DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS.

Von der Psychoanalyse, welche zuerst die regelmäßige Überdeterminierung

psychischer Akte und Bildungen aufgedeckt hat, braucht man nicht zu

besorgen, daß sie versucht sein werde, etwas so Kompliziertes wie die

Religion aus einem einzigen Ursprung abzuleiten. Wenn sie in

notgedrungener, eigentlich pflichtgemäßer Einseitigkeit eine einzige der

Quellen dieser Institution zur Anerkennung bringen will, so beansprucht

sie zunächst für dieselbe die Ausschließlichkeit so wenig wie den ersten

Rang unter den zusammenwirkenden Momenten. Erst eine Synthese aus

verschiedenen Gebieten der Forschung kann entscheiden, welche relative

Bedeutung dem hier zu erörternden Mechanismus in der Genese der Religion

zuzuteilen ist; eine solche Arbeit überschreitet aber sowohl die Mittel

als auch die Absicht des Psychoanalytikers.

1.

In der ersten Abhandlung dieser Reihe haben wir den Begriff des

Totemismus kennen gelernt. Wir haben gehört, daß der Totemismus ein

System ist, welches bei gewissen primitiven Völkern in Australien,

Amerika, Afrika die Stelle einer Religion vertritt und die Grundlage der

sozialen Organisation abgibt. Wir wissen, daß der Schotte _Mac Lennan_

1869 das allgemeinste Interesse für die bis dahin nur als Kuriosa

gewürdigten Phänomene des Totemismus in Anspruch nahm, indem er die

Vermutung aussprach, eine große Anzahl von Sitten und Gebräuchen in

verschiedenen alten wie modernen Gesellschaften seien als Überreste

einer totemistischen Epoche zu verstehen. Die Wissenschaft hat seither

diese Bedeutung des Totemismus im vollen Umfange anerkannt. Als eine der

letzten Äußerungen über diese Frage will ich eine Stelle aus den

Elementen der Völkerpsychologie von W. _Wundt_ (1912) zitieren(121):

»Nehmen wir alles dies zusammen, so ergibt sich mit hoher

Wahrscheinlichkeit der Schluß, daß die totemistische Kultur überall

einmal eine Vorstufe der späteren Entwicklungen und eine Übergangsstufe

zwischen dem Zustand des primitiven Menschen und dem Helden- und

Götterzeitalter gebildet hat.«

(121) p. 139.

Die Absichten der vorliegenden Abhandlungen nötigen uns zu einem

tieferen Eingehen auf die Charaktere des Totemismus. Aus Gründen, welche

später ersichtlich werden sollen, bevorzuge ich hier eine Darstellung

von S. _Reinach_, der im Jahre 1900 nachstehenden Code du totémisme in

zwölf Artikeln, gleichsam einen Katechismus der totemistischen Religion,

entworfen hat(122):

1. Gewisse Tiere dürfen weder getötet noch gegessen werden, aber die

Menschen ziehen Individuen dieser Tiergattungen auf und schenken ihnen

Pflege.

2. Ein zufällig verstorbenes Tier wird betrauert und unter den gleichen

Ehrenbezeigungen bestattet wie ein Mitglied des Stammes.

3. Das Speiseverbot bezieht sich gelegentlich nur auf einen bestimmten

Körperteil des Tieres.

4. Wenn man ein für gewöhnlich verschontes Tier unter dem Drange der

Notwendigkeit töten muß, so entschuldigt man sich bei ihm und sucht die

Verletzung des Tabu, den Mord, durch mannigfache Kunstgriffe und

Ausflüchte abzuschwächen.

Totem und Tabu Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker · 第 18 / 25 题