Senf war eben das Neueste.
Und es ist Senf auf dem Tisch, es ist überhaupt alles in schönster
Ordnung; er findet nichts zu tadeln und geht feierlich im Zimmer auf
und ab.
»Charmante Leute!« bemerkt er und wiederholt es noch einmal: »Charmante
Leute!«
Niemand stört den Vater. Er liebt das »Anreden« nicht. Man hat zu
warten, bis er fragt.
»Du könntest der Thon, dächt' ich, noch eine kleine Aufmerksamkeit
erweisen,« wendet er sich zu seiner Frau.
»Ja was denn?« fragt diese. »Wie meinst du denn?«
»Ich dachte so etwa ... etwa ...«
Er schien sich über das, was er eine »kleine Aufmerksamkeit« nannte,
nicht recht klar zu sein.
»Weißt du, Kirsten, ich dächte, wir erwiesen ihr schon eine recht
große!« Das sagt sie leise und schaut mit einem Seitenblick auf die
Mädchen.
Röse lehnt am Nähtisch, müßig den Fingerhut der Mutter auf der Platte
tanzen lassend. Marie sieht ihr gespannt zu.
»Ist das eine Art, den Bräutigam zu erwarten?«
Herr Rat meint das ernst und rügend aus seiner hohen Halsbinde heraus,
im Hintergrunde des großen Zimmers, zu seiner Frau.
»Bst!« macht Frau Rat. -- »Mein Gott, so jung sollte sie nicht sein. So
ein armes Ding!«
»I was!« sagt Herr Rat. -- »Papperlapapp! Warst du etwa älter?«
Frau Rat lächelt schmerzlich. Alle Papperlapapps ihres Lebens zogen
an ihrer Seele vorüber. -- Sie lächelt -- alle heißen Tränen, alles
Sehnen, alles Verstummen hatte sich bei ihr zu einem müden Lächeln
herabgemindert -- oder in ein Lächeln zusammengefaßt -- wie man will.
Apothekers kamen.
Frau Apotheker in der schönsten Haube. Des Gatten rundes Bäuchlein war
mit »selber gestickter« Seide überspannt und glänzte wie ein heiteres
Gestirn. Er kniff Röse in die Wange und war vortrefflich gelaunt.
Marie tuschelte Röse etwas zu, indem sie vorsichtig nach den Fenstern
des gegenüberliegenden Hauses sah; da zeigte sich eben eine Dame in
vollem Putz, in weißer Haube mit blauen Bändern und im weißen Kleide.
Sie öffnete das Fenster und hakte die Fensterflügel ein, damit der
Wind, der durch die Gasse fegte, es nicht wieder zuwerfen könnte.
»Jetzt kommen sie!« flüsterte Marie. Und es währte nicht lange, da
empfing man bei Kirstens wieder Gäste: Frau Geheimderat Thon und deren
Sohn Ottokar Thon, Adjutant des Großherzogs Karl August.
Frau Geheimderat Thon begrüßte sich lebhaft mit den Eltern Kirsten,
küßte dann zuerst Röse auf die Stirn, dann Marie.
Sie war die Dame, die aus dem Fenster geschaut hatte. Das weiße Kleid
umschloß in langen Falten eine volle, stolze Gestalt. Das schöne
Busentuch war aus kostbaren gelblichen Spitzen, und eine breite,
hohe Haube mit himmelblauen Bändern beschattete ein energisches,
wohlkonserviertes Gesicht.
Ottokar Thon reichte Röse die Hand und führte ihre rundliche Kinderhand
dann an die Lippen.
Röse war befangen und schweigsam. Auf ihrem frischen Gesichte aber lag
eine große, stille Wonne. Sie ließ indessen ihrer Schwester Hand nicht
los, bis man sich zu Tische setzte.
Noch war das große Wort nicht gesprochen; aber sie ahnte, sie wußte
alles! Ottokar Thon war erregt; er sprach mit ihr, als spräche er zu
einem lebendigen Heiligtume -- so etwas scheu -- und doch ... -- Rösen
überschauerte es.
Wie er schön und stolz in seiner schwarzen, verschnürten Uniform aussah.
Von dem Augenblick an, als sie ihn zuerst gesehen, war ihre Seele
ganz erfüllt von seinen guten Eigenschaften, seiner Gescheitheit und
seiner Tapferkeit; er war Lützowscher Jäger gewesen, und sie hatte auch
gehört, wie er sich in Wien ausgezeichnet.
Die Schopenhauerin erzählte, daß Karl August ihn unbändig gelobt habe,
und daß Karl August eine Schrift über die Zukunft Deutschlands von ihm
kenne, von wahrer staatsmännischer Bedeutung.
»Solch ein Mensch will mich!«