Ein Neuseeländischer Urwald. Die Post und ihre Gefahren. Pahantanui,
Otaki und Foxton. Neuseeländische Eisenbahngemüthlichkeit und ein
eisenbahnfiebriger Maori. Die Manuwatu Gorge und der Seventy Miles
Busch. Palmerston, Waipakarao und Waipawa. Die Repudiation Office von
Te Aute. Ein Tag in Napier. Farnhügellandschaft. Tarawera und seine
Soldateska. Kaliban in der Wildniss. Opipi. Ein Tag in Tapuaeharuru.
Mister Jack the Guide of Taupo. Nächtlicher Skandal.
Ich kaufte mir zunächst ein Ticket nach Napier an der Hawkes-Bai, welches
ungefähr nördlich von Wellington liegt, theils per Postkutsche, theils
per Eisenbahn in drei Tagen zu erreichen. Von Napier aus ging es dann
ausschliesslich per Postkutsche in nordwestlicher Richtung über Tarawera
und Tapuaeharuru am Taupo-See, und von hier in nördlicher Richtung über
Ohinemutu nach Tauranga an der Bai of Plenty, was im Ganzen vier weitere
Tagereisen ausmachte.
Am Morgen des 29. Mai, als es noch dunkel war, holte mich die
vierspännige Postkutsche vor dem Hotel ab, ich bestieg den ausbedungenen
Bocksitz und verliess freudigen Sinnes die Stadt Wellington, die mich schon
zu lange beherbergt hatte. Die Strasse führte uns neben der Hutt River
Eisenbahn dicht am westlichen Ufer des Hafens entlang. Das Leuchtfeuer
auf Somes Island, meiner ehemaligen Domäne, brannte noch. Trüb stieg der
Morgen hinter schwarzen Bergen und dunklen Wolken herauf, und eine zu früh
erwachte Möve strich einsam über die kaltschimmernde Wasserfläche.
Steilansteigender Busch, stellenweise durch Feuer gelichtet, wo dann die
schwarzverkohlten kahlen Baumstämme emporstarren, erhebt sich zur Linken.
Durch einen Thaleinschnitt kommt ein Bächlein herab. Wir biegen hinein
mitten ins Innere des Gebirges, und wie mit einem Schlag verändert sich
die Szenerie.
Jede Spur von Ansiedelungen ist verschwunden, die üppige Pracht eines
jungfräulichen Neuseeländischen Forstes umfängt uns. Die Strasse wird
enger, so eng, dass kaum ein Fussgänger dem Wagen ausweichen kann, und
bald auf dieser bald auf jener Seite des murmelnden Bächleins leitet
der Rosselenker das Viergespann nach links und nach rechts um scharfe
Felsenkanten. Die Biegungen sind so zahlreich und kurz, dass man keine
hundert Schritt weit den Weg vor sich sieht und jede Minute glaubt, an der
nächsten senkrechten Wand müsse er aufhören. Hohe majestätische Bäume,
im Morgenthau glänzendes Strauchwerk und elegante hellgrüne Farne neigen
sich über die Strasse, und blaue Eisvögel schwirren vor uns eiligen
Fluges ins Dickicht. Einmal tauchen etliche Holzhütten, von kleinen
Gärten umgeben, überraschend aus der romantischen Abgeschiedenheit des
Busches. Hunde springen bellend an den Zaun und ärgern sich nur noch mehr,
wenn unser Kutscher Zeitungen oder Briefe hinüberwirft.
In dem Dorf Johnsonville war die Wasserscheide erreicht, und ein anderes
Bächlein schloss sich alsbald an uns an, um in gleicher Richtung mit uns
weiterzureisen. Schulkinder, welche nach der Schule wanderten, baten
den Kutscher eine Strecke fahren zu dürfen, und wir hielten um sie
mitzunehmen. Die Umgebung wurde nun weiter, der Busch wich zurück, und
auf einem sumpfigen See schwammen scheue Kormorane und fischten. Eisvögel
sassen auf dem die Strasse begleitenden Telegraphendraht wie zu Hause im
Herbst die Schwalben.
Eine halbe Stunde später kam Pahantanui[4], eine grössere Farm mit
Wirthshaus, wo wir frühstückten. Ein grosses Orchestrion stand im Zimmer,
und der Wirth gab uns damit, während wir assen, ein Konzert zum Besten.
Selbst die fernsten Erdenwinkel macht bereits diese abscheuliche Maschine
unsicher. Zum Glück war das Instrument nicht bei Stimme, und seine
Melodien drangen nur leise und gedämpft wie ferne Jahrmarktsmusik durch
den plumpen Glaskasten.
[4]: Diese Maori-Namen werden alle deutsch so ausgesprochen, wie sie
geschrieben sind, meist mit dem Ton auf der vorletzten Silbe. Die
Engländer haben selbst eingesehen, dass ihre Orthographie für die
Transskription der polynesischen Sprachen nichts taugt, und schreiben
sie mit der deutschen oder italienischen Vokalisation.
Die Strasse, auf der wir kaum merklich ansteigend jene durch Port Nicholson
aus der Südwestecke der Provinz Wellington geschnittene Halbinsel
durchkreuzten, steht plötzlich vor einem jähen Absturz von 200 Meter,
unter welchem gegen einen schmalen Dünensaum der Indische Ozean in
langen langsam anrückenden Wogen donnert. Zwei duftig von der Morgensonne
verschleierte Inseln sind in die blaue Fläche gebettet, die von unserem
erhöhten Standpunkt aus trichterförmig zum Horizont emporgespannt zu sein
scheint, Mana Island im Süden und Kapiti Island im Norden. Schnurgerade
zieht sich die weisse Schaumlinie der Brandung und der glänzend gelbe
Streifen des Ufersandes bis in die allmälig verschwimmende Ferne.
Zwei kleine schwarze Pünktchen bewegen sich auf ihr näher. Es sind
Maorireiter, die auf dem Strand, der einzigen Verkehrsstrasse dieser
Gegend, ihre struppigen Pferde entlang hetzen.
Auch wir mussten dort hinunter. Unheimlich steil klettert die schmale
und schlechte Strasse, ängstlich sich an alle Krümmungen der schroffen
Bergwand drückend, in die Tiefe. Kein Geländer schützt vor dem drohenden
Abgrund, und an den Ecken ist der Rand so schadhaft und nahe, dass die von
den Pferdehufen losgeschlagenen Steine unmittelbar in die grüne Schlucht
hinabkollern, in der unser Bächlein halbversteckt von Felsblock zu
Felsblock hüpft.
Im Innern des Wagens sassen zwei Frauenzimmer, und kaum hatten sie bemerkt,
um was es sich handelte, als sie zu jammern begannen und flehten, man möge
sie aussteigen lassen. Aber es war zu spät, und maliziös lächelnd
trieb der Kutscher das Viergespann bald im Trab bald im Schritt über
den gefährlichen Weg. Der Mann flösste mir Respekt ein, und ich begriff
jetzt, warum man in Wellington immer, wenn von Postkutschen die Rede war,
sich wunderte, dass noch nie eine in den Abgrund gestürzt sei, und wann
dies wohl zuerst geschehen würde. Sehr angenehm war es mir, dass uns
dieses interessante, mit so grosser Spannung erwartete Ereigniss nicht
traf, obwohl die beiden Weiber durch ihr Gekreisch beinahe die Pferde
scheu machten, so oft die Kutsche sich nach aussen statt nach der Felswand
neigte.
Unten wurden die Pferde gewechselt, und zwar auf einer Station Namens
Paikekariki. Dann gings auf die muschelbesäte Beach hinaus, deren nasser
Sand 40 Meilen lang eine so vortreffliche feste und glatte Strasse abgiebt,
wie man sie nicht besser wünschen kann. Wir bogen rechts und nach Norden.
Die Berge wichen zurück, das flache Vorland wurde breiter und überzog
sich mit einer fremdartigen Vegetation von wogendem Schilf, von
Phormiumgebüsch und von einzeln stehenden Kohlpalmen. Hinter uns tauchten
die Konturen der Südinsel aus dem Wasser. Donnernd brach sich zur Linken
in endloser Linie die Brandung und goss zuweilen über die sanfte Böschung
unseres Pfades breite schaumige Zungen, welche ohnmächtig unter den Hufen
und Rädern zerspritzten. Wild und malerisch zerlumpte braune Maoris zu
Pferd begegneten uns und frugen nach Briefen. Möven watschelten auf
ihren dünnen Beinen im seichten Wasser herum, sahen uns misstrauisch
an, unentschieden ob sie auffliegen sollten oder nicht, und thaten es
schliesslich doch, als wir sie eigentlich schon überholt hatten.
Brücken giebt es auf dieser Naturstrasse nicht, wenn auch mehrere
Flussmündungen sie quer unterbrechen. Wir fuhren einfach durch ihr
kiesiges Bett, und unsere Damen im Wagen wurden ersucht, die Beine und das
Gepäck auf die Sitze zu nehmen.
An einer der vielen Fuhrten, die sich durch die Regengüsse der letzten
Tage verändert haben mochte, bogen wir nach einem weiter innen liegenden
Gehöft, um einen Lootsen zu holen. Das Gehöft, mehrere altersschwache
Gebäude im Verandastyl, stand in einem ehemaligen Maori-Pa, dessen
niedriger Wall und Graben noch deutlich zu erkennen war. Die eine Ecke der
Befestigung bildete ein ansehnlicher wenigstens 8 Meter hoher Hügel von
weissgewitterten Muschelschalen, den Mahlzeitresten mehrerer Generationen,
ein neuseeländischer Kjökkenmödding. Schweine und Hunde bummelten auf
dem freien Platze. Drei Maoriweiber sassen vor der Thüre, in grellrothe
Decken gewickelt, schwarzgeräucherte Thonpfeifen im Munde, und sonnten
sich, zwischen ihnen ein nackter fünfjähriger Junge, der ungestüm
mit der Faust auf seine Mutter schlug, bis sie ihm die Brust zum Saugen
reichte.
In Otaki, der bedeutendsten Maori-Ortschaft der Strecke, wartete unser im
Wirthshaus, dem einzigen von einem Weissen gehaltenen Anwesen, das Dinner.
Schon ehe wir Otaki erreichten, wurde die Umgebung kultivirter. Wiesen von
kurzem aus England hieher verpflanzten Gras, mit zahlreichen Kohlpalmen,
die sich noch nicht hatten verdrängen lassen, besetzt und dazwischen
Kartoffelfelder traten auf, als wir die Beach landeinwärts verliessen
und nach etlichen Terrainschwierigkeiten mit einmal wieder eine richtige
Strasse befuhren, die sich durchs Dorf zog.
Nach einem ziemlich kalten Morgen sandte die Mittagssonne wohlthätig warme
Strahlen herab, und die ganze Bevölkerung war aus den Hütten gekrochen.
Hübsche braune Mädchen, die tiefschwarzen Haare ungekämmt ins Gesicht
hereinhängend, roth und gelbkarrirte Schaltücher nachlässig umgeworfen,
lungerten schäkernd herum. Dem Wirthshaus gegenüber hockte eine Gruppe
Männer auf dem Boden und war so eifrig in ein Kartenspiel vertieft, dass
sie selbst von der Ankunft der Postkutsche keine Notiz nahmen, die doch
sonst nicht uninteressant zu sein schien.
Otaki besitzt eine Kirche im modernen Maoristyl, und ich beschleunigte
mein Mahl, um für sie noch einige Minuten zu erübrigen. Wie bei allen
christianisirten Polynesiern haben sich die Formelemente der alten
Architektur im Wesentlichen erhalten, und nur die Dimensionen der Höhe
sind bedeutend vergrössert worden, so dass man die jetzigen Bauten
aufrecht betreten kann, während man früher nicht anders als auf allen
Vieren hinein und drinnen herumkriechen konnte.
Bei der Kirche von Otaki ist das Giebeldach, welches bei Maorihütten flach
zu sein pflegt, so spitzig in die Höhe gezogen, dass es den Eindruck eines
gothischen macht. Drei roh zugehauene vierseitige Pfeiler stützen in der
Mittellinie des Inneren den Giebelbaum. Senkrechte Streifen von massiven
Brettern und Schilfgeflecht bilden abwechselnd sowohl die niedrigen
Seitenwände als auch das steile Dach. Das Geflecht ist weissgetüncht, und
die Holztheile tragen auf rothem Grund ebenfalls weissgemalte groteske und
eigenartige Ornamente. Ausser einem Tisch und mehreren Bänken findet sich
keinerlei Geräth für den Gottesdienst. Das vorspringende Dach beschirmt
den Eingang wie eine Veranda, in der fünfeckigen Frontwand sind zwischen
den Bretterstreifen nebst der Thüre lange und schmale Fenster eingesetzt,
welche nur wenig Licht durchlassen.
Der Kutscher knallte draussen, ich musste wieder fort. Wir hatten noch eine
lange Reise vor uns, und es wurde Nacht, ehe wir unser Ziel erreichten,
Foxton, eine junge Stadt von vielleicht 500 Einwohnern.
Als der Abend hereinbrach, fuhren wir noch immer auf der Beach entlang. Der
Himmel war wolkenlos, die Luft wurde kühl, glühend sank die Sonne unter
den dunklen Meeresrücken, und links vor uns, weit weit draussen über
der See schwamm eine auffallend blaue Bergespyramide in der Luft, der
altehrwürdige Vulkan von Taranaki Mount Egmont, zu dem sich die Küste in
einem weiten, mehr als 100 Kilometer langen Bogen hinüberzieht.
So lange wir auf dem glatten Ufersand fuhren, ging es trotz der Dunkelheit
rasch dahin. Fünf grosse blitzende Laternen warfen ihr helles Licht voraus
auf den Weg. Die vier Pferde fühlten, dass es galt, das Nachtquartier zu
erreichen.
Kurz vor Foxton mündet der Fluss Manuwatu. Ihn zu überschreiten hatten
wir eine Fähre etwa zwei Kilometer binnenlands aufzusuchen. Aber es war
nicht leicht, den undeutlichen Weg durchs Gestrüpp zu finden, und erst
als der Kutscher abstieg und mit einer Laterne rekognoszirte, entdeckte er,
dass er zu weit auf der Beach gekommen war und zurückfahren musste. Ein
wildes Wirrsal von Phormium und Schilf suchte unsere Fahrt zu hemmen, aber
die eifrigen Pferde rissen ungestüm den heftig stampfenden und rollenden
Wagen vorwärts, um so ungestümer je hartnäckiger die zähen Pflanzen sie
zurückzuhalten strebten, dass die Fetzen davonstoben.
Endlich hielten wir an der Fähre. Lichter glimmten auf der anderen Seite
der weiten Wasserfläche. Langsam trug die plumpe schwimmende Brücke, an
ein quergespanntes Tau gefesselt, mittels des schräg gehaltenen Steuers
durch die Strömung getrieben, Wagen, Pferde und Passagiere hinüber. Im
Gallop gings dann durch einen lehmigen Hohlweg hinauf und vors Hotel.
Während wir in dem geräumigen Speisesaal des köstlichen, äusserst
reinlich servirten Abendmahles genossen, bei welchem der Kutscher
präsidirte gleichwie der Kapitän eines Schiffes, lungerten draussen in
der schmutzigen und räucherigen Schnapsstube ein paar Maorifrauenzimmer
herum, mit Hut und Schleier Europäerinnen imitirend, und betranken sich.
Seit wenigen Wochen war die Eisenbahn von Foxton nach Palmerston,
eine Strecke von ungefähr 37 Kilometern, dem Verkehr übergeben. Mit
Tagesanbruch sollten wir auf ihr weiterreisen und legten uns deshalb zeitig
zu Bett.
Das Hotel war voll, und ich wurde mit drei anderen Reisenden zusammen
in ein Zimmer gesteckt. Unter diesen befand sich ein europäisch und
verhältnissmässig fein gekleideter Maori, der morgen früh mit demselben
Zuge wegzufahren beabsichtigte. Er war beständig in Furcht nicht zur
richtigen Zeit aufzuwachen, machte alle Stunden Licht und sah nach der
Uhr, und als Mitternacht vorüber war, zündete er sich seine Pfeife an und
rauchte, um ja nicht mehr einzuschlafen. Diese Unruhe störte auch unseren
Schlaf, und die zwei anderen Weissen begannen zu schimpfen. Mich selbst
liess die Neuheit des braunen Kerls tolerant gegen sein Benehmen, und ich
blieb unparteiischer Zuhörer des Streites, in welchem der Maori sehr viel
Gutmüthigkeit und Naivetät, die zwei Weissen sehr viel Gehässigkeit zu
entwickeln schienen.
Die kurze Strecke Eisenbahn zwischen Foxton und Palmerston war, wie
bereits erwähnt, erst seit ein paar Wochen eröffnet, und der Betrieb noch
überaus primitiv und bummelhaft gemüthlich. Eine aussergewöhnlich kleine
Maschine mit Tender und zwei Personenwagen amerikanischen Styls bildeten
den ganzen Zug. Ziemlich lange schon war die fahrplanmässige Abfahrtszeit
vorüber, die Passagiere trippelten laut vor Kälte und Ungeduld mit den
Füssen, die Lokomotive summte, aber Maschinist und Schaffner fehlten
noch. »Charly, Charly« rief der Billeteur durch die Hinterthüre des
Miniaturstationsgebäudes nach einer Kneipe hinüber, und auch wir riefen
aus Leibeskräften »Charly, Charly«. Jedoch Charly kam nicht. Wir stiegen
wieder aus, und erst eine Viertelstunde später erschien mit einem Rudel
Freunde der Schaffner, frug nach dem Maschinisten und ging ihn suchen,
worauf sogleich dieser erschien und nun den Schaffner suchen ging. Und als
endlich beide sich gefunden hatten, und der Zug in Bewegung war, musste
nochmals gehalten werden, weil man den Briefsack vergessen hatte.
Norddeutsche Freunde sagen meinem edlen baiuvarischen Vaterlande nach, dass
dort Eisenbahnzüge an allen Stationen länger hielten, wo die Kondukteure
gutes Bier wüssten. In Neuseeland würde ich dies unbedingt für möglich
halten, wenn es in Neuseeland überhaupt einen Stoff gäbe, dem der
Baiuvare den Namen Bier zuerkennen möchte.
Es ging durch flaches dünenartig welliges Land, vorne im Osten erhoben
sich blaue Berge. Farn bedeckte weithin den Boden und machte von ferne den
Eindruck unseres heimischen Haidekrauts. Dunkle Büschel von Phormium
tenax und die graziösen Rispen von Arundo conspicua, bald vereinzelt, bald
dichter zusammengedrängt, ragten darüber hervor, Schilfhütten und
Zelte lagen zerstreut und kaum erkennbar in die übermannshohe Vegetation
eingebettet. Männer, Weiber, Kinder und Hunde standen zuweilen oben
am Rande der Bahneinschnitte, sahen herab auf unseren gemächlich dahin
wackelnden Zug, und kalt glänzte hinter ihren dunklen Gestalten der
wolkenlose Morgenhimmel. Die Passagiere froren und klopften mit den
Füssen, und in der frostigen Stimmung, die ringsum herrschte, bedauerte
ich herzlich jene armen Wilden, die hier in einer so unwirthlichen
Landschaft ohne genügende Wohnstätten und ohne genügende Kleidung
leben mussten. Hie und da kamen dann auch Maorihütten, die einer höheren
Kulturstufe angehörten, bis zu europäischen Holzhäusern mit Veranden
hinauf. Aber nur wenige Fenster waren ganz an diesen, und alle Theile, Dach
und Wände, hatten Defekte und trugen den Stempel der Verlotterung.
Ein hoher Busch nahm uns auf. Der Durchhau für die Bahn war so schmal,
dass über ihm die Bäume zusammenschlugen und eine grandiose Laube
bildeten. Weisse Zelte, über deren Eingang häufig ein Stück rohen
Fleisches hing, guckten hie und da aus dem Dickicht, die Nachtquartiere
von Bahnarbeitern. An einer Stelle mussten wir halten, weil die Schienen
momentan nicht in Ordnung waren. So quälten wir uns langsam durch diesen
herrlichen Busch, dessen Genuss die Kälte schwer beeinträchtigte.
Die Gesellschaft, meist männlichen Geschlechts, war einsilbig und
verfroren und roch nach Schnaps. Nur mein Schlafgefährte der letzten
Nacht, der eisenbahnfiebrige Maori, war munter und redselig.
Er hatte in mir einen ausnahmsweise wohlwollenden »Pakeha« (Europäer)
erkannt und suchte mich unausgesetzt zu unterhalten, und wenn ihm gerade
nichts zu schwatzen einfiel, so blinzelte er mir wenigstens freundlich mit
den Augen zu. Er machte mich auf seine schöne Bekleidung aufmerksam, auf
seine Stiefel, die bis zum Knie reichten, und dass er Unterhosen trug.
Alles musste ich bewundern und befühlen, Hose und Weste, Stiefel, Rock
und Hut. Ganz besonders stolz aber war er auf seine goldene Uhr, die er
überlegen lächelnd meiner silbernen gegenüberhielt. Und von jedem
dieser Artikel sagte er mir den Preis und war erstaunt, vielleicht auch
misstrauisch, als er mich umsonst um den Preis der meinigen frug, den ich
nicht mehr wusste. Er war schwer zu verstehen, obwohl er besser englisch
sprach, als je ein anderer Maori vor oder nach ihm, mit dem ich in
Berührung gekommen bin. Aber die Aussprache des »S«, welcher Buchstabe
im Maori, wie in den meisten polynesischen Sprachen fehlt, machte ihm
grosse Schwierigkeit und gelang auch ihm nicht immer. Statt »Sixpence«
sagte er »Hickipenni« und »Chilling« statt »Shilling«.
Das Wetter verdüsterte sich, ehe wir in Palmerston ankamen, wo jenseits
eines freien Platzes, auf welchem noch die frischen Stümpfe gefällter
Bäume aus der Erde hervorstanden, das Hotel mit dem Frühstück und davor
die bereits angespannte Postkutsche unser harrten.
Palmerston bot mir das richtige Bild einer hinterwäldlerischen
Ansiedelung. Ringsum ist Busch. Ausser ein paar grösseren Holzhäusern
sieht man nichts als ganz kleine, niedliche Hütten, eine genau wie die
andere, ebenfalls aus Holz und nur die ziemlich geräumigen Schornsteine
gemauert, durch das weithin gelichtete Terrain zerstreut. Vereinzelt
stehen noch etliche Bäume in ihrer ganzen gigantischen Höhe und vermehren
dadurch die Winzigkeit der Hütten. Sägemühlen dampfen geschäftig, und
schwere Blockwagen tragen ihnen die Riesen des Waldes zu.
Eine halbe Stunde von Palmerston entfernt erreichten wir wieder den
schmutzigen Manuwatufluss und eine Fähre, um abermals, zurück nach dem
linken Ufer, überzusetzen. Die Pferde wurden ausgespannt, und der Wagen
mit vereinten Kräften der Fährleute und des Kutschers an der Deichsel
und an Stricken, das Hintertheil voran, den steilen, lehmigen Uferrand
hinabgelassen auf eine Platform aus Brettern, welche auf zwei schwächlich
aussehenden Kähnen ruhte, denen ich ohne diese Probe eine solche
Tragfähigkeit niemals zugetraut hätte. Dann kamen paarweise die Pferde,
und zuletzt die Passagiere, ausser mir eine Dame mit einem kleinen
Mädchen, an die Reihe, so dass die Prozedur des Uebersetzens ungefähr
eine halbe Stunde in Anspruch nahm.
Bald nach diesem nautischen Intermezzo erreichten wir die Berge und die
wegen ihrer halsbrecherischen Gefährlichkeit berühmte Strasse durch die
Manuwatu Gorge, von der man sich in Neuseeland in höherem Masse, als von
irgend einem anderen Punkt der Postlinien wundert, dass sie noch nie eine
Kutsche zu Fall, das heisst zum Sturz in den Abgrund gebracht hat. Etwa
dreissig Meter unter uns zur Linken toste der Manuwatu über Felsblöcke
und Baumstämme, zur Rechten war eine steile, zuweilen drohend
überhängende Felswand, und wäre eines der vier Pferde scheu geworden,
nichts hätte uns gehindert, hinabzustürzen.
Ein überaus herrlicher Busch baut sich jenseits in die Höhe,
unzweifelhaft das Schönste, was ich je an Waldszenerie gesehen. Das helle
Grün elegant geformter Farnbäume strahlt prangend aus den dunkleren
Farben üppigen Unterholzes und majestätischer Baumriesen, an denen
Schmarotzerpflanzen in buntester Mannigfaltigkeit sich hinanschlingen.
Wunderbar leicht und graziös wachsen alle diese Laubmassen auseinander
hervor, von den überhängenden Zweigen unten, die ins Wasser des
schäumenden Gebirgsstromes tauchen, bis hinauf zu den luftigen Höhen, in
denen sich die Wipfel der Totaras wiegen. Tiefe Ruhe und Einsamkeit lagert
über dem Ganzen, nur selten unterbrochen durch das dann um so befremdender
klingende seltsame Geschrei eines aufgeschreckten Papageis oder Tuis, die
wenige Augenblicke sichtbar, über den Busch hinwegfliegen, um sogleich
wieder in den geheimnissvollen Schatten einer dunklen Laubhöhle zu
tauchen. Nur Tauben sind weniger vorsichtig und bleiben oft sitzen, bis
wir so nahe sind, dass wir sie schiessen könnten. Schade, dass die
gefährliche Situation den Genuss all dieser Schönheit störte. Immer
wieder wurde das Auge nach dem Boden abgelenkt, der kaum einen Fuss von den
Rädern fast senkrecht abgeschnitten war.
Noch eine Biegung, eine hochbeinige hölzerne Brücke erscheint, wir
poltern donnernd im Gallop über sie hinweg. Die gefährliche Gorge ist
hinter uns, aber auch die schöne romantische Szenerie ist vorüber, und
die Ansiedelung Woodville zieht sich an der Strasse entlang, auf welcher
Schaaren gesund und fröhlich blickender Kinder uns entgegen lärmen.
Die Brücke ist zugleich die Grenze zwischen den Provinzen Wellington
und Napier, und wir befinden uns nun in der letzteren. Bis nach Takapau,
unserem Nachtquartier, ging es durch den Seventy Miles Busch und
hauptsächlich durch skandinavische Ansiedelungen, deren eine den Namen
Danewirk führt.
Mittag machten wir in einem einsamen Gehöft, in dessen Nähe ich die
ersten Maorihütten im alten Style sah, niedrig und mit vorspringendem
Dach tief in der Erde steckenden Schweizerhäuschen nicht unähnlich,
melancholisch öde, ohne Menschen, nur von einigen weidenden Pferden
umgeben. Ein altes Maoriweib begegnete uns in Lumpen gehüllt, blieb oft
stehen und saugte gierig an einer Medizinflasche, welche einen röthlichen
Stoff, wahrscheinlich Rum enthielt.
Unser Nachtquartier Takapau bestand aus einem Gebäude, welches den stolzen
Namen »Railroad Hotel« unter dem Giebel trug. Hinter ihm jungfräulicher
Urwald, vorne eine wellenförmige Stoppel und Moorebene, von einer
Eisenbahn weit und breit nichts zu entdecken. Der Schienenstrang von
Napier her war vorerst noch nicht über das Stadium des Projektirtseins
hinausgekommen, aber doch gab es hier in der Wildniss bereits ein Railroad
Hotel.
Am nächsten Tag, der uns nach Napier bringen sollte, kamen wir zum Dinner
an eine höhere Stufe der durch die künftige Bahn bedingten Entwicklung.
Waipakarao hiess der Ort, ein Dorf der Zahl, ein Städtchen dem Aussehen
seiner Häuser nach, die alle neublinkend in einer Reihe stehen, ringsum
weitgestreckte Wiesenflächen. Es berührte komisch, mitten in solcher
Ländlichkeit die Aufschrift »Bank of New Zealand« zu lesen. Grossartige
Geldgeschäfte waren in dieser Filiale wohl noch nicht abgemacht worden.
Indess war hier die Eisenbahn schon im Bau begriffen, die Gegend ist
fruchtbar, und aus der einen halben Strasse kann sich in kürzester Zeit
eine blühende Stadt entwickeln.
Dass es in Waipakarao viel Vieh geben musste, darauf deuteten die
allenthalben auf den Wiesen errichteten Schlachtgalgen hin. Ich hatte diese
eigenthümlichen Gerüste, welche dazu dienen, die unglücklichen Rinder
mittels eines Rades in die Höhe zu winden, um sie bequemer zu tödten und
abzuhäuten, aus der Ferne für Ziehbrunnen gehalten, bis ich sie näher
betrachtete und die blutigen Spuren ihres Zweckes einsah.
Unweit davon kreuzten wir den Tukituki Fluss in der landesüblichen Weise,
indem wir einfach hindurchfuhren, neben der Eisenbahnbrücke, die in
den nächsten Tagen vollendet sein sollte. Bald darauf gings durch das
Städtchen Waipawa und über den Eisenbahndamm, vor welchem bereits eine
funkelnagelneue Tafel »Look out for the Locomotive« warnte.
Wieder kam eine Stunde menschenleerer Einsamkeit, und unter einem immer
düsterer werdenden Himmel dehnte sich eine wüste gelbgebrannte Steppe,
durch welche ein ausgetrocknetes kiesiges Flussbett mit einem dünnen
Wasserfaden sich schlängelt. Phormiumdickichte und die seltsamen starren
Büschelköpfe der für Neuseeland so charakteristischen Cordyline
australis, einzeln oder zu kleinen Wäldchen gruppirt über jene
hervorragend, sahen fast aus, als ob sie einer früheren geologischen
Epoche angehörten und nicht mehr in unser Zeitalter passten. Ringsum
Todesstille. Selbst Pferde und Wagen sind kaum hörbar auf dem weichen
Rasen, der ab und zu den schwarzen Moorboden bedeckt.
Eine einsame Seemöve flog unstät ihre Richtung ändernd über die
düstere Landschaft. Hatte sie sich verirrt, oder fliegen hier die Möven
über ein hundert Kilometer breites Land von einer Küste zur anderen, oder
war es eine darwinistisch gesinnte Möve, die des wilden Seelebens satt
sich in den Kopf gesetzt hatte, ein ehr- und tugendsamer Landvogel zu
werden? Der Weg wurde wieder herzlich schlecht und nahm stellenweise
den Charakter eines richtigen Moorsumpfes an, in den die Räder tief
einschnitten, bis wir endlich eine Hügelkette erreichten. Jenseits
derselben begann ein Wald, der stellenweise gelichtet und mit den Hütten
von Holzschlägern durchsetzt war. Diese Hütten hatten alle nicht nur
hölzerne Wände und Dächer, sondern auch hölzerne Schornsteine,
aus schweren grob gearbeiteten Bohlen flüchtig zusammengezimmert und
grossentheils halbverkohlt.
Kurz vor Te Aute sahen wir in der Ferne einige Maorigehöfte, und bald
darauf passirten wir eine noch interessantere Stätte. »Dies ist die
Repudiation Office« sagte mit spöttischem Ausdruck der Kutscher, indem er
auf eine durch Neuheit glänzende Hütte wies, und machte mich dadurch auf
eine berechtigte Eigenthümlichkeit Neuseelands aufmerksam, von der ich
noch nichts wusste.
Bekanntlich hatten die Engländer in Folge schreiender offiziell
sanktionirter Ungerechtigkeiten von 1860 bis 1870 einen zehnjährigen
Krieg mit den Maoris zu bestehen, welcher ihnen oft Gelegenheit gab, soviel
Respekt vor der Tapferkeit und Kriegsfähigkeit dieser sogenannten Wilden
zu bekommen, dass sie sich nunmehr ängstlich hüten, abermals mit ihnen
anzubinden. Die weissen Ansiedler müssen heutzutage das Land, was sie von
den Maoris haben wollen, auf ehrliche Weise erwerben, und die gute alte
Zeit, in welcher man sich grosse Besitzthümer erschwindeln konnte, ist
vorüber. Nun aber entstand eine Partei, welche vorgiebt, dass ihr dieser
einfache goldene Mittelweg der Gerechtigkeit noch nicht genüge, und
behauptet, sich in ihrem Gewissen so lange bedrückt zu fühlen, bis alle
seit undenklichen Zeiten geschehenen Landkäufe geprüft und wenn nicht in
Ordnung befunden, rückgängig gemacht worden sind. Solch hoher Edelsinn
konnte natürlich nicht verfehlen, sofort die Herzen der Maoris zu
gewinnen. Die Gegner freilich waren der Ansicht, dass es nur ein Blendwerk
sei, unternommen um die treuherzigen Wilden desto sicherer auszubeuten.
Das ungefähr verstand man damals unter Repudiation Party, und die neue
Holzhütte an der wir vorüberfuhren, war eines der Hauptquartiere,
die Repudiation Office von Te Aute, bestehend aus einem Direktor, zwei
Advokaten und zwei Dolmetschern.
Bis nach Te Aute kam uns die fertige Eisenbahn entgegen, und in einem
auffallend komfortablen und eleganten Wagen fuhren wir nach Napier. Ein
geschwätziger, alter Herr, ein reichgewordener »Schafbaron« sass neben
mir und erklärte mir die Gegend. Das Land zwischen Te Aute und Napier ist
flach und ganz im Gegensatz zu den bisher gesehenen, weniger kultivirten
Gegenden Neuseelands saftig grün von erst kürzlich gesäetem englischem
Gras. Ueberall weiden Schafe. Auf einem Farnhügel stand ein alter
Maori-Pa, der jetzt nur mehr wenige Hütten enthielt. Noch ragten
zwei schlanke Pfeiler, nach oben etwas anschwellend und mit ornamental
geschnitzten Kapitälen ähnlich den Gondelpfosten zu Venedig empor,
deren früher hier hunderte gewesen sein sollen. Sie waren einst ein
charakteristischer Schmuck der befestigten Dörfer.
Als wir Napier erreichten, war es bereits Nacht. Ich fuhr in einer Droschke
ins Kriterion Hotel, berühmt in ganz Neuseeland durch seine grossartige
und kostspielige Anlage, sowie auch durch die Marotte des reichen
Besitzers, der diesem unrentirlichen Institut zu Liebe jährlich einen
Theil seines Einkommens zusetzt.
Napier, ein Städtchen von 3000 Einwohnern, ist auf und um einen
Sandsteinfelsen gebaut, der isolirt mitten aus niedrigen marschigen Ufern
in die weite Hawkes Bay hineinragt und nur durch einen schmalen, theilweise
von Menschenhand gebildeten Deich mit dem Hauptland zusammenhängt. Nach
innen eine Lagune, nach aussen der weite Ozean, ohne Unterlass seine Wogen
gegen flache Dünen heranrollend, sind die Begrenzungen. Falls die Brandung
hier jahraus jahrein mit derselben Heftigkeit fortdonnert, wie ich sie
während der zwei Tage meines Aufenthalts gehört, beneide ich die Bewohner
Napiers nicht um ihre so malerische Lage. In den Häusern am Strande konnte
man damals nur schreiend und mit dreifachem Kraftaufwand konversiren.
Ein Theater in »Oddfellows Hall«, ein Lesekabinett »Athenäum« genannt,
wie es in jedem Städtchen Neuseelands zu finden ist, eine Irrenanstalt
und ein Gefängniss, die Post und die Provinzialregierung sind die
öffentlichen Gebäude, alle natürlich von Holz, aber stylvoll konstruirt,
um welche sich, theils zu geschlossenen sauberen Strassen gereiht, theils
mit Gärten umgeben, Häuser jeglichen Grades von Kultur gruppiren bis
hinab zu den aus Brettern und Leinwand, aus Blechfetzen und Pappendeckel
lumpig zusammengeflickten Hütten der ärmeren Maoris.
Es giebt viele Maoris hier und in der Umgebung, und manche von ihnen
erfreuen sich grosser Wohlhabenheit und leben vollkommen europäisch.
Braune Kavaliere und Damen zu Pferd scheinen zu den häufigen Erscheinungen
zu gehören. Die Männer sitzen stets tadellos im Sattel und sind oft
prächtige, martialische Gestalten. Den Weibern aber fehlt trotz des
wallenden, langen Kleides, trotz des Zylinderhutes mit fliegendem Schleier
und trotz der zierlich in behandschuhter Hand gehaltenen Reitgerte jene
leichte Grazie, die uns englische Amazonen in Hyde Park so anziehend macht.
Ihre Züge sind unweiblich grob, ihr schwarzer Haarwust meist nicht genug
gepflegt, und in allen Bewegungen ist soviel Urwüchsiges, Eckiges, dass
ihr Vornehmthun höchstens komisch, wenn nicht gar abgeschmackt wirkt.
Da wo die Lagune sich in die See öffnet, ist der Hafen. Nur wenige und nur
kleinere Fahrzeuge lagen in ihm, als ich ihn besuchte. Einsamkeit liebende
Kormorane trieben sich daneben herum und fischten, so tief im Wasser
schwimmend, dass blos die schlangenförmig langen Hälse herausguckten und
an Ringelnattern erinnerten, die in einem Sumpf auf Frösche Jagd machen.
Mehr menschliches Treiben herrschte in einigen Werkstätten am Kai, in
denen eifrig an Dampfkesseln gehämmert wurde, und um die herum eine kleine
Vorstadt im Aufblühen begriffen war.
Von Napier ging es in zwei Tagereisen nach Tapuaeharuru am Taupo-See. Da
man mir sagte, dass die Postkutsche schon des Morgens um 5 Uhr von einem
isolirten Wirthshaus an der anderen Seite der Lagune abfahren sollte,
verliess ich den Abend vorher das schöne, vortreffliche Kriterion Hotel
und quartierte mich drüben ein. Ich lernte in diesem Wirthshaus eine
Spelunke kennen, welche von einem Schotten gehalten, nicht nur mit dem
Kriterion Hotel, sondern auch mit Allem, was ich jemals von englischem
Komfort und englischer Reinlichkeit gesehen, den diametralsten Gegensatz
repräsentirte.
Nach einer sehr schlechten Nacht wurde ich nebst vier Reisegefährten, die
sich noch nach mir eingefunden hatten, endlich um vier Uhr, als es noch
dunkel war, geweckt und genöthigt, ein Frühstück zu nehmen oder vielmehr
blos zu bezahlen, da keiner in so zeitiger Stunde und bei dem überall im
Hause herrschenden Gestank essen konnte. Es war dies eine unverschämte
Tyrannei des mit den Wirthsleuten im Bunde stehenden Kutschers, der uns
zwei Stunden später, als wir alle Hunger hatten, an einem freundlich
aussehenden Gehöft vorbeitrieb und gleichsam höhnisch bemerkte, dass dies
ehemals die Frühstücksstation gewesen sei, dass er aber den Eigenthümer
für irgend einen Zwist durch Entziehung der betreffenden Einnahme gestraft
habe.
Unsere Fahrt begann unter keineswegs heiteren Auspizien. Der Wagen war den
zu überwindenden Terrainschwierigkeiten angemessen beiderseits einen Fuss
schmäler als die Radaxen und gewährte kaum vier Passagieren hinreichend
Raum im Innern. Es regnete, keiner wollte auf dem Bock aussen sitzen, und
alle fünf drängten sich innen zusammen, alle fünf nervös durch Hunger
und dementsprechend unliebenswürdig.
Von Gegend war wenig zu sehen, und eine Hecke von mächtigen Agaven, womit
man ein Stück angepflanztes Land zum Schutz gegen weidende Rinder
und Pferde umzäunt hatte, war lange Zeit das einzige Interessante. Es
überraschte mich, dass diese Abkömmlinge der Wüste in einem so feuchten
Lande ganz gut zu gedeihen schienen.
Der Weg hörte bald auf, einer im europäischen Sinn zu sein. Wir fuhren
durch eine Schlucht aufwärts, durch welche ein Fluss in einem kiesigen
Bett sich herabschlängelte, welchen wir fast jede Minute, das Wasser hoch
emporspritzend, passirten, jetzt nach dieser, dann nach jener Seite, da
das uns als Strasse dienende flache Ufer bald links bald rechts von den
Windungen angeschwemmt war. Meine Gefährten behaupteten, wir müssten
fünfzig mal durch den Fluss, es wird aber wohl nicht viel öfter als
zwanzigmal gewesen sein. Nur zweimal kam das Wasser in die Kutsche, und
hatten wir die Beine aufzuheben um trocken zu bleiben.
Da der Wagen sehr eng und unbequem, und die Mitpassagiere sehr breit und
rücksichtslos waren, kam mir ein steiler Berg äusserst erwünscht, um
auszusteigen und zu Fuss vorauszugehen. Je höher ich kam, desto seltener
wurde Phormium, Kohlbaum und Gebüsch und desto ausgedehnter dichtes
Farnkraut bis schliesslich ringsum nichts anderes mehr zu sehen war, als
jene eigenthümliche, einförmige Farnhügellandschaft, wie sie wohl nur in
Neuseeland vorkommt.
Sie wirkt durchaus unmalerisch, diese Farnhügellandschaft. Ueberall
weiche, wellenförmige Konturen und ebenso weiche, unbestimmte Schatten,
nirgends eine kräftige Linie, nirgends eine markirte, dunklere Tiefe,
alles ist düster olivengrün. Man sieht weit über niedrige Hügel und
seichte Thäler. Hier und dort sind vielleicht aus Zufall, vielleicht zu
Kulturzwecken grössere Partien abgebrannt und heben sich als schwarze
landkartenartige Flächen, mit unregelmässig gebuchteten Konturen
halbversengten röthlichen Farnkrautes umsäumt, von der monotonen Umgebung
ab. Dies und vorüberjagende Nebelmassen brachten allein einiges Leben in
das melancholische Bild. Der Regen hatte zwar aufgehört, aber der Himmel
war grau, und immer kälter und feuchter wurde die Luft, und der Dampf, der
den mühsam die Kutsche heraufschleppenden Pferden entstieg, war mehrere
Minuten sichtbar, ehe diese selbst zwischen den Farnböschungen der
lehmigen Strasse auftauchten. Nicht ganz parallel mit dieser und mehr in
gerader Linie läuft der Telegraph auf und nieder durch die Wildniss, schon
von ferne die Richtung zeigend, die wir einschlagen, und die Höhen, die
wir noch erklimmen müssen. So einsam und todesstille war die Gegend, dass
es ordentlich überraschend und befremdend war, einem Menschen zu begegnen.
Erst als es wieder abwärts ging, einen sehr gefährlichen Absturz hinab,
erschienen mehr Spuren von Zivilisation, und endlich auch das heissersehnte
Mittagessen in einem Hotel am Saume der Buschregion. Mit Staunen sahen wir
zurück auf die Bergkanten und die sie verschleiernden Wolken, aus denen
wir gekommen waren.
Blockhäuser und Pallisadenbefestigungen traten auf, sowie Soldaten
der Konstabulary Force, die hier in kleineren Abtheilungen theils zum
Strassenbau, theils vielleicht auch zum Schutz gegen die Eingeborenen,
denen man noch nicht recht traut, an der ganzen Poststrasse entlang
stationirt sind.
Diese Soldaten tragen viel zur Rassenkreuzung bei. Ein Maoriweib mit einem
halbweissen Kind bat den Kutscher, ob sie nicht eine Strecke mitfahren
dürfe, und wir nahmen sie zu uns in den Wagen, wo sie sehr verlegen in der
Mitte auf den Boden sich niederkauern wollte und nur ungern die Kniee eines
der Gefährten als Sitz akzeptirte. Ihre Schüchternheit schien mir indess
mehr Furcht vor Verachtung und schlechter Behandlung als keusche weibliche
Zurückhaltung zu sein.
Unser Nachtquartier, welches wir äusserst ermüdet von dem unbequemen
Fahren erst spät in der Nacht erreichten, war Tarawera, worunter ein
Wirthshaus mit vielen Nebengebäuden und eine mit Pallisaden befestigte
Kaserne der Konstabulary Force in der wilden Gebirgsforstromantik einer
Thalschlucht, durch welche ein Giessbach tost, zu verstehen ist.
Wir hatten die Gaststube mit der zwar kaum ein Dutzend Köpfe zählenden,
aber dafür desto lebhafteren Soldateska des Platzes zu theilen. Schnaps
war auch hier der Genius loci. Unter all den Söldlingen aber ragte an
Durstigkeit ein deutscher Landsmann weit hervor. Leider war es mein Loos,
seinen Patriotismus herauszufordern. Entzückt, mit mir wieder seine
Muttersprache zu reden, wich er nicht mehr von meiner Seite und hörte
nicht mehr auf, mir ebenso unermüdlich als unzusammenhängend von seinen
Abenteuern zu erzählen, bis er selig unter den Tisch versank.
Am nächsten Morgen fuhren wir im Gebiet der Provinz Auckland dahin.
Tarawera war die Grenze von Napier gewesen. Den ganzen Vormittag ging es
bergauf und bergab, was mir sehr angenehm war, da ich so nur wenig im Wagen
zu sitzen brauchte und vorangehen konnte. Nicht nur die Unbequemlichkeit
unseres Beförderungsmittels, sondern auch die zweifelhafte, wenig
amüsante Gesellschaft meiner Gefährten, die sich grösstentheils damit
unterhielten, einander auf die Füsse zu treten, trieben mich an, jedesmal
so viel Vorsprung als möglich zu gewinnen. Ein sehr primitives Postamt
stand neben dem Wege, ein Holzkasten, an einen Baum genagelt. Unser
Kutscher öffnete das Schloss, ob keine Briefe drin seien und legte einen
Pack Zeitungen hinein.
Die Berge und der Busch hörten auf, und ein weites Hochmoor öffnete sich.
Hier machten wir Mittag in einer ziemlich rauhen Wohnstätte.
Es war eine Station, mehr des Pferdewechsels halber als zur Bequemlichkeit
der Passagiere angelegt. Ein paar niedrige Hütten aus Pfählen, Erde und
Stroh, mit einigen abgezäunten Vierecken umgeben, dienen den Postpferden
und einem vereinsamten alten grämlichen Stallmeister zur Wohnung.
Grämlich wie sein Beherrscher ist der ganze Platz. Pfützen bilden die
nächste Umgebung, das schwarze mit gelben Stoppeln besetzte Moor die
weitere. Pferde und Schweine trieben sich zwischen den Zäunen umher, und
in der Wohnhütte, welche zugleich uns als Speisesaal diente, ein Dutzend
Katzen, die einer Sage zufolge zu kulinarischen Zwecken gezüchtet wurden.
Aus zähem gekochten Rindfleisch, Schiffszwieback und Thee bestand die
höchst unkomfortable Mahlzeit. Tisch war keiner vorhanden und an Stühlen
nur einer mit drei Beinen. Eine Kiste, ein Eimer, ein Hackstock und das
Laubbett waren unsere Sitze und die eigenen Kniee die Tische für die
blechernen Teller, auf denen wir mit stumpfen, unsauberen Messern das
widerspänstige Fleisch zu zerreissen suchten. Auf der einen Seite drohte
das grosse Feuer von mannslangen Baumstämmen uns zu versengen, auf der
anderen flog durch die offene, nicht zu schliessende Thüre vom Wind
herumgewirbeltes Laub auf unsere Speise. Die zwölf Katzen miauten
aufgeregt vom süssen Duft durcheinander und suchten uns die Bissen vom
Munde wegzukrallen, und zuweilen kam ein dickes, schwarzes Schwein und
schnüffelte neugierig zur Thüre herein.
Der Alte war im höchsten Grad unglücklich über die aussergewöhnlich
starke Zahl seiner Gäste und die Ueberfüllung der Hütte. Und als nun gar
einer von uns die Suppe, die er für sich selbst bei Seite gesetzt hatte,
umstiess, und sich herausstellte, dass gerade dieser nicht bezahlen konnte,
und zugleich ein paar Gäule durch den Zaun gebrochen waren und ein Loch in
die Rasenwand seiner Hütte zu fressen begannen, und als bald darauf eine
Gesellschaft von Maoris zu Pferde angesprengt kam und gleichfalls zu
essen haben wollte, da kannte seine Aufregung keine Grenze mehr. Zu allem
Ueberfluss reizte es den Muthwillen meiner Gefährten, ihn noch schlimmer
zu ärgern und in alle Töpfe und Schubladen junge Katzen zu stecken, wobei
ich nur verhindern konnte, dass sie die Töpfe ans Feuer schoben. Und als
der Alte nach einigen Minuten draussen sich ausgeflucht hatte und wieder
hereinkam, und aus jeder Ecke und aus jedem Winkel die dünnen Stimmchen
der kleinen Katzen quieksten, da war es höchste Zeit, dass wir aufbrachen
und den alten einsiedlerischen Kaliban in seiner Wildniss und mit seinem
Zorn allein liessen.
In Opipi, dem pallisadirten Hauptquartier und Sitz des Majors der
Konstabulary Force, wo wir durch die in solcher Oede auffallende
Erscheinung europäischer Damen überrascht wurden, war der höchste Punkt
unseres heutigen Weges und überhaupt meiner ganzen Reise durch Neuseeland,
600 Meter über dem Meere erreicht. Ueber eine sanft abfallende Fläche
ging es rasch dem grossen See Taupo Moana zu, dessen Spiegel alsbald uns
entgegen glitzerte.
Noch eine Biegung des Weges, und aus der vor uns liegenden Hügelreihe
stieg eine weisse Dampfsäule empor wie von der Lokomotive eines fernen
Eisenbahnzuges. Wir waren im Gebiet der hochberühmten heissen Quellen und
Geyser von Neuseeland.
Ich weiss nicht, welchem geheimen psychologischen Faktor ich es zu
verdanken hatte, dass ich jenen interessanten Punkt der Erde mit einer Art
Enthusiasmus und einer gewissen Andacht betrat, deren ich mich nicht mehr
fähig hielt, und die ich in jüngeren Jahren empfunden hatte, als ich zum
ersten mal das Meer erblickte. Jedenfalls trug diese gehobene, ungewohnt
affirmative Stimmung wesentlich dazu bei, mir den Genuss des Lake-Distrikts
zu erhöhen und mich die Unbilden der Witterung und der Gesellschaft, der
schlechten Strassen und der schlechten Transportmittel ignoriren zu lassen.
Kaum war uns jene erste Dampfsäule zu Gesicht gekommen, als auch meine
geistreichen Gefährten sofort in der Luft herumzuriechen und mit ihren
Nasen auf den Schwefelgeruch der heissen Quellen zu fahnden begannen,
über den sie zarter fühlend sich lange beklagten, ehe ich etwas davon
wahrnehmen konnte. Dies schien für sie zum guten Ton zu gehören. Sie
waren schon oft hier gewesen, die Quellen selbst aber hatte noch keiner
besucht.
Noch etwa zwei Meilen führte die Strasse am bimssteinbesäeten Rand des
Sees dahin, und wir waren in Tapuaeharuru als es eben dunkel zu werden
anfing.
Die Umgebung dieses vorgeschobenen Postens europäischer Kultur ist ein
vollendetes Bild unfruchtbarer Wildniss und menschenleerer Einöde. Kein
Fahrzeug belebt die weite grüne Fläche des Sees, dessen Wellen monoton an
die Lehmwände des Ufers schlagen, kein Baum ist zu sehen, ringsum nichts
als Farngestrüpp und Manukagebüsch. Vereinzelte kuppenförmige Berge
ragen zwischen wellenförmigen Hügeln hervor. Die schneebedeckten Gipfel
des Ruapehu und des feuerspeienden Tongariro, welche bei klarem Wetter
den südlichen Hintergrund des Sees bilden, waren von den Wolken dicht
verschleiert. Ausser fünf oder sechs Holzhütten zwei grössere Gebäude
mit Stallungen und etwas weiter entfernt die mit Pallisadenzaun befestigten
Baracken der Konstabulary Force geben allein Andeutungen einer weissen
Bevölkerung.
Und mitten in diesem unwirthlichen Erdenwinkel ein vortreffliches Hotel,
welches allen Anforderungen englischen Komforts entspricht, mit guten,
reinlichen Betten und tadelloser Nahrung, geleitet von einem deutschen
Landsmann aus der Rheinprovinz, der hier, nur durch einen jungen,
erst kürzlich eingewanderten Italiener unterstützt, ohne weiteres
Dienstpersonal alle Obliegenheiten seines Geschäftes erfüllt, und in
seiner Person zugleich Koch und Kellner, Stallmeister und Stubenmagd
repräsentirt! Wie würde der Gastwirth des ordinärsten Dorfes bei uns
verächtlich und entrüstet thun, wenn man ihm zumuthete, Stiefel zu
wichsen, Betten zu machen und Zimmer auszufegen. Ich habe aber in einem
deutschen Dorf oder Städtchen nie so reinlich und gut geschlafen und
gegessen als dort in dem fernen isolirten Tapuaeharuru mit seinem Dutzend
Holzhütten.
Unsere Ankunft versammelte die spärliche Einwohnerschaft des Ortes, für
welche die beiden Postwagen von Napier südlich und von Tauranga nördlich
her zweimal jede Woche die wichtigsten Ereignisse sind. Der Wagen von
Tauranga war ohne Passagiere gekommen, der unserige aber brachte deren
fünf, eine in dieser Jahreszeit ungewöhnlich hohe Zahl.
Sechs oder sieben Soldaten, aus welchen ungefähr die ganze bewaffnete
Macht bestehen mochte, schlenderten von ihrer Pallisadenkaserne drüben
herbei, etwa eben so viele junge Maoriweiber, mit welchen erstere in
wilder Ehe zu leben pflegen, tauchten hinter den Hütten auf, setzten ihre
Pfeifenstummel in Brand und konversirten lebhaft in ihrer wohlklingenden
Sprache.
Aus dem nächsten Manukagebüsch aber trat eine Gestalt, die einer
eingehenderen Betrachtung würdig ist. Ich hatte bisher noch keinen Maori
anders als in europäischer Kleidung vor Augen gehabt. Jetzt sollte ich
zum ersten mal das alte einfachere Maorikostüm, wenn auch mit einigen der
Phantasie und europäischer Verweichlichung entsprungenen Abänderungen,
an den blassen Gliedern eines Pakeha zu studiren Gelegenheit erhalten.
»Mister Jack the Guide of Taupo«, wie er sich genannt wissen will,
war es, der mit nackten Beinen und Armen uns entgegeneilte und bei der
herrschenden Kälte einen ziemlich frostigen Eindruck machte.
Ein kurzer, dicker Kerl von vielleicht vierzig Jahren mit struppigem
Gesicht, dessen Züge den Ausdruck ehrlicher Bonhommie tragen, und
struppigem Haarwuchs, dessen Farbe an einzelnen Stellen bereits einen
grauen Schimmer zeigt, steckt in einem weissen Hemd ohne Aermel. Um seine
Hüften und Schenkel ist eine wollene Decke gewickelt, aus welcher der
Griff eines langen Messers guckt, von den Schultern fällt ein Plaid in
malerischem Faltenwurf herab. An den Füssen trägt er kurze graue Socken
und Stiefeletten mit Gummizügen und weit abstehenden Anziehstrippen
vorn und hinten, den rechten mit einem Schnallsporn bewaffnet. Das
Haupt schmückt ein hoher schwarzer Kalabreser, wie ihn unsere jüngeren
Künstler lieben, und eine hochemporstrebende spitze Fasanenfeder --
Solches ist das flüchtige Porträt von »Mister Jack the Guide of
Taupo«, so gut es meine schwache Feder einem wissbegierigen Publikum zu
überliefern im Stande ist, und zugleich auch eine Charaktermaske,
welche sich wegen ihrer Einfachheit, Bequemlichkeit und Billigkeit der
Berücksichtigung eines karnevalliebenden Publikums empfehlen möchte.
Was dieser sonderbare Europäer eigentlich in Taupo zu thun hatte, und
womit er sein Leben fristete, war mir ein Räthsel und sollte mir erst
morgen einigermassen klar werden. Mister Jack erwies sich übrigens im
weiteren Verlaufe des Abends als ein sehr liebenswürdiger Gesellschafter,
voll von Schnurren und Abenteuern, mit denen er uns lange ausgezeichnet
unterhielt und vollständig vergessen machte, dass er im blossen Hemd mit
zu Tische sass.
Ungefähr zweihundert Schritt vom Hotel entfernt fliesst der Waikato
aus dem See. Ein baufälliges Fahrzeug mit einer auffallend kleinen
Dampfmaschine liegt hier vor Anker, um einmal wöchentlich auf
Regierungskosten den See zu kreuzen und die Verbindung mit Tokano,
einem Maoridorf an der gegenüberliegenden Seite, zu unterhalten. In
Mäanderlinien schlängelt sich der Fluss durch bald steil abfallende, bald
terrassenförmige felsige Ufer, an denen sowie an den Abhängen zahlreicher
ebenfalls mäandrisch gestalteter Querthäler die kochenden Quellen
entspringen.
Diesen galt mein erster Ausflug am folgenden Tag, der von besserem Wetter
als die vorhergehenden begünstigt war. Beinahe hätte ich den undeutlichen
Weg durch das Gebüsch verloren, welches an manchen Stellen so hoch wurde,
dass es mir einen als Richtpunkt dienenden Berg zur Rechten verbarg,
während die Sonne nur minutenweise sich sehen liess, wenn nicht einige
weisse und halbweisse Kinder mit Handtüchern mich eingeholt hätten,
welche demselben Ziele wie ich, den warmen Bädern, zustrebten.
Einem der Mädchen war es offenbar sehr unangenehm, dass ich auch baden
ging, und sie schickte ihren jüngeren Bruder als meinen Führer ab, dem
sie Instruktionen zuflüsterte, und dem ich bald anmerkte, dass er mich
nur von der rechten Fährte abbringen sollte, während die übrige kleine
Schaar zurückblieb. Erst als ich dem jugendlichen Schlaukopf erklärte,
dass es mir zunächst nur darum zu thun sei, die Gegend in Augenschein zu
nehmen, und dass ich nicht vor zwei Stunden baden würde, schien er bereit,
mir den Badeplatz zu zeigen.
Eine halbe Stunde waren wir plaudernd weitergewandert, und mehrmals hatten
wir Fasanen, an denen die Gegend reich sein soll, aufgescheucht als endlich
die erste Dampfwolke ziemlich nahe vor uns emporqualmte. Gleich darauf
dampfte es auch dicht neben uns aus einem metertiefen Loch, in dessen Grund
nichts als feuchte zerrissene Erde und verdorrtes Farnkraut zu erblicken
war. Ein starker Schwefelgeruch erfüllte die Luft. Es galt jetzt,
vorsichtig den schmalen Pfad zu verfolgen, und ich fühlte mich gehoben
durch das Bewusstsein, mitten in jenem merkwürdigen Gebiete zu stehen,
von dem ich in der Heimath Hochstetters vortreffliche Schilderung mit so
grossem Interesse gelesen hatte.
Rechts und links begann es aus vielen Stellen zu dampfen. Vom Rande eines
Abgrunds schauten wir hinab auf das herrlich klare dunkelgrüne Wasser des
langsam dahin fliessenden Waikato. An seinen steilen Ufern qualmte es hier
und dort zum immer freundlicher werdenden Himmel empor, und seltsam grell
stach das von der Sonne beschienene Weiss des Dampfes von den gesättigten
Tönen der Umgebung ab.
Eine niedrige Thalschlucht öffnete sich, durch welche ein warmes Bächlein
dem Flusse zueilt, und in welcher zwei Schilfhütten liegen, halbverborgen
von Farn und Phormium. Dort unten sind die Bäder.
Ich dankte meinem jungen Begleiter und schlug die gerade Richtung ein nach
jener ersten und bedeutendsten Dampfwolke, trotz aller Warnungen, die ich
gelesen und gehört. Auch hier machte ich wieder die Erfahrung, dass
im Allgemeinen die Gefährlichkeiten nicht so gefährlich sind, als sie
beschrieben werden. Es war zwar manchmal gewiss überraschend, plötzlich
vor einem tiefen Loche zu stehen, in dessen Grund es leise und unheimlich
dampfte, und der wie geröstete und mit einzelnen Büscheln vertrockneten
Grases und spärlichem dürrem Buschwerk besetzte Boden war so weich und
morsch, dass man bei jedem Tritte einen Zoll tief einsinkend die Empfindung
der Unsicherheit bekommen konnte. Wenn man aber mit der nöthigen Vorsicht
zu Werke ging, das dichtere Gestrüpp, welches den Boden gänzlich
verdeckte, mied und nicht gerade drauf los rannte, war kein ernstlicher
Unfall zu befürchten.
Ich durchstreifte kreuz und quer das Ideal eines koupirten Terrains. Auf
den ersten Blick flach und nur von kümmerlicher Vegetation bewachsen, sind
die beiden hohen Ufer des Waikato allenthalben von Laufgräben ähnlichen
Schluchten durchzogen, die alle fünfzig bis hundert Schritt fast
rechtwinklig bald rechts bald links umbiegen, so dass man nie wissen kann,
woher sie kommen und wohin sie führen, und oft dieselbe Schlucht zweimal
hinab und hinaufklettert, die man leicht hätte umgehen können, wie man zu
spät erfährt.
Die mehr oder minder stark dampfenden Löcher sind ziemlich zahlreich.
Da eines aussieht wie das andere, wurden sie mir bald gleichgültig, und
ausser dem Urheber meiner ersten verheissenden Dampfwolke, einem kochenden
Sprudel von grösseren Dimensionen, war nichts Besonderes zu entdecken.
Schon aus einer gewissen Entfernung hörte ich den dumpfen unterirdischen
Lärm desselben, und als ich an dem brunnenartigen Schachte stand, in
dessen Tiefe es brodelte und brummte und hämmerte wie in einer Fabrik, in
der viele Maschinen zu gleicher Zeit arbeiten, fühlte ich etwas wie Grauen
bei dem Gedanken auszugleiten und hinabzufallen. Nur auf kurze Augenblicke,
wenn eben ein Windstoss den aufsteigenden Qualm zerriss, war ein Stückchen
des kochenden und sprudelnden Wassers zu sehen. Rothes verwittertes Gestein
bildet die Wände des Schachtes, über dessen unregelmässig zerrissene
Ränder bleiches, wassersüchtiges Farnkraut hängt, kränkelnd unter der
fortwährenden warmen Bethauung.
Ich war mittlerweile müde geworden, und die Frist, die ich den Kindern von
Tapuaeharuru zum Baden versprochen, war abgelaufen, so dass ich beschloss
mich nun selbst durch ein warmes Bad für meine Forschungsreise zu
belohnen.
In jenem Miniaturthal mit den Schilfhütten sah es anmuthiger aus als oben
auf dem kahlen dürren struppigen durchfurchten Plateau, über welches
ein frostiger Wind strich. Je weiter ich kam, desto idyllischer wurde die
niedliche engbegrenzte Landschaft. Auf einem Pfahl ein Taubenschlag
aus Flechtwerk, zwei oder drei niedrige Hütten aus demselben Material,
weidende Schafe und ein bellender Hund, ringsum dichte üppig grünende
Vegetation und steile Felswände, gerade hoch genug um gegen die kalten
Winde Schutz zu gewähren, bilden die Bestandtheile dieses reizenden
stillen Winkels. Ich näherte mich den Wohnstätten, und eine junge
Maoridame, auffallend hübsch und reinlich, erschien in phantastischer
und zugleich so dürftiger Gewandung, dass ich beinahe Entschuldigungen
stammelnd zurücktrat. Das war kein Maoriweib gewöhnlicher Art. Ein
gewisses Parfüm entduftete ihrem Körper, ich roch Europa. Warum musste
mir sofort Mister Jack the Guide of Taupo einfallen? Ich weiss es nicht.
Meine Ahnung aber war richtig wie ich später erfuhr. Dieses war des
alten Gauners (wilde) Ehegattin, eine Häuptlingstochter, welcher das Land
ringsum mit dem lieblichen Thal und dem warmen Bächlein gehörte. Er und
sie repräsentiren allegorisch Gott und Göttin der wunderbaren Heilquelle,
deren gedruckte Analyse ich gestern hatte würdigen müssen, und für
welche er sich wie jeder Quellenbesitzer nicht nur des Lake-Distrikts von
Neuseeland, sondern der ganzen Erde eine grosse Zukunft verspricht. Mit
einem solchen mythologischen Beruf ist selbstverständlich europäische
Zugeknöpftheit unvereinbar, daher die Einfachheit seiner und ihrer
Bekleidung.
Das Bad ist stylvoll wie die Eigenthümer desselben. Mehrere heisse Quellen
entspringen in dem Thal und vereinigen sich zu einem ungefähr metertiefen
und einen guten Sprung breiten Bach, der geschäftig zwischen Farn und
Phormium dem Waikato zueilt. Da wo sein Wasser sich zu der Temperatur eines
angenehmen Wannenbades abgekühlt hat, ist es aufgestaut, und mit einem
Dach aus Lattenwerk überbaut, an welchem Geisblatt zwanglos hinanklettert
und graziöse Zweige im Winde schaukelt. Eine Schilfhütte dient
zum Auskleiden, ein Spiegel ohne Rahmen, dessen nackte zerkratzte
Quecksilberfläche das Konterfei voller Löcher zurückstrahlt, und ein
geschriebenes Plakat, welches besagt, dass der einmalige Genuss all dieser
Schönheiten einen Shilling kostet, sind das Mobiliar des Innern. Den
schmalen Zugang und die Hütte selbst überwuchert hohes Phormiumschilf
und säuselt seine Melodien, vom Zephyr bewegt. Schmeichelnd fallen die
Sonnenstrahlen durch die Blätter der Laube, und schmeichelnd umspült das
laue Wasser die erfreuten Glieder des Badenden.
Die Temperatur kann um einige Grade erhöht und erniedrigt werden durch
eine Schleuse, die aus einer Nebenquelle kälteres Wasser einlässt.
Schliesst man die Schleuse ganz, so steigt die Wärme bald auf eine
unangenehme Höhe, das Bad beginnt zu dampfen, und man beeilt sich wieder
aufzumachen. Sehr merklich ist auch der Unterschied zwischen den oberen
und unteren Schichten des Bades, und deutlich fühlt man beim Unter- und
Auftauchen die heissere Zone der Oberfläche.
Es blieb mir nur noch übrig, unten am Ufer des Waikato einige andere
heisse Quellen aufzufinden, und ich hatte Alles gesehen, was in
Tapuaeharuru zu sehen ist, zum Aerger von Mister Jack, der nicht begriff,
wie man ohne seine Führung und Erklärung herumzustreifen wagte.
An einem Punkte strömt dem dunkelgrünen Waikato so viel heisses Wasser
zu, dass man im Sommer in ihm selbst warme Bäder geniessen kann. Weiter
oben in der Mitte eines grösseren, ziemlich seichten Beckens, dessen
Umfang sich nicht übersehen lässt, da es halb von einer dunklen
Felsenhöhle überwölbt ist, wallt es in beständigem Kochen. Der ganze
Grund ist bedeckt mit zierlichen Sinterinkrustationen von Farnblättern,
die sich von den bekannten Erzeugnissen des Karlsbader Sprudels dadurch
unterscheiden, dass sie aus Kiesel und nicht aus Kalk bestehen. Greift
die Hand achtlos hinein, um sich ein Andenken herauszuholen, so fährt sie
sogleich erschrocken vor der Hitze wieder zurück. Ein alter erloschener
Geyser dicht nebenan arbeitete zuweilen noch vor wenigen Jahren. Jetzt ist
von ihm nur mehr die Umwallung, die er sich aus Inkrustationen aufgebaut
hat, vorhanden.
Um ein Gebüsch biegend, stand ich plötzlich vor zwei Maorihütten. Kein
Mensch war in ihnen, die hölzernen Fensterladen waren zu und die Thüren
mit europäischen Vorhängeschlössern versperrt. Hinter einem zweiten
Gebüsch grub ein altes hässliches Maoriweib Kartoffel aus der Erde,
obwohl heute Sonntag, Sonntag unter englischer Flagge war, und nahm
mürrisch vor sich hinstierend nicht die geringste Notiz von meiner
Anwesenheit.
Unweit davon musste ich etwas entdecken, was Mister Jack keineswegs zur
Ehre gereichte. Durch Stauung und Erweiterung hatte die Natur in dem
Netzwerk der vielen heissen, warmen und kühlen Bäche das herrlichste
natürliche Wannenbad geschaffen. Zarte weissschimmernde Sinterkrusten
überzogen die Innenfläche und die vom Grün des Farngestrüpps
eingefassten Ränder und auch hier konnte durch seitliche Löcher, die man
mit Grasbüscheln verstopfte, die Temperatur regulirt werden. Gewiss war
dieses Gebilde im Stande Mister Jack Konkurrenz zu machen, und er hatte es
deshalb mit Schmutz vollgeschüttet.
Als ich wieder nach dem Hotel des Herrn Becker zurückkam, war das Dinner
schon längst vorüber, und die beiden Kutscher, meine Gefährten, Mister
Jack und die ganze Soldateska des Platzes waren alle betrunken. Mister Jack
ärgerte sich erst ein wenig und schimpfte, dass ich ohne ihn, den »Guide
of Taupo«, Umschau gehalten und sämmtliche Sehenswürdigkeiten selber
gefunden. Ich zahlte ihm seinen Shilling für das Bad und lobte seine
Besitzung. Das versöhnte ihn wieder. Der Spekulationsgeist erwachte in
ihm. Ich war ja ein Medikal Man und konnte vielleicht seiner Quelle von
Nutzen sein. Er redete mir zu, dass ich bis zur nächsten Post bei ihm
bliebe, und führte die ganze Eloquenz seines alkoholischen Zustands ins
Feld, mich noch mehr für sein idyllisches Thal zu interessiren. Er log,
was er konnte. Er schwur ich hätte das Beste doch nicht gesehen, er suchte
in jeder Weise auf mein Gemüth zu wirken und erzählte von gräulichen
Gespensterstimmen, die dort allnächtlich ihr Unwesen trieben. Er fluchte
und tobte, er zog sein Messer aus dem Gürtel und stiess es in den Tisch,
um mich zu überzeugen. Alles umsonst.
Trotz des besoffenen Lärms der wilden Gesellschaft schlief ich den
sanften Schlaf des Gerechten, als ich plötzlich unsanft erwachte. Die
Fensterscheiben meiner Erdgeschosskammer klirrten zerbrochen zu Boden, ein
wüstes Geheul, ein Stampfen und Kämpfen draussen im Freien, und ich eilte
hinaus. Man hatte sich geprügelt, und einer der Söldlinge war in seiner
Tobsucht so weit gegangen, nicht nur meinem biederen Landsmann dem Wirth
das Gesicht voll blauer Flecken zu schlagen, sondern auch rings ums Haus zu
laufen und der Reihe nach die Fenster zu zertrümmern. Der Bösewicht
lag nun gefangen, mit Stricken gefesselt und nackt auf der Strasse.
Die Kutscher und meine Reisegefährten hatten ihn nach längerem Ringen
bezwungen und ihm dabei die Kleider vom Leibe gerissen. Nun standen sie
gleich Schergen um ihn herum, schnaubend von der gehabten Anstrengung. Die
übrigen Söldlinge waren entwichen.
Kalt lächelnd blickte der Mond auf die merkwürdige Gruppe, neben welcher
die Gestalt Mister Jacks sass und sich den Rücken rieb. Sein Hüftenplaid
war ihm abhanden gekommen, und ohne schützende Hülle ruhte seine Basis
auf dem feuchten Rasen. Er schien sich über die Veranlassung dieses
unerquicklichen Zustands unklar zu sein. Ueberrascht schaute er um sich,
rieb sich den Rücken, kratzte sich hinter den Ohren und blinzelte gegen
den Mond, als ob er ihn fragen wollte.
Dem Tobsüchtigen verordnete ich einige Eimer kalten Wassers über den
erhitzten Kopf bis er mit den Zähnen klapperte dann brachten wir ihn und
Mister Jack, der ebenfalls fror, ins Bett und legten uns selber schlafen.
Zwei Stunden später graute der Morgen, und der Kutscher trommelte uns aus
den Betten. Wir kamen nun in einen noch schmäleren Wagen, weil von jetzt
ab die Poststrasse noch schlechter wurde, als sie bisher gewesen. Der
Mangel an Raum sollte durch Wegfall der Polster ausgeglichen werden.
Leider blieb von den Reisegefährten nur einer zurück und wurde durch
einen andern ersetzt, einen Offizier der Konstabulary Force, der wegen
Krankheit nach Tauranga zum Arzte fuhr und eine neue Art unangenehmer
Gesellschaft repräsentirte, indem er beständig durchs Fenster hinaus
seiner läufigen Hündin zubrüllte und sie zur Keuschheit ermahnte den
Anfechtungen eines männlichen Köters gegenüber, welcher sie mit heisser
Liebe verfolgte, bis wir anhielten und ihn mit einem Strick vor Anker
legten. Die alten Gefährten waren womöglich noch rücksichtsloser als
je, und mürrisch und grämlich wie alle Menschen, denen es nicht vergönnt
ist, ihren Rausch auszuschlafen. Abermals stand ein schwerer Tag bevor.
Für kurze Zeit liessen sich am anderen Ende des öden Tauposees die
schneebedeckten Kämme des Ruapehu bestrahlt von der aufgehenden Sonne
blicken. Wir bogen nach Norden und kreuzten auf hölzernen Brücken
zweimal während des Tages den gleichfalls nach Norden gerichteten Lauf des
Waikato.
Das Manukagebüsch wurde spärlicher, und die Gegend nahm wieder mehr den
Farncharakter an. Die Dampfsäulen kochender Quellen verschwanden. Durch
romantische Wildnisse stieg die Strasse bergauf und bergab, und schäumende
Bäche stürzten sich daneben durch rauhe Schluchten dem Waikato zu.
Stumpfe Kegelberge wechselten mit kulissenartigen Bergrücken. Herrliche
Fernsichten, wie von einem Maler der klassischen Schule komponirt, thaten
sich auf. Dann ging es wieder über eine dürre Grasstoppelebene, in deren
Hintergrund sanft ansteigende Hügel mit Gruppen weisslicher Felsblöcke
besäet waren, so dass sie Dörfer zu tragen täuschten. Der Leichenstein
eines Postpferdes stand hier an der Strasse mit einer Inschrift, welche
das treu in seinem Berufe vom Tod ereilte Thier verewigte. Ausser diesem
Dokument der höheren Philozoie und der Strasse ist weit und breit nichts
Menschliches zu entdecken. Selbst der Telegraphendraht hat uns verlassen
und andere Wege eingeschlagen. Keine Vogelstimme lässt sich vernehmen.
Ueberall Grabesruhe.
In einem echten Maoridorf, mitten zwischen zackigen Felsen, durch welche in
der Tiefe der Waikato tost, machten wir Mittag und wechselten die Pferde.
Selbst der Stationswirth, ein Weisser, und seine weisse Gattin, eine
junge sanfte Blondine, wohnen hier nur in Hütten aus Flechtwerk. Die
Eingeborenen werden jetzt zahlreicher, lumpiger und malerischer, je mehr
es nach dem wärmeren Norden geht, ebenso wie bei uns, wenn man über die
Alpen gegen Italien zieht. Bis jetzt hatte ich ausser dem blassbeinigen
Mister Jack noch keinen echten Maori gesehen. An allen Einschnitten der
Strasse sind Maorinamen in englischen Lettern und Maorizeichnungen von
nicht geringem Verständniss in den weichen Sandstein gekratzt.
Auf einer Höhe biegt der Weg um die Ecke, der See Rotorua erscheint und
vor ihm eine dampfende Tiefebene. Der ganze schwammige Boden ist hier
unterwühlt von kochenden Quellen. Schnurgerade durchschneidet die erhöhte
Strasse den mit Manukagebüsch besetzten Sumpf, aus dem es links und
rechts überall unheimlich brodelt und qualmt und dampft. Was ich in Taupo
gesehen, war nichts gegen diesen Anblick, der meine kühnsten Erwartungen
weit übertraf.
Die Dunkelheit senkte sich hernieder, als wir in Ohinemutu ankamen, umringt
von einem lärmenden Gesindel fröhlicher Maoris, von denen kein einziger
eine Hose anhatte, was mir überaus imponirte.