Der Isthmus Yarambali. Das Sonntagspublikum von Namalatta. Bootfahrt
an der Nordseite Kandavus entlang. Gavatina, unser idyllisches
Thal. Niketi und Ruma. Besuche der Wilden. Der Tui und die Marama.
Ethnologisches. Der Busch, seine Mühen und seine Thierwelt. Kanuubau
hoch oben auf dem Berge. Riffleben und Fischfang. Spaziergang
nach Sanima. Tapa-Bereitung. Doktor Hink und seine Kopra-Projekte.
Gottesdienst in Sanima. Das Missionswesen auf den Inseln. Kehrseiten
der Tropenpracht. Klimatisches und Kulinarisches. Die Kokospalme und
ihre Anwendungen. Enge Verhältnisse.
Der nach Süden geöffneten Angaloa Bai, an welcher Wailevu liegt, tritt
im Norden oder genauer Nordwesten die Namalatta Bai entgegen. Beide Buchten
nähern sich einander auf etwa 500 Schritt, wodurch die ganze Insel Kandavu
in eine kleinere südwestliche und eine grössere nordöstliche Hälfte
zerfällt. Ein flacher niedriger Isthmus mit einem schönen Kokospalmenhain
stellt die Verbindung her, südlich von einem Mangrovesumpf, nördlich vom
ebenen reinlichen Strand aus Korallen und Muschelsand begrenzt. Der Isthmus
heisst Yarambali, was so viel bedeutet als »Etwas hinüber heben«, da die
Eingeborenen hier ihre Kanuus von einer Seite der Insel nach der anderen zu
schaffen pflegen.
Auch wir mussten auf diesem Wege mit den Böten nach der anderen Seite
hinüber. Wir hatten uns verspätet, die Ebbe lief bereits stark ab, es
war höchste Zeit, den Isthmus zu erreichen. Wir ruderten geradewegs in die
Bucht hinein, dem saftigen Grün der Mangroven entgegen. Es dauerte nicht
lange so stiess das grössere Boot auf Grund. Die vier rudernden Vitis
sprangen ins seichte Wasser, und dadurch wurde es wieder flott. Ein
schmutziger Kanal, über dem die Mangroven sich wölbten, nahm uns
auf. Links und rechts nichts als stinkender Sumpf mit sperrigen
Luftwurzelpyramiden, in dem eine Menge Krebse sich herumtrieben.
Soldatenkrabben sassen in runden Löchern, die unverhältnissmässig lange
gelbe Scheere zum Zugreifen bereit herausstreckend, und zogen sich schnell
ganz zurück, als wir uns näherten, Eremitenkrebse, merkwürdig dicke und
schwere Schneckengehäuse schleppend, bummelten an den Zweigen und Wurzeln
herum, liessen sich erschreckt vor uns fallen und machten dabei ein
Geräusch, als ob es regnete. Kleine Schnecken (Auricularia) bedeckten
allenthalben den Boden.
Bald stiessen die Böte alle beide auf Grund, und jetzt mussten auch wir
ins Wasser steigen und schieben helfen. Glücklich gelangten wir so bis zum
Ende des Kanals, wo der feste Sandboden des Isthmus sich erhob. Wir luden
die Kisten und Fässer und das schreiende Schweinchen aus und schafften
zunächst die Böte über Land. Der geradlinige Weg durch die Kokospalmen
ist für diesen Zweck mit Palmblättern belegt, auf deren glatten Schäften
unsere zwei Fahrzeuge, mit vereinten Kräften an Stricken gezogen und von
allen Seiten geschoben, rasch dahinglitten. Ein Handelsmann aus Wailevu,
ein deutscher Jude mit einem indischen Sonnenhelm auf dem Haupt, begegnete
uns, und hinter ihm drein trugen vier Vitis seine kleine Nussschale auf
ihren Schultern. Wohl ein Dutzend mal mussten unsere Burschen hin und her
laufen, bis das ganze Gepäck auf der anderen Seite war. Ich setzte
mich unterdessen auf den schönen Korallensand des nördlichen Ufers und
betrachtete die anmuthige Landschaft der Namalatta Bai, die geschützt vor
den südlichen Winden und unbewegt in den herrlichsten smaragdgrünen und
violetten Tinten prangte.
Es war Sonntag, von der Kirche des nahen Dorfes Namalatta ertönte ein
frommer Gesang, und nach dem Gottesdienst strömte die braune Kinderschaar
zu uns heraus. Männer und Weiber folgten ihnen, und als wir die Böte
wieder zu Wasser gebracht und beladen hatten, war wohl so ziemlich das
gesammte Dorf um uns versammelt, erstaunt unsere sabathschänderische
Arbeit betrachtend. Von dem ganzen Christenthum vermag nämlich den Wilden
kein Gebot intensiver einzuleuchten als das Nichtsthun am Sabath. Ein paar
kleine Mädchen von höchstens zwölf Jahren fielen mir auf durch enorm
entwickelte, ja eigentlich unanständig grosse und pralle Brüste. Sie
waren zur Feier des gottgeweihten Tages mit dem von den Missionären
erfundenen Busenhemdchen angethan. Aber die Bedeutung des züchtigen
Gewandes schien ihnen unklar zu sein. Denn sie trugen es, aus den lästigen
Aermeln herausgeschlüpft, über die Schultern zurückgeworfen.
Wir stiessen ab. Der sandige Boden unter dem klaren Wasser senkte sich,
hörte auf und machte Korallenklüften und Klippen Platz. Zum ersten
mal schwebte ich dahin über diese merkwürdigen Gebilde, diese
geheimnissvollen Gründe, aus denen zarte Baumkronen und Geweihe in den
mannigfaltigsten Farbentönen emporstarrten. Himmelblaue und scharlachrothe
Fischchen schossen in den phantastisch durcheinander wachsenden Formen
herum, und indigoblaue Seesterne klammerten sich mit gespreizten Strahlen
an den Abhängen fest, die zu unergründlich dunkelgrünen Schluchten
hinunterfielen. Das Wasser, glatt wie ein Spiegel und so durchsichtig,
dass es dem Auge kein Hinderniss bot, schien nur die eine Eigenschaft zu
besitzen, höheren Farbenreiz zu verleihen.
Eine geraume Weile lag ich so an der Spitze des Fahrzeuges und blickte
hinab auf die unten vorübergleitende Märchenwelt, und als ich wieder in
die Höhe und um mich sah, waren wir schon weit weg vom Lande. Zu beiden
Seiten streckte sich die lange Insel. Zwischen kulissenartig vortretenden
Bergrücken, über und über mit dichtem Buschwerk bedeckt, breiteten
sich liebliche Thäler mit Palmenhainen, unter denen hie und da eine
weissgetünchte Hütte hervorguckte. Wir fuhren nach Osten, und hinter
uns trat der Bukelevu heraus, das Haupt in Wolken gehüllt, der westliche
Pfeiler Kandavus.
Eine hellglänzende Sanddüne umsäumte die üppige Vegetation der
herrlichen Südseeinsel. Smaragdgrüne und violette Tinten schillerten
allerwärts über den Untiefen der Korallenbänke, und weit draussen
brandete die hohe sattblaue See in leuchtenden Schaumstreifen an dem Wall
der Aussenriffe. Ueber dem Ganzen ein strahlender Himmel und strahlender
Sonnenschein.
Etwa vier Stunden dauerte diese Bootfahrt an der Nordseite der Insel
entlang. Wir hatten keinen stetigen Wind, und nur wenn wir gerade in
das Bereich einer Thalschlucht kamen, durch die eine frische Brise
herüberblies, konnten unsere Burschen vom Rudern ausruhen und dem schnell
aus einer Decke improvisirten Segel die Arbeit überlassen. Noch eine
Ecke des Ufers, und das Thal von Gavatina lag vor uns, die Stätte wo Herr
Kleinschmidt seinen Wigwam aufgeschlagen hatte, kenntlich schon von Weitem
an der schwarzweissrothen Flagge, die vom Maste des vor Anker liegenden
Kutters wehte.
Eine weibliche Gestalt mit winkendem Taschentuch, die Gattin meines
Freundes, ein eingeborener Junge und einige kleine Hunde tauchten aus
dem Unterholz des Palmenhaines und erschienen auf dem Strande uns zu
bewillkommnen. Wir waren am Ziele, und es begann nun für mich
eine wundersame Idylle in tropischer Naturpracht und wohlthätiger
Abgeschiedenheit von europäischer Zivilisation, die leider nur zu kurz
währte.
Ganz Kandavu besteht aus Bergzügen von etwa 200 Meter durchschnittlicher
Höhe ohne bestimmte allgemeine Richtung und ist 50 bis 60 Kilometer lang
und durchschnittlich etwa 5 Kilometer breit. Da wo zwischen den gegen die
See vorspringenden bewaldeten Bergrücken Bäche herabkommen und alluviale
Dreiecke sich gebildet haben, stehen Palmenhaine und in diesen gewöhnlich
auch Dörfer. Gavatina ist ein solcher zur menschlichen Wohnstätte
geschaffener Platz. Ein Dorf hat einst hier gestanden, in welchem der jetzt
in Wailevu residirende Häuptling der Insel gar manches Kind gebraten haben
soll, und von dem gegenwärtig nichts mehr als der Name übrig geblieben
ist.
Zwei Hütten aus Palmblättern, von denen die grössere Herrn Kleinschmidt
und Gattin als Wohnung, Schlafgemach, Speisesaal, Waarenlager, Arbeitsraum
und Museum diente, während in der kleineren die beiden eingeborenen Jungen
Niketi und Ruma schliefen und für uns kochten, und ein Zelt, in welchem
ich mein hartes Lager aufschlug, bildeten unsere bescheidene Kolonie, rings
umwachsen und halb überdeckt von üppig wucherndem Farnkraut, Buschwerk
und Schlingpflanzen und beschattet von steifblätterigen Dilobäumen und
Kokospalmen, deren Kronen majestätisch im Winde sich schaukelten.
Zwanzig Schritte führten auf einem schmalen Pfad nach dem hellglänzenden
Seestrand, und draussen auf dem blauen Wasser lag der Kutter, in dessen
Miniaturkajüte Mister Daymac, Herrn Kleinschmidts Gehilfe, wohnte.
Nebst den genannten sechs Gliedern der menschlichen Gesellschaft rechneten
sich noch zwei Affen, die an einem Pfosten im Gebüsch angekettet waren und
sich Nachts in ein altes Segel wickeln durften, zwei Papageien in Käfigen,
eine glatthaarige Hündin mit zwei halberwachsenen Sprösslingen, die einem
immerfort an den Beinen herumzappelten und vor Freundlichkeit gar nicht
wussten, wie sie sich drehen und wenden sollten, ferner etliche Schweine
und Hühner zu den berechtigten Einwohnern von Gavatina, zwischen welchen
sich noch ein unzählbares illegitimes Gesindel von Ratten, Eidechsen und
Eremitenkrebsen, von Moskitos und Fliegen herumtrieb. Eine eigenthümliche
Zierde unseres niedlichen Gehöftes bereiteten hundert mächtige
langbeinige braunrothe Spinnen, indem sie äusserst regelmässige Netze, so
gross wie mittlere Wagenräder, zwischen den Bäumen und Sträuchern um uns
spannten.
Herr Kleinschmidt, schon seit mehreren Jahren in Viti ansässig, war erst
seit Kurzem von C. Godeffroy in Hamburg als Naturforscher angestellt
worden. Er hatte bisher die übrigen grösseren Inseln der Gruppe sammelnd
bereist. Kandavu war ihm noch neu, sein Aufenthalt hier auf drei Monate
projektirt, und waren diese um, so packte er wieder seine ganze Habe in
den Kutter und segelte von dannen, um irgend wo anders seine Hütte
aufzuschlagen, ein nomadisirender Pionier der Wissenschaft. Da ich
ähnliche Zwecke wie er verfolgte, so konnte mir nichts Glücklicheres
passirt sein, als dass mich der Zufall mit ihm zusammenbrachte. Wir gingen
miteinander in den Busch um Vögel zu schiessen und Pflanzen und Käfer
und andere Thiere einzuheimsen, zur Ebbezeit machten wir Ausflüge auf die
Riffe voll tropischen Lebens, und ausserdem setzten wir noch zwei längere
Partien, eine nach dem Ostende und eine nach dem Westende der Insel auf
unser Programm.
Obwohl mir, der ich zum ersten mal in der reichen Natur der heissen Zone
weilte, fast jede Stunde eine Fülle überraschender Eindrücke bot, so
fesselten doch auch hier mein Hauptinteresse die eingeborenen Menschen.
Den kleinen sanften Niketi, der etwa 12 Jahre alt sein mochte, hatte ich
schon in Wailevu, wohin ihn Herr Kleinschmidt mitgenommen, kennen gelernt.
Sein Kollege Ruma, vielleicht zwei Jahre älter als Niketi, war gänzlich
von ihm verschieden. Ruma war ein richtiger junger Kannibale, starkknochig
und ungeschlacht, mit einem mächtigen vorstehenden Gebiss, finsterem
Gesichtsausdruck und schielenden Augen, grausam gegen sich und andere. Sein
Körper trug zahlreiche Narben, und so lange ich in Gavatina war und ihn
beobachten konnte, beschäftigten ihn oft zwei Haufen von erbsengrossen,
eiternden Wunden, die er sich an beiden Oberarmen beigebracht hatte,
und mit denen er sich, wenn Besuche aus dem benachbarten Dorfe da waren,
produzirte, indem er die Krusten abriss, die so entstandenen frischen
Flächen mit Sand einrieb, mit Glasscherben kratzte oder mit einer
glühenden Kohle brannte, ohne eine Miene zu verziehen. Wenn er
unbeobachtet zu sein glaubte, schnitt er dafür nur um so schlimmere
Grimassen, und seine gezwungene Heiterkeit und Lebhaftigkeit dem Publikum
gegenüber, jedesmal wenn er eine derartige Operation an sich vollzogen
hatte, verriethen nur zu sehr seine schmerzhaften Empfindungen.
Ausser bei Ruma bemerkte ich noch bei einigen anderen braunen Jünglingen
solche Verletzungen. Dass sie sich gerade an den beiden Oberarmen quälten,
beruhte auf einem ähnlichen psychologischen Vorgang wie die Einführung
der Krinoline in Europa. Der Regierungsarzt in Wailevu war eben damit
beschäftigt, die Bevölkerung von Kandavu dörferweise zu impfen, und
Impfpusteln an beiden Oberarmen waren die neueste Mode. Manche mochten
es nun nicht erwarten können, bis sie auf offiziellem Wege des eiterigen
Schmuckes theilhaftig werden sollten. Oder wollten sie etwa die gesetzlich
angeordnete Impfung umgehen, indem sie simulirten, bereits geimpft zu sein?
Welch interessanter Fall für einen simulantengierigen Militärarzt.
Wenn Ruma einen Käfer gebracht hatte, den wir nicht brauchen konnten, so
ging er damit hinter den nächsten Busch, riss ihm erst langsam die sechs
Beine und die Flügel aus und frass ihn. Hatte er ein Huhn zu schlachten,
so wurde es erst gemartert, falls man ihn unbeaufsichtigt liess, und unsere
Braten trugen nicht selten die Spuren der an ihnen verübten Grausamkeiten
in der Form von Hautabschürfungen und Knochenbrüchen.
Uebrigens attrapirte ich auch einmal den anderen Schlingel, den sanften
Niketi mit dem scheinheiligen Gesicht, wie er ein Schweinchen, das er
abstechen sollte, zuvor mittels eines scharfen Glasscherben kastrirte, so
geschickt, dass kein deutscher Professor der Chirurgie ihn übertroffen
hätte.
Grausamkeit und Achtlosigkeit gegen Thiere bildeten überhaupt einen
hervorstechenden Charakterzug der Eingeborenen, der sich fast an jedem Huhn
oder Schwein dokumentirte, das wir kauften. Aber nicht blos Hühner und
Schweine trugen gewöhnlich Verletzungen, sondern auch andere Thiere, die
wir wegen ihres naturhistorischen Werthes von ihnen erhandelten, um sie
aufzubewahren. Deshalb werden diese Eingeborenen auch stets nur von sehr
untergeordnetem Werthe als Beihilfe zum Sammeln für den Naturforscher
sein. Ich habe kaum eine Schnecke oder ein Insekt von einem Eingeborenen
erhalten, welches unversehrt gewesen wäre. Gewöhnlich fehlten ein paar
Beine oder ein Fühler, oder die Schalen waren eingedrückt und an der
Mündung schartig.
Ruma und Niketi, deren Hütte an mein Zelt anstiess, wussten sich
Nachts immer viel zu erzählen. Sie hatten ein merkwürdig geringes
Schlafbedürfniss und plauderten oft Stunden lang miteinander, und wenn sie
schliefen, litten sie oft an schweren Träumen und seufzten und stöhnten.
Oft auch in kühlen Nächten husteten sie fast beständig. Mich dauerte
ihr nackter Zustand, und ich schenkte ihnen zwei alte Unterhemden. Diese
benützten sie aber nur, um während des Tages in der Sonnenhitze damit zu
paradiren, Nachts lagen sie eben so nackt wie vorher auf ihren Matten.
Obwohl unsere kleine Kolonie wie gesagt sehr versteckt und abgelegen war,
so fehlte es doch während des ganzen Tages nicht an Besuchern aus den
benachbarten Dörfern. Schon am frühen Morgen, wenn die Sonne noch hinter
den Bergen war und ringsum noch tiefes Schweigen herrschte, höchstens von
einem vorwitzigen Papagei unterbrochen, der von einer Palme zur anderen
fliegend sein unmelodisches Giek gak, Giek gak ertönen liess, und ich mich
eben unter meinem Zelte auf der harten Matte dichter in die Decke wickeln
wollte, kamen sie in hellen Schaaren heranzogen, lustig wie immer, schon
von Weitem durch einen munteren Gesang sich ankündigend.
Dass wir beide, Herr Kleinschmidt und ich, ausgemachte Narren waren,
unterlag für sie nicht dem geringsten Zweifel, wir, die wir den ganzen Tag
nichts thaten, als Käfer und anderes Gewürm in Gläser zu stecken,
Gras und Kräuter zu trocknen und Vögel abzubalgen. Aber wir waren
ihnen entschieden höchst interessante Narren. Namentlich ich. Denn Herrn
Kleinschmidt kannten sie schon länger und er kannte sie und alle ihre
Schliche und sprach auch ihre Sprache. Ich aber war ein ganz echter
Papalang, eben erst herzugereist und jedenfalls »sehr weit her«, wenn
sie auch ungläubig lachten, so oft Herr Kleinschmidt ihnen sagte, dass
ich fünfzig Tage und fünfzig Nächte mit dem grossen Feuerkanuu fahren
müsste, um nach Hause zu kommen.
Ich hatte ausserdem noch eine ganz neue verrückte Liebhaberei, nämlich
zuweilen mit der Scheere unter sie zu treten und Haarproben aus ihren
dicken Perrücken herauszuschneiden und sammt den daranhaftenden Nüsschen
in Papierkapseln zu wickeln, was jedesmal ein grosses Halloh erregte. Auch
war ich toleranter gegen ihre Neugierde als Herr Kleinschmidt, der sie
immer gleich wegjagte, wenn sie ihm zu sehr im Wege standen. Ich liess sie
bei Allem zusehen, und höchstens wenn ein paar Mädchen sich mit ihren
Brüsten zu dreist über meine Schultern lehnten, machte ich eine rasche
Bewegung, als ob ich hineinbeissen wollte, so dass sie zeterschreiend auf
einen Augenblick davonliefen.
Für unseren Sammeleifer hatten die Wilden nicht das geringste
Verständniss. Als ich einst im Walde einem neugierigen Kerl begegnete, der
gerne wissen wollte, was ich in meiner Pflanzenmappe hätte, so dass ich
ihm den Inhalt zeigte, kam er bald darauf wieder zu mir mit einem ganzen
Korb voll Gras und Blätter und wollte einen Shilling dafür haben.
Nächst uns übten die zwei Affen eine grosse Anziehungskraft auf unsere
Besucher. Ganze Nachmittage konnten sie um dieselben herumhocken und sich
an ihren zornigen Grimassen und possirlichen Sprüngen ergötzen. Aber sie
durften ihnen nicht zu nahe kommen. Denn die Affen hassten wüthend die
braune Rasse. Wenn wir alle zusammen ausgingen, konnte die Hütte nicht
besser von Neugierde und Unfug geschützt werden, als indem man die Affen
unmittelbar vor der Thüre ankettete. Kein Viti wagte sich in ihr Bereich.
Schon am ersten Tage nach meiner Ankunft lernte ich den alten Häuptling
der Insel, den »Tui Kandavu«, kennen. Er wollte mit der englischen
Regierung nichts zu thun haben und hatte deshalb beim Beginn einer neuen
Ordnung der Dinge nach der Annexion seine Würde an einen jüngeren
Häuptling, der jetzt in Wailevu residirt, abgetreten, um in stiller
Zurückgezogenheit in dem uns benachbarten Dorf Sanima das Ende seiner Tage
abzuwarten.
Der Tui ist eine achtunggebietende malerische Erscheinung. Ein würdiger
Greis von hoher Statur, den Oberkörper mit einem feinen europäischen
Hemd, die Hüften mit einem langhinabreichenden braungemusterten Stück
Tapa, welches eine gefranzte Schärpe schneeweisser Tapa festhält,
bekleidet, barfuss und unbedeckten kahlen Hauptes erinnert er an etwas
dunkel gehaltene Apostelfiguren der Heiligenbilder. Ein weisser Vollbart
umrahmt das ernste strenge Gesicht, und ein asthmatischer Husten an dem
er litt gaben diesem einen schmerzlichen Ausdruck. Er kam in einem Kanuu
herangerudert, um mich zu konsultiren, da die Kunde meiner ärztlichen
Eigenschaft bereits nach Sanima gedrungen war.
Unsere Jungen und seine Begleiter, von denen einer eine alte zerrissene
amerikanische Uniform aber keine Hose trug, erwiesen ihm die grösste
Ehrfurcht und schienen vor ihm viel mehr Respekt zu haben als vor uns
Weissen. Er trank eine Tasse Schokolade mit uns, über die er
sich wohlgefällig äusserte, und rauchte dann eine Suluka. Zwei
Schiffszwiebacke, die ihm vorgesetzt wurden, steckte er wie Pistolen in die
Gürtelschärpe um sie seiner Frau zu bringen. Keiner der Jungen wagte es,
sich ihm anders als in geduckter Haltung zu nähern, und wenn sie ihm etwas
reichten, kauerten sie nieder und klatschten dreimal in die Hände.
Das dreimalige Händeklatschen bei Ueberreichung irgend eines Gegenstandes,
einer Schale Wasser, einer Suluka, eines Feuerbrandes oder was es auch sei,
beobachtete ich überall auf Kandavu als noch in Geltung. Später einmal
sah ich in Sanima eine sehr komische Degeneration jener alten Sitte.
Ein Kerl hatte dem Tui eine Zigarette gewickelt, in seinem eigenen Munde
angezündet und übergab sie, wobei selbstverständlich geklatscht werden
musste. Statt nun aber erst lange niederzuhocken, hob er einfach den
rechten Oberschenkel in die Höhe und klatschte dreimal auf dessen
Rückseite, nicht etwa zum Spass, sondern nur aus Schlendrian und
Faulheit. Denn er machte dabei ein ganz ernsthaftes Gesicht, und keiner der
Beistehenden schien Anstoss daran zu nehmen.
So schwindet das alte sehr ausgebildete Zeremoniell der Südseeinsulaner
immer mehr dahin, welches ehemals so weit ging, dass alle Untergebenen
stolpern und niederfallen mussten, wenn ihrem Höheren Solches passirte.
Deshalb waren, wie die ersten Missionäre erzählen, ihre Diener und
Begleiter auch immer so ängstlich, wenn es sich um das Passiren einer
Brücke handelte, die hierzulande nur aus einem oder zwei dünnen
Palmstämmen bestehen. Stürzte der Missionär in den Abgrund, so mussten
auch sie ihm folgen.
Meine Anwesenheit in Gavatina war ein wichtiges Ereigniss für die
neugierige Einwohnerschaft der Umgebung. Am folgenden Tag kam auch die
Gemahlin des Tui, eine noch sehr rüstige alte Dame, die »Marama«, wie
sie anzureden ist, von Sanima herüber. Auch ihr bezeugten unsere Jungen
und ihre Begleiter die geziemende Ehrfurcht.
Die sogenannten Wilden überraschten mich durch eine viel grössere
geistige und gemüthliche Begabung als ich erwartet hatte. In Bezug auf
Intelligenz schienen sie mir entschieden nicht tiefer zu stehen als unsere
Bauern, in Bezug auf die Anmuth ihrer Erscheinung und ihres Benehmens
meist höher. Ihr gutmüthiges, freundliches, heiteres Wesen musste Jeden
gewinnen, der über das Vorurtheil der Hautfarbe erhaben war. Allerdings
blieb ich nicht lange genug auf Kandavu, um den Reiz der Neuheit, der mir
nur die liebenswürdigen Seiten an ihnen wahrnehmen liess, zu verlieren,
und gewiss musste ich Herrn Kleinschmidt Recht geben, wenn er mir
versicherte, dass meine Vorliebe für die braunen Naturkinder nach wenigen
Monaten weichen würde. Wie oft schon haben anderwärts in weniger zahmen
Gegenden Reisende durch den ersten Eindruck sich täuschen lassen
und ausgerufen »das also sollen die gefürchteten, schrecklichen
Menschenfresser sein, es sind harmlose, liebenswürdige Kinder«, und am
nächsten Tag wurden sie von den liebenswürdigen Kindern aufgefressen.
Diese Gefahr nun ist auf Kandavu und wahrscheinlich auf ganz Viti nicht
mehr zu fürchten. Die Vitis gehören dem europäischen Einfluss an, und
die einzelnen vagen Behauptungen, dass es im Innern von Vitilevu noch
Kannibalen gebe, sind nicht erwiesen.
Man warnte mich oft vor Dieben. Aber obgleich die primitiven
Wohnverhältnisse keinen Verschluss gestatteten, ist mir in Gavatina
niemals etwas gestohlen worden, ganz im Gegensatz zu den von den Europäern
gehörten Behauptungen über die Stehlsucht der Vitiinsulaner, von welchen
die mildeste dahin lautete, dass sie nur an Sonntagen eine Ausnahme machten
und die Tugend der Ehrlichkeit übten. In Bezug auf Munition mag allerdings
Vorsicht nöthig sein. Es ist verboten, den Eingeborenen Gewehre und
Schiessbedarf irgend welcher Art abzugeben, und mit solchen Dingen dürfte
es sich eben verhalten, wie mit allen verbotenen Früchten.
Im Ganzen schienen mir diese nackten schlanken und muskulösen Insulaner
die glücklichsten Menschen zu sein, die man sich denken kann. Die
Missionäre haben es noch nicht vermocht, ihnen ihre natürliche kindliche
Heiterkeit zu rauben, und es ist erfreulich, dass auch in Bezug auf ihre
ursprüngliche einfache Tracht die Christianisirung nicht viel geändert
hat -- erfreulich, weil europäische Kleider sie nur verweichlichen
dürften, da sie dieselben nicht zu gebrauchen verstehen. Sie würden sie
wahrscheinlich nur während des Tages anziehen, um in der Sonnenhitze damit
Staat zu machen, bei Nacht aber würden sie die kostbaren Gegenstände zur
Schonung sorgfältig einpacken und sich nackt auf ihre alten Matten legen,
wie mir das Beispiel von Niketi und Ruma und später noch andere bewiesen.
In der vorchristlichen Zeit trugen die Männer ihr starkes und langes
krauses Haar in die Höhe und Breite ausgezupft, so dass mächtige
Perrücken entstanden, welche sogar geeignet waren die Wucht von
Keulenschlägen abzuschwächen. Diese Perrücken wurden in der
mannigfaltigsten Weise geformt und verziert, manche glichen dem bayerischen
Raupenhelm. Um die Lenden schlangen sie sich aus einem schmalen Stück
Basttuch ein Suspensorium, den »Malo«, zurecht. Die Weiber schoren sich
auch damals schon die Haare kurz und banden um die Hüften den »Liku«,
einen 50 bis 80 Zentimeter langen Rock aus schmalen Schilfblättern, die
an einem Strick aus Kokosnussfasern angereiht sind. Dieser vorchristliche
heidnische Zustand in der Tracht soll noch im Innern der grossen Insel
Vitilevu bei den wenigen noch nicht unterworfenen Stämmen herrschen.
Ueberall wo die Missionäre gebieten, scheeren sich jetzt beide
Geschlechter die Haare kurz, und beide tragen den Sulu, ein klafterlanges
Stück Baumwollenzeug um die Hüften geschlungen. Zum Fischen indess ziehen
die Weiber noch immer den altmodischen Liku an, weil dieser in der Nässe
bequemer ist als der anklebende Sulu, und hier sind sie also noch immer so
echt wie vor zwanzig oder dreissig Jahren.
Das Tätowiren war bei den Vitis niemals im Schwung. Blos erlauchte
Häuptlingsfrauen liessen sich früher an beide Mundwinkel je einen
markstückgrossen runden blauen Tupfen eintätowiren, was hie und da noch
an alten Individuen zu sehen ist. Dagegen liebten es die vornehmen Krieger,
sich das Gesicht mit rother, weisser und schwarzer Farbe in regelmässigen,
meist geradlinigen Ornamenten, aber stets möglichst fürchterlich zu
bemalen.
Die Wohnungen der Vitis sind niedrige länglich viereckige Hütten
aus Laubwerk, Palmblättern oder Schilfrohr, welche Materialien in
verschiedenen Mustern über ein festes Pfahlwerk aus Holz gebunden werden.
Charakteristisch für die alte echte Bauart sind die beiden Enden des
Giebelbaumes, indem sie, aus schwarz gekohlten nach aussen konisch
verdickten Baumfarren-Stämmen bestehend, von den Kanten des Daches
ein Meter weit hervorragen. Die Thüren sind so niedrig, dass man nur
hineinkriechen kann, und gegen die Schweine, die frei in den Dörfern
herumlaufen, mit einem Vorbau kurzer Pallisaden geschützt. Der Boden im
Innern ist mit Matten belegt, die mit Farnkraut unterpolstert sind, so dass
man sehr weich darauf liegt. Er wird äusserst reinlich gehalten. Darauf zu
spucken wäre ein grober Verstoss. Wer ausspucken will, muss den nächsten
Zipfel einer Matte aufheben und darunter auf das Farnkraut spucken. Dies
gilt natürlich nur bei den Vornehmen, arme Leute sind weniger skrupulös.
Ein Bett hat der Viti-Insulaner nicht. Er schläft auf seinem weichen
Mattenboden, neben ihm brennt ein kleines Feuer an der Wand, welches er
von Zeit zu Zeit mit einem Fächer anwedelt, als Kopfkissen dient ihm ein
Stück Bambusrohr, das an beiden Enden auf je zwei Füsschen ruht. So liegt
er nackt und meist ohne Decke da, höchstens dass er vielleicht die unter
ihm befindliche steife Matte aufbiegt und halb um sich rollt, häufig
seinen Schlaf unterbrechend, um das Feuer neben sich anzufachen. Die
Nächte sind manchmal sehr kühl, und man hört dann die nackten Menschen
beständig husten.
Bei den Aermeren ist in derselben Hütte, in welcher die ganze Familie
schläft, gewöhnlich noch ein grösserer Feuerplatz in einer Ecke, zum
Kochen bestimmt. Hier liegen horizontal zwei grosse und schwere Töpfe,
deren Form ganz genau dem Nest der Töpferbiene nachgeahmt, aber zu dem
Durchmesser von einem halben Meter vergrössert ist. In diese Töpfe wird
nun alles zusammen hineingeschoben und gegossen was gekocht werden
soll, und die enge Oeffnung mit einem Stöpsel aus zusammengebundenen
Cordyline-Blättern verstopft. Bei den Reicheren sind zum Kochen eigene
Hütten vorhanden, in denen die Frauen schlafen. Der wohlhabende und
vornehme Mann schläft nur mit den Männern seines Gefolges zusammen.
Ehegatten leben zu Hause getrennt und geben sich draussen im Walde
Rendezvous. So will es die alte Viti-Sitte, die noch vielfach in Kraft
steht, wenn sie auch jetzt nach Einführung des Christenthums, das jedem
gestattet ein Weib zu besitzen, nur noch beim alten Adel zu beobachten ist.
In jeder Hütte findet man hohle Kokosnüsse als Wassergefässe an der Wand
hängen. In einem der Löcher am stumpfen Ende der Nuss ist eine Schnur
durch einen Pflock festgeklemmt, an jeder Schnur baumeln auf diese Weise
zwei Nüsse, so dass sie bequem paarweise um den Nacken gehängt werden
können, wenn die Weiber ausgehen um im nächsten Bach Wasser zu holen.
Die beiden andern Löcher sind durch kleine Keile von zusammengerollten
Blättern verschlossen. Aus diesen Gefässen zu trinken ist nicht ganz
leicht. Man muss sich das Wasser aus einer gewissen Entfernung in den Mund
giessen. Die Lippen an die Oeffnungen zu legen gilt für sehr unanständig.
Das Mobiliar einer Viti-Hütte ist somit von klassischer Einfachheit.
Die unterpolsterten Matten, einige Bambus-Kopfkissen, eine oder zwei
Feuerstellen, einige Fächer, die zwei Kochtöpfe und etwa sechs paar
Kokosnuss-Wassergefässe, mehr braucht eine Viti-Familie nicht in ihrem
Daheim und zu ihrem Glück.
Ueber die Stellung der Viti-Insulaner in der Klassifikation des
Menschengeschlechts herrscht grosse Zerfahrenheit unter den Systematikern.
Gerland (1872) rechnet sie zu den Melanesiern, zu denen er auch die Papuas
zählt, Müller (1873) ebenfalls zu den Melanesiern, die bei ihm eine
Unterabtheilung der Malayen sind, welche er in Polynesier, Melanesier
und eigentliche Malayen scheidet, Peschel (1874) zu der mittlerweile
selbständig gewordenen Rasse der Papuas, Meinicke (1875) zu den
Polynesiern. Die Vitis liegen eben gerade noch an der Grenze jenes
Erdenwinkels, dessen buntes Gewimmel kleiner Inselvölkchen noch nicht
genug aufgeklärt ist. Vielleicht dass man die Begriffe Polynesier,
Melanesier und Mikronesier -- auch etymologisch und allgemein logisch
unglücklich gewählt -- aufzugeben und nur noch Malayen und Papuas mit
verschiedenen Zwischen- und Mischformen beizubehalten haben wird. Die sehr
wohlklingende Sprache der Vitis ist malayo-polynesisch. In der Haarbildung
nähern sie sich dem Papua-Typus.
Obgleich ich nur auf Kandavu war, so glaubte ich doch die Bewohner dieser
Insel als echte Repräsentanten der ganzen Gruppe betrachten zu dürfen, da
ich dort auch viele zugereiste Eingeborene von anderen Vitiinseln sah, ohne
einen Unterschied derselben entdecken zu können. Es sind allerdings auf
Kandavu auch eingewanderte Tonganer vorhanden, namentlich in dem grossen
und wohlhabenden Dorfe Dalingele an der Südseite des Bukelevu. Diese sind
aber sofort auf den ersten Blick als solche zu erkennen an ihrer auffallend
hellen, fast pomeranzengelben Farbe. Ebenso sind auf Kandavu als Kulis
eingeführte Neu-Hebriden-Insulaner zu sehen, deren grauschwarze Haut im
Gegensatz zu dem warmen Braun der Vitis, dem man beim Malen entschieden
Gelb beimischen muss, einen bläulichen Duft zeigt.
Die Vitis sind wie gesagt schöne, schlanke, muskulöse Menschen. Sie
sind wohl im Durchschnitt länger und kräftiger als die Europäer,
mehr gleichlang und mehr gleichentwickelt, ohne die Extreme der bei uns
vorkommenden Riesen und Zwerge, Dickwänste und Klapperskelette. Ihre
Gesichtszüge sind meistens angenehm, oft edel, selten so roh und brutal
wie man bei den Söhnen der schlimmsten Kannibalen, welche die Geschichte
der Menschheit kennt, erwarten möchte. Die Nase ist breit, die Nüstern
sind ebenso wie bei den Polynesiern etwas weit geöffnet, die Jochbogen nur
mässig oder wenig vorspringend. Der Mund ist sinnlich voll, ohne unschön
zu sein. Die horizontal geschlitzten Augen sind dunkelbraun, die Haare
schwarz, in der Regel aber künstlich ins Röthliche gefärbt, die Haut
braun, schokolade- bis rothbraun, bald heller, bald dunkler. Von dem
bläulichen Schimmer der Haut, der ihnen beigelegt wird (Gerland,
Peschel) habe ich nichts wahrnehmen können. Das Haar ist kraus und wird
gegenwärtig allgemein sehr kurz gehalten. Ich habe das für die Papuas
von A. R. Wallace als charakteristisch angegebene Pudelhaar nur einmal bei
einem Mädchen von etwa fünf Jahren gesehen. Das ganze Kopfhaar war hier
in einzelne Löckchen von sieben Zentimeter Länge verfilzt, es wuchs aber
gleichmässig über den ganzen Kopf aus der Haut, nicht in Büscheln
wie bei den Schuhbürsten. Barrow hat nämlich den Hottentotten dieses
Schuhbürstenhaar nachgerühmt. Und Hottentotten und Papuas stehen bei
Häckel neben einander als Büschelhaarige. Der Bartwuchs ist bei vielen
Vitis, namentlich adeligen, reichlich. Greise haben weisse Haare und
weissen Bart.
Unter den jüngeren Weibern giebt es hübsche, anmuthige Gestalten mit
freundlichen Zügen. Ihre Formen sind zuweilen sehr üppig. Im allgemeinen
aber fehlt den nicht mehr in der ersten kurzen Blüthe befindlichen Frauen
die Grazie der europäischen Weiblichkeit, sie nähern sich zu sehr dem
männlichen Typus, wozu auch noch der Umstand beiträgt, dass sie die Haare
kurz geschoren tragen, und sie werden sehr rasch welk und alt. Die Brüste,
auch der eben erst reif gewordenen Mädchen, zeichnen sich aus durch
eine auffallende Hervorragung des Warzentheils, der leicht abgeschnürt
erscheint und so dem ganzen Organ etwas Birnförmiges verleiht.
Es ist ein grosser Unterschied ob man diese sogenannten Wilden in der Ruhe
oder in der Bewegung betrachtet. In der Ruhe, wenn sie so gerade vor sich
hinstieren und vielleicht auch wohl den Mund offen stehen lassen, sehen
sie gewiss nicht vortheilhaft aus. In der Bewegung aber, wenn sie lebhaft
gestikulirend mit einander sprechen und lachen -- und sie lachen fast immer
-- wenn ihre herrlich weissen Zähne und ihre dunklen Augen blitzen und
funkeln, gewähren sie ein höchst anziehendes Bild von Kraft und Frische,
Urwüchsigkeit und Wildheit. Desshalb wird auch die beste Photographie
immer weit zurückbleiben hinter dem unmittelbaren lebendigen Eindruck,
den diese Naturmenschen auf den Beschauer ausüben, und nie eine richtige
Vorstellung geben. In den Hütten sitzen sie gewöhnlich mit gekreuzten
Beinen auf ihren Matten, im Freien aber kauern sie am liebsten nieder, ohne
mit dem Hintertheil den Boden zu berühren, die Sohlen ruhen voll auf der
Erde, und sie sitzen dabei förmlich auf ihren Waden.
Die Nahrung der Vitis ist eine vorzugsweise vegetabilische. Taro und Yams,
Kumala, Bananen und Brodfrüchte liefern die Hauptgerichte. An Kokosnüssen
ist kein Mangel, aber sie sind von den Missionären »tambu« erklärt, und
fast vor jedem Kokospalmenhain stecken drei oder vier lange Stangen in der
Erde, an deren Spitzen Strohbüschel hängen, das Zeichen des »Tambu«.
Denn in Kokosnüssen haben die Eingeborenen ihren Zehnt an die Missionäre
und ihre Steuer an die englische Regierung zu zahlen. Der Botaniker
Seemann, der 1860 und 1861 die Vitiinseln in offiziellem Auftrage bereiste,
sagt dass die Yamswurzel die Hauptnahrung der Vitis sei. Auf der Insel
Kandavu scheint mir indess Taro überwiegend gebaut zu werden, vielleicht
wegen der hier zahlreicheren kleinen Gebirgsbäche, die zu Sümpfen
aufgestaut, sich besonders gut zur Anlegung von Taro-Pflanzungen eignen.
Die Taropflanze ist eine Colocasia und die Yamspflanze eine Dioscorea.
Letztere wird auf Aeckern in einzelnen Erdhäufchen, welche wie
Maulwurfshügel aussehen, gezogen. Die Kumala oder süsse Kartoffel oder
Batate ist ein Convolvulus und hat mit unserem Solanum nichts gemein als
ihren deutschen und ihren englischen Namen. Taro, Yams und Kumala, Bananen
und Brodfrucht werden gekocht gegessen.
Schweine und Hühner sind in jedem Dorfe vorhanden, sie werden aber nur
bei hervorragenden festlichen Gelegenheiten, und dann in um so grösseren
Quantitäten, verzehrt. Fische alle Tage und Schildkröten ziemlich selten
liefert die See. An regelmässige Mahlzeiten scheinen sich die Eingeborenen
nicht zu binden. Die auf den Riffen erbeuteten Fische werden entweder in
Körbchen nach Hause getragen oder sogleich an Ort und Stelle verzehrt.
Die Jungen, die mit hinausbummeln, tragen glimmende Holzscheite mit und
schwingen sie von Zeit zu Zeit im Kreise, um sie in Brand zu erhalten.
Haben sie einen kleinen Fisch, so wird er kurzweg lebendig auf die Gluth
gehalten, um erst die eine Seite, dann die andere ein bischen anzuschmoren,
in den Mund geschoben und abgebissen. Vor jedem Dorfe das am Strande liegt
sind draussen an einer tieferen Stelle im Wasser Stangen kreisförmig dicht
neben einander in den Grund gesteckt und oben durch Stricke verbunden,
Käfige in die man die Schildkröten einsperrt bis man sie schlachten will.
Die zahlreichen Papageien und Tauben des Waldes tragen nichts zur Küche
des Viti-Insulaners bei. Es ist ein grosses Glück für die ornithologische
Fauna der Inseln, dass jene mit den Gewehren die sie besitzen nicht
umzugehen verstehen. Teller, Gabeln und Messer hat man für gewöhnlich
nicht. Man isst mit den Fingern beider Hände, die Speisen werden
sehr reinlich auf Blättern servirt. Früher bediente man sich für
Menschenfleisch besonderer geheiligter Gabeln aus Holz.
Ihre Sprache, welche eine Abart des Polynesischen ist, während sie selbst
dem Körperbau nach zu den Papuas gehören, klang mir womöglich noch
wohllautender, als das Maori der Neuseeländer. Dabei lässt ihre
Artikulation an Deutlichkeit nichts zu wünschen, ganz im Gegensatz zu
jener des Englischen. Welche Mühe kostet es dem Anfänger, das gesprochene
Englisch zu verstehen, jeder Engländer scheint ihm anders zu reden. Im
Viti aber braucht man ein Wort blos einmal gehört zu haben, um es später
sofort wieder zu erkennen.
Die Vitis sprechen alle das reine linguale R, während bei den Hawaiiern,
deren Konversation ich später belauschen sollte, das gutturale R
vorherrscht. Mit den Samoa-Insulanern haben sie die Ausnahme gemein, ein
S zu besitzen, welches den übrigen Polynesiern fehlt. Das aspirirte S
dagegen, unser Sch, besitzen sie nicht und scheinen es meist durch
das ihnen eben so wie den Arabern, Griechen, Spaniern und Engländern
eigenthümliche Theta (scharfes englisches Th) zu ersetzen. Ich hörte
statt »Shilling« immer nur »Thilling«. Eine andere Eigenthümlichkeit,
welche an die Sprachen der westafrikanischen Neger erinnert, besteht darin,
dass sie den Buchstaben D, G, K und M fast immer ein N, und dem B ein M
als Vorschlag voransetzen. Die Missionäre als erste Vitigrammatiker haben
deshalb die Schreibweise Kadavu, Bega, Bau (drei Inseln), Thakobau (der
ehemalige König), Buke (Berg), Dalo (Taro), Malatta, Galoa (die beiden
Buchten) eingeführt, während man Kandavu, Mbenga, Mbau, Thakombau,
Mbuke, Ndalo, Nmalatta oder Namalatta, Ngaloa oder Angaloa sagt, indem sie,
wunderlich komplizirend, die richtige Aussprache von der Kenntniss
dieser Regel und der dazugehörigen Ausnahmen abhängig machten. Zur
Transskription des Vitilautes Th (= dem englischen weichen Th) haben
manche das C verwendet. Deshalb liest man auch Cakobau.
Es giebt eine Menge Dialekte im Viti, wenn man fein unterscheiden will,
vielleicht eben so viele als einzelne Inseln. Daher kam es, dass ich
für meine gesammelten Pflanzen, wenn ich sie wiederholt verschiedenen
Eingeborenen vorlegte, um ihre Namen zu erfahren und festzustellen, oft von
jedem einen anderen erhielt, weil die Gefragten von verschiedenen Inseln
stammten.
Die Adeligen und Vornehmen der Vitis waren früher die schlimmsten
Kannibalen der Erde. Ursprünglich war das Menschenfressen ein religiöser
oder patriotischer Gebrauch. Man triumphirte über die erschlagenen Feinde
indem man sie auffrass. Später scheinen sich Prahlerei, Leckerei und
andere niedrigere Motive geltend gemacht zu haben. Man wollte sich
gegenseitig in der Anzahl der gefressenen Menschen überbieten, und es kam
so weit, dass die Untergebenen niemals sicher waren, eines schönen Tages
den Appetit ihrer Herren zu reizen. Ich glaube nicht, dass man alles für
wahr zu halten braucht, was von den Missionären hierüber berichtet
wird, von den Missionären, denen daran gelegen sein musste, die Heiden
möglichst schwarz und damit den Glorienschein ihrer Bekehrung möglichst
strahlend zu machen. Ich vermag auch durchaus nicht vor dem Kannibalismus
eben so entsetzt die Augen zu verdrehen, wie diess für manche zum guten
Ton zu gehören scheint, wenn ich an die Rechtsgebräuche unserer biederen
Vorfahren denke. Mir liegt das Abscheuliche an dem Kannibalismus nur in der
willkürlichen Tödtung einzelner Individuen durch die Mächtigen -- ein
Frevel, an dem es in unserer Geschichte doch wahrlich auch nicht fehlt
-- nicht in dem Auffressen der Leichen, dem vielleicht bei dem Mangel
grösserer Thiere ein physiologisches Bedürfniss zu Grunde lag. Dennoch
kann niemand läugnen, dass die Zustände der Vitis in der vorchristlichen
Zeit grässlich genug waren. Es wird mit allem Anschein der
Glaubwürdigkeit erzählt, dass ein Mann einmal seine Frau, mit der er in
Eintracht lebte, lebendig in den Ofen schob, kochte und frass, blos um
den Ruf eines fürchterlichen Menschen, eines »verfluchten Kerls«, zu
erlangen.
Jetzt giebt es in Viti wohl keine Menschenfresserei mehr. Man behauptet
zwar, dass im Innern der grossen Insel derlei noch vorkomme, ohne jedoch
Beweise zu haben. Erzählungen hierüber, wie über alles Sensationelle,
sind stets mit der grössten Vorsicht aufzunehmen.
Man nimmt auch von den Vitis an, dass sie aussterben. Sollte dies wirklich
der Fall sein, was nicht entschieden werden kann, solange noch keine
Zählungen sondern blos Schätzungen vorliegen, so geschieht es
wahrscheinlich nur durch akut auftretende Epidemieen, nicht aber chronisch
und stetig durch immerwährende schädliche Einflüsse, wie bei den Maoris
und bei den Hawaiiern. Während die Maoris und die Hawaiier, beide in Folge
der Liederlichkeit und Minderzahl ihrer Weiber, erstere ausserdem noch
in Folge von Trunksucht, ihrem Untergang entgegensehen, erfreuen sich die
Vitis des Rufes grosser Keuschheit und enthalten sich, von der Regierung
sorgfältig überwacht, der streng verbotenen Spirituosen. Während auf
Neuseeland und namentlich auf Hawaii kleine Kinder unter den Eingeborenen
ziemlich selten sind, wimmelt auf Viti jedes Dorf von Nachkommenschaft und
lässt sich fast aus jeder Hütte das Quieksen eines Säuglings vernehmen.
Während also unter den Viti-Insulanern die Bedingungen für ein
chronisches stetiges Aussterben zu fehlen scheinen, hat bereits einmal
ein akutes aber vorübergehendes Moment die Bevölkerung dezimirt, eine
Masernepidemie nämlich, welche in der ersten Hälfte des Jahres 1875, mit
einer Heftigkeit die bei der weissen Rasse unerhört ist auftretend, in
manchen Dörfern die Hälfte der Einwohnerschaft ohne Unterschied des
Alters hinwegraffte, kurz nachdem Viti englisch geworden war. Ich fürchte,
dass Tuberkulose als die Nachwirkung jener Katastrophe seitdem unter
den Viti-Insulanern ziemlich häufig ist, wie ja auch bei uns in den
Generationen, welche von grossen Masernepidemieen betroffen wurden, die
Prozentsätze der Tuberkulose zu steigen pflegen.
Vor der Ankunft der Europäer gab es auf Viti keine Infektionskrankheiten.
Selbst die giftigen Thiere sind hier auf ein Minimum beschränkt, nur zwei
Arten, ein Skorpion und ein Skolopender, vertreten dieselben in ziemlich
harmloser Weise. Dysenterie soll hie und da vorkommen, aber auch erst durch
die Europäer eingeschleppt.
Es war durchaus nicht der beste Schlag von Eingeborenen, der in unserer
Nähe wohnte und uns häufiger besuchte. Auf den beiden Ausflügen nach
dem Ostende und nach dem Westende der Insel habe ich später viel
schönere Vitis kennen gelernt. Einigemal sah ich in Gavatina hässliche
Drüsennarben am Halse und schlechte Zähne bei Mädchen und Jungen, was
darauf hindeutet, dass auch diese glücklichen Wilden nicht frei sind vom
Fluch der Skrophulose.
Was wir von den Eingeborenen kauften, wurde in der Regel mit Waaren
bezahlt. Messer und Scheeren, Aexte und Angelhaken, Baumwollenzeug, zwei
Ellen mit den ausgespannten Armen gemessen gleich einem Sulu, Glasperlen,
Nähfaden und rothe Wolle, womit die Matten aus Pandanusblättern an den
Rändern verziert werden, waren die hauptsächlichsten Tauschartikel. Die
Insulaner prüften Alles sorgfältig, ob es auch gut sei, ehe sie nahmen.
Das »Billig und schlecht« soll auch ihnen bereits bekannt sein. In
denselben Artikeln bestanden unsere Gastgeschenke, wenn wir auf Exkursionen
bei einem Häuptling übernachteten.
Ueberall wo der schöne hellblinkende Korallensand das Ufer bedeckt,
schiebt sich von innen heraus als erste Vegetationszone ein flach auf
dem Boden fortkriechender dickblätteriger Convolvulus mit rosenfarbenen
Blüthen vor, die schönste und stylvollste Besäumung der Palmenhaine, die
man sich denken kann. Dies scheint die einzige kleinere Pflanze zu sein,
die selbst des geringsten Schattens entbehren kann, aber auch nur, indem
sie in geschlossenen Massen der Sonnenhitze entgegentritt. Die Grenzen
ihres Bereiches sind scharf abgeschnitten, und einzelne eigenmächtig
vordringende Ranken verfallen dem Tode.
Etliche Schritte einwärts beginnen die Palmen. Der Convolvulusteppich wird
spärlicher, und ein verworrenes Strauchwerk von Ricinus, Croton, Farnen
und hohem Gras breitet sich unter ihnen aus. Hie und da ragen mächtige
durch ihre knorrigen Zweige an unsere Eichen erinnernde Dilobäume mit
steifen lorbeerähnlichen Blättern weit über alles Andere hervor. Häufig
sieht man die Reste verlassener Baumwollenpflanzungen mitten zwischen
Gestrüpp und im ungleichen, hoffnungslosen Kampf mit diesem. Solcher Art
ist auch der Charakter unseres stillen Thales von Gavatina.
Einen Büchsenschuss vom Strande entfernt rücken die Berge zu einer
schmalen Schlucht zusammen, durch welche ein murmelndes Bächlein
herabsteigt. Am Fusse der Berge beginnt der Busch. Schmale und steile Pfade
winden sich in ihm aufwärts, von den Eingeborenen ausgetreten, welche dort
oben Holz, Lichtnüsse und Zitronen holen oder in ausgebrannten Rodungen
Bergtaro bauen. Oft hören diese Pfade plötzlich auf, und will man dann
noch weiter im Dickicht dringen, so stemmen sich Hindernisse entgegen,
deren Grossartigkeit aller Beschreibung spottet.
Gleich der erste Ausflug, den ich mit meinem Gastfreund und dessen Burschen
Niketi unternahm, gab mir einen Begriff von den Schwierigkeiten des
Naturforschens in tropischer Vegetation.
Mit Flinten und Schiessbedarf, Schachteln und Gläsern, Pflanzenpapier und
Baumwolle ausgerüstet, alle Taschen dick bepackt, kletterten wir durch
einen halbvertrockneten Wasserlauf voller Felsblöcke die jungfräulichen
Urwaldgründe hinauf, der kleine nackte Niketi gewandt voran, obgleich er
der Schwerstbeladene von uns dreien war und bei dem Mangel an Taschen in
der einen Hand eine Blechbüchse mit Gypspulver zum Bestreuen der blutenden
Wunden geschossener Vögel, in der anderen eine Spiritusflasche zu tragen,
überdies einen für ihn viel zu grossen Ranzen umgehängt und später auch
noch den ebenfalls viel zu grossen Filzhut seines Herrn, der diesem lästig
wurde, auf den Kopf gestülpt hatte.
Je höher wir kamen, desto enger drängte sich das Gewirr der Bäume,
Sträucher und Lianen über uns zusammen. Dunkelrothe Papageien flogen, ein
langweiliges Giek gak ausstossend und ihren Schwanz breit entfaltend, über
uns hin. Aber um diese gemeinen Vögel war es uns heute nicht zu thun. Herr
Kleinschmidt wollte eine kleine niedliche hellgrüne Taubenart mit gelben
Köpfen schiessen, die nur ganz oben zu finden ist. Noch eine gute Strecke
aufwärts war zu überwinden, und wir sahen uns plötzlich mitten im
pfadlosen Dickicht. Mein Freund war schon öfter diesen Weg gekommen, aber
keine Spur seiner früheren Bahnen liess sich entdecken.
Durch das Laub war gerade noch die Richtung der Sonne zu errathen.
Baumstämme jeden Kalibers, Felsblöcke und mannstiefe Löcher, Alles
überwuchert von hundert verschiedenen Pflanzen, bildeten den Boden. In
allen Richtungen kreuzten sich die Lianen, legten sich bei jedem Schritt
vorwärts um Arme und Beine, um die Brust und den Hals und quer über die
Nase. Jede einzelne fordert einen eigenen Messerschnitt. Hat man auf diese
Weise den Oberkörper sich frei gemacht, kostet es immer noch Anstrengung,
den Fuss sammt dem Stiefel aus zahlreichen Schlingen herauszuziehen und
vorwärtszusetzen. Harte Felsen sind unter dem ungleichen Boden verborgen
und schmerzen heftig den Fuss, wenn man allzu dreist auftritt. Jetzt kommt
ein gefallener mächtiger Baumstamm zu überwinden. Man krallt sich hinauf,
die morsche Rinde bricht, und man plumpst in den Mulm des hohlen Innern
hinab, in dem es von fingerlangen Engerlingen wimmelt. Man hält sich
an die Schmarotzerbekleidung eines noch stehenden Baumes, um sich
emporzuziehen, die ganze Säule fällt um. Denn der Baum selbst existirt
schon lange nicht mehr, nur die Lianen, die ihn umstrickten, haben seine
dicht mit parasitären Pflanzen überzogene Rinde bisher gehalten. Gar
viele andere todte Stämme sind noch vorhanden und stehen noch, bis sie
eines schönen Tages der geringste Anstoss umwirft. Nicht selten hörte ich
des Nachts, wenn ich unten in meinem Zelte schlaflos lag, das prasselnde
Fallen einer derartigen Leiche oben im Busch durch das Rauschen des Windes.
Unter solchen Mühseligkeiten waren wir endlich dem Gipfel näher gekommen,
von wo geheimnissvoll verheissende Flötentöne uns entgegenlockten. Herr
Kleinschmidt kennt jedes Vogels Stimme und Gesang im Busch von Viti, er
pfeift sie zu Hause sich wieder vor und setzt sie auf Noten, um sie sammt
den Bälgen und Eiern der Sänger an sein Museum zu schicken. Es gelang uns
mehrere Vögel zu schiessen, doch nicht alle kamen in unseren Besitz. Man
sieht die Beute fallen, aber sie bleibt nur zu oft unerreichbar hängen
oder fällt in ein Dickicht wo sie selbst der gewandte Niketi nicht findet.
Viele Schoten und andere Früchte habe ich aufgelesen, von denen es mir
nicht möglich war, die sie liefernden Pflanzen zu eruiren, da sie hundert
verschiedenen angehören konnten.
Von aussen, unten am Ufer betrachtet, sah der Busch entschieden viel
schöner aus, als im Inneren, dessen Gewirre zwar imponiren musste, aber
auch so dicht war, dass man vor lauter Vegetation nichts zu sehen und zu
bewundern vermochte. So kam zum Beispiel ein riesiger Banyanenbaum mit
all seinen sekundären Stämmen und Säulenhallen, der freistehend einen
kolossalen Eindruck gemacht haben würde, durchaus nicht zur Geltung, da
man ihn nicht überschauen, sondern immer nur jenen kleinsten Theil, der
gerade nicht von dem anderen Pflanzengesindel verdeckt wurde, sehen konnte.
Die meisten Bäume hatten steife glänzende Blätter ähnlich unserem
Ficus. Von Blüthen war wenig zu sehen. Es war gerade nicht die günstigste
Zeit dazu.
Ausser dem fast niemals schweigenden unmelodischen »Giek gak, Giek gak«
der gemeinen dunkelrothen Papageien ist noch eine andere Vogelstimme
charakteristisch für den Busch von Viti. Es giebt eine grosse Taubenart
hier, welche bellt wie ein Hund, und ihr rauhes »Hu hu, Hu hu hu« hat
sogar einen bedeutenden Gelehrten verführt, von wilden Hunden zu sprechen,
die sich in den Bergen herumtreiben. Eigentliche Sänger des Waldes besitzt
Viti nicht. Man hört wohl hie und da ein langgedehntes flötendes Pfeifen,
welches die niedliche gelbköpfige Taube ausstösst, oder es piepst
ein Fächerschwänzchen im Gebüsch, ärgerlich über unser Nahen mit
gespreizten Flügeln hin- und herflatternd, als ob es uns verjagen wollte.
Aber Melodien zu singen haben alle diese Vögel nie gelernt.
Viel sympathischer waren mir die zahllosen kleinen Eremitenkrebse, denen
ich nicht selten hoch oben im Busch begegnete. Dass diese Kiementhiere in
der schattigen, feuchten Atmosphäre der tropischen Vegetation sich gerne
ergehen, ist weniger überraschend, als dass sie auch in der Sonnenhitze
des Strandes herumzubummeln vermögen. Sie müssen eine starke Fähigkeit,
sich den heterogensten Umgebungen anzupassen, besitzen. Sie wählten
vorzugsweise die schweren Gehäuse der Neritinen zur Bekleidung ihres
weichen Hinterleibs, und bedächtig und sicher steigen sie mit dieser
erheblichen Last über alle Hemmnisse. Vorsichtig ducken sie sich oder
lassen sich von Erhöhungen herabfallen, wenn sie uns bemerken, und legt
man sich nieder um zu lauschen, so knistert es von ihnen überall unter dem
Laube. Ihre Bewegungen und ihr Thun macht den Eindruck grosser Intelligenz.
Wo sie nur etwas Essbares finden, prüfen sie es erst genau von jeder
Seite, dann packen sie zu mit der einen verlängerten Scheere und führen
Bissen um Bissen zum Munde. Ganz besonders beliebt sind ihnen wie allen
Thieren die Kokosnüsse.
Ausser diesen Eremitenkrebsen, welche dem Meeresufer angehören, findet
man etwas seltener im Busch einen echten Landeremitenkrebs, der sich das
leichtere Gehäuse des Bulimus Seemanni als Wohnung erkoren hat. Er ist
viel behender als jene, und schnell humpelt er unter einen Felsen oder
einen Baumstamm, wenn man ihn überrascht.
Einmal führte mich Herr Kleinschmidt an einen Platz im Busch, wo eben
ein grosses Kanuu zugehauen wurde. Kandavu ist seit urdenklichen Zeiten
berühmt wegen seines vortrefflich hierzu geeigneten Holzes. Viele
Häuptlinge besitzen zwar europäische Böte, der gemeine und ärmere Mann
nimmt indess immer noch mit dem Kanuu alten Styles vorlieb.
Die Bäume werden zu diesem Zweck hoch oben auf dem Berge gefällt, an
Ort und Stelle ausgehöhlt und erst im fertigen Zustande nach dem Ufer
hinabgeschleift, was bei den grossen Schwierigkeiten allein oft eine Arbeit
mehrerer Wochen ist. Zum Bearbeiten des Holzes dienen jetzt europäische
eiserne Beile, die jedoch noch immer in der alten Weise, wie ehemals die
Steinäxte, an den Stiel befestigt werden, die Schneide nicht wie bei uns
parallel, sondern quer zum Griffe. Als Stiel wird ein junger Baumstamm
verwendet, aus welchem spitzwinkelig ein starker Ast hervorwächst. Dieser
letztere bildet den Griff, an den hakenförmig zugeschnitzten Stammtheil
wird das Beil platt mit der Fläche daraufgelegt, durch Stricke aufs
solideste festgebunden.
Bei jenem Kanuubau, den ich beobachtete, war der Baum so gefallen, dass er
nur an zwei Punkten den unebenen Boden voll dichter Vegetation und Wurzeln
berührte. Nachdem eine Reihe Querbalken untergeschoben war, hatte man
diese zwei Stellen abgegraben, so dass der Baum vollständig frei über
der Erde schwebte. Die obere Seite wurde zum Kiel zugeschärft, die untere
ausgehöhlt, wozu die Zimmerleute sich unter dem Baum auf den Rücken
legten.
Ein solch schmaler Kahn aus einem einzigen Baum wäre nun ein sehr
schwankes Fahrzeug und kaum tauglich zum Segeln, wenn das labile
Gleichgewicht nicht durch eine sinnreiche Vorrichtung unterstützt würde.
Es wird nämlich -- und diess ist charakteristisch für alle polynesichen
Fahrzeuge -- ein sogenannter Ausleger »Kama«, ein zweites Kanuu, nur viel
kleiner und meist sogar nur aus einem vorn und hinten zugespitzten und mit
Kiel versehenen Baumstamm bestehend, zwei bis drei Meter entfernt durch
Querstangen neben und parallel dem ersten Kanuu befestigt. Das Fahrzeug
wird auf diese Weise breiter und sicherer, ohne durch allzu grossen Körper
an Leichtigkeit einzubüssen. Die verbindenden Holzgerüste aus dünnem
Lattenwerk, die bei den Vitis nicht gerade zwischen beiden Kanuus von Bord
zu Bord gehen, sondern beiderseits erhöht auf gekreuzten Pfosten ruhen,
erscheinen sehr gebrechlich und geben dem Ganzen ein spinnenartiges
Aussehen.
Diese polynesischen Kanuus segeln sehr schnell. Manche Reisende sprechen
von zwanzig und mehr Seemeilen per Stunde, was jedoch zweifellos
Uebertreibung ist. Wenn sie gegen den Wind aufkreuzen, muss der Ausleger
immer auf der Windseite bleiben. Aus diesem Grund können sie nicht auf
unsere Weise wenden, also entweder »über Stag gehen« oder »halsen«,
wobei einmal die rechte, das anderemal die linke Seite des Bootes zur
Windseite wird. Sie müssen einfach umkehren, rückwärtsgehen, das
Vordertheil muss Hintertheil, das Hintertheil Vordertheil werden. Hiebei
wird der Mast, der unten wie in einem Scharnier beweglich ist, schräg
nach dem jeweiligen Vordertheil geneigt, und das dreieckige lateinische
Mattensegel fliegt herum, indem man den Hals desselben nach der
entgegengesetzten Seite bringt.
Ein nicht minder reiches Leben wie im Busch, wenn auch gänzlich
verschiedenartig, tummelte sich an der anderen Seite unseres Thales,
draussen über den Riffen herum.
Keine hundert Schritt vom Ufer, in gleicher Flucht mit der sanften kaum
merklichen Böschung des angeschwemmten Sandes und ohne scharfe Grenze,
begannen die nackten Korallenbänke, durch das süsse Wasser unseres
Bächleins, welches eine tiefe Schlucht einschnitt, in zwei Hauptmassen
geschieden, da ja die Korallenthiere nur in der unverdünnten Salzfluth zu
gedeihen und zu bauen vermögen.
Vielfach zerklüftet an der Oberfläche, in einzelnen Blöcken über
das Niveau der Ebbe hervorragend, durchzogen von geräumigen Höhlen
und Löchern, tritt diese interessante Zone, welche eigentlich nur
eine Fortsetzung des festen Landes bildet, in die See vor. Nach einer
durchschnittlichen Breite von zweihundert Schritt fällt sie steil zur
dunklen Tiefe hinab, aus welcher dann noch weiter draussen einige isolirte,
gewöhnlich kreisrunde Riffe mit höherer Umwallung und niedrigerem
Zentrum, Miniaturatolle, emporsteigen. In der Nähe des Ufers, wo
beständig Sand und Geröll und Schlick hin und her gespült wird, ist
das animalische Gestein längst todt und verräth nur an einzelnen Stellen
durch die Korallenstruktur seinen Ursprung. Erst in grösserer Entfernung
vom Schmutz des Landes hausen und bauen die lebenden Generationen. Zur Zeit
der Ebbe, welche hier im Stillen Ozean nicht mehr als etwa ein Meter vom
Hochwasserstand differirt, konnte ich oft bis fast zum äussersten Absturz
des Riffes hinauswaten, und mit einer eisernen Stange die schönsten
Korallenbäumchen losbrechen. Die mannigfaltigsten Formen waren vertreten.
Leider gelang es mir nie, die Blüthenthiere selbst entfaltet zu sehen.
Dass in den einzelnen Kelchen noch lebende Thiere sassen, war unverkennbar,
aber sie hatten sich zu gestaltlosen Klumpen von den prachtvollsten
hellgrünen, purpurnen und azurblauen Farben zusammen- und zurückgezogen.
Wenn ich sie auch sofort ins Aquarium verpflanzte und dessen Wasser
fast stündlich erneuerte, sie blieben eigensinnig unsichtbar, zu meiner
schmerzlichen Enttäuschung, während doch ihre Verwandten in unserer
Nordsee, die Sertularien, mir ihren vollen Anblick niemals missgönnt
hatten.
Für diese Sprödigkeit entschädigte übrigens reichlich die ungeahnte
Fülle von allen möglichen Meeresbewohnern, denen die von den stillen
Baumeistern der Tiefe geschaffenen Schlupfwinkel als geschützter
Aufenthalt dienten. Eine Menge kleiner Fische, in den verschiedensten
Farben des Spektrums schillernd, merkwürdig intensiv blaue Seesterne,
eine Unzahl von Seeigeln und Holothurien, von Würmern und Schnecken,
die meisten prachtvoll und glänzend, trieb sich dort in den Löchern und
Tümpeln herum. Gelb und schwarz geringelte Wasserschlangen schlängelten
sich über den Boden, hinter Steinen verborgen sassen schlüpfrige Aale,
nur mit dem Kopf scheu hervorguckend, fuhren blitzschnell zurück, wenn
man sich nahte, und bissen wüthend die Hand, wenn man sie griff. Es war
überhaupt nicht ungefährlich, mit der Hand unter die Steine zu langen.
Da lauerten oft Seeigel mit so feinen und zarten Stacheln, dass sie an
der Spitze abbrachen und in der Haut stecken blieben, kaum sichtbar, aber
genügend um Geschwüre zu erzeugen, oder es spreizten Skorpänen ihre
scharfen Flossenstrahlen und konnten sehr schmerzhafte Verletzungen
beibringen.
Am interessantesten waren mir zwei Mollusken durch ihre ausgezeichnete
Lebhaftigkeit, eine handgrosse Nacktschnecke, Doris, und eine
wallnussgrosse Muschel, Lima. War die Doris, wenn sie mit ihrem
rosenfarbenen Körper in eleganter vertikal gerichteter Wellenbewegung das
Aquarium durchmass, schon auffallend genug, so wirkte die Behendigkeit
der Lima, einer Vertreterin jener Thierklasse, an die wir gewöhnlich den
Begriff des Langsamen und Unbehülflichen knüpfen, noch überraschender.
Auf den ersten Blick hatte die Lima wenig Aehnlichkeit mit einer
gewöhnlichen Muschel. Ueber die beiden Schalen, welche vorn und hinten
bedeutend klaffen, ragt der Mantelsaum hervor und trägt mehrere Reihen
purpurroth quergeringelter Fransen, deren längste länger sind als das
Thier selbst und dieses vollständig einhüllen können, so dass man
nichts sieht als einen Knäuel flotirender und sich krümmender wurmartiger
Gebilde. Leicht reissen einzelne ab und bewegen sich dann auf eigene Faust
noch lange weiter.
Plötzlich geräth Leben in das unerklärliche Wesen. Es erhebt sich vom
Grunde und schwimmt ruckweise rings an den Wänden des Glasgefässes hin.
Jetzt werden die beiden Schalen sichtbar, und deutlich beobachten wir,
wie das Thier durch abwechselndes Oeffnen und Schliessen derselben sich
vorwärts stösst, während der Fransenknäuel wie eine feurige Garbe
nachschleppt. Nun setzt es sich wieder, und gerade so günstig, dass wir
in das klaffende Innere sehen können. Wir sehen die braunen Kiemen, und
zwischen ihnen streckt sich der schmale Fuss vor und tastet auf dem Boden
herum, einem Blutegel vergleichbar. Der Fuss saugt sich fest mit seinem
vorderen Ende, und durch eine rasche Kontraktion zieht er das ganze Thier
hinter sich nach. Mehrmals wiederholt sich dieses Manöver. Die Muschel
marschirt vorwärts wie eine Raupe.
Von unserer europäischen Lima weiss man, dass sie ein Nest für sich baut
und darin den grössten Theil ihres Daseins in beschaulicher Ruhe zubringt.
Auf dem Riff von Gavatina habe ich niemals Nester, wohl aber ziemlich
häufig das freie Thier im Wasser sich tummelnd gefunden.
Zur Zeit der Ebbe blieben wir selten allein auf den Korallenbänken.
Eingeborene schlossen sich uns an, um Fische zu fangen, und so weit wir
die Küste überschauen konnten, war sie belebt von Menschen, die unter
fröhlichem Geschrei sich dieser Beschäftigung hingaben, die wenigen
Reiher, welche gleichfalls zu fischen kamen, nach den äussersten
Aussenriffen verscheuchend.
Auch bei Nacht herrschte dann ein reges Treiben dort. Allenthalben bewegten
sich brennende Fackeln hin und her, und Bambusgeklapper und laute Stimmen
weckten das Echo der finsteren Waldberge. Es schien mir als ob diese
lärmende Lustbarkeit grossentheils dazu dienen sollte, Muth einzuflössen,
da sich die Insulaner in der Dunkelheit vor allerhand bösen Geistern
fürchten.
Die von der Ebbe in den Tümpeln zwischen den Riffen zurückgelassenen
Fische wurden mittels kleiner viereckiger Netze gefangen, indem man
dieselben auf den Boden der Tümpel legte, die Fische darüberjagte und
mit einem schnellen Ruck aufs Trockene warf. Auch bedient man sich zur
Betäubung der Fische einer Eugenia-Art, und man sah alte Strünke davon
überall auf den Riffen herumgestreut. Wenn eine Gesellschaft junger
Männer am Strand entlang zog, waren sie gewöhnlich mit zugespitzten
hölzernen Wurflanzen bewaffnet, mit denen sie auf Fische im seichten
Wasser zu werfen pflegten. Ich habe aber nie gesehen dass einer einen Fisch
getroffen hätte.
Es gab massenhaft Holothurien rings um die Insel, mindestens zehn Arten
waren überall gemein. Indess schienen diese Thiere, die anderwärts in der
Südsee als Trepang für den chinesischen Markt getrocknet eine so grosse
Rolle spielen, hier von den Eingeborenen kaum beachtet zu werden. Am
häufigsten war eine grosse armsdicke und vorderarmslange schwarze
Seegurke, die zu einer prallen und harten Wurst zusammengezogen überall
herumlag. Ihr Gegentheil in Bezug auf Konsistenz bildete eine Synapta, die
den Eindruck einer leeren nur mit wässerigem Schleim gefüllten Wursthaut
machte.
Auf unseren Riffexpeditionen trafen wir gewöhnlich mit einem hübschen
schlankgewachsenen Mädchen zusammen, welches ganz ausgezeichnet schöne
Beine besass. Diese Beine wirkten ästhetisch befriedigend namentlich
dadurch, dass sie aus einem kurzen Blättergürtel hervorwuchsen, welcher
die einzige Bekleidung des hübschen Mädchens war. In der einen Hand ein
schmales Netz aus Kokosnussfasern, an der anderen ihren kleinen Bruder, der
einherlief so wie ihn Gott erschaffen hatte, bot sie das malenswertheste
Modell einer reizenden Wildin.
Einigemal als ich Nachts in Folge von Kawa-Genuss nicht schlafen konnte,
nahm ich die Jolle und fuhr hinaus, um das Meerleuchten zu beobachten. Ich
konnte aber nie etwas nennenswerth Prächtiges entdecken. Das Wasser war
stets zu unruhig um deutlich in die Tiefen zu sehen und der Sternenhimmel
zu hell um die bescheidenen phosphoreszirenden Blitze, die wahrscheinlich
von Fischen erregt unten hin und her zuckten, nicht zu beeinträchtigen.
Ich sah nicht mehr als in jedem Salzwasser und viel weniger als in der
Nordsee gewöhnlich am Strande zu sehen ist. Von Korallen sah ich niemals
ein Leuchten ausgehen.
Wie bereits erwähnt, springen links und rechts von Gavatina steile
Bergrücken in die See vor, und hinter diesen folgen zwei andere
Thäler mit Palmenhainen. In dem Thale rechts liegt das Dorf des alten
Oberhäuptlings, Sanima, in dem Thale links wohnte ein Engländer, Doktor
Hink mit seiner Familie.
Um dem alten Tui meinen Gegenbesuch abzustatten, ging ich an einem der
ersten Tage nach Sanima. Der Weg dorthin führt um eine scharfe Ecke
der vielgebuchteten Insel dem Ufer des Meeres entlang, das hier zu Lande
überhaupt die vorzüglichste Verkehrsstrasse bildet. Bald ist es
weicher, hässlich nachgiebiger Sand, bald das Wurzelwerk stinkender
Mangrovesümpfe, bald sind es lose gehäufte Felsblöcke, über die
sie dahinführt, und es ist schwer zu sagen, welche der drei Arten die
beschwerlichste und ermüdendste ist. Pferde oder Wagen giebt es nicht auf
Kandavu, sie wären auch zu nichts zu gebrauchen. Zwischen Gavatina und
Sanima herrscht grösstentheils die Felsblockkonstruktion. Rechts baut sich
der herrliche Wald in die Höhe, hellgrüne Farne und dunkelglänzendes
Buschwerk hängt an den Felsenkanten herab, links brandet draussen die
blaue See in blitzenden Linien. Aber von all diesen Schönheiten ist im
Gehen nichts zu geniessen. Denn die Blöcke sind glatt und schlüpfrig, und
eine Menge Fliegen umschwirren zudringlich den Wanderer.
Nach einer halben Stunde tritt der Berg zurück, statt der mühseligen
Blöcke knirscht weicher Korallensand unter den Füssen. Palmen wogen durch
ein freundliches Thal, wir sind in Sanima.
Einige kleine Nacktfrösche laufen erschrocken davon und schreien
»Papalang, Papalang«. Ihnen schliesst sich eine Schaar lustiger Ferkel
an und rennt wo möglich noch flinker ins Dorf hinein, aufgeregt die
Ringelschwänzchen im Kreise drehend. Ein Köter fängt an zu knurren,
zieht aber sogleich feige den Schweif ein und retirirt, sowie wir
uns nähern. Der Weisse scheint für sie alle eine gleich unheimliche
Erscheinung zu sein.
Diese Vitihunde, die wahrscheinlich zugleich mit den Insulanern
eingewandert sind, weichen in ihrem Typus auffallend von ihren
europäischen Brüdern ab. Sie gleichen in der Grösse unserem Spitz, haben
aber glatte Haare. Ihr Gesicht trägt den Ausdruck der Niederträchtigkeit
und Falschheit, und die aufgestülpte Spürnase verleiht ihnen etwas
Hyänenartiges.
Die struppigen Hütten des Dorfes sind weit auseinander gebaut und ziehen
sich eine gute Strecke dem Ufer parallel im Schatten des Palmenhaines
hin. Hie und da stehen kleine Papaya-Gärten angepflanzt. Ein Bach
durchschneidet das Thal, grosse Pandaneen ragen aus seiner Schlucht hervor.
Der Boden ist festgestampft und ohne Bewachsung. Kleine Eremitenkrebse
schleppen auch hier ihre schweren Gehäuse herum.
Sanima ist, obgleich die Residenz des obersten Häuptlings der Insel, keine
vornehme Ortschaft. Dies sagt schon der Lärm der Tapaklöppel, welcher
überall aus den Hütten dringt. Früher duldeten hohe Aristokraten solche
plebeische geräuschvolle Arbeit nirgends in ihrer Umgebung. Sowie ich mich
nähere und der Ruf »Papalang« mir vorauseilt, verstummt das Klopfen, und
zu allen Thüren strecken neugierige Weiber ihre Köpfe heraus und winkten
mir freundlich grinsend, einzutreten. Die Vitis winken nicht, wie wir, mit
dem Rücken der Hand, sondern mit dem Handteller nach unten, wie überhaupt
die meisten Völker. Schon bei den Süditalienern beginnt diese für uns
fremdartige Geberde, die mich im Anfang glauben machte, man wolle mich
hinwegweisen. Der Sinn und der Ursprung beider Arten ist schliesslich der
gleiche, nämlich die Absicht, einen begehrten Gegenstand zu fassen und
heranzuziehen.
Ich ging erst durchs ganze Dorf um mich zu orientiren und fand dann einen
so schönen schattigen Pfad, durch den ein kühlender Zephyr von der See
hereinwehte, dass ich meinen Spaziergang noch weiter ausdehnte. Unter hohen
Dilobäumen standen regelmässig geordnet Bananas und Papayas angepflanzt,
und in der Mitte dieses anmuthigen Haines entdeckte ich den kleinen
Friedhof von Sanima. Einfache längliche Grabhügel ohne Kreuz oder
Denkstein, eingefasst von Korallenbruchstücken und Muscheln, liegen
in drei oder vier Reihen neben einander. Hecken von rothblätterigen
Cordyline-Bäumchen, die hier zu Lande die Stelle unserer Trauerweide
vertreten, was übrigens die Eingeborenen nicht hindert, sich der Blätter
auch zum freudigen Schmuck zu bedienen und sie um die Schläfen, Lenden und
Waden zu binden, umgeben die Stätte. Durch eine Lücke im dichten Gebüsch
blickt die blaue See herein, und schüchtern sendet von oben die Sonne
einige zitternde Strahlen herab.
In der Ferne hörte ich abermals Tapa klopfen, und bald darauf kam ich an
zwei einzelne Hütten, in denen ein Dutzend Weiber emsig der Tuchbereitung
sich hingaben. Ich setzte mich zu ihnen und bat sie, sich nicht stören zu
lassen, da ich mich für ihre Arbeit interessirte. Aber sie verstanden aus
meiner Mimik nicht was ich wollte, und lachten laut bei jedem Versuche mich
ihnen begreiflich zu machen.
Die Bereitung der Tapa, des einheimischen Tuches, wird auf Kandavu von den
Weibern noch immer mit grossem Fleisse betrieben, trotz der Einfuhr und der
Beliebtheit der europäischen Baumwollenzeuge. Ich weiss nicht, wie es sich
hiermit auf den anderen Inseln verhält, und ob nicht vielleicht
dieser alte Industriezweig seine Aufrechterhaltung auf Kandavu nur den
amerikanischen Dampfern verdankt, die alle Monate zweimal hier anlegen und
eine Masse Passagiere aus Australien, Neuseeland und San Francisco bringen,
welche gern ein Stück Tapa als Andenken kaufen und theuer bezahlen. Um
Tapa zu machen, wird der Bast des Papiermaulbeerbaums, einer Broussonetia,
in Streifen von den Stämmen geschält, mit viereckigen Klöppeln aus
hartem und schwerem Holz in die Breite und Länge geklopft und mehrere
Streifen zu beliebigen Grössen zusammengefilzt durch immerwährendes
Klopfen, wobei der eigene Saft des Fasergewebes bindend zu wirken scheint.
Dieser schöne Stoff wird theils weiss, theils gefärbt verwendet. Schon
seit urdenklichen Zeiten kennen die Insulanerinnen das Verfahren des
Zeugdrucks. Sie bedienen sich theils geschnitzter theils geflochtener
Matritzen, um die Tapa mit stylvollen Mustern meist von rothbrauner Farbe
zu zieren. Der taktmässige Lärm der Tapaklöppel ist für ein Vitidorf
eben so charakteristisch und stimmungsvoll wie bei uns auf den Dörfern im
Herbste das Dreschen. Schon von weitem hört man daran im Busch, dass man
sich einem Dorfe nähert.
An einem mit hohem Gras bewachsenen Hügel fand ich die leere Wohnstätte
eines Weissen. Unten standen zwei grosse europäische Fahrzeuge auf Helgen,
eines davon noch im Bau. Der Platz gehörte jenem Schiffszimmermann, der
eben mit seinem ganzen Kindersegen in Wailevu wohnte und arbeitete. Hier
sah ich zum ersten mal die auf Kandavu überall in den brackigen Tümpeln
des Ufersaumes vorkommenden Springfische. Diese fingerlangen Geschöpfe
vermögen sich mittels ihrer starken Brustflossen hüpfend über die
Sandbänke fortzubewegen und so von einem Tümpel in den anderen zu
entweichen.
Den Schluss meines Weges bildete ein stinkender Mangrovesumpf, an dem
ich umkehrte. Weit draussen segelte ein Vitikanuu vorbei, und Gesang und
Getrommel tönte fröhlich wie immer zu mir herüber.
Als ich, verfolgt in respektvoller Entfernung von einer halb scheuen, halb
muthwilligen Kinderschaar, den alten Tui aufsuchte, sass er gerade vor
seiner ärmlichen Hütte und schnitzelte mit einem funkelnagelneuen Messer,
das er erst kürzlich von meinem Gastfreund erhalten, an einem Stück Holz
herum, welches sich zu einem Wasserschöpfer für sein Boot gestaltete.
Er besass nämlich ein europäisches Boot und war sehr stolz darauf.
Er schüttelte mir kräftig die Hand und lud mich ein, neben ihm
niederzusitzen. Auch seine Frau kam heraus und begrüsste mich. Eine
Konversation wollte jedoch nicht recht gelingen, und so nahm ich denn
wieder Abschied, nachdem ich seinen Kutter, der sorgfältig mit einem
Theertuch gegen die Sonne geschützt in einem eigenen Hafen lag, bewundert
hatte.
Auf den Geröllblöcken kurz vor Gavatina begegneten mir sechs Mädchen
aus Wailevu, welche mit schneeweissen Sulus und theils scharlach- theils
purpurrothen Pinafores angethan und mit frischen Blätterguirlanden um den
Kopf und den Hals und den Gürtel geschmückt, nach Sanima marschirten,
um bei Freundinnen vorzusprechen. Sie hatten offenbar die Absicht, in dem
weitabgelegenen bescheidenen Sanima, wohin solch gleissende Kleiderpracht
und so viel Bekleidung überhaupt noch nicht gedrungen war, als
Grossstädterinnen zu imponiren.
Am folgenden Tag ging ich zu Doktor Hink, unserm weissen und nächsten
Nachbarn zur Linken.
Doktor Hink war ehemals Arzt in Melbourne und ein reicher Mann gewesen.
Durch Spekulation hatte er sein Vermögen verloren und war nach Viti
übergesiedelt, um hier Baumwollenpflanzer zu werden. Nach einer
kurzen Blüthezeit der Baumwolle auf Viti während des Amerikanischen
Bürgerkrieges folgte der Umschlag, machte die ganze Kolonie bankerott,
und Doktor Hink war wieder so arm wie zuvor. Jetzt lebte er auf seinem
Grundstück, von dem man nicht genau wusste, ob es ihm auch noch gehöre --
Besitztitel in so primitiven Ländern sind ja selten unanfechtbar -- ohne
einen Pfennig in der Tasche zu haben wie so viele Andere. Um ihn herum
wuchs eine Menge von Kokosnüssen, Taro und Yams, so dass er eigentlich
nie zu hungern brauchte. Auch hatte er etliche Schweine, die sich ohne sein
Zuthun vermehrten. Wollte er Geflügel haben, so ging er mit seinem alten
Militärgewehr in den Busch, um Papageien zu schiessen, und gelüstete
ihn nach Brandy, so kam er zu uns herüber und klagte jämmerlich über
Magenschmerzen, worauf in der Regel Herr Kleinschmidt gutherzig genug war,
ihm einen Schluck der Universalmedizin zu gewähren.
Man erzählte von dem Doktor, dass seine Vergangenheit keine ganz
ungetrübte sei, dass er zu Melbourne den Schnaps nicht blos heimlich
geliebt, sondern auch heimlich in grösseren Quantitäten fabrizirt habe,
weshalb er sich eines Tages genöthigt sah, nach dem damals noch nicht
unter britischer Flagge stehenden Viti zu entweichen. Beweise hierfür
waren natürlich nicht beizubringen. Nur Eines musste ich dem Kollegen
verübeln, nämlich dass er im Anfang, als er noch nicht recht wusste, zu
welchem Zweck ich auf Kandavu weilte, mich zu beschwindeln versuchte,
mit ihm ein Kompagniegeschäft zur massenhaften Erzeugung von Kopra
zu entriren, wobei ich das Geld, er aber sein zweifelhaftes Besitzthum
hergeben sollte. Unter Kopra versteht man das in Streifen geschnittene und
an der Sonne gedörrte Fleisch der Kokosnüsse, welches direkt nach Europa
verschifft wird, um zur Kokosöl- und Kokosseifenbereitung zu dienen.
Naikorokoro ist der Vitinamen des Thales, in dem der Doktor lebte.
Er nannte es indess Tokalau, vielleicht zu Ehren der Eingeborenen der
nördlich von Viti gelegenen Gruppe dieses Namens, welche einst als Kulis
für ihn hier gearbeitet hatten. Seine Wohnstätte war ein geräumiges
luftiges Haus aus Palmblättern im Vitistyl und stand sehr malerisch,
umgeben und beschattet von Palmen, Bananas und Papayas, auf einem kleinen
Hügel, der eine hübsche Rundschau beherrschte. Gerade im Norden lag
Benga, die nächste Insel, und dahinter die blauen Kontouren von Vitilevu
und Vanualevu und vielen anderen, aber blos bei hellem Wetter deutlich
erkennbar. Rechts trat das unbewohnte Ono hervor, welches, nur getrennt
durch eine schmale Untiefe, das östliche Ende Kandavus bildet.
Das Innere sah im Vergleich zu unseren beschränkten Verhältnissen von
Gavatina sehr komfortabel aus. Europäische Möbel und elegante messingene
Kleiderhaken bildeten einen anmuthigen Kontrast zu den rohen Baumstämmen
und Palmstrohwänden, zu dem nackten Erdboden und den Thüröffnungen
ohne Thüren. Es musste sich hier sehr idyllisch leben. Doktor Hink dachte
darüber freilich anders und wünschte Viti und die ganze Romantik seines
Daseins zu allen Teufeln und sich selbst nach Old England zurück. Doch
behauptete er noch nicht alle Hoffnung aufgegeben zu haben und schwärmte
warm für die Kopra.
So oft ich zu ihm kam, liess er für sich und für mich Kawa von seinen
Jungen kauen. Sonst hatte er ja nichts, was er mir vorsetzen konnte. Sein
Thal war nicht uninteressant. Ueberall wuchsen noch Baumwollestauden und
trugen Blüthen und Früchte zugleich, aber kein Mensch kümmerte sich mehr
um sie, und die zahlreichen grossen grünblau schillernden Wanzen die sich
auf ihnen herumtrieben, blieben ungestört. Zwei alte Baumwollehandmühlen
lagen in Trümmern und moderten, traurige Reste einer besseren Zeit.
Halbumgeben von einem rauschenden Bambusgeröhricht lag hinter dem Hügel
das Grab der Familie Hink. Zwei Kinder des Doktors und seine Mutter ruhten
darin. Es war ebenso wie die Gräber der Viti-Insulaner aus Korallen
aufgebaut und mit der rothen Cordyline bepflanzt.
Ich machte noch öfter Besuch in Sanima, und eines Sonntags liess ich
mich nach dem Frühstück von Niketi in der Jolle dorthin rudern, um dem
Gottesdienst beizuwohnen.
Heftige Regengüsse wechselten mit Sonnenschein, und ich wurde durch und
durch nass. Parallel mit uns strebten Männer, Weiber und Kinder auf den
Geröllblöcken des Ufers ebenfalls der Kirche von Sanima zu und hielten
sich zum Schutz gegen den Regen grosse Taroblätter über die Köpfe. Ich
sah jetzt zum ersten mal vom Wasser aus den schönen steilansteigenden
Busch mit seinen Baumfarnen und Palmen und herausragenden Felszacken, in
dem ich so oft herumgeklettert war.
»Sa yandre, sa yandre« tönte es mir freundlich entgegen, als ich
landete, die Jolle aufs Trockene zog und durch das Dorf ging. In der Kirche
war noch Niemand versammelt. Auf dem Tisch für den Prediger lagen ein paar
leere Tassen und Teller und eine alte schmierige Sardinenbüchse mit einem
angeschmolzenen Stearinkerzenstummel, vielleicht die Geräthe der gestrigen
Abendmahlzeit des frommen Mannes. Ausser dem Tisch in der Mitte der
einen Hälfte des länglichen Raumes stand in der Ecke rechts davon ein
Schaukelstuhl, thronartig etwas erhöht, wahrscheinlich für den greisen
Tui, und neben diesem ein aschebedeckter Feuerplatz. Angelschnüre und ein
leinenes Segel hingen in einer anderen Ecke. Sonst war nichts innerhalb der
kahlen Strohwände. Kein Schmuck verzierte die rohen Balken des Gerüstes.
Der Boden war mit Matten und einer weichen Farnkrautpolsterung darunter
belegt.
Diese Kirche sah im Vergleich mit anderen, die ich später noch traf,
ziemlich armselig aus. Sie unterschied sich wenig von den gewöhnlichen
Hütten der Dorfbewohner, nur vielleicht dadurch, dass sie sechs Thüren,
je eine vorne und hinten, und zwei an jeder Seite besass.
In der Regel sind auf Kandavu die Kirchen höher und sorgfältiger gebaut
und mit weissem Kalk beworfen, wodurch sie schon von Ferne dominirend
entgegenglänzen, und die beiden für die Vitibauart charakteristischen
konischen Enden der Giebelbäume, welche nach vorne und nach hinten aus der
Firste ein Meter hervorragen, sind mit festgebundenen Muscheln, dem
weissen Ovulum ovum verziert, oder es hängen Guirlanden dieser Muscheln an
Stricken aufgereiht von den Enden herab. Guirlanden von Ovulum ovum
waren früher das Wahrzeichen der Häuptlinge. Jetzt dienen sie dazu, die
Hoheitsrechte der Kirche auszudrücken. Da es noch keine Glocken giebt,
so dienen noch immer zwei kurze backtrogähnlich ausgehöhlte Baumstämme,
»Lali« genannt, einer davon grösser und mit tieferem Ton, durch
Klöppel an den Kanten angeschlagen, dazu die Gemeinde zum Gottesdienst zu
versammeln. Solche Lalis fehlten auch in Sanima nicht.
Ich frug nach dem »Missonari«, und eine Schaar diensteifriger Jungen
führte mich zu dem braunen Missionär des Ortes. Ich kannte diesen bereits
von früher her, und er empfing mich sehr freundlich. Seine äussere
Erscheinung hat nichts Besonderes und ist die aller alten Viti-Insulaner.
Er zeigte mir mit Stolz seine dicke in der Vitisprache zu Levuka gedruckte
Bibel, die er bereits zur Kirche gerüstet unter dem Arm trug, und eine
Kalendertafel, gleichfalls viti, die an der Wand hing. Er bemühte sich,
mit mir englisch zu sprechen. Es wurde mir aber nicht recht klar, was er
mir sagen wollte. Gleichwohl liess ichs nicht merken. Denn er schien
viel auf seine linguistische Begabung zu halten, und die anwesende Jugend
blickte bewundernd zu ihm hinauf.
Draussen ertönten die Lalis, und wir gingen zum Gottesdienst. Der Tui sass
bereits in seinem Schaukelstuhl. Er wollte ihn grossmüthig und weniger
ehrgeizig, als ich erwartet hatte, an mich abtreten, was ich jedoch nicht
annahm.
Ich setzte mich auf den Boden zu den alten Männern in der bevorzugten
Abtheilung hinter dem Tisch des Missionärs, dem Chor so zu sagen. Uns
gegenüber sass die Gemeinde auf dem Boden, rechts von uns die weiblichen,
links die männlichen Individuen, alle in frischgewaschenen weissen oder
bunten Sulus. Die Weiber trugen sämmtlich den obligaten Pinafore. Nur
ein Mädchen, das wahrscheinlich keinen besass, erschien mit unbedeckten
Brüsten und suchte sich verlegen hinter die anderen zu verstecken.
Ebenso wie der Tui hatten der Missionär und die Alten wohlgeglättete
europäische Hemden und darüber den langen Sulu an. Sie sahen viel
reinlicher aus als ich, dessen Kleider die Spuren des Regens und des
schmutzigen Bootes zeigten. Die »Marama«, die Frau des Tui, kam etwas
zu spät und sank in der vordersten Reihe mit derselben ostentativen
Frömmigkeit, die bei noblen Damen in Europa Mode ist, zur Erde, das
Antlitz tief gebeugt, um sich zu sammeln. Wo sie das wohl gelernt haben
mochte. Heute hatte sie ein Hemd und einen gestickten Unterrock an und nahm
sich darin affenartig läppisch aus. An Werktagen trägt sie gewöhnlich
nur den Sulu.
Der Missionär voran, warfen sich Alle nieder, nicht blos auf die Kniee,
sondern auch auf die Ellbogen, und jener sprach sehr ausdrucksvoll und laut
ein Gebet.
Die dunkle Gemeinde, die seltsame, demüthige Stellung, in der sie
insgesammt auf dem Boden lag, die leidenschaftliche Stimme des Priesters
und sein eindringliches, heftiges Flehen, die fremdartigen, sonoren
und kraftvollen Laute, von denen ich nur wenige Worte verstehen konnte,
bezauberten mich höchst eigenthümlich, wie ich so über die Menschen vor
mir hinsah, und ich zuckte nervös zusammen, als ein Hund zur Thüre neben
mir hereinschnupperte und mich anbellte.
Die Erwachsenen schienen äusserst andächtig mitzubeten. Nur die liebe
Jugend trieb Allotria. Gedankenlos lagen die kleinen braunen Bengel auf dem
Bauch, schlegelten mit den Füssen in der Luft herum, musterten sorgfältig
die Beine ihrer Vorderleute und zupften sich gegenseitig die Krusten von
den zahlreichen Hautabschürfungen. Ein Kirchendiener der zornig hinter
ihnen herumschlich und sie mit einem dünnen Drahtstab unsanft in die
Weichen stupfte, um sie zur Sittsamkeit zu ermuntern, hatte nur wenig
Erfolg. Man kicherte über ihn, sein Drahtstöckchen kam nie zur Ruhe, und
draussen vor der Thüre fing ein winziger Nacktfrosch an, auf die Lalis
zu trommeln, schleunigst die Flucht ergreifend, als jener mit wüthender
Geberde hinaustauchte.
Das Gebet war zu Ende. Der Missionär stand auf, und auch die Gemeinde
erhob sich in sitzende Stellung und begann einen wohlklingenden Gesang.
Dann folgte eine Predigt. Während des Gebetes kniete der altersschwache
Tui vor seinem Schaukelthron, mit ausgestreckten Armen sich an beiden
Lehnen festhaltend, wie ein richtiger Asthmatiker, um das mühsame Athmen
zu erleichtern. Jetzt setzte er sich in den Sessel, leise schaukelnd, indem
er zuhörte.
Von dem Inhalt der Predigt blieb mir das Meiste unverständlich. Aber der
leidenschaftliche und doch würdevolle Vortrag des Missionärs, der sonore,
tiefe Wohlklang seiner Stimme, die Kraft der vokalreichen, melodiösen
Sprache, die mir immer lautete wie italienisch, erbaute mich mehr, als alle
in der Muttersprache genossenen Kanzelreden meiner Schulzeit. »Singai«
und immer wieder »Singai« (nein) war der öfter wiederkehrende Schluss
der Absätze einer längeren Periode, und »Duranga ni Papalang, Duranga
ni Tonga, Duranga ni Viti« (der Herr Europa's, der Herr Tonga's, der
Herr Viti's -- diese drei Länder umfassen die ganze Geographie der
Eingeborenen) waren ein paar andere der wenigen Worte, die ich verstand.
Als die Kirche aus war, musste ich noch mit dem Tui, seiner Frau und seiner
hübschen Tochter in ihre Hütte treten, die zwar für einen so hohen
Fürsten ziemlich eng und düster schien, aber einen grossartigen
Moskitovorhang aus buntem europäischem Stoff besass. Da bei dem Mangel
eines Interpreten auch diesmal die Konversation nicht recht gedeihen
wollte, blieb ich nicht lange. Draussen lauerte bereits ein anderer meiner
Freunde auf mich, bei dem ich ebenfalls eintreten musste. Dieser Freund
war früher einige Jahre in Levuka gewesen und besass von dort her sein
photographisches Konterfei in europäischer Kleidung, und nicht eher
durfte ichs aus der Hand legen, als bis ich ihm und seiner Familie meine
Bewunderung, was für ein nobler Herr er einstmals gewesen, durch die
Geberdensprache verdeutlicht hatte. Er kredenzte mir, in ein Bananenblatt
gewickelt, ein Stück langfaserigen gekochten Schildkrötenfleisches, dann
gab ich ihm eine Zigarre und liess mir selbst eine von dem Burschen, der
nächst dem Feuer hockte, anzünden. Bis sie wieder zu mir kam, ging sie
durch drei oder vier Munde, indem jeder, der sie weiterreichte, erst einige
Züge daraus für sich in Anspruch nahm.
Der Gottesdienst hatte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, und
beschäftigte lebhaft meine Gedanken, als ich wieder nach Hause fuhr.
Ich bin weit entfernt, ein Freund der Mucker zu sein. Mir ist keine Sorte
von Europäern unsympathischer, als jene scheinheiligen Reverends mit ihren
weissen Halsbinden, ihren glattgescheitelten Haaren und ihren himmlisch
verklärten Gesichtern, denen man in der Südsee so oft begegnet. Es wäre
sehr naiv, sich unter diesen Missionären der Südsee aszetische Gestalten,
hagere, von Entbehrungen und von der heiligen Leidenschaft für ihren
Glauben abgezehrte Märtyrer vorzustellen. Gerade das entgegengesetzte
Bild ist in der Regel das richtige. Es lebt sich unter den Palmenhainen
der sonnigen Inselwelt sehr angenehm, wenn man Geld genug hat, und daran
scheint es den Wesleyanern, dank dem grossen Humanitätssinn und Reichthum
Englands und dank den Steuern, die sie den Eingeborenen abzunehmen
verstehen, niemals zu fehlen. Ich werde mich wohl hüten, all das zu
wiederholen, was ich von Ansiedlern auf Viti und anderwärts über
Missionäre habe erzählen hören. Aber wenn auch nur der zehnte Theil
davon wahr ist -- dies ist ungefähr der Quotient, den ich von den
Erzählungen überseeischer Weisser zu glauben pflege -- so genügt mir das
vollständig, nicht für Missionäre zu schwärmen, so gerne ich das Gute
derselben anerkenne. Wie unwürdig die verschiedenen Sekten sich um
ihre Proselyten stritten, ist zu bekannt, als dass es einer Erwähnung
bedürfte.
Dennoch bin ich überzeugt, dass die Missionäre grosse Verdienste um die
Wohlfahrt der Eingeborenen sich erworben haben. Despotie und Kannibalismus
des Adels, gegenseitige Furcht, Unsicherheit des Lebens und des Eigenthums,
ein Kriegszustand Aller gegen Alle lag schwer ehemals auf der Bevölkerung.
Jetzt, in der christlichen Zeit, ist Friede und Ordnung bei ihr eingekehrt.
Wenn man auch nicht Alles buchstäblich zu glauben braucht, was in den
Berichten der Missionäre steht, so ist doch nicht zu leugnen, dass die
Zustände der Vitis in der vorchristlichen Zeit schlimm genug waren,
und dass ihre Christianisirung einen höchst erfreulichen Fortschritt
herbeigeführt hat. Und wenn die Muckerei sie glücklicher macht, warum
sollte die Muckerei schlecht und zu tadeln sein?
Nur möchte ich rufen: Bis hieher und nicht weiter. Gegenwärtig scheinen
mir die Vitis gerade auf jener glücklichen Mitte zu stehen, die ihnen noch
viele von den Vorzügen ihres heiteren Naturzustandes und zugleich schon
das Wesentlichste von den Wohlthaten europäischer Zivilisation zu Theil
werden lässt. Trotzdem will man noch immer nicht aufhören, sie zu
beglücken.
Man will sie den Lebensbedingungen der Europäer näher und näher bringen.
Sie sollen arbeiten, sollen produziren und Steuern zahlen. Was man ihnen
damit nützen will, ist mir unklar. Es scheint mir hinter der Maske der
Philanthropie, welche diese sogenannten Zivilisationsbestrebungen zur Schau
tragen, nur das pfiffige Gesicht des geldgierigen Kaufmanns, der seine
schlechten europäischen Exportartikel absetzen will, oder des feisten
Pfaffen, dem es um einträgliche Pfründen zu thun ist -- bei den
Wesleyanern beide in einer Person vereinigt -- zu grinsen. Man will diesen
glücklichen Menschen Bedürfnisse einflössen, um sie dann gegen Geld oder
Geldeswerth zu befriedigen.
Oder sollte man etwa in Anbetracht der Möglichkeit, dass immer mehr Weisse
nach den Inseln strömen werden, die Eingeborenen vorbereiten wollen, den
Kampf der Konkurrenz aufzunehmen und nicht zu unterliegen? Wenn wirklich
eine solche humane Vorsehung beabsichtigt sein sollte, so ist sie sehr
verfrüht und sehr illusorisch. Dass ein starker Strom weisser Einwanderung
stattfinden wird, ist bei der Abgelegenheit der Südsee-Inseln sehr
unwahrscheinlich, und wenn auch, die verhältnissmässig arm bevölkerten
Inseln haben Raum für eine zehnfache Menge. Und sollte wirklich
innerhalb kurzer Zeit, noch innerhalb der nächsten hundert Jahre, eine
thatsächliche Konkurrenz zwischen der weissen und braunen Rasse entstehen,
so werden die Eingeborenen hinschwinden, und keine Macht der Erde wird sie
daran hindern.
Zwei Elemente stehen sich auf Viti und anderwärts in der Südsee feindlich
gegenüber, die Kaufleute und die Missionäre. Beide haben das gleiche
Ziel, das herrliche Land und die arglosen Eingeborenen auszubeuten. Dass in
diesem edlen Wettstreit auch unlautere Mittel in Anwendung kommen, und zwar
auf beiden Seiten, versteht sich von selbst. Es däucht mir, eben, wie der
Donna Blanca zu Toledo, dass der Jude und der Christ, dass sie alle beide
-- nicht viel werth sind.
Diese wesleyanischen Methodisten, die erste Macht der Südsee, haben ihre
Hierarchie mit bewundernswerther Umsicht organisirt. Keine Gemeinde auf
Kandavu, dessen Bewohner ja alle wesleyanische Christen sind, ist ohne
seine Kirche »Hale ni Lotu« (Haus des Glaubens) geheissen. Nur in
Richmond Settlement auf der Westseite der Namalatta Bucht ist ein weisser
Oberpriester aus England. In den Dörfern versehen Eingeborene den
Gottesdienst als Prediger und Vorbeter. Meist wird von diesen nicht blos an
Sonntagen mehrmals, sondern täglich ein- bis zweimal Betstunde und Predigt
abgehalten.
Jedes Dorf hat seinen Häuptling, und alle Häuptlinge zusammen stehen
unter einem Oberhäuptling, dem Tui Kandavu zu Wailevu, welcher von dem
Gouverneur zu Levuka offiziell anerkannt ist und ein jährliches Gehalt
als Staatsbeamter bezieht. Aber neben dem Häuptling herrscht in jedem Dorf
auch noch ein brauner Missionär.
Es fehlt also keineswegs an Gelegenheiten zur Frömmigkeit, und es soll
Prachtexemplare von Betschwestern unter den Wilden geben. Herr Kleinschmidt
erzählte mir, dass er einst einen Diener gehabt, der nie anders als die
Bibel unterm Arm mit ihm in den Busch ging, um während der Ruhepausen
darin zu lesen. Religiöse Lauheit scheint indess häufiger zu sein. Jeden
Sonntag kamen zu uns nach Gavatina eine Menge braune Bummler, welche die
Kirche schwänzten und sich lieber mit unseren Affen unterhielten oder
verdunkelnd ins Fenster hereingafften, bis Herr Kleinschmidt mit einem
kräftigen Fluch sie von dannen scheuchte. Für die Insulaner gilt nur
Eine grösste und schwerste Hauptsünde, nämlich am Sabath irgend etwas zu
thun, was einer Arbeit ähnlich sieht. Dieses »Tabu« ist so stark, dass
selbst Herr Kleinschmidt an Sonntagen sich der Jagd enthielt, um es nicht
mit den Eingeborenen zu verderben.
An solchen Tagen der Ruhe machte ich mir manchmal ein Vergnügen eigener
Art. Ich legte mich auf den Convolvulusteppich in den Schatten, schloss die
Augen und zwang meine Phantasie in die Schrecken eines deutschen Novembers.
Ich hörte das Rasseln des Regens und das Klappern des Windes in den
flackernden Gaslaternen. Ein schlüpfriges Gemenge von Schmutz, Regen und
Schnee bedeckte die Strassen. Mit nassen Füssen, den Regenschirm kurz
gefasst und gegen den Wind ankämpfend drängte ich mich durch das
Gewühl der anderen Menschen und Regenschirme. Alles war grau und düster,
mürrisch und grob, die Häuser mit ihrem russigen Ueberzug, die Wagen, die
mich mit Koth bespritzten, die Menschen, der Himmel, die kahlen Bäume.
Nun öffnete ich wieder die Augen und erblickte die herrliche Wirklichkeit.
Oben lachte der blaue Himmel, vor mir lachte das blaue Meer. Palmen wiegten
sich im kühlenden Zephyr. Tausende von Zikaden zirpten, und hie und da
flog ein Papagei mit heiserem Schrei über die Szene.
Oefters kreuzte draussen der englische Kriegsschooner vorüber, der
sich eben mit Lothungen und Vermessungen zwischen Kandavu und Benga zu
beschäftigen hatte, und eines Tages erhielten wir den Besuch eines Bootes
mit einem Lieutenant und acht Matrosen. Sie trugen gewichste Stiefel an den
Füssen und erschienen mir, der ich schon etwas verwildert war, dadurch als
distinguirte Leute. Ihr Kommandant hatte allerdings ebenso wie ich schon
längst den Gebrauch einer Taschenuhr sich abgewöhnt und schätzte die
Stunden, wenn er vom Schiff weg war, nur mehr nach der Sonne.
Es war eine herrliche Zeit, die ich in Gavatina verlebte, und ich werde
stets mit Freude und Sehnsucht an jenes ferne, stille winzige Thal der
grossen Erde zurückdenken.
Allerdings fehlte es auch dort nicht an unangenehmen Beigaben des
Naturgenusses. Moskitos und Fliegen suchten mir namentlich im Anfang das
Dasein zu verbittern, bis ich täglich Gesicht und Hände mit Petroleum
einrieb. Am lästigsten waren die Legionen von Fliegen, welche die Nähe
der faulenden Abfälle unserer Sammlungen herbeizog, indem sie eine
besondere Vorliebe und Geschicklichkeit bekundeten, schnell in
die Nasenlöcher zu schwirren, wahrscheinlich in der an sich nicht
tadelnswerthen Absicht, ihre Eier hineinzulegen. Mit grosser Bewunderung
entdeckte ich an Herrn Kleinschmidt, dass er ruhig auf seinem Tisch
fortarbeiten konnte, während ihm dichte Fliegenhaufen in beiden
Augenwinkeln sassen, ungerechnet die einzelnen Plänkler, welche über das
ganze Gesicht hin- und herstreiften. Nach einigen Tagen konnte ich es
auch. Das ewige Schütteln wurde ermüdend und machte Kopfweh. Ich zog es
schliesslich vor, die Fliegen gewähren zu lassen, und beschränkte mich,
sie durch fortwährendes Blinzeln von dem Innern des Auges fern zu halten.
Nur in den Nasenlöchern lernte ich sie nie ertragen.
Noch zwei andere Qualen, die zu den berechtigten Eigenthümlichkeiten aller
heissen Gegenden zu gehören scheinen, nämlich Geschwüre und der bekannte
Hitzausschlag, von den Seeleuten »rother Hund« geheissen, blieben mir
nicht erspart. Gleich in den ersten Tagen hatte ich mir an den Knöcheln
kleine Wunden gestossen, und die Fliegen nahmen sofort jede Gelegenheit
wahr, sich mit ihnen zu beschäftigen. So lange ich auf Kandavu blieb,
heilten diese Wunden nicht und wurden immer grösser und entzündeter,
da ich mich nicht schonen konnte und wollte. Auch bei den Eingeborenen
beobachtete ich häufig solche kleine eiternde Verletzungen. Gar viele
Fälle von »Aussatz« in Reisebeschreibungen mögen zu dieser Kategorie zu
rechnen sein. Merkwürdig war mir, dass ich nie einen Wilden sich kratzen
sah, obwohl die Moskitos sie eben so wenig wie uns verschonten.
Die höchste Lufttemperatur, die ich während meines kurzen Aufenthaltes in
Gavatina am Thermometer ablas, war 32 Zentigrade. Auf ziemlich heisse Tage
folgten in der Regel kühle Nächte, so dass ich mich zum Schlafen wärmer
ankleiden musste, da ich als Bett nur eine mit Farnkraut unterpolsterte
Matte mit einer Decke und einem Moskitonetz darüber besass. Die
hervorragendste Eigenthümlichkeit im Klima unseres allenthalben von
Busch umgebenen Thales war ein exzessiver Reichthum atmosphärischer
Feuchtigkeit. Es wollte mir kaum gelingen, Pflanzen zu trocknen, ohne
Feuer oder den Bügelstahl zu Hülfe zu nehmen, und liess ich einmal meine
Wäsche über Nacht vor dem Zelte draussen hängen, so war sie am Morgen
nässer als vorher.
Frau Kleinschmidt sorgte mütterlich für uns, und wir nannten sie deshalb
auch immer Mutter. Wenn wir auszogen aufs Riff oder in den Busch, blieb
sie mit Ruma allein zu Hause und kochte für uns, und wenn wir am Abend
ermüdet und hungrig zurückkehrten, wartete unser bereits ein würziges
Mahl. Die Mutter verstand einen famosen Curry zu machen, und Curry mit Reis
war eines der häufigsten Gerichte. Schweine und Hühner, Papageien und
Tauben, Zwieback, Schokolade und Kaffe lieferten eine Mannichfaltigkeit des
Speisezettels, die man in unserer Wüstenei kaum erwarten konnte.
Hatten wir auch keine Milchkuh, so hatten wir Kokosnüsse. Jeden Morgen
mussten uns die Jungen etliche herunterholen und schlachten. Spannerraupen
vergleichbar zogen und schoben sie ihre geschmeidigen mageren Körper
ruckweise mit Armen und Beinen an den glatten Stämmen empor, kletterten in
die Kronen und stiessen mit den Füssen die mächtigen Früchte los, dass
sie schwer und dröhnend auf den Boden herabplumpsten. Um sie zu öffnen,
wurde ein doppelt zugespitzter Pfahl in die Erde getrieben. Dann nahm man
die Nuss in beide Hände und hieb sie kräftig gegen die freie Spitze des
Pfahls, so dass er tief in die dicke noch grüne und saftige Faserhülse
eindrang, stemmte das durchbohrte Segment derselben durch Hebelbewegungen
weg, und wiederholte das Hauen und Stemmen bis die Hülse ringsherum
abgerissen war. War so die innere harte Schale befreit, so nahm man einen
Stein und schlug an dem unteren Ende kreisförmig eine Kappe los, klappte
diese zurück und trank das süsse Wasser der Frucht, die sogenannte
Kokosnussmilch, die indess durchaus nicht milchig sondern fast klar, nur
wenig getrübt, wie frischer Traubensaft aussieht.
Um die eigentliche Milch zum Kaffe zu bereiten, wurde die Schale in Stücke
zerschlagen, das an der Innenseite klebende dicke Fleisch mit gezähnelten
Muscheln herausgeraspelt und durch ein Tuch gepresst, was eine köstliche
Emulsion gab, schmackhafter als Kuhmilch. Dieses Schlachten der Kokosnüsse
war täglich unsere erste Arbeit, bei der mich die hierin viel flinkeren
Jungen, die gelegentlich auch ihre kräftigen Zähne zu Hülfe nahmen,
regelmässig auslachten. Was von dem Fleisch der Nüsse übrig blieb,
erhielten die Schweine und Hühner, die Hunde, die Affen und die Papageien,
welche alle sehr gierig darauf waren. Die Affen rissen wüthend an ihren
Ketten, die Hunde hörten nicht auf in die Höhe zu springen, die Hühner
liefen gackernd zusammen, und freudig fingen die Schweine zu grunzen an,
wenn man sich ihnen mit Kokosnuss näherte.
Auch die niedrigeren Thiere scheinen diese Nahrung über Alles zu lieben.
Lässt man irgendwo ein Stückchen liegen, gleich ist ein Heer von
Ameisen und eine grössere Gesellschaft bedächtiger Eremitenkrebse darum
versammelt.
Die Kokospalme ist eine der grössten Wohlthaten der Südsee. Ist auch
jetzt die schöne Zeit vorüber, wo der Insulaner Kokosnüsse zu seiner
Nahrung verwenden durfte, indem jetzt die Missionäre und die Regierung sie
als Steuer beanspruchen und deshalb »tambu« erklärt haben, so liefert
sie ihm doch noch in ihren Zweigen das Hauptmaterial seiner Hütten, aus
den faserigen Hülsen der Nüsse vortreffliche Stricke, die nicht gedreht,
sondern wie Zöpfe dreitheilig geflochten werden, aus den Stämmen Brücken
und Bauholz, aus den Nüssen Trinkgeschirre und Wasserbehälter, aus den
Blättern Körbe, die überall improvisirt werden können. Braucht der
Viti einen Korb, um Taro oder Apfelsinen heimzutragen, schnell hat er ihn
zurecht gemacht aus einem einzigen Palmblatt. Die langen Fiedern der beiden
Seiten werden gekreuzt fest ineinander geflochten, und ist dies geschehen,
so schlitzt er den Blattstiel der Länge nach entzwei, und der Korb ist
fertig, die beiden Hälften des Stieles bilden die Ränder.
Sehr viel Komfort gab es allerdings bei unseren Mahlzeiten nicht. Ueberall
standen Kisten aufeinandergethürmt, und jedes horizontale Plätzchen war
mit Spiritusgläsern und Vogelbälgen, mit Schachteln und Blechbüchsen,
Büchern und Instrumenten bedeckt. Musste ja selbst das Bett im
Hintergrunde der Hütte zugleich als Waarenlager dienen. Schrotbeutel und
Säcke mit Glasperlen bildeten die Kopfkissen, Baumwollenzeug für Sulus
die Matratze, und jeder Winkel war mit Pulverflaschen und Angelhaken
gespickt. Die scharfe Kante einer Kiste oder ein umgestürzter Topf musste
als Sitz genügen, auf den Knieen ruhte der Teller, und dass uns überall
mit Arsenik vergiftete Bälge umgaben, störte uns wenig.
Die Hütte war viel zu eng, und schon die Thüre so niedrig, dass man sich
bücken musste, um durchzukommen. Häufig auch stiess man mit dem Kopf
an die Leichen von Hühnern oder Schweinen, welche zum Braten bestimmt,
baumelnd dort hingen.
Wir lebten in der grössten Eintracht zusammen. Nur die Spärlichkeit des
Raumes und gelegentliche Gebietsüberschreitungen veranlassten manchmal
Grenzstreitigkeiten und Kompetenzzänkereien. Es war durchaus nicht
gleichgiltig, wer von uns diese oder jene Büchse aus diesem oder jenem
Winkel hervorreichen durfte. Der Nächstsitzende allein war hierzu
berechtigt, und jeder hatte ein bestimmtes Sektorgebiet als sein Bereich
unter sich. Sonst wurde nur zu leicht eine Kostbarkeit umgestossen.
Wenn wir des Abends so beisammen sassen, drehten sich unsere Gespräche
gewöhnlich um die ferne Heimath, und da der Mensch sich immer am meisten
nach jenen Dingen sehnt, die er nicht haben kann, so gedachten wir auch
nicht selten seufzend des herrlichen Bieres, das es dort giebt. Doch ruhte
selbst dann nicht der Sammeleifer. Angezogen durch den Schein unserer
Lampe kamen immer eine Menge Insekten herein und fielen der grausamen
Wissenschaft zum Opfer. Ueber und unter uns raschelten Ratten durch das
Palmstroh der Hütte, und jeden Augenblick sprangen deshalb entrüstet die
Hunde auf und suchten kläffend herum. Erwischt aber haben sie nie eine
Ratte.
Ich theilte Herrn Kleinschmidts und seiner Gattin primitive Lebensweise
nur kurze Zeit, und es gefiel mir. Ganz anders aber wäre es wahrscheinlich
gewesen, hätte ich eben so wie sie Jahr aus Jahr ein mit den Beschwerden
der tropischen Wildniss zu kämpfen gehabt.
Wenn wir zu Hause in unseren Naturalienkabinetten alle die schönen Thiere
betrachten, wie wenig denken wir daran, welche Menge von Schweiss und
saurer Arbeit, von Entbehrung und Mühseligkeiten sie gekostet haben,
ehe wir uns an ihnen erfreuen können. Wie sehr sind die zahllosen
Schwierigkeiten der Tropennatur geeignet, den Pionier der Forschung
zu lähmen und verzweifeln zu lassen. Ich muss gestehen, dass Herr
Kleinschmidt und seine treue Gattin mir die höchste Bewunderung
abnöthigten und wie mit dem Glorienschein des Märtyrerthums umgeben
erschienen.