Gang der Reise. Abermals die schmähliche Knauserei der Pacific Mail
Steam Shipping Company. Der Obersteward und sein Servirreglement. Die
Aequatorkalmen. Die Passagiergesellschaft. Ausflüsse der Langweile.
Zwei Bonzen englischer Rasse.
Erst am frühen Morgen des 6. August erschien endlich die City of New York
die mich nach Honolulu bringen sollte. Sie hatte in Neuseeland an der Barre
von Port Chalmers wieder Schwierigkeiten und Aufenthalt gehabt. Daher die
Verspätung.
Ich verabschiedete mich von Herrn Kleinschmidt, dem ich so grossen Dank
schuldig war, nahm ein Boot und schiffte mich ein, was leichter und
schneller ging als ich in Anbetracht der vielen Passagiere, die mit Sack
und Pack von der Zealandia herüberwimmelten, erwartete. Meine sieben
Kisten wurden diesmal merkwürdiger Weise ohne jegliche Schikane
untergebracht. Bald darauf dampften wir aus der Angaloa Bai, die schönen
Palmenhaine und Wilden hinter uns lassend.
Wir gingen in einem weiten Bogen um die südöstliche Ecke der Vitigruppe
herum und nahmen dann einen nördlichen Kurs. Hie und da sah man links die
fernen Bergkonturen einer der Inseln. Zwischen Viti und Samoa zieht sich
die Datumgrenze des Stillen Ozeans hin. Da wir nach Osten also gegen die
Sonne fuhren, musste gleich hinter Viti ein Tag eingeschoben werden. Wir
zählten zweimal den 6. August, welcher ein Sonntag war.
Es hiess, der Kapitän beabsichtige durch die Samoagruppe zu steuern. Wind
und See wurden jedoch heftiger, so dass wir sie rechts liegen liessen. Am
Morgen des dritten Tages, als ich noch schlief, sollte ein Stück davon in
Sicht gewesen sein.
In der Nacht darauf passirten wir eine isolirte kleine Insel, welche die
Offiziere Swains Island nannten, und auf welcher man ein Feuer bemerkt
haben wollte. Dieses Feuer erwärmte die Phantasie der müssigen Passagiere
zu den fabelhaftesten Geschichten. Selbstverständlich war das Inselchen
von gräulichen Kannibalen bewohnt. Durch das Feuer dachten sie uns
vielleicht zum Scheitern zu verlocken. Andere glaubten, dass dort ein
Kriegstanz aufgeführt worden sei, und wieder Andere hatten vielleicht
einen Menschen braten sehen. Von nun an bis Honolulu erblickten wir nicht
die Spur eines Landes mehr, obwohl wir die Inselschaar Polynesiens mitten
durchkreuzten.
Am 11. August hatten wir Mittags 48 Minuten nördlicher Breite. Wir hatten
somit den Aequator kurz zuvor überschritten. Am 14. August stand die
Mittagssonne ungefähr senkrecht über uns, und am Abend vor unserer
Ankunft in Honolulu sah ich meinen alten nordischen Freund, den grossen
Bären, wieder.
Die City of New York machte im Anfang einen besseren Eindruck als ihre
vollständig gleichgebaute Schwester die City of San Francisco, mit der
ich von Auckland gekommen war, vielleicht blos deshalb, weil keine Mongolen
sondern Weisse und Neger sowie Mischlinge beider in der Kajüte bedienten.
Es dauerte indessen nicht lange, bis auch hier aus allen Dingen die
kleinliche Sparsamkeit der Pacific Mail Steam Shipping Company guckte,
welche auf der australischen Linie schlechte Geschäfte macht.
Das Matrosenvolk zählte kaum zwanzig Köpfe und bestand nur aus Chinesen,
die mit einem eigenthümlich schrillen Geheul und mit nervöser Hast an
den Tauen rissen. Es scheint etwas Unruhiges und Zappeliges in der
Mongolennatur zu liegen. Die Heizer waren natürlich auch nur Chinesen,
lauter echte, niederträchtig hässliche Sklavengestalten. Diese Mongolen
mögen ganz brauchbare Lastthiere sein, als Matrosen aber erwecken sie kein
Vertrauen. Im Fall eines Unglücks werden sie sich stets als feiges, jeder
Ehre und jeden Pflichtgefühls baares Gesindel zeigen, was erst unlängst
die Strandung eines Dampfers der Pacific Mail an der peruanischen Küste
glänzend bewiesen hat.
Die Mahlzeiten waren eben so schlecht und ungenügend wie auf der City
of San Francisco. Auch hier beherrschten die kleinen amerikanischen
Schüsselchen mit lauter Nichtschen darauf das Menü. Man erreichte
sein Verlangen den gesunden Seeappetit zu stillen nur selten. Die ganze
Gesellschaft blickte auch hier oft gierig Tafel auf Tafel ab, wo noch etwas
zu erhaschen sein möchte, und feindliche Gesinnungen entwickelten sich in
diesem Kampf ums Dasein.
Es wurde kein Eis zum Getränk verabreicht. Wir mussten mit warmem, nicht
selten unfiltrirtem, trübem und rostigem Wasser dem mit steigender
Hitze anwachsenden Durst gerecht zu werden suchen. Um diese schmähliche
Knauserei in der Verpflegung, die sich »erster Klasse« nannte und auf
den Programmen der Agenten bombastisch gepriesen wurde, gebührend zu
würdigen, ist zu betonen, dass wir unter amerikanischer Flagge fuhren, und
dass nach amerikanischen Begriffen Eis zu den gewöhnlichsten Bedürfnissen
selbst des Aermsten gehört. Ich glaube nicht, dass durch solch peinliches
Sparsystem die Verluste der Kompagnie merklich erleichtert wurden. Ich
wünsche ihr im Interesse des Verkehrs alles mögliche Gute. Aber eine
volle Passagierzahl möchte ich ihr niemals wünschen. Dies wäre inhuman.
Obgleich noch etwa ein Viertel der Kabinen unbesetzt war, hatten wir schon
genug an Raumbeschränkung zu leiden.
Wie ganz anders ist es dagegen auf den Atlantischen Postdampfern, mit denen
sich diese Pacifischen überhaupt in keiner Weise vergleichen lassen. Wir
legten niemals 300 Seemeilen in einem Tage zurück trotz des günstigsten
Wetters, und was wir durch den Passat an Segelkraft gewannen, wurde gleich
wieder an den Kohlen gespart. In den Kalmen machte sich das bedeutende
Obergewicht des hoch aus dem Wasser ragenden Schiffes empfindlich geltend,
indem es scheinbar ganz unmotivirt niemals aus einem langweiligen trägen
Hin- und Herrollen kam, so dass es viel Seekrankheit gab bei einer so
ruhigen glatten See, wie man sie auf dem Nordatlantik selbst im Sommer
selten sieht. Eine Winterfahrt in jenen rauhen Gewässern würde unser
Steamer wohl kaum mit heiler Haut überstanden haben.
Wenn auch die weissen, halbweissen und schwarzen Aufwärter im Salon nichts
an Diensteifer zu wünschen liessen, so war doch niemals Ordnung und System
bei Tisch. Der ganze Salon war voll, und Streitigkeiten um die Plätze
hörten mehrere Tage nicht auf. Der Obersteward, ein brutaler tyrannischer
Quarderone, that was er wollte. Er kujonirte seine Untergebenen in der
schauderhaftesten Weise, ohne den Passagieren damit zu nützen, und hatte
ein raffinirt militärisches Reglement des Servirens eingeführt, welches
jedoch nur durch seine komische Seite uns zu Gute kam.
Alle Bewegungen des Personals wurden durch Glockenschläge dirigirt. In der
Mitte des Buffets stand wüthend die Augen rollend der Feldherr und
lenkte die Schlacht. Erster Glockenschlag -- die Aufwärter ergreifen
jene ominöse Menge von Schüsselchen und stellen sich in zwei Reihen auf.
Zweiter Glockenschlag -- sie setzen sich in Bewegung und marschiren jeder
an seinen Tisch. Dritter Glockenschlag -- sie beugen sich vor und erwarten
ängstlich schwitzend den vierten Glockenschlag -- der ihnen gestattet,
sich ihrer Last zu entledigen. Die Theilung der letzten zwei Momente durch
eine längere Pause war ein sehr beliebter Scherz jenes Viertelsnegers, und
gewöhnlich schüttelten uns dabei die durch die unbequeme Stellung, das
Rollen des Schiffes und die Hitze gequälten Opfer seiner Laune einen
förmlichen Schweissregen in unsere Teller. Was für elende Subjekte
mussten diese Stewards sein, dass sie sich Solches gefallen liessen.
Wir hatten Viti unter Regen und drückender Treibhausschwüle verlassen,
dann waren einige schöne, lachende Passattage gekommen, und jetzt unter
der Linie litten wir abermals an unerträglicher Hitze und Dunstigkeit.
Bleifarbene Wolken bedeckten den Himmel, und bleifarben wogte schwerfällig
die See. Das Schiff hörte niemals zu rollen auf, und öffnete man im
Salon ein Fenster, flugs leckte gurgelnd eine Welle herein, begoss die
Nächstsitzenden und nöthigte die Ladies zu einem Schrei des Entsetzens.
Nie ist mir das Reisen saurer geworden als damals.
Nicht einmal die Wohlthat eines erquickenden Bades konnte man auf dieser
City of New York geniessen. Die Badezimmer empfingen von dem hinter ihnen
durchgehenden Maschinenraum so viel Hitze, dass sie unübertreffliche
Schwitzkästen waren. Die einzige Möglichkeit sich abzukühlen bestand
darin, dass man vorn an der äussersten Spitze des Deckes den Wind, welchen
die Fahrt des Schiffes selbst erregte, an sich heraufströmen liess.
Dort fehlte es auch sonst nicht an allerlei Unterhaltung. Jede Minute
scheuchten wir fliegende Fische auf, die rechts und links aus dem Wasser
emporschwirrten und über die nächsten Wellen undulirend dahinflogen,
stets in der Haltung eines Vogels, der sich niedersetzen will und um den
Flug zu hemmen die Flügel nach vorne stemmt. Oder es kamen lange Züge
von Tümmlern herangewälzt, begleiteten ein paar Stunden das Schiff und
setzten dann wieder ihre ursprüngliche Richtung weiter.
Ich that einen glücklichen Griff, indem ich mir statt einer der
überfüllten aber nobleren Kabinen unten im Salon die vorderste oben
gleich neben der Küche und den Vieh- und Hühnerställen geben liess, und
zwar rechts auf der Windseite. Es waren sechs Kojen darin, ich bekam aber
nur einen einzigen Genossen, einen jungen Kaufmann aus Levuka, der die
unschätzbaren Vorzüge hatte, des Morgens die Kabine sofort für den
ganzen Tag zu verlassen, nicht seekrank zu sein und nicht einmal zu
schnarchen. An Ventilation war hier kein Mangel. Der frische Passat
strömte direkt zur Thüre und zu den Fenstern herein, so heftig, dass
Handtücher und Vorhänge wild zu flattern begannen, wenn man sie öffnete.
Und während die Passagiere der Leeseite und der unteren Kabinen rathlos
schwitzten oder auch die Nächte auf Deck zubrachten, hatten wir stets den
schönsten kühlenden Luftzug, wenn wir im Bett lagen. Ich hatte diesen
Raum gewählt, um ungestört arbeiten zu können. Aber die besten Vorsätze
mussten an den Schwierigkeiten der Umstände scheitern. Der Waschtisch mit
den zwei hohlen Waschbecken war ein sehr unbequemes Schreibpult, und das
mühselig angefertigte Manuskript fiel häufig ins Waschwasser oder flog
nach allen Richtungen auseinander, sowie die Thüre aufging.
Als die äquatorialen Stillen kamen, machte sich allerdings die Nähe
des lebenden Proviants und anderer Dinge empfindlich bemerkbar. Von links
stanken die Ochsen und Schafe, von der Front das Geflügel, von rechts
die Küche und von allen Seiten die Chinesen, die Zwischendecker und
die Maschine. Die Chinesen hatten hier nicht ihr eigenes Logis, sondern
schliefen vorne neben den Ankerketten in Hängematten oder auf dem Boden.
Den ganzen Tag lagen dort ihre nackten, ausgemergelten, leichenartigen
Körper herum. Ein mitleiderregendes Schauspiel boten die nicht oft genug
gereinigten Käfige der Hühner, Enten, Gänse und Puter, die am stärksten
von der Hitze litten, und es war kläglich anzusehen, wie sie eng zusammen
gesperrt nach den Gittern drängten um Luft zu schnappen.
Deutsche Landsleute fehlen bekanntlich nirgends auf der Erde. Ich fand mich
bald mit einem solchen, welcher zugleich Kollege war, zusammen. Er hatte
auf den Philippinen als Augenarzt praktizirt und ging nun nach Peru, wo
er in Goldminen interessirt war. Wir beide und zwei Franzosen, die von
Neukaledonien kamen, bildeten eine intimere Tischgesellschaft zum Kampf ums
Dasein gegen die Nachbarn. Auch im Waitemata Hotel zu Auckland hatte ich
vorzugsweise mit zwei Franzosen verkehrt. Trotz der politischen, künstlich
gemachten Gegensätze werden eben Deutsche und Franzosen sich von
einander stets in höherem Grade angezogen fühlen als von den wenig
liebenswürdigen Engländern, der steifsten exklusivsten Rasse der Erde.
Dreht einem nicht schon jeder kleine englische Balg, den man ob seiner
Wohlgestalt freundlich betrachtet, kaum dass er krabbeln kann, hochmüthig
und naserümpfend den winzigen Hintern zu, als ob er sagen wollte:
»Du bist mir nicht vorgestellt«. Die beiden Franzosen waren recht
liebenswürdige Leute, aber entsetzlich ungelehrt und voller naiver Fragen.
Wenn sie wissbegierig wurden, wurden sie unangenehm. Denn sie wussten
von Gottes grosser Welt schauderhaft wenig. Warum das Englische anders
ausgesprochen werde, als das Französische, warum es hier wärmer sei als
in Paris, warum man das Seewasser nicht trinken könne, solche und andere
Dinge mehr gaben sie uns zu beantworten. Sie verstanden fast kein Wort
Englisch, hatten auch wohl nicht übermässig viel Geld auszugeben und
wollten allein durch Amerika reisen. Wie es ihnen dort wohl ergangen sein
mag.
Fünf junge Engländer, die ich später noch näher kennen lernen sollte,
da sie gleichfalls einen Monat auf Hawaii zuzubringen und den Krater
Kilauea zu besuchen gedachten, liessen sich aus Langweile von dem Bootsmann
britische Flaggen auf die Vorderarme tätowiren und bekamen in Folge dessen
eine starke Entzündung der betreffenden Hautpartien. Noch lange eiterten
und schmerzten die wehenden Banner, und ich selbst hatte in der Folge, als
ich ihr Reisegefährte nach dem Kilauea wurde, darunter zu leiden, indem
sie gepeinigt auf den Bootsmann der City of New York schimpften und
übler Laune waren. Man ergreift eben auf See jede noch so geringfügige
Gelegenheit sich zu beschäftigen. Ich verlegte mich darauf, meinen Körper
mehrmals täglich Gewichtsbestimmungen auf der Brückenwage im Gepäckraum
zu unterziehen, und hatte die Freude zu konstatiren, dass mein Gewicht
trotz des fürchterlichen Schwitzens und trotz der mageren Salonkost auf
der zwölftägigen Reise um zwei Pfund zunahm. Mein Aufenthalt in Kandavu
mochte mich allerdings um viel mehr leichter gemacht haben.
Auch eine wandernde Konzertgesellschaft aus Kalifornien hatten wir an Bord,
welche öfter als mir lieb war oben in der Social Hall eine Produktion zum
besten gab. Es wurde Piano gespielt und gesungen, trompetirt und gegeigt.
Wir anderen aber sassen herum und schwitzten.
Zuweilen war es interessant und unterhaltend, das Benehmen von Personen
zu beobachten, die an jenem leichtesten Grad von Seekrankheit, der sich in
einem gewissen Stumpfsinn äussert, litten. Da liegt zum Beispiel Einer den
ganzen Tag regungslos in seinem Streckstuhl. Nur von Zeit zu Zeit erwacht
auf einmal der Thätigkeitstrieb in ihm, er springt auf, aber gleich wirft
er sich wieder in seinen früheren Zustand, sobald er merkt, dass das
Schiff noch immer schaukelt. Ein Anderer wandert beständig mit einem
Buch unterm Arm herum, von seiner Kabine auf Deck, von Deck nach dem
Salon hinunter, nach der Social Hall, nach dem Rauchzimmer, nach der
Seitengallerie, nach vorne und nach hinten, setzt sich hierhin und setzt
sich dorthin, ohne zur Ruhe und zum Lesen zu gelangen. Man fragt sich
dutzendmal, ob Vormittag oder Nachmittag sei und was jetzt nächstens für
eine Mahlzeit käme, und hat es nach einer Viertelstunde wieder vergessen.
Die Langweile wäre unerträglich geworden, wenn wir nicht zwei Reverends
mit unter den Passagieren gehabt hätten, die sich beständig zankten.
Gleich der erste Tag der Reise, jener durch die profane Institution des
Datumwechsels in zwei gespaltene, Vielen unbegreifliche Sonntag, gab
Veranlassung zu einem sehr amüsanten frommen Disput zwischen den beiden
Gesalbten des Herrn. Der eine behauptete, der erste Sonntag sei der
richtige und durch Gottesdienst zu feiern, der andere behauptete dies von
dem zweiten, und schliesslich einigten sie sich dahin, dass jeder an dem
von ihm verfochtenen Sabath predigte und vorbetete.
Reverend Mister Shark, wie der Verfechter des zweiten Sabaths hiess, ein
schlauer, magerer Yankee, entpuppte sich übrigens im weiteren Verlauf der
Reise als räudiges Schaf der episkopalen Kirche, dem es nur darum zu thun
gewesen war, seinen alten englischen Kollegen, welcher die Würde eines
Deacon besass, zu ärgern. Reverend Mister Shark hatte sich schon lange
von der Frömmigkeit ab und einem lukrativeren Berufe zugewendet. Er war
Wanderprofessor geworden und zog von Land zu Land, um Vorlesungen über
drei oder vier historische Gegenstände zu halten, zu welchen er grosse
farbige Illustrationen besass. Damit machte der smarte Yankee eine Menge
Geld und stand sich sehr wohl dabei ohne viel Mühe zu haben, nachdem
die vier Vorlesungen einmal gründlich eingepauckt waren. Um sonstige
Wissenschaften schien er sich nicht sonderlich zu kümmern. Er frug mich
einmal sehr verwundert, wie es möglich sei, dass wir den senkrechten Stand
der Sonne später passirten als den Aequator.
Der Andere aber war ein Bonze vom reinsten Wasser und zugleich ein
höchst komischer Kauz, eine Figur, wie sie nur das raffinirte Muckerthum
englischer Rasse hervorzubringen vermag. Ewig schwebte ein gottbeseligtes,
wehmüthiges Lächeln auf den dicksinnlichen Lippen des kurzen und fetten,
glattrasirten und glattgescheitelten Männchens. Wenn ihn ein gesundes
Lachen anwandelte, wozu er viel natürliche Neigung hatte, kämpfte sein
angenommener Ernst, der solch weltliche Heiterkeit verbot, gewaltsam
dagegen, und eine unübertrefflich süsssaure Grimasse kam zum Vorschein.
Aus lauter christlicher Demuth hielt er den Kopf stets auf die eine Seite
geneigt, und unermüdlich war er darauf bedacht, durch Miene und Benehmen
die natürliche Einfalt seiner Gesichtszüge noch zu vermehren.
Er hatte eine lange und kräftige und robuste, eckige und majestätische
Ehehälfte bei sich, die ihn kommandirte. Sie war der Typus einer bösen
Sieben und übertraf ihn weit an Schulterbreite und Höhe. Ohne sie war er
ein hilfloser Greis, nicht etwa an Jahren, sondern aus lauter christlicher
Demuth. Sie schleppte ihn täglich mit langen Schritten, so dass er
kaum folgen konnte, über Deck auf und ab, sie drückte ihn in seinen
amerikanischen Streckstuhl, wenn sie dessen müde war, riss ihn wieder
empor und führte ihn zu Tisch, wenn das Gong erschallte. Er gehorchte
mechanisch und lautlos. Wo sie ihn hinwarf, da blieb er sitzen. Um sich die
Reisemütze aufs Haupt zu stülpen brauchte er immer beide Hände, während
die junonische Gattin ihn festhielt und vielleicht noch mit einem derben
Schlag auf den Deckel nachhalf.
Nur beim Essen entwickelte er eine grössere Selbständigkeit und
Gewandtheit. Juno durchbohrte die Stewards mit giftigen widerstandslosen
Augen und herrschte sie an, falls sie ihren Gemahl vernachlässigten. Er
aber ass und ass und lächelte wehmüthig dabei über seine menschliche
Schwäche und faltete wie zum Gebet die Hände, wenn er wieder mit einer
Schüssel fertig war. Ein Lieblingsthema seiner Predigten -- er predigte
beinahe jeden Abend nach dem Konzert -- handelte von der wahren Philosophie
des Christenthums, welche über den Tod triumphire. Ich möchte den
gefrässigen Bonzen in einem gegebenen Fall gesehen haben, wie schnell
er sich alle erreichbaren Rettungsgürtel umgeschnallt hätte, statt erst
lange über den Tod zu triumphiren.
Er würde gewiss sich unschätzbare Verdienste um unser aller Seelenheil
erworben haben, wenn nicht sein Widersacher, der böse Reverend Mister
Shark, unablässig darauf bedacht gewesen wäre, ihm zu widersprechen
und ihn zu ärgern, wobei er immer, weniger redegewandt als dieser, den
Kürzeren zog. Zuweilen legte sich dann zornglühend die herrschsüchtige
Juno ins Mittel, aber auch sie hatte gegen den aalglatten gewandten Yankee,
der ihr stets mit der grössten Artigkeit begegnete, keinen Erfolg. Die
Partei des dicken Deakon nahm immer mehr ab, die des smarten Yankee
immer mehr zu, und an den letzten Abenden vor unserer Ankunft in Honolulu
besuchten nur mehr ein paar alte Damen männlichen und weiblichen
Geschlechts die Andachtsübungen des hochehrwürdigen Deakon.
Wie gesagt, ohne die zwei Pfaffen wäre es recht langweilig gewesen
an Bord, und wohl alle die Reisegefährten von damals werden sie nie
vergessen, sondern in dankbarem Andenken bewahren.