AUCKLAND UND THAMES GOLDFIELDS.

Sehenswürdigkeiten. Das Northshore. Die Regenzeit hält ihren Einzug.

Fahrt nach den Thames Goldfields. Goldgewinnungsprozess. Die Minen und

der Schacht der United Pumping Association. Stürmische Rückkehr. Zwei

vornehme Maoridamen vom Lande. Auf den Mount Eden. Die King Country und

die Abolitionists. Reiseprojekte.

Auckland machte mir auch beim Tageslicht einen sehr günstigen Eindruck

und erschien mir fast grossstädtisch, obwohl es nur 21000 Einwohner hat,

welche Zahl allerdings noch von keiner anderen neuseeländischen Stadt

erreicht ist.

Hier gab es nun wieder eine Strasse, Queenstreet, in der es sich lohnte

Abends zu flaniren lediglich des Beguckens der Auslagen und der vielen

Menschen halber. Queenstreet sieht halb amerikanisch halb englisch aus und

ist zuweilen sehr belebt. Die Nebenstrassen sind dafür um so ruhiger. Was

mir an Auckland namentlich imponirte lag wohl in der Steinkonstruktion der

Häuser, deren ich entwöhnt war. Das Vorherrschen der dunklen Lava als

Baustein giebt der gleich wie Rom über sieben Hügel sich breitenden Stadt

einen ernsten, stellenweise düsteren Charakter.

Auf einem der Hügel, dessen nach Osten gerichteter Abhang mit dem

Sammetteppich altenglischen Grases geschmückt ist und an seinem

ebenen Fusse der Jugend von Auckland als Cricketgrund dient, steht das

palastähnliche Hospital der Provinz, und hinter diesem erhebt sich,

bedeckt mit einem prächtigen Park, ein anderer Hügel, dessen Spitze

den botanischen und zoologischen Garten sowie den Garten der New Zealand

Acclimatisation Society trägt.

Europäische Staare, Finken und Spatzen, Rehe, Fasanen und Rebhühner

werden dort nach überstandener Seereise eine Zeit lang gepflegt und dann

schubweise in Freiheit versetzt, auf dass sie sich selbständig vermehren

und das ursprünglich thierarme Land mit ihrer Nachkommenschaft bevölkern

mögen. Die Fasanen gedeihen im Norden Neuseelands bereits so gut, dass man

in den Hotels täglich und bis zum Ueberdruss damit gefüttert wird.

Die Spatzen in ihren grossen Flugkäfigen waren eben eifrig beschäftigt,

Material zum Nestbauen zusammenzutragen, wobei sie dieselbe wichtigkluge

Miene machten, wie bei uns zu Hause. Sie hatten offenbar keine Ahnung, dass

sie sich auf der südlichen Hemisphäre befanden, und dass jetzt im Juni

der Winter begann. Die Thierchen müssen hier ganz aus ihrer Zeitrechnung

kommen. In einem kleinen Gehölz von hohen Manukabäumen, einer Pflanze,

die ich bisher nur in Strauchform gesehen hatte, zirpten und jauchzten

Staare ihre Frühlingsgefühle in den lauwarmen Sonnenschein hinaus.

Die New Zealand Acclimatisation Society leistet alles Mögliche in der

Einfuhr nützlicher Thiere. Die Bienenzucht soll an vielen Orten in

bester Blüthe stehen. Sogar Hummeln werden von England aus zu Tausenden

importirt, da der Klee zur Uebertragung des befruchtenden Pollen dieser

Insekten bedarf. In vielen Flüssen tummeln sich bereits junge Lachse,

welche aus Kalifornien stammen, von wo sie als Eier bezogen worden sind

und noch immer bezogen werden. In den Verhandlungen dieser verdienstvollen

Gesellschaft las ich einst eine sonderbare Debatte, bei welcher von

einem Mitglied die Einfuhr schottischer statt kalifornischer Salmonen

befürwortet wurde trotz der beträchtlicheren Kosten, »weil diese

lebhafter seien und beim Angeln mehr Sport gewährten als jene«.

Natürlich fehlt es auch Auckland nicht an einem eleganten englischen Klub

und an einem Athenäum oder Mechanics Institute. Eines Museums war die

Stadt erst vor Kurzem theilhaftig geworden, und vor wenigen Tagen hatte

die feierliche Eröffnung desselben stattgefunden. Die ganze Bevölkerung

strömte hinein es zu besichtigen. Die ausgestellten Sammlungen waren eben

so universeller Natur wie die des Wellingtoner Museums und grossentheils

geschmackvoll arrangirt. Nur auf dem Gebiete der Kunst war das denkbar

Schrecklichste geleistet worden. Ich habe nirgends, selbst in Amerika

nicht, empörendere Versündigungen an der heiligen Antike und Klassizität

gesehen, als dort in jener Ausstellung. Möchten doch die jungen Damen,

die da die Sixtinische Madonna und die Venus von Milo gezeichnet hatten,

niemals wieder einen Stift in die Hand nehmen.

Die Maoribevölkerung der Stadt Auckland ist vielleicht etwas stärker

als jene von Wellington. Die Maoris unterscheiden sich hier von ihren

südlichen Stammesgenossen nur dadurch, dass sie nicht so allgemein Hosen

anhaben, sondern es vorziehen, die oberen Theile ihrer nackten Beine mit

dem beliebten Schal zu umgürten, was der milderen Temperatur zuzuschreiben

sein dürfte.

Auf der anderen Seite des Hafens, dem Waitemata Hotel gegenüber, zieht

sich das »Northshore« entlang, eine Art Vorstadt, grösstentheils aus

anmuthigen Villen bestehend. Dorthin fuhr ich in Gesellschaft zweier junger

Franzosen, die ich bei Tisch kennen gelernt hatte. Der eine von ihnen war

in Sedan Artillerieoffizier und Gefangener, und somit schon einmal mir

ziemlich nahe gewesen. Jetzt führte uns der Zufall im Lande der Antipoden

noch enger zusammen. Der Zweck des Ausfluges nach dem Northshore war

hauptsächlich, frische Austern direkt vom Felsen weg zu speisen. Jeder

bewaffnet mit einem tüchtigen Messer, einer Zitrone und einer Flasche

kalifornischen Weines, richteten wir eine wahre Verheerung unter den

schlüpfrigen Thieren an. Nur die zarteste Kindheit wurde geschont. Die

Mahlzeit hätte komfortabler, gewiss aber nicht heiterer sein können. Ehe

wir nach Hause zurückkehrten, bestiegen wir noch einen der vielen kleinen

Vulkane, an denen hier nirgends Mangel ist, genossen die Aussicht und

konstatirten, dass oben zwei alte Schiffskanonen lagen, der Verrottung

preisgegeben.

Dieser Tag war der letzte mit schöner Witterung. Gleich am nächsten

Morgen fing es wieder an zu regnen, und regnete fort, so lange ich noch in

Neuseeland blieb. Es war die Regenzeit, der Winter von Auckland, die ihren

Einzug gehalten hatte. Auckland hat in Bezug auf Temperatur ungefähr

dasselbe Klima wie Sizilien oder Griechenland, ist aber viel reicher

an Regen. In Invercargill, der südlichsten Stadt Neuseelands, soll man

zuweilen Schlittschuhlaufen können.

So blieb mir denn nichts übrig als meine Ausflüge auf die nächste

Umgebung und auf den unerlässlichen Besuch der Goldminen an der Themse

einzuschränken. Die Themse fliesst von Südost her in die südöstliche

sackartige Ausbuchtung des Hauraki-Golfs. An ihrer Mündung liegen rechts

die beiden Goldstädtchen Grahamstown und Shortland mit zusammen 8000

Einwohnern.

Am 20. Juni reiste ich auf dem kleinen Dampfer »Durham« dorthin ab,

durch die Güte unseres Konsuls mit Empfehlungsbriefen ausgestattet.

Kalte strömende Regengüsse wurden nur selten von kurzen launischen

Sonnenblicken unterbrochen. Die Fahrt, welche sechs lange Stunden dauerte,

bot unter solchen Verhältnissen wenig Interessantes und noch weniger

Genuss. Alles aussenbords war grau, als der Waitemata-Hafen hinter uns lag,

an dessen Eingang mitten im Wasser auf hohem Balkengerüst ein rundes Haus

steht mit einer Veranda ringsherum und einem Leuchtthurm über dem Dache,

den Wächter mit seiner Familie beherbergend. Gewiss eine so gut ventilirte

Wohnstätte, wie man sie nicht besser wünschen kann, und zugleich eine

meer- und sturmumbrauste Idylle fern vom Gewühle des Landes. Kinder

spielten auf der Veranda, ein Hund bellte unseren vorüberfahrenden Dampfer

an, und die Gattin des Wächters klopfte Kleider aus. Unten am Gerüst

hingen ein Boot und ein kürzlich erst gefangener Haifisch.

Die meisten Passagiere waren der Seekrankheit zum Opfer gefallen, als wir

endlich Grahamstown, unser Ziel, in Sicht bekamen, und zugleich der Regen

aufhörte und die Sonne durchbrach.

Am Fusse hoher Berge und dann auch weiter oben begannen einzelne Häuser

aufzutreten und umzäunte Gärten, so steil ansteigend, dass ihre

Begrenzungen wie die Vierecke eines an der Wand hängenden Planes

erschienen. Fabrikartige schwarze Gebäude und hohe Schornsteine mischten

sich unten am Ufer dazwischen. Immer kahler wurden die Bergwände

hinter ihnen, zerkratzt und zerwühlt von gieriger Menschenhand und mit

zahlreichen Löchern von unten bis oben, die ins dunkle Innere führen

-- die »Thames Goldfields« lagen vor mir, und der Dampfer stiess an die

Landungsbrücke.

Von der in Goldplätzen herrschenden Verwilderung und Lasterhaftigkeit

haben unsere Romanschreiber so haarsträubende Bilder entworfen, dass

man sich gefasst machen möchte, in ihnen nur schrecklich verthierte

Mördergestalten, die beständig nach Blut und nach Gold lechzen, durch

düstere Gassen von Lasterhöhlen schleichen zu sehen. So schlimm sah es

nun in Grahamstown nicht aus. Die Strassen machten ganz denselben soliden

Eindruck wie die der anderen Städte Neuseelands, die ich passirt hatte,

und trugen ein viel älteres und fertigeres Gepräge als der kurzen Zeit

ihrer Existenz entsprach. Wenn man bedenkt, dass im Jahre 1867 als hier

zuerst Gold entdeckt wurde, die See noch an jungfräuliche schroffe

Felsenufer schlug oder unwegsame Sümpfe überfluthete, wo jetzt eine ganz

ansehnliche Niederlassung mit ausgedehnten Maschinerien steht, muss man

alle Achtung vor der schöpferischen Kraft des Goldes bekommen.

Es war gerade eine Periode der äussersten Geschäftsstockung. Die Minen

gaben seit längerer Zeit kaum mehr Gold genug um ihre Bearbeitung

zu lohnen, und die vielen müssigen Bummler vom Typus des pfiffigen

Börsenjuden bis zu jenem des borstigen und struppigen Hinterwäldlers,

welche gruppenweise an den Ecken der sonst öden und menschenleeren

Strassen herumlungerten, aus kurzen Pfeifen rauchten, häufig spuckten und

die Hände in den Hosentaschen verbargen, waren wahrscheinlich vazirende

Goldspekulanten und Digger.

Ich logirte mich in demjenigen von den vielen Hotels ein, welches dem

Pier zunächst lag. Dann ging ich aus, meine Empfehlungen an die Managers

verschiedener Minengesellschaften abzugeben. Aber nur zwei konnte ich

anbringen, die an die Caledonia- und die an die Kuranui-Mine. Die anderen

hatten wegen Mangel an Geld ihre Buden zugeschlossen und die Arbeit für

einige Zeit eingestellt.

Der Name »Thames Goldfields« ist geeignet ganz falsche Vorstellungen

hervorzurufen. Es handelt sich durchaus nicht um eine in der Fläche

ausgebreitete Oertlichkeit. Die »Thames Goldfields« sind sehr steile,

durch schmale Querschluchten abgetheilte Bergmassen, in deren Inneres

von allen Seiten und von unten bis oben Löcher getrieben sind, welche im

Verein mit dem zerkratzten und zerwühlten Zustand der Bergwände, mit

den vielen sich kreuzenden hochbeinigen Holzbrücken und mit den vielen

Fabrikschornsteinen der ganzen Gegend einen sehr unruhigen Charakter geben.

Das Gold ist hier in dünnen Quarzadern enthalten, welche die aus einem

weichen Mergelsandstein bestehenden Berge kreuz und quer durchziehen. Hat

man eine derartige goldführende Quarzader gefunden, so verfolgt man sie

bis sie aufhört. Als ich zum ersten mal das Material sah, welches aus den

Bergen zu Tage gefördert und in grossen Haufen aufgeschüttet wird um

in die Stampfwerke zu wandern, war ich sehr überrascht über seine

Beschaffenheit. Die Quarzadern sind so dünn, dass sie als lauter kleine

Bröckel in die anklebende schmierige Masse des Muttergesteins gebettet und

von dieser eingehüllt, zu einem dicken thonartigen Brei zusammengebacken

erscheinen. Die fachmännische Bezeichnung »Dirt« entspricht seinem

Aussehen vollkommen.

Dieser Dirt wird nun durch eigene Oeffnungen in das Innere der Batterien

geschaufelt und in die Stampftröge vertheilt, wo er unter beständigem

Zufluss von Wasser so lange zerstossen wird, bis er als feiner Schlamm

durch die nadelstichgrossen Löcher des Siebes, welches die eine Seite

der Tröge bildet, entweichen kann. Dann fliesst er in kleinen schmutzigen

Bächen über geneigte mit wollenen Decken bekleidete Ebenen von 15 bis 20

Schritt Länge in ein System geräumiger Bottiche. Schmale mit Quecksilber

gefüllte Rinnen unterbrechen quer diese Ebenen, denn alles Gold wird in

der Form von Amalgam gewonnen. Die schwereren Goldtheilchen sinken in

die Rinnen und werden vom Quecksilber chemisch gefesselt, während die

Quarztheilchen abfliessen. Sollte es einem Goldtheilchen gelingen sich

durch die Rinnen zu schmuggeln, so ist es noch lange nicht vor der

Affinität des Quecksilbers gerettet. Es verfällt nur etwas später den

Umarmungen dieses nach der Paarung mit ihm lüsternen Elementes. Der

ganze Schlamm wird nochmal und zwar viel gewaltsamer mit dem Quecksilber

zusammengebracht. Man lässt ihn zuerst in den grossen Bottichen sich

absetzen, in welche von Zeit zu Zeit auch die Wollendecken der geneigten

Ebenen ausgewaschen werden. Das geklärte Wasser fliesst oben über, unten

sammeln sich alle die suspendirten Stoffe, um schliesslich in die nach

ihrem Erfinder so genannten Berdans gebracht zu werden. Unter diesen

versteht man riesige eiserne Reibschalen, die mit Wasser gefüllt sind

und auf deren Grunde abermals Quecksilber lauert. Drei grosse und schwere

Kanonenkugeln werden darin herumgerührt und pressen auf diese Weise

jegliches Theilchen in intimen Kontakt mit dem Quecksilber.

Fängt nun das Quecksilber, sowohl der Querrinnen oben als der Berdans, an

krümelig zu werden, so ist dies ein Zeichen, dass es grösstentheils zu

Amalgam geworden und nahezu mit Gold gesättigt ist. Das Quecksilber hat

seine Pflicht gethan und kann gehen, oder vielmehr es wird schnöde zum

Gehen gezwungen, indem man das Amalgam in eisernen Retorten erhitzt, bis

das Quecksilber als Dampf in die untergestellten Wassergefässe entweicht

und wieder in seinen alten goldlosen Zustand zurückkehrt, um von Neuem dem

Gold nachzustellen und in die Dienste des Menschen zu pressen.

Das in der Retorte zurückbleibende rohe Gold kommt dann auf die Bank um

durch einen feineren chemischen Prozess geläutert und von dem Silber, das

sich fast stets in seiner Begleitung findet, geschieden zu werden.

Ich kletterte, von einem Bediensteten der Caledonia-Gesellschaft, der

gerade die Runde zu machen hatte, geführt, einen halben Tag lang in den

Stollen und Schächten der Minen herum, jeder eine Stearinkerze in der

Hand. Diese sind nämlich hier das allgemein übliche, sonst nicht für

bergmännisch geltende Beleuchtungsmittel. Jeder Arbeiter, den wir auf

unseren dunklen Wanderungen einsam oder in kleinen Gesellschaften trafen,

hatte eine Stearinkerze mittels eines Lehmknollens neben sich an den Felsen

geklebt. Man pflegt hier zwei Stearinkerzen lang, das heisst sechs Stunden

täglich zu arbeiten. Die Arbeiter wurden entweder im Taglohn mit 6

Shilling bezahlt oder hatten eine Ader gepachtet und arbeiteten auf eigenes

Risiko. Es wurde gerade sehr wenig Gold gefunden, nur eben so viel als sich

verlohnte überhaupt zu graben. Deshalb waren die Stollen auch alle

offen, und die schweren Thüren mit grossen Schlössern an den Eingängen

erinnerten nur mehr an die vergangene Blüthezeit der Goldgräberei, in

welcher eine strenge Kontrole nöthig und nützlich war.

Aufwärts und abwärts, horizontal und in allen Graden der Neigung

sind Schächte und Stollen durcheinander gewühlt. Nur an den

allergefährlichsten Punkten sind Stützen angebracht, von all den

Vorsichtsmassregeln unserer europäischen Bergwerke keine Rede. Beinahe

wäre ich in einen Verbindungsschacht gefallen, der plötzlich mitten

im Wege ohne Bedeckung sich aufthat. Mein Führer schien mir Respekt vor

seinem Geschäft beibringen zu wollen und hetzte mich durch alle möglichen

Schwierigkeiten -- endlose morsche Leitern hinab, auf denen oft meterlang

die Sprossen fehlten, und der Fuss vergeblich nach einer Stütze im

ungewissen Abgrund unten herumtastete, während oben die zerbröckelnde

Erde nachstürzte, durch enge Löcher, durch die man nur auf dem Bauche

rutschend sich durchzwängen konnte, auf Schienenwegen entlang, auf denen

jeden Augenblick schwerbeladene Wagen aus dem schwarzen Inneren allein und

ohne Aufsicht gepoltert kamen und den Leib aufzuschlitzen drohten, falls

man sich nicht platt genug an die Wand drückte.

Fast alles Holzwerk in den Gängen war halbverfault. Wasser triefte von der

Decke herab, und ungemein zarte flockige Schimmelbildungen, zarter als die

zarteste Baumwolle, schmückten die Ecken. An einigen Stellen überraschte

mich ein anmuthiges Phänomen zoologischer Natur. Die Decke erschien

übersät mit Hunderten kleiner grünlich phosphoreszirender Sterne --

Glühwürmchen, die auf der Rückenseite der drei vorletzten Ringe einen

verhältnissmässig grossen länglichen Leuchtapparat trugen. Sie sassen in

kleinen schlauchförmigen Gespinnsten etwa viermal so lang wie sie selbst,

welche horizontal an den Rauhigkeiten des Gesteins befestigt waren, und

von welchen feine Fäden, mit zierlichen Thauperlen besetzt, herabhingen.

Näherte man ihnen das Licht, so fingen sie in ihren Schläuchen zu

marschiren an und retirirten nach geschützteren Winkeln. Hie und da fand

ich in alten Gespinnsten kleine todte Käfer hängen, vielleicht die Imago

jener Würmchen.

Den anderen Tag besuchte ich den 200 Meter tiefen Schacht der »United

Pumping Association« -- für den richtigen deutschen Studenten gewiss ein

Name von ausgezeichnetem Wohlklang. Das grossartige Werk dient dazu, die

im Umkreis liegenden Minen zu drainiren. Im Grunde des Schachtes als dem

tiefsten Punkt sammelt sich das Wasser des Bodens und wird durch Pumpwerke

zu Tage gefördert.

Vergebens suchten mich die Beamten von meinem Vorhaben abzubringen, indem

sie mir die schlechte Qualität der Luft, die Hitze und den Ueberfluss

an Wasser dort unten in den lebhaftesten Farben schilderten. Ihre

Vorstellungen waren auch, wie ich erfahren sollte, nicht übertrieben.

Ich steckte mich in die von Lehm starrenden Kleider eines Arbeiters, betrat

in Gesellschaft eines Aufsehers den Fahrkorb und liess mich in den dunklen

Schlund hinabsenken. Wir fuhren so rasch, dass man das unangenehme Gefühl

des Fallens empfand. Immer kleiner wurde das viereckige Licht über uns,

immer wärmer die Luft und immer stärker der dichte und gewaltsame Regen,

welcher von den mit Kalkinkrustationen überzogenen Wänden herabstürzte.

Neben uns liefen die Röhren und die aus halbmeterdicken Kauribalken

zusammengesetzten Pumpenstangen, und das Brausen von Wasserfällen

ertönte, so oft wir eines der vielen Reservoirs passirten, durch welche

das Wasser von einem zum anderen gegeben wird. Mein Führer zog mehrmals an

der Leine und stoppte die Fahrt, um mir das Werk zu erklären. Noch ehe wir

unten ankamen, waren wir innen und aussen in Schweiss und Regen gebadet.

Die drückend schwüle Luft war mit Feuchtigkeit vollständig gesättigt,

das Athmen wurde beschwerlich.

Wir hielten an unserem Ziele, der Schwebekorb stiess auf den Grund des

Schachtes. Wir stiegen aus in den schmutzigen Sumpf, welcher knietief

den Boden bedeckte. Die Beamten hatten Recht gehabt, hier unten war es

fürchterlich. Ich hatte das Gefühl zu ersticken in der unerträglichen

Hitze, nur die halbe Atmosphäre war Luft, die andere Hälfte Wasser,

welches widerlich lauwarm von allen Seiten herabschoss.

Und hier unten in diesem qualvollen Aufenthalt mühten sich sechs Menschen

um ihr tägliches Brot. Der Raum, den sie erweitern sollten, war so eng,

dass wir beide kaum mehr Platz hatten. Bis zu den Knieen im Schlamme

stehend und strömend von Wasser, heftig athmend und mit dunkelgerötheten

Gesichtern verrichteten sie schweigend ihre Arbeit. Ein aus Holz

gezimmerter Kanal führte kühlere Luft von den Ventilationsvorrichtungen

herbei. Dort das Antlitz hineinzuhalten und einige Züge zu schöpfen war

ihre einzige Erholung.

Die Ventilation wurde mittels eines Sturzbaches, der durch einen eigenen

etwa 100 Meter tiefen Schacht zerstiebend herabfiel, bewerkstelligt. Die

in einzelne Tropfen aufgelöste Wassermasse riss Lufttheilchen mit

sich, welche als ein frischer Wind in die horizontal verzweigten Kanäle

hineingestossen wurden.

Mit Freude begrüsste ich wieder das himmlische Licht, als wir dem

finsteren Schachte entstiegen, nass vom Scheitel zur Zehe. Der Kuranui

Manager hatte noch die Freundlichkeit, mir einige Goldspecimens und

statistische Notizen von seiner Mine zu schenken. Dann kehrte ich

befriedigt ins Hotel zurück.

Nachdem ich so das Wesentlichste gesehen, konnte mich bei dem ewigen Regen

und Stürmen und bei dem unwegsamen Zustand der Umgebung nichts mehr an

Grahamstown fesseln.

Als ich jedoch am nächsten Morgen wieder auf dem Durham mich einschiffen

wollte, hatte eine Sturmfluth das Pier und die unteren Theile der Stadt

überschwemmt, so dass man bis zu den Hüften im Wasser waten musste, um

die nächste trockene Strasse zu erreichen. Oben in einem Wirthshaus

fand ich den Kapitän, der durch die Ueberschwemmung von seinem Schiff

abgeschnitten war und bedenklich zweifelte, ob er bei solchem Wetter heute

noch die Rückfahrt nach Auckland wagen sollte. Zum Glück klarte der

Himmel sich auf, der Sturm legte sich etwas, die Fluth lief ab, und wir

lichteten Anker, um eine sehr ungemüthliche Reise anzutreten.

Alle die wenigen Passagiere bis auf zwei Maoridamen und mich waren nach

der ersten Viertelstunde intensiv seekrank. Der kleine Durham sprang und

schlenkerte ganz verrückt, und seine Schraube arbeitete mehr in der Luft

als im Wasser.

Die zwei Maoridamen waren aus Ohinemuri, wie mir der Steward sagte, und von

hoher Abkunft, wie ihre stark tätowirten Lippen und Kinne bewiesen.

Sie mochten etwa 40 Jahre zählen und waren dementsprechend runzelig.

Haifischzähne mit rothen Siegellacktropfen in den Ohren, Grünsteinfratzen

mit Perlmutteraugen als Amulette am Halse, falsche europäische Brasselets

und Ringe um das Handgelenk und die Finger, alte Mäntel aus Phormium, mit

rothen Troddeln und schwarzen Fransen bespickt, um die Schultern, darunter

grellrothe wollene Unterröcke und schmutzige Hemden, ungekämmtes

wallendes kohlschwarzes Haar, ohne Kopfbedeckung und baarfuss, die

Waden mit einem Muster aus kleinen Längsstricheln tätowirt -- so

repräsentirten sie den Typus vornehmer Häuptlingsfrauen vom Lande. Auch

sie husteten beständig, kein Wunder bei der herrschenden Kälte und bei

ihrer leichten Bekleidung.

Im Anfang versuchten sie, nach Pakeha-Art auf dem Sopha zu sitzen, aber sie

quälten sich nicht lange damit, sondern rutschten herab auf den Boden,

wo sie sich entschieden viel wohler fühlten, zumal als der Durham immer

heftiger zu springen begann, was ihnen keine geringe Furcht einzuflössen

schien. Als wir nach einiger Zeit unter dem Schutz einer Bergwand in

ruhigere See kamen und an das Dinner denken konnten, waren sie nicht zu

bewegen, am Tisch Platz zu nehmen. Sie blieben auf dem Boden und liessen

sich dort serviren. Sie bedienten sich übrigens der Gabeln und Messer

in geziemender Weise, und als sie fertig waren, zogen sie schmutzige

Thonpfeifen aus dem Busen und rauchten.

Nur ein einziger Ausflug wurde mir noch vom Wetter vergönnt. Der Isthmus

von Auckland ist bekanntlich eines der grossartigsten vulkanischen Gebiete

der Erde. Gleich hinter der Stadt erhebt sich ein noch ganz deutlicher

alter Vulkan, der Mount Eden. An einem trüben Sonntag, an dem es

ausnahmsweise nicht regnete, machte ich diesem meinen Besuch.

Sobald man die geschlossenen Reihen der Häuser hinter sich hat, beginnt

der Weg stetig anzusteigen, und je weiter man geht, desto ausgedehnter

wird die Fernsicht. Die Lavaschlacke bildet ein vortreffliches Material zur

Strassenbeschotterung und nur ihr verdankte ich die Möglichkeit vorwärts

zu kommen. Denn wo sie auf kurze Strecken des Weges fehlte, war der

Lehmboden zu einem beinahe unüberwindlichen Brei erweicht.

Ich war schneller oben am Rande des Kraters als ich erwartete. Das Innere

des Trichters ist jetzt ebenso wie die äussere Böschung mit europäischem

Gras bewachsen, den Grund desselben bedecken Lavablöcke. Der Berg war

ehemals ein grosser Maori-Pa und ist von seinen einstigen Bewohnern her

ringsum terrassirt. Allenthalben ist der Rasen mit Muschelbruchstücken,

den Ueberbleibseln ihrer Mahlzeiten, besät. Pferde und Kühe weiden jetzt,

wo einst stolze Häuptlinge hinter kunstvollen Befestigungen ihrer Feinde

spotteten und ihnen Wolfsgruben bereiteten, von denen einige noch erhalten

sind, falls die betreffenden Vertiefungen nicht als Kochstellen oder zu

anderweitigen physiologisch-hygienischen Zwecken gedient haben.

Das Panorama, welches sich zu Füssen des Berges entrollt, muss bei

schönem klaren Wetter zu den schönsten der Erde gehören. Nordwärts der

Haurakigolf mit den vielen Inseln und Halbinseln, über die der Rangitoto

gebieterisch hervorragt, dessen merkwürdige scharfgeschnittene Gestalt mit

den beiden symmetrisch links und rechts angefügten kleinen Vulkanen gerade

aussieht wie ein idealer Durchschnitt der verschiedenen Kegel eines Vulkans

in Hochstetters Buch über Neuseeland. Südwärts die Felsenkulissen des

Manukauhafens. In der Mitte der Isthmus mit seinen zahlreichen grossen

und kleinen isolirten und gruppirten vulkanischen Kegeln und düsteren

Lavafeldern, zwischen denen zerstreute Saatäcker sich emporzudrängen

begonnen haben. Die einzelnen Grundstücke sind mit Zyklopenmauern von

Lavablöcken eingefasst, was der Landschaft etwas Festungsartiges

verleiht. Unten an der Ostseite haben sich zahlreiche elegante Cottages mit

wohlgepflegten Gärten angesiedelt, und da wo die Strasse nach Manukau

sich hinzieht, sind mehrere Steinbrüche aufgeschlossen, aus denen dichter,

schwerer Basalt gewonnen wird.

Reiseprojekte und die Bibliothek des Mechanics Institute waren fortan

meine Hauptbeschäftigung. Ich studirte die zahlreichen Neuseeländischen

Zeitungen und fand darin manches Neue und Interessante. Auch hier in diesem

schönen Lande wird viel geschimpft. Schimpfen scheint ein natürliches

Bedürfniss des Menschen zu sein.

Vorzugsweise waren es zwei Punkte, über die es fast nie an heftigen

Artikeln fehlte, die Maoris und die Verfassung.

Wie sehr erstaunte ich zu vernehmen, dass es auf der Nordinsel Neuseelands

noch immer einen Distrikt giebt, King Country genannt, in welchem etwa

10000 Eingeborene unter einem eigenen selbstgewählten König leben und den

Weissen jeglichen Zutritt verwehren. Nach dem neuesten Zensus vom

Dezember 1875 besitzt die Kolonie, welche einen Flächenraum von 271677

Quadratkilometer (= 104900 englischen Quadratmeilen) also circa 41000

Quadratkilometer mehr als Grossbritannien ohne Irland umfasst, eine

Bevölkerung von 375800 Weissen und 45400 Maoris. Und mitten in dieser

fast vierzigfachen Majorität von Weissen darf es ein Häuflein von 10000

Eingeborenen wagen, dem britischen Banner zu trotzen! Ich fand die

King Country auf keiner Karte angegeben. Ein Beamter der Behörde

für Maoriangelegenheiten hatte die Güte, mir dieselbe in die meinige

einzuzeichnen. Sie soll etwa 1000000 Acres (= 4050 Quadratkilometer)

bedecken und liegt nordwestlich vom Tauposee. Gegen Westen ist ihre Grenze

das Meer zwischen dem Aotea-Hafen und dem Mokau-Fluss. Von diesem letzteren

geht sie beinahe parallel dem Breitengrad nach dem Tauposee, an dessen

nordwestlicher Ausbuchtung entlang bis fast zum Waikato, hierauf parallel

dem linken Ufer des Waikato bis zu seinem Mittellauf, von wo sie eine

Strecke weit von ihm selbst gebildet wird, um etwa in gleicher Breite von

Aotea wieder nach West abzubiegen. Auf der Poststrasse von Tapuaeharuru

nach Ohinemutu war ich also nur wenige Kilometer von ihr entfernt gewesen.

Tawhiao heisst der König, der dort herrscht, Te Kuite ist sein Hauptdorf.

Es sollen sich einige Europäer als Rathgeber bei ihm befinden, welche sich

förmlich zu Maoris naturalisirt haben, sich wie Maoris kleiden und wie

Maoris leben und deshalb Pakeha-Maoris genannt werden. Die während

des zehnjährigen Krieges entstandene, aus Christenthum, Judenthum und

Heidenthum zusammengemischte Maori-Staatsreligion oder »Hau Hau-Religion«

(der Ausruf »Hau hau« spielte in den Gebeten und als Kriegsgeschrei eine

hervorragende Rolle) ist von Tawhiao zur »Taraeo-Religion« modifizirt

worden.

Diese King Country nun schien den oppositionellen Blättern ein arger Dorn

im Auge zu sein, und nicht mit Unrecht, wenn folgender Passus, den ich aus

einer Neuseeländischen Korrespondenz in der Sydney Mail vom 4. März 1876

wörtlich wiedergebe, und der die ganze Litanei von Klagen am bündigsten

zusammenfasst, sich auf Wahrheit gründet, woran nicht zu zweifeln ist:

»Die Eingeborenen kennen sehr wohl die Schwäche der Regierung ihnen

gegenüber und geben sich keine Mühe, ihre Verachtung derselben zu

verbergen. Jeder eingeborene Spitzbube und Verbrecher findet stets Zuflucht

und Schutz in der King Country, und nichts desto weniger halten die

Behörden es vereinbar mit der Ehre des britischen Namens, dem Tawhiao,

unter dessen Zustimmung solches geschieht, eine halboffizielle Anerkennung

zu gewähren.« Fast jede Nummer, die ich damals in die Hand nahm, enthielt

lange Geschichten von Mördern und Räubern, welche sich den Gesetzen durch

Uebersiedlung nach der King Country entzogen hatten.

Die Duldsamkeit der Kolonialregierung ist gewiss nicht glorreich, aber

praktisch und ein Stück jener schlauen Politik, der England seine

grossen Erfolge im Kolonisiren verdankt. Mit starrem Festhalten an hohlen

Prinzipien und Schablonen würde man viel weniger weit gekommen sein. Wegen

einer geringfügigen Sache eine Menge Geld und Soldaten zu opfern, die

sie nicht werth ist, dazu sind die Engländer zu klug. Sie überlassen

die Maoris der Zeit und dem Schnapse, welche beiden Faktoren sicherer und

gründlicher mit ihnen aufräumen werden, als die Kriegskunst irgend einer

Nation in den dichten Urwäldern Neuseelands jemals vermöchte.

Was nun die Verfassung der Kolonie anbelangt, so war damals eine starke

Bewegung im Gange, die acht Provinzen mit den acht Provinzialregierungen

abzuschaffen. Der Premierminister Sir Julius Vogel, ein deutscher Jude,

stand an der Spitze derselben. Die Provinzen hatten eine ähnliche

Selbstständigkeit wie die einzelnen Staaten der nordamerikanischen

Republik, jede besass ihren Provincial Council von 20 bis 40 Mitgliedern,

welche auf je vier Jahre gewählt wurden, und eine eigene Regierung mit

dem entsprechenden Stab von Beamten. Sie alle zusammen waren dann vereinigt

unter dem Gouverneur Marquis of Normanby, dem sieben Minister und ein

zweikammeriges Parlament, dessen Oberhaus 45 vom Gouverneur auf Lebenszeit

ernannte Mitglieder und dessen Unterhaus 78 Abgeordnete zählte, nebst

einem neunten noch grösseren Stab von Beamten zur Seite standen.

Entschieden liess sich nicht leugnen, dass Neuseeland, ein Land von noch

nicht einer halben Million, auf diese Weise überregiert war. Für

die Abolition waren namentlich die durch den Maorikrieg am meisten

geschädigten und ärmeren Provinzen der Nordinsel Auckland, Taranaki,

Wellington und Hawkes Bay, weil sie bei einer Verschmelzung der Lasten nur

gewinnen konnten, gegen die Abolition agitirten jene der Südinsel Otago,

Canterbury, Marlborough und Nelson, die ihre blühende Prosperität nicht

mit den heruntergekommenen nördlichen Nachbaren theilen wollten. Es war

ein Kampf des Kommunismus im Grossen, und es tauchten bereits Stimmen auf,

dass man die ganze Kolonie lieber gleich in zwei theilen möchte.

Die Südinsel und besonders die Provinz Otago scheint eine grosse Zukunft

zu haben. Dorthin zieht sich die überwiegende Menge der Einwanderer, dort

sind Ackerbaudistrikte, in denen bereits soviel Getreide produzirt wird,

dass exportirt werden kann. Wie viele bei uns wissen etwas von Dunedin, der

Hauptstadt Otagos. Und doch ist Dunedin eine Stadt von bereits nahezu 19000

Einwohnern, die in Bälde Auckland mit seinen 21000 überflügelt haben

wird. --

Meine Südseereiseprojekte schwanden immer mehr zusammen, je mehr ich

von der Spärlichkeit und der Unsicherheit der Verbindungen kennen lernen

musste. Wer nicht über eine eigene Yacht oder über eine unbeschränkte

Anzahl von Monaten zu gebieten hat, möge darauf verzichten, in der Südsee

abseits von den Dampferlinien zu reisen.

Etwa sechsmal im Jahre ohne bestimmte Ordnung befahren von Auckland aus

Segelschiffe die Tonga- und die Samoa-Gruppe. Sie laufen je nach Wind und

Wetter und je nach den Geschäften die Inseln Tongatabu, Nemuka, Hapai,

Wawau, Haiwawa und Upolu an, um Tauschhandel mit den Eingeborenen zu

treiben, und für ihre Aexte, Messer, Baumwollenzeuge und Schmucksachen

Kokosnüsse einzunehmen. Zweimal schien mir eine derartige Gelegenheit zu

winken, aber immer wieder wurde die Abfahrt auf ungewisse Zeit verschoben.

Der Kapitän einer kleinen Brigantine aus Sydney, welche nach Tonga gehen

sollte, suchte mich zu überreden, mit ihm zu kommen und mich auf Tonga als

Arzt zu etabliren, es sei dort noch keiner vorhanden, und er habe von den

dort gebietenden Wesleyanischen Missionären den Auftrag, einen solchen zu

beschaffen. Die schwarze Gesellschaft passte mir aber nicht, wenn ich

mich auch zu einem längeren tonganischen Aufenthalt hätte entschliessen

können. Der Titel »Wesleyan« hat in der Südsee denselben Beigeschmack

wie bei uns »Jesuit«. Gerade Tongatabu soll ein Hauptnest dieser

englischen Hierokraten sein, wenn auch dem Namen nach der eingeborene King

Georges über die Tonga-Inseln regiert.

Als warnendes Beispiel, wie wenig hier zu Lande auf Versprechungen von

Schiffsgelegenheiten zu geben sei, dienten mir übrigens auch meine beiden

Franzosen im Waitemata-Hotel, welche bereits seit drei Monaten auf ein

Schiff nach Tahiti warteten, das man ihnen eben so lange in Aussicht

gestellt hatte. Erst nach zwei weiteren Monaten kamen sie wirklich fort,

wie ich zu Honolulu aus einer Auckland-Zeitung erfuhr.

Unter solchen Umständen wandte ich meine Gedanken wieder mehr den

Postdampfern zu, um ohne weitere Abenteuer nach Hause zu fahren. Neuseeland

hatte damals monatlich zwei europäische Posten, welche unbequemer Weise

fast zur selben Zeit, nur mit einigen Tagen Unterschied eintrafen und

abgingen, die eine westlich über Australien und Indien, die andere

östlich über Kalifornien. Der letztere Weg ist etwas kürzer als der

erstere, aber zugleich auch kostspieliger.

Reise durch den Stillen Ozean · 第 49 / 85 题