LETZTE TAGE AUF KANDAVU.

Mit dem Kutter nach Namalatta. Ein kleiner Albino. Festgäste von

Tavuki. Wieder im Hotel zu Wailevu. Packerei und Einkäufe. Der

Regierungshäuptling. Ankunft der Zealandia und Gerichtsverhandlung.

Das Inselchen Angaloa.

Meine Tage in Gavatina waren gezählt. Ich musste an den Abschied denken

und einpacken. Am 4. August sollte der Dampfer von Neuseeland, er konnte

aber auch früher kommen, und um ihn nicht zu versäumen, war es gerathen

schon vom zweiten an in Wailevu auf ihn zu warten.

Herr Kleinschmidt gab mir das Geleite dorthin. Der Kutter brachte uns

zunächst wieder in die Namalatta-Bucht. Auf dieser langweiligen Fahrt, die

durch widrigen Wind und durch die von den Korallenriffen auferlegten Umwege

beinahe einen ganzen Tag in Anspruch nahm, sah ich zum ersten mal eine

Schildkröte im Wasser schwimmen und schlafen. Nur die Schnabelspitze und

der oberste Theil ihres Rückenschildes ragten daraus hervor. Sie wachte

gerade noch rechtzeitig auf um den gierigen Nachstellungen unserer Burschen

zu entgehen. Ein Ruck, und sie war verschwunden. Bald darauf sah ich

auch meinen ersten kleinen Walfisch in diesen Gewässern. Es war ein sehr

lustiger Walfisch, der sich damit amüsirte, aus dem Wasser in die Höhe

zu schnalzen, so nahe unserem Kutter, dass wir die von dem ungeschlachten

Thier erregten Wellen fühlten.

Während Niketi über Land nach Wailevu geschickt wurde um ein grösseres

Boot entgegenzubringen, sah ich mir die Ortschaft Namalatta an. Sie bot

nichts aussergewöhnlich Merkwürdiges. Ein grosses Doppelkanuu mit einem

Häuschen darauf lag am Strande. Vor einigen Hütten waren noch ganz

frische Töpferwaaren zum Trocknen ausgebreitet. Ich konnte indess keine

Lehmgrube entdecken, aus welcher das Material dazu stammte. Unter den

Kindern, die mir auf Schritt und Tritt folgten wohin ich ging, befanden

sich mehrere, welche Leinwandbinden an beiden Oberarmen trugen. Der Doktor

war erst kürzlich hier gewesen und hatte sie geimpft. Unter ihnen sah ich

einen kleinen Albino, dessen rosenfarbige Haut, blonde Haare, bläuliche

Augen mit entzündeten Lidern und skrophulös gedunsene Lippen eben so gut

einem deutschen Bauernjungen angehören konnten. Es war aber ein echter

Viti, wie ich in Wailevu auf meine Nachfrage erfuhr. Er schien ganz

besonders furchtsam zu sein, und es gelang mir nicht seiner zu näherer

Betrachtung habhaft zu werden. Die anderen Jungen versuchten zwar, ihn mir

zu Liebe festzuhalten, wobei sie beständig »Papalang lailai« (kleiner

Europäer) schrieen. Aber er riss immer wieder aus. Später auf Hawaii habe

ich ganz denselben germanischen Typus bei einem albinen Kanaka beobachtet.

Das Boot liess lange auf sich warten, und der Abend brach herein ehe

es kam. Als wir noch immer am Strande ungeduldig die Rückkehr unseres

Abgesandten erwarteten, erschienen um die linke Ecke der Bucht mehrere

Kanuus mit festlich geschmückten Eingeborenen. Heute war zu Tavuki die

Ueberreichung des Zehnten an die Missionäre vor sich gegangen und durch

ein grosses Meke Meke gefeiert worden. Es sollten hundert Tänzer daran

Theil genommen haben. Dieses Meke Meke war aber gewiss lange nicht so

schön und echt gewesen, wie jenes, dem ich vor vierzehn Tagen zu Go

Kandavu beigewohnt hatte. Denn vor den frommen Missionären durfte nur in

züchtiger Gewandung getanzt werden, ein geschmackloser Anachronismus. Bald

sah ich auch einige äffisch geputzte Frauenzimmer den Kanuus entsteigen.

Männliche Wilde in europäischer Tracht sehen nicht übel aus. Weiber aber

in gestärkten Unterröcken, wie ich deren hier sehen musste, haben etwas

so widerlich Affenartiges an sich, dass selbst die schönste Gestalt

unerträglich wird. Zur Frömmigkeit scheint eben immer ein gewisser

Grad von Hässlichkeit zu gehören. Glücklicherweise können nur wenige

Insulanerinnen sich den Luxus von gestärkten Unterröcken erlauben, und

es war hier das einzige mal, dass ich deren gleich mehrere sah. Die

Frauenzimmer gehörten zur Familie des Oberhäuptlings in Wailevu. Die

Männer hatten sich, um möglichst schlau und verwegen auszusehen,

die Gesichter geschwärzt. Sie machten damit keinen besonders

vertrauenerweckenden Eindruck, waren aber sehr zahm und fürchteten sich

vor mir, da es dunkel wurde. Die meisten Vitis fürchten sich in der

Dunkelheit.

Es war bereits Nacht, als endlich das Boot von der anderen Seite gemeldet

wurde, und wir trugen unser Gepäck hinüber. Der Vollmond war aufgegangen,

und unendlich schön wogten in seinem Licht die Palmen des Isthmus

Yarambali. Unten aber in den schwarzen Dickichten des Buschwerks zogen

einsame Leuchtkäfer ihre funkelnden Kreise, schnell erlöschend, sobald

sie das helle Gebiet des Mondes betraten.

Als wir das schwerbeladene Boot über die Sandbänke der Angaloa Bai

schoben, leistete einer unserer Burschen ein Kunststück, welches alle

Achtung verdient. Er blieb plötzlich stehen, tastete mit dem Fusse auf dem

Grunde herum, hob ihn auf und brachte einen Sohlfisch zum Vorschein, den er

mit den Zehen gefangen hatte. Da er hungrig sein mochte, verzehrte er ihn

sofort sammt den Gedärmen. Eine Stunde später erreichten wir unser Ziel.

So war ich denn wieder im Hotel zu Wailevu, diesmal um definitiv Abschied

zu nehmen von dem fröhlichen, glücklichen, nackten Insulanergesindel.

Wieder besuchte ich den Doktor und sass bei Laternenschein in seinem

windigen Studirzimmer. Leider war ihm mittlerweile sein köstlicher

Rheinwein ausgegangen. Wieder sah ich Charly und den anderen Landsmann

und die ganze übrige versoffene Bande, sah auch die drei verunglückten

Seeleute wieder, welche auf Rechnung des amerikanischen Konsuls von Levuka

nach San Francisco gebracht werden sollten, und der Mexikaner hatte sich

mit dem Wirth versöhnt und spielte wieder seine internationale Musik auf

allen Thüren und Holzwänden. Nur den alten Bonner Studenten und jetzigen

Polizeisergeanten sah ich nicht wieder. Denn er hatte sich gestern mit

einem Freunde geprügelt und lag mit verschwollenem blauem Gesicht zu Hause

im Bett.

Der lästigen Pflicht des Einpackens genügend hätte ich es beinahe

ernstlich mit der braunen Stubenmagd verdorben. Die vielen nicht sehr

reinlichen und geruchlosen Naturalien, die ich in meinem Zimmer ausbreitete

um sie zu ordnen und in Kisten zu vertheilen, erregten ihr grosses

Missfallen, und jedesmal so oft sie mit der Suluka im breiten Maul eintrat

und den Platz immer noch nicht für ihre Arbeit frei fand, blitzte sie

mir tadelnde Blicke aus ihrem stupiden Antlitz zu, zog sich zurück und

schimpfte.

Bald war das Hotel wieder eben so voll von Betrunkenen wie bei meinen

früheren Besuchen und bot zuweilen Szenen dar, als ob es ein Narrenhaus

wäre. Unter den Betrunkenen befanden sich zwei Mischlinge, deren einer

in der englischen Midshipman-Uniform steckte. Den Vollbluteingeborenen

geistige Getränke zu verabreichen ist von der Regierung wohlweislich

strenge verboten, und die Ganzwilden sind in der Regel nüchtern. Eine

Beimischung weissen Blutes scheint hiervon zu dispensiren. Der Midshipman

gehörte zur Besatzung des Vermessungsschooners und war mit einem älteren

Matrosen herübergekommen, um auf Briefe zu warten. Der Andere, ein

schöner und stattlicher Mann, gerieth mit dem verunglückten Norweger in

Streit und forderte ihn zu einem Fight heraus. Dieser aber zog sich feige

zurück, indem er behauptete, es sei unter seiner Würde, mit einem Nigger

loszugehen. Sich von ihm treaten zu lassen hatte er nicht unter seiner

Würde gehalten. Es war nun komisch aber keineswegs vortheilhaft für

den Weissen zu beobachten, wie der ritterliche Halbwilde todesmuthig und

unermüdlich vor dem Hotel seine Herausforderung wiederholte, und wie sein

Gegner, der Norweger, der es nicht mehr wagte ins Freie zu treten, ihn

durchs Fenster hartnäckig für einen Nigger und satisfaktionsunfähig

erklärte.

Der Levukadampfer erschien und warf Wailevu gegenüber Anker. Auch auf ihm

gab es eine grosse Zecherei, wobei es so lustig herging, dass am anderen

Morgen im Salon eine kleine Ueberschwemmung angerichtet und Spiegel und

Fenster zerschlagen waren. Offiziere und Passagiere hatten sich erst damit

amüsirt, durch das Decklicht Wasser auf die Untensitzenden zu giessen und

schliesslich sich ein wenig geprügelt.

Bei jenem Kaufmann, der damals in Dalingele beinahe ertrunken wäre, machte

ich noch einige Einkäufe. Er hatte seinen Laubhüttenladen mit allen

möglichen Vitimerkwürdigkeiten für die von den Dampfern zu erwartenden

Fremden kompletirt. Namentlich fiel mir eine Menge verschiedenst

gestalteter Keulen auf. Die Eingeborenen müssen diesen Artikel ehemals in

ungeheurer Anzahl produzirt haben, da es davon noch so viel giebt. Er hatte

auch Photographien von Insulanern, die in Levuka gefertigt waren. Leider

fand ich darunter nur wenige gute und typische.

Ich lernte den Regierungshäuptling der Insel kennen, einen Mann in

den Vierzigen mit grauem Schnurrbart, Wangen und Kinn rasirt. Ein

blaugestreiftes feines Hemd und ein dunkel gemusterter Sulu aus Tapa

waren seine Bekleidung. Als weitere Konzession an die Kultur trug er einen

Papierkragen um den Hals. Die Beine und Füsse waren nackt wie bei allen

Anderen. Man sagte ihm, dass ich derselbe sei, der seinen Freund in

Dalingele, den alten Häuptling von der Rewa, behandelt habe, und zum

Zeichen seiner Anerkennung hierfür schenkte er mir ein Stück zartester

weisser Tapa, welches lose geschürzt um seine Schultern hing. Er hatte

ein Frauenzimmer bei sich, eine Tonganerin, deren Kostüm eine wunderbar

effektvolle Farbenzusammenstellung zeigte. Die eigenthümlich gelbbraune

Haut der Büste und der blossen Arme und Beine, das Haar hellglänzend

gelb von hineinfrisirtem Kalk, das hellblaue Busenhemdchen und der

frischgewaschene weisse Sulu mit schwarzem Franzengürtel um die Hüften

machten sie zu einer äusserst malerischen Erscheinung. Wenn doch einer

unserer modernen Farbenvirtuosen zugegen gewesen wäre diese weichen

harmonisch gestimmten Töne festzuhalten.

Auch einen weissen Herrn aus Levuka lernte ich kennen, der viel in

Inselpolitik zu machen schien. Man sollte kaum glauben, welche Menge von

politischer Leidenschaft auf dem kleinsten Fleckchen Erde ihr Spiel

treibt. Jener weisse Herr war ein wüthender Gegner des Gouverneurs und der

Missionäre. Ich weiss nicht mehr Alles, was er mir erzählte. Einiges

aber war so interessant, dass ich es behielt. Er behauptete, was ich indess

schon öfters gehört hatte, England habe die Kolonie nur widerwillig und

gezwungen durch die ewigen Streitigkeiten zwischen den Europäern und dem

König Thakombau an sich genommen und wäre froh, sie wieder los zu sein,

Viti habe bisher blos schweres Geld gekostet, ohne einen erheblichen Nutzen

zu bringen.

Das Kolonisiren scheint jetzt überhaupt schwieriger zu sein als früher.

Früher kümmerte man sich nicht viel um die Rücksichten der Humanität,

und die Geschichte wohl jeder Kolonie beginnt mit Gewaltakten und

Unterdrückung der Rechte der Eingeborenen. Seitdem die mächtig gewordene

öffentliche Meinung laut ihre Stimme zu Gunsten der Menschlichkeit erhebt,

seitdem man gezwungen ist, die Landkäufe und die Beschaffung von Arbeit

auf ehrliche Weise abzumachen, rentirt sich das Anlegen neuer Plantagen

nicht mehr wie früher, und nur auf jenen Inseln der Südsee steht der

Handel in höherer Blüthe, auf denen der Kuli-Import noch in der Stille

und unkontrolirt fortgetrieben werden kann.

Es ist eine interessante Erscheinung dort, dass die Eingeborenen auf ihren

eigenen Inseln sich weigern, mehr als das Nöthigste zu arbeiten, dass sie

aber als Kulis auf fremde Inseln versetzt, ganz gute fleissige Arbeiter

werden.

Verwandt mit dieser Thatsache dürfte jene andere sein, dass auch der

deutsche Handwerker, aus seinem heimathlichen Schlendrian in das frischere

amerikanische Medium versetzt, nicht mehr billig und schlecht, sondern

ausgezeichnet und jeglicher Konkurrenz gewachsen produzirt. Er bringt die

besten Anlagen mit sich auf die Welt, aber im Sumpfe der Alltäglichkeit

und des Herkömmlichen bleiben sie unentwickelt, die Zünftigkeit äussert

ihren nivellirenden Einfluss und hält jede freiere Regung zum Besseren

nieder. Gleichwie in der Entstehung der Arten, so spielt auch in der

Kulturgeschichte der Menschheit Isolirung eine wichtige Rolle. Und erst

wenn das Experiment der Isolirung zur Genüge angestellt ist, wird man im

Stande sein, zu entscheiden, wie viel Berechtigung in dem oft gebrauchten

Schlagwort von der Kulturunfähigkeit der sogenannten niedern Rassen

steckt.

Die Zealandia kam pünktlich zur bestimmten Zeit von Sydney her

eingelaufen. Schaarenweise ergossen sich die Passagiere ans Land. Jetzt

wars aus mit der schönen Idylle. Glatt geschniegelte Gentlemen und

geschminkte Ladies wohin man blickte. Auch der Kapitän, ein dicker

kurzer aber sehr gravitätischer Herr, erschien in voller Uniform, einen

Regenschirm unterm Arm, so dass er aussah wie der Amiral Suisse. Leider

erfuhr ich die Veranlassung seines pompösen Auftretens zu spät, als sie

bereits vorüber war. Es fand nämlich eine Gerichtsverhandlung gegen ihn

und den Agenten statt. Er war beschuldigt auf einer früheren Fahrt

mehrere Insulaner von Kandavu zur Ergänzung seiner theilweise desertirten

Mannschaft nach San Francisco mitgenommen und sie zwar richtig wieder

zurückgebracht aber nicht bezahlt zu haben. Jetzt wurde er genöthigt

dieses Versäumniss nachzuholen. Als Gerichtssaal fungirte die grösste

Laubhütte Wailevus, und um das Gericht abzuhalten, war eigens ein weisser

Justice mit zwei Schreibern aus Levuka herübergekommen.

Wailevu gerade gegenüber liegt die kleine, palmengekrönte Insel Angaloa,

grösstentheils das Besitzthum der Pacific Mail Steam Shipping Company,

welche auch dort am Ufer ihre Office hat, was sehr unbequem ist, da man

so nur mittels eines Bootes zum Agenten Mister Woods, dem ehemaligen

Premierminister Thakombaus, gelangen kann. Ich fuhr hinüber um ihm, dem

grossen Staatsmann einer interessanten Vergangenheit, mein Ticket zu zeigen

und mich für die City of New York einschreiben zu lassen. Dann sah

ich mich ein wenig auf dem Inselchen um. Hinter der Office ist ein

lobenswerther Anfang von Spazierwegen den Hügel hinauf gemacht, und auf

der entgegengesetzten Seite fand ich unten ein hübsches Dorf, in dem die

Weiber eifrigst beschäftigt waren, Tapa zu klopfen, wahrscheinlich um

sie noch zu Markt auf die Dampfer zu bringen. In einer tiefeinschneidenden

seichten Bucht, deren Zusammenhang mit der See das prangende Grün eines

Mangrovesumpfes versteckte, lagen mehrere Kanuus, und eine Menge von

Hühnern und Schweinen gaben Wohlhabenheit kund. Das ganze Dorf ist gegen

das Land mit einem Zaun umgeben. In einem schmutzigen Süsswassertümpel

lag badend ein alter gebrechlicher Mann.

In Wailevu gab es von nun ab jeden Abend Kawagelage und Meke Meke für die

Passagiere der Zealandia, welche auf die von Neuseeland her fällige City

of New York warteten, um die Reise nach Osten fortzusetzen. Es scheint sich

auf diese Art den Eingeborenen ein neuer Erwerbszweig zu entwickeln.

Reise durch den Stillen Ozean · 第 61 / 85 题