ANKUNFT IN NEUSEELAND UND QUARANTÄNE.

Zum ersten mal Grund. Neuseeland erscheint. Die ersten Zeitungen.

Ankunft des Lootsen. Der Anker fällt. Pulverunglück. Die

Hafenbehörde. Sturm und Landungsschwierigkeiten. Bewegtes

Dasein. Aufruhr der Elemente und der Menschen. Mitternächtige

Todtenbestattung. Ruhigere Zeit. Die idyllische Insel. Ueberall

»Billig und schlecht«. Zoologisches. Endlich frei.

Das Geklirr der Ankerketten verkündete uns die freudige Botschaft, dass

das Ziel nahe sei. Sie waren seit Europa vorne im Zwischendeck begraben

gewesen. Nun wurden sie wieder auf Deck geholt und klar gemacht.

Nach dem Besteck waren wir auf der Höhe von Neuseeland. Ob wir es auch

in Wirklichkeit waren, musste sich jetzt herausstellen. Meine Zweifel in

dieser Hinsicht entbehrten nicht der Begründung. Denn das Chronometer

konnte seinen Gang verändert haben, und eine Kontrole durch Monddistanzen

hatte es niemals erfahren.[3]

[3]: In den nautischen Almanachen sind für das ganze Jahr von je drei

zu drei Stunden Greenwichzeit die Distanzen des Mondes von der Sonne

und anderen gerade brauchbaren grösseren Sternen angegeben. Indem

man nun mit dem Sextanten solche Distanzen misst, lässt sich das

Schiffschronometer, welches Greenwichzeit zeigen soll, darauf prüfen.

Der Horizont war bewölkt, von Land keine Spur zu sehen. Es wurde gelothet,

und mit grosser Spannung erwartete ich das Resultat. Wir bekamen wirklich

und wahrhaftig Grund. Die Leine zeigte 50 Faden Tiefe, an dem Talg in der

unteren Aushöhlung des Lothes klebten Fragmente von kleinen Muscheln

und Korallen. Mit grosser Andacht beguckten wir alle dieses vorläufige

Stückchen Neuseeland. Niemand aber war froher als der Kapitän, dem sein

Chronometer eine seltene Treue bewährt hatte.

Erst vier Tage später, am 17. März, erblickten wir das Land der

Antipoden selbst. Noch vier Tage mussten wir bei kaltem unfreundlichem

Wetter unter der Küste desselben aufkreuzen ohne es in Sicht zu bekommen,

als an jenem Morgen endlich das Gewölk zerriss und, rings gegen den

Horizont hinabsinkend, dicht vor uns schöne hohe Berge mit glitzernden

Schneegipfeln, wunderbar duftig im warmen Sonnenschein enthüllte. Das Ziel

einer viermonatlichen ermüdenden Seereise hätte uns nicht reizender und

überraschender vor Augen treten können. Aber wäre der erste Anblick des

lang und heiss ersehnten Landes auch weit weniger vortheilhaft gewesen, als

das Wahrzeichen der Erlösung von den Widerwärtigkeiten des Schiffslebens,

wäre er gewiss mit ebenso grossem Entzücken begrüsst worden.

Es waren die kahlen Felsenmassen der Banks Peninsula, jenes mächtigen

Gebirgspfeilers an der Ostseite der Südinsel, welche aller Augen gefesselt

hielten, bis sie hinter uns verschwanden. Ein frischer Süd sprang auf und

führte uns rasch nordwärts, Wellington, dem Bestimmungshafen, entgegen.

Doch die ungewohnte Schnelligkeit der Fahrt dauerte nur kurze Zeit. Mittags

schlief der Wind wieder ein, die Segel fingen wieder an, an den Masten

herumzuklappern, und bald lag die See wieder ebenso spiegelglatt und

todesstille unter einer stechenden Sonne da, wie wir sie so oft zu sehen

Gelegenheit gehabt hatten. Albatrosse setzten sich faul aufs Wasser,

paddelten neugierig an das ruhigliegende Schiff heran und stritten sich

schnatternd um die über Bord geworfenen Abfälle oder auch um die Angel,

mit der wir einen dieser dummen Vögel nach dem anderen einzogen.

Etwa fünf Seemeilen entfernt trieb ein kleiner Schuner, wahrscheinlich

ein Küstenfahrer, und unser Kapitän fuhr in der Jolle hinüber, um

Erkundigungen einzuziehen. Nach drei Stunden kam er zurück und brachte

mir ausser einem Albatross, den er mit der Hand gefangen, und einer

vollen Ladung aufgefischten Seetanges, welcher von Mollusken und Krustern

wimmelte, als werthvollste Gabe Zeitungen mit, die, wenn auch bereits

vierzehn Tage alt, für uns nach vier Monaten die ersten Nachrichten aus

der Mitwelt enthielten. »Greymouth Argus« nannte sich das Blatt, welches

sich übrigens zur allgemeinen Enttäuschung wenig um das alte Europa

kümmerte. Nichts von dem theuren Vaterlande, nichts von dem schönen

Frankreich war zu finden, woraus wir schlossen, dass wenigstens kein

ernstlicherer Krieg mittlerweile ausgebrochen sei. Nur die Erklärung des

Don Carlos, im Fall eines Konfliktes zwischen Spanien und Amerika neutral

bleiben zu wollen, gab die einzige Kunde aus der Politik Europas. Dagegen

schienen Kricket und Football in Greymouth eine grosse Rolle zu

spielen. Denn die meisten Kabeltelegramme von Neuseeland und Australien

beschäftigten sich mit Resultaten solcher nationalen Wettkämpfe.

Die Jolle war gerade zur rechten Zeit heimgekehrt. Der Himmel überzog

sich mit dicken Wolken, und einzelne Windstösse aus Osten deuteten auf das

Herannahen eines Sturmes. Als es dunkel geworden, wehte es so heftig, dass

die meisten Segel festgemacht werden mussten, aber die stürmische Brise

war günstig und schob das Schiff ungestüm durch die aufgeregten Wogen,

welche hellleuchtend in der Schwärze der Nacht, zu beiden Seiten des

Kieles hoch emporschäumten.

Der nächste Morgen fand uns an der südöstlichen Ausweitung der

Cooksstrasse. Vor uns lag die Palliser-Bay mit der Lootsenstation und

links davon auf einem hohen Felsen stand der einsame Leuchtthurm von

Penkarrow-Head. Mittags kam der Lootse an Bord, immer näher rückten

die schroffen Ufer, an denen allenthalben die Brandung donnerte, und eine

Lücke öffnete sich, der Eingang zu Port Nicholson, dem geräumigen Hafen

von Wellington.

Von der Stadt war noch nichts zu sehen. Sie lag zur Linken versteckt hinter

einer etwa 200 Meter hohen Felsenkulisse, und nicht früher als wir diese

passirt hatten, kamen die äussersten Häuser ihres linken Flügels zum

Vorschein.

Mitten im Hafen von Wellington liegt Somes Island, die kleine

brandungumtoste Quarantäne-Insel aus einigen 60 bis 80 Meter hohen Hügeln

bestehend, deren einer auf seiner Spitze vier stattliche kasernartige

Gebäude trägt. Dorthin führte uns der Lootse, um auf den Besuch der

Hafenbeamten zu warten. Mit unserer Typhusepidemie durften wir nicht an die

Stadt gehen.

Leider trübte ein schwerer Unglücksfall den frohen Moment der Ankunft.

Jan Maat begnügte sich nicht mit dem kräftigen Hurrah der Passagiere,

welches das Niederrasseln des Ankers begleitete, es musste auch geschossen

werden. Ohne Schiessen kein Vergnügen.

Ein alter verrosteter Böller erfreute sich schon seit mehreren Stunden der

eifrigsten Reinigungsbestrebungen unseres Bootsmanns. Ich war beschäftigt,

meine nicht sehr salonfähigen Reisekleider gegen eine etwas gewähltere

Toilette zu vertauschen, als der erste Salutschuss ertönte und gleich

darauf ein zweiter folgte. Meine Verwunderung wie es möglich sei, aus

einem einzigen Geschütz innerhalb so kurzer Zeit zweimal zu feuern, war

noch nicht zu Ende, als die Passagiere hereinstürzten und mich zu Hilfe

riefen. Auf Deck herrschte grosse Aufregung, und Alles drängte nach

einem Punkte, von welchem ich lautes Jammergeschrei vernahm. Ein

pulvergeschwärztes gräulich entstelltes Gesicht, über welches Blut aus

Augen, Mund und Nase rieselte, und welches ich nur dadurch als das

eines hübschgewesenen jungen Mannes erkannte, dass seine Mutter

verzweiflungsvoll ihn umarmt hielt, erklärte mir was geschehen war.

Ich hatte mich eben überzeugt, dass die Verletzung lange nicht so schlimm

sei, und dass namentlich die Augen nur oberflächlich gelitten hatten, als

ich von dem Steuermann stürmisch nach der Kajüte zurückgerufen wurde,

wohin man mittlerweile den eigentlichen Verunglückten, den Bootsmann

getragen hatte. Brüllend lag er auf dem Boden und krümmte sich in seinen

Schmerzen, ringsum die verstörten Gesichter des Kapitäns und einiger

Passagiere. Dieser Fall war bedeutender als der andere.

Ich musste einen Theil der zerschmetterten Hand amputiren, und noch im

letzten Augenblick der Reise meine Instrumente hervorholen, nachdem ich sie

glücklich fast unbenutzt bis ans Ziel gebracht hatte. Beide Verletzungen

waren dadurch entstanden, dass der Bootsmann die zweite Kartusche, ohne

auszuwischen, in das Geschütz schob, während dieses noch glimmende Reste

der ersten Kartusche enthielt.

Eine kleine Dampfbarkasse bog alsbald um die nächsten Felsen und

legte sich an unsere Seite. Sie enthielt den Immigration-Officer, den

Regierungsarzt und den Hafenmeister sowie einen Maschinisten und einen

Steurer, welcher letztere mir als der erste Maori, den ich sah, am

interessantesten erschien. Doch zu ethnologischen Studien war jetzt keine

Zeit. Ich stieg an der Jakobsleiter in die Barkasse hinab und stellte mich

und unsere Gesundheitsverhältnisse vor. Trotz Allem, was der Lootse mir

von der Strenge der bezüglichen Hafengesetze mitgetheilt hatte, hoffte ich

noch, dass die Beamten uns gnädig sein und von einer längeren Quarantäne

absehen möchten, da ja der Abdominaltyphus eine Krankheit ist, die in

keiner grösseren Stadt fehlt, und die nicht erst durch uns in Neuseeland

importirt zu werden brauchte.

Unser Schicksal wurde kurz entschieden. Die Kommission verhängte

Quarantäne über uns, befahl dem Kapitän, sofort die Böte auszusetzen,

um alle Passagiere, gesunde und kranke, an der Insel zu landen, und fuhr

gleich wieder nach der Stadt zurück, ohne an Bord gewesen zu sein. Ich

selbst wurde beauftragt, die Leitung der Quarantäne zu übernehmen.

Dies war nun ein sehr kühler Empfang, wie wir ihn nicht erwartet

hatten. Und unsere Immigranten paradirten doch alle in ihrem schönsten

Sonntagsstaat, und der Kapitän, der gänzlich ignorirt wurde, hatte doch

alle Räume aufs Sorgfältigste rein machen lassen, viel reiner als sie

jemals während der ganzen Reise gewesen. Alles vergebene Mühe. Und jetzt

sollten auch noch die frischgestrichenen Böte ausgesetzt werden, an denen

die Farbe noch kaum fest haftete, und an denen der Kapitän selbst mit

Liebe herumgekleckst hatte. Dies war keine geringe Aufgabe bei dem eben

herrschenden Unwetter. Wir hatten deren fünf an Bord, aber nur die

kleine Jolle hing an Davids, die vier grossen lagen innen auf den beiden

Deckhäusern.

Unter solchen Umständen konnte es nicht überraschen, dass sehr bittere

Gefühle den Lenker der Euphrosyne durchzuckten, und schliesslich in einem

Wuthausbruch ihre Aeusserung fanden, der hauptsächlich gegen mich als

supponirten Veranlasser der Quarantäne sich richtete, der aber als

etwas schon öfter Dagewesenes keinen besonderen Eindruck mehr zu machen

vermochte und mich nicht abhielt, wiederholt den grimmigen Tiger an seine

Pflicht zu erinnern und um Beschleunigung der lässig betriebenen Arbeit zu

bitten.

Mehr als zwei Stunden verstrichen, bis die Böte zu Wasser waren, und ich

hatte nun Musse, vom Achterdeck aus die neue Umgebung zu betrachten. Dunkle

graue Wolken flogen eilig über den Himmel. Eine Schaar fremdartiger Möven

mit fremdartigem Geschrei kämpfte gegen den Sturm und spähte gierig nach

den vom Ebbestrom weggetriebenen Abfällen des Schiffes. In der nächsten

Nähe vor mir lag die kleine baumlose Insel, welche auf unbestimmte Zeit

meine Domäne werden sollte, mit der Immigrantenkaserne oben und steilen

Felsen unten am Ufer, über die eine hölzerne Treppe vom Landungspier

hinaufführte. Sie schien unbewohnt zu sein, kein Mensch war auf ihr zu

erblicken. Ein immer heftiger werdender Wind peitschte die hüpfenden

Wellen, pfiff durch die Takelage und warf sich zuweilen in orkanartigen

Stössen auf das an den Ankerketten rüttelnde Schiff, über welchem nun

die verdächtige gelbe Flagge wehte. In düsteren Umrissen begrenzten hohe

Bergketten, welche bewaldet zu sein schienen, die Gegend, nach Süden ein

schmales Stück Ozean offen lassend.

Die Böte leckten in allen Fugen und füllten sich, kaum zu Wasser

gebracht, bis zum Rande. Die halbe Mannschaft war krank und die gesunde

Hälfte missmuthig, dass sich die Ankunft in Wellington verzögerte und

dass nun auch noch die Mühe des Hin- und Herruderns winkte. Der Kapitän

tobte und fluchte.

Als ich endlich an die Insel fahren konnte und zum ersten mal nach vier

Monaten wieder festen Boden unter den Füssen fühlte, war mir zu Muthe wie

einem von schwerer Krankheit Genesenen, der seinen ersten Ausgang feiert.

Es that mir leid, dass ich nochmals aufs Schiff zurück musste. Ich lernte

Mister Koral, den Verwalter der Quarantänestation kennen. Der alte Herr

war höchst bestürzt, so viel fremde Völker einquartiert zu bekommen, mit

denen er sich nicht verständigen konnte.

Alle Passagiere an demselben Nachmittage zu landen, erwies sich bei dem

herrschenden Sturm als unmöglich und wir durften froh sein, wenigstens die

ledigen Männer mit Sack und Pack auf die Insel zu bringen. Die Familien

und die einzelnen Frauenzimmer sowie sämmtliche Kranke hatten noch eine

Nacht an Bord zu schlafen. So war unser kleiner Staat in zwei Theile

getrennt. Wir hatten nur einen Koch, der natürlich auch an Bord bleiben

und an Bord kochen musste. Die Passagiere auf der Insel erhielten ihr Essen

deshalb nicht zur gewohnten Zeit und rächten sich dafür an dem frischen

Proviant, der aus der Stadt kam und von den Lieferanten in der irrigen

Meinung, dass wir bereits alle gelandet seien, statt aufs Schiff auf die

Insel dirigirt worden war, so dass nun die Passagiere an Bord sich um

ihr frisches Fleisch, ihr frisches Gemüse und ihr frisches Brot betrogen

sahen, auf das sie sich so sehr gefreut hatten. Eine endlose Reihe von

Missverständnissen entwickelte sich aus diesem Zustand der Zersplitterung

bei der durch das Unwetter erschwerten Kommunikation mit der Insel. Wir

waren ganz allein auf uns selbst und auf unsere lecken Böte angewiesen.

Kein Mensch kam uns zu Hilfe, und wären nicht oben auf Somes Island die

Baracken gewesen, wir hätten uns in einem ganz neuentdeckten, wilden Lande

glauben können. Von da, wo wir lagen, sah man nicht einmal Schiffe.

Die Kommissioners paddelten zwar gegen Abend nochmal aus Wellington herbei,

aber nur, um ihre unzufriedene Verwunderung auszudrücken, dass noch nicht

alle Immigranten gelandet seien, und den Kapitän aufzufordern, eines der

Böte einem Haufen Bettstroh nachzuschicken, welches über Bord gefallen

war und vom Winde in der Richtung nach dem Hauptlande entführt,

Infektionsstoff dorthin verschleppen konnte.

Das Wetter des folgenden Tages war wenn möglich noch schlimmer. Es

stürmte ohne Unterlass. Zum Ueberfluss hatten sich während der Nacht neue

Schwierigkeiten hinzugesellt. Das Schiff war mitsammt seinen beiden Ankern

von den Böen und der See um mehr als eine Meile zurückgetrieben und

dadurch die Distanz vom Landungspier um fast ebenso viel vermehrt worden.

Eines der am Hintertheil befestigten Böte hatte sich losgerissen und war

spurlos verschwunden, und in einem anderen hatten die zwei Matrosen der

Morgenwache, des langweiligen Bordlebens müde, das Weite gesucht.

Doppelt intensives Fluchen und Toben des Kapitäns war die unausbleibliche

Folge. Er unterlag dem Uebermass der auf ihn einstürmenden Zorngefühle

und betrank sich. Er lallte schliesslich nur mehr spanisch zu mir, wenn ich

ihn um etwas bat. In der Vorkajüte brüllte ohne Unterlass der Bootsmann

mit seinem zerschossenen Vorderarm, im Hospital winselten die delirirenden

Typhuskranken und draussen auf Deck schimpften sich die Passagiere um ihre

Bündel.

Wäre nicht die Dampfbarkasse der Kommissioners wieder erschienen, und

hätten nicht diese auf meine dringenden Vorstellungen hin sich unser

erbarmt und uns ins Tau genommen, wir hätten Somes Island niemals

erreicht. Die wenigen Matrosen, welche dienstfähig waren, konnten

die schweren Böte kaum gegen Wind und Wellen halten, viel weniger

vorwärtsrudern.

Wir kamen merkwürdiger Weise alle glücklich und ohne erheblichen Unfall

auf die Insel, trotz des Wirrwarrs und des Geschreis der Frauen und

Kinder, die sich fürchteten, in die auf und nieder fliegenden Fahrzeuge zu

steigen, und trotz der Brandung an den Felsen des Ufers, in die gerade das

Boot mit den Kranken gerieth, so dass wir Gesunde hinausspringen mussten,

um es mit den Händen zu dirigiren und das Umschlagen zu verhindern. Wenn

ich jetzt zurückdenke an jene Szenen der Landung auf Somes Island, an die

lecken Böte, in denen zwei Mann fortwährend mit Eimern auszuschöpfen

hatten, nur damit das Wasser auf einem gewissen Niveau blieb, an das

Angstgeschrei der dicht zusammengedrängt zwischen Bettzeug und Kisten

verpackten Kinder, Weiber und Männer, die alle mit dem Heulen des Sturmes

wetteiferten, die Worte der Kommandirenden unverständlich zu machen, an

die unruhig hüpfende See, welche zu beiden Seiten hineinschlug und

die Menschenknäuel rastlos auf und nieder warf, hier die Böte an der

Falltreppe, dort am Pier oder an den Felsen zu zerschellen drohte, so kommt

es mir ganz wunderbar und kaum glaublich vor, dass wir alle mit heiler Haut

der Todesgefahr entrannen.

Der Sturm hielt noch über eine Woche an und störte wesentlich den

wiedererlangten Genuss des Lebens auf fester Erde und in geräumigeren

Wohnungen. Wir sollten alle Tage Proviant aus Wellington erhalten, aber

einigemale kam keiner, wahrscheinlich weil es dem Lieferanten zu stark

wehte, und wir mussten zu Salz- und Büchsenfleisch zurückgreifen, mit

der unerfreulichen Aussicht auf eine Hungersnoth, falls die vorhandenen

Vorräthe zu Ende gingen, ehe ruhigeres Wetter eintrat.

Die Euphrosyne wurde nach etlichen Tagen durch die Kommissioners von

der Quarantäne freigesprochen und ging an die Stadt, nachdem die

Bettverschläge und sonstigen Einrichtungen für die Immigranten

herausgerissen und auf Somes Island gebracht und das Zwischendeck und die

Hospitäler mit Chlor und Schwefel geräuchert und frisch gekalkt worden

waren. Wir sahen uns dann ganz allein auf der kleinen Insel, die man bequem

in einer halben Stunde hätte umgehen können, wenn die Ufer nicht aus

steilen Felsen bestunden. Ringsum die tosende See, die uns von der übrigen

Welt trennte, uns die Verbannten, Gemiedenen, mit der gelben Flagge

Gebrandmarkten. Die Ankunft des Proviantbootes, welches zuweilen auch

Briefe brachte, bildete das einzige Ereigniss des täglichen Lebens, und

man fühlte sich beunruhigt, wenn es nicht zur gewohnten Stunde kam.

Ich hatte in den ersten zwei Wochen wahrlich keine Zeit, mich zu

langweilen. Sie gehören zu den bewegtesten Perioden meines Lebens.

Ueberall gab es zu organisiren, Unfällen, Missverständnissen,

Streitigkeiten und Klagen abzuhelfen. Mister Koral der Verwalter gerieth

oft in Verzweiflung beim Proviantaustheilen und rannte dann regelmässig zu

mir um mich zu Hilfe zu rufen.

Und während der ganzen Zeit wehte der widerwärtigste Sturm. Gleich am

zweiten Tag deckte er uns das Küchengebäude ab und zertrümmerte den

Schornstein des Heerdes und diesen selbst. Wir mussten nun im Freien

kochen, und zwar unten auf den Geröllblöcken des Ufers, da oben das

dürre Gras hätte Feuer fangen können. Ein anderes mal rüttelten in der

Nacht die Windstösse so eindringlich an den Baracken, dass eine förmliche

Panik die Bewohner der oberen Stockwerke ergriff. Sie flüchteten in

die Erdgeschosse. Die Bewohner dieser, dadurch in ihrer Ruhe gestört,

remonstrirten dagegen. Eine Keilerei entwickelte sich, und die ganze

unwillkommene und unangekleidete Gesellschaft verfügte sich in meine

Wohnung und holte mich aus dem Bett, den Streit zu schlichten. Seit jener

Nacht gab es in jedem der vier grossen Gebäude zwei feindliche Etagen --

eine neue Gruppirung von Gegensätzen, deren wir bereits genug besassen.

Denn nicht nur die Nationalitäten und die Familien hassten einander, man

hasste sich ausserdem noch häuserweise, parteienweise, individuenweise,

kurz nach allen Dimensionen des Raumes, nach dem Alter, nach dem

Geschlecht, die Kranken hassten die Gesunden, die Gesunden die Kranken.

Nur in der Opposition gegen mich und meine Organe waren sie Ein Herz

und Eine Seele. Ein Hauptstein des Anstosses war ein Paragraph in den

Vorschriften der Quarantäne, dass die männlichen Immigranten täglich

vier Stunden arbeiten sollten. Nach einem Plane, den ich von der Regierung

erhielt, sollten Wege und Baumalleen auf der Insel angelegt werden, und

dass die Regierung die vielen Arbeitskräfte, die sie ernährte, in höchst

bescheidenem Umfang hiezu in Anspruch nahm, war gewiss eine billige

und weise Massregel, abgesehen von der psychischen Nothwendigkeit einer

Beschäftigung. Aber meine Leute waren durch die lange Seereise so sehr

ans Faullenzen gewöhnt und demoralisirt, dass sie sich hartnäckig

dagegen auflehnten. Sie behaupteten, ungerechter Weise auf der Insel

zurückgehalten zu sein, man schrie Verrath. Die ganze Wuth richtete sich

gegen mich, und eine Rebellion entstund, die mir für einen Tag keine

geringe Verlegenheit bereitete. Ich hielt Reden an das versammelte Volk,

ich versuchte es mit Güte, ich drohte. Zum Glück war man thöricht genug,

meinen Versicherungen, dass ich telegraphisch Militär von Wellington

requiriren würde, dessen Unterhalt den Immigranten zur Last fiele, Glauben

zu schenken. Das Militär allein ohne den Geldpunkt würde sicher keinen

Eindruck gemacht haben. Vor den Unkosten aber fürchteten sich alle. Die

Widerspenstigen gehorchten und fingen an wenigstens zum Schein zu arbeiten.

Diese Leichtgläubigkeit war meine Rettung. Denn die Drohung mit

dem Telegraphen war eitel Wind gewesen. Ich besass zwar Flaggen zum

Signalisiren, aber bei dem herrschenden trüben Wetter würden meine

Signale von keinem Punkt des Festlandes aus bemerkt worden sein.

Ueberall war der Tabak ausgegangen, und unsere Leute verfielen nun auf

ein gräuliches Surrogat. Sie rauchten Theeblätter, indem sie dieselben

trockneten, nachdem bereits Thee daraus gewonnen worden war. So sehr ich

auch vom wirthschaftlichen Standpunkt aus dieser intensiveren Verwerthung

eines Stoffes meinen Beifall zollen musste, so konnte ich doch nicht

gestatten, dass die Wohnräume in solcher Weise verpestet wurden. Ich

verbot das Rauchen im Innern der Häuser und hatte damit leider eine

neue Quelle von Uebertretungen und Unannehmlichkeiten eröffnet. Auf

der Euphrosyne war es viel leichter gewesen die Leute vom Rauchen im

Zwischendeck abzuhalten durch das Schreckgespenst eines Schiffsbrandes.

Jetzt fürchteten sie sich nicht mehr so sehr vor einer Feuersbrunst.

Der Typhus forderte noch zwei Opfer, und diese mussten den

Quarantäne-Vorschriften gemäss so bald als möglich beerdigt werden. Es

war schwer, unter meinen Passagieren die nöthigen Arbeiter zur Herstellung

der Gräber zu gewinnen, und wurde es dunkel, so war keiner beherzt genug,

auf dem Friedhofe zu bleiben, wenn ich nicht selbst blieb und beständig

zur Arbeit anhielt. Beide male traf es sich so, dass die Bestattung erst

spät in der Nacht vorgenommen werden konnte.

Die Unglücklichen, welche jene heimtückische Seuche in der Blüthe der

Jahre hinwegraffte, ein junger Mann und ein junges Mädchen, hatten

wohl nicht geahnt, ein wie frühes Grab und unter welch eigenthümlichen

Umständen sie im Land ihrer Hoffnungen finden sollten, als sie die ferne

Heimath verliessen. Nur wenige Gefährten vermochten die Schauerlichkeit

der mitternächtigen Stunde zu überwinden und folgten als Leidtragende

nach dem Friedhof, auf welchem bereits eine lange Reihe von

Immigrantenschiffen ihre Spuren in Form schmuckloser Grabhügel

hinterlassen hatte. Ringsum die schwärzeste Finsterniss, deren Wirkung das

schwächliche Licht unserer Laternen nur erhöhte. Der Wind fegte über

die Insel und peitschte den Regen uns ins Gesicht und an die klappernden

Laternen. Tief unten brauste und dröhnte die See. So verrichteten wir

schweigend das traurige Geschäft. Ein kurzes Gebet, vom Schulmeister

gesprochen, dann griff Alles zu den Schaufeln und bedeckte schnell den

rohen Brettersarg mit Erde.

Auch auf dem Hauptland richtete der Sturm Verwüstungen an. Waldbrände

verbreiteten sich ringsum an den umgebenden Hügelketten trotz der

häufigen und heftigen Regengüsse, und in einer Nacht schienen an zwei von

einander unabhängigen Stellen ganze Berge in Gluth zu stehen, ein schönes

ergreifend grossartiges Schauspiel.

Fünfundfünfzig Tage dauerte für mich die Verbannung auf Somes Island.

Glücklicher Weise waren jedoch nur die zwei ersten Wochen so reich an

Mühen und Aufregungen, und allmälig trat nicht nur ruhigeres Wetter,

sondern auch Ordnung und Regelmässigkeit in meinem kleinen Staate ein.

Die Gesunden lebten streng von den Kranken gesondert, hatten zu baden, ihre

Kleider zu waschen und zu räuchern und wurden in einzelnen Abtheilungen

nach Wellington abgeholt, sobald ich sie für rein und frei von Krankheit

erklärt hatte. So schmolz die Einwohnerzahl von Somes Island zu meiner

grössten Freude immer mehr zusammen und schliesslich hatte ich nur mehr

ein paar Dutzend Kranker und Rekonvaleszenten mit ihren Angehörigen in den

Baracken. Ich konnte jetzt meine Blicke freier um mich wenden und wieder

Neigungen ausserhalb der Berufssphäre nachgehen.

Meine bisherigen Erfahrungen über Neuseeland hatten sich nur auf

die überraschenden meteorologischen Eigenthümlichkeiten und auf die

Liberalität, mit welcher die Kolonialregierung für ihre Einwanderer

sorgt, bezogen.

Diese letztere verdient in der That die höchste Bewunderung. Es ist kaum

glaublich, welche verhältnissmässig enormen Geldmittel die noch lange

nicht eine halbe Million Köpfe zählende Kolonie aufwendet, um einen

stetigen Zufluss von Einwanderern zu erhalten. Nicht genug, dass Neuseeland

den meisten derselben die Passage bezahlt hatte, wurden diese auch

nach ihrer Landung in Wellington noch so lange verpflegt bis sie Arbeit

erhielten. Es liegt nahe zu glauben, dass die Regierung später hiefür

vielleicht eine Art Abzahlung oder wenigstens das Verbleiben im Lande als

Gegenleistung verlangte. Solches ist aber durchaus nicht der Fall. Jeder

in Wellington angekommene Immigrant ist sofort frei, zu gehen wohin ihm

beliebt -- eine Freiheit, die nicht gar selten dazu benutzt wird, mit der

ersten Gelegenheit nach Australien überzusiedeln. Um derartige vereinzelte

Fälle kümmert sich die Regierung nicht. Sie rechnet nach echt englischer

Weise nur mit grossen Zahlen, ohne kleinlich zu kontroliren. Kostet ja die

Kontrole oft mehr als die Nichtkontrole. Dass trotz dieser vorzüglichen

Einrichtungen viel Gejammer von Auswanderern in den Zeitungen zu hören

ist, kann nicht befremden, wenn man bedenkt, dass erstens auch in

Neuseeland die schlechten Zeiten nicht ausgeblieben sind, und dass

Auswanderer in der Regel einer Bevölkerungsklasse angehören, unter

welcher viel arbeitsscheues Gesindel sich findet. Auswanderung

ist überhaupt eine Sache, bei der es selbst unter den besten

menschenmöglichen Bedingungen nie ohne Härten abgeht.

Das Bewusstsein, die grosse wenig erfreuliche Gesellschaft los zu sein und

nicht mehr Tag für Tag alle die dummen und unzufriedenen Gesichter sehen

zu müssen, an deren jedes sich irgend eine unerquickliche Erinnerung

knüpfte, gehörte entschieden zu den grössten Annehmlichkeiten, die ich

jemals empfunden habe. Ruhe war mein erstes Bedürfniss. Sie wurde mir

jetzt zu Theil, und nur wenn der Wind wieder um unsere exponirten Gebäude

zu heulen und an ihnen zu rütteln begann, wurde sie einigermassen

gestört.

Ich hatte eine reizende Dienstwohnung ganz nach meinem Geschmack. Zwei sehr

geräumige Zimmer, spartanisch einfach und englisch solide möblirt, jedes

mit grossen Fenstern auf zwei Seiten, erlaubten mir, mich mit allen meinen

Sachen gehörig auszubreiten, ein unschätzbares Vergnügen nach den

mühseligen Einschränkungen des Schiffslebens. Alles in der Einrichtung

war zweckmässig und nichts überflüssig. Die weissgetünchten

Bretterwände waren zwar ziemlich undicht, so dass ich an einigen Stellen

kaum mit einem brennenden Lichte vorübergehen konnte, ohne dass es

ausgeblasen wurde, und jeder etwas stärkere Wind drang durch den dünnen

frei auf einigen Balken über der Erde ruhenden Boden und hob den Teppich

stossweise in die Höhe, dass er wogte wie ein stürmisches Theatermeer,

und regnete es, so bildete sich bald vor jedem Fenster ein kleiner See mit

einem Stromsystem bis zum Fusse der gegenüberliegenden Wände.

Die Aussicht aber war ganz unvergleichlich schön. Kurz vor den Fenstern

stürzte der Berg zu der grünen Wasserfläche hinab, auf welcher winzig

kleine Fischerböte mit rothen Segeln schaukelnd ihre Kreise abritten.

Möven flogen in gleicher Höhe auf Schussweite vorüber, erschrocken

abbiegend, sowie sie mich hinter den Glasscheiben erblickten. Die dunklen

Bergketten, welche die Bucht umgrenzten, gewährten noch einige male in

der Nacht das Schauspiel ausgedehnter Waldbrände, und an hellen, sonnigen

Tagen konnte ich zuweilen mich damit unterhalten, mit dem Fernrohr die

Strassen von Wellington zu durchwandern.

Manchmal kreuzten grössere Segelschiffe unten vorbei, entweder vom Ozean

draussen herein in den Hafen oder wieder hinaus. Port Nicholson ist bequem

und geräumig genug, dass man der Schleppdampfer hiezu entbehren kann. Auch

die Euphrosyne sah ich eines Tages wieder in See stechen. Sie ging nach

Peru, um Guano zu nehmen. Ich bemitleidete meine alten Gefährten, die auf

ihr hinwegfuhren, alle, am meisten aber unseren Hannes, an dem sich jetzt

der ganze Grimm des Kapitäns und der Offiziere ungestört entladen mochte.

Grössere Bäume gab es nicht auf der Insel. Man hatte zwar angefangen,

australische Eukalypten und englische Fichten anzupflanzen, aber die

Pflänzchen waren noch klein und schwach. Ein hohes schilfartiges Gras, die

Arundo conspicua beherrschte den Charakter der Vegetation, und überall

auf den Hügeln stunden in mächtigen Büscheln ihre schlanken Halme und

wiegten graziös seidenglänzende fiederige Rispen im Winde. Somes Island

ist berühmt wegen dieses schönen Grases. Häufig kommen, wenn die

Quarantäne leer steht, Lustpartieen hieher und holen sich davon zum

Schmuck der Wohnungen. Ich habe auch nie mehr später auf Neuseeland

die Arundo conspicua so reich und herrlich entwickelt gefunden. Auf

den Felsenkanten der schattigen Südseite wuchs Phormium tenax, der

Neuseeländische Flachs, und in einer Schlucht entdeckte ich einmal zwei

kümmerliche Kohlpalmen, die so charakteristische Cordyline australis,

den Cabbage Tree der Engländer, den ich später noch so oft und so viel

grösser zu sehen bekommen sollte. Damals war er mir neu und merkwürdig.

Es war Spätherbst, und die Sommersonne hatte Alles gelb und welk gebrannt.

Nur in den Felsenklüften der Südseite, wohin die Sonne nicht dringen

konnte, grünte es noch lebhaft von Farnen, welche einige Höhlen zu

feenhaften Gemächern austapezierten. Eine scharfe Ecke springt zwischen

Süd- und Westseite vor, und eben so scharf wie diese Ecke, war damals die

Grenze zwischen Kahlheit und Dürre und üppigstem Grün.

An ungezähmten Säugethieren gab es nur einige verwilderte Katzen und

eine Menge Ratten, welche jenen zur Nahrung dienten. Beide stammten von

europäischen Schiffen her. Mister Koral hielt sich ein paar Ziegen.

Schafe durften nicht gehalten werden, weil ihre losgerissene Wolle

Krankheitsstoffe nach Wellington führen konnte.

Weite Ausflüge waren auf der kleinen Insel allerdings nicht möglich. Doch

boten Spaziergänge den steinigen Strand entlang oder Kletterpartieen über

die Felsblöcke des Ufers stets grossen Genuss und zur Zeit der Ebbe reiche

zoologische Beute.

Das am meisten zerklüftete Südufer wimmelte dann von natürlichen

Aquarien jeder Grösse, welche die weichende Fluth in den Löchern und

Tümpeln zurückgelassen hatte. Aktinien blühten da in allen Farben

zwischen Meerlattich und Tang. Fische aller Art und steifbeinige Garneelen

schossen in ihnen herum und suchten sich vergebens hinter Steine zu retten.

Alles sass voll von Aszidien, Schnecken und Muscheln, in jeder Rille klebte

ein schöner Chiton. Manch werthvolles Mollusk habe ich dort gesammelt.

In den Höhlen und Klüften, die oft senkrecht zum dunklen Grunde

hinabstürzten, überzogen hellviolette Kalkalgen das ganze Gestein, soweit

es im Bereich der Fluth lag, und von oben hingen Farnornamente herunter und

spiegelten sich in den Wellen. Unzählige Seesterne und Seeigel, seltener

auch Holothurien, klammerten sich an die Wände des Grundes, und hie und da

glitt ein mächtiger schwarzer Fisch durch die Tiefe.

Da wo an den äussersten vorgeschobenen Klippen die Wogen sich brachen,

lebten dickschalige Bewohner der Brandung, derbe, faustgrosse Trochen und

Turbonen und eine riesige Haliotis. Letztere saugten sich gewöhnlich

so fest, dass sie nur mit dem Messer loszumachen waren, ebenso wie die

Chitonen. Hie und da gelang es mir, schnell ehe sie sich duckten, die

Fingerspitzen zwischen den Rand ihrer Schale und die sammtenen Fortsätze

des Mantels zu schieben, und dann riss ich stets die blosse Schale vom

Thier ab, während dieses selbst hartnäckig sitzen blieb.

Doch auch zu kulturgeschichtlichen Studien bot ein Spaziergang unten am

Strande Gelegenheit. Von verschiedenen Schiffen, die vor uns auf der

Insel in Quarantäne gewesen waren, lagen hier die Ueberreste ihrer

Einrichtungen, ganze Berge von Kojenbrettern, um allmälig als

Feuerungsmaterial aufgebraucht zu werden, und dazwischen

zerstreut Deckhäuschen und Luckenkappen, Ventilationsröhren und

Klosettbestandtheile. Es berührte mich unangenehm, einen auffallenden

Unterschied zwischen den englischen und deutschen Artikeln dieser Art

konstatiren zu müssen. Von den englischen Schiffen war Alles so solid

und selbst elegant gearbeitet, dass ich mich schämte, unseren lotterigen

deutschen Trödel daneben liegen zu sehen. Wie oft hatte ich von

Engländern Anspielungen und Klagen über die schlechte Ausrüstung unserer

Schiffe zu hören und ruhig hinzunehmen, ohne im Stand zu sein, sie als

unbegründet zurückzuweisen.

Auf der Südkante, dem Eingang von Port Nicholson und dem Ozean zugewendet,

stand oben der Leuchtthurm. Zwei Wächter bewohnten ihn, von denen der

jüngere eine Frau besass. Mit ihnen sowie mit Mister Koral und dessen

Tochter, die von Wellington herübergekommen war, die Verbannung ihres

alten Vaters zu erleichtern, habe ich manchen angenehmen Abend zugebracht.

Waren auch die beiden Leuchtthurmwärter der Einsamkeit ihres Lebens

entsprechend einsilbig genug, und kann ich mich auch nicht erinnern, von

dem älteren derselben mehr als ein stereotypes tägliches »Good Morning

Sir, nice Morning Sir« mit einer Betonung als ob ich das Gegentheil

behauptet, gehört zu haben, so waren sie doch die liebenswürdigsten

Menschen, die mir jeden Gefallen thaten. Wir fuhren zusammen zum Fischen

oder machten Segelpartieen um unser Eiland.

An Gelegenheit zur Wasserjagd fehlte es niemals. Auf den Klippen ringsherum

wimmelte es von Möven verschiedener Arten. Kormorane trieben sich

dazwischen herum, waren aber nur schwer zum Schuss zu bekommen. Um

auszuruhen, wählten sie immer die entferntesten Felsenspitzen, die eine

weite Umschau gestatteten, und seltsam zeichnete sich oft ihre Silhouette

vom Himmel ab, wenn sie regungslos auf einer Kante sassen, ihre nassen

Flügel zum Trocknen ausgebreitet und schlaff herabhängend, nicht

unähnlich einem zerzausten Preussischen Adler. Versuchte man sich ihnen zu

nähern, flugs waren sie weg und verschwunden.

Das interessanteste Wild auf der Insel aber waren die zahlreichen Pinguine

der kleinen blauen Art, die hier eine Hauptstation zu haben schienen.

Einmal in einer schönen Mondnacht schrieen sie so laut vom Strande herauf,

dass ich sie durch die geschlossenen Fenster bis in mein Zimmer hörte.

Es mussten mehrere Dutzend sein. Ich nahm meine Büchse, kletterte die mir

wohlbekannten beschwerlichen Pfade hinab und setzte mich in den Schatten

eines Felsblocks um zu lauern. Aber nichts liess sich blicken, obwohl ich

fast zwei Stunden blieb.

Die Poesie der Umgebung entschädigte mich reichlich für jegliche Beute.

Nur das Anschlagen der glitzernden Wellen gegen die Felsenthore und Klüfte

des Ufers, deren groteske Formen im ungewissen bleichen Lichte des Mondes

schwammen, unterbrach die feierliche Stille der Nacht. Oben strahlte das

südliche Kreuz und weiter nördlich der Skorpion, der zwölf Stunden

später auch auf die ferne Heimath herabsah. Geheimnissvolle Stimmen regten

sich zuweilen draussen über dem Wasser. Schaaren von Möven schliefen dort

auf einsamen Klippen, und häufig stritten sich ein paar von ihnen um die

Plätze. Und plötzlich liessen sich dann auch die Pinguine hören, so

nahe, dass ich sie sehen zu müssen glaubte. Zuerst begann einer allein

sein hässliches Jauchzen und Gurren, andere antworteten ihm, und dann fiel

der ganze Chor ein und gurrte und jauchzte so schauerlich und unnatürlich,

als ob eine Schaar dämonischer Geschöpfe aus der Apokalypse hinter den

nächsten Felsen versteckt war. Dann trat auf einmal wieder Stille ein und

nur die Wellen plätscherten leise.

Erst nach langem Suchen gelang es mir, in einer der vielen Höhlen am

Strande, in welchen sie sich während des Tages aufzuhalten schienen,

drei Pinguine zu fangen. Sie verriethen ihre Anwesenheit durch dieselben

gurrenden Töne, die ich schon öfter in der Nacht gehört, und die

sie wahrscheinlich erschreckt durch das Geräusch, welches ich beim

Herumklettern machte, ausstiessen.

Ich zündete eine Kerze an und kroch auf dem Bauch in die immer enger und

niedriger werdende Höhle bis ich nicht mehr weiter konnte. Da sassen denn

meine Vögel in einem nur fussbreiten Loch, kein Meter von mir entfernt

aber unerreichbar für die Hand, und gurrten und fauchten so giftig,

dass ich fürchtete, sie möchten mir ins Gesicht springen, was in meiner

eingeklemmten Lage sehr unangenehm werden konnte. Ich blieb ruhig liegen

und bohrte mein Licht in den Boden. Das Licht schien die Neugierde der

Pinguine lebhaft zu reizen. Sie beruhigten sich und hörten auf zu gurren,

da sie nur mehr das Licht beguckten.

Langsam kam jetzt einer heraus aus dem Loch, das seltsame Phänomen genauer

zu untersuchen. Auf mich schienen sie ganz vergessen zu haben, da ich mich

nicht regte und kaum zu athmen wagte. Immer näher und näher kam er der

tückisch auf ihn lauernden Hand. Ein rascher Griff und ich hatte ihn beim

Kragen. Er sträubte sich wüthend und biss heftig um sich, seine Kameraden

fauchten und gurrten, ich rutschte zurück und steckte ihn draussen in

einen mitgenommenen Sack. Ganz auf dieselbe Weise fing ich auch die zwei

anderen. Nach zehn Minuten ruhigen Liegens hatten sie mich vergessen und

schlichen hervor, das Licht zu begucken.

Den letzten liess ich frei und ins Wasser laufen, um seine Schwimmkunst zu

beobachten. Eilig hüpfte er gleichbeinig über die Blöcke des Ufers, bis

er das rettende Element erreichte. Dann tauchte er unter und blitzschnell,

seine Vogelgestalt in die eines Fisches verwandelnd, war er verschwunden.

Nach einer Minute tauchte er einen Büchsenschuss weit entfernt wieder auf,

um zu athmen. Ich machte eine Bewegung und abermals war er weg.

Meine zwei Gefangenen brachte ich nach meiner Wohnung, wo ich ihnen eine

helle, luftige Kammer einräumte. Trotz aller Bemühungen, ihnen ihren

Aufenthalt so komfortabel als möglich zu machen, gelang es mir nicht sie

zum Fressen zu bewegen. Ich liess für sie ein grosses Salzwasserbassin

und einen kleinen Garten mit Ufergewächsen anlegen, ich gab ihnen

lebende Fische und Würmer, ich versuchte sie gewaltsam zu füttern -- sie

bestanden hartnäckig auf dem Fasten.

In der Nacht fingen sie einmal, als der Mond zu ihnen hereinschien, zu

fauchen und zu gurren an und versetzten meine Krankenwärterin,

welche neben ihnen schlief, in die grösste Angst und Bestürzung. Das

abergläubische Weib glaubte, es seien böse Geister, die ihren Spuk

trieben. Da ich mittlerweile einsehen musste, dass alle meine Mühe mit

ihnen vergeblich war, so tödtete ich die armen Thiere, um sie nicht

länger leiden zu lassen, nachdem sie zwölf Tage gefastet hatten.

An den schönen warmen und windstillen Tagen, die auf die erste Periode

der Stürme folgten, ruhte über unserer Insel eine idyllische Sabathruhe,

welche, so wohlthuend sie im Anfang war, auf die Dauer langweilig wurde,

und ich begann schliesslich mit dem Köter des Leuchtthurmwächters zu

sympathisiren, dem unser Mangel an Ereignissen gleichfalls nicht zu behagen

schien. Er war ein gutmüthiger struppiger Kerl, der keinem Menschen was

zu Leide that. Aber er litt beständig an der schrecklichsten

Beschäftigungslosigkeit und rannte oft Tage lang vom Leuchtthurm nach den

Baracken und von diesen zum Leuchtthurm hin und her, um zu sehen, ob es

nichts für ihn zu thun gäbe. Selbst mitten in der Nacht liess es ihm

manchmal keine Rast, er konnte nicht schlafen und trabte dann regelmässig

zu mir herauf, um vor meinem Fenster so lange zu heulen, bis ich aus dem

Bett sprang und ihn mit einem Prügel den Berg hinabjagte, was indess

unserer Freundschaft während des Tages keinen Abbruch that.

Bald trat eine zweite Periode der Stürme ein, und es herrschte wieder

ein Wetter, wie es für den neuseeländischen Herbst charakteristisch sein

soll. Dunkle Wolken flohen heftig über den Himmel, durch deren Lücken die

Sonne feine Lichtblicke herabsandte. Ueber Wasser und Land, über Berg und

Thal glitten diese als hellstrahlende Inseln dahin, verfolgt von düsteren

schwarzen Regenschauern, ein nie aufhörender Wechsel in der Beleuchtung.

Dann rüttelte wieder der Wind heulend an unseren leichtgebauten zitternden

Häusern, und man war ins Zimmer gebannt.

Ich sah bereits mit Schmerzen meiner Erlösung entgegen, als mir eines

Morgens gemeldet wurde, es sei ein Schiff mit der gelben Flagge im Grosstop

hereingekommen und liege unten an der Insel vor Anker. Dies war mir

keine sehr angenehme Ueberraschung. Denn ein Zuwachs von Kranken wäre

gleichbedeutend mit einer Verlängerung meines Amtes gewesen. Uebrigens

ging das Schiff am Nachmittag an die Stadt und mir fiel ein Stein vom

Herzen.

Am 12. Mai schlug für mich endlich die ersehnte Stunde. Meine bis auf

fünf Köpfe zusammengeschmolzenen Kranken waren so weit genesen, dass sie

keiner täglichen ärztlichen Beaufsichtigung mehr bedurften. Ich wurde von

der Barkasse der Kommissioners abgeholt und siedelte nach Wellington über.

Ich war frei.

Reise durch den Stillen Ozean · 第 39 / 85 题