Einschiffung und Abschied. Die Elbe hinab. Zänkereien und trübe
Auspizien. Gefahr einer Kollision. Sturm und Orkan. Todesangst
im Zwischendeck. Alles kaput geschlagen. Hannes, der seekranke
Kajütsjunge. Gefahr zu scheitern. Der Nordsee glücklich entronnen.
Aus Reiselust war ich Schiffsarzt geworden. Der Drang in die Ferne hatte
mich veranlasst, auf Postdampfern siebenmal zwischen Europa und Amerika hin
und her zu fahren. Derselbe Drang hatte mich in die emporkeimende deutsche
Marine getrieben, von dieser jedoch mir nur die ganze Misere eines
anderthalbjährigen Aufenthalts in jenem traurigsten Erdenwinkel, so
Jadegebiet heisst, und die Freuden und Leiden eines dreimonatlichen
Uebungsgeschwaders zu Theil werden lassen.
Ich konnte allerdings gewiss sein, mit meinen Seereisen manchem
Binnenländer, der Zeit seines Lebens von einer Spritztour nach Helgoland
bramarbasirt, imponiren zu können, ich war aber noch nicht befriedigt und
verlangte nach mehr.
Es gereichte mir somit zur grössten Freude, als sich Gelegenheit bot, auf
einem Segelschiff mit Auswanderern nach Neuseeland zu gehen. Viele meiner
Freunde erschraken zwar vor dem Wort Segelschiff, in welchem sich
ihnen nicht ganz unrichtig der Inbegriff von Widerwärtigkeiten und
Lebensgefahren, von Seemannsrohheit und Passagiergesindel, von Zwieback und
Salzfleisch konzentrirte. Mir war es jedoch gerade darum zu thun, einmal
eine richtige Reise übers Meer zu unternehmen, nur den Winden als
fortbewegenden Kräften mich anvertrauend, und ohne das lästige Gepolter
der Dampfmaschinen von schwellenden Segeln gezogen dahin zu schweben.
Am Morgen eines 15. Novembers bestieg ich zu Hamburg die Euphrosyne, ein
grosses und schweres Vollschiff von über 1000 Registertonnen. Nachmittags
kamen die 397 Passagiere an Bord, und in der Nacht sollten wir mit Eintritt
des Hochwassers die Elbe hinabgehen.
Das ganze bunte Tohuwabohu des Einschiffungsprozesses von Auswanderern
zog wieder an mir vorüber. Mächtige Kisten und Bündel von Bettzeug,
Proviantmassen und klapperndes Blechgeschirr, schreiende Männer und
kreischende Weiber, ungezogene Jungen und winselnde Säuglinge füllten
das mit herbstlichem Strassenschmutz überzogene Deck. Unter dem
unerlässlichen heulenden Gesang der Matrosen, auf den diese ungraziöse
Menschensorte um so stolzer ist, je abscheulicher er klingt, flog das
Gepäck hinab in den Lastraum, Befehle brüllende Offiziere und die Plätze
vertheilende Agenten rannten hin und her. Takler arbeiteten noch eifrig in
den Wanten und auf den Raaen an der Vollendung des Tauwerks, ein Brahm
lag längsseits und pumpte geschäftig Wasser in die im Bauch des Schiffes
ruhenden Wasserfässer.
Nachdem ich mich vorschriftsmässig überzeugt, dass keine Krankheiten
eingeschmuggelt worden waren, eilte ich, diesem unerquicklichen
Durcheinander zu entrinnen und flüchtete an Land, zum letzten mal für
lange Zeit feste Erde zu treten, meine Freunde nochmal zu sehen und
von ihnen Abschied zu nehmen. Erst spät kehrte ich an Bord zurück,
wo mittlerweile eine wohlthätige Stille eingetreten war. Friedliche
Schnarchtöne drangen durch die offenen Lucken des Zwischendecks herauf,
und nur der schwere Tritt des wachehabenden Matrosen unterbrach störend
die nächtliche Ruhe. Gott Morpheus umfing mich, und als ich erwachte,
glitten wir, von einem kleinen vorgespannten Dampfer gezogen, die Elbe
hinab.
Düstere graue Nebelmassen verhüllten die alte Hansestadt hinter uns und
liessen kaum die Umrisse der Thürme erkennen, ein feiner Regen bedeckte
die Landschaft und erleichterte nicht unwesentlich die Trennung von den
auch bei schönerem Wetter nur bescheidenen Ansprüchen genügenden Ufern
des Vaterlandes. Uebernächtige Gestalten trieben sich missmuthig und
sehnsüchtig den Morgenkaffe erwartend auf dem nassen und schmutzigen Deck
umher. Hinten auf der Kajüte stand der Lootse, griesgrämig den steuernden
Matrosen scheltend, vorne spie der kleine Dampfer übellaunig schwarzen
Kohlenqualm aus dem Schornstein und über das Schiff, welches er schleppen
musste. So gings langsam dahin an ankernden Schiffen und Fischerkähnen
vorbei. Möven zankten sich auf dem Wasser um den von der Ebbe
weggeführten Schmutz des Hamburger Hafens, und vom flachen Gestade her
blökte ärgerlich hie und da ein gelangweiltes Schaf.
Wir hatten, wie schon erwähnt, 397 Passagiere an Bord, welche in drei
gesonderten Abtheilungen, nämlich die der einzelnen Männer, die der
Familien und die der einzelnen Mädchen untergebracht waren. Unsere ganze
Expedition ging auf Kosten des jungen Kolonialstaates Neuseeland, der
seinen Einwanderern freie Ueberfahrt gewährt, wenn sie ausser Leumunds-
und Gesundheitsattesten den Nachweis zu führen im Stande sind, dass sie
Acker- oder Bergbau getrieben haben. Deutsche und Polen, Dänen, Norweger
und Schweden bildeten die Mehrzahl. Die Mannigfaltigkeit der Idiome zu
erhöhen, waren auch einige Böhmen und Italiener vorhanden. Ich war nicht
nur Arzt -- »Surgeon« dieser anmuthigen europamüden Schaar, sondern noch
viel mehr -- »Surgeon Superintendent.« Nicht nur die Krankenpflege war
meine Aufgabe, sondern auch die Last der Regierung unserer Miniaturrepublik
ruhte zum grössten Theil auf meinen verantwortlichen Schultern. Die
Rechtspflege theilte ich mit dem Kapitän, die Sanitätspolizei, die
Ueberwachung der Proviantvertheilung und die Ernennung von Subalternorganen
gehörten zu meinen Obliegenheiten. Ein Schulmeister für die
schulpflichtige Jugend, eine Matrone zur Beaufsichtigung der einzelnen
Mädchen, vier Konstabler, welche bei den einzelnen Männern und bei den
Familien für Ordnung und Reinlichkeit zu sorgen hatten, sämmtlich aus
den Reihen der Passagiere gewählt und mit Bezahlung angestellt, waren die
Werkzeuge meines Amtes. Die Passagiere auf den Auswandererschiffen nicht
nur Neuseelands, sondern sämmtlicher sieben australischen Kolonien stehen
hauptsächlich unter der Aufsicht der Aerzte, welche, von den Regierungen
angestellt, die Interessen dieser und ihrer neuen Bürger gegen jene der
Rheder und der Kapitäne, die manchmal nicht übereinstimmen, zu vertreten
haben.
Das erste Ereigniss, welches mich in Anspruch nahm, war, dass die
unverheiratheten Frauenzimmer sich in die Haare geriethen. Nationale
Gegensätze, hie Dänemark, hie Deutschland nebst Annexen, bildeten die
prädisponirenden Ursachen und die Vertheilung, respektive Aneignung der
Lebensmittel das auslösende Moment des Kampfes. Dänemark, zwar in
der Minderzahl aber desto resoluter vertreten, glaubte das empfangene
Mittagsmahl, welches für alle zwanzig jungen Damen berechnet war, für
sich allein behaupten zu dürfen, Deutschland, Böhmen und die Polakei
remonstrirten dagegen, das kleine starrköpfige Dänemark blieb Sieger,
Deutschland weinte, Böhmen und die Polakei kreischten.
So standen die Dinge, als ich um Intervention angegangen wurde. Mein
Vermittlungsversuch hatte keinen Erfolg und fand nirgends Anklang. Die
Däninnen verstanden mich nicht, und ich verstand jene nicht, die Deutschen
aber ärgerten sich, dass ich nur mit Worten und nicht mit der Peitsche
einschreiten wollte. Ich musste den Proviantmeister requiriren, welcher ein
kurzes Ende machte, indem er Fleisch und Brot wegnahm, auseinander schnitt
und beiden Parteien einzeln verabreichte. Dieser Modus blieb für die
Folge beibehalten, und es kam im Jungfernzwinger -- so heisst in der rauhen
Seemannssprache für gewöhnlich das betreffende Kompartment -- selten
mehr zu ernsteren Konflikten wegen des Essens, wenn auch die Däninnen
fortfuhren, über die anderen Völkerschaften die Nase zu rümpfen, die
Deutschen noch oft weinten und die Polakinnen noch öfter kreischten.
Von allen Seiten kamen unaufhörlich Klagen an jenem ersten Tage der Reise.
Es herrschte noch lange nicht die wünschenswerthe Ordnung, überall
fehlte noch etwas, und Missverständnisse in Folge des Sprachen- und
Dialektgewirres führten zu endlosen Streitigkeiten.
Ich konnte es dem Kapitän wahrlich nicht verdenken, dass er sehr schlecht
aufgelegt war und schliesslich die Geduld verlierend jeden Passagier, der
sich an ihn wandte, im Besonderen und die ganze Gesellschaft im Allgemeinen
zu tausend Teufeln fluchte. Er hatte wichtigere Dinge im Kopf als
die Unzufriedenheit des Familienvaters Krapülinski, welcher zu wenig
Sauerkraut erhalten zu haben glaubte, oder die Wuth der schönen Amanda
Christensen, die in Kopenhagen Modistin und eine sehr feine Dame gewesen
war und jetzt mit einer ehemaligen Tändstickorfabrikarbeiterin in
derselben Koje zusammenschlafen sollte. Er wusste nur zu gut, in welch
unfertigem Zustand das Schiff in See ging. Man hatte zu spät mit der
Ausrüstung desselben begonnen, und die Arbeiten waren in Folge dessen
übereilt worden und unsolide ausgefallen.
Das Chronometer war zwar zur richtigen Zeit an Bord gekommen, aber der
Uhrmacher hatte vergessen, die Gangkorrektion desselben mitzuschicken, eine
Nachlässigkeit, die erst in Kuxhaven durch Telegramme gutgemacht werden
konnte. Das Schiff musste zur bestimmten Zeit Hamburg verlassen. Denn jeder
Tag des Aufschubs kostete dem Expedienten den Unterhalt der Passagiere. Die
durch die Sparsamkeit des Rheders äusserst knapp bemessene, nur zwanzig
Köpfe zählende Mannschaft war erst seit wenigen Tagen angemustert, aber
schon jetzt zeigte sich, dass genug faule Subjekte sich in ihr befanden.
Der Steuermann debutirte mit einem kolossalen Rausch, unter dessen Einfluss
er so viel dummes Zeug beging, dass der Kapitän genöthigt war, ihn bis
zur Wiederkehr der Nüchternheit einzusperren. Zwei Matrosen versuchten
Krankheit zu schwindeln, einer war in Folge von Verletzung beim Ankerhieven
wirklich arbeitsunfähig, und die meisten anderen arbeiteten so träge,
dass man sich ärgern musste, wenn man ihnen zusah.
Solcher Art waren die Auspizien, welche den Beginn einer langen,
gefährlichen und verantwortungsschweren Reise bezeichneten, der ersten,
die der Kapitän selbständig unternahm, nachdem er bis vor Kurzem
Steuermann der Euphrosyne gewesen war. Alles hing für ihn von einer
glücklichen und schnellen Fahrt ab. Passirte ein Unglück, dauerte
die Reise zu lang, oder kostete er seinem Rheder mehr Geld, als dieser
wünschte, so war ihm nach der Rückkunft in Hamburg die Entlassung gewiss,
und er selbst mit Weib und Kindern dem Elend preisgegeben, ein Schicksal,
dem in der gegenwärtigen traurigen Zeit des Stillstandes von Handel und
Verkehr und bei dem herrschenden grossen Missverhältniss zwischen Angebot
und Nachfrage so viele unserer tüchtigsten Seeleute anheimgefallen sind.
Als wir die Nacht über bei Kuxhaven vor Anker gelegen und die
telegraphisch requirirte Chronometerkorrektion erhalten hatten, gingen wir
am Morgen des 17. Novembers endlich in See. Der kleine Dampfer schleppte
uns noch bis zum inneren Feuerschiff. Dann aber riss er sich los, um nach
Hamburg zurückzukehren. Die Segel wurden entfaltet, und von einem sanften
Südwind leicht gebläht, begannen sie, uns leise nordwestwärts zu
führen. Bald erschien das äussere Feuerschiff, und hier verliess, mit den
letzten Abschiedsgrüssen an die Zuhausegebliebenen reichlich beladen, der
Lootse die Euphrosyne, die nun gänzlich auf sich selbst angewiesen war.
Nordsee -- Mordsee, unwirsches, tückisches Gewässer, von dessen Launen
ich schon gar manche Probe erfahren, wieder lag sie vor mir und that so
sanft und unschuldig, als ob sie keinem Menschen böse sein könnte.
Kaum dass sich die grüne Fläche des Wassers kräuselte und mit kleinen
plätschernden Wellen den Bug des Schiffes umspielte. Die Luft des
Horizonts war trübe, aber nur dünnes Gewölk verschleierte die Sonne
und gestattete ihr, mit einem hellen, kalten, unheimlichen Schimmer den
weitgedehnten Rücken der Salzfluth zu übergiessen. Die Jahreszeit war
ungünstig, und das Barometer fiel langsam und stetig. Man musste sich
auf einen Sturm gefasst machen. Es galt jetzt, so viel als möglich See zu
gewinnen und so weit als möglich vom Lande sich fern zu halten.
Die grauen Umrisse der beiden Thürme auf Neuwerk, das letzte Stückchen
Deutschland, verschwanden hinter uns unter den Horizont, und vor uns
tauchte der einsame Thonfelsen von Helgoland empor. Als es Abend wurde,
blinkte sein Feuer zu unserer Rechten, wich zurück und war nach einigen
Stunden ausser Sicht. Die See begann höher zu gehen, dünende Wogen hoben
und senkten das Schiff. Die Jammertöne der Seekrankheit regten sich
im Zwischendeck, das Volk der Passagiere, bisher ausgelassen lustig und
lärmend, wurde still und in sich gekehrt.
Der folgende Tag brachte uns flauen Wind und die Gefahr einer Kollision.
Eine Bark, welche kurz vor uns von Kuxhaven abgegangen war, lag in
Lee unfern auf dem Wasser, ebenso wie wir mit schlaff an den Raaen
herabhängenden, klappernden Segeln. Nur hie und da versuchte ein sanfter
Zephyr die Leinwand zu blähen, jedesmal frohe Hoffnung erweckend, aber nur
um nach einigen Minuten höhnisch wieder abzulassen und sich schadenfroh an
unserer Hilflosigkeit zu weiden.
So lange wir guten Wind von hinten hatten, waren wir mit jener Bark um die
Wette gesegelt. Sie war tief geladen, die Euphrosyne jedoch, nur Ballast
und wenig Ladung sowie Passagiere, die leichteste Waare, tragend, ragte mit
ihrem Körper weit aus dem Wasser und segelte deshalb vor dem Winde um so
besser und um so schlechter beim Winde. Gerade als unser Gegner eingeholt
und wir in gleicher Höhe mit ihm waren, sprang der Wind nach der Seite um,
wurde flauer und hörte endlich ganz auf. Immer näher rückten einander
die beiden Schiffe. Wir konnten bereits deutlich mit blossem Auge den Namen
und Heimathshafen der Bark »Alartus Hamburg« an ihrem Heck lesen, und
noch immer kein Wind, der uns aus der drohenden Lage befreite. Die kleinen
Lüftchen, die sich zuweilen regten, genügten vielleicht, den Alartus,
wenn er von seinem Kurse abfiel, wegzutreiben, während wir keinen Raum
zu vergeben hatten. Auf dem Alartus aber schien man sich wenig um unsere
Nachbarschaft zu kümmern. Umsonst flehte unser Kapitän wiederholt durch
das Sprachrohr hinüber, auf die Gefahr zu achten, es erfolgte keine
Antwort.
Dieser Zustand währte den ganzen Nachmittag und bis in die Nacht hinein.
Ich war vollauf beschäftigt, in meiner Kammer und in den Hospitälern
Alles seeklar zu richten, zu ordnen und für den erwarteten Sturm
festzustauen. Die schwebende Angelegenheit draussen machte mir nicht
den Eindruck der grossen Wichtigkeit, die sie in der That hatte, und das
beständige Hin- und Herrennen und Schreien der Offiziere beunruhigte
mich nicht mehr, nachdem es bereits mehrere Stunden ohne greifbaren Grund
gedauert.
Plötzlich jedoch stieg der Lärm auf eine ängstigende Höhe, und ich
eilte nach dem Achterdeck. Die Nacht war so dunkel, dass ich nichts
sogleich unterscheiden konnte. Die Matrosen heulten mit doppelter Kraft,
indem sie an den ächzenden Tauen rissen. Ich bemerkte allmälig, dass
die Raaen back gebrasst wurden, und dass leichte Windstösse in die
Vorderflächen der Segel fielen, die Euphrosyne rückwärts treibend, und
endlich draussen auf dem Wasser dicht zu unserer Rechten ein schwarzes
Ungeheuer, der Alartus. Wir hatten jetzt raumen Wind, die Gefahr war
vorüber.
Nur mühsam brachte ich aus dem wuthschnaubenden Kapitän heraus, was
eigentlich vorgefallen. Erst musste der Alartus mit allem was darauf war
nach allen Dimensionen verflucht werden, und ich bin fest überzeugt, dass
in jenem kritischen Augenblick der Führer desselben sofort erwürgt worden
wäre, falls er die Unvorsichtigkeit begangen hätte, in unserer Kajüte zu
erscheinen. Die beiden Schiffe waren so nahe an einander vorbeigeglitten,
dass man von unserem Klüverbaum auf des anderen Achterdeck hätte
hinabklettern können, und nur durch den glücklichen Zufall einer
aufspringenden Brise und das geschickte Manöver, schnell rückwärts zu
gehen, war der Zusammenstoss vermieden worden, welcher beiden Schiffen wenn
nicht den Untergang so doch sicher schwere Beschädigung gebracht haben
würde. Abermals mein kostbares Leben gerettet, dachte ich, und ging
befriedigt zu Bett.
Das Toben des Sturmes weckte mich, als der Morgen eben trübe
heraufdämmerte. Es war mir keine angenehme Erfahrung, die ich bei dieser
Gelegenheit zum ersten mal machte, dass die Euphrosyne, durchaus abweichend
von der Ruhe und Gelassenheit, die sich für ein so starkes und breites
Vollschiff eigentlich geziemte, die Neigung besass, sich von jeder Welle
hoch emporwerfen zu lassen und in jedes Wellenthal ebenso tief ihre Nase
hineinzustecken, und dass sie fast schlimmer rollte, als ein scharfgebauter
Postdampfer. »Arbeiten« nennt der Seemann euphemistisch dieses Hin-
und Herfackeln, welches bei der Euphrosyne noch mit einem so widerlichen
Stöhnen und Aechzen, Knarren und Winseln sämmtlicher Balken und
Bälkchen, Bretter und Brettchen komplizirt war, wie ich es nie zuvor auf
einem Fahrzeuge weder Seiner Majestät noch zivilen Besitzthums kennen
gelernt hatte. In dieses haarsträubende Konzert mischte sich noch zu allem
Ueberfluss das beständige Auf- und Zuschlagen von mehr als einem Dutzend
Thüren im Bereich meiner Ohren, welche entweder kein Schloss oder ein
unbrauchbares besassen und bei welchen man in der Eile der Ausrüstung
vergessen hatte, Haken zum Befestigen im geöffneten Zustande anzubringen.
Solchem Unfug ein Ende zu machen war meine erste Thätigkeit, und ich
schickte mich an, einen dieser rebellischen Gegenstände nach dem anderen
festzunageln oder festzubinden oder auszuhängen. Nur Derjenige, der
selbst erfahren hat, welche Schwierigkeiten das beständige Hin- und
Hergeworfenwerden, das ewige Auf- und Niederklettern im Innern eines
heftig arbeitenden Schiffes bereitet, und das Gefühl der Betäubung kennt,
welches das Tosen der Winde und der Wogen und der unaufhörliche Lärm
der sich aneinander reibenden Holztheile hervorbringt, und in welchem man
schliesslich nicht mehr weiss, was oben und unten, was horizontal und
was vertikal ist, nur Derjenige wird die Grösse meines Unternehmens zu
würdigen verstehen. Ich war allein und ohne Beihilfe. Denn Jan Maat,
dessen Gehörorgane übrigens auch hocherhaben sind über Kleinigkeiten wie
Lärm auf- und zuschlagender Thüren, hatte draussen zu thun, und fast
alle Anderen waren seekrank oder mit seekranken Weibern und Kindern
beschäftigt.
Der Tag ging langsam vorüber wie alle Sturmtage. Man versucht sich zu
beschäftigen, steht aber bald wieder davon ab, man nimmt etwas Nahrung
zu sich und ist froh, wenn dies ohne sonderlichen Unfall gelungen.
Man klettert auf Deck und klettert nach wenigen Minuten, von See- und
Regenwasser durchnässt, wieder in die Kajüte hinab, man sieht sehr oft
nach dem Barometer und sehnt sich nach besserem Wetter. Die Passagiere
waren heute äusserst artig. Keine Klagen über das Essen kamen, keiner
hatte Appetit. Friedlich und einträchtig lagen sie neben einander in ihren
Kojen und leisteten Neptun wetteifernd die üblichen Opfer.
Wind und See kamen von Norden, wir lagen mit kleinen Segeln bei und
steuerten Westnordwest, so dass wir rechnen konnten, nach West oder
Südwest in der Richtung von Dover abzutreiben und somit nichts zu
verlieren. Gegen Abend klarte der Himmel auf, und der Sturm legte sich
etwas, es wurden mehr Segel gesetzt und Kurs gesteuert.
Eben hatte uns der seekranke, bleiche und knieschlotternde Kajütsjunge,
den der Proviantmeister durch die bei Seeleuten so beliebte Prügelkur zu
heilen beflissen war, den Thee kredenzt, als der wachehabende Bootsmann
eintrat und den Kapitän frug, ob er nicht die Untersegel festmachen
dürfe, da der Wind wieder stärker zu blasen anfing, und noch war der
Bescheid darauf nicht gegeben, als ein Pfeifen und Heulen, ein Brüllen und
Tosen durch das Takelwerk schwirrte, wie wenn ein Heer Dämonen plötzlich
losgelassen wäre auf unser armes Schiff, welches in seinen Grundfesten
erbebte und sich jäh auf die Seite legte. Bootsmann und Kapitän eilten
zur Thüre hinaus, und ich folgte ihnen.
Der Athem versagte mir, als ich, mich anklammernd, draussen stand. Noch
nie hatte ich die Gewalt eines ähnlichen Orkanes empfunden. Es war, als ob
Haare, Nase und Ohren weggeweht werden sollten. Gegen die Windrichtung zu
blicken war unmöglich, fliegender Wasserstaub verletzte stechend
Gesicht und Augen. Nur mit Hilfe der Hände konnte man sich gegen die
heranstürzenden Luftmassen vorwärtsziehen.
Vergebens schrie der Kapitän mit der vollen Kraft seiner höchst
respektablen Lungen, dass alle Segel festgemacht werden sollten. Fünf
Schritte von ihm entfernt war seine Stimme nicht mehr zu hören, und die
Segel zerrissen in Fetzen, donnernd gegen die Masten und Riggen schlagend,
oder flogen mit einem Krach hinaus in die See, platt wie eine Wand, ohne im
Flug ihre gespannte Form zu verlieren. Alle Matrosen, der Steuermann, der
Bootsmann, der Proviantmeister und der Koch gingen nach oben, aber jeder
hatte genug zu thun, sich zu halten und nicht wegschleudern zu lassen.
Ich selbst stellte mich unter das Kommando eines Passagiers, der früher
Seemann gewesen, und zog mit ihm und einigen anderen jungen Männern,
welche die Angst zur Arbeit antrieb, an den Brassen, um die Raaen der
Richtung des Windes parallel zu drehen. Trotz aller Anstrengungen blieben
die Fetzen der Segel lose und peitschten donnernd weiter.
Erschüttert stand ich hinten, betrachtete schaudernd den wüthenden Kampf
der Elemente und überlegte die Möglichkeit des Ertrinkens. Ich hatte
schon oft versucht, meine Phantasie mit diesem Gedanken zu üben. Bei
schönem Wetter und während des Tages war es mir nie gelungen, ihn
schreckhaft zu finden. Jetzt aber, im Geheule des nächtlichen Sturmes,
bei dem ringsum herrschenden Dunkel, in welchem die hoch sich thürmenden
schäumenden Wogen gespenstig leuchtend auf und nieder gaukelten, erfüllte
mich die Vorstellung, über Bord zu fallen und von dem kochenden Gischt
verschlungen zu werden, mit Entsetzen. Wenn jetzt ein anderes Schiff uns
entgegenkam, unter der Gewalt des Orkanes ebenso wenig freier Herr seiner
Bewegungen wie wir, keine Möglichkeit auszuweichen, es wäre unser Aller
Ende gewesen. Ein dröhnender Krach, ein vielhundertstimmiger Todesschrei,
und die tosenden Wogen schlugen über uns zusammen, wie über so viele
andere vor uns.
Der so plötzlich und unvorhergesehen hereingebrochene Orkan schien
womöglich noch heftiger werden zu wollen und nicht eben so rasch wie er
gekommen vorüberzugehen. Die See stieg immer höher, und die Euphrosyne
bäumte sich in einer Besorgniss erregenden Weise. Die neu eingesetzten
Masten fielen, durch die schlechtgespannten Wanten und Pardunen nur locker
gehalten, von einer Seite zur anderen, und man konnte deutlich sehen, wie
jene Riggen abwechselnd rechts und links sich strammten und erschlafften.
Dass wir die Masten behielten, dass sie nicht brachen, war nicht das
Verdienst der liederlichen Arbeit der Takler, sondern ein reines Glück.
Zwei Mann standen am Steuerrad und konnten es kaum bändigen. Mehr als
einmal wurde der eine von ihnen in die Höhe gehoben und war in Gefahr
kopfüber wegzufliegen, vielleicht über das niedrige Geländer in die See
hinab, was schon oft genug geschehen ist.
Sowohl Neugierde als auch die Absicht Trost zu spenden führten mich
ins Familienkompartment des Zwischendecks hinab. Vorsichtig durch die
Finsterniss den heftigen Bewegungen des nassen, schlüpfrigen Bodens
entgegen von einem Stützpunkt zum anderen springend gewann ich die
nächste Lücke, um hinabzusteigen. Aber die Treppe fehlte, sie lag in
Trümmern unten und kollerte im Verein mit sämmtlichen theils noch
ganzen theils zerschlagenen Koffern und Kisten dem Rollen des Schiffes
entsprechend hin und her. Mit Hilfe eines Taues, welches mich pendelförmig
von einer Seite zur anderen schleuderte, gelang es mir, mein Ziel zu
erreichen.
Was ich hier unten sah und hörte, liess Alles hinter sich, was ich bisher
in zahlreichen Sturmnächten auf Postdampfern gesehen und gehört. Nur
wenige Laternen brannten noch, weil die meisten zerschellt waren. Das
Knarren der Balken und der Lärm der hin- und hergeworfenen Gepäckstücke,
das Rauschen der hin- und herfliessenden und zerspritzenden Wasserbäche,
die durch die Lucken heruntergossen, die Gebete und Flüche, das Gejammer
und Gewimmer der Menschen, jedesmal so oft eine grössere Sturzsee
brüllend gegen das Schiff anprallte und auf das Deck schlug, zu einem
grässlichen gemeinsamen Aufschrei sich steigernd, übertäubten den
draussen wüthenden Kampf der Elemente. Sie glaubten hier alle, dass die
Euphrosyne untergehen müsse, und dass das letzte Stündlein geschlagen
habe. Die Schrecken des Todes hatten den Stumpfsinn der Seekrankheit
durchbrochen, und statt der allgemeinen Gedrücktheit des vorhergegangenen
Nachmittags herrschte wahnsinnige Aufregung. »Vater unser, der du bist«
-- »Oschdschje nasch ktury jeschtem w Niebie« -- »Heilige Maria, bitt
für uns« -- »Fader vor, du, som er i Himmelen« -- »denn Dein ist das
Reich und die Herrlichkeit« tönte es in sinnverrückendem Chaos aus
den höhlenartigen Familienkojen, in welchen Männer, Weiber und Kinder
jeglichen Alters kreuz und quer durcheinander lagen und sich krampfhaft
an einander festkrallten, ohne ein beständiges Auf- und Niederrutschen
vermeiden zu können. Einige waren herausgepurzelt, krümmten sich weinend
auf dem Boden, mit Beinen und Armen die sie attakirenden Kisten abwehrend,
und wagten nicht, wieder aufzustehen.
Da verfluchte laut ein Vater sich und die Auswanderungsagenten, das Schiff
und Neuseeland, und was sonst noch mit der Seereise zusammenhing und
betheuerte wiederholt, dass er gerne sterben würde, weil er es verdient,
wenn nur seine Frau und seine drei Mädchen nicht wären, und sicher würde
er auch die Haare sich ausgerauft haben, wenn er die Hände freigehabt
hätte, mit denen er die Hüften der Gattin umklammert hielt. Dort
schalt und schlug ein Anderer seinen zitternden Jungen, weil er die
unaufhörlichen Vaterunser nicht schnell genug losliess und voller
Verwirrung in das weniger wirksame »Ich glaube an Gott den Vater«
gerieth. Erdfahl und entstellt tauchte ein langes Gesicht aus seiner
Höhle bei meiner Annäherung und schien mich fragen zu wollen. Die Lippen
bewegten sich, aber ich vernahm keine Stimme. Ein krampfhaftes Würgen und
Schluchzen, ein Brecherguss, und die nächste anprallende Woge schleuderte
das Gespenst in die Dunkelheit zurück.
Eines der Familienhäupter machte mir den Eindruck, ganz besonders
tröstenden Zuspruchs zu bedürfen, aber meine theilnehmenden Worte wurden
keiner Antwort gewürdigt. Er hatte nicht Zeit, sich mit irdischen Reden zu
befassen und unterbrach nicht eine Sekunde den Fluss der Thränen und der
Ave Marias, welche er rastlos immer wieder von vorne begann und mit
einer Zungenfertigkeit von sich stiess, dass seine sechs Kinder ihm nur
nothdürftig folgen konnten und über ein Wort nach dem anderen stolperten.
Die Anzahl der ruhigen und besonnenen Passagiere war eine sehr geringe. Am
ernstesten und vernünftigsten betrugen sich die Dänen, am wahnsinnigsten
und verzweifeltsten geberdeten sich die Polen. Erst nach längerem Suchen
fand ich einige Männer, welche mir zu helfen fähig waren, die aus den
Kojen Gefallenen aufzurichten und in Sicherheit zu bringen. Die Kisten
festzumachen war unmöglich und musste bis zum Tageslicht verschoben
werden.
Bei den unverheiratheten Frauenzimmern sah es etwas besser aus als im
Familienkompartment. Die Treppe nach dieser Abtheilung war noch erhalten,
das nicht so zahlreiche Gepäck an seiner Stelle geblieben. Nur die Lampen
waren in Stücke gegangen, und bis auf die trübe schimmernden Spalten der
Bretterwand, jenseits welcher die Familien hausten, herrschte Dunkelheit
in dem Raum. Gleich beim ersten Schritt vorwärts stiess mein Fuss auf ein
weiches Hinderniss. Die Blendlaterne zeigte mir ein weibliches Gewand, dann
ein Paar Beine und in entgegengesetzter Richtung ein bleiches Antlitz, und
zwar das der schönen Amanda aus Kopenhagen. Der ganzen Länge nach lag
sie hingestreckt auf dem Boden und umklammerte einen Stützbalken. Ich
versuchte sie aufzuheben, aber eine schwere Last an ihren Füssen zog sie
immer wieder zurück. Ich beleuchtete nun auch diese Gegend und fand die
verhasste Bettgenossin der eleganten Modistin, welche sich beharrlich
weigerte, die jener gehörenden Knöchel loszulassen. Auch einige andere
Mädchen waren aus ihren Doppelbetten gefallen und schrieen laut als ich
sie beleuchtete, vielleicht aus wahnsinniger Angst, vielleicht um mein
Mitleid zu erregen.
Die aufsichtführende Matrone streikte, sie lag seekrank in ihrer Koje
und stöhnte. Ich konnte deshalb trotz der sittenstrengen englischen
Bestimmungen, die keinem Mann der Besatzung den Zutritt in den
Jungfernzwinger gestatten, nicht anders als einen gerade disponiblen
Matrosen zum Aufräumen hier unten zu requiriren.
Ich kletterte wieder nach der Kajüte zurück, in welcher mittlerweile
unter dem Einfluss des immer fürchterlicher werdenden Stampfens und
Rollens fast alle Gegenstände sich losgerissen hatten. Tische, Stühle und
Ofenschirm, Gläser, Teller und Seekarten, sowie die grosse Medizinkiste
flogen von einer Wand zur anderen. Der kleine Köter des Kapitäns kroch
mir ängstlich winselnd zwischen die Beine und machte mich straucheln. Ich
trat ihm so unglücklich auf eine Pfote, dass er heulend nach der anderen
Ecke entfloh, wo ihm sofort der Ofenschirm auf den Rücken purzelte,
während mir meine Thür auf- und zuschlagend den Finger zerquetschte.
Nirgends war Ruhe zu finden, und ermüdet und schläfrig wanderte ich
beständig hin und her. Zuweilen dachte ich wohl selbst in jener Nacht,
dass wir den Morgen nicht mehr erleben würden.
Kapitän und Mannschaft blieben auf Deck. Es war jetzt nichts zu thun. Wir
trieben ohne Steuerung auf den Wogen, einem gnädigen Schicksal vertrauend.
Von den Segeln peitschten nur mehr etliche kleinere Lappen an den Raaen.
Der Orkan hatte das Uebrige weggeweht und dadurch viel Mühe und Arbeit
erspart.
Doch verging auch diese schreckliche Nacht, zwar langsam und qualvoll, aber
sie verging doch. Endlich, endlich dämmerte der Himmel, und der Morgen
stieg herauf. Je heller es wurde, um so deutlicher zeigten sich die
angerichteten Verwüstungen. Das Deck des Schiffes bot einen tragikomischen
Anblick. Es sah aus wie ein Krautacker, in dem eine Heerde Wildschweine
und ein unwirscher Herbstwind gehaust haben. Der ganze Vorrath an frischen
Kohlköpfen war aus seinem Behälter unter den umgestürzt auf der Kajüte
festgezurrten Rettungsböten entwichen und kollerte oder klebte, von dem
heftigen Rollen und Stampfen hin- und hergeschleudert und an allen Ecken
und Kanten zersplitternd, in kaum mehr verwendbaren Fetzen herum. Die
beiden grossen Wasserfässer auf Deck waren zertrümmert. Sie hatten sich
losgerissen und waren erst, als sie bereits genug Zerstörung angerichtet,
selber in Stücke gegangen. Die Kappen der Zwischendeckslucken, ein
Stützpfosten der Böte, die Thür zum Hospital, das Salzfleischfass, ein
paar Bänke und ein Häuschen zu unaussprechlichen Zwecken waren ihnen zum
Opfer geworden.
Es war kein Raum im ganzen Schiff, in dem sich nicht Gegenstände
losgerissen und im Hin- und Herfallen Unfug verübt hätten. In der Kajüte
purzelten noch immer ohne Unterlass der grosse und der kleine Tisch,
einige Klappstühle, der eiserne Ofenschirm und der Ofen, die zerschellte
Medizinkiste, Salben und Mixturen, überall Theilchen klebrigen Stoffes
zurücklassend, zerbrochene Weinflaschen, einige Löffel und Gabeln sowie
das Thermometer klappernd und klirrend hin und her, und kläglich winselnd
suchte der kleine Ami vergeblich nach einem Winkel, in welchen er sich vor
der Verfolgung durch jene oft sehr unsanften Gegenstände flüchten konnte.
Ganz besonders der Ofenschirm schien es auf ihn abgesehen zu haben, und Ami
zuckt seit jener Schreckensnacht jedesmal nervös zusammen, so oft man
mit dem Fuss an Eisenblech stösst. Auch in der Küche war Alles kaput
geschlagen. Der aus Backsteinen gebaute Heerd für die Passagiere hatte
einige Löcher bekommen und wackelte morsch hin und her. Nur für die
Kinder und Kranken konnte heute gekocht werden. Die Uebrigen mussten kalt
essen, sofern sie überhaupt Appetit hatten.
Es gab jetzt vollauf zu thun, aufzuräumen und zusammenzunageln. Eine
Menge Wunden und Quetschungen kamen, geflickt und verbunden zu werden.
Wunderbarer Weise war keine schwere Verletzung darunter. Einer der
Polen hatte sich den Arm luxirt, und ein kleiner dänischer Junge einen
Schädelbruch erlitten, an dem man das Gehirn deutlich pulsiren sah, der
aber ganz überraschend günstig verlief und heilte. Ich musste allein und
ohne Assistenz arbeiten. Besass ich auch einen förmlichen Stab dienstbarer
Geister, die ich im Namen der Neuseeländischen Regierung aus den Reihen
der Emigranten ernannt hatte, sie waren alle seekrank und unbrauchbar.
Nicht um Millionen wären sie zu bewegen gewesen, mir beizustehen.
Anders war es mit den Neulingen unter der Mannschaft. Für diese gab
es weder Rast noch Ruhe, ob sie gleich zu sterben vermeinten. Unser
Kajütsjunge Hannes zum Beispiel war das reinste Bild des Jammers. Er
machte seine erste Reise. Bis vor wenigen Tagen noch bei der Mutter zu
Hause, hatte er keine Ahnung gehabt, wie es zuginge auf dem Salzwasser.
Und jetzt, kaum dass wir draussen waren, gleich dieser scheussliche Sturm
voller Schrecken und Todesangst, das ganze Weh der Seekrankheit im Inneren
wühlend, und trotzdem keine Schonung, die rohe Faust eines Seemanns
beständig auf dem Nacken, jeden Augenblick Püffe, Fusstritte und
Ohrenkniffe. Der arme Junge dauerte mich. Bleich, verstört und ungekämmt,
die Augen stier geöffnet, mit bebenden Lippen, wankte er halbtodt, hin-
und hergestossen von den Bewegungen des Schiffes, zwischen Kajüte und
Pantry und zwischen Pantry und Kajüte auf und ab, ohne zu wissen, was er
that, und häufig rann ihm eine Thräne über die fahlen Wangen.
Hinter der Thür der Pantry stand der Proviantmeister, ein griesgrämiger
Tyrann, wie die meisten alten Seeleute, die es zu nichts gebracht haben,
und zählte die zerbrochenen Teller, Gläser und Schüsseln, und für jeden
Scherben, den er fand, gab er dem Jungen einen neuen Fusstritt. Was
nützte es, wenn ich intervenirte und um Mässigung bat. Solches war alte
angestammte rechtmässige Seemannsart. Auch der Proviantmeister hatte
einst seine Fusstritte und Püffe erhalten. Jetzt war für ihn die Zeit
der Vergeltung gekommen, er rächte sich an der jüngeren Generation. Und
konnte ich den Jungen immer beschützen, musste er nicht, sobald ich den
Rücken drehte, doppelt leiden? In der Kajüte herrschte ihn der Kapitän
an und zerrte ihn an den Ohren. Hier sollte er aufwischen, dort sollte er
Glasscherben zusammensuchen. An seiner Hose hingen Butter und Salbenreste,
der Aermel war mit Rhabarbertinktur getränkt, seine Hände bluteten aus
Glasschnitten, und Blut war im Gesicht herumgeschmiert. In seinen Schuhen
quatschte das Wasser. Er war die ganze Nacht nicht zur Ruhe gewesen, so
krank und elend er sich auch fühlte.
Ein anderer, ein Decksjunge hatte es schlauer gemacht. Er war gleich beim
ersten Beginn des Sturmes verschwunden, um nicht zur Arbeit gezwungen oder
gar nach oben auf die Raaen geschickt zu werden. Wir glaubten zuerst, er
sei über Bord gespült worden. Am nächsten Abend jedoch, als wir bereits
Dover uns näherten, tauchte er plötzlich aus seinem Versteck, dem
Proviantraum, in den er sich zurückgezogen hatte, um mit seiner
Seekrankheit allein zu sein. Er fiel sofort den Erziehungskünsten des
Bootsmanns anheim. Die Hiebe klatschten, der Junge heulte. Aber noch oft
versteckte er sich, wenn die Wellen höher zu gehen begannen.
Das Barometer stieg ein wenig, und wir athmeten erleichtert auf. Der Sturm
legte sich und erlaubte wieder, ein paar neue Segel zu setzen und Kurs zu
steuern. Die schlecht befestigten Masten hatten jetzt unter dem Druck der
Leinwand mehr Halt, wodurch unsere Hauptgefahr, sie zu verlieren, wenn
nicht vorüber, so doch gemildert war. Was jedoch den grössten Trost
gewährte, die unheimliche schwarze Nacht, die alle Schrecken verdoppelte,
war hinter uns, man durfte wieder frei um sich schauen.
Winzig kleine Fischerböte erschienen und gaukelten so waghalsig und so
malerisch mit ihren rothbraunen Segeln auf und nieder über die hellgrünen
Wogen der Nordsee, hinter denen sie jeden Augenblick verschwanden, als ob
sie von ihnen verschlungen wären. Schiffstrümmer, gebrochene Masten mit
Segeln und Takelage daran trieben vorüber. Gar mancher mochte innerhalb
der letzten zwölf Stunden sein nasses Grab gefunden haben. Die Luft war so
durchsichtig, und die Farben blinkten alle so lebhaft und frisch, dass man
meilenweit jeden schwimmenden Balken erkannte. Nur der Himmel über uns war
noch düster und dunkel.
Das Barometer stieg langsam und stetig. Auch die See nahm ab, und die
Wolkendecke wurde dünner und gleichmässiger. Am Nachmittag fühlten wir
uns ausser Gefahr, und gegen Abend konnten wir Dover in Sicht bekommen. Wir
hatten allerdings keine Observation und wussten nicht genau, wo wir waren.
Aber so ganz glatt sollten wir dennoch nicht der tückischen Nordsee
entrinnen. Es dunkelte bereits, als vorne ein Licht gemeldet wurde.
Es rückte näher und nahm einen grünlichen Schimmer an. Ein grünes,
stehendes, sich nicht veränderndes Licht, das ist Goodwins Sand, eine
Sandbank, welche schon viele Schiffe auf dem Gewissen hat. Wir waren also
noch nicht so nahe dem Kanal, als wir dachten, und der Kapitän liess nach
Süden steuern. Eine Stunde lang steuerten wir Süd, und eine Reihe
von vier gewöhnlichen gelben Lichtern tauchte vor uns auf. »Das sind
Fischerböte« sagte mir der Kapitän, als ich ihn darüber frug, ich
merkte aber wohl, dass er dieser Behauptung nicht sicher war. Für
Fischerböte standen die Lichter zu ruhig und waren auffallend gross und
hell. Fischerböte mussten bei solcher See auf und nieder schwanken.
Der Kapitän wurde unruhig und nervös. Unten in der Kajüte lag die Karte
ausgebreitet auf dem Tisch, hastig mass und visirte er mit Zirkel und
Lineal herum, stürzte auf Deck hinaus und sah mit dem Fernglas nach
den immer näher kommenden Lichtern, stürzte wieder hinab und mass und
visirte. Er murmelte Flüche, und der Schweiss tropfte ihm von der Stirn
auf die Karte. Wir waren abermals in einer schlimmen Lage. Auf der einen
Seite ein Licht wie von Goodwins Sand, auf der anderen mehrere Lichter, die
der Küste des Kontinents angehören mussten, ringsum Riffe und Bänke
auf der Karte verzeichnet. Jeden Augenblick konnten wir auffahren und
scheitern.
Wir kehrten wieder um und steuerten dahin, woher wir gekommen. Ein grosses
Glück, dass wir raumen Wind hatten. Das Räthsel löste sich endlich. Das
grüne Licht spaltete sich in zwei, es waren die beiden Lichter von Dover,
die wir in einer Linie, eines vom anderen verdeckt, gesehen hatten. Jetzt
wussten wir wieder, wo wir waren.
Welcher schwere Stein fiel dem Kapitän vom Herzen. Er hatte seine Pflicht
gethan und keinen Fehler begangen, der ihm zur Last gelegt werden durfte.
Nur der Mangel einer Observation und die entschuldbare Verwechselung der
beiden grünen Feuer hatte uns irregeführt. Wir brauchten uns nicht mehr
vor Goodwins Sand zu fürchten und steuerten geradewegs auf Dover zu. Die
vier Lichter waren die französische Küste bei Calais gewesen.
Niemals betrachtete ich Dover mit seinen zwei elektrischen grünen Feuern
oben auf dem Felsen und der Gasbeleuchtung unten am Hafen und in den
amphitheatralisch ansteigenden Strassen mit grösserem Wohlgefallen, als
in jener Nacht, da wir langsam vorübersegelten, in den Kanal und in
den freundlicheren Atlantischen Ozean hinaus, hinter uns die verhasste,
unwirsche Nordsee.
Das Wasser war so nahe dem Land glatt geworden, und das Schiff rollte kaum
merklich. Die seekranken Passagiere krochen genesen aus ihren Kojen und auf
Deck. Sie sahen wieder festes Land vor Augen und begrüssten es freudig und
hoffnungsvoll. Die Aermsten waren in einem gewaltigen Irrthum befangen. Sie
glaubten nämlich alle, dass wir anlegen würden, und dann wären sie
alle schleunigst davon gelaufen, bereits vollkommen satt der Reise nach
Neuseeland. So lange wir an der englischen Küste hinfuhren und hie und
da ein vorspringender Hügel zum Vorschein kam, lebten sie in diesem
glücklichen Wahn. Und als wir immer und immer nicht anlegten und das
letzte Stückchen Land verschwunden war, und sie endlich doch meiner
Versicherung Glauben schenken mussten, dass wir gar nicht daran dächten,
anzulegen, welches Wehklagen und welche Verwünschungen. Mit aufgehobenen
Händen baten sie mich, ich möchte den Kapitän veranlassen, sie
auszusetzen. In allen Sprachen schworen sie, sie würden die Seereise
niemals überstehen, sie wären jetzt schon halb todt von dem einzigen
Sturm, das Schiff könnte unmöglich mehr zusammenhalten, es sei schon ganz
lose gerüttelt. Und wenn sie auf den Knieen nach Hause rutschen müssten
mit allen ihren Kindern und zeitlebens betteln gehn, sie wollten nie und
nimmermehr an Neuseeland denken. Alles umsonst.
Unserer Fahrt stellte sich kein Hinderniss mehr in den Weg. Wir
schlängelten uns langsam und sicher durch die Menge der kreuzenden
Dampfer, Segelschiffe und Böte, und nach drei Tagen waren wir im
Atlantischen Ozean. Ein schöner Nordostwind blähte die vierkant
gestellten Segel, die Zahl der in Sicht befindlichen Fahrzeuge verringerte
sich, die Sonne schien mild und warm auf uns herab. Am 26. November
zeigten sich die ersten Quallen im Wasser, wir waren auf der Höhe von
Biscaya.
Von jetzt ab hatten wir bis Neuseeland kein nennenswerthes Unwetter mehr
zu bestehen. Wir waren sehr glücklich gewesen, so rasch wenn auch etwas
stürmisch und rauh aus der Nordsee zu kommen. Wir konnten eben so gut vier
Wochen darin herumkreuzen.