Abschied. Pokohorungi und der Oropibusch. Maoriskulpturen. Eine
misstrauische Waldfamilie. Der Sergeant Apro Pioaro und seine Gattin
Mangorewa. Tauranga. Reges Leben und Nasendrücken. Abermals ein Stück
Neuseeländischer Bummelei. Der Dampfer Rowena. Merkury-Bay. Ankunft in
Auckland.
Es gefiel mir in Ohinemutu so gut, dass ich meinen ursprünglichen
Reiseplan unberücksichtigt liess und länger blieb als vorausbestimmt war,
bis ich eines schönen Morgens Abrechnung mit meinem Mammon hielt und die
schreckliche Entdeckung machte, dass ich nicht mehr Geld genug besass um
den nächsten Postwagen abzuwarten. Mit Wechseln war hier nichts zu machen.
Ich musste fort, fort nach zivilisirteren Gebieten, wo es Banken gab, und
zwar schleunig und zu Fuss. Denn selbst ein Pferd oder sonstiges Vehikel
hätte ich nicht mehr bezahlen können.
Umsonst schlug die Wirthin, umsonst schlug der Rossarzt, Pferdeverleiher
und Lohnkutscher, umsonst schlugen die rheumatismusgelähmten Badegäste
die Hände über dem Kopf zusammen, als ich ihnen mittheilte, dass ich
»aus wissenschaftlichen Gründen« zu Fuss durch den schauervollen
Oropibusch nach Tauranga gehen wolle. Meine wissenschaftlichen Gründe
waren unerschütterlich. Ich schnürte mein Bündel, übergab das schwerere
Gepäck zum Nachsenden, drückte Allen zum Abschied die Hände und schritt
hinweg -- wenn die Wirthin und der Rossarzt und die Badegäste nur halbwegs
aufrichtig waren, in mein sicheres Verderben.
Ich trennte mich ungern von Ohinemutu, und jedesmal so oft das freundliche
dampfende Dörfchen zwischen den Farnhügeln wieder auftauchte, sandte ich
ihm zärtliche Blicke zurück.
Im Halbkreis zieht sich die Strasse um das westliche Ufer des Sees und
kriecht dann ins Dickicht des Busches hinein. Die Insel der schönen
Hinemoa ruhte duftig unter den Strahlen einer wolkenlosen Sonne, und
ein kühles Lüftchen milderte angenehm die Wärme des Tages. Da wo die
Farnlandschaft aufhört und der Busch beginnt, liegt die Maoriansiedelung
Pokohorungi, und ich bog von der Strasse ab um sie in Augenschein zu
nehmen. Wenige Zelte und Strohhütten standen zwischen frischgefällten
Baumstämmen, über Feuerstellen mit glimmender Asche hingen grosse eiserne
Kessel. Hunde bellten, und ein paar braune nackte Kinder liefen eilig
hinweg, indem sie besorgt »Pakeha, Pakeha« riefen. Unter einem Baum
sassen mehrere Frauenzimmer und assen Kartoffel. Sie machten Witze über
mich, lachten laut auf, und ein aussergewöhnlich hübsches Mädchen
reichte mir zum Willkomm eine geschälte Kartoffel, die ich mit Dank
annahm.
Der Oropibusch, den ich nun betrat, unterschied sich in nichts von
den anderen prachtvollen Wäldern Neuseelands, die ich bisher gesehen.
Streckenweise war der lehmige Weg so aufgeweicht, dass die Stiefel in
Versuchung kamen den Beinen abtrünnig zu werden und im knietiefen Brei
stecken zu bleiben. Beständig ging es bergauf und bergab, und war ich ein
paar hundert Meter aufwärts gestiegen, so musste ich sicher eines kleinen
Flüsschens halber eben so tief wieder hinabsteigen. Ich freute mich, nicht
zu Wagen hier durchzupassiren. Denn abgesehen von der bei diesem schlechten
Zustand der schmalen Strasse naheliegenden Gefahr in den Abgrund zu
stürzen bot die Wagenfahrt hier kaum ein nennenswerthes Vergnügen.
Wenn die Strasse um Ecken bog und glatt abgeschnittene Wände ihre
eine Seite bildeten, fehlte es niemals an eingekratzten Zeichnungen und
Maorinamen, wozu sich das Gestein, ein weicher Mergel, vortrefflich eignet,
und einmal stiess ich sogar auf Basreliefs. Eine Rieseneidechse, ein
menschliches Antlitz sowie gleich daneben der entgegengesetzte Pol eines
menschlichen Torso mit etwas anstössigem Detail und ein verschlungenes
knollenförmiges Etwas, das ich nicht zu enträthseln vermochte, waren
die Gegenstände, deren Darstellung kein geringes Formenverständniss
bekundeten. Diese Skulpturen befanden sich so hoch oben, dass sie nur
während des Strassenbaus gefertigt worden sein konnten.
So reich und üppig die Vegetation entfaltet war, so arm schien die
Thierwelt vertreten zu sein. Meine zoologische Ausbeute war dementsprechend
gering. Ich schälte beträchtliche Partieen von faulen Baumstämmen ab,
ohne eine einzige Schnecke zu finden. Ziemlich häufig fand ich dagegen
eine unserem Süsswassergammarus ähnliche Krusterart, die hier im feuchten
Mulm lebt.
Nichts unterbrach die tiefe einsame Stille des Neuseeländischen Forstes
als hie und da die schüchterne Stimme eines Glockenvogels, welche klang
wie die Vorbereitungen eines Punschgläservirtuosen, der den Ton seiner
Instrumente prüft.
Es wurde kalt, als der Abend hereinbrach und der Sonnenschein immer höher
an den vergoldeten Gipfeln der Bäume und Berge emporrückte. Ich traute
meinen Augen kaum, als ich Eiskrusten an den Kanten des Strassenkoths
entdeckte, und ich fühlte einige Beunruhigung, als der Himmel immer
dunkler und der Weg immer undeutlicher wurde, und jener Militärposten,
in dem ich übernachten wollte und der nach meiner Schätzung schon lang
hätte kommen müssen, noch immer nicht erscheinen wollte. Auch
hier arbeiteten Soldaten und zwar eingeborene an der Herstellung und
Verbesserung der Strassen, und in einer gewissen Entfernung, war mir gesagt
worden, würde ich wahrscheinlich ein Zeltlager finden, welches aber jetzt
auch irgendwo anders aufgeschlagen sein konnte. Endlich stieg unten im
Thale eine Rauchsäule empor zu den Sternen, die bereits hell durch die
Bäume herabblinzelten.
Was ich suchte, sollte mir noch nicht zu Theil werden. Nur ein einziges
Zelt stand zwischen Felsblöcken am Ufer eines rauschenden Baches, und um
das Feuer davor sass eine zahlreiche Maorifamilie. Drinnen im Zelt quiekste
ein Säugling, und zwei grosse zottige Hunde knurrten sehr unangenehm, als
ich zu ihnen hinabstieg. Keine Möglichkeit Auskunft zu erhalten. Niemand,
auch der uniformirte Vater nicht, verstand was ich wollte. Alle sahen mich
scheu und misstrauisch an, die Hunde schnupperten knurrend an mir herum,
und der Säugling hörte nicht auf zu quieksen. In solcher Gesellschaft
wäre ich um keinen Preis geblieben so müde ich auch war, und lieber
wollte ich im Busch irgendwo zu schlafen versuchen.
Um nicht umsonst in die Schlucht mich bemüht zu haben, machte ich die
kosmopolitische Geberde des Trinkens und bat um »Wai« (Wasser). Der Mann
stiess die Frau an, die Frau aber murrte und zeigte sich nicht geneigt
meinethalben aufzustehen, so dass ich selber ein Gefäss ergriff und zum
Bache kletterte, um Wasser zu schöpfen. Dies war das einzige mal, dass
ich von Maoris unfreundlich behandelt wurde, wobei allerdings als
Entschuldigung in Betracht kommt, dass mein plötzliches Erscheinen in so
später Stunde verdächtig sein mochte.
Ich war noch keine tausend Schritt weiter gegangen und machte mich eben mit
dem Gedanken vertraut, die Nacht durchzumarschiren, als etwas Helles aus
der Dunkelheit zwischen den Bäumen auftauchte und ein Hund zu bellen
begann.
Eine Holzhütte, einige Zelte -- es war mein langersehntes und schon als
verloren betrachtetes Nachtquartier. Auf mein Pochen öffnete sich die
Thüre der Hütte, und ich stand vor dem Kommandanten des Platzes Apro
Pioaro, einem schönen braunen Sergeanten.
Seine hohe kräftige Gestalt, die edle Gesichtsbildung und die
geschmackvolle Uniform der Neuseeländischen Konstabulary Force machten
ihn zu einer musterhaften militärischen Erscheinung. Weniger günstig nahm
sich neben ihm seine Gattin aus, die sich alsbald beeilte, mir eine
Taube des Waldes und etliche Bataten zum Abendmahl zu bereiten. Sie hiess
Mangorewa. Ich liess mir beider Namen von ihm in mein Tagebuch schreiben.
Als ich mit dem Essen fertig war, hatte mittlerweile mein liebenswürdiger
und chevaleresker Wirth in einem leerstehenden Zelt draussen ein
vortreffliches Lager zurechtgemacht. Wir plauderten noch ein Weilchen und
rauchten aus schrecklich schmutzigen Thonpfeifen ätzenden Maoritabak,
und wir wären sicher noch viel länger zusammen geblieben, wenn nicht
Mangorewa, um uns ein Zeichen zu geben, sich demonstrativ entkleidet und
ins Bett gelegt hätte. Ich wollte meinem Gastfreund etwas Tabak anbieten,
doch er protestirte dagegen und litt nicht einmal, dass ich anderes als
sein eigenes Kraut rauchte.
Die Nacht war kalt, aber es lagen so viele Decken und alte Soldatenmäntel
auf der Farnstreu in meinem Zelt, dass ich nicht zu frieren brauchte. Nur
der Hund des Kommandanten, der durch eines der vielen Löcher hereinkroch
und sich mir beigesellte, da er wahrscheinlich ältere Rechte auf das Bett
hatte, störte mich zuweilen. Draussen grunzten und schnüffelten alte und
junge Schweine schlaflos hin und her, und jedesmal so oft diese unwirsch
sich zankten oder eines an der Leinwand vorüberstreifte, fühlte mein
Genosse sich verpflichtet hinauszufahren und aufzubegehren. Oben schimmerte
der Mond und unten strich die erfrischende Waldluft durch das Gewebe.
Ich wickelte mich wohlig in die wärmenden Decken und dachte an die ferne
Heimath.
Am frühen Morgen lauerte bereits die ganze Bewohnerschaft des
Militärpostens neugierig auf den Moment, da ich die Zeltwand
auseinanderschlagen und erscheinen würde. Aus jeder Spalte und aus jedem
Fensterchen der Hütten und Zelte guckte ein ungekämmter Weiber- oder
Kinderkopf und starrte verwundert mich an.
Ich wollte nach dem Frühstücksthee meinem Sergeanten ein paar Shilling
in die Hand drücken, er nahm aber durchaus kein Geld. Da ich jedoch
auf Zahlung bestand, so wurde er weich und sagte verschämt und verlegen
lächelnd: »Ask Woman«. Ich gab nun Mangorewa meine Münze, welche
sie rasch einsackte, während Pioaro mir noch ein paar Schiffszwiebacke
aufnöthigte und seinen russigen Pfeifenstummel zum Andenken schenkte.
Ungefähr zwei Gehstunden vor Tauranga liegt das nur aus einem Hotel und
einigen Hütten und Zelten mit gemischter Bewohnerschaft bestehende Dorf
Oropi, welchem der hier endende Busch seinen Namen verdankt. »Oropi« ist
die Maoritransskription für das englische »Europe«. Diese Ortschaft war
einst der äusserste von der Küste her vorgeschobene Punkt europäischer
Kultur, und mit ihr begann damals für die Maoris des Inneren Europa.
Der Wald lichtet sich, und das nur mehr mit Farn bewachsene Land fällt
allmälig zur Bay of Plenty hinab. Von kleinen lauter vulkanischen
Inselbergen durchbrochen steigt die blaue Fläche des Meeres zum Horizont
empor, und allenthalben erscheinen Farmengehöfte, mit Hainen importirter
Pappeln und mit den Rechtecken von Getreidefeldern umgeben, in die
braungrünen Wellen der Farnlandschaft hineingestreut. An klaren Tagen ist
von hier aus auch die Insel Whakari oder White Island zu sehen, der eine
von den beiden Vulkanen Neuseelands, die allein unter den vielen noch
thätig sind. Der andere ist der Tongariro südlich vom Tauposee.
Als ich Tauranga erreichte, war es bereits wieder Nacht geworden. In der
Dunkelheit hatte ich kurz vorher den Gate-Pa passirt, einen Punkt, der in
der Geschichte des erst 1870 beendeten grossen Maorikrieges eine bedeutende
Rolle spielt. Der Gate-Pa war ein verschanztes Lager, welches die
Eingeborenen so tapfer und erfolgreich vertheidigten, dass trotz ihrer
Ueberlegenheit an Zahl und Bewaffnung die stürmenden Engländer mehrmals
mit starken Verlusten zurückgeschlagen wurden. Eine Menge Gräber aus
jener Zeit bedeckt den Kampfplatz.
Tauranga lernte ich ebensowohl als einen interessanten Zentralpunkt für
die umwohnende Maoribevölkerung wie als ein hübsches aufstrebendes
Städtchen europäischen Styles schätzen. Gleich der erste Morgen brachte
mir wieder schönes warmes Wetter. Lachender Sonnenschein lag über der
weiten blauen Bucht mit den vielen kegelförmigen Inseln, als ich aus dem
Bett ans Fenster trat.
Mein guter Stern hatte mich zur günstigsten Zeit hieher geführt. Alles
war belebt von braunen Gestalten auf der Strasse unten, deren eine Seite
das Ufer und deren andere eine Reihe anmuthiger Häuser bildet.
Die Eingeborenen der Bay of Plenty treiben etwas Ackerbau und scheinen noch
nicht so vollständig in Faulheit und Liederlichkeit versunken zu sein wie
jene des Lake-Distriktes, obgleich auch bei ihnen ein grosser Theil des
Verdienstes sofort in Schnaps umgesetzt wird. Am nächsten Tage sollte der
wöchentliche Dampfer nach Auckland abgehen, und von links und rechts kamen
Maoris über die Bucht herangesegelt und herangerudert um ihren Mais zu
verschiffen. Man sah da alte Kanuus und moderne scharfgekielte Böte und
gedeckte Kutter von englischer Bauart in ihrem Besitz. Die Kanuus waren
im besten Zustand und viel reinlicher und tüchtiger gehalten als jene
morschen und lecken Tröge, die auf dem Tarawerasee dem Touristenverkehr
dienen. Holzschnitzereien und Federschmuck zierten die Schnäbel.
Hochaufgestapelt lagen in ihnen die Säcke, und um das Geschäft zu einer
Lustpartie zu benützen kamen gleich die ganzen Familien mit.
Ein buntes charakteristisches Treiben entfaltete sich dem Kai entlang.
Draussen lag der Dampfer »Rowena« vor Anker umringt von löschenden
Kanuus und Kuttern. Auf der Strasse und auf dem von der Ebbe entblössten
Strande hockten gruppenweise Männer, Weiber und Kinder, alle in
grellfarbige steife Decken gewickelt. Neue Ankömmlinge erschienen und
vergrösserten die Gesellschaft. Wilde Reiter mit flatternden rothen
Tüchern sprengten rücksichtslos durch die Menge, barfüssig im
Steigbügel, die äussere Stange desselben zwischen der kleinen und der
vorletzten Zehe haltend.
Noch nie hatte ich so viele Maoris und zwar so viele echte, von der
Zivilisation noch nicht allzustark beleckte Maoris auf einem Fleck
versammelt getroffen. Bestand auch ihre Gewandung überwiegend aus
europäischen Fabrikaten, so waren doch noch genug einheimische Gewebe aus
Phormium und eine Menge einheimischer Schmucksachen vorhanden, natürlich
etwas modifizirt durch den Einfluss europäischer Stoffe.
So zum Beispiel trugen einige Weiber weissglänzende Haifischzähne mit
scharlachrothen Siegellacktropfen in den Ohren. Diese Art Schmuck ist so
gesucht, dass es sich verlohnt hat, ihn aus Fayence nachzubilden, wovon ich
später in Auckland mich überzeugte. Fast allen Männern hingen von den
rechten und dadurch langgedehnten Ohrläppchen schwere tropfenförmige
Grünsteinstäbe an einem schwarzen Seidenband mit lose flatternden Enden
herab. Auf der Brust zweier älteren Frauen bemerkte ich jenes
kostbare Grünsteinamulett, eine stylvoll gearbeitete Fratzenfigur mit
Perlmutteraugen, welches man Tiki heisst. Ein grobes Hemd, ein paar
schlumpige Röcke und der nie fehlende möglichst bunte Schal bildete die
Kleidung fast aller Weiber. Auf dem Kopf, dessen dichtes blauschwarzes Haar
oft struppig und ungekämmt in das braune Gesicht mit den grossen
Augen hereinfiel, sassen bei einigen Männerhüte, bei anderen elegante
Damenbaretts mit Schleier, während sie alle barfuss waren. Eine einzige
nicht mehr ganz junge Dame bewegte sich schmerzhaft und ungeschlacht in
engen Stiefeletten. Die meisten trugen keine Bedeckung oder hatten den
Schal über sich gezogen, so dass nur die Pfeife aus dem unförmlichen
Klumpen oben herausguckte, wenn sie auf dem Boden sassen. Säuglinge wurden
huckepack in einer kapuzenartigen Ausbuchtung mitgeschleppt. Die Männer
waren oberhalb der Unterextremitäten ebenso gekleidet wie die weissen
Arbeiter und Farmer Neuseelands, mit dem Gebrauch einer Hose jedoch
hatten sie sich noch nicht befreundet. Eine um die Hüften geschlungene
Wollendecke, die bis zu den Knieen reichte, vertrat dieselbe. In den
malerischen Schlapphüten waren meist schlanke und spitze Fasanenfedern
befestigt.
Hier beobachtete ich zum ersten mal und zu meiner grossen Freude die
eigenthümliche Begrüssung mittelst der Nasen, für welche ich bereits
zu spät gekommen zu sein befürchtet hatte, und für welche man die ganz
unpassende Bezeichnung »Nasenreiben« erfunden hat. Es werden hiebei die
befreundeten Nasen aneinandergedrückt und verharren in dieser intimen
Berührung regungslos etliche Augenblicke.
Ein junges hübsches Weib mit einem Kinde auf dem Rücken und einer
Thonpfeife im Mund sass umgeben von einem Dutzend Genossinnen am Strande.
Auch diese hatten Thonpfeifen im Mund und klatschten und lachten, riefen
den vorübergehenden Männern zu, wickelten sich bald so bald anders in
die bunten Tücher, liessen sie fortwährend herabrutschen, um sie dann mit
einer groben ungraziösen Bewegung wieder hinaufzuziehen, hockten entweder
aufrecht mit untergeschlagenen Beinen oder stemmten halb liegend den Kopf
auf den Ellbogen. Das hübsche Weib schien die Vornehmste unter ihnen zu
sein. Da näherte sich ihr ein alter Mann, nacktbeinig und mit ganz blau
tätowirtem Gesicht, entblösste ehrerbietig sein Haupt, bot ihr die Hand,
beugte sich zu ihr nieder und drückte seine ziselirte Nase an die ihrige
glatte, indem er ein sehr andächtiges Gesicht dazu machte. Wenn man nicht
genau zusah, konnte man glauben, dass er sie küsse. Allerdings dauerte es
viel länger, als bei uns für eine blosse Begrüssung erlaubt wäre.
Kaum war ich zum ersten mal Zeuge dieses seltsamen Aktes gewesen, als
Andere hinzutraten, dasselbe zu thun, und das Nasendrücken auf allen
Seiten losging. Das Merkwürdigste war mir die ernsthafte, traurige Miene,
die sie allgemein dabei machten, statt dem Vergnügen des Wiedersehens
Ausdruck zu verleihen. Sie schienen weinen zu wollen, und ein paar alte
Weiber sah ich wirklich Thränen vergiessen. Diese unterschieden sich
auch dadurch, dass sie ihre Nasen nicht ruhig aneinander hielten, sondern
einigemal zusammenstiessen. War die Zeremonie, wobei man sich umarmte
oder doch wenigstens die Hand gab, vorüber, so verschwand sofort die
Traurigkeit, und das Lachen und Schwatzen begann.
Die Sitte des Nasendrückens wird heutzutage fast nur mehr von alten
Männern und Weibern geübt. Die jüngere Generation hat sich das
europäische Küssen angewöhnt, moderne Männer schütteln sich einfach
die Hände nach englischem Vorbild. Wie aus dem Wort »Hongi«, welches
sowohl »Riechen« als auch das Nasendrücken, als auch das von den
Weissen importirte Küssen bedeutet, hervorgehen möchte, lag der Sinn des
Nasendrückens darin, dass man den Geruch des geliebten Wesens einathmen
wollte.
Ganz Tauranga schien heute blos von Maoris bewohnt zu sein, und auch im
Hotel beherrschten sie heute den grossen Barroom, obwohl für sie eine
eigene ziemlich unreinliche Stube reservirt und mit der Aufschrift »He
Ruma mo nga Maori« (wörtlich »ein Zimmer für Maoris« -- Ruma das
englische Room maorisirt und nga der Plural des unbestimmten Artikels,
der in den arischen Sprachen fehlt) versehen war. Es wurde viel Schnaps
konsumirt, und am Nachmittag taumelten genug Betrunkene herum. Sie hatten
aber alle gemüthliche Räusche und thaten niemand etwas zu Leid, ganz im
Gegensatz zu den tobsuchtartigen Ausbrüchen englischer Säufer.
Von der in Neuseeland herrschenden geschäftlichen Bummelei und
Gemüthlichkeit hatte ich schon manches gehört und in Foxton auf der
Eisenbahn eine kleine Probe erlebt. Ich sollte nun abermals um eine
Erfahrung hierüber bereichert werden.
Meinen ursprünglichen Plan, über Land nach Grahamstown zu gehen, musste
ich wegen der winterlichen Witterungsverhältnisse aufgeben. Der Weg von
Katikati am Nordende des Taurangahafens nach Ohinemuri an der Themse, die
sich in den Haurakigolf ergiesst, war durch Ueberschwemmungen unpassirbar
geworden und durch mehrere angeschwollene Bäche ohne Brücken
unterbrochen, wie die »Bay of Plenty Times« berichtete. Ich verlor
dadurch die Möglichkeit eines Besuches der dortigen Kauriwälder und der
südlichsten Mangrovesümpfe der Erde, die sowohl in der Themse wie in der
Lagune von Katikati als äusserste Vorboten der Tropen auftreten sollen. So
sehr mir die Unannehmlichkeiten einer längeren Dampferfahrt widerstrebten,
blieb mir nichts anderes übrig als auf der Rowena nach Auckland zu reisen.
Am 14. Juni Mittags um zwölf sollte sie abgehen. Aber der Manager hatte
eine Jagdpartie unternommen, kein Mensch wusste, wann er zurückkehren
würde, und ohne ihn konnte der Kapitän nicht die Anker lichten. Etwa
zwölf Passagiere fanden sich zur festgesetzten Stunde an Bord ein. Wir
warteten den ganzen Nachmittag auf den Manager. Der Manager kam nicht. Wir
gingen wieder an Land, ermahnt vom Kapitän in der Nähe zu bleiben, wir
gingen wieder an Bord, wir fluchten und drohten. Es half nichts, ohne den
Manager konnte die Rowena nicht in See stechen.
Die Nacht brach an, und in unserem unerquicklichen Zustand des Wartens auf
unbestimmte Zeit änderte sich nichts zum Besseren. Im Gegentheil. Zwei der
Schicksalsgefährten suchten Trost im Brandy, und der eine wurde darüber
vorzeitig so seekrank, dass er an die Luft gesetzt werden musste, nachdem
er die enge dumpfige Kajüte zu einem noch unerträglicheren Aufenthalt
gemacht hatte. Der andere schnarchte, dass die Gläser in den Hängesimsen
erzitterten, und ober uns auf Deck grunzte eine für den Markt zu Auckland
bestimmte Kompagnie Schweine. Wenn auch die meisten Passagiere mit
Kennermiene und Wohlgefallen höchlich den tiefen Bass ihrer Stimmen
rühmten und aus ihm allein ein ansehnliches Gewicht zu berechnen
verstanden, so konnte mich dieses noch lange nicht mit der Situation
versöhnen.
Die beiden Stewards vertrieben sich die Zeit mit Boxübungen. Sie boxten
sich nach allen Richtungen durch den Salon so dass man seines Lebens nicht
sicher war, und als der Kapitän, ein alter verrunzelter und schäbig
aussehender Kerl, herunterkam, suchten sie auch diesen armen Greis mit in
ihr Vergnügen zu ziehen. Die Herren Stewards schienen hier überhaupt die
erste Rolle zu spielen. Ich verlangte nach einer Kabine, aber man sagte
mir, dass keine mehr vorhanden, und dass die Herren auf den Sophas und auf
den Tischen zu übernachten pflegten, wo es viel kühler und komfortabler
sei. »In Nummer eins und zwei schlafen wir beide, in Nummer drei schläft
der Kapitän, Nummer vier ist für Ladies reservirt, fünf und sechs,
sieben und acht sind bereits seit heute Morgen mit Beschlag belegt«
lautete der Bescheid, als ich genauer inquirirte.
Ich schlief auf einem Sopha ein, und als ich erwachte, rattelte unter mir
die Schraube. Die Balken stöhnten, und die Rowena stampfte und rollte
auf die unverschämteste Weise. Ich kletterte auf Deck und fand schlechtes
Wetter, Kälte und Regen und Gegenwind, ringsum die schwärzeste Nacht,
dass man die Hand vor den Augen nicht sehen konnte.
Der Morgen kam. Wir steuerten den grotesken Felsenkuppen des Landes zu, die
uns alsbald umringten, und ankerten in Merkury Bay. Unter einem brausenden
Wasserfall lag eine Sägemühle in einer Schlucht, deren röthliche Wände
zwischen dunklem Grün an Rotomahana erinnerten. Riesige Kauristämme
schwammen davor im Wasser, die ersten und letzten die mir aufstiessen.
Wir hatten hier einen Passagier und dessen Gepäck zu landen, womit wir
nicht weniger als eine Stunde verloren. Der Kapitän war zu faul selbst ein
Boot flott zu machen, und vom Lande aus schien man seine Dampfpfeife nicht
hören zu wollen. Endlich zeigten sich zwei Männer mit Riemen vor der
Mühle, die sich dem Ufer näherten, machten sich erst daran ein altes
leckes Fahrzeug auszuschöpfen und liessen sich dann langsam von der
Strömung herabtreiben, ohne eine Hand zu rühren. Mit Stolz antwortete mir
mein Nachbar bei Tisch, dem ich mein Staunen über diese Zeitverbummelung
mittheilte, ich müsse bedenken, dass ich nicht in Amerika sei.
Wieder rattelten wir weiter. Die Rowena machte kaum sieben Meilen in
der Stunde, aber sie wurde von ihrer Maschine ärger gestossen als der
schnellste transatlantische Postdampfer. Das elende Fahrzeug erreichte erst
in der Nacht den Eingang zu Auckland.
Es war stockfinster und nichts von all den schönen Inselvulkanen zu sehen,
die den berühmten Hafen zieren, nicht einmal die Konturen. Nur Lichter,
grössere von Leuchtthürmen und kleinere von Wohnstätten, blitzten
allerwärts an unsichtbaren Ufern, und wir drehten uns zwischen ihnen
durch.
Das Lichtergewimmel vor uns, welches die Stadt Auckland vorstellte, wurde
etwas konzentrirter und rückte näher. Die Maschine stoppt, geht
wieder an, stoppt nochmals, arbeitet rückwärts, stoppt und geht wieder
vorwärts. Die Seeleute werden nervös, schreien und toben, rennen die
auf Deck stehenden Passagiere um. Ein Licht rutscht ganz nahe aussenbords
vorüber, wir sind am Pier. Noch ein bischen seemännisches Schreien
und Toben, und der Dampfer ist mit Tauen festgemacht, ein Brett nach dem
Bollwerk hinübergelegt, wir können aussteigen.
Auckland und die Schiffe des Hafens lagen bereits im tiefsten Schlummer,
als ich durch den Schmutz des unangenehm langen Piers im Regen
dahinpatschte nach dem nächsten Hotel, das mir aufstossen würde. Ein
verdriesslicher Policeman, über dessen Gummirock das Wasser herabtriefte,
stand im trüben Schein einer Gaslaterne und belehrte mich, dass das
»Waitemata Hotel« gleich am Ende des Piers und an der ersten Strassenecke
vor mir sei.
Ein braungelber Kerl von unbestimmbarer Rasse, in dessen Stammbaum
die verschiedensten Völker des australasiatischen Völkerlabyrinthes
zusammengewirkt haben mochten, öffnete mir auf mein lautes Klopfen,
schimpfte ein wenig, worauf auch ich ein wenig schimpfte, um gleich
danach in einem gemüthlichen Zimmer und in einem vortrefflichen Bett mich
glücklich zu fühlen. Ich befand mich zum ersten mal wieder seit längerer
Zeit in einem Haus mit steinernen Mauern. Die hohen kahlen Wände, die
hohen Fenster mit den chinesischen Rouleaux aus Schilfgeflecht imponirten
mir durch ihre Dimensionen. Mir war zu Muthe als ob ich in Europa, etwa in
Italien wäre, und die Illusion zu vermehren schlug eine nahe Thurmuhr
die zwölfte Stunde in einem Ton, den ich sonst nur im Lande der Zitronen
gehört zu haben glaubte.