Begegnung mit dem Tui. Ein Mangrovesumpf und seine Freuden. Tauben und
Mimosen. Nachtlager in Wunokene. Fliegende Hunde. Rabuelu. Entzückende
Rundsichten. Taropflanzungen. Kawa-Gelage in Soso. Nachtlager in Go
Kandavu. Ein Meke Meke. Ankunft bei Charly. Rasch ab nach Wailevu.
Ungemüthliche Bootfahrt. Heimkehr.
Wir hatten jenem versoffenen, aber biederen Landsmann, dem Charly, in
Wailevu zugesagt, nach Waidule zu kommen und ihn zu besuchen. Da wir für
das mitzunehmende Gepäck ausser Niketi noch zwei Träger brauchten, so
liess Herr Kleinschmidt den Tui bitten, uns solche zu schicken, und gleich
am nächsten Morgen erschienen ihrer drei aus Sanima und meldeten sich zum
Dienste.
Die Mutter bereitete noch schnell einen Kuchen, und dann gings fort.
Zunächst musste wieder das Felsblockufer bis Sanima überwunden werden.
Die Fluth hatte eben angefangen zu weichen, und die noch nassen Blöcke
waren so schlüpfrig von einer Algenvegetation, dass ich es vorzog,
oberhalb der Fluthgrenze durch das herabwuchernde Gestrüpp zu klettern.
Rege Emsigkeit wie immer herrschte im Dorf des Tui Kandavu. Ein Greis
sass am Strande im Schatten eines in die Erde gesteckten Palmzweigs und
schnitzelte kindisch an einem Stück Holz herum. Vor den Hütten klopften
Männer die Fasern der Kokosnusshülsen rein, um Stricke daraus zu machen,
und im Innern der Hütten klopften die Weiber Tapa zurecht, dass es
weithin erschallte. Kopra und Lichtnüsse lagen zum Dörren in der Sonne
ausgebreitet. Aus letzteren, den öl- und harzreichen Früchten des
Aleurites triloba werden sehr originelle Kerzen bereitet. Man reiht sie
durchbohrt an Stäbe, der Stab dient als Docht, und die Nüsse brennen
mit heller, stark russender Flamme ab. Unsere Erscheinung machte den Lärm
verstummen. Man lächelte uns freundlich zu, die Frauenzimmer steckten die
Köpfe durch die niedrigen Thüren heraus und bettelten um Tabak, kleine
nackte Kinder blickten scheu um die Ecken und liefen entsetzt davon, als ob
sie den leibhaftigen Teufel gesehen hätten.
Da der alte Tui nicht zu Hause war, setzten wir unseren Weg ohne
Unterbrechung fort. Wir sahen ihn eine halbe Stunde später in seinem Kanuu
heimkehren, als wir eben jenen schönen Pfad durch Papayagärten und Palmen
hinter uns hatten und in ein Mangrovedickicht bogen. Er stieg aus und
watete an Land, um mit uns Hände zu schütteln, und gab unseren Burschen
noch einige strenge Aufträge an verschiedene Dorfhäuptlinge zu unserem
Komfort, von denen ich nichts als das Selbstbewusstsein verstehen konnte,
womit er sich die Faust mehrmals auf die Brust schlug, als ob er sagen
wollte »Und das muss geschehen, und das befehle ich«.
Der Pfad schlängelte sich eine Zeit lang am steilen Ufer auf und ab und
führte dann in das Mangrovedickicht hinein, dessen Schwierigkeiten so
gross wurden, dass wir zu einem Kilometer etwa eine Stunde brauchten.
Schlickflächen wechselten mit Felsblöcken, von denen die meisten nicht
fest lagen und zu wackeln anfingen, sobald man darauf trat, und Alles
war durchzogen von einem nicht nur in der Fläche sondern in allen drei
Dimensionen des Raumes gewebten Netzwerk von Mangrovewurzeln, so verknorzt
und verschnörkelt, dass die phantasiereichsten Maler der altdeutschen
Schule hier noch viel für ihren Faltenwurf hätten lernen können. Sah man
auf den Boden, so schlugen einem die von oben herabwachsenden Sprossen
ins Gesicht, sah man nach diesen, so blieb man in den Wurzeln hängen oder
stolperte über einen Knorz oder glitt von den zu Fallthüren geschaffenen
Felsblöcken in den Schmutz. Moskitos wimmerten um die Ohren, und Fliegen
umsummten das Gesicht und schwirrten in die Nasenlöcher. Wir kamen
übrigens ohne Unfall durch, und nur unsere nackte Dienerschaft blutete aus
einigen abgeschürften Hautstellen.
Es ging wieder nach oben und landeinwärts durch einen Busch, der
spärlicher wurde, je höher wir kamen, und schliesslich einem dürren
Farngestrüpp Platz machte, welches eine neuseeländische Landschaft
vortäuschen konnte, wenn nicht gerade schöne Orchideen oder empfindsame
Mimosen am Wege wuchsen, oder das Hundegebell der grossen Tauben die
Illusion störte.
Einem dieser unmusikalischen Vögel kamen wir so nahe, dass ich deutlich
beobachten konnte, wie er hoch oben auf einem kahlen Baum sein rauhes
kurzes »Hu hu, Hu hu hu« mit dem Wippen des Schwanzes begleitete. Aber
das Knacken des Hahnes störte ihn, er gönnte uns seinen Braten nicht, und
er war fort, ehe ich die Flinte angelegt hatte.
Jene merkwürdige Pflanze Mimosa, deren zartgefiederte Blätter sich
zusammenfalten, sowie man sie berührt, und der man deshalb den Namen
der Schamhaften gegeben hat, sah ich hier zum ersten mal. Sie wuchs in
niedrigen dichten und flach ausgebreiteten Stauden, und es gewährte ein
merkwürdiges Farbenspiel, wenn ich mit dem Fuss darüber hinstrich und
sogleich das helle Grün der oberen Seiten der Fiederblättchen dem
matten Grau der unteren Seiten wich, als ob die ganze Staude von einer
unsichtbaren Flamme versengt würde.
Der Kamm des Hügels, auf dem wir eine Zeit lang weiter schritten, hatte
ausnahmsweise den Vorzug, eine Rundsicht zu gewähren, da er nicht, wie
dies meistens zu sein pflegt, bewaldet war, sondern nur stellenweise
Gruppen von Kasuarinen trug, deren dünnbenadelte Kronen dem Baum das
Aussehen verkümmerter Pinien verleihen. Wir sahen hinab auf beide Meere
nördlich und südlich der langgestreckten Insel, in welche zwei Buchten
tief einschneiden.
Die freie Bergkante dauerte nicht lange. Der Pfad schlängelte sich nach
der südlichen Seite des Kammes hinab, und ein Busch nahm uns auf,
der durch wohlthuende Kühle überraschte und so dick mit Lianen und
Strauchwerk unterwachsen war, dass wir zwei geschossene Tauben, die wir
deutlich fallen gesehen hatten, nicht finden konnten, obwohl wir zu fünft
eine Viertelstunde lang suchten. So waren wir abermals um unser Abendmahl
gebracht. Wir stiegen auf eine sattelförmige Einsenkung nieder. Der
Busch wurde lichter, Rauch flog langsam zwischen den Bäumen empor,
Kindergeschrei erhob sich, und ein Dorf lag vor uns, höchst malerisch
zwischen Bananenpflanzungen halb versteckt und die prächtigste Aussicht
auf die Meere beider Seiten beherrschend.
Wunokene heisst dieser reizende Platz, bei dessen Häuptling wir uns ohne
weitere Zeremonien einquartierten. Wir zündeten eine Stearinkerze an,
welche so viel Sensation hervorrief, dass nach wenigen Minuten die ganze
Hütte voll von Neugierigen war. Dicht gedrängt sassen sie, Männer
und Weiber, nebeneinander und bewunderten uns und unsere europäischen
Habseligkeiten. Selbst draussen vor der niedrigen Thüre drängte sich eine
staunende Menge von Kindern und Mädchen, jedesmal Reissaus nehmend, so
oft einer von uns Weissen eine Bewegung in ihrer Richtung machte. Mit dem
grössten Interesse wurde Alles beobachtet, was wir thaten, wie wir unseren
mageren Zwieback abbissen und Schokolade dazu tranken, und öffneten wir
eines der Gepäckstücke, so entstand jedesmal eine nicht geringe Aufregung
und man streckte die Hälse so weit als möglich, um hineinzugucken.
Einer von unseren Trägern aus Sanima, ein frecher Bursche, wollte durch
seine Familiarität mit unseren Effekten, die er hatte tragen dürfen,
imponiren und gab das Feuerwerk einiger schwedischer Zündhölzchen zum
besten. Hätte man den Kerl gehen lassen, er würde unseren ganzen Vorrath
aufgebraucht haben. Eine Ohrfeige unterbrach indess sein Vergnügen und
stellte das Bewusstsein der Inferiorität wieder her, zum grossen Ergötzen
des Publikums, welches in ein lautes Gelächter ausbrach.
Da wir müde waren, konnte unsere Zurschaustellung nur so lange gewährt
werden, als wir brauchten, um den gröbsten Hunger zu stillen. Das Licht
wurde ausgelöscht, und das Publikum verzog sich, zweifellos mit dem
Bewusstsein, einen höchst genussreichen Abend zugebracht zu haben. Wir
streckten uns auf dem weichen Mattenboden aus, nachdem wir Stiefel und
Hose zu einem Kopfkissen zusammengerollt und uns selbst in unsere Decken
gewickelt, und schliefen, da es hier oben keine Moskitos gab, so gut, wie
man eben nur nach einer längeren Wanderung schläft. Neben uns lag der
Häuptling und zu unseren Füssen die Dienerschaft. Bald wars ruhig im
ganzen Dorf. Blos im Gebüsch draussen zirpten Tausende von Zikaden, über
den Korallenriffen unten donnerte rastlos die Brandung durch die Stille der
Nacht, als ob ein Eisenbahnzug ohne Ende über eine ferne Brücke rollte,
und Herr Kleinschmidt schnarchte.
Als wir am anderen Morgen unseren Marsch fortsetzten, kam hinter uns drein
die ganze Kinderschaar des Dorfes und begleitete uns in respektvoller
Entfernung, bis wir einen steilen Abhang hinabstiegen, und es war höchst
amüsant, wie die kleinen braunen Bengel uns von oben aus nachspotteten,
um schleunigst die Flucht zu ergreifen, so oft ich Miene machte,
zurückzukehren, woran ich gewiss nicht im entferntesten dachte. Denn der
Weg war so schlecht, dass man froh sein durfte, ihn einmal hinter sich zu
haben, und zu beiden Seiten wuchs hohes Gras, scharf wie Rasirmesser, und
zerschnitt die Hände wenn man vergass, sie in die Höhe zu halten.
Unten winkten wieder die Freuden eines Mangrovesumpfes mit seinen Moskitos
und Fliegen. Auch in diesem lagen Felsblöcke eingestreut, die zwar
festgebettet, dafür aber mit Algen überzogen und so schlüpfrig waren,
als ob man sie mit Seife beschmiert hätte. Beneidenswerth sicher schritten
unsere drei Wilden über sie hinweg. Ihre Füsse dienten ihnen als
Greiforgane, mit denen sie sich an den geringsten Rauhigkeiten festklammern
konnten, während wir die Talente der unserigen in den steifen Stiefeln
der Zivilisation hatten verkommen lassen. Zogen wir die Stiefel aus, so
stiessen wir uns an allen Ecken und schnitten vor Schmerz eine Grimasse
nach der anderen, und zogen wir sie wieder an, so rutschten und fielen wir
jeden Augenblick. Moskitos und Fliegen thaten das Uebrige uns zu erheitern.
Es war gerade Ebbe, und wir beschlossen deshalb, auch die Beinkleider
abzulegen und um den Hals zu binden und weiter draussen durch das niedrige
Wasser zu waten, wo es keine Fliegen und Moskitos gab, und höchstens
scharfrandige Muscheln die Sohlen zerschnitten. Auf diesem nassen Marsche
sah ich zum ersten mal eine Schaar fliegender Hunde hoch oben über die
Bucht hinweg ihrem Tagquartier zueilen und war sehr erstaunt über die
gemessene Sicherheit und Kraft ihres Fluges, der in nichts an das Geflatter
unserer Fledermäuse erinnert, wie man wohl erwarten möchte. Man konnte
sie in einiger Entfernung für Raben halten, ganz dieselbe Bewegung und
derselbe Rhythmus wie bei diesen. Erst als sie senkrecht über uns waren,
sah ich, dass sie nicht mit Flügeln wie Vögel, sondern mit Flughäuten
arbeiteten, von jener bekannten Kontur, wie sie die Phantasie der
christlichen Maler dem Satan zuerkannt hat. Von diesen fliegenden Hunden
giebt es fünf Arten auf Viti. Sie sind neben der einheimischen Ratte die
einzigen autochthonen Säugethiere der Insel.
Einige hundert Schritte in einem herrlich grünen Tunnel des
dichtverschlungenen Mangrovegebüsches, der einem hier mündenden
Süsswasserfaden sein Dasein verdankte, brachten uns auf die feste Erde
zurück. Palmen erschienen, und abermals ein Dorf, Rabuelu geheissen.
Ausser zwei lebensmüden Greisen waren nur Weiber und Kinder zu bemerken.
Die Männer mochten auf einen Fischfang ausgezogen sein.
Herr Kleinschmidt schoss einen interessanten Reiher und schickte ihn nach
Hause an die Mutter, damit sie ihn abbalge. Dieses Ereigniss lockte die
ganze vorhandene Einwohnerschaft herbei, deren Aufmerksamkeit sich alsbald
auf mich und meinen schlohweissen Leib ablenkte, der ich den Lockungen
eines selten klaren und tiefen Süsswasserbeckens nicht widerstehen konnte,
das oben in dem wasserlosen Wunokene versäumte Morgenbad nachzuholen.
Unser nächstes Nachtquartier war Go Kandavu, und bis wir dieses
erreichten, passirten wir noch fünf Dörfer, Rota, Eabulu, Soso, Dele
Kandavu und Dschome mit Namen. Es ging immerfort bergauf und bergab,
meistens sehr steil und auf äusserst beschwerlichen, schlüpfrigen Pfaden
voller Löcher, Wurzelschlingen und lose liegender Steine. Regengüsse
hatten sie stellenweise zu tiefen Rinnen ausgewaschen, so schmal, dass man
nur seitwärts schreitend sich durchdrängen konnte, unbekümmert um
den Lehm, der an den Kleidern hängen blieb. Links und rechts dichter,
unbezwingbarer Busch.
Nur selten und auf kurze Strecken waren die Höhen kahl und gewährten
Aussichten, die dann um so entzückender waren. Die Landschaft glühte in
Farben, die einen Maler in Verzweiflung bringen konnten. Tief blau war der
Himmel, aber noch viel tiefer blau war die See, hellglänzend besäumt
von der weissen Schaumlinie der Brandung, die sich an den Kanten der
Korallenriffe brach, und innerhalb dieser, über den seichteren Stellen der
Riffe violette, purpurne und smaragdene Tinten. Dann kam tief unter uns ein
grellgelber Streif sandigen Ufers oder das wunderbar satte Hellgrün
von Mangrovedickichten, die viel schöner von oben zu beschauen als zu
durchklettern sind. Palmenhaine füllten den Raum zwischen dem Ufer und
den dunkelbewaldeten Bergen und die Thäler, die zwischen diesen ins Innere
sich einbuchteten. Rauch entstieg an verschiedenen Punkten der üppigen
Vegetation, die Anwesenheit menschlicher Wohnstätten verkündigend, und
hie und da guckten ein paar mit Kalk beworfene weisse Hütten durch die
Palmen.
Manche Strecken trugen den Stempel höherer Kultur. Der Weg, dessen
Schwierigkeiten eben noch aller Beschreibung spotteten, verwandelte sich
oft plötzlich in eine breite glatte Strasse, zu beiden Seiten von sauber
gehaltenen Bananenhainen begrenzt. Man war dann gewöhnlich in der Nähe
eines Dorfes, dessen Kindergeschrei lange hörbar war, ehe man die Hütten
selbst gewahr wurde. Oder Baumwollenstauden, vergebens gegen das sie
überwuchernde Unkraut ringend, zeigten an, dass ehemals hier eine Plantage
bestanden hatte, nun verlassen und dem hoffnungslosen Kampf ums Dasein
preisgegeben, seitdem dieser Artikel auf Viti dem amerikanischen
Konkurrenten im Preis, nicht in der Güte hat erliegen müssen.
Wo Bäche herabkamen, fanden wir diese gewöhnlich zu terrassenförmig
unter einander folgenden Sümpfen aufgestaut, in denen Taro (viti
»Ndalo«) gepflanzt war. Der Taro ist eine Colocasia, ganz ähnlich jener
Art, die bei uns so häufig in Töpfen mit Wasseruntersatz gezogen wird.
In sauber mit Lehmwällen und Steinen eingefassten Beeten von verschiedener
Grösse, welche der Bach in mäandrischen Linien zu durchrieseln
genöthigt war, standen zu regelmässigen Reihen geordnet die Pflanzen,
und Wasserlinsen bedeckten zwischen ihnen die Lachen. Diese Vorrichtungen
flössten mir alle Achtung ein vor der Intelligenz und dem Geschick der
sogenannten Wilden.
Es giebt übrigens auch eine weniger häufige Sorte Taro, welche keines
sumpfigen Bodens bedarf, und oben auf den Bergen in gewöhnlichem
ausgerodetem Waldboden angebaut wird. Der Busch wird zu diesem Zweck
niedergebrannt, was aber wegen der grossen Feuchtigkeit nicht ganz leicht
ist. Man haut das Gebüsch ab, damit es verdorrt, und zündet mehrere
grosse Feuer an, wobei immer von Neuem nachgeholfen werden muss.
In Soso machten wir einen grösseren Halt. Auch hier, wie in allen
Dörfern, entsetzt davonrennende braune Nacktfrösche, kreischende Weiber,
ernste Greise und Männer, welche mit einem freundlichen »Sa yandre« uns
begrüssten. Wir gingen auch hier stracks in des Häuptlings Haus, wo zwei
sehr hübsche zartgegliederte Mädchen, die Tochter und die Kindsmagd,
letztere einen quieksenden Säugling in den Armen, etwas scheu und verlegen
uns empfingen.
Sogleich erschien der Häuptling, mit uns Hände zu schütteln, und bald
darauf auch seine Frau, die »Marama«, mit einem Korb voll Taroknollen
auf dem Rücken. Sie warf ihre Last zu Boden, kroch herein und bemächtigte
sich, ohne von uns Notiz zu nehmen, des Säuglings, um ihm seine Nahrung
zu reichen, aber erst, nachdem sie an einem von der Kindsmagd hingehaltenen
Feuerbrand die Hände gewärmt und ihre Brüste gerieben hatte.
Der Häuptling holte etwas Yankonawurzel aus einer Ecke hervor und lud uns
ein, mit ihm Kawa zu trinken. Ich sah dieses Getränk jetzt zum ersten mal
bei Tageslicht bereiten und konnte genau den ganzen Prozess verfolgen.
Es fügte sich glücklich, dass es ausnahmsweise diesmal zwei reizende
Mädchen, die Tochter und die Kindsmagd nämlich, waren, welche für uns
kauten. Sonst sah ich auf Kandavu die Kawa stets nur von Knaben und jungen
Männern bereiten, während auf anderen Inselgruppen des Stillen Ozeans
dieses Geschäft dem schönen Geschlecht obliegt, was mir mehr zusagend
erscheint. Einer unserer Träger schleppte die grosse Bowle herbei, jenes
altehrwürdige Gefäss, das in keiner vornehmen Vitihaushaltung fehlt,
und setzte sie vor sich, um das Brauen und Filtriren der Flüssigkeit
zu übernehmen. Einen meterlangen Strick, der an der Bowle in einer Oese
befestigt war, warf er demüthig dem Häuptling zu, der solche Ehre mit
grosser Höflichkeit an mich abtrat, indem er ihn nach meiner Seite legte.
Dieser ehrenvolle Strick dient nämlich dazu, die höchste Person der
Gesellschaft zu bezeichnen.
Die doppelt daumendicke, knotige und verästelte grüne Wurzel wurde in
mundgerechte Stücke zerschnitten, und die beiden jungen Damen nahmen uns
gegenüber Platz und machten sich schweigend daran, sie mit ihren herrlich
weissen Zähnen zu zermalmen. War ein Bissen fertig, so holten sie ihn
mit Daumen und Zeigefinger aus dem Munde und legten ihn als wohlgeformtes
rundliches Häufchen behutsam in die Bowle. Sechs solche Häufchen kauten
sie zurecht für uns drei Zecher, den Häuptling, Herrn Kleinschmidt
und mich. Dann wurde Wasser aus hohlen Kokosnüssen zugegossen, und das
Pantschen und Filtriren begann.
Während wir so Kawa brauten und kneipten, waren ein paar andere
Frauenzimmer beschäftigt, unsere Mahlzeit zu bereiten. In einer Ecke der
Hütte lagen die zwei grossen Töpfe horizontal über der glimmenden Asche
des Feuers. Wasser brodelte bereits darin. Die geschossenen Tauben und
Papageien, schon auf dem Marsche ausgeweidet und gerupft, wurden mit
Taroknollen durch die weiten Oeffnungen ins Innere derselben geschoben,
und diese mit einem Stöpsel aus zusammen gebundenen Cordylineblättern
verschlossen.
Die ganze Familie des Häuptlings hatte sich eingefunden und durfte neben
und um uns Platz auf dem Boden nehmen. Das übrige Gesindel der Neugierigen
musste in respektvoller Entfernung, in der Nähe des Eingangs, sitzen
bleiben. Ausser dem hübschen Mädchen und dem Säugling, der einen
merkwürdig eckigen Kopf hatte, waren noch zwei Jungen vom Hause vorhanden,
von denen der eine, ein ungezogener Bengel von fünf Jahren, seiner Mutter,
welche mit ihrem Jüngsten dalag wie eine säugende Löwin, fortwährend
zum Zanken Veranlassung gab. Schliesslich kam noch eine andere vornehme
Dame, eine Freundin der Marama, ebenfalls mit einem kleinen schreienden
Balg, hereingekrochen, warf sich nieder und spielte ebenfalls die säugende
Löwin, während sie uns aufmerksam beguckte. Draussen vor der Thüre
unterhielten sich einige Kinder mit dem auch bei unserer Schuljugend so
beliebten Spiel, aus einem Faden alle möglichen Figuren an den Fingern zu
bilden und einander abzunehmen. Sie hatten es von den Missionären gelernt.
Im Hintergrund der Hütte war ein ganzes Arsenal von alten Schiessgewehren
an der Wand aufgestapelt, was mir um so mehr auffiel, als es von der
Kolonialregierung streng verboten ist, den Eingeborenen Munition irgend
welcher Art zu geben. Diese Waffen schienen mir übrigens durchaus
ungefährlich zu sein. Es waren Flinten jeder Konstruktion, nur keine
Hinterlader, und etwa zwanzig darunter mit Feuersteinzündung weiss Gott
aus welcher Zeit und woher, und alle Schlösser waren verrostet. Sollte
auch hie und da eines noch losgehen, die Vitis sind so feige Schützen,
dass sie in der Regel die Augen zudrücken, wenn sie schiessen wollen, was
bei unseren Rekruten allerdings auch zuweilen vorkommt.
Der Tag neigte sich bereits, als wir Dele Kandavu passirten, ein Dorf
rechts ab vom Wege, tief versteckt hinter dem üppigsten Grün von Palmen,
Bananas und Busch auf einem Hügelvorsprung, der zu einem dichtbewachsenen
Thal hinabfiel, aus welchem die zarten fiedrigen Kronen von Farnbäumen
ragten. Fröhliche Gesänge schallten zu uns herüber und harmonirten so
wunderbar mit der ganzen Stimmung der paradiesischen Landschaft und
des herrlichen Abends. Wie glücklich diese Menschen hier leben. Welche
unbeschreiblichen Genüsse bietet die Natur hier dem Wanderer, wenn ihm
auch dabei der Schweiss von der Stirne tropft und die Kniee vor Ermüdung
zu zittern beginnen. Wie bemitleidet man da den Philister zu Hause, der
Jahr aus Jahr ein nichts Höheres kennt, als täglich des Abends zur
bestimmten Stunde im Tabaksqualm seiner Kneipe zu sitzen und seinen Magen
mit den Gährungspilzen des Bieres vollzupumpen.
Wir kamen an einen Bach, und jenseits desselben lag Dschome. Ein Mann aus
dem Dorfe erbot sich, mich hinüberzutragen. Ich zog es vor, durchzuwaten,
da mich erst kürzlich bei einer ähnlichen Gelegenheit ein Kerl durch
einen Fehltritt ins Wasser geworfen hatte.
Beinahe hätten wir schon hier unser Nachtquartier aufgeschlagen. Unsere
Burschen wenigstens waren entschieden der Ansicht, dass es für heute
genug des Marschirens sei. Sie waren vorausgeeilt und sassen bereits,
ihrer Bürden entledigt, neben der Hütte des Häuptlings, als wir
sie erreichten. Ein hübsches braunes Mädchen mit einer feuerrothen
Hibiscusrose über jedem Ohr stand freundlich lächelnd vor der Thüre
und guckte mir, sehr verführerisch aber unschuldsvoll den glänzenden
Bronzekörper, der nach Kokosöl duftete, an mich schmiegend über die
Schulter, während ich sie in mein Taschenbuch notirte. Die ärmliche etwas
unreinliche Behausung des Häuptlings gefiel uns nicht, und wir gingen
weiter.
Hätten wir gewusst, welch langer und beschwerlicher Weg uns noch
bevorstand, wir wären trotz Allem geblieben. Wohl über zweihundert Meter
mussten wir wieder hinauf und an der anderen Seite eben so tief hinunter.
Oben beschien die Sonne im Untertauchen golden die Wipfel der Bäume, unten
war es bereits dunkel, als wir endlich, triefend von Schweiss und bis
zur Erschöpfung müde, in Go Kandavu unseren Einzug hielten, zur grossen
Aufregung der neugierig Spalier bildenden Einwohner.
Auch der Häuptling von Go Kandavu liess uns zu Ehren Kawa bereiten.
Diesmal waren wieder nur Knaben und Jünglinge zum Kauen kommandirt, die
Dunkelheit verhinderte, die Details des Vorganges genauer zu sehen. Es
wurde wenig gesprochen. Nur das Krachen der Wurzeln zwischen den Zähnen
und später das Herumpantschen in der Flüssigkeit unterbrach die
andächtige Stille, welche herrschte, trotzdem die ganze Hütte voll von
Menschen war. Ein kleiner, brauner Frosch kletterte in die Bowle, setzte
sich mit seinem nackten Hintern auf die für uns zurechtgekauten Häufchen
und fing verlegen und erschrocken zu weinen an, als Alles darüber lachte.
Dies störte aber das Gelage nicht, und die breit gesessenen Häufchen
dienten ebenso gut ihrem Zwecke wie die neu hinzukommenden. Unser
Gastfreund, der Häuptling, war aussergewöhnlich wohlhabend. Denn er
besass Teller, Gabeln und Messer. Nur Schade, dass wir die seltenen
Geräthe an nichts Würdigerem als an süssen Bataten zur Anwendung
bringen konnten. Aus diesen sowie aus Schokolade und Zwieback bestand unser
frugales Abendbrot.
Ein unerwartetes Schauspiel stand mir noch bevor. Ich sollte ein »Meke
Meke«, eine Vititanzunterhaltung zu sehen bekommen.
Ich hörte Gesang weit über das Dorf in unsere Hütte herübertönen, und
ich ging hinaus nach der Richtung, von welcher er kam. Tarosümpfe umgaben
das Dorf, und erst nach einigen Irrwegen fand ich durch sie hindurch und
das was ich suchte.
Auf einem freien Platz brannte flackernd ein grosses Feuer, und etwa ein
Dutzend Kinder tanzten um dasselbe herum und sangen dazu nach dem Takt
zweier Stäbchen, mit welchen ein Jüngling ein Stück Bambus bearbeitete,
das ein kleiner Knabe wagrecht vor ihn hinhielt. Mein Hinzukommen störte
sie nicht, sondern schien im Gegentheil mehr Theilnehmer herbeizulocken.
Eine Menge Mädchen und junger Männer fand sich allmälig ein. Sie trugen
als festlichen Schmuck rothe Cordylineblätter um die Stirne gebunden, und
an den Knieen Strumpfbänder von gelb und roth gefärbten Gräsern. Die
Mädchen drückten sich scheu an mir vorbei und nahmen schreiend und
kichernd Reissaus, sowie ich nur eine Bewegung machte. Auch sie traten in
die Reihen der Tanzenden, und immer grösser wurde ihre Zahl, und Zuschauer
kamen und gruppirten sich auf dem Boden. Fackeln aus dürren Schilfbündeln
wurden gebracht, und bald nahm die Unterhaltung bedeutendere Dimensionen an
als ich hier in dem so abgelegenen Dorf erwartet hatte.
Es war eine träumerische laue Tropennacht. Der Mond war aufgegangen,
die Sterne funkelten, die Zikaden zirpten, und ein leiser Zephyr milderte
höchst angenehm die Wärme. Das Feuer und die Fackeln warfen ihr röthlich
flackerndes Licht auf die nackten Gestalten und übergossen das ganze Bild
mit einem grotesken Zauber. Mehrmals schloss ich die Augen, als ich so
dasass auf einem alten faulen Kanuu, um jedesmal beim Oeffnen mich wieder
von dem fremdartigen mährchenhaften Anblick überraschen zu lassen.
Die Wendungen des Tanzes waren höchst anmuthig und konnten manchem
altersschwachen Ballet bei uns zum Muster dienen. In doppelten Reihen
tanzten Mädchen und Jünglinge, bis auf das Tuch um die Hüften nackt
und mit Blumen- und Blattguirlanden geschmückt, die geschmeidigen
Bronzekörper mit Oel gesalbt, um ein Feuer, erst nach rechts und nach
links, dann beide in entgegengesetzten Richtungen, traten zwischen einander
hindurch und wieder zurück, hoben und senkten die Arme, bogen und wogen
die Hüften und klatschten in die Hände. Daneben sass der Musikant und
trommelte den Takt auf sein Bambusrohr, begleitet von dem Gesang aller
Anwesenden, Tänzer sowohl als Zuschauer.
Der Gesang, allerdings auch nur in wenigen Noten auf- und niedersteigend,
war viel melodischer, als jener, den ich bei den Maoris auf Neuseeland
gehört. Der Rhythmus bewegte sich in einem fast endlos wiederkehrenden
Daktylus, bis plötzlich mit einem kurz ausgestossenen, rauhen Ton eine
Strophe und zugleich eine Tanzfigur schloss. Einer der Tänzer schien
Kommandos zu geben, indem er zuweilen laut in der Fistel krähte, was
ungefähr wie »Tirürü« lautete, und worauf sofort eine neue Wendung
eintrat. Ich habe niemals etwas Graziöseres gesehen, als die natürliche
Anmuth in den freien ungezwungenen Bewegungen jener Mädchen. Diese braunen
Naturkinder sind von einer bezaubernden Frische. Und dabei wissen sie eben
so gut zu kokettiren wie irgend eine Tochter Evas auf Erden, und besitzen
hiezu ganz verflucht grosse, schwarze, langbewimperte Augen, um die sie
nicht wenige Europäerinnen beneiden dürften.
Im Anfang der Festivität waren einige mit dem obligaten Busenhemdchen
erschienen. Im weiteren Verlauf jedoch entledigten sie sich derselben.
Sollte es blosser Zufall gewesen sein, oder war es ihr weiblicher Instinkt,
dass sie mir ohne dieses geschmacklose und unnöthige Kleidungsstück
besser gefielen, nachdem sie gesehen, dass ich kein verkappter Mucker aus
England war? Ich habe derartige Demaskirungen fast in jedem Dorfe erlebt.
Die halbpapuanischen Vitis stehen im Rufe grosser Keuschheit, ganz im
Gegensatz zu ihren lasziven Verwandten, den Polynesiern. Dementsprechend
unterschied sich dieses Meke Meke auch dadurch von den polynesischen
Tänzen, dass es keine obszöne Bedeutung, sondern die reine Freude an
rhythmischer Bewegung und an Gesang als Motiv hatte. Nicht die leiseste
Spur von zweideutigen, anstössigen Geberden war zu bemerken. Nur etwas
sah ich, was mich frappirte und der zu herrschen scheinenden Dezenz
widersprach. Mehrere kleine Jungen stellten sich ausserhalb des Reigens
paarweise einander gegenüber, umfassten einander auch wohl und machten
Bewegungen zusammen nach dem Takt der Musik, die im höchsten Grade obszön
waren und an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig liessen. Die Aeltern
aber, namentlich die Weiber, lachten und schrieen ausgelassen vor Freude
über die gelungenen Scherze ihrer sechsjährigen Sprösslinge.
Lange sass ich isolirt. Die Scheu vor dem Fremdling hatte eine breite
Zone um mich leer gelassen. Nach und nach aber wurde man zutraulicher.
Ein Mädchen oder ein Junge kroch herbei und bettelte um Tabak, und Alles
lachte und freute sich über die gut abgelaufene Dreistigkeit, wenn ich
ihnen Tabak gab, und der Zuschauerkreis rückte dichter an mich heran.
Diese Furcht vor dem Weissen ist keine ursprüngliche, sondern die Folge
übler Erfahrungen. Die Südsee-Insulaner kommen in der Regel nicht mit der
besten Klasse von Europäern in Berührung. Ich habe manchmal Gelegenheit
gehabt zu beobachten, wie selbst der dümmste und erbärmlichste Matrose
es für seine Pflicht hält, die sogenannten Wilden verächtlich und gleich
Thieren zu behandeln.
Ich blieb über eine Stunde und weidete mich an dem effektvollen
Schauspiel. Dann riss ich mich los aus der immer enger um mich sich
gruppirenden nackten Gesellschaft. Waren sie ziemlich zutraulich geworden
im Bereiche des Feuers, so hatte draussen im Dunkeln meine Erscheinung
noch nichts von ihrer Unheimlichkeit eingebüsst, und alle Kinder und
Frauenzimmer die mir begegneten ergriffen schleunigst jedesmal wieder die
Flucht. Der Tanz wurde unermüdlich fortgesetzt, und noch lange, als ich
zu Hause auf der Matte lag, hörte ich den dreitaktigen Lärm der lustigen
Schaar herüber.
Ich schätzte mich glücklich, diesem Meke Meke beigewohnt zu haben, da er
nicht wie an anderen Orten blos zur Schaustellung und für Geld, sondern
zur sichtlichen eigenen Freude der Theilnehmer gehalten worden war.
Als ich am anderen Morgen erwachte, sah ich dass ausnahmsweise auch die
Frauenzimmer in derselben Hütte wie wir schliefen. Der alte Häuptling
hatte sich aber vorsorglich zwischen sie und uns gelegt. Ein köstliches
Bad unter einem Wasserfall, der über senkrechte Felswände herabdonnerte,
und das vergebliche Waten durch den Bach und die Tarosümpfe einigen
fliegenden Hunden zu liebe, die ich in den Gipfel eines hohen Baumes hatte
einfallen sehen, aber im dunklen Laub der Krone nicht wieder entdecken
konnte, schufen den prachtvollsten Appetit nach einem substanzielleren
Frühstück, als die vegetarianische Lebensweise der Vitis gewähren
konnte, und ich fühlte schmerzlich die Entbehrung der Fleischkost.
Taroknollen, Zwieback und Schokolade waren nur ein kümmerlicher Ersatz.
Herr Kleinschmidt schacherte noch mit unserem Gastfreund um den Preis eines
kunstvoll aus Schildpatt, Knochen und Perlmutter gefertigten Angelhakens,
der von dessen Grossvater stammen sollte und den er nur ungern und zaudernd
hergab. Aber der Glanz des schnöden Mammons war ihm unwiderstehlich,
und er bat nur, nichts von dem Handel seinen Stammesgenossen verlauten zu
lassen. Ein paar scharlachrothe Sulus wurden als Gastgeschenk verabreicht,
unsere Burschen beluden sich mit dem Gepäck und wir nahmen Abschied. Manch
hübsches Mädchen von gestern sah aus den niedrigen Hütten und winkte uns
Grüsse nach »Sa yandre, sa yandre«.
Go Kandavu ist umgeben mit Tarosümpfen wie eine Festung und hat nur einen
einzigen Zugang. Wir mussten es also auf demselben Wege verlassen, auf dem
wir gekommen waren. Abermals über einen dickbewaldeten, hindernissreichen
Berg, auf dessen Gipfel wir rasteten. Zwei ärmliche Hütten mit sehr
schmutziger Einwohnerschaft standen in einer Lichtung, in welcher Bergtaro
wuchs. So elend und verkommen wie diese Vitifamilie die hier hauste habe
ich keine mehr sonst auf Kandavu jemals getroffen. Sie erinnerte an die
schlechteste Sorte der Maoris von Neuseeland.
Endlich endlich kamen Zeichen, dass wir uns unserem Freund Charly
näherten. Zuerst ein festgetretener Weg und etliche verwahrloste
Baumwollenstauden. Der Wald hörte auf und eine sonnige Wiese breitete sich
über den Abhang aus. In einem reinlich gejäteten Viereck waren zwischen
grossen vulkanischen Felsen Ananasse in Reihen gepflanzt. Daneben
Kaffegebüsch, aus welchem bereits die rothen Beeren blinkten.
Ein Haus und ein paar Hütten, wir waren am Ziele. Charly kam uns
freundlich entgegen, und hinter ihm die drei grünen Landsleute und die
zwei grossen Neufundländerhunde. Charly hatte mittlerweile wieder etwas
Deutsch gelernt und war sehr stolz darauf. Er zeigte uns seine braune
Gemahlin und seine vier hübschen halbbraunen Kinder. Was uns aber im
Augenblick viel interessanter war, er gab uns zu essen, und zwar ein
wunderbar duftiges Schweinchen. So gut wie bei Charly hatte ich schon
lange nicht mehr gelebt. Und fehlte ihm auch jede Spur alkoholischer
Flüssigkeit, so gab es bei ihm einen so ausgezeichneten Kaffe eigenen
Gewächses wie ich niemals gekostet zu haben glaubte. Jetzt da ich den
guten Kerl zum ersten mal nüchtern sah, machte er einen viel besseren
Eindruck als damals in Wailevu.
Charly erzählte mir seine Lebensgeschichte. Er war vor zwanzig Jahren
Matrose auf einem Walfischfänger gewesen und seinem Kapitän eines
schönen Tages davongelaufen, um sich unter den Viti-Insulanern, die damals
noch Menschen frassen, herumzutreiben. Nach vielen Abenteuern hatte er
sich hier in Waidule niedergelassen, die Tochter eines benachbarten
Dorfhäuptlings geheirathet und dadurch seine Besitzung erhalten. Verbrieft
und nach den neuen englischen Gesetzen unzweifelhaft gültig war sein
Titel darauf allerdings nicht. Aber er lebte davon. Er hatte Schweine und
Hühner, und was er sonst brauchte, wuchs ihm ohne viel Mühe zu machen
im Ueberfluss. Monatlich einmal, wenn die Postdampfer kamen, fuhr er mit
seinem Boot nach Wailevu, verdiente durch Fährdienste etwas Geld
und kaufte sich dafür einen tüchtigen Rausch, um dann in der frohen
Erinnerung dieses und in der frohen Erwartung des nächsten die
Zwischenzeit nüchtern und idyllisch zu verträumen.
Dieser Platz hier oben heisst Waidule. Unten am Ufer ist eine andere
Ansiedelung von Weissen, Nawai mit Namen. Dort wohnte der andere seiner
Muttersprache entfremdete Landsmann und ein Engländer, Mister Smith,
ebenfalls mit farbigen Weibern zusammen. Es wurde nach ihnen geschickt, und
sie kamen herauf, so dass wir bald zahlreiche Gesellschaft hatten.
Die drei grünen Deutschen machten lange Gesichter. Es schien ihnen zu
dämmern, dass hier zu Lande doch nicht so leicht Geld zu verdienen sei.
Mit der nächsten Post wollten sie nach Levuka gehen um Land zu kaufen, so
sehr man ihnen auch allgemein abrieth und die Versicherung gab, dass sie
doch wahrscheinlich keines bekämen. Die Regierung hatte in der letzten
Zeit alle derartigen Geschäfte suspendirt. Da die Eingeborenen kein
Eigenthum in unserem Sinne kannten, so gaben die bereits geschehenen
Verkäufe und Verpachtungen von Land zwischen Häuptlingen und Weissen zu
allen möglichen Zweifeln und Streitigkeiten Veranlassung. Diese sollten
jetzt untersucht und geschlichtet werden, und bis dies geschehen, war
kein neuer Vertrag gültig. Am übelsten fühlten sich wohl die beiden
Neufundländerhunde auf Viti. Die Zungen hingen ihnen zum Halse heraus, sie
sehnten sich offenbar nach dem kühleren Deutschland zurück.
Leider hatte sich Herr Kleinschmidt auf dem letzten Theil des Marsches
verletzt und wollte nun mit Charlys Boot über Wailevu nach Hause zurück.
Unsere schöne Partie fand somit rasch einen gewaltsamen Abschluss. Es traf
sich merkwürdig dass auch Charly und seine Nachbarn die Absicht hatten,
heute oder morgen Geschäfte halber dorthin zu fahren. Die ganze Flotte
von Nawai, die aus zwei Böten bestand, wurde deshalb schleunig in Dienst
gestellt und ausgerüstet.
Wir theilten uns in zwei Partieen. Herr Kleinschmidt und ich, unsere
drei Burschen und zwei Leute zum Rudern besetzten das kleinere Boot, die
Uebrigen folgten in dem grösseren.
Wir mussten bald einsehen, dass wir eine sehr schlechte Wahl getroffen
hatten. Kaum waren wir aus der windgeschützten Bucht hinausgerudert, und
kaum kamen die ersten Stösse des Passates um die linke Felsenecke in das
Segel geflogen, als sich unser Fahrzeug jäh auf die Seite legte und sich
dadurch so rank erwies, dass wir das Segel reffen mussten. Hierbei stellte
sich heraus, dass die ganze Takelage in dem lotterigsten Zustand, und dass
unsere braune Besatzung eben so ungeschickt als faul war. Mein Freund
wurde nervös und hörte nicht mehr zu schelten auf. Zu unserem grössten
Verdrusse segelte während dessen das andere Boot glatt an uns vorüber,
wir blieben weit zurück und holten es nicht wieder ein.
Es giebt ein kostbares Wort auf Viti, welches den dort von Weissen und
Braunen geübten süssen Schlendrian treffend bezeichnet, »Malloa«
nämlich. Malloa heisst ursprünglich »Später« oder »Morgen«, jetzt
wird es allgemein unter einem leisen Beiklang von Selbstironie angewendet,
um mit der obligaten Saumseligkeit auszusöhnen. Drückt man seine
Verwunderung aus über den herrschenden Mangel an Pünktlichkeit, frägt
man nach dem Zeitpunkt einer zu leistenden Arbeit, dringt man ärgerlich
auf rascheres Handeln, man hört stets denselben gemüthlichen Refrain
»Malloa«. Auch jetzt mussten wir uns wieder mit »Malloa« vertrösten.
Die Fahrt nach Wailevu wurde ziemlich ungemüthlich, so schön auch der
Anblick war, den die in der Abendbeleuchtung ruhenden prächtigen Berge
zur Rechten und die an den Korallenriffen sich brechende See zur Linken
gewährten. Wir segelten im ruhigen Wasser innerhalb der Riffbarren hin.
Gleich einem hohen glänzenden Wall zieht sich draussen die Linie der
Brandung parallel den Konturen der vielgebuchteten Insel entlang, rastlos
toste und donnerte sie zu uns herüber. Manchmal kamen wir ihr so nahe,
dass wir uns kaum noch verstanden. Wir sahen dann, wie jenseits die langen
Wogen stetig hinter einander heranrückten, drohend uns zu verschlingen.
Aber das Bollwerk stand unerschütterlich, und ohnmächtig zerstoben jene
sich nach vorne überstürzend im schäumenden und brüllenden Getümmel.
Ein friedlicheres Bild boten die Palmenhaine und dicht bewaldeten Gründe
zur Rechten. Rauchsäulen stiegen überall von den Thälern zum Himmel
empor, groteske Felsen sprangen dazwischen zu uns heraus.
Die Nacht senkte sich hernieder, und wir waren noch ziemlich weit von
Wailevu. Ueberall konnten Klippen verborgen sein, keiner von uns kannte die
Gegend. Die fünf braunen Kerls waren zu nichts zu gebrauchen, und das Boot
und die Takelage flössten wenig Vertrauen ein. Haifische sollten hier in
Menge lauern, eine unerfreuliche Aussicht im Fall des jede Minute drohenden
Kenterns. Ich lag vorne und guckte ins Wasser nach Riffen. Wie war es
da anders möglich, als dass mir jede schwarze Stelle des höhlenreichen
Grundes ein gefrässiger Haifisch dünkte, der unser Boot zu verfolgen
schien.
Zum Glück war der Himmel klar, und die Sterne leuchteten freundlich auf
uns herab. Vorne im Westen glühte der Schein eines Waldbrandes. Ich hielt
ihn anfänglich für ein besonders schönes Zodiakallicht.
Bis wir in die Angaloa Bai einbogen und die Lichter des Hotels von Wailevu
wieder erblickten und mühselig landeten, war es spät geworden. Die
Anderen waren schon eine gute Stunde da und hatten bereits Zeit gehabt,
sich zu betrinken. Mister Smith hatte sein Frauenzimmer, eine furienartige
Erscheinung gemischter Rasse mit triefenden Augen, mitgebracht. Man sagte,
er wolle sich ihrer entledigen, indem er sie auf den Kutter nach Levuka
zu locken beabsichtige. Ich konnte ihm seinen hinterlistigen Plan bei Gott
nicht verdenken. Auch in ihr wütheten die Dämonen des Schnapses. Sie war
eben erst in Folge unpassenden Benehmens an die Luft gesetzt worden und
durfte für den Augenblick das Wirthshaus nicht betreten. Deshalb lauerte
sie draussen vor den Fenstern herum und heulte. Mister Smith, ihr süsser
Gemahl, war einmal im Verlauf des Abends so unvorsichtig, hinauszugehen
und nach ihr zu schauen. Ein heftiges Gekeife, laut schallende Ohrfeigen
draussen im Dunkel der Nacht, und Mister Smith kam mit zerkratztem Gesicht
wieder herein, goss sich schnell ein Weinglas voll Schnaps in den Magen und
wischte sich langsam vor dem Spiegel das Blut von den Wangen ohne weiter
ein Wort zu verlieren.
Am anderen Morgen hatte ich die Genugthuung, zu finden, dass die Brücke
über den Bach mittlerweile fertig geworden war, im Gegensatz zu den sonst
hier zu Lande allgemein üblichen Vorrichtungen dieser Art, die nur aus
zwei drehrunden glatten und dünnen Palmstämmen gebildet sind, ein stolzes
Bauwerk. Die beiden Aufgänge waren noch im Entstehen begriffen. Ein
Dutzend brauner Bummler trug Steine und Erde herbei, ohne sich allzu sehr
anzustrengen. Nach jedem Gang, der zwei faustgrosse Brocken als Resultat
hatte, setzten sie sich nieder und bewunderten ihre Leistung. »Malloa«.
Unweit davon hockten die Kinder des Dorfes in einer Reihe am Strande und
kratzten mit ihren Fingerchen kleine essbare Muscheln aus dem feuchten
Boden.
Während Herr Kleinschmidt ein Boot zu leihen nahm, um über den
Yarambaly-Isthmus zu setzen und nach Hause zu fahren, denselben Weg, den
wir zuerst gemacht, zog ich es vor, zu Fuss der vielfach gewundenen Küste
entlang zu gehen. Ich passirte zuerst die Dörfer Nuku und Namalatta. Es
war Ebbezeit, und die gesammte weibliche Bevölkerung von Namalatta trieb
sich auf den blossgelegten Riffen herum und fischte. Einige alte Weiber
sassen am Ufer und schuppten mit scharfen Muscheln unbarmherzig die
zappelnden Fische, die ihnen kleine Jungen in Körben herbeitrugen.
Nach einem ermüdenden Marsch, abwechselnd durch weichen hässlich
nachgiebigen Sand und über grosse schlüpfrige Blöcke, war ich am
Nachmittag wieder in Gavatina. Vor allen Palmenhainen, an denen ich
vorüberkam, staken drei oder vier lange Stangen in der Erde, an
deren Spitze Strohbüschel hingen, das Zeichen des »Tambu«. Denn in
Kokosnüssen haben die Eingeborenen ihren Zehnt an die Missionäre und
ihre Steuer an die Regierung zu zahlen. Nicht leicht würde ein Viti sich
erkühnen dieses Tambu zu brechen und von den verbotenen Früchten zu
stehlen. In den meisten Dörfern kann man selbst gegen gute Bezahlung keine
Kokosnüsse bekommen, obwohl sie überall in Fülle vorhanden sind.
Ein unerschütterliches »Tambu, tambu« antwortet auf alle
Bestechungsversuche, und dabei machen die schwarzen Kerls ein Gesicht, als
ob ihnen schon die ganze Hölle im Nacken sässe.