Andere Sterne. Das Passiren der Linie und Neptunsfest. Aequatoriale
Schwitzkur. Pantomimik. Weihnachten und Neujahr. Fernando Noronha.
Endlich Südostpassat. Typhus, Leichenbestattungen, traurige
Aussichten.
Einige gute Tage brachten uns schnell vorwärts. Dann kamen wieder einige
schlechte Tage. Der grosse Bär und der Polarstern tauchten immer tiefer
hinab, und vor uns stieg das südliche Kreuz in die Höhe.
Der südliche Sternenhimmel ist öde im Vergleich mit dem unsrigen, und um
sich für die Schönheit des südlichen Kreuzes begeistern zu können,
muss man entweder ein kritikloser Mucker oder ein noch kritikloserer
Reiseenthusiast sein, den schon der Gedanke an die grosse Entfernung von zu
Hause in Ekstase zu setzen vermag. Viel interessanter und merkwürdiger als
jene vier unbedeutenden im Trapezoid gestellten Sterne war mir das schwarze
Loch neben ihnen, welches die Seeleute den Kohlensack nennen.
Am 20. Dezember feierten wir das Fest des Passirens der Linie in der
altherkömmlichen Weise mit Neptun, Barbiererei und Taufe. Wir hatten zwar
seit drei Tagen wieder keine Observation gehabt und wussten nicht bestimmt,
ob wir schon so weit waren. Den Himmel bedeckten dunkle Wolken, echt
tropische Regengüsse stürzten zuweilen herab, bleiern und todesstill
lag der Ozean rings umher, kaum ein Lüftchen regte sich, und wir trieben,
hilflos, ohne Steuer, die Spitze des Schiffes rückwärts nach Norden
gewendet. Als wir zwei Tage später endlich die Sonne und damit Observation
bekamen, stellte sich heraus, dass wir zu früh gefeiert und dass wir noch
nicht den Aequator überschritten hatten. Erst nach weiteren vier Tagen
gelangten wir am 27. Dezember wirklich und zweifellos auf die südliche
Hemisphäre, und zwar ziemlich genau unter dem 29. Grad westlicher Länge
von Greenwich. Aber kein Mensch ausser dem Kapitän, dem Steuermann und mir
erfuhr unseren Irrthum, vielleicht auch das offizielle Journal nicht.
Schon seit einer Woche waren die Matrosen eifrig daran, die Maskerade für
den Neptunszug, einen Dreizack aus Blech und Bärte aus Flachs für ihn und
sein Gefolge, einen Fischschwanz aus Pappe und Locken aus Hobelspänen
für seine Gemahlin, ein grosses meterlanges Rasirmesser aus Holz für den
Barbier und andere derlei Geräthe vorzubereiten.
Einige englische Kolonien haben den äquatorialen Mummenschanz, bei dem
es erfahrungsgemäss fast nie ohne Rohheiten und Zänkereien zwischen
Mannschaft und Passagieren abgeht, auf ihren Emigrantenschiffen verboten.
Neuseeland war damals noch nicht so rigoros, und obwohl ich keinen
sonderlichen Werth auf jenes Ueberbleibsel der sogenannten guten alten
Zeit legte, so liess ich dasselbe doch seinen Lauf nehmen, aus keinem
vernünftigern Grunde, als um einen rothen Strich mehr in den Bädecker
meiner Erlebnisse machen zu dürfen.
Da wir eben trieben, und nichts zu thun war, konnte die ganze Mannschaft
an dem Scherz sich betheiligen. Der Aufzug verlief, wie er schon oft
beschrieben worden ist. Die phantastisch geschmückte Schaar verfügte
sich nach dem Vorderdeck und kletterte vorne am Bugspriet über Bord, um
scheinbar aus dem Wasser heraufzukommen. Hinten über der Kajüte stunden
der Kapitän und die Offiziere. »Schip ahoi!« rief vorne Neptun durch das
Sprachrohr, und der Bootsmann wurde abgesandt, ihn zum Besuch einzuladen.
Neptun und sein Gefolge bewegten sich langsam und gravitätisch heran,
zu beiden Seiten das dichte Gewühl der neugierig sich drängenden
Zwischendecker. Eine zackige Krone aus Goldpapier schmückte das Haupt des
dreizackbewaffneten Fluthenbeherrschers, von dem eine mächtige flächserne
Mähne herab wallte. An seiner Seite trippelte züchtiglich die holde
Amphitrite, unser ältester Schiffsjunge, der nicht ohne Geschmack zu einem
zinnobergeschminkten, hochbusigen und hobelspähnelockigen Frauenzimmer
mit langer Schleppe von Sackleinwand herausstaffirt war. Voran schritt als
Herold der Barbier, ein seemännischer Anachronismus, mit riesiger Brille
und Vatermördern, das gewaltige bretterne Rasirmesser auf der Schulter.
Hinterdrein marschirten die Schergen der maritimen Polizei, mehr oder
minder gelungen phantastisch geputzt, hölzerne Säbel in den Händen
schwingend.
Neptun hielt nun seine Anrede an den Kapitän, und das übliche Frage-
und Antwortspiel, wie das Schiff heisse, woher es käme und wohin es gehe,
entwickelte sich. Nach diesen Präliminarien, die sehr ledern waren und
sowohl dem Neptun nebst Gefolge als auch dem Kapitän so vorkommen mochten,
da sie ziemlich verlegene Gesichter schnitten, nahm ersterer auf einem
improvisirten Throne hinter dem Grossmast Platz und schickte seine Schergen
aus, um die Opfer, diejenigen an Bord, die zum ersten mal die Linie
passirten, vorführen zu lassen. Von den Passagieren durften nur solche
ergriffen werden, die sich freiwillig dazu erboten, und um mit gutem
Beispiel voranzugehen, unterzog ich mich selbst der peinlichen Prozedur der
Aequatortaufe.
Ein grosser Bottich mit Wasser stund vor Neptun, ein darüber gelegtes
Brett war der Sitz für den Täufling. Ein Gehilfe des Barbiers frug nach
Namen und Alter, registrirte solches in ein dickes Buch, profaner Weise
eine alte Bibel, dann kam der Barbier, schmierte aus einem Kübel mit
vollen Händen Seifenschaum über das ganze Gesicht und kratzte ihn wieder
ab mit seiner Rasirkeule. Der ätzende Seifenschaum verbot die Augen zu
öffnen, ein plötzlicher Ruck, das Brett wurde weggezogen, man plumpste
rücklings in das Wasser des Bottichs, die Taufe war vollzogen.
Ich hatte mir ausgebeten, nur mit der besten und reinlichsten Seife bedient
zu werden und als erster zu leiden. Nicht so glimpflich wie ich wurden
diejenigen behandelt, die nach mir kamen. Zunächst Mister Ross und etwa
zwanzig andere junge Männer von den Zwischendeckspassagieren, zuletzt die
Neulinge unter der Mannschaft, unser Ganymed Hannes, der in der Nordsee
so Schreckliches erduldet, mittlerweile jedoch mit dem Meere vertrauter
geworden war, jener Decksjunge, der sich damals versteckt hatte, und ein
Matrose. Diese drei letzteren wurden auf die alte qualvolle Weise barbiert
und getauft. Für sie gab es eine eigens präparirte Seife zweiter
Qualität, die stark mit Theer versetzt war und noch etliche Tage Mund und
Augen verklebte. Beim Rasiren kam es auf einige Stückchen Haut nicht an,
und das Taufen wurde ihnen so gründlich zu Theil, dass sie halberstickt,
heftig spuckend und hustend, dem Bottich entstiegen. Auch auf die frommen
Missionäre hatten es die Matrosen abgesehen und wollten sie vor Neptuns
Thron schleppen, aber sie schrieen so kläglich um Hilfe, dass der Kapitän
sie zu retten eilte. Raketen und Bluelights und eine Ration Schnaps für
die Matrosen verherrlichten den Abend dieses denkwürdigen Tages.
Wir waren in den äquatorialen Kalmen. Unsere höchste Temperatur im Schiff
war damals und überhaupt während der ganzen Reise nicht mehr als 27
Zentigrade, aber die Feuchtigkeit der Luft im Verein mit den lauwarmen
Regengüssen, die ab und zu auf uns niederstürzten, liess sie doppelt
fühlen.
Thau träufelte von den Wänden, alles Lederzeug, die Stiefel und die
Einbände der Bücher überzogen sich mit Schimmel. Die Thüren und
Schubladen schwollen an und waren nur mit grösserer Kraftentfaltung zu
öffnen. Meinen Nachbar Mister Ross hörte man den ganzen Tag drüben in
seiner Kammer an den Schubladen rütteln. Er hatte deren nur zwei, aber
sie machten ihm mehr zu schaffen, als zwanzig zu Hause. Selbst der harte
Zwieback weichte auf -- die einzige Annehmlichkeit dieses dunstigen
Zustands. »Alles ist feucht, es ist als ob die Natur Alles in den
primordialen Urschleim zurückführen wollte. Die Individualität
schwindet, das Denken hört auf, man wird eine willenlose, feuchte,
schwammige, indolent schwitzende Moles«, schrieb ich damals ins Tagebuch.
Nachts sah es manchmal im Dämmerlichte des Zwischendecks aus wie in
mythologischen Sphären. Bunt durcheinander lagen die Passagiere nackt oder
halbnackt vor ihren Kojen auf dem Boden und stöhnten vor Hitze. So oft ich
auch als Sittenpolizei eine sorgfältigere Bedeckung empfahl, der Genius
epidemikus des Schwitzens lähmte jegliche Rücksicht.
Auch bei Tage herrschte jetzt eine wohlthätige Ruhe im Schiff, und
Stumpfsinn lagerte über der ganzen Gesellschaft. Mit halbgeöffneten Augen
und Mäulern und schlotterigen Knieen, Zwiebackreste im Bart und in den
Haaren, lungerten unsere Passagiere halb schlummernd umher, blos zur
Essenszeit machte sich etwas Leben geltend. Eine Periode der Versöhnung
und des Friedens war eingetreten. Alle Regungen der Gehässigkeit
verschwanden. Keine gegenseitigen Verdächtigungen, keine Unzufriedenheit
über das Essen, kein Schimpfen mehr. Selbst das Salzfleischstehlen hatte
seinen Reiz verloren. Nur die zahlreiche Kinderschaar fuhr fort sich
herumzubalgen und amüsirte sich jetzt hauptsächlich damit, aus den
Regenlachen auf Deck Wasser in den Mund zu schlürfen und einander ins
Gesicht zu spritzen.
Meist war das Wetter trübe und der Himmel bedeckt. Zuweilen aber hatten
wir Sonnenschein, und dann boten die vielen isolirten dunklen Wolkenmassen,
welche in allen Richtungen inselförmig und scharfbegrenzt als geschlossene
graue Schleier auf das blaue Meer herabfielen, ein eigenthümliches
anziehendes Schauspiel.
Oft geriethen auch wir in einen solchen Wolkenbruch, dessen Beginn jedesmal
von einer heftigen Böe eingeleitet wurde. Wir sahen lange vorher wie sie
langsam auf uns zukam. Wir hatten alle Segel bei, aber schlaff hingen
sie an den Raaen und klapperten. Plötzlich einige Windstösse, die Segel
blähen sich und neigen das Schiff auf die Seite. Im Wasser rauscht es von
der Fahrt, die wir machen. Nun schlagen die ersten dicken Tropfen aufs Deck
und es rasselt in Strömen herab als ob wir ersäuft werden sollten. Nach
wenigen Minuten wird es wieder still, die Fahrt hört auf, und nur mehr das
Gurgeln der durch die Speigatten abfliessenden Bäche ist vernehmbar.
Wir benutzten diese Fülle meteorischer Niederschläge um unseren
Wasservorrath zu ergänzen. Segel wurden als Trichter an das Dach der
Kajüte befestigt und durch Schläuche mit den Wasserfässern unten
im Lastraum verbunden. Im Nu hatten wir jedesmal wieder einige Fässer
gefüllt.
Zwar besassen wir entsprechend den englischen Vorschriften einen Kondenser
zum Destilliren von Meerwasser, jedoch war dieser so schlecht ausgerüstet,
dass wir mit ihm nur beim allergünstigsten Wetter zu arbeiten vermochten.
Er ersetzte dafür seine geringe Leistungsfähigkeit durch um so grösseren
Lärm. Er stampfte gleich einer mächtigen Dampfmaschine, spie die
herrlichsten Feuergarben aus seinem Schornstein, was in der Nacht
allerdings ziemlich effektvoll aussah, aber zugleich auch der Takelage
Gefahr drohte, und entwickelte so viel russigen Qualm, dass man uns von
ferne für eine stolze Fregatte halten konnte.
Ganz besonders erspriesslich waren die Regengüsse für die Pflege der
Reinlichkeit. Alles musste jetzt waschen, und das ganze Deck schwamm ein
paar Tage lang in Seifenschaum. Die Matrosen bedienten sich hiebei eines
sehr praktischen abgekürzten Verfahrens, indem sie ihre Wäsche einfach
in eine der vielen Lachen warfen und mit blossen Füssen darauf
herumtrampelten.
Ausser der Aequatortaufe fielen in jene Periode der Regengüsse und des
Schwitzens noch zwei andere Feste, nämlich Weihnachten und Neujahr.
Für den Christbaum hatten wir Lichter sowie billiges und schlechtes
Zuckergebäck von Hamburg aus mitbekommen. Den Baum selbst mussten wir
uns künstlich aus einer Stange und Besenreisig herstellen. Es war eine
wunderbare, laue, sternenklare Tropennacht, als er angezündet wurde. Aber
die Lichter wollten nicht brennen in der freien Luft auf Deck, obwohl fast
kein Lüftchen sich regte. Unser materieller angelegtes Publikum zeigte
auch nicht viel Sinn für die Poesie der heimathlichen Sitte, und der
Schwerpunkt der ganzen Feierlichkeit lag für dasselbe mehr in dem grossen,
rosinengespickten und schrecklich unverdaulichen Kuchen, den der Koch
angefertigt hatte.
Am Sylvesterabend gaben die Matrosen auf einer hinter dem Grossmast
improvisirten Bühne eine von ihnen selbst erfundene Pantomime zum
besten. Die Fabel des Stückes war sehr einfach und stylvoll. Mehrere
Handwerksburschen kommen in ein Wirthshaus, betrinken sich, schlafen ein,
müssen aber fortwährend kratzen, sie machen Skandal, der Wirth erscheint
und will Geld, sie haben keines, der Wirth schmeisst sie hinaus, eine
Prügelei, und der Vorhang fällt. Dieses zeitgemässe dramatische Opus
wurde mit viel mimischer Begabung und grossem Erfolg vom Stapel gelassen.
Ein wahrer Sturm von Beifall belohnte die Akteurs nach jeder Szene, und
namentlich das mit höchster Naturwahrheit und Empfindung dargestellte
Kratzen erregte den ausgelassensten Jubel der germanischen Völker,
während die Polen sich etwas betroffen fühlten und theils verlegene,
theils zornige Gesichter machten, als Alles auf sie deutete.
Auf dieses folgte eine Tanzunterhaltung. Während des Theaters war der
Mond aufgegangen. Sein silbernes Licht schimmerte auf den ewig bewegten,
hüpfenden Wellen des Meeres und übergoss mit magischem Glanz die Segel
und das Deck des Schiffes, so dass die wenigen farbigen Lampen kaum zur
Geltung gelangten. Unbekümmert um den draussen gähnenden Wasserschlund,
dessen Oberfläche der Kiel langsam durchfurchte, drehten sich auf engem
Raum die fröhlichen Paare im Kreise. Eine Ziehharmonika spielte ihre
langweilige, misstönende Musik dazu, und eine dichte Zuschauermenge
drängte sich nach dem Tanzplatz oder hing in den Wanten.
Noch oft hatten wir an schönen Abenden solche Tanzunterhaltungen. Auch
die unverheiratheten Frauenzimmer durften daran Theil nehmen. Es war
mir unmöglich, eben so puritanisch zu sein, wie die strengen englischen
Vorschriften, und ich konnte unseren Passagieren dieses harmlose Vergnügen
nicht versagen, wenn sie mich darum baten. Hoffentlich erfährt die
Neuseeländische Regierung nichts davon.
Auf der südlichen Hemisphäre hatten wir im Anfang mit dem Wind nicht mehr
Glück als auf der nördlichen. Immerfort mühselig zu kreuzen gezwungen,
wendeten wir täglich zwei- oder dreimal und steuerten abwechselnd
Westsüdwest und Ostsüdost, ohne wesentlich vorwärts zu kommen, da die
leichtgeladene Euphrosyne zu viel Abtrift machte.
Am 29. Dezember bekamen wir das einsame Eiland Fernando Noronha in Sicht.
Fernando Noronha ist eine brasilianische Verbrecherkolonie. Wir fuhren
Nachts zehn Uhr so nahe daran vorüber, dass wir deutlich die dunklen
Umrisse des Piks und der nächsten Hügel und lebhaft am Strande sich hin
und her bewegende Lichter erkannten. Vielleicht hielt man uns dort für das
von der Regierung gesandte Schiff, welches den auf die Insel Verbannten von
Zeit zu Zeit Lebensmittel und Nachrichten bringt.
Der ewige Gegenwind aus Süd hielt an, und am 31. Dezember sahen wir von
der Mastspitze aus den Pik von Fernando Noronha abermals, jetzt ungefähr
30 Seemeilen entfernt und von der anderen südlichen Seite.
Endlich am 6. Januar kam der langersehnte Südostpassat. Aber wir hatten
die Ostecke Südamerikas noch nicht passirt und waren der Küste so nahe,
dass wir noch mehrere Tage kreuzen mussten. Immer wieder führte unser
Kurs, wenn wir ihn mit dem Lineal auf der Karte absetzten, gegen Land, und
wir mussten wieder wenden und halb rückwärts fahren.
Die dunstige Hitze der Aequatorstillen schwand vor der frischen Brise aus
dem Schiff, und eine angenehme Kühle erquickte die erschlafften Nerven.
Keine hundert Seemeilen zur Rechten lag Parahyba. Wie mochte es dort
drüben im üppigen Dickicht tropischer Vegetation wimmeln von stechenden
Moskitos und schillernden Käfern, von schreienden Papageien und giftigen
Schlangen, von kletternden Affen und schleichenden Raubthieren, wie mochte
die Sonne dort drüben herabglühen auf all das bunte Leben. Und hier auf
dem Wasser hatten wir ungefähr die Temperatur eines deutschen Sommers.
Erst jetzt wurde uns der volle Genuss des Segelns im Passat zu Theil, der
auf der nördlichen Hemisphäre durch abnorme Witterungsverhältnisse uns
so sehr geschmälert worden war. Die See schien ihre ganze Natur verändert
zu haben. Ein ewig blauer Himmel wölbte sich über der blauen Fläche
und die freundlich strahlende Sonne und der gleichmässige köstliche
Wind vereinigten sich zu einer angenehmen, milden Wärme. Nur rings um den
Horizont lag die Kette der geballten Passatwolken.
Grosse rosenrothe Schwimmblasen von Physalien, die »Portuguese Men of
War« der Seeleute, schaukelten sich auf den munter hüpfenden Wellen.
Bläulich schillerten und schossen durch die Fluth vor dem Schaum
aufwühlenden Steven flinke Bonitos und Delphine und spotteten unserer
Angel. Putzköpfe, jene kleinste Art der Walfische, umspielten zuweilen
das Schiff, bliesen ihren Wasserstaub aus den Nasenlöchern, peitschten
mit ihren mächtigen Schwanzflossen das Meer und schnellten ihre ganzen
ungeschlachten Körper gleichsam jauchzend hoch in die Luft.
Nachts aber glimmte es geheimnissvoll in den dunklen Tiefen der Salzfluth.
Unzählige Funken erhellten den schaumigen Streif des Kielwassers, den wir
zurückliessen, und wie Wetterleuchten fuhr es zuweilen glitzernd über
den ganzen Spiegel der See hin. Ein paar mal fuhren wir Stunden lang durch
Schwärme von Pyrosomen. Sie waren nur bei Nacht als feurige Zylinder zu
sehen, namentlich deutlich und zahlreich im sprudelnden Kielwasser, da
sie, erregt, stärker zu phosphoresziren pflegen. Erst kurz vor Neuseeland
gelang es mir, mehrere zu erbeuten.
Alle waren jetzt guter Laune, bis auch das schöne Passatwetter langweilig
wurde. Selbst der Kapitän thaute auf, aber erst, als wir die Höhe von
Pernambuco hinter uns und wieder freies Wasser vor uns hatten, welches
erlaubte, den Kurs beizubehalten. Er mochte sich wohl Gewissensbisse
darüber machen, dass er soweit nach Westen herüber gegangen war. Es galt
nun mit dem Passat so weit als möglich nach Süden hinab zu gelangen, um
erst im Bereich der aus Westen kommenden Strömungen und Winde gegen Ost
abzuschwenken.
Bis Mitte Januar war unser Gesundheitszustand ein sehr günstiger gewesen,
und ich wiegte mich bereits in der Hoffnung, dass wir ohne Todesfall nach
Neuseeland kommen würden. Meine frohe Zuversicht erlitt plötzlich rasch
nacheinander heftige Stösse.
Die beiden Hospitäler füllten sich in wenigen Tagen mit fiebernden
Kranken, und jeden Tag kamen neue. Die Fieber stiegen stetig höher, und
Erscheinungen gesellten sich hinzu, die mir keine andere Diagnose als
Abdominaltyphus, die gefürchtete Schiffspest, gestatteten. Anfänglich
sträubte ich mich gegen die traurige Wahrheit. Ich suchte mich selbst
zu täuschen und anzunehmen, es sei vielleicht doch nur eines jener
räthselhaften, noch wenig bekannten Tropenfieber, die uns von der
afrikanischen oder brasilianischen Küste zugeweht worden. Die grosse
Unregelmässigkeit der meisten Anfangsstadien unterstützte mich in dieser
Annahme. Aber bald mussten auch die letzten Zweifel schwinden, und als am
1. Februar fast gleichzeitig zwei Todesfälle eintraten, verschafften mir
die Sektionsresultate volle handgreifliche Gewissheit.
Die eigenthümliche Thatsache, dass unsere Epidemie so plötzlich ausbrach,
nachdem wir bereits zwei Monate auf See und ohne Berührung von Land
gewesen, liess sich vielleicht dadurch erklären, dass das Krankheitsgift,
welches zweifellos schon bei der Abreise von Hamburg im Schiff gesteckt
haben musste, anfangs zu schwach war, um deutliche Erscheinungen
hervorzurufen, und erst unter dem Einfluss der langen tropischen
Feuchtigkeit und Hitze zu grösserer Wirksamkeit sich entwickelte.
Es waren zwei junge, kräftige, vor Kurzem noch blühende Weiber, eine
Polin und eine Dänin, die als die ersten der tückischen Seuche zum Opfer
fielen. So hatten wir denn am folgenden Morgen das trübselige Schauspiel
einer doppelten Leichenbestattung. Die Flagge wurde zum Zeichen der Trauer
halbstocks gehisst. Eine fremdartige Stille herrschte auf dem Schiff,
Passagiere und Mannschaft waren erschüttert und in gedrückter Stimmung.
Alles fürchtete sich vor dem unheimlichen Gast, der unsichtbar und
unheilschwanger unter uns hauste. Vier Matrosen trugen die in Segeltuch
eingenähten und mit Flaggen bedeckten Leichen aus dem Hospital um den
Grossmast herum nach Steuerbord, welcher eben Leeseite war, voran die
Missionäre, hinterdrein die Angehörigen, der Kapitän und ich und die
ganze Bevölkerung. Die Missionäre sprachen ein Gebet, dann glitten von
dem Bollwerk unter der Flagge hinweg, an kurzen Tauen gehalten, die Leichen
ins Meer und verschwanden, durch Steinkohlen beschwert, gurgelnd in die
Tiefe. Einige Luftblasen stiegen an die Oberfläche zurück, und von den
theuren Körpern war nichts mehr zu sehen. Zerknirscht stund die Menge
herum, und ausser dem Schluchzen und Weinen und ausser dem Rauschen der
Fahrt regte sich kein Laut.
Nach der Reihenfolge des Sterbens wurde zuerst die Polin, dann die Dänin
zur Ruhe gesenkt. Niemals schnitt eine Melodie mir schriller und schärfer
ins Ohr, als der polnische und dann der dänische Grabgesang, welche die
Feier beschlossen. Ruhte ja doch auf mir die Hauptlast unseres Unglücks,
und wusste doch Niemand an Bord besser als ich, wie unzureichend und
ohnmächtig die ganze Medizin einer solchen Epidemie gegenüber ist. Wir
hatten noch ungefähr die Hälfte der Reise vor uns, und es war mir gewiss,
dass die eben ad Akta gelegten zwei Fälle nur den Anfang einer Reihe
anderer bildeten, wenn ich auch gegen Niemand den Namen Typhus aussprach
und stets die tröstlichste Zuversicht heuchelte, dass die Krankheit in den
nun bevorstehenden kälteren Breiten rasch aufhören würde.
Die Erkrankungen nahmen immer mehr zu. Es wurde unmöglich, sämmtliche
Kranke zu isoliren, blos die schwersten konnten im Hospital Unterkunft
finden. Häufig brachen ganz plötzlich furibunde Delirien aus bei solchen,
die bisher nur leicht ergriffen waren. Heute wurde mir vielleicht ein
Frauenzimmer vorgeführt, das auf einmal im Bette herumzuschlagen begonnen
hatte, morgen vielleicht ein junger Bursche, der den Versuch gemacht, ins
Wasser zu springen. Wenn ich sie mit dem Thermometer mass, hatten sie die
höchsten Temperaturen.
Tag und Nacht in Anspruch genommen, ohne geschulte und gewissenhafte
Wärter, hatte ich fast Alles selbst zu thun. War es mir gelungen, gegen
ansehnliche Geldversprechungen ein wenigstens der Zahl nach genügendes
Personal für die Krankenpflege zu engagiren, so liefen sie nach wenigen
Tagen eigenmächtig wieder hinweg oder holten mich Nachts aus dem Bett, um
mir zu erklären, dass sie sich vor den Delirien fürchteten und es nicht
mehr aushalten könnten.
Unter solchen Umständen wurde die Seereise ungemüthlich. Eine mächtige
Sehnsucht nach Land, namentlich nach Ruhe und Alleinsein, nach
Waldesdunkel und Wiesengrün, ergriff mich. Sie sollte erst in sechs Wochen
einigermassen gestillt werden.