriger war es, aus dem Abgrund wieder zurückzuklettern, und kaum

würde ich den Weg gefunden haben, wenn nicht die braunen Genossinnen des

Bades mich geleitet hätten. Hapai der uns nachgegangen war, warnte mich,

dass schon mancher da drunten stecken geblieben und nicht wieder zum

Vorschein gekommen sei. Deshalb stand ich von weiteren Experimenten ab,

froh um eine interessante Erfahrung reicher zu sein.

Für den Abend hatte unser Hapai die nationale »Hula Hula« genannte

Tanzproduktion arrangirt. Zwei Tänzerinnen und drei Musikanten, alle

natürlich blumengeschmückt, erschienen im Salon des Hotels, und eine

Menge neugieriger Zuschauer folgte ihnen.

Der Hula Hula geniesst den Ruf, unter den vielen lasziven polynesischen

Tänzen der laszivste zu sein, und was ich davon, obgleich abgeschwächt

durch die dem Fremden gegenüber stets beobachtete grössere

Zurückhaltung, zu sehen bekam, schien mir dies wohl zu rechtfertigen.

Zuerst setzten sich die Tänzerinnen sowohl als auch die Musikanten mit

gekreuzten Beinen in zwei Reihen auf den Boden und erhoben einen gellenden

Wechselgesang, indem sie bald langsam und feierlich, bald rasch und

leidenschaftlich den Oberkörper und die Arme hin und her warfen und kleine

birnförmige Kalebassen die mit Steinchen gefüllt waren in den Händen

schüttelten, was einen heillosen rasselnden Lärm hervorbrachte. Die

Melodie, zwar ewig in zwei Sätzen wiederkehrend, war viel komplizirter als

die beim Haka der Maoris und beim Meke Meke der Vitis gehörten. Die zwei

Tänzerinnen trugen einen dem Hula Hula eigenthümlichen Schmuck um die

nackten Knöchel, bauschige Wülste aus dunklen Vogelfedern, zwischen

welchen Hundezähne befestigt waren. Sie hatten nicht den gewöhnlichen

langen losen Talar an, sondern eine Art Mieder und aufgeschürzte, um die

Taille gebundene Röcke. Ehemals beschränkte sich das Tanzkostüm auf

Blumenkränze in den Haaren und um die Brüste, auf die Knöchelwülste

und auf ein kurzes Röckchen, welches nur dazu diente, empor geschnellt zu

werden. Jetzt herrscht beim Hula Hula in der Regel ein höherer Grad

von Bekleidung bis zu jener höchsten Dezenz hinauf, welche Pluderhosen

vorschreibt. In vertrauten Kreisen soll allerdings die ursprüngliche

Einfachheit noch immer sehr beliebt sein.

Nach einiger Zeit sprangen die beiden Frauenzimmer auf und begannen nun

stehend, ohne ihre Plätze zu verändern, unter den nämlichen wilden

Geberden, unter dem nämlichen wilden Schreien und Rasseln höchst

unzüchtige Bewegungen mit dem Becken zu verüben. Immer hastiger und

erregter wurde ihr Toben, die Blumenkränze flogen zerrissen zu Boden, und

die braunen Zuschauer hinter unseren Stühlen geriethen in Begeisterung,

lachten laut und klatschten entzückt in die Hände und betheiligten sich

an dem Vergnügen, indem auch sie dieselben Hüftenbewegungen machten, so

weit es der dichtgedrängt volle Raum gestattete.

Nach mehrmaligen Pausen ging es immer in derselben Weise fort, die

Variationen schienen nur im Texte zu liegen, den wir nicht verstanden.

Einmal warfen sich die Musikanten, welche sitzen geblieben waren, auf

alle Viere nieder und führten in dieser Stellung wahrhaft bestialische

Zuckungen aus.

Wir hatten für die Tänzerinnen und Musikanten und für die zahlreichen

uneingeladenen Gäste Thee machen lassen, während wir selbst zu unseren

Spirituosen griffen, die wir von Honolulu mitgebracht, weil solche auf

Hawaii verboten sind. So kneipten wir eine Zeit lang miteinander während

immer mehr Neugierige kamen, zur grossen Entrüstung Hapais, der uns

bereden wollte, das ganze braune Publikum aus dem Hause zu jagen. Aber die

Kanakas waren so naiv liebenswürdig in ihrer Zudringlichkeit, dass wir

ihnen nicht böse sein konnten.

Als der Hula Hula vorüber war, fing draussen im Garten ein Rudel junger

Männer an, vierstimmige Lieder vorzutragen, die sie von den Missionären

gelernt hatten, und die mir wieder ein glänzendes Zeugniss ablegten von

der grossen musikalischen Begabung der Polynesier. Sie hörten schliesslich

gar nicht mehr auf zu singen, bis wir ihnen bedeuteten, dass es Zeit sei

schlafen zu gehen. Solange wir in Hilo waren, wiederholten sich jeden Abend

diese Konzerte.

Am nächsten Tag gingen wir aus, Pferde für die Kilaueapartie zu miethen.

Ein in Hilo ansässiger Engländer, an den wir Empfehlungen hatten, war uns

dazu behülflich. Fünfzehn Dollars ist der herkömmliche Preis für den

fünftägigen Ritt, wobei ausbedungen wird, dass im Fall des Verunglückens

eines der Thiere keine Entschädigung verlangt werden dürfe. Man brachte

uns etwa zwanzig Pferde und wir trafen unsere Wahl. Dann ritten wir, um

sie zu probiren, nach dem eine halbe Stunde entfernten Rainbow Fall. Der

Wailuku ergiesst sich dort 20 Meter tief in ein weites Becken. Der von

ihm emporgewirbelte Staubregen entwickelt im Glanz der Sonne und von

der entsprechenden Stelle aus gesehen jenes zarte Phänomen, dem die

Sehenswürdigkeit ihren Namen verdankt.

Nahe dem Wege stehen drei kleine kuppenförmige Hügel nebeneinander, mit

grüner Vegetation überzogen. Es sind zweifellos alte Vulkane, obwohl ich

nicht oben gewesen bin.

Reise durch den Stillen Ozean · 第 67 / 85 题