Die erste psychologische Theorie _Frazers_, noch vor seiner
Bekanntschaft mit den Beobachtungen von _Spencer_ und _Gillen_
geschaffen, ruhte auf dem Glauben an die »äußerliche Seele«(152). Der
Totem sollte einen sicheren Zufluchtsort für die Seele darstellen, an
dem sie deponiert wird, um den Gefahren, die sie bedrohen, entzogen zu
bleiben. Wenn der Primitive seine Seele in seinem Totem untergebracht
hatte, so war er selbst unverletzlich und natürlich hütete er sich, den
Träger seiner Seele selbst zu beschädigen. Da er aber nicht wußte,
welches Individuum der Tierart sein Seelenträger war, lag es ihm nahe,
die ganze Art zu verschonen. _Frazer_ hat diese Ableitung des Totemismus
aus dem Seelenglauben später selbst aufgegeben.
(152) The Golden Bough II, p. 332.
Als er mit den Beobachtungen von _Spencer_ und _Gillen_ bekannt wurde,
stellte er die andere soziologische Theorie des Totemismus auf, welche
eben vorhin mitgeteilt wurde, aber er fand dann selbst, daß das Motiv,
aus dem er den Totemismus abgeleitet, allzu »rationell« sei, und daß er
dabei eine soziale Organisation vorausgesetzt habe, die allzu
kompliziert sei, als daß man sie primitiv heißen dürfe(153). Die
magischen Kooperativgesellschaften erschienen ihm jetzt eher als späte
Früchte denn als Keime des Totemismus. Er suchte ein einfacheres Moment,
einen primitiven Aberglauben, hinter diesen Bildungen, um aus ihm die
Entstehung des Totemismus abzuleiten. Dieses ursprüngliche Moment fand
er dann in der merkwürdigen Konzeptionstheorie der _Arunta_.
(153) »It is unlikely that a community of savages should deliberately
parcel out the realm of nature into provinces, assign each province to
a particular band of magicians, and bid all the bands to work their
magic and weave their spells for the common good.« T. and Ex. IV,
p. 57.
Die _Arunta_ heben, wie bereits erwähnt, den Zusammenhang der Konzeption
mit dem Geschlechtsakt auf. Wenn ein Weib sich Mutter fühlt, so ist in
diesem Augenblick einer der auf Wiedergeburt lauernden Geister von der
nächstliegenden Geisterstätte in ihren Leib eingedrungen und wird von
ihr als Kind geboren. Dies Kind hat denselben Totem wie alle an der
gewissen Stelle lauernden Geister. Diese Konzeptionstheorie kann den
Totemismus nicht erklären, denn sie setzt den Totem voraus. Aber wenn
man einen Schritt weiter zurückgehen und annehmen will, daß das Weib
ursprünglich geglaubt, das Tier, die Pflanze, der Stein, das Objekt,
welches ihre Phantasie in dem Moment beschäftigte, da sie sich zuerst
Mutter fühlte, sei wirklich in sie eingedrungen und werde dann von ihr
in menschlicher Form geboren, dann wäre die Identität eines Menschen mit
seinem Totem durch den Glauben der Mutter wirklich begründet, und alle
weiteren Totemgebote (mit Ausschluß der Exogamie) ließen sich leicht
daraus ableiten. Der Mensch würde sich weigern, von diesem Tier, dieser
Pflanze zu essen, weil er damit gleichsam sich selbst essen würde. Er
würde sich aber veranlaßt finden, gelegentlich in zeremoniöser Weise
etwas von seinem Totem zu genießen, weil er dadurch seine
Identifizierung mit dem Totem, welche das Wesentliche am Totemismus ist,
verstärken könnte. Beobachtungen von W. H. R. _Rivers_ an den
Eingeborenen der _Banks_inseln schienen die direkte Identifizierung der
Menschen mit ihrem Totem auf Grund einer solchen Konzeptionstheorie zu
erweisen(154).
(154) T. and Ex. II, p. 89 und IV, p. 59.
Die letzte Quelle des Totemismus wäre also die Unwissenheit der Wilden
über den Prozeß, wie Menschen und Tiere ihr Geschlecht fortpflanzen. Des
besonderen die Unkenntnis der Rolle, welche das Männchen bei der
Befruchtung spielt. Diese Unkenntnis muß erleichtert werden durch das
lange Intervall, welches sich zwischen den befruchtenden Akt und die
Geburt des Kindes (oder das Verspüren der ersten Kindsbewegungen)
einschiebt. Der Totemismus ist daher eine Schöpfung nicht des
männlichen, sondern des weiblichen Geistes. Die Gelüste (sick fancies)
des schwangeren Weibes sind die Wurzel desselben. »Anything indeed that
struck a woman at that mysterious moment of her life when she first
knows herself to be a mother might easily be identified by her with the
child in her womb. Such maternal fancies, so natural and seemingly so
universal, appear to be the root of totemism(155).«
(155) l. c. IV, p. 63.
Der Haupteinwand gegen diese dritte _Frazer_sche Theorie ist derselbe,
der bereits gegen die zweite, soziologische, vorgebracht wurde. Die
_Arunta_ scheinen sich von den Anfängen des Totemismus weit weg entfernt
zu haben. Ihre Verleugnung der Vaterschaft scheint nicht auf primitiver
Unwissenheit zu beruhen; sie haben selbst in manchen Stücken väterliche
Vererbung. Sie scheinen die Vaterschaft einer Art von Spekulation
geopfert zu haben, welche die Ahnengeister zu Ehren bringen will(156).
Wenn sie den Mythus der unbefleckten Empfängnis durch den Geist zur
allgemeinen Konzeptionstheorie erheben, darf man ihnen darum
Unwissenheit über die Bedingungen der Fortpflanzung ebensowenig zumuten,
wie den alten Völkern um die Zeit der Entstehung der christlichen
Mythen.
(156) »That belief is a philosophy far from primitive.« A. _Lang_,
Secret of the Totem, p. 192.
Eine andere psychologische Theorie der Herkunft des Totemismus hat der
Holländer G. A. _Wilcken_ aufgestellt. Sie stellt eine Verknüpfung des
Totemismus mit der Seelenwanderung her. »Dasjenige Tier, in welches die
Seelen der Toten nach allgemeinem Glauben übergingen, wurde zum
Blutsverwandten, Ahnherrn und als solcher verehrt.« Aber der Glauben an
die Tierwanderung der Seelen mag eher aus dem Totemismus abgeleitet sein
als umgekehrt(157).
(157) _Frazer_, T. and Ex. IV, p. 45 u. ff.
Eine andere Theorie des Totemismus wird von ausgezeichneten
amerikanischen Ethnologen, Fr. _Boas_, _Hill-Tout_ u. a., vertreten. Sie
geht von den Beobachtungen an totemistischen Indianerstämmen aus und
behauptet, der Totem sei ursprünglich der Schutzgeist eines Ahnen, den
dieser durch einen Traum erworben und auf seine Nachkommenschaft vererbt
habe. Wir haben schon früher gehört, welche Schwierigkeiten die
Ableitung des Totemismus aus der Vererbung von einem einzelnen her
bietet; überdies sollen die australischen Beobachtungen die
Zurückführung des Totem auf den Schutzgeist keineswegs unterstützen(158).
(158) _Frazer_, l. c., p. 48.
Für die letzte der psychologischen Theorien, die von _Wundt_
ausgesprochene, sind die beiden Tatsachen entscheidend geworden, daß
erstens das ursprüngliche Totemobjekt und das dauernd verbreitetste das
Tier ist, und daß zweitens unter den Totemtieren wieder die
ursprünglichsten mit Seelentieren zusammenfallen(159). Seelentiere, wie
Vögel, Schlange, Eidechse, Maus eignen sich durch ihre schnelle
Beweglichkeit, ihren Flug in der Luft, durch andere Überraschung und
Grauen erregende Eigenschaften dazu, als die Träger der den Körper
verlassenden Seele erkannt zu werden. Das Totemtier ist ein Abkömmling
der Tierverwandlungen der Hauchseele. So mündet hier für _Wundt_ der
Totemismus unmittelbar in den Seelenglauben oder Animismus ein.
(159) _Wundt_, Elemente der Völkerpsychologie, p. 190.
b) und c) Die Herkunft der Exogamie und ihre Beziehung zum Totemismus.
Ich habe die Theorien des Totemismus mit einiger Ausführlichkeit
vorgebracht und muß dennoch befürchten, daß ich deren Eindruck durch die
immerhin notwendige Verkürzung geschadet habe. In betreff der weiteren
Fragen nehme ich mir im Interesse der Leser die Freiheit einer noch
weitergehenden Zusammendrängung. Die Diskussionen über die Exogamie der
Totemvölker werden durch die Natur des dabei verwerteten Materials
besonders kompliziert und unübersehbar; man könnte sagen: verworren. Die
Ziele dieser Abhandlung gestatten es auch, daß ich mich hier auf
Hervorhebung einiger Richtlinien beschränke und für eine gründlichere
Verfolgung des Gegenstandes auf die mehrmals zitierten eingehenden
Fachschriften verweise.
Die Stellung eines Autors zu den Problemen der Exogamie ist natürlich
nicht unabhängig von seiner Parteinahme für diese oder jene
Totemtheorie. Einige von diesen Erklärungen des Totemismus lassen jede
Anknüpfung an die Exogamie vermissen, so daß die beiden Institutionen
glatt auseinanderfallen. So stehen hier zwei Anschauungen einander
gegenüber, die eine, welche den ursprünglichen Anschein festhalten will,
die Exogamie sei ein wesentliches Stück des totemistischen Systems, und
eine andere, welche einen solchen Zusammenhang bestreitet und an ein
zufälliges Zusammentreffen der beiden Züge ältester Kulturen glaubt.
_Frazer_ hat in seinen späteren Arbeiten diesen letzteren Standpunkt mit
Entschiedenheit vertreten.
»I must request the reader to bear constantly in mind that the two
institutions of totemism and exogamy are fundamentally distinct in
origin and nature though they have accidentally crossed and blended in
many tribes.« (T. and Ex., I., Vorrede XII.)
Er warnt direkt vor der gegenteiligen Ansicht als einer Quelle
unendlicher Schwierigkeiten und Mißverständnisse. Im Gegensatz hiezu
haben andere Autoren den Weg gefunden, die Exogamie als notwendige Folge
der totemistischen Grundanschauungen zu begreifen. _Durkheim_ hat in
seinen Arbeiten(160) ausgeführt, wie das an den Totem geknüpfte Tabu das
Verbot mit sich bringen mußte, ein Weib des nämlichen Totem zum
geschlechtlichen Verkehr zu gebrauchen. Der Totem ist von demselben Blut
wie der Mensch, und darum verbietet der Blutbann (mit Rücksicht auf
Defloration und Menstruation) den sexuellen Verkehr mit dem Weibe, das
demselben Totem angehört(161). A. _Lang_, der sich hierin _Durkheim_
anschließt, meint sogar, es bedürfte nicht des Bluttabu, um das Verbot
der Frauen des gleichen Stammes zu bewirken(162). Das allgemeine
Totemtabu, welches z. B. verbietet, im Schatten des Totembaumes zu
sitzen, würde hiefür hingereicht haben. A. _Lang_ verficht übrigens auch
eine andere Ableitung der Exogamie (s. u.) und läßt es zweifelhaft, wie
sich diese beiden Erklärungen zueinander verhalten.
(160) L'année sociologique 1898-1904.
(161) Siehe die Kritik der Erörterungen _Durkheims_ bei _Frazer_. T.
and Ex., IV, p. 101.
(162) Secret etc., p. 125.
In betreff der zeitlichen Verhältnisse huldigt die Mehrzahl der Autoren
der Ansicht, der Totemismus sei die ältere Institution, die Exogamie
später hinzugekommen(163).
(163) Z. B. _Frazer_, l. c. IV, p. 75: »The totemic clan is a totally
different social organism from the exogamous class, and we have good
grounds for thinking that it is far older.«
Unter den Theorien, welche die Exogamie unabhängig vom Totemismus
erklären wollen, seien nur einige hervorgehoben, welche die
verschiedenen Einstellungen der Autoren zum Inzestproblem erläutern.
_Mac Lennan_(164) hatte die Exogamie in geistreicher Weise aus den
Überresten von Sitten erraten, welche auf den ehemaligen Frauenraub
hindeuteten. Er nahm nun an, daß es in Urzeiten allgemein gebräuchlich
gewesen sei, sich das Weib aus einem fremden Stamm zu holen, und die
Heirat mit einem Weib aus dem eigenen Stamm sei allmählich unerlaubt
geworden, weil sie ungewöhnlich war(165). Das Motiv für diese Gewohnheit
der Exogamie suchte er in einem Frauenmangel jener primitiven Stämme,
der sich aus dem Gebrauch, die meisten weiblichen Kinder bei der Geburt
zu töten, ergeben hatte. Wir haben es hier nicht mit der Nachprüfung zu
tun, ob die tatsächlichen Verhältnisse die Annahmen _Mac Lennans_
bestätigen. Weit mehr interessiert uns das Argument, daß es unter den
Voraussetzungen des Autors doch unerklärlich bliebe, warum sich die
männlichen Mitglieder des Stammes auch die wenigen Frauen aus ihrem Blut
unzugänglich machen sollten, und die Art, wie hier das Inzestproblem
gänzlich beiseite gelassen wird(166).
(164) Primitive marriage 1865.
(165) »Improper because it was unusual.«
(166) _Frazer_, l. c. IV, p. 73 bis 92.
Im Gegensatz hiezu und offenbar mit mehr Recht haben andere Forscher die
Exogamie als eine Institution zur Verhütung des Inzests erfaßt(167).
(167) Vgl. die erste Abhandlung.
Überblickt man die allmählich wachsende Komplikation der australischen
Heiratsbeschränkungen, so kann man nicht anders als der Ansicht von
_Morgan_, _Frazer_, _Howitt_, _Baldwin Spencer_(168) beistimmen, daß
diese Einrichtungen das Gepräge zielbewußter Absicht (»deliberate
design« nach _Frazer_) an sich tragen, und daß sie das erreichen
sollten, was sie tatsächlich geleistet haben. »In no other way does it
seem possible to explain in all its details a system at once so complex
and so regular(169).«
(168) _Morgan_, Ancient Society 1877. -- _Frazer_, T. and Ex. IV,
p. 105 ff.
(169) _Frazer_, l. c., p. 106.
Es ist interessant hervorzuheben, daß die ersten der durch die
Einführung von Heiratsklassen erzeugten Beschränkungen die
Sexualfreiheit der jüngeren Generation, also den Inzest von Geschwistern
und von Söhnen mit ihrer Mutter trafen, während der Inzest zwischen
Vater und Tochter erst durch weitergehende Maßregeln aufgehoben wurde.
Die Zurückführung der exogamischen Sexualbeschränkungen auf
gesetzgeberische Absicht leistet aber nichts für das Verständnis des
Motivs, welches diese Institutionen geschaffen hat. Woher stammt in
letzter Auflösung die Inzestscheu, welche als die Wurzel der Exogamie
erkannt werden muß? Es ist offenbar nicht genügend, sich zur Erklärung
der Inzestscheu auf eine instinktive Abneigung gegen sexuellen Verkehr
unter Blutsverwandten, d. h. also auf die Tatsache der Inzestscheu zu
berufen, wenn die soziale Erfahrung nachweist, daß der Inzest diesem
Instinkt zum Trotz kein seltenes Vorkommnis selbst in unserer heutigen
Gesellschaft ist, und wenn die historische Erfahrung Fälle kennen lehrt,
in denen die inzestuöse Ehe bevorzugten Personen zur Vorschrift gemacht
wurde.
_Westermarck_(170) machte zur Erklärung der Inzestscheu geltend, »daß
zwischen Personen, die von Kindheit an beisammen leben, eine angeborene
Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr herrscht, und daß dieses Gefühl,
da diese Personen in der Regel blutsverwandt sind, in Sitte und Gesetz
einen natürlichen Ausdruck findet durch den Abscheu vor dem
Geschlechtsumgang unter nahen Verwandten«. _Havelock Ellis_ bestritt
zwar den triebhaften Charakter dieser Abneigung in seinen »Studies in
the psychology of sex«, trat aber sonst im wesentlichen derselben
Erklärung bei, indem er äußerte: »das normale Unterbleiben des
Zutagetretens des Paarungstriebes dort, wo es sich um Brüder und
Schwestern oder um von Kindheit auf beisammenlebende Mädchen und Knaben
handelt, ist eine rein negative Erscheinung, welche daher kommt, daß
unter jenen Umständen die den Paarungstrieb erweckenden Vorbedingungen
durchaus fehlen müssen ... Zwischen Personen, die von Kindheit zusammen
aufgewachsen sind, hat die Gewöhnung alle sinnlichen Reize des Sehens,
des Hörens und der Berührung abgestumpft, in die Bahn einer ruhigen
Zuneigung gelenkt und ihrer Macht beraubt, die zur Erzeugung
geschlechtlicher Tumeszenz erforderliche nötige erethistische Erregung
hervorzurufen«.
(170) Ursprung und Entwicklung der Moralbegriffe. II. Die Ehe. 1909.
Dort auch die Verteidigung des Autors gegen ihm bekannt gewordene
Einwendungen.
Es erscheint mir sehr merkwürdig, daß _Westermarck_ diese angeborene
Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr mit Personen, mit denen man die
Kindheit geteilt hat, gleichzeitig als psychische Repräsentanz der
biologischen Tatsache ansieht, daß Inzucht eine Schädigung der Gattung
bedeutet. Ein derartiger biologischer Instinkt würde in seiner
psychologischen Äußerung kaum so weit irregehen, daß er anstatt der für
die Fortpflanzung schädlichen Blutsverwandten die in dieser Hinsicht
ganz harmlosen Haus- und Herdgenossen träfe. Ich kann es mir aber auch
nicht versagen, die ganz ausgezeichnete Kritik mitzuteilen, welche
_Frazer_ der Behauptung von _Westermarck_ entgegenstellt. _Frazer_
findet es unbegreiflich, daß das sexuelle Empfinden sich heute so gar
nicht gegen den Verkehr mit Herdgenossen sträubt, während die
Inzestscheu, die nur ein Abkömmling von diesem Sträuben sein soll,
gegenwärtig so übermächtig angewachsen ist. Tiefer dringen aber andere
Bemerkungen _Frazers_, die ich unverkürzt hieher setze, weil sie im
Wesen mit den in meinem Aufsatz über das Tabu entwickelten Argumenten
zusammentreffen.
»Es ist nicht leicht einzusehen, warum ein tief wurzelnder menschlicher
Instinkt die Verstärkung durch ein Gesetz benötigen sollte. Es gibt kein
Gesetz, welches den Menschen befiehlt zu essen und zu trinken, oder
ihnen verbietet, ihre Hände ins Feuer zu stecken. Die Menschen essen und
trinken und halten ihre Hände vom Feuer weg, instinktgemäß, aus Angst
vor natürlichen und nicht vor gesetzlichen Strafen, die sie sich durch
Beleidigung dieser Triebe zuziehen würden. Das Gesetz verbietet den
Menschen nur, was sie unter dem Drängen ihrer Triebe ausführen könnten.
Was die Natur selbst verbietet und bestraft, das braucht nicht erst das
Gesetz zu verbieten und zu strafen. Wir dürfen daher auch ruhig
annehmen, daß Verbrechen, die durch ein Gesetz verboten werden,
Verbrechen sind, die viele Menschen aus natürlichen Neigungen gern
begehen würden. Wenn es keine solche Neigung gäbe, kämen keine solchen
Verbrechen vor, und wenn solche Verbrechen nicht begangen würden, wozu
brauchte man sie zu verbieten? Anstatt also aus dem gesetzlichen Verbot
des Inzests zu schließen, daß eine natürliche Abneigung gegen den Inzest
besteht, sollten wir eher den Schluß ziehen, daß ein natürlicher
Instinkt zum Inzest treibt, und daß, wenn das Gesetz diesen Trieb wie
andere natürliche Triebe unterdrückt, dies seinen Grund in der Einsicht
zivilisierter Menschen hat, daß die Befriedigung dieser natürlichen
Triebe der Gesellschaft Schaden bringt(171).«
(171) l. c., p. 97.
Ich kann dieser kostbaren Argumentation _Frazers_ noch hinzufügen, daß
die Erfahrungen der Psychoanalyse die Annahme einer angeborenen
Abneigung gegen den Inzestverkehr vollends unmöglich machen. Sie haben
im Gegenteile gelehrt, daß die ersten sexuellen Regungen des
jugendlichen Menschen regelmäßig inzestuöser Natur sind, und daß solche
verdrängte Regungen als Triebkräfte der späteren Neurosen eine kaum zu
überschätzende Rolle spielen.
Die Auffassung der Inzestscheu als eines angeborenen Instinktes muß also
fallen gelassen werden. Nicht besser steht es um eine andere Ableitung
des Inzestverbots, welche sich zahlreicher Anhänger erfreut, um die
Annahme, daß die primitiven Völker frühzeitig bemerkt haben, mit welchen
Gefahren die Inzucht ihr Geschlecht bedrohe, und daß sie darum in
bewußter Absicht das Inzestverbot erlassen hätten. Die Einwendungen
gegen diesen Erklärungsversuch drängen einander(172). Nicht nur, daß das
Inzestverbot älter sein muß als alle Haustierwirtschaft, an welcher der
Mensch Erfahrungen über die Wirkung der Inzucht auf die Eigenschaften
der Rasse machen konnte, sondern die schädlichen Folgen der Inzucht sind
auch heute noch nicht über jeden Zweifel sichergestellt und beim
Menschen nur schwer nachweisbar. Ferner macht alles, was wir über die
heutigen Wilden wissen, es sehr unwahrscheinlich, daß die Gedanken ihrer
entferntesten Ahnen bereits mit der Verhütung von Schäden für ihre
spätere Nachkommenschaft beschäftigt waren. Es klingt fast lächerlich,
wenn man diesen ohne jeden Vorbedacht lebenden Menschenkindern
hygienische und eugenische Motive zumuten will, wie sie noch kaum in
unserer heutigen Kultur Berücksichtigung gefunden haben(173).
(172) Vgl. _Durkheim_, La prohibition de l'Inceste. L'année
sociologique, I, 1896/97.
(173) Ch. _Darwin_ meint von den Wilden: »they are not likely to
reflect on distant evils to their progeny.«
Endlich wird man auch geltend machen müssen, daß das aus praktisch
hygienischen Motiven gegebene Verbot der Inzucht als eines die Rasse
schwächenden Moments ganz unangemessen erscheint, um den tiefen Abscheu
zu erklären, welcher sich in unserer Gesellschaft gegen den Inzest
erhebt. Wie ich an anderer Stelle dargetan habe(174), erscheint diese
Inzestscheu bei den heute lebenden primitiven Völkern eher noch reger
und stärker als bei den zivilisierten.
(174) Vgl. die erste Abhandlung.
Während man erwarten konnte, auch für die Ableitung der Inzestscheu die
Wahl zu haben zwischen soziologischen, biologischen und psychologischen
Erklärungsmöglichkeiten, wobei noch die psychologischen Motive
vielleicht als Repräsentanz von biologischen Mächten zu würdigen wären,
sieht man sich am Ende der Untersuchung genötigt, dem resignierten
Ausspruch _Frazers_ beizutreten: Wir kennen die Herkunft der Inzestscheu
nicht und wissen selbst nicht, worauf wir raten sollen. Keine der bisher
vorgebrachten Lösungen des Rätsels erscheint uns befriedigend(175).
(175) »Thus the ultimate origin of exogamy and with it the law of
incest -- since exogamy was devised to prevent incest -- remains a
problem nearly as dark as ever.« T. and Ex. I, p. 165.
Ich muß noch eines Versuches erwähnen, die Entstehung der Inzestscheu zu
erklären, welcher von ganz anderer Art ist als die bisher betrachteten.
Man könnte ihn als eine historische Ableitung bezeichnen.
Dieser Versuch knüpft an eine Hypothese von Ch. _Darwin_ über den
sozialen Urzustand des Menschen an. _Darwin_ schloß aus den
Lebensgewohnheiten der höheren Affen, daß auch der Mensch ursprünglich
in kleinen Horden gelebt habe, innerhalb welcher die Eifersucht des
ältesten und stärksten Männchens die sexuelle Promiskuität verhinderte.
»Wir können in der Tat, nach dem was wir von der Eifersucht aller
Säugetiere wissen, von denen viele mit speziellen Waffen zum Kämpfen mit
ihren Nebenbuhlern bewaffnet sind, schließen, daß allgemeine Vermischung
der Geschlechter im Naturzustand äußerst unwahrscheinlich ist ... Wenn
wir daher im Strome der Zeit weit genug zurückblicken und nach den
sozialen Gewohnheiten des Menschen, wie er jetzt existiert, schließen,
ist die wahrscheinlichste Ansicht die, daß der Mensch ursprünglich in
kleinen Gesellschaften lebte, jeder Mann mit einer Frau oder, hatte er
die Macht, mit mehreren, welche er eifersüchtig gegen alle anderen
Männer verteidigte. Oder er mag kein soziales Tier gewesen sein und doch
mit mehreren Frauen für sich allein gelebt haben wie der Gorilla; denn
alle Eingeborenen stimmen darin überein, daß nur ein erwachsenes
Männchen in einer Gruppe zu sehen ist. Wächst das junge Männchen heran,
so findet ein Kampf um die Herrschaft statt und der Stärkste setzt sich
dann, indem er die anderen getötet oder vertrieben hat, als Oberhaupt
der Gesellschaft fest (Dr. _Savage_ in Boston Journal of Natur.
Hist. V., 1845-1847). Die jüngeren Männchen, welche hiedurch ausgestoßen
sind und nun herumwandern, werden auch, wenn sie zuletzt beim Finden
einer Gattin erfolgreich sind, die zu enge Inzucht innerhalb der Glieder
einer und derselben Familie verhüten(176).«
(176) Abstammung des Menschen, übersetzt von V. _Carus_, II. Bd.,
Kap. 20, p. 341.
_Atkinson_(177) scheint zuerst erkannt zu haben, daß diese Verhältnisse
der _Darwin_schen Urhorde die Exogamie der jungen Männer praktisch
durchsetzen mußten. Jeder dieser Vertriebenen konnte eine ähnliche Horde
gründen, in welcher dasselbe Verbot des Geschlechtsverkehrs dank der
Eifersucht des Oberhauptes galt, und im Laufe der Zeit würde sich aus
diesen Zuständen die jetzt als Gesetz bewußte Regel ergeben haben: Kein
Sexualverkehr mit den Herdgenossen. Nach Einsetzung des Totemismus hätte
sich die Regel in die andere Form gewandelt: Kein Sexualverkehr
innerhalb des Totem.
(177) Primal Law, London 1903 (mit A. _Lang_, Social Origins).
A. _Lang_(178) hat sich dieser Erklärung der Exogamie angeschlossen. Er
vertritt aber in demselben Buche die andere (_Durkheim_sche) Theorie,
welche die Exogamie als Konsequenz aus den Totemgesetzen hervorgehen
läßt. Es ist nicht ganz einfach, die beiden Auffassungen miteinander zu
vereinigen; im ersten Falle hätte die Exogamie vor dem Totemismus
bestanden, im zweiten wäre sie eine Folge desselben(179).
(178) Secret of the Totem, p. 114, 143.
(179) »If it be granted that exogamy existed in practice, on the lines
of Mr. _Darwin's_ theory, before the totem beliefs lent to the
practice a _sacred_ sanction, our task is relatively easy. The first
practical rule would be that of the jealous Sire »No males to touch
the females in my camp«, with expulsion of adolescent sons. _In efflux
of time that rule, become habitual_, would be, »No marriage within the
local group«. Next let the local groups receive names, such as Emus,
Crows, Opossums, Snipes, and the rule becomes, »No Marriage within the
local group of animal name; no Snipe to marry a Snipe«. But, if the
primal groups were not exogamous, they would become so, as soon as
totemic myths and tabus were developed out of the animal, vegetable,
and other names of small local groups.« Secret of the Totem p. 143.
(Die Hervorhebung in der Mitte dieser Stelle ist mein Werk.) -- In
seiner letzten Äußerung über den Gegenstand (Folklore, Dezember 1911)
teilt A. _Lang_ übrigens mit, daß er die Ableitung der Exogamie aus
dem »general totemic« Tabu aufgegeben habe.
3.
Einen einzigen Lichtstrahl wirft die psychoanalytische Erfahrung in
dieses Dunkel.
Das Verhältnis des Kindes zum Tiere hat viel Ähnlichkeit mit dem des
Primitiven zum Tiere. Das Kind zeigt noch keine Spur von jenem Hochmut,
welcher dann den erwachsenen Kulturmenschen bewegt, seine eigene Natur
durch eine scharfe Grenzlinie von allem anderen Animalischen abzusetzen.
Es gesteht dem Tiere ohne Bedenken die volle Ebenbürtigkeit zu; im
ungehemmten Bekennen zu seinen Bedürfnissen fühlt es sich wohl dem Tiere
verwandter als dem ihm wahrscheinlich rätselhaften Erwachsenen.
In diesem ausgezeichneten Einverständnis zwischen Kind und Tier tritt
nicht selten eine merkwürdige Störung auf. Das Kind beginnt plötzlich
eine bestimmte Tierart zu fürchten und sich vor der Berührung oder dem
Anblick aller einzelnen dieser Art zu schützen. Es stellt sich das
klinische Bild einer _Tierphobie_ her, eine der häufigsten unter den
psychoneurotischen Erkrankungen dieses Alters und vielleicht die
früheste Form solcher Erkrankung. Die Phobie betrifft in der Regel
Tiere, für welche das Kind bis dahin ein besonders lebhaftes Interesse
gezeigt hatte, sie hat mit dem Einzeltier nichts zu tun. Die Auswahl
unter den Tieren, welche Objekte der Phobie werden können, ist unter
städtischen Bedingungen nicht groß. Es sind Pferde, Hunde, Katzen,
seltener Vögel, auffällig häufig kleinste Tiere wie Käfer und
Schmetterlinge. Manchmal werden Tiere, die dem Kind nur aus Bilderbuch
und Märchenerzählung bekannt worden sind, Objekte der unsinnigen und
unmäßigen Angst, welche sich bei diesen Phobien zeigt; selten gelingt es
einmal die Wege zu erfahren, auf denen sich eine ungewöhnliche Wahl des
Angsttieres vollzogen hat. So verdanke ich K. _Abraham_ die Mitteilung
eines Falles, in welchem ein Kind seine Angst vor Wespen selbst durch
die Angabe aufklärte, die Farbe und Streifung des Wespenleibes hätte es
an den Tiger denken lassen, vor dem es sich nach allem Gehörten fürchten
durfte.
Die Tierphobien der Kinder sind noch nicht Gegenstand aufmerksamer
analytischer Untersuchung geworden, obwohl sie es im hohen Grade
verdienen. Die Schwierigkeiten der Analyse mit Kindern in so zartem
Alter sind wohl das Motiv der Unterlassung gewesen. Man kann daher nicht
behaupten, daß man den allgemeinen Sinn dieser Erkrankungen kennt, und
ich meine selbst, daß er sich nicht als einheitlich herausstellen
dürfte. Aber einige Fälle von solchen auf größere Tiere gerichteten
Phobien haben sich der Analyse zugänglich erwiesen und so dem
Untersucher ihr Geheimnis verraten. Es war in jedem Falle das nämliche:
die Angst galt im Grunde dem Vater, wenn die untersuchten Kinder Knaben
waren, und war nur auf das Tier verschoben worden.
Jeder in der Psychoanalyse Erfahrene hat gewiß solche Fälle gesehen und
von ihnen den nämlichen Eindruck empfangen. Doch kann ich mich nur auf
wenige ausführliche Publikationen darüber berufen. Es ist dies ein
Zufall der Literatur, aus welchem nicht geschlossen werden sollte, daß
wir unsere Behauptung überhaupt nur auf vereinzelte Beobachtungen
stützen können. Ich erwähne z. B. einen Autor, welcher sich
verständnisvoll mit den Neurosen des Kindesalters beschäftigt hat, M.
_Wulff_ (Odessa). Er erzählt im Zusammenhange der Krankengeschichte
eines neunjährigen Knaben, daß dieser mit vier Jahren an einer
Hundephobie gelitten hat. »Als er auf der Straße einen Hund vorbeilaufen
sah, weinte er und schrie: 'Lieber Hund, fasse mich nicht, ich will
artig sein.' Unter 'artig sein' meinte er: 'nicht mehr Geige spielen'
(onanieren)(180).«
(180) M. _Wulff_, Beiträge zur infantilen Sexualität. Zentralblatt für
Psychoanalyse, 1912, II, Nr. 1, p. 15 ff.
Derselbe Autor resumiert später: »Seine Hundephobie ist eigentlich die
auf die Hunde verschobene Angst vor dem Vater, denn seine sonderbare
Äußerung: 'Hund, ich will artig sein' -- d. h. nicht masturbieren --
bezieht sich doch eigentlich auf den Vater, der die Masturbation
verboten hat.« In einer Anmerkung setzt er dann hinzu, was sich eben so
völlig mit meiner Erfahrung deckt und gleichzeitig die Reichlichkeit
solcher Erfahrungen bezeugt: »Solche Phobien (Pferdephobien,
Hundephobien, Katzen, Hühner und andere Haustiere) sind, glaube ich, im
Kindesalter mindestens ebenso verbreitet wie der Pavor nocturnus und
lassen sich in der Analyse fast immer als eine Verschiebung der Angst
von einem der Eltern auf die Tiere entpuppen. Ob die so verbreitete
Mäuse- und Rattenphobie denselben Mechanismus hat, möchte ich nicht
behaupten.«
Im ersten Band des Jahrbuches für psychoanalytische und
psychopathologische Forschungen teilte ich die »_Analyse der Phobie
eines fünfjährigen Knaben_« mit, welche mir der Vater des kleinen
Patienten zur Verfügung gestellt hatte. Es war eine Angst vor Pferden,
in deren Konsequenz der Knabe sich weigerte, auf die Straße zu gehen. Er
äußerte die Befürchtung, das Pferd werde ins Zimmer kommen, werde ihn
beißen. Es erwies sich, daß dies die Strafe für seinen Wunsch sein
sollte, daß das Pferd umfallen (sterben) möge. Nachdem man dem Knaben
durch Zusicherungen die Angst vor dem Vater benommen hatte, ergab es
sich, daß er gegen Wünsche ankämpfte, die das Wegsein (Abreisen,
Sterben) des Vaters zum Inhalt hatten. Er empfand den Vater, wie er
überdeutlich zu erkennen gab, als Konkurrenten in der Gunst der Mutter,
auf welche seine keimenden Sexualwünsche in dunkeln Ahnungen gerichtet
waren. Er befand sich also in jener typischen Einstellung des männlichen
Kindes zu den Eltern, welche wir als den »Ödipuskomplex« bezeichnen, und
in der wir den Kernkomplex der Neurosen überhaupt erkennen. Was wir neu
aus der Analyse des »kleinen Hans« erfahren, ist die für den Totemismus
wertvolle Tatsache, daß das Kind unter solchen Bedingungen einen Anteil
seiner Gefühle von dem Vater weg auf ein Tier verschiebt.
Die Analyse weist die inhaltlich bedeutsamen wie die zufälligen
Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Verschiebung vor sich
geht. Sie läßt auch die Motive derselben erraten. Der aus der
Nebenbuhlerschaft bei der Mutter hervorgehende Haß kann sich im
Seelenleben des Knaben nicht ungehemmt ausbreiten, er hat mit der seit
jeher bestehenden Zärtlichkeit und Bewunderung für dieselbe Person zu
kämpfen, das Kind befindet sich in doppelsinniger -- _ambivalenter_ --
Gefühlseinstellung gegen den Vater und schafft sich Erleichterung in
diesem Ambivalenzkonflikt, wenn es seine feindseligen und ängstlichen
Gefühle auf ein Vatersurrogat verschiebt. Die Verschiebung kann den
Konflikt allerdings nicht in der Weise erledigen, daß sie eine glatte
Scheidung der zärtlichen von den feindseligen Gefühlen herstellt. Der
Konflikt setzt sich vielmehr auf das Verschiebungsobjekt fort, die
Ambivalenz greift auf dieses letztere über. Es ist unverkennbar, daß der
kleine Hans den Pferden nicht nur Angst, sondern auch Respekt und
Interesse entgegenbringt. Sowie sich seine Angst ermäßigt hat,
identifiziert er sich selbst mit dem gefürchteten Tier, springt als
Pferd herum und beißt nun seinerseits den Vater(181). In einem anderen
Auflösungsstadium der Phobie macht es ihm nichts, die Eltern mit anderen
großen Tieren zu identifizieren(182).
(181) l. c., p. 37.
(182) Die Giraffenphantasie, p. 24.
Man darf den Eindruck aussprechen, daß in diesen Tierphobien der Kinder
gewisse Züge des Totemismus in negativer Ausprägung wiederkehren. Wir
verdanken aber S. _Ferenczi_ die vereinzelt schöne Beobachtung eines
Falles, den man nur als positiven Totemismus bei einem Kinde bezeichnen
kann(183). Bei dem kleinen Arpád, von dem _Ferenczi_ berichtet, erwachen
die totemistischen Interessen allerdings nicht direkt im Zusammenhang
des Ödipuskomplexes, sondern auf Grund der narzißtischen Voraussetzung
desselben, der Kastrationsangst. Wer aber die Geschichte des kleinen
Hans aufmerksam durchsieht, wird auch in dieser die reichlichsten
Zeugnisse dafür finden, daß der Vater als der Besitzer des großen
Genitales bewundert und als der Bedroher des eigenen Genitales
gefürchtet wird. Im Ödipus- wie im Kastrationskomplex spielt der Vater
die nämliche Rolle, die des gefürchteten Gegners der infantilen
Sexualinteressen. Die Kastration und ihr Ersatz durch die Blendung ist
die von ihm drohende Strafe(184).
(183) S. _Ferenczi_, Ein kleiner Hahnemann. Intern. Zeitschrift für
ärztliche Psychoanalyse, 1913, I, Nr. 3.
(184) Über den Ersatz der Kastration durch die auch im Ödipusmythus
enthaltene Blendung vgl. die Mitteilungen von _Reitler_, _Ferenczi_,
_Rank_ und _Eder_ in Internationale Zeitschrift für ärztliche
Psychoanalyse, 1913, I, Nr. 2.
Als der kleine Arpád zweieinhalb Jahre alt war, versuchte er einmal in
einem Sommeraufenthalte ins Geflügelhaus zu urinieren, wobei ihn ein
Huhn ins Glied biß oder nach seinem Glied schnappte. Als er ein Jahr
später an denselben Ort zurückkehrte, wurde er selbst zum Huhn, er
interessierte sich nur mehr für das Geflügelhaus und alles, was darin
vorging, und gab seine menschliche Sprache gegen Gackern und Krähen auf.
Zur Zeit der Beobachtung (fünf Jahre) sprach er wieder, aber
beschäftigte sich auch in der Rede ausschließlich nur mit Hühnern und
anderem Geflügel. Er spielte mit keinem anderen Spielzeug, sang nur
Lieder, in denen etwas vom Federvieh vorkam. Sein Benehmen gegen sein
Totemtier war exquisit ambivalent, übermäßiges Hassen und Lieben. Am
liebsten spielte er Hühnerschlachten. »Das Schlachten des Federviehs ist
ihm überhaupt ein Fest. Er ist im stande, stundenlang um die Tierleichen
erregt herumzutanzen.« Aber dann küßte und streichelte er das
geschlachtete Tier, reinigte und liebkoste die von ihm selbst
mißhandelten Ebenbilder von Hühnern.
Der kleine Arpád sorgte selbst dafür, daß der Sinn seines sonderbaren
Treibens nicht verborgen bleiben konnte. Er übersetzte gelegentlich
seine Wünsche aus der totemistischen Ausdrucksweise zurück in die des
Alltagslebens. »Mein Vater ist der Hahn,« sagte er einmal. »Jetzt bin
ich klein, jetzt bin ich ein Küchlein. Wenn ich größer werde, bin ich
ein Huhn. Wenn ich noch größer werde, bin ich ein Hahn.« Ein andermal
wünscht er sich plötzlich eine »eingemachte Mutter« zu essen (nach der
Analogie des eingemachten Huhns). Er war sehr freigebig mit deutlichen
Kastrationsandrohungen gegen andere, wie er sie wegen onanistischer
Beschäftigung mit seinem Gliede selbst erfahren hatte.
Über die Quelle seines Interesses für das Treiben im Hühnerhof blieb
nach _Ferenczi_ kein Zweifel: »Der rege Sexualverkehr zwischen Hahn und
Henne, das Eierlegen und das Herauskriechen der jungen Brut«
befriedigten seine sexuelle Wißbegierde, die eigentlich dem menschlichen
Familienleben galt. Nach dem Vorbild des Hühnerlebens hatte er seine
Objektwünsche geformt, wenn er einmal der Nachbarin sagte: »Ich werde
Sie heiraten und Ihre Schwester und meine drei Cousinen und die Köchin,
nein, statt der Köchin lieber die Mutter.«
Wir werden an späterer Stelle die Würdigung dieser Beobachtung
vervollständigen können; heben wir jetzt nur als wertvolle
Übereinstimmungen mit dem Totemismus zwei Züge hervor: Die volle
Identifizierung mit dem Totemtier(185) und die ambivalente
Gefühlseinstellung gegen dasselbe. Wir halten uns nach diesen
Beobachtungen für berechtigt, in die Formel des Totemismus -- für den
Mann -- den Vater an Stelle des Totemtieres einzusetzen. Wir merken
dann, daß wir damit keinen neuen oder besonders kühnen Schritt getan
haben. Die Primitiven sagen es ja selbst und bezeichnen, soweit noch
heute das totemistische System in Kraft besteht, den Totem als ihren
Ahnherrn und Urvater. Wir haben nur eine Aussage dieser Völker wörtlich
genommen, mit welcher die Ethnologen wenig anzufangen wußten, und die
sie darum gern in den Hintergrund gerückt haben. Die Psychoanalyse mahnt
uns, im Gegenteile gerade diesen Punkt hervorzusuchen und an ihn den
Erklärungsversuch des Totemismus zu knüpfen(186).
(185) In welcher nach _Frazer_ das Wesentliche des Totemismus gegeben
ist: »Totemism is an identification of a man with his totem.« T. and
Ex., IV, p. 5.
(186) O. _Rank_ verdanke ich die Mitteilung eines Falles von
Hundephobie bei einem intelligenten jungen Manne, dessen Erklärung,
wie er zu seinem Leiden gekommen sei, merklich an die oben (S. 153)
erwähnte Totemtheorie der _Arunta_ anklingt. Er meinte von seinem
Vater erfahren zu haben, daß seine Mutter während der Schwangerschaft
mit ihm einmal vor einem Hunde erschrocken sei.
Das erste Ergebnis unserer Ersetzung ist sehr merkwürdig. Wenn das
Totemtier der Vater ist, dann fallen die beiden Hauptgebote des
Totemismus, die beiden Tabuvorschriften, die seinen Kern ausmachen, den
Totem nicht zu töten und kein Weib, das dem Totem angehört, sexuell zu
gebrauchen, inhaltlich zusammen mit den beiden Verbrechen des Ödipus,
der seinen Vater tötete und seine Mutter zum Weibe nahm, und mit den
beiden Urwünschen des Kindes, deren ungenügende Verdrängung oder deren
Wiedererweckung den Kern vielleicht aller Psychoneurosen bildet. Sollte
diese Gleichung mehr als ein irreleitendes Spiel des Zufalls sein, so
müßte sie uns gestatten, ein Licht auf die Entstehung des Totemismus in
unvordenklichen Zeiten zu werfen. Mit anderen Worten, es müßte uns
gelingen wahrscheinlich zu machen, daß das totemistische System sich aus
den Bedingungen des Ödipuskomplexes ergeben hat wie die Tierphobie des
»kleinen Hans« und die Geflügelperversion des »kleinen Arpád«. Um dieser
Möglichkeit nachzugehen, werden wir im folgenden eine Eigentümlichkeit
des totemistischen Systems oder, wie wir sagen können, der Totemreligion
studieren, welche bisher kaum Erwähnung finden konnte.
4.
Der im Jahre 1894 verstorbene W. _Robertson Smith_, Physiker, Philologe,
Bibelkritiker und Altertumsforscher, ein ebenso vielseitiger wie
scharfsichtiger und freidenkender Mann, sprach in seinem 1889
veröffentlichten Werke über die Religion der Semiten(187) die Annahme
aus, daß eine eigentümliche Zeremonie, die sogenannte _Totemmahlzeit_,
von allem Anfang an einen integrierenden Bestandteil des totemistischen
Systems gebildet habe. Zur Stütze dieser Vermutung stand ihm damals nur
eine einzige, aus dem V. Jahrhundert n. Chr. überlieferte Beschreibung
eines solchen Aktes zu Gebote, aber er verstand es, die Annahme durch
die Analyse des Opferwesens bei den alten Semiten zu einem hohen Grad
von Wahrscheinlichkeit zu erheben. Da das Opfer eine göttliche Person
voraussetzt, handelt es sich hiebei um den Rückschluß von einer höheren
Phase des religiösen Ritus auf die niedrigste des Totemismus.
(187) W. _Robertson Smith_, The religion of the Semites. Second
Edition, London 1907.
Ich will nun versuchen, aus dem ausgezeichneten Buch von _Robertson
Smith_ die für unser Interesse entscheidenden Sätze über Ursprung und
Bedeutung des Opferritus herauszuheben unter Weglassung aller oft so
reizvollen Details und mit konsequenter Hintansetzung aller späteren
Entwicklungen. Es ist ganz ausgeschlossen, in einem solchen Auszug dem
Leser etwas von der Luzidität oder von der Beweiskraft der Darstellung
im Original zu übermitteln.
_Robertson Smith_ führt aus, daß das Opfer am Altar das wesentliche
Stück im Ritus der alten Religion gewesen ist. Es spielt in allen
Religionen die nämliche Rolle, so daß man seine Entstehung auf sehr
allgemeine und überall gleichartig wirkende Ursachen zurückführen muß.
Das Opfer -- die heilige Handlung ~kat' exochên~ (sacrificium,
~hierourgia~) -- bedeutete aber ursprünglich etwas anderes, als was
spätere Zeiten darunter verstanden: die Darbringung an die Gottheit, um
sie zu versöhnen oder sich geneigt zu machen. (Von dem Nebensinn der
Selbstentäußerung ging dann die profane Verwendung des Wortes aus.) Das
Opfer war nachweisbar zuerst nichts anderes als »_an act of social
fellowship between the deity and his worshippers_«, ein Akt der
Geselligkeit, eine Kommunion der Gläubigen mit ihrem Gotte.
Als Opfer wurden dargebracht eßbare und trinkbare Dinge; dasselbe, wovon
der Mensch sich nährte, Fleisch, Zerealien, Früchte, Wein und Öl, das
opferte er auch seinem Gotte. Nur in bezug auf das Opferfleisch
bestanden Einschränkungen und Abweichungen. Von den Tieropfern speist
der Gott gemeinsam mit seinen Anbetern, die vegetabilischen Opfer sind
ihm allein überlassen. Es ist kein Zweifel, daß die Tieropfer die
älteren sind und einmal die einzigen waren. Die vegetabilischen Opfer
sind aus der Darbringung der Erstlinge aller Früchte hervorgegangen und
entsprechen einem Tribut an den Herrn des Bodens und des Landes. Das
Tieropfer ist aber älter als der Ackerbau.
Es ist aus sprachlichen Überresten gewiß, daß der dem Gott bestimmte
Anteil des Opfers zuerst als seine wirkliche Nahrung angesehen wurde.
Mit der fortschreitenden Dematerialisierung des göttlichen Wesens wurde
diese Vorstellung anstößig; man wich ihr aus, indem man allein den
flüssigen Anteil der Mahlzeit der Gottheit zuwies. Später gestattete der
Gebrauch des Feuers, welcher das Opferfleisch auf dem Altar in Rauch
aufgehen ließ, eine Zurichtung der menschlichen Nahrungsmittel, durch
welche sie dem göttlichen Wesen angemessener wurden. Die Substanz des
Trinkopfers war ursprünglich das Blut der Opfertiere; Wein wurde später
der Ersatz des Blutes. Der Wein galt den Alten als das »Blut der Rebe«,
wie ihn unsere Dichter jetzt noch heißen.
Die älteste Form des Opfers, älter als der Gebrauch des Feuers und die
Kenntnis des Ackerbaues, war also das Tieropfer, dessen Fleisch und Blut
der Gott und seine Anbeter gemeinsam genossen. Es war wesentlich, daß
jeder der Teilnehmer seinen Anteil an der Mahlzeit erhalte.
Ein solches Opfer war eine öffentliche Zeremonie, das Fest eines ganzen
Clan. Die Religion war überhaupt eine allgemeine Angelegenheit, die
religiöse Pflicht ein Stück der sozialen Verpflichtung. Opfer und
Festlichkeit fallen bei allen Völkern zusammen, jedes Opfer bringt ein
Fest mit sich und kein Fest kann ohne Opfer gefeiert werden. Das
Opferfest war eine Gelegenheit der freudigen Erhebung über die eigenen
Interessen, der Betonung der Zusammengehörigkeit untereinander und mit
der Gottheit.
Die ethische Macht der öffentlichen Opfermahlzeit ruhte auf uralten
Vorstellungen über die Bedeutung des gemeinsamen Essens und Trinkens.
Mit einem anderen zu essen und zu trinken, war gleichzeitig ein Symbol
und eine Bekräftigung von sozialer Gemeinschaft und von Übernahme
gegenseitiger Verpflichtungen; die Opfermahlzeit brachte zum direkten
Ausdruck, daß der Gott und seine Anbeter _Commensalen_ sind, aber damit
waren alle ihre anderen Beziehungen gegeben. Gebräuche, die noch heute
unter den Arabern der Wüste in Kraft sind, beweisen, daß das Bindende an
der gemeinsamen Mahlzeit nicht ein religiöses Moment ist, sondern der
Akt des Essens selbst. Wer den kleinsten Bissen mit einem solchen
Beduinen geteilt oder einen Schluck von seiner Milch getrunken hat, der
braucht ihn nicht mehr als Feind zu fürchten, sondern darf seines
Schutzes und seiner Hilfe sicher sein. Allerdings nicht für ewige
Zeiten; streng genommen, nur für so lange, als der gemeinsam genossene
Stoff der Annahme nach in seinem Körper verbleibt. So realistisch wird
das Band der Vereinigung aufgefaßt; es bedarf der Wiederholung, um es zu
verstärken und dauerhaft zu machen.
Warum wird aber dem gemeinsamen Essen und Trinken diese bindende Kraft
zugeschrieben? In den primitivsten Gesellschaften gibt es nur ein Band,
welches unbedingt und ausnahmslos einigt, das der Stammesgemeinschaft
(Kinship). Die Mitglieder dieser Gemeinschaft treten solidarisch für
einander ein, ein Kin ist eine Gruppe von Personen, deren Leben
solcherart zu einer physischen Einheit verbunden sind, daß man sie wie
Stücke eines gemeinsamen Lebens betrachten kann. Es heißt dann beim Mord
eines einzelnen aus dem Kin nicht: das Blut dieses oder jenes ist
vergossen worden, sondern unser Blut ist vergossen worden. Die
hebräische Phrase, mit welcher die Stammesverwandtschaft anerkannt wird,
lautet: Du bist mein Bein und mein Fleisch. Kinship bedeutet also einen
Anteil haben an einer gemeinsamen Substanz. Es ist dann natürlich, daß
sie nicht nur auf die Tatsache gegründet wird, daß man ein Teil von der
Substanz seiner Mutter ist, von der man geboren und mit deren Milch man
genährt wurde, sondern daß auch die Nahrung, die man späterhin genießt
und durch die man seinen Körper erneuert, Kinship erwerben und bestärken
kann. Teilte man die Mahlzeit mit seinem Gotte, so drückte es die
Überzeugung aus, daß man von einem Stoff mit ihm sei, und wen man als
Fremden anerkannte, mit dem teilte man keine Mahlzeit.
Die Opfermahlzeit war also ursprünglich ein Festmahl von
Stammverwandten, dem Gesetze folgend, daß nur Stammverwandte miteinander
essen. In unserer Gesellschaft einigt die Mahlzeit die Mitglieder der
Familie, aber mit der Familie hat die Opfermahlzeit nichts zu tun.
Kinship ist älter als Familienleben; die ältesten uns bekannten Familien
umfassen regelmäßig Personen, die verschiedenen Verwandtschaftsverbänden
angehören. Die Männer heiraten Frauen aus fremden Clans, die Kinder
erben den Clan der Mutter; es besteht keine Stammesverwandtschaft
zwischen dem Manne und den übrigen Familienmitgliedern. In einer solchen
Familie gibt es keine gemeinsame Mahlzeit. Die Wilden essen noch heute
abseits und allein, und die religiösen Speiseverbote des Totemismus
machen ihnen oft die Eßgemeinschaft mit ihren Frauen und Kindern
unmöglich.
Wenden wir uns nun zum Opfertier. Es gab, wie wir gehört, keine
Stammeszusammenkunft ohne Tieropfer, aber -- was nun bedeutsam ist --
auch kein Schlachten eines Tieres außer für solche feierliche
Gelegenheit. Man nährte sich ohne Bedenken von Früchten, Wild und von
der Milch der Haustiere, aber religiöse Skrupel machten es dem einzelnen
unmöglich, ein Haustier für seinen eigenen Gebrauch zu töten. Es leidet
nicht den leisesten Zweifel, sagt _Robertson Smith_, daß jedes Opfer
ursprünglich Clanopfer war, und daß das _Töten eines Schlachtopfers_
ursprünglich zu jenen Handlungen gehörte, _die dem einzelnen verboten
sind und nur dann gerechtfertigt werden, wenn der ganze Stamm die
Verantwortlichkeit mit übernimmt_. Es gibt bei den Primitiven nur eine
Klasse von Handlungen, für welche diese Charakteristik zutrifft, nämlich
Handlungen, welche an die Heiligkeit des dem Stamme gemeinsamen Blutes
rühren. Ein Leben, welches kein einzelner wegnehmen darf, und das nur
durch die Zustimmung, unter der Teilnahme, aller Clangenossen geopfert
werden kann, steht auf derselben Stufe wie das Leben der Stammesgenossen
selbst. Die Regel, daß jeder Gast der Opfermahlzeit vom Fleisch des
Opfertieres genießen müsse, hat denselben Sinn wie die Vorschrift, daß
die Exekution an einem schuldigen Stammesgenossen von dem ganzen Stamm
zu vollziehen sei. Mit anderen Worten: Das Opfertier wurde behandelt wie
ein Stammverwandter, _die opfernde Gemeinde, ihr Gott und das Opfertier
waren eines Blutes_, Mitglieder eines Clan.
_Robertson Smith_ identifiziert auf Grund einer reichen Evidenz das
Opfertier mit dem alten Totemtier. Es gab im späteren Altertum zwei
Arten von Opfern, solche von Haustieren, die auch für gewöhnlich
gegessen wurden, und ungewöhnliche Opfer von Tieren, die als unrein
verboten waren. Die nähere Erforschung zeigt dann, daß diese unreinen
Tiere heilige Tiere waren, daß sie den Göttern als Opfer dargebracht
wurden, denen sie heilig waren, daß diese Tiere ursprünglich identisch
waren mit den Göttern selbst, und daß die Gläubigen in irgend einer
Weise beim Opfer ihre Blutsverwandtschaft mit dem Tiere und dem Gotte
betonten. Für noch frühere Zeiten entfällt aber dieser Unterschied
zwischen gewöhnlichen und »mystischen« Opfern. Alle Tiere sind
ursprünglich heilig, ihr Fleisch ist verboten und darf nur bei
feierlichen Gelegenheiten unter Teilnahme des ganzen Stammes genossen
werden. Das Schlachten des Tieres kommt dem Vergießen von Stammesblut
gleich und muß unter den nämlichen Vorsichten und Sicherungen gegen
Vorwurf geschehen.
Die Zähmung von Haustieren und das Emporkommen der Viehzucht scheint
überall dem reinen und strengen Totemismus der Urzeit ein Ende bereitet
zu haben(188). Aber was in der nun »pastoralen« Religion den Haustieren
an Heiligkeit verblieb, ist deutlich genug, um den ursprünglichen
Totemcharakter derselben erkennen zu lassen. Noch in späten klassischen
Zeiten schrieb der Ritus an verschiedenen Orten dem Opferer vor, nach
vollzogenem Opfer die Flucht zu ergreifen, wie um sich einer Ahndung zu
entziehen. In Griechenland muß die Idee, daß die Tötung eines Ochsen
eigentlich ein Verbrechen sei, einst allgemein geherrscht haben. An dem
athenischen Fest der _Bouphonien_ wurde nach dem Opfer ein förmlicher
Prozeß eingeleitet, bei dem alle Beteiligten zum Verhör kamen. Endlich
einigte man sich, die Schuld an der Mordtat auf das Messer abzuwälzen,
welches dann ins Meer geworfen wurde.
(188) »The inference is that the domestication to which totemism
invariably leads (when there are any animals capable of domestication)
is fatal to totemism.« _Jevons_, An introduction to the history of
religion 1911, fifth edition, p. 120.
Trotz der Scheu, welche das Leben des heiligen Tieres als eines
Stammesgenossen schützt, wird es zur Notwendigkeit, ein solches Tier von
Zeit zu Zeit in feierlicher Gemeinschaft zu töten und Fleisch und Blut
desselben unter die Clangenossen zu verteilen. Das Motiv, welches diese
Tat gebietet, gibt den tiefsten Sinn des Opferwesens preis. Wir haben
gehört, daß in späteren Zeiten jedes gemeinsame Essen, die Teilnahme an
der nämlichen Substanz, welche in ihre Körper eindringt, ein heiliges
Band zwischen den Commensalen herstellt; in ältesten Zeiten scheint
diese Bedeutung nur der Teilnahme an der Substanz eines heiligen Opfers
zuzukommen. _Das heilige Mysterium des Opfertodes rechtfertigt sich,
indem nur auf diesem Wege das heilige Band hergestellt werden kann,
welches die Teilnehmer untereinander und mit ihrem Gotte einigt(189)._
(189) l. c. p. 113.
Dieses Band ist nichts anderes als das Leben des Opfertieres, welches in
seinem Fleisch und seinem Blute wohnt und durch die Opfermahlzeit allen
Teilnehmern mitgeteilt wird. Eine solche Vorstellung liegt allen
_Blutbündnissen_ zu Grunde, durch die sich noch in späten Zeiten
Menschen gegeneinander verpflichten. Die durchaus realistische
Auffassung der Blutsgemeinschaft als Identität der Substanz läßt die
Notwendigkeit verstehen, sie von Zeit zu Zeit durch den physischen
Prozeß der Opfermahlzeit zu erneuern.
Brechen wir hier die Mitteilung der Gedankengänge von _Robertson Smith_
ab, um ihren Kern in gedrängtester Kürze zu resumieren: Als die Idee des
Privateigentums aufkam, wurde das Opfer als eine Gabe an die Gottheit,
als eine Übertragung aus dem Eigentum des Menschen in das des Gottes
aufgefaßt. Allein diese Deutung ließ alle Eigentümlichkeiten des
Opferrituals unaufgeklärt. In ältesten Zeiten war das Opfertier selbst
heilig, sein Leben unverletzlich gewesen; es konnte nur unter der
Teilnahme und Mitschuld des ganzen Stammes und in Gegenwart des Gottes
genommen werden, um die heilige Substanz zu liefern, durch deren Genuß
die Clangenossen sich ihrer stofflichen Identität untereinander und mit
der Gottheit versicherten. Das Opfer war ein Sakrament, das Opfertier
selbst ein Stammesgenosse. Es war in Wirklichkeit das alte Totemtier,
der primitive Gott selbst, durch dessen Tötung und Verzehrung die
Clangenossen ihre Gottähnlichkeit auffrischten und versicherten.
Aus dieser Analyse des Opferwesens zog _Robertson Smith_ den Schluß, daß
die periodische Tötung und Aufzehrung des Totem in Zeiten _vor der
Verehrung anthropomorpher Gottheiten_ ein bedeutsames Stück der
Totemreligion gewesen sei. Das Zeremoniell einer solchen Totemmahlzeit,
meinte er, sei uns in der Beschreibung eines Opfers aus späteren Zeiten
erhalten. Der hl. _Nilus_ berichtet von einer Opfersitte der Beduinen in
der sinaitischen Wüste um das Ende des IV. Jahrhunderts nach Christi
Geburt. Das Opfer, ein Kamel, wurde gebunden auf einen rohen Altar von
Steinen gelegt; der Anführer des Stammes ließ die Teilnehmer dreimal
unter Gesängen um den Altar herumgehen, brachte dem Tiere die erste
Wunde bei und trank gierig das hervorquellende Blut; dann stürzte sich
die ganze Gemeinde auf das Opfer, hieb mit den Schwertern Stücke des
zuckenden Fleisches los und verzehrte sie roh in solcher Hast, daß in
der kurzen Zwischenzeit zwischen dem Aufgang des Morgensterns, dem
dieses Opfer galt, und dem Erblassen des Gestirns vor den Sonnenstrahlen
alles vom Opfertier, Leib, Knochen, Haut, Fleisch und Eingeweide
vertilgt war. Dieser barbarische, von höchster Altertümlichkeit zeugende
Ritus war allen Beweismitteln nach kein vereinzelter Gebrauch, sondern
die allgemeine ursprüngliche Form des Totemopfers, die in späterer Zeit
die verschiedensten Abschwächungen erfuhr.
Viele Autoren haben sich geweigert, der Konzeption der Totemmahlzeit
Gewicht beizulegen, weil sie durch die direkte Beobachtung auf der Stufe
des Totemismus nicht erhärtet werden konnte. _Robertson Smith_ hat noch
selbst auf die Beispiele hingewiesen, in denen die sakramentale
Bedeutung der Opfer gesichert scheint, z. B. bei den Menschenopfern der
Azteken, und auf andere, welche an die Bedingungen der Totemmahlzeit
erinnern, die Bärenopfer des Bärenstammes der _Ouataouaks_ in Amerika
und die Bärenfeste der _Ainos_ in Japan. _Frazer_ hat diese und ähnliche
Fälle in den beiden letzterschienenen Abteilungen seines großen Werkes
ausführlich mitgeteilt(190). Ein Indianerstamm in Kalifornien, der einen
großen Raubvogel (Bussard) verehrt, tötet diesen in feierlicher
Zeremonie einmal im Jahre, worauf er betrauert und seine Haut mit den
Federn aufbewahrt wird. Die _Zuni_indianer in Neumexiko verfahren ebenso
mit ihrer heiligen Schildkröte.
(190) The Golden Bough, Part V, Spirits of the corn and of the wild;
1912, in den Abschnitten: Eating the God und Killing the divine
animal.
In den _Intichiuma_zeremonien der zentralaustralischen Stämme ist ein
Zug beobachtet worden, welcher zu den Voraussetzungen von _Robertson
Smith_ vortrefflich stimmt. Jeder Stamm, der für die Vermehrung seines
Totem, dessen Genuß ihm doch selbst verwehrt ist, Magie treibt, ist
gehalten, bei der Zeremonie etwas von seinem Totem selbst zu genießen,
ehe derselbe den anderen Stämmen zugänglich wird. Das schönste Beispiel
für den sakramentalen Genuß des sonst verbotenen Totem soll sich nach
_Frazer_ bei den _Bini_ in Westafrika in Verbindung mit dem
Begräbniszeremoniell dieser Stämme finden(191).
(191) _Frazer_, T. and Ex. T. II, p. 590.
Wir aber wollen _Robertson Smith_ in der Annahme folgen, daß die
sakramentale Tötung und gemeinsame Aufzehrung des sonst verbotenen
Totemtieres ein bedeutungsvoller Zug der Totemreligion gewesen sei(192).
(192) Die von verschiedenen Autoren (_Marillier_, _Hubert_ und _Mauss_
u. a.) gegen diese Theorie des Opfers vorgebrachten Einwendungen sind
mir nicht unbekannt geblieben, haben aber den Eindruck der Lehren von
_Robertson Smith_ im wesentlichen nicht beeinträchtigt.
5.
Stellen wir uns nun die Szene einer solchen Totemmahlzeit vor und
statten sie noch mit einigen wahrscheinlichen Zügen aus, die bisher
nicht gewürdigt werden konnten. Der Clan, der sein Totemtier bei
feierlichem Anlasse auf grausame Art tötet und es roh verzehrt, Blut,
Fleisch und Knochen; dabei sind die Stammesgenossen in die Ähnlichkeit
des Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie
seine und ihre Identität betonen wollten. Es ist das Bewußtsein dabei,
daß man eine jedem einzelnen verbotene Handlung ausführt, die nur durch
die Teilnahme aller gerechtfertigt werden kann; es darf sich auch keiner
von der Tötung und der Mahlzeit ausschließen. Nach der Tat wird das
hingemordete Tier beweint und beklagt. Die Totenklage ist eine
zwangsmäßige, durch die Furcht vor einer drohenden Vergeltung
erzwungene, ihre Hauptabsicht geht dahin, wie _Robertson Smith_ bei
einer analogen Gelegenheit bemerkt, die Verantwortlichkeit für die
Tötung von sich abzuwälzen(193).
(193) Religion of the Semites, 2nd edition 1907, p. 412.
Aber nach dieser Trauer folgt die lauteste Festfreude, die Entfesselung
aller Triebe und Gestattung aller Befriedigungen. Die Einsicht in das
Wesen des _Festes_ fällt uns hier ohne jede Mühe zu.
Ein Fest ist ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzeß, ein
feierlicher Durchbruch eines Verbots. Nicht weil die Menschen infolge
irgend einer Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie die
Ausschreitungen, sondern der Exzeß liegt im Wesen des Festes; die
festliche Stimmung wird durch die Freigebung des sonst Verbotenen
erzeugt.
Was soll aber die Einleitung zu dieser Festesfreude, die Trauer über den
Tod des Totemtieres? Wenn man sich über die Tötung des Totem, die sonst
versagt ist, freut, warum trauert man auch über sie?
Wir haben gehört, daß sich die Clangenossen durch den Genuß des Totem
heiligen, in ihrer Identifizierung mit ihm und untereinander bestärken.
Daß sie das heilige Leben, dessen Träger die Substanz des Totem ist, in
sich aufgenommen haben, könnte ja die festliche Stimmung und alles, was
aus ihr folgt, erklären.
Die Psychoanalyse hat uns verraten, daß das Totemtier wirklich der
Ersatz des Vaters ist, und dazu stimmte wohl der Widerspruch, daß es
sonst verboten ist, es zu töten, und daß seine Tötung zur Festlichkeit
wird, daß man das Tier tötet und es doch betrauert. Die ambivalente
Gefühlseinstellung, welche den Vaterkomplex heute noch bei unseren
Kindern auszeichnet und sich oft ins Leben der Erwachsenen fortsetzt,
würde sich auch auf den Vaterersatz des Totemtiers erstrecken.
Allein, wenn man die von der Psychoanalyse gegebene Übersetzung des
Totem mit der Tatsache der Totemmahlzeit und der _Darwin_schen Hypothese
über den Urzustand der menschlichen Gesellschaft zusammenhält, ergibt
sich die Möglichkeit eines tieferen Verständnisses, der Ausblick auf
eine Hypothese, die phantastisch erscheinen mag, aber den Vorteil
bietet, eine unvermutete Einheit zwischen bisher gesonderten Reihen von
Phänomenen herzustellen.
Die _Darwin_sche Urhorde hat natürlich keinen Raum für die Anfänge des
Totemismus. Ein gewalttätiger, eifersüchtiger Vater, der alle Weibchen
für sich behält und die heranwachsenden Söhne vertreibt, nichts weiter.
Dieser Urzustand der Gesellschaft ist nirgends Gegenstand der
Beobachtung geworden. Was wir als primitivste Organisation finden, was
noch heute bei gewissen Stämmen in Kraft besteht, das sind
_Männerverbände_, die aus gleichberechtigten Mitgliedern bestehen und
den Einschränkungen des totemistischen Systems unterliegen, dabei
mütterliche Erblichkeit. Kann das eine aus dem anderen hervorgegangen
sein und auf welchem Wege war es möglich?
Die Berufung auf die Feier der Totemmahlzeit gestattet uns eine Antwort
zu geben: Eines Tages(194) taten sich die ausgetriebenen Brüder
zusammen, erschlugen und verzehrten den Vater und machten so der
Vaterhorde ein Ende. Vereint wagten sie und brachten zu stande, was dem
einzelnen unmöglich geblieben wäre. Vielleicht hatte ein
Kulturfortschritt, die Handhabung einer neuen Waffe, ihnen das Gefühl
der Überlegenheit gegeben. Daß sie den Getöteten auch verzehrten, ist
für den kannibalen Wilden selbstverständlich. Der gewalttätige Urvater
war gewiß das beneidete und gefürchtete Vorbild eines jeden aus der
Brüderschar gewesen. Nun setzten sie im Akte des Verzehrens die
Identifizierung mit ihm durch, eigneten sich ein jeder ein Stück seiner
Stärke an. Die Totemmahlzeit, vielleicht das erste Fest der Menschheit,
wäre die Wiederholung und die Gedenkfeier dieser denkwürdigen,
verbrecherischen Tat, mit welcher so vieles seinen Anfang nahm, die
sozialen Organisationen, die sittlichen Einschränkungen und die
Religion(195).
(194) Zu dieser Darstellung, die sonst mißverständlich würde, bitte
ich die Schlußsätze der nachfolgenden Anmerkung als Korrektiv
hinzunehmen.
(195) Die ungeheuerlich erscheinende Annahme der Überwältigung und
Tötung des tyrannischen Vaters durch die Vereinigung der
ausgetriebenen Söhne hat sich auch _Atkinson_ als direkte Folgerung
aus den Verhältnissen der _Darwin_schen Urhorde ergeben. »A youthful
band of brothers living together in forced celibacy, or at most in
polyandrous relation with some single female captive. A horde as yet
weak in their impubescence they are, but they would, when strength was
gained with time inevitably wrench by combined attacks renewed again
and again, both wife and life from the paternal tyrant« (Primal Law,
p. 220-221). _Atkinson_, der übrigens sein Leben in Neu-Caledonien
verbrachte und ungewöhnliche Gelegenheit zum Studium der Eingeborenen
hatte, beruft sich auch darauf, daß die von _Darwin_ supponierten
Zustände der Urhorde bei wilden Rinder- und Pferdeherden leicht zu
beobachten sind und regelmäßig zur Tötung des Vatertieres führen. Er
nimmt dann weiter an, daß nach der Beseitigung des Vaters ein Zerfall
der Horde durch den erbitterten Kampf der siegreichen Söhne
untereinander eintritt. Auf diese Weise käme eine neue Organisation
der Gesellschaft niemals zu stande: »an ever recurring violent
succession to the solitary paternal tyrant by sons, _whose parricidal
hands were so soon again clenched in fratricidal strife_« (p. 228).
_Atkinson_, dem die Winke der Psychoanalyse nicht zu Gebote standen,
und dem die Studien von _Robertson Smith_ nicht bekannt waren, findet
einen minder gewaltsamen Übergang von der Urhorde zur nächsten
sozialen Stufe, auf welcher zahlreiche Männer in friedlicher
Gemeinschaft zusammenleben. Er läßt es die Mutterliebe durchsetzen,
daß anfangs nur die jüngsten, später auch andere Söhne in der Horde
verbleiben, wofür diese Geduldeten das sexuelle Vorrecht des Vaters in
Form der von ihnen geübten Entsagung gegen Mutter und Schwestern
anerkennen.
So viel über die höchst bemerkenswerte Theorie von _Atkinson_, ihre
Übereinstimmung mit der hier vorgetragenen im _wesentlichen_ Punkte
und ihre Abweichung davon, welche den Verzicht auf den Zusammenhang
mit so vielem anderen mit sich bringt.
Die Unbestimmtheit, die zeitliche Verkürzung und inhaltliche
Zusammendrängung der Angaben in meinen obenstehenden Ausführungen darf
ich als eine durch die Natur des Gegenstandes geforderte Enthaltung
hinstellen. Es wäre ebenso unsinnig, in dieser Materie Exaktheit
anzustreben, wie es unbillig wäre, Sicherheiten zu fordern.
Um, von der Voraussetzung absehend, diese Folgen glaubwürdig zu finden,
braucht man nur anzunehmen, daß die sich zusammenrottende Brüderschar
von denselben einander widersprechenden Gefühlen gegen den Vater
beherrscht war, die wir als Inhalt der Ambivalenz des Vaterkomplexes bei
jedem unserer Kinder und unserer Neurotiker nachweisen können. Sie
haßten den Vater, der ihrem Machtbedürfnis und ihren sexuellen
Ansprüchen so mächtig im Wege stand, aber sie liebten und bewunderten
ihn auch. Nachdem sie ihn beseitigt, ihren Haß befriedigt und ihren
Wunsch nach Identifizierung mit ihm durchgesetzt hatten, mußten sich die
dabei überwältigten zärtlichen Regungen zur Geltung bringen(196). Es
geschah in der Form der Reue, es entstand ein Schuldbewußtsein, welches
hier mit der gemeinsam empfundenen Reue zusammenfällt. Der Tote wurde
nun stärker, als der Lebende gewesen war; all dies, wie wir es noch
heute an Menschenschicksalen sehen. Was er früher durch seine Existenz
verhindert hatte, das verboten sie sich jetzt selbst in der psychischen
Situation des uns aus den Psychoanalysen so wohl bekannten
»_nachträglichen Gehorsams_«. Sie widerriefen ihre Tat, indem sie die
Tötung des Vaterersatzes, des Totem, für unerlaubt erklärten, und
verzichteten auf deren Früchte, indem sie sich die freigewordenen Frauen
versagten. So schufen sie aus dem _Schuldbewußtsein des Sohnes_ die
beiden fundamentalen Tabu des Totemismus, die eben darum mit den beiden
verdrängten Wünschen des Ödipuskomplexes übereinstimmen mußten. Wer
dawiderhandelte, machte sich der beiden einzigen Verbrechen schuldig,
welche die primitive Gesellschaft bekümmerten(197).
(196) Dieser neuen Gefühlseinstellung mußte auch zu gute kommen, daß
die Tat keinem der Täter die volle Befriedigung bringen konnte. Sie
war in gewisser Hinsicht vergeblich geschehen. Keiner der Söhne konnte
ja seinen ursprünglichen Wunsch durchsetzen, die Stelle des Vaters
einzunehmen. Der Mißerfolg ist aber, wie wir wissen, der moralischen
Reaktion weit günstiger als die Befriedigung.
(197) »Murder and incest, or offences of a like kind against the
sacred law of blood are in primitive society the only crimes of which
the community as such takes cognisance ...« Religion of the Semites,
p. 419.
Die beiden Tabu des Totemismus, mit denen die Sittlichkeit der Menschen
beginnt, sind psychologisch nicht gleichwertig. Nur das eine, die
Schonung des Totemtieres, ruht ganz auf Gefühlsmotiven; der Vater war ja
beseitigt, in der Realität war nichts mehr gutzumachen. Das andere aber,
das Inzestverbot, hatte auch eine starke praktische Begründung. Das
sexuelle Bedürfnis einigt die Männer nicht, sondern entzweit sie. Hatten
sich die Brüder verbündet, um den Vater zu überwältigen, so war jeder
des anderen Nebenbuhler bei den Frauen. Jeder hätte sie wie der Vater
alle für sich haben wollen, und in dem Kampfe aller gegen alle wäre die
neue Organisation zu Grunde gegangen. Es war kein Überstarker mehr da,
der die Rolle des Vaters mit Erfolg hätte aufnehmen können. Somit blieb
den Brüdern, wenn sie miteinander leben wollten, nichts übrig, als --
vielleicht nach Überwindung schwerer Zwischenfälle -- das Inzestverbot
aufzurichten, mit welchem sie alle zugleich auf die von ihnen begehrten
Frauen verzichteten, um deren wegen sie doch in erster Linie den Vater
beseitigt hatten. Sie retteten so die Organisation, welche sie stark
gemacht hatte, und die auf homosexuellen Gefühlen und Betätigungen ruhen
konnte, welche sich in der Zeit der Vertreibung bei ihnen eingestellt
haben mochten. Vielleicht war es auch diese Situation, welche den Keim
zu den von _Bachofen_ erkannten Institutionen des _Mutterrechts_ legte,
bis dieses von der patriarchalischen Familienordnung abgelöst wurde.
An das andere Tabu, welches das Leben des Totemtieres beschützt, knüpft
hingegen der Anspruch des Totemismus an, als erster Versuch einer
Religion gewertet zu werden. Bot sich dem Empfinden der Söhne das Tier
als natürlicher und nächstliegender Ersatz des Vaters, so fand sich in
der ihnen zwanghaft gebotenen Behandlung desselben doch noch mehr
Ausdruck als das Bedürfnis, ihre Reue zur Darstellung zu bringen. Es
konnte mit dem Vatersurrogat der Versuch gemacht werden, das brennende
Schuldgefühl zu beschwichtigen, eine Art von Aussöhnung mit dem Vater zu
bewerkstelligen. Das totemistische System war gleichsam ein Vertrag mit
dem Vater, in dem der letztere all das zusagte, was die kindliche
Phantasie vom Vater erwarten durfte, Schutz, Fürsorge und Schonung,
wogegen man sich verpflichtete, sein Leben zu ehren, das heißt die Tat
an ihm nicht zu wiederholen, durch die der wirkliche Vater zu Grunde
gegangen war. Es lag auch ein Rechtfertigungsversuch im Totemismus.
»Hätte der Vater uns behandelt wie der Totem, wir wären nie in die
Versuchung gekommen, ihn zu töten.« So verhalf der Totemismus dazu, die
Verhältnisse zu beschönigen und das Ereignis vergessen zu machen, dem er
seine Entstehung verdankte.
Es wurden hiebei Züge geschaffen, die fortan für den Charakter der
Religion bestimmend blieben. Die Totemreligion war aus dem
Schuldbewußtsein der Söhne hervorgegangen als Versuch, dies Gefühl zu
beschwichtigen und den beleidigten Vater durch nachträglichen Gehorsam
zu versöhnen. Alle späteren Religionen erweisen sich als Lösungsversuche
desselben Problems, variabel je nach dem kulturellen Zustand, in dem sie
unternommen werden, und nach den Wegen, die sie einschlagen, aber es
sind alle gleichzielende Reaktionen auf dieselbe große Begebenheit, mit
der die Kultur begonnen hat, und die seitdem die Menschheit nicht zur
Ruhe kommen läßt.
Auch ein anderer Charakter, den die Religion treu bewahrt hat, ist
damals schon im Totemismus hervorgetreten. Die Ambivalenzspannung war
wohl zu groß, um durch irgend eine Veranstaltung ausgeglichen zu werden,
oder die psychologischen Bedingungen sind der Erledigung dieser
Gefühlsgegensätze überhaupt nicht günstig. Man merkt jedenfalls, daß die
dem Vaterkomplex anhaftende Ambivalenz sich auch in den Totemismus und
in die Religionen überhaupt fortsetzt. Die Religion des Totem umfaßt
nicht nur die Äußerungen der Reue und die Versuche der Versöhnung,
sondern dient auch der Erinnerung an den Triumph über den Vater. Die
Befriedigung darüber läßt das Erinnerungsfest der Totemmahlzeit
einsetzen, bei dem die Einschränkungen des nachträglichen Gehorsams
wegfallen, macht es zur Pflicht, das Verbrechen des Vatermordes in der
Opferung des Totemtieres immer wieder von neuem zu wiederholen, so oft
der festgehaltene Erwerb jener Tat, die Aneignung der Eigenschaften des
Vaters, infolge der veränderten Einflüsse des Lebens zu entschwinden
droht. Wir werden nicht überrascht sein zu finden, daß auch der Anteil
des Sohnestrotzes, oft in den merkwürdigsten Verkleidungen und
Umwendungen, in späteren Religionsbildungen wieder auftaucht.
Verfolgen wir in Religion und sittlicher Vorschrift, die im Totemismus
noch wenig scharf gesondert sind, bisher die Folgen der in Reue
verwandelten zärtlichen Strömung gegen den Vater, so wollen wir doch
nicht übersehen, daß im wesentlichen die Tendenzen, welche zum Vatermord
gedrängt haben, den Sieg behalten. Die sozialen Brudergefühle, auf denen
die große Umwälzung ruht, bewahren von nun an über lange Zeiten den
tiefstgehenden Einfluß auf die Entwicklung der Gesellschaft. Sie
schaffen sich Ausdruck in der Heiligung des gemeinsamen Blutes, in der
Betonung der Solidarität aller Leben desselben Clans. Indem die Brüder
sich einander so das Leben zusichern, sprechen sie aus, daß niemand von
ihnen vom anderen behandelt werden dürfe, wie der Vater von ihnen allen
gemeinsam. Sie schließen eine Wiederholung des Vaterschicksals aus. Zum
religiös begründeten Verbot, den Totem zu töten, kommt nun das sozial
begründete Verbot des Brudermordes hinzu. Es wird dann noch lange
währen, bis das Gebot die Einschränkung auf den Stammesgenossen
abstreifen und den einfachen Wortlaut annehmen wird: Du sollst nicht
morden. Zunächst ist an Stelle der _Vaterhorde_ der _Brüderclan_
getreten, welcher sich durch das Blutband versichert hat. Die
Gesellschaft ruht jetzt auf der Mitschuld an dem gemeinsam verübten
Verbrechen, die Religion auf dem Schuldbewußtsein und der Reue darüber,
die Sittlichkeit teils auf den Notwendigkeiten dieser Gesellschaft, zum
anderen Teil auf den vom Schuldbewußtsein geforderten Bußen.
Im Gegensatz zu den neueren und in Anlehnung an die älteren Auffassungen
des totemistischen Systems heißt uns also die Psychoanalyse einen
innigen Zusammenhang und gleichzeitigen Ursprung von Totemismus und
Exogamie vertreten.
6.
Ich stehe unter der Einwirkung einer großen Anzahl von starken Motiven,
die mich vom Versuche zurückhalten werden, die weitere Entwicklung der
Religionen von ihrem Beginn im Totemismus an bis zu ihrem heutigen
Stande zu schildern. Ich will nur zwei Fäden hindurch verfolgen, wo ich
sie im Gewebe besonders deutlich auftauchen sehe: Das Motiv des
Totemopfers und das Verhältnis des Sohnes zum Vater(198).
(198) Vgl. die zum Teil von abweichenden Gesichtspunkten beherrschte
Arbeit von C. G. _Jung_, Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrbuch
von _Bleuler-Freud_, IV, 1912.
_Robertson Smith_ hat uns belehrt, daß die alte Totemmahlzeit in der
ursprünglichen Form des Opfers wiederkehrt. Der Sinn der Handlung ist
derselbe: Die Heiligung durch die Teilnahme an der gemeinsamen Mahlzeit;
auch das Schuldbewußtsein ist dabei geblieben, welches nur durch die
Solidarität aller Teilnehmer beschwichtigt werden kann. Neu
hinzugekommen ist die Stammesgottheit, in deren gedachter Gegenwart das
Opfer stattfindet, die an dem Mahle teilnimmt wie ein Stammesgenosse,
und mit der man sich durch den Genuß am Opfer identifiziert. Wie kommt
der Gott in die ihm ursprünglich fremde Situation?
Die Antwort könnte lauten, es sei unterdes -- unbekannt woher -- die
Gottesidee aufgetaucht, habe sich das ganze religiöse Leben unterworfen,
und wie alles andere, was bestehen bleiben wollte, hätte auch die
Totemmahlzeit den Anschluß an das neue System gewinnen müssen. Allein
die psychoanalytische Erforschung des einzelnen Menschen lehrt mit einer
ganz besonderen Nachdrücklichkeit, daß für jeden der Gott nach dem Vater
gebildet ist, daß sein persönliches Verhältnis zu Gott von seinem
Verhältnis zum leiblichen Vater abhängt, mit ihm schwankt und sich
verwandelt, und daß Gott im Grunde nichts anderes ist als ein erhöhter
Vater. Die Psychoanalyse rät auch hier wie im Falle des Totemismus, den
Gläubigen Glauben zu schenken, die Gott Vater nennen, wie sie den Totem
Ahnherrn genannt haben. Wenn die Psychoanalyse irgend welche Beachtung
verdient, so muß, unbeschadet aller anderen Ursprünge und Bedeutungen
Gottes, auf welche die Psychoanalyse kein Licht werfen kann, der
Vateranteil an der Gottesidee ein sehr gewichtiger sein. Dann wäre aber
in der Situation des primitiven Opfers der Vater zweimal vertreten,
einmal als Gott und dann als das Totemopfertier, und bei allem
Bescheiden mit der geringen Mannigfaltigkeit der psychoanalytischen
Lösungen müssen wir fragen, ob das möglich ist und welchen Sinn es haben
kann.
Wir wissen, daß mehrfache Beziehungen zwischen dem Gott und dem heiligen
Tier (Totem, Opfertier) bestehen: 1. Jedem Gott ist gewöhnlich ein Tier
heilig, nicht selten selbst mehrere; 2. in gewissen, besonders heiligen
Opfern, den »mystischen« wurde dem Gotte gerade das ihm geheiligte Tier
zum Opfer dargebracht(199); 3. der Gott wurde häufig in der Gestalt
eines Tieres verehrt oder, anders gesehen, Tiere genossen göttliche
Verehrung lange nach dem Zeitalter des Totemismus; 4. in den Mythen
verwandelt sich der Gott häufig in ein Tier, oft in das ihm geheiligte.
So läge die Annahme nahe, daß der Gott selbst das Totemtier wäre, sich
auf einer späteren Stufe des religiösen Fühlens aus dem Totemtier
entwickelt hätte. Aller weiteren Diskussion überhebt uns aber die
Erwägung, daß der Totem selbst nichts anderes ist als ein Vaterersatz.
So mag er die erste Form des Vaterersatzes sein, der Gott aber eine
spätere, in welcher der Vater seine menschliche Gestalt wiedergewonnen.
Eine solche Neuschöpfung aus der Wurzel aller Religionsbildung, der
_Vatersehnsucht_, konnte möglich werden, wenn sich im Laufe der Zeiten
am Verhältnis zum Vater -- und vielleicht, auch zum Tiere --
Wesentliches geändert hatte.
(199) _Robertson Smith_, Religion of the Semites.
Solche Veränderungen lassen sich leicht erraten, auch wenn man von dem
Beginn einer psychischen Entfremdung von dem Tiere und von der
Zersetzung des Totemismus durch die Domestikation absehen will(200). In
der durch die Beseitigung des Vaters hergestellten Situation lag ein
Moment, welches im Laufe der Zeit eine außerordentliche Steigerung der
Vatersehnsucht erzeugen mußte. Die Brüder, welche sich zur Tötung des
Vaters zusammengetan hatten, waren ja jeder für sich vom Wunsche beseelt
gewesen, dem Vater gleich zu werden, und hatten diesem Wunsche durch
Einverleibung von Teilen seines Ersatzes in der Totemmahlzeit Ausdruck
gegeben. Dieser Wunsch mußte infolge des Druckes, welchen die Bande des
Brüderclan auf jeden Teilnehmer übten, unerfüllt bleiben. Es konnte und
durfte niemand mehr die Machtvollkommenheit des Vaters erreichen, nach
der sie doch alle gestrebt hatten. Somit konnte im Laufe langer Zeiten
die Erbitterung gegen den Vater, die zur Tat gedrängt hatte, nachlassen,
die Sehnsucht nach ihm wachsen, und es konnte ein Ideal entstehen,
welches die Machtfülle und Unbeschränktheit des einst bekämpften
Urvaters und die Bereitwilligkeit, sich ihm zu unterwerfen, zum Inhalt
hatte. Die ursprüngliche demokratische Gleichstellung aller einzelnen
Stammesgenossen war infolge einschneidender kultureller Veränderungen
nicht mehr festzuhalten; somit zeigte sich eine Geneigtheit, in
Anlehnung an die Verehrung einzelner Menschen, die sich vor anderen
hervorgetan hatten, das alte Vaterideal in der Schöpfung von Göttern
wieder zu beleben. Daß ein Mensch zum Gott wird und daß ein Gott stirbt,
was uns heute als empörende Zumutung erscheint, war ja noch für das
Vorstellungsvermögen des klassischen Altertums keineswegs anstößig(201).
Die Erhöhung des einst gemordeten Vaters zum Gott, von dem nun der Stamm
seine Herkunft ableitete, war aber ein weit ernsthafterer Sühneversuch
als seinerzeit der Vertrag mit dem Totem.
(200) S. o. S. 184.
(201) »To us moderns for whom the breach which divides the human and
the divine has deepened into an impassible gulf such mimicry may
appear impious, but it was otherwise with the ancients. To their
thinking gods and men were akin, for many families traced their
descent from a divinity, and the deification of a man probably seemed
as little extraordinary to them as the canonisation of a saint seems
to a modern catholic.« _Frazer_, Golden Bough, I. The magic art and
the evolution of kings, II, p. 177.
Wo sich in dieser Entwicklung die Stelle für die großen Muttergottheiten
findet, die vielleicht allgemein den Vatergöttern vorhergegangen sind,
weiß ich nicht anzugeben. Sicher scheint aber, daß die Wandlung im
Verhältnis zum Vater sich nicht auf das religiöse Gebiet beschränkte,
sondern folgerichtig auf die andere durch die Beseitigung des Vaters
beeinflußte Seite des menschlichen Lebens, auf die soziale Organisation,
übergriff. Mit der Einsetzung der Vatergottheiten wandelte sich die
vaterlose Gesellschaft allmählich in die patriarchalisch geordnete um.
Die Familie war eine Wiederherstellung der einstigen Urhorde und gab den
Vätern auch ein großes Stück ihrer früheren Rechte wieder. Es gab jetzt
wieder Väter, aber die sozialen Errungenschaften des Brüderclan waren
nicht aufgegeben worden, und der faktische Abstand der neuen
Familienväter vom unumschränkten Urvater der Horde war groß genug, um
die Fortdauer des religiösen Bedürfnisses, die Erhaltung der
ungestillten Vatersehnsucht, zu versichern.
In der Opferszene vor dem Stammesgott ist also der Vater wirklich
zweimal enthalten, als Gott und als Totemopfertier. Aber bei dem
Versuch, diese Situation zu verstehen, werden wir uns vor Deutungen in
Acht nehmen, welche sie in flächenhafter Auffassung wie eine Allegorie
übersetzen wollen und dabei der historischen Schichtung vergessen. Die
zweifache Anwesenheit des Vaters entspricht den zwei einander zeitlich
ablösenden Bedeutungen der Szene. Die ambivalente Einstellung gegen den
Vater hat hier plastischen Ausdruck gefunden und ebenso der Sieg der
zärtlichen Gefühlsregungen des Sohnes über seine feindseligen. Die Szene
der Überwältigung des Vaters, seiner größten Erniedrigung, ist hier zum
Material für eine Darstellung seines höchsten Triumphes geworden. Die
Bedeutung, die das Opfer ganz allgemein gewonnen hat, liegt eben darin,
daß es dem Vater die Genugtuung für die an ihm verübte Schmach in
derselben Handlung bietet, welche die Erinnerung an diese Untat
fortsetzt.
In weiterer Folge verliert das Tier seine Heiligkeit und das Opfer die
Beziehung zur Totemfeier; es wird zu einer einfachen Darbringung an die
Gottheit, zu einer Selbstentäußerung zu Gunsten des Gottes. Gott selbst
ist jetzt so hoch über den Menschen erhaben, daß man mit ihm nur durch
die Vermittlung des Priesters verkehren kann. Gleichzeitig kennt die
soziale Ordnung göttergleiche Könige, welche das patriarchalische System
auf den Staat übertragen. Wir müssen sagen, die Rache des gestürzten und
wiedereingesetzten Vaters ist eine harte geworden, die Herrschaft der
Autorität steht auf ihrer Höhe. Die unterworfenen Söhne haben das neue
Verhältnis dazu benützt, um ihr Schuldbewußtsein noch weiter zu
entlasten. Das Opfer, wie es jetzt ist, fällt ganz aus ihrer
Verantwortlichkeit heraus. Gott selbst hat es verlangt und angeordnet.
Zu dieser Phase gehören Mythen, in welchen der Gott selbst das Tier
tötet, das ihm heilig ist, das er eigentlich selbst ist. Dies ist die
äußerste Verleugnung der großen Untat, mit welcher die Gesellschaft und
das Schuldbewußtsein begann. Eine zweite Bedeutung dieser letzteren
Opferdarstellung ist nicht zu verkennen. Sie drückt die Befriedigung
darüber aus, daß man den früheren Vaterersatz zu Gunsten der höheren
Gottesvorstellung verlassen hat. Die flach allegorische Übersetzung der
Szene fällt hier ungefähr mit ihrer psychoanalytischen Deutung zusammen.
Jene lautet: Es werde dargestellt, daß der Gott den tierischen Anteil
seines Wesens überwindet(202).
(202) Die Überwindung einer Göttergeneration durch eine andere in den
Mythologien bedeutet bekanntlich den historischen Vorgang der
Ersetzung eines religiösen Systems durch ein neues, sei es infolge von
Eroberung durch ein Fremdvolk oder auf dem Wege psychologischer
Entwicklung. Im letzteren Falle nähert sich der Mythus den
»funktionalen Phänomenen« im Sinne von H. _Silberer_. Daß der das Tier
tötende Gott ein Libidosymbol ist, wie C. G. _Jung_ (l. c.) behauptet,
setzt einen anderen Begriff der Libido als den bisher verwendeten
voraus und erscheint mir überhaupt fragwürdig.
Es wäre indes irrig, wenn man glauben wollte, in diesen Zeiten der
erneuerten Vaterautorität seien die feindseligen Regungen, welche dem
Vaterkomplex zugehören, völlig verstummt. Aus den ersten Phasen der
Herrschaft der beiden neuen Vaterersatzbildungen, der Götter und der
Könige, kennen wir vielmehr die energischesten Äußerungen jener
Ambivalenz, welche für die Religion charakteristisch bleibt.
_Frazer_ hat in seinem großen Werk »The Golden Bough« die Vermutung
ausgesprochen, daß die ersten Könige der lateinischen Stämme Fremde
waren, welche die Rolle einer Gottheit spielten und in dieser Rolle an
einem bestimmten Festtage feierlich hingerichtet wurden. Die jährliche
Opferung (Variante: Selbstopferung) eines Gottes scheint ein
wesentlicher Zug der semitischen Religionen gewesen zu sein. Das
Zeremoniell der Menschenopfer an den verschiedensten Stellen der
bewohnten Erde läßt wenig Zweifel darüber, daß diese Menschen als
Repräsentanten der Gottheit ihr Ende fanden, und in der Ersetzung des
lebenden Menschen durch eine leblose Nachahmung (Puppe) läßt sich dieser
Opfergebrauch noch in späte Zeiten verfolgen. Das theanthropische
Gottesopfer, welches ich hier leider nicht mit der gleichen Vertiefung
wie das Tieropfer behandeln kann, wirft ein helles Licht nach rückwärts
auf den Sinn der älteren Opferformen. Es bekennt mit kaum zu
überbietender Aufrichtigkeit, daß das Objekt der Opferhandlung immer das
nämliche war, dasselbe, was nun als Gott verehrt wird, der Vater also.
Die Frage nach dem Verhältnis von Tier- und Menschenopfer findet jetzt
eine einfache Lösung. Das ursprüngliche Tieropfer war bereits ein Ersatz
für ein Menschenopfer, für die feierliche Tötung des Vaters, und als der
Vaterersatz seine menschliche Gestalt wieder erhielt, konnte sich das
Tieropfer auch wieder in das Menschenopfer verwandeln.
So hatte sich die Erinnerung an jene erste große Opfertat als
unzerstörbar erwiesen, trotz aller Bemühungen, sie zu vergessen, und
gerade als man sich von ihren Motiven am weitesten entfernen wollte,
mußte in der Form des Gottesopfers ihre unentstellte Wiederholung zu
Tage treten. Welche Entwicklungen des religiösen Denkens als
Rationalisierungen diese Wiederkehr ermöglicht haben, brauche ich an
dieser Stelle nicht auszuführen. _Robertson Smith_, dem ja unsere
Zurückführung des Opfers auf jenes große Ereignis der menschlichen
Urgeschichte fern liegt, gibt an, daß die Zeremonien jener Feste, mit
denen die alten Semiten den Tod einer Gottheit feierten, als
»_commemoration of a mythical tragedy_« ausgelegt wurden, und daß die
Klage dabei nicht den Charakter einer spontanen Teilnahme hatte, sondern
etwas Zwangsmäßiges, von der Furcht vor dem göttlichen Zorn Gebotenes an
sich trug(203). Wir glauben zu erkennen, daß diese Auslegung im Rechte
war, und daß die Gefühle der Feiernden in der zu Grunde liegenden
Situation ihre gute Aufklärung fanden.
(203) Religion of the Semites, p. 412-413. »The mourning is not a
spontaneous expression of sympathy with the divine tragedy but
obligatory and enforced by fear of supernatural anger. And a chief
object of the mourners is to _disclaim responsibility for the god's
death_ -- a point which has already come before us in connection with
theanthropic sacrifices, such as the »oxmurder at Athens«.
Nehmen wir es nun als Tatsache hin, daß auch in der weiteren Entwicklung
der Religionen die beiden treibenden Faktoren, das Schuldbewußtsein des
Sohnes und der Sohnestrotz, niemals erlöschen. Jeder Lösungsversuch des
religiösen Problems, jede Art der Versöhnung der beiden widerstreitenden
seelischen Mächte wird allmählich hinfällig, wahrscheinlich unter dem
kombinierten Einfluß von kulturellen Änderungen, historischen
Ereignissen und inneren psychischen Wandlungen.
Mit immer größerer Deutlichkeit tritt das Bestreben des Sohnes hervor,
sich an die Stelle des Vatergottes zu setzen. Mit der Einführung des
Ackerbaues hebt sich die Bedeutung des Sohnes in der patriarchalischen
Familie. Er getraut sich neuer Äußerungen seiner inzestuösen Libido, die
in der Bearbeitung der Mutter Erde eine symbolische Befriedigung findet.
Es entstehen die Göttergestalten des Attis, Adonis, Tammuz u. a.,
Vegetationsgeister und zugleich jugendliche Gottheiten, welche die
Liebesgunst mütterlicher Gottheiten genießen, den Mutterinzest dem Vater
zum Trotze durchsetzen. Allein das Schuldbewußtsein, welches durch diese
Schöpfungen nicht beschwichtigt ist, drückt sich in den Mythen aus, die
diesen jugendlichen Geliebten der Muttergöttinnen ein kurzes Leben und
eine Bestrafung durch Entmannung oder durch den Zorn des Vatergottes in
Tierform bescheiden. Adonis wird durch den Eber getötet, das heilige
Tier der Aphrodite; Attis, der Geliebte der Kybele, stirbt an
Entmannung(204). Die Beweinung und die Freude über die Auferstehung
dieser Götter ist in das Rituale einer anderen Sohnesgottheit
übergegangen, welche zu dauerndem Erfolge bestimmt war.
(204) Die Kastrationsangst spielt eine außerordentlich große Rolle in
der Störung des Verhältnisses zum Vater bei unseren jugendlichen
Neurotikern. Aus der schönen Beobachtung von _Ferenczi_ haben wir
ersehen, wie der Knabe seinen Totem in dem Tier erkennt, welches nach
seinem kleinen Gliede schnappt. Wenn unsere Kinder von der rituellen
Beschneidung erfahren, stellen sie dieselbe der Kastration gleich. Die
völkerpsychologische Parallele zu diesem Verhalten der Kinder ist
meines Wissens noch nicht ausgeführt worden. Die in der Urzeit und bei
primitiven Völkern so häufige Beschneidung gehört dem Zeitpunkt der
Männerweihe an, wo sie ihre Bedeutung finden muß, und ist erst
sekundär in frühere Lebenszeiten zurückgeschoben worden. Es ist
überaus interessant, daß die Beschneidung bei den Primitiven mit
Haarabschneiden und Zahnausschlagen kombiniert oder durch sie ersetzt
ist, und daß unsere Kinder, die von diesem Sachverhalt nichts wissen
können, in ihren Angstreaktionen diese beiden Operationen wirklich wie
Äquivalente der Kastration behandeln.
Als das Christentum seinen Einzug in die antike Welt begann, traf es auf
die Konkurrenz der Mithrasreligion, und es war für eine Weile
zweifelhaft, welcher Gottheit der Sieg zufallen würde.
Die lichtumflossene Gestalt des persischen Götterjünglings ist doch
unserem Verständnis dunkel geblieben. Vielleicht darf man aus den
Darstellungen der Stiertötungen durch Mithras schließen, daß er jenen
Sohn vorstellte, der die Opferung des Vaters allein vollzog und somit
die Brüder von der sie drückenden Mitschuld an der Tat erlöste. Es gab
einen anderen Weg zur Beschwichtigung dieses Schuldbewußtseins und
diesen beschritt erst Christus. Er ging hin und opferte sein eigenes
Leben und dadurch erlöste er die Brüderschar von der Erbsünde.
Die Lehre von der Erbsünde ist _orphischer_ Herkunft; sie wurde in den
Mysterien erhalten und drang von da aus in die Philosophenschulen des
griechischen Altertums ein(205). Die Menschen waren die Nachkommen von
Titanen, welche den jungen Dionysos-Zagreus getötet und zerstückelt
hatten; die Last dieses Verbrechens drückte auf sie. In einem Fragment
von _Anaximander_ wird gesagt, daß die Einheit der Welt durch ein
urzeitliches Verbrechen zerstört worden sei, und daß alles, was daraus
hervorgegangen, die Strafe dafür weiter tragen muß(206). Erinnert die
Tat der Titanen durch die Züge der Zusammenrottung, der Tötung und
Zerreißung deutlich genug an das von St. _Nilus_ beschriebene
Totemopfer, -- wie übrigens viele andere Mythen des Altertums, z. B. der
Tod des Orpheus selbst --, so stört uns hier doch die Abweichung, daß
die Mordtat an einem jugendlichen Gotte vollzogen wird.
(205) _Reinach_, Cultes, Mythes et Religions, II., p. 75 ff.
(206) »Une sorte de péché proethnique« l. c., p. 76.
Im christlichen Mythus ist die Erbsünde des Menschen unzweifelhaft eine
Versündigung gegen Gottvater. Wenn nun Christus die Menschen von dem
Drucke der Erbsünde erlöst, indem er sein eigenes Leben opfert, so
zwingt er uns zu dem Schlusse, daß diese Sünde eine Mordtat war. Nach
dem im menschlichen Fühlen tiefgewurzelten Gesetz der Talion kann ein
Mord nur durch die Opferung eines anderen Lebens gesühnt werden; die
Selbstaufopferung weist auf eine Blutschuld zurück(207). Und wenn dieses
Opfer des eigenen Lebens die Versöhnung mit Gottvater herbeiführt, so
kann das zu sühnende Verbrechen kein anderes als der Mord am Vater
gewesen sein.
(207) Die Selbstmordimpulse unserer Neurotiker erweisen sich
regelmäßig als Selbstbestrafungen für Todeswünsche, die gegen andere
gerichtet sind.
So bekennt sich denn in der christlichen Lehre die Menschheit am
unverhülltesten zu der schuldvollen Tat der Urzeit, weil sie nun im
Opfertod des einen Sohnes die ausgiebigste Sühne für sie gefunden hat.
Die Versöhnung mit dem Vater ist um so gründlicher, weil gleichzeitig
mit diesem Opfer der volle Verzicht auf das Weib erfolgt, um dessen
Willen man sich gegen den Vater empört hatte. Aber nun fordert auch das
psychologische Verhängnis der Ambivalenz seine Rechte. Mit der gleichen
Tat, welche dem Vater die größtmögliche Sühne bietet, erreicht auch der
Sohn das Ziel seiner Wünsche gegen den Vater. Er wird selbst zum Gott
neben, eigentlich an Stelle des Vaters. Die Sohnesreligion löst die
Vaterreligion ab. Zum Zeichen dieser Ersetzung wird die alte
Totemmahlzeit als Kommunion wieder belebt, in welcher nun die
Brüderschar vom Fleisch und Blut des Sohnes, nicht mehr des Vaters,
genießt, sich durch diesen Genuß heiligt und mit ihm identifiziert.
Unser Blick verfolgt durch die Länge der Zeiten die Identität der
Totemmahlzeit mit dem Tieropfer, dem theanthropischen Menschenopfer und
mit der christlichen Eucharistie und erkennt in all diesen
Feierlichkeiten die Nachwirkung jenes Verbrechens, welches die Menschen
so sehr bedrückte, und auf das sie doch so stolz sein mußten. Die
christliche Kommunion ist aber im Grunde eine neuerliche Beseitigung des
Vaters, eine Wiederholung der zu sühnenden Tat. Wir merken, wie
berechtigt der Satz von _Frazer_ ist, daß »the Christian communion has
absorbed within itself a sacrament which is doubtless far older than
Christianity(208)«.
(208) Eating the God, p. 51. ..... Niemand, der mit der Literatur des
Gegenstandes vertraut ist, wird annehmen, daß die Zurückführung der
christlichen Kommunion auf die Totemmahlzeit eine Idee des Schreibers
dieses Aufsatzes sei.
7.
Ein Vorgang wie die Beseitigung des Urvaters durch die Brüderschar mußte
unvertilgbare Spuren in der Geschichte der Menschheit hinterlassen und
sich in desto zahlreicheren Ersatzbildungen zum Ausdruck bringen, je
weniger er selbst erinnert werden sollte(209). Ich gehe der Versuchung
aus dem Wege, diese Spuren in der Mythologie, wo sie nicht schwer zu
finden sind, nachzuweisen und wende mich einem anderen Gebiete zu, indem
ich einem Fingerzeig von S. _Reinach_ in einer inhaltsreichen Abhandlung
über den Tod des Orpheus folge(210).
(209) _Ariel_ im »Sturm«:
Full fathom five thy father lies:
Of his bones are coral made;
Those are pearls that were his eyes;
Nothing of him that doth fade
But doth suffer a sea-change
Into something rich and strange.
In der schönen Übersetzung von _Schlegel_:
Fünf Faden tief liegt Vater dein.
Sein Gebein wird zu Korallen,
Perlen sind die Augen sein.
Nichts an ihm, das soll verfallen,
Das nicht wandelt Meeres-Hut
In ein reich und seltnes Gut.
(210) La Mort d'Orphée in dem hier oft zitierten Buche: Cultes, Mythes
et Religions. T. II, p. 100 ff.
In der Geschichte der griechischen Kunst gibt es eine Situation, welche
auffällige Ähnlichkeiten und nicht minder tiefgehende Verschiedenheiten
mit der von _Robertson Smith_ erkannten Szene der Totemmahlzeit zeigt.
Es ist die Situation der ältesten griechischen Tragödie. Eine Schar von
Personen, alle gleich benannt und gleich gekleidet, umsteht einen
einzigen, von dessen Reden und Handeln sie alle abhängig sind: es ist
der Chor und der ursprünglich einzige Heldendarsteller. Spätere
Entwicklungen brachten einen zweiten und dritten Schauspieler, um
Gegenspieler und Abspaltungen des Helden darzustellen, aber der
Charakter des Helden wie sein Verhältnis zum Chor blieben unverändert.
Der Held der Tragödie mußte leiden; dies ist noch heute der wesentliche
Inhalt einer Tragödie. Er hatte die sogenannte »tragische Schuld« auf
sich geladen, die nicht immer leicht zu begründen ist; sie ist oft keine
Schuld im Sinne des bürgerlichen Lebens. Zumeist bestand sie in der
Auflehnung gegen eine göttliche oder menschliche Autorität, und der Chor
begleitete den Helden mit seinen sympathischen Gefühlen, suchte ihn
zurückzuhalten, zu warnen, zu mäßigen und beklagte ihn, nachdem er für
sein kühnes Unternehmen die als verdient hingestellte Bestrafung
gefunden hatte.
Warum muß aber der Held der Tragödie leiden und was bedeutet seine
»tragische« Schuld? Wir wollen die Diskussion durch rasche Beantwortung
abschneiden. Er muß leiden, weil er der Urvater, der Held jener großen
urzeitlichen Tragödie ist, die hier eine tendenziöse Wiederholung
findet, und die tragische Schuld ist jene, die er auf sich nehmen muß,
um den Chor von seiner Schuld zu entlasten. Die Szene auf der Bühne ist
durch zweckmäßige Entstellung, man könnte sagen: im Dienste raffinierter
Heuchelei, aus der historischen Szene hervorgegangen. In jener alten
Wirklichkeit waren es gerade die Chorgenossen, die das Leiden des Helden
verursachten; hier aber erschöpfen sie sich in Teilnahme und Bedauern,
und der Held ist selbst an seinem Leiden schuld. Das auf ihn gewälzte
Verbrechen, die Überhebung und Auflehnung gegen eine große Autorität,
ist genau dasselbe, was in Wirklichkeit die Genossen des Chors, die
Brüderschar, bedrückt. So wird der tragische Held -- noch wider seinen
Willen -- zum Erlöser des Chors gemacht.
Waren speziell in der griechischen Tragödie die Leiden des göttlichen
Bockes Dionysos und die Klage des mit ihm sich identifizierenden
Gefolges von Böcken der Inhalt der Aufführung, so wird es leicht
verständlich, daß das bereits erloschene Drama sich im Mittelalter an
der Passion Christi neu entzündete.
So möchte ich denn zum Schlusse dieser mit äußerster Verkürzung
geführten Untersuchung das Ergebnis aussprechen, daß im Ödipuskomplex
die Anfänge von Religion, Sittlichkeit, Gesellschaft und Kunst
zusammentreffen, in voller Übereinstimmung mit der Feststellung der
Psychoanalyse, daß dieser Komplex den Kern aller Neurosen bildet, so
weit sie bis jetzt unserem Verständnis nachgegeben haben. Es erscheint
mir als eine große Überraschung, daß auch diese Probleme des
Völkerseelenlebens eine Auflösung von einem einzigen konkreten Punkte
her, wie es das Verhältnis zum Vater ist, gestatten sollten. Vielleicht
ist selbst ein anderes psychologisches Problem in diesen Zusammenhang
einzubeziehen. Wir haben so oft Gelegenheit gehabt, die
Gefühlsambivalenz im eigentlichen Sinne, also das Zusammentreffen von
Liebe und Haß gegen dasselbe Objekt, an der Wurzel wichtiger
Kulturbildungen aufzuzeigen. Wir wissen nichts über die Herkunft dieser
Ambivalenz. Man kann die Annahme machen, daß sie ein fundamentales
Phänomen unseres Gefühlslebens sei. Aber auch die andere Möglichkeit
scheint mir wohl beachtenswert, daß sie, dem Gefühlsleben ursprünglich
fremd, von der Menschheit an dem Vaterkomplex(211) erworben wurde, wo
die psychoanalytische Erforschung des Einzelmenschen heute noch ihre
stärkste Ausprägung nachweist(212).
(211) Respektive Elternkomplex.
(212) Der Mißverständnisse gewöhnt, halte ich es nicht für
überflüssig, ausdrücklich hervorzuheben, daß die hier gegebenen
Zurückführungen an die komplexe Natur der abzuleitenden Phänomene
keineswegs vergessen haben, und daß sie nur den Anspruch erheben, zu
den bereits bekannten oder noch unerkannten Ursprüngen der Religion,
Sittlichkeit und der Gesellschaft ein neues Moment hinzuzufügen,
welches sich aus der Berücksichtigung der psychoanalytischen
Anforderungen ergibt. Die Synthese zu einem Ganzen der Erklärung muß
ich anderen überlassen. Es geht aber diesmal aus der Natur dieses
neuen Beitrages hervor, daß er in einer solchen Synthese keine andere
als die zentrale Rolle spielen könnte, wenngleich die Überwindung von
großen affektiven Widerständen erfordert werden dürfte, ehe man ihm
eine solche Bedeutung zugesteht.
Bevor ich nun abschließe, muß ich der Bemerkung Raum geben, daß der hohe
Grad von Konvergenz zu einem umfassenden Zusammenhange, den wir in
diesen Ausführungen erreicht haben, uns nicht gegen die Unsicherheiten
unserer Voraussetzungen und die Schwierigkeiten unserer Resultate
verblenden kann. Von den letzteren will ich nur noch zwei behandeln, die
sich manchem Leser aufgedrängt haben dürften.
Es kann zunächst niemandem entgangen sein, daß wir überall die Annahme
einer Massenpsyche zu Grunde legen, in welcher sich die seelischen
Vorgänge vollziehen wie im Seelenleben eines einzelnen. Wir lassen vor
allem das Schuldbewußtsein wegen einer Tat über viele Jahrtausende
fortleben und in Generationen wirksam bleiben, welche von dieser Tat
nichts wissen konnten. Wir lassen einen Gefühlsprozeß, wie er bei
Generationen von Söhnen entstehen konnte, die von ihrem Vater mißhandelt
wurden, sich auf neue Generationen fortsetzen, welche einer solchen
Behandlung gerade durch die Beseitigung des Vaters entzogen worden
waren. Dies scheinen allerdings schwerwiegende Bedenken, und jede andere
Erklärung scheint den Vorzug zu verdienen, welche solche Voraussetzungen
vermeiden kann.
Allein eine weitere Erwägung zeigt, daß wir die Verantwortlichkeit für
solche Kühnheit nicht allein zu tragen haben. Ohne die Annahme einer
Massenpsyche, einer Kontinuität im Gefühlsleben der Menschen, welche
gestattet, sich über die Unterbrechungen der seelischen Akte durch das
Vergehen der Individuen hinwegzusetzen, kann die Völkerpsychologie
überhaupt nicht bestehen. Setzten sich die psychischen Prozesse der
einen Generation nicht auf die nächste fort, müßte jede ihre Einstellung
zum Leben neu erwerben, so gäbe es auf diesem Gebiet keinen Fortschritt
und so gut wie keine Entwicklung. Es erheben sich nun zwei neue Fragen,
wieviel man der psychischen Kontinuität innerhalb der Generationsreihen
zutrauen kann, und welcher Mittel und Wege sich die eine Generation
bedient, um ihre psychischen Zustände auf die nächste zu übertragen. Ich
werde nicht behaupten, daß diese Probleme weit genug geklärt sind, oder
daß die direkte Mitteilung und Tradition, an die man zunächst denkt, für
das Erfordernis hinreichen. Im allgemeinen kümmert sich die
Völkerpsychologie wenig darum, auf welche Weise die verlangte
Kontinuität im Seelenleben der einander ablösenden Generationen
hergestellt wird. Ein Teil der Aufgabe scheint durch die Vererbung
psychischer Dispositionen besorgt zu werden, welche aber doch gewisser
Anstöße im individuellen Leben bedürfen, um zur Wirksamkeit zu erwachen.
Es mag dies der Sinn des Dichterwortes sein: Was du ererbt von deinen
Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen. Das Problem erschiene noch
schwieriger, wenn wir zugestehen könnten, daß es seelische Regungen
gibt, welche so spurlos unterdrückt werden können, daß sie keine
Resterscheinungen zurücklassen. Allein solche gibt es nicht. Die
stärkste Unterdrückung muß Raum lassen für entstellte Ersatzregungen und
aus ihnen folgende Reaktionen. Dann dürfen wir aber annehmen, daß keine
Generation im stande ist, bedeutsamere seelische Vorgänge vor der
nächsten zu verbergen. Die Psychoanalyse hat uns nämlich gelehrt, daß
jeder Mensch in seiner unbewußten Geistestätigkeit einen Apparat
besitzt, der ihm gestattet, die Reaktionen anderer Menschen zu deuten,
das heißt die Entstellungen wieder rückgängig zu machen, welche der
andere an dem Ausdruck seiner Gefühlsregungen vorgenommen hat. Auf
diesem Wege des unbewußten Verständnisses all der Sitten, Zeremonien und
Satzungen, welche das ursprüngliche Verhältnis zum Urvater
zurückgelassen hatte, mag auch den späteren Generationen die Übernahme
jener Gefühlserbschaft gelungen sein.
Ein anderes Bedenken dürfte gerade von Seiten der analytischen Denkweise
erhoben werden.
Wir haben die ersten Moralvorschriften und sittlichen Beschränkungen der
primitiven Gesellschaft als Reaktion auf eine Tat aufgefaßt, welche
ihren Urhebern den Begriff des Verbrechens gab. Sie bereuten diese Tat
und beschlossen, daß sie nicht mehr wiederholt werden solle, und daß
ihre Ausführung keinen Gewinn gebracht haben dürfe. Dies schöpferische
Schuldbewußtsein ist nun unter uns nicht erloschen. Wir finden es bei
den Neurotikern in asozialer Weise wirkend, um neue Moralvorschriften,
fortgesetzte Einschränkungen zu produzieren, als Sühne für die
begangenen und als Vorsicht gegen neu zu begehende Untaten(213). Wenn
wir aber bei diesen Neurotikern nach den Taten forschen, welche solche
Reaktionen wachgerufen haben, so werden wir enttäuscht. Wir finden nicht
Taten, sondern nur Impulse, Gefühlsregungen, welche nach dem Bösen
verlangen, aber von der Ausführung abgehalten worden sind. Dem
Schuldbewußtsein der Neurotiker liegen nur psychische Realitäten zu
Grunde, nicht faktische. Die Neurose ist dadurch charakterisiert, daß
sie die psychische Realität über die faktische setzt, auf Gedanken
ebenso ernsthaft reagiert wie die Normalen nur auf Wirklichkeiten.
(213) Vgl. den zweiten Aufsatz dieser Reihe über das Tabu.
Kann es sich bei den Primitiven nicht ähnlich verhalten haben? Wir sind
berechtigt, ihnen eine außerordentliche Überschätzung ihrer psychischen
Akte als Teilerscheinung ihrer narzißtischen Organisation
zuzuschreiben(214). Demnach könnten die bloßen Impulse von
Feindseligkeit gegen den Vater, die Existenz der Wunschphantasie, ihn zu
töten und zu verzehren, hingereicht haben, um jene moralische Reaktion
zu erzeugen, die Totemismus und Tabu geschaffen hat. Man würde so der
Notwendigkeit entgehen, den Beginn unseres kulturellen Besitzes, auf den
wir mit Recht so stolz sind, auf ein gräßliches, alle unsere Gefühle
beleidigendes Verbrechen zurückzuführen. Die kausale, von jenem Anfang
bis in unsere Gegenwart reichende Verknüpfung litte dabei keinen
Schaden, denn die psychische Realität wäre bedeutsam genug, um alle
diese Folgen zu tragen. Man wird dagegen einwenden, daß ja eine
Veränderung der Gesellschaft von der Form der Vaterhorde zu der des
Brüderclan wirklich vorgefallen ist. Dies ist ein starkes Argument, aber
doch nicht entscheidend. Die Veränderung könnte auf minder gewaltsame
Weise erreicht worden sein und doch die Bedingung für das Hervortreten
der moralischen Reaktion enthalten haben. Solange der Druck des Urvaters
sich fühlbar machte, waren die feindseligen Gefühle gegen ihn
berechtigt, und die Reue über sie mußte einen anderen Zeitpunkt
abwarten. Ebensowenig ist der zweite Einwand stichhaltig, daß alles, was
sich aus der ambivalenten Relation zum Vater ableitet, Tabu und
Opfervorschrift, den Charakter des höchsten Ernstes und der vollsten
Realität an sich trägt. Auch das Zeremoniell und die Hemmungen der
Zwangsneurotiker zeigen diesen Charakter und gehen doch nur auf
psychische Realität, auf Vorsatz und nicht auf Ausführungen zurück. Wir
müssen uns hüten, aus unserer nüchternen Welt, die voll ist von
materiellen Werten, die Geringschätzung des bloß Gedachten und
Gewünschten in die nur innerlich reiche Welt des Primitiven und des
Neurotikers einzutragen.
(214) Siehe den Aufsatz über Animismus, Magie und Allmacht der
Gedanken.
Wir stehen hier vor einer Entscheidung, die uns wirklich nicht leicht
gemacht ist. Beginnen wir aber mit dem Bekenntnis, daß der Unterschied,
der anderen fundamental erscheinen kann, für unser Urteil nicht das
Wesentliche des Gegenstandes trifft. Wenn für den Primitiven Wünsche und
Impulse den vollen Wert von Tatsachen haben, so ist es an uns, solcher
Auffassung verständnisvoll zu folgen, anstatt sie nach unserem Maßstab
zu korrigieren. Dann aber wollen wir das Vorbild der Neurose, das uns in
diesen Zweifel gebracht hat, selbst schärfer ins Auge fassen. Es ist
nicht richtig, daß die Zwangsneurotiker, welche heute unter dem Drucke
einer Übermoral stehen, sich nur gegen die psychische Realität von
Versuchungen verteidigen und wegen bloß verspürter Impulse bestrafen. Es
ist auch ein Stück historischer Realität dabei; in ihrer Kindheit hatten
diese Menschen nichts anderes als die bösen Impulse, und insoweit sie in
der Ohnmacht des Kindes es konnten, haben sie diese Impulse auch in
Handlungen umgesetzt. Jeder von diesen Überguten hatte in der Kindheit
seine böse Zeit, eine perverse Phase als Vorläufer und Voraussetzung der
späteren übermoralischen. Die Analogie der Primitiven mit den
Neurotikern wird also viel gründlicher hergestellt, wenn wir annehmen,
daß auch bei den ersteren die psychische Realität, an deren Gestaltung
kein Zweifel ist, anfänglich mit der faktischen Realität zusammenfiel,
daß die Primitiven das wirklich getan haben, was sie nach allen
Zeugnissen zu tun beabsichtigten.
Allzuweit dürfen wir unser Urteil über die Primitiven auch nicht durch
die Analogie mit den Neurotikern beeinflussen lassen. Es sind auch die
Unterschiede in Rechnung zu ziehen. Gewiß sind bei beiden, Wilden wie
Neurotikern, die scharfen Scheidungen zwischen Denken und Tun, wie wir
sie ziehen, nicht vorhanden. Allein der Neurotiker ist vor allem im
Handeln gehemmt, bei ihm ist der Gedanke der volle Ersatz für die Tat.
Der Primitive ist ungehemmt, der Gedanke setzt sich ohne weiteres in Tat
um, die Tat ist ihm sozusagen eher ein Ersatz des Gedankens, und darum
meine ich, ohne selbst für die letzte Sicherheit der Entscheidung
einzutreten, man darf in dem Falle, den wir diskutieren, wohl annehmen:
Im Anfang war die Tat.