ANIMISMUS, MAGIE UND ALLMACHT DER GEDANKEN.

1.

Es ist ein notwendiger Mangel der Arbeiten, welche Gesichtspunkte der

Psychoanalyse auf Themen der Geisteswissenschaften anwenden wollen, daß

sie dem Leser von beiden zu wenig bieten müssen. Sie beschränken sich

darum auf den Charakter von Anregungen, sie machen dem Fachmanne

Vorschläge, die er bei seiner Arbeit in Erwägung ziehen soll. Dieser

Mangel wird sich aufs äußerste fühlbar machen in einem Aufsatz, welcher

das ungeheure Gebiet dessen, was man Animismus nennt, behandeln

will(80).

(80) Die geforderte Zusammendrängung des Stoffes bringt auch den

Verzicht auf eingehende Literaturnachweise mit sich. An deren Stelle

stehe der Hinweis auf die bekannten Werke von Herbert _Spencer_, J. G.

_Frazer_, A. _Lang_, E. B. _Tylor_ und W. _Wundt_, aus denen alle

Behauptungen über Animismus und Magie entnommen sind. Die

Selbständigkeit des Verfassers kann sich nur in der von ihm

getroffenen Auswahl der Materien sowie der Meinungen kundgeben.

Animismus im engeren Sinne heißt die Lehre von den Seelenvorstellungen,

im weiteren die von geistigen Wesen überhaupt. Man unterscheidet noch

Animatismus, die Lehre von der Belebtheit der uns unbelebt erscheinenden

Natur, und reiht hier den Animalismus und Manismus an. Der Name

Animismus, früher für ein bestimmtes philosophisches System verwendet,

scheint seine gegenwärtige Bedeutung durch E. B. _Tylor_ erhalten zu

haben(81).

(81) E. B. _Tylor_, Primitive Culture. I. Bd., p. 425, 4. Aufl., 1903.

-- W. _Wundt_, Mythus und Religion, II. Bd., p. 173, 1906.

Was zur Aufstellung dieser Namen Anlaß gegeben hat ist die Einsicht in

die höchst merkwürdige Natur- und Weltauffassung der uns bekannten

primitiven Völker, der historischen sowohl wie der jetzt noch lebenden.

Diese bevölkern die Welt mit einer Unzahl von geistigen Wesen, die ihnen

wohlwollend oder übelgesinnt sind; sie schreiben diesen Geistern und

Dämonen die Verursachung der Naturvorgänge zu und halten nicht nur die

Tiere und Pflanzen, sondern auch die unbelebten Dinge der Welt für durch

sie belebt. Ein drittes und vielleicht wichtigstes Stück dieser

primitiven »Naturphilosophie« erscheint uns weit weniger auffällig, weil

wir selbst noch nicht weit genug von ihm entfernt sind, während wir doch

die Existenz der Geister sehr eingeschränkt haben und die Naturvorgänge

heute durch die Annahme unpersönlicher physikalischer Kräfte erklären.

Die Primitiven glauben nämlich an eine ähnliche »Beseelung« auch der

menschlichen Einzelwesen. Die menschlichen Personen enthalten Seelen,

welche ihren Wohnsitz verlassen und in andere Menschen einwandern

können; diese Seelen sind die Träger der geistigen Tätigkeiten und bis

zu einem gewissen Grad von den »Leibern« unabhängig. Ursprünglich wurden

die Seelen als sehr ähnlich den Individuen vorgestellt und erst im Laufe

einer langen Entwicklung haben sie die Charaktere des Materiellen bis zu

einem hohen Grad von »Vergeistigung« abgestreift(82).

(82) _Wundt_, l. c., IV. Kapitel »Die Seelenvorstellungen«.

Die Mehrzahl der Autoren neigt zu der Annahme, daß diese

Seelenvorstellungen der ursprüngliche Kern des animistischen Systems

sind, daß die Geister nur selbständig gewordenen Seelen entsprechen, und

daß auch die Seelen von Tieren, Pflanzen und Dingen in Analogie mit den

Menschenseelen gebildet wurden.

Wie sind die primitiven Menschen zu den eigentümlich dualistischen

Grundanschauungen gekommen, auf denen dieses animistische System ruht?

Man meint, durch die Beobachtung der Phänomene des Schlafes (mit dem

Traum) und des ihm so ähnlichen Todes, und durch die Bemühung, sich

diese jeden Einzelnen so nahe angehenden Zustände zu erklären. Vor allem

müßte das Todesproblem der Ausgangspunkt der Theoriebildung geworden

sein. Für den Primitiven wäre die Fortdauer des Lebens -- die

Unsterblichkeit -- das Selbstverständliche. Die Vorstellung des Todes

ist etwas spät und nur zögernd Rezipiertes, sie ist ja auch für uns noch

inhaltsleer und unvollziehbar. Über den Anteil, den andere Beobachtungen

und Erfahrungen an der Gestaltung der animistischen Grundlehren gehabt

haben mögen, die über Traumbilder, Schatten, Spiegelbilder u. dgl.,

haben sehr lebhafte, zu keinem Abschluß gelangte Diskussionen

stattgefunden(83).

(83) Vgl. außer bei _Wundt_ und H. _Spencer_ die orientierenden

Artikel der Encyclopedia Britannica, 1911 (Animism, Mythology usw.).

Wenn der Primitive auf die sein Nachdenken anregenden Phänomene mit der

Bildung der Seelenvorstellungen reagierte und diese dann auf die Objekte

der Außenwelt übertrug, so wird sein Verhalten dabei als durchaus

natürlich und weiter nicht rätselhaft beurteilt. _Wundt_ äußert

angesichts der Tatsache, daß sich die nämlichen animistischen

Vorstellungen bei den verschiedensten Völkern und zu allen Zeiten

übereinstimmend gezeigt haben, dieselben »seien das notwendige

psychologische Erzeugnis des mythenbildenden Bewußtseins und der

primitive Animismus dürfe als der geistige Ausdruck des _menschlichen

Naturzustandes_ gelten, insoweit dieser überhaupt für unsere Beobachtung

erreichbar ist(84)«. Die Rechtfertigung der Belebung des Unbelebten hat

bereits _Hume_ in seiner »Natural History of Religion« gegeben, indem er

schrieb: »There is an universal tendency among mankind to conceive all

beings like themselves and to transfer to every object those qualities

with which they are familiarly acquainted and of which they are

intimately conscious(85).«

(84) l. c., p. 154.

(85) Bei _Tylor_, Primitive Culture, I. Bd., p. 477.

Der Animismus ist ein Denksystem, er gibt nicht nur die Erklärung eines

einzelnen Phänomens, sondern gestattet es, das Ganze der Welt als einen

einzigen Zusammenhang, aus einem Punkte, zu begreifen. Die Menschheit

hat, wenn wir den Autoren folgen wollen, drei solcher Denksysteme, drei

große Weltanschauungen im Laufe der Zeiten hervorgebracht: Die

animistische (mythologische), die religiöse und die wissenschaftliche.

Unter diesen ist die erstgeschaffene, die des Animismus, vielleicht die

folgerichtigste und erschöpfendste, eine, die das Wesen der Welt restlos

erklärt. Diese erste Weltanschauung der Menschheit ist nun eine

psychologische Theorie. Es geht über unsere Absicht hinaus zu zeigen,

wieviel von ihr noch im Leben der Gegenwart nachweisbar ist, entweder

entwertet in der Form des Aberglaubens, oder lebendig als Grundlage

unseres Sprechens, Glaubens und Philosophierens.

Es greift auf diese Stufenfolge der drei Weltanschauungen zurück, wenn

gesagt wird, daß der Animismus selbst noch keine Religion ist, aber die

Vorbedingungen enthält, auf denen sich später die Religionen aufbauen.

Es ist auch augenfällig, daß der Mythus auf animistischen

Voraussetzungen ruht; die Einzelheiten der Beziehung von Mythus und

Animismus erscheinen aber als in wesentlichen Punkten ungeklärt.

2.

Unsere psychoanalytische Arbeit wird an anderer Stelle einsetzen. -- Man

darf nicht annehmen, daß die Menschen sich aus reiner spekulativer

Wißbegierde zur Schöpfung ihres ersten Weltsystems aufgeschwungen haben.

Das praktische Bedürfnis, sich der Welt zu bemächtigen, muß seinen

Anteil an dieser Bemühung haben. Wir sind darum nicht erstaunt zu

erfahren, daß mit dem animistischen System etwas anderes Hand in Hand

geht, eine Anweisung, wie man verfahren müsse, um der Menschen, Tiere

und Dinge, respektive ihrer Geister, Herr zu werden. Diese Anweisung,

welche unter dem Namen »_Zauberei_ und _Magie_« bekannt ist, will S.

_Reinach_(86) die Strategie des Animismus heißen; ich würde es

vorziehen, sie mit _Hubert_ und _Mauß_ der Technik zu vergleichen(87).

(86) Cultes, Mythes et Religions, T. II, Introduction, p. XV, 1909.

(87) Année sociologique, VII. Bd., 1904.

Kann man Zauberei und Magie begrifflich von einander trennen? Es ist

möglich, wenn man sich mit einiger Eigenmächtigkeit über die

Schwankungen des Sprachgebrauches hinwegsetzen will. Dann ist Zauberei

im wesentlichen die Kunst, die Geister zu beeinflussen, indem man sie

behandelt wie unter gleichen Bedingungen die Menschen, also indem man

sie beschwichtigt, versöhnt, sich geneigt macht, sie einschüchtert,

ihrer Macht beraubt, sie seinem Willen unterwirft, durch dieselben

Mittel, die man für lebende Menschen wirksam gefunden hat. Magie ist

aber etwas anderes; sie sieht im Grunde von den Geistern ab und sie

bedient sich besonderer Mittel, nicht der banalen psychologischen

Methodik. Wir werden leicht erraten, daß die Magie das ursprünglichere

und bedeutsamere Stück der animistischen Technik ist, denn unter den

Mitteln, mit denen Geister behandelt werden sollen, befinden sich auch

magische(88), und die Magie findet ihre Anwendung auch in Fällen, wo die

Vergeistigung der Natur, wie uns scheint, nicht durchgeführt worden ist.

(88) Wenn man einen Geist durch Lärm und Geschrei verscheucht, so ist

dies eine rein zauberische Handlung; wenn man ihn zwingt, indem man

sich seines Namens bemächtigt, so hat man Magie gegen ihn gebraucht.

Die Magie muß den mannigfaltigsten Absichten dienen, die Naturvorgänge

dem Willen des Menschen unterwerfen, das Individuum gegen Feinde und

Gefahren schützen und ihm die Macht geben, seine Feinde zu schädigen.

Die Prinzipien aber, auf deren Voraussetzung das magische Tun beruht --

oder vielmehr das Prinzip der Magie -- ist so augenfällig, daß es von

allen Autoren erkannt werden mußte. Man kann es am knappsten, wenn man

von dem beigefügten Werturteil absieht, mit den Worten E. B. _Tylors_

ausdrücken: »mistaking an ideal connexion for a real one«. An zwei

Gruppen von magischen Handlungen wollen wir diesen Charakter erläutern.

Eine der verbreitetsten magischen Prozeduren, um einem Feind zu schaden,

besteht darin, sich ein Ebenbild von ihm aus beliebigem Material zu

machen. Auf die Ähnlichkeit kommt es dabei wenig an. Man kann auch

irgend ein Objekt zu seinem Bild »ernennen«. Was man dann diesem

Ebenbild antut, das stößt auch dem gehaßten Urbild zu; an welcher

Körperstelle man das erstere verletzt, an derselben erkrankt das

letztere. Man kann dieselbe magische Technik anstatt in den Dienst

privater Feindseligkeit auch in den der Frömmigkeit stellen und so

Göttern gegen böse Dämonen zu Hilfe kommen. Ich zitiere nach

_Frazer_(89): »Jede Nacht, wenn der Sonnengott Ra (im alten Ägypten) zu

seinem Heim im glühenden Westen herabstieg, hatte er einen bitteren

Kampf gegen eine Schar von Dämonen zu bestehen, die ihn unter der

Führung des Erzfeindes Apepi überfielen. Er kämpfte mit ihnen die ganze

Nacht und häufig waren die Mächte der Finsternis stark genug, noch des

Tages dunkle Wolken an den blauen Himmel zu senden, die seine Kraft

schwächten und sein Licht abhielten. Um dem Gotte beizustehen, wurde in

seinem Tempel zu Theben täglich folgende Zeremonie aufgeführt: Es wurde

aus Wachs ein Bild seines Feindes Apepi gemacht, in der Gestalt eines

scheußlichen Krokodils oder einer langgeringelten Schlange und der Name

des Dämons mit grüner Tinte darauf geschrieben. In ein Papyrusgehäuse

gehüllt, auf dem eine ähnliche Zeichnung angebracht war, wurde dann

diese Figur mit schwarzem Haar umwickelt, vom Priester angespuckt, mit

einem Steinmesser bearbeitet und auf den Boden geworfen. Dann trat er

mit seinem linken Fuß auf sie und endlich verbrannte er sie in einem von

gewissen Pflanzen genährten Feuer. Nachdem Apepi in solcher Weise

beseitigt worden war, geschah mit allen Dämonen seines Gefolges das

nämliche. Dieser Gottesdienst, bei dem gewisse Reden hergesagt werden

mußten, wurde nicht nur morgens, mittags und abends wiederholt, sondern

auch jederzeit dazwischen, wenn ein Sturm wütete, wenn ein heftiger

Regenguß niederging oder schwarze Wolken die Sonnenscheibe am Himmel

verdeckten. Die bösen Feinde verspürten die Züchtigung, die ihren

Bildern widerfahren war, als ob sie sie selbst erlitten hätten; sie

flohen und der Sonnengott triumphierte von neuem(90).«

(89) The magic art. II, p. 67.

(90) Das biblische Verbot, sich ein Bild von irgend etwas Lebendem zu

machen, entstammte wohl keiner prinzipiellen Ablehnung der bildenden

Kunst, sondern sollte der von der hebräischen Religion verpönten Magie

ein Werkzeug entziehen. _Frazer_, l. c., p. 87, Note.

Aus der unübersehbaren Fülle ähnlich begründeter magischer Handlungen

will ich nur noch zweierlei hervorheben, die bei den primitiven Völkern

jederzeit eine große Rolle gespielt haben und zum Teil im Mythus und

Kultus höherer Entwicklungsstufen erhalten geblieben sind, nämlich die

Arten des Regen- und des Fruchtbarkeitszaubers. Man erzeugt den Regen

auf magischem Wege, indem man ihn imitiert, etwa auch noch die ihn

erzeugenden Wolken oder den Sturm nachahmt. Es sieht aus, als ob man

»regnen spielen« wollte. Die japanischen Ainos z. B. machen Regen in der

Weise, daß ein Teil von ihnen Wasser aus großen Sieben ausgießt, während

ein anderer eine große Schüssel mit Segel und Ruder ausstattet, als ob

sie ein Schiff wäre, und sie so um Dorf und Gärten herumzieht. Die

Fruchtbarkeit des Bodens sicherte man sich aber auf magische Weise,

indem man ihm das Schauspiel eines menschlichen Geschlechtsverkehrs

zeigte. So pflegen -- ein Beispiel anstatt unendlich vieler -- in

manchen Teilen Javas zur Zeit des Herannahens der Reisblüte Bauer und

Bäuerin sich nachts auf die Felder zu begeben, um durch das Beispiel,

das sie ihm geben, den Reis zur Fruchtbarkeit anzuregen(91). Dagegen

fürchtete man von verpönten inzestuösen Geschlechtsbeziehungen, daß sie

Mißwuchs und Unfruchtbarkeit des Bodens erzeugen würden(92).

(91) The magic art., II, p. 98.

(92) Davon ein Nachklang im König Ödipus des Sophokles.

Auch gewisse negative Vorschriften -- magische Vorsichten also -- sind

dieser ersten Gruppe einzureihen. Wenn ein Teil der Bewohner eines

_Dayak_dorfes auf Wildschweinjagd ausgezogen ist, so dürfen die

Zurückgebliebenen unterdes weder Öl noch Wasser mit ihren Händen

berühren, sonst würden die Jäger weiche Finger bekommen und die Beute

aus ihren Händen schlüpfen lassen(93). Oder, wenn ein _Gilyak_jäger im

Walde dem Wilde nachstellt, so ist es seinen Kindern zu Hause verboten,

Zeichnungen auf Holz oder im Sand zu machen. Die Pfade im dichten Wald

könnten sonst so verschlungen werden wie die Linien der Zeichnung, so

daß der Jäger den Weg nach Hause nicht findet(94).

(93) The magic art., I, p. 120.

(94) l. c., p. 122.

Wenn in diesen letzten wie in so vielen anderen Beispielen magischer

Wirkung die Entfernung keine Rolle spielt, die Telepathie also als

selbstverständlich hingenommen wird, so wird auch uns das Verständnis

dieser Eigentümlichkeit der Magie keine Schwierigkeit bereiten.

Es unterliegt keinem Zweifel, was an all diesen Beispielen als das

Wirksame betrachtet wird. Es ist die _Ähnlichkeit_ zwischen der

vollzogenen Handlung und dem erwarteten Geschehen. _Frazer_ nennt darum

diese Art der Magie _imitative_ oder _homöopathische_. Wenn ich will,

daß es regne, so brauche ich nur etwas zu tun, was wie Regen aussieht

oder an Regen erinnert. In einer weiteren Phase der Kulturentwicklung

wird man anstatt dieses magischen Regenzaubers Bittgänge zu einem

Gotteshaus veranstalten und den dort wohnenden Heiligen um Regen

anflehen. Endlich wird man auch diese religiöse Technik aufgeben und

dafür versuchen, durch welche Einwirkungen auf die Atmosphäre Regen

erzeugt werden kann.

In einer anderen Gruppe von magischen Handlungen kommt das Prinzip der

Ähnlichkeit nicht mehr in Betracht, dafür ein anderes, welches sich aus

den nachstehenden Beispielen leicht ergeben wird.

Um einem Feinde zu schaden, kann man sich auch eines anderen Verfahrens

bedienen. Man bemächtigt sich seiner Haare, Nägel, Abfallstoffe oder

selbst eines Teiles seiner Kleidung und stellt mit diesen Dingen etwas

Feindseliges an. Es ist dann gerade so, als hätte man sich der Person

selbst bemächtigt, und was man den von der Person herrührenden Dingen

angetan hat, muß ihr selbst widerfahren. Zu den wesentlichen

Bestandteilen einer Persönlichkeit gehört nach der Anschauung der

Primitiven ihr Name; wenn man also den Namen einer Person oder eines

Geistes weiß, hat man eine gewisse Macht über den Träger des Namens

erworben. Daher die merkwürdigen Vorsichten und Beschränkungen im

Gebrauche der Namen, die in dem Aufsatz über das Tabu gestreift worden

sind(95). Die Ähnlichkeit wird in diesen Beispielen offenbar ersetzt

durch _Zusammengehörigkeit_.

(95) Vgl. S. 74 u. ff.

Der Kannibalismus der Primitiven leitet seine sublimere Motivierung in

ähnlicher Weise ab. Indem man Teile vom Leib einer Person durch den Akt

des Verzehrens in sich aufnimmt, eignet man sich auch die Eigenschaften

an, welche dieser Person angehört haben. Daraus erfolgen dann Vorsichten

und Beschränkungen der Diät unter besonderen Umständen. Eine Frau wird

in der Gravidität vermeiden, das Fleisch gewisser Tiere zu genießen,

weil deren unerwünschte Eigenschaften, z. B. die Feigheit, so auf das

von ihr genährte Kind übergehen könnten. Es macht für die magische

Wirkung keinen Unterschied, auch wenn der Zusammenhang ein bereits

aufgehobener ist, oder wenn er überhaupt nur in einmaliger,

bedeutungsvoller Berührung bestand. So ist z. B. der Glaube an ein

magisches Band, welches das Schicksal einer Wunde mit dem der Waffe

verknüpft, durch welche sie hervorgerufen wurde, unverändert durch

Jahrtausende zu verfolgen. Wenn ein Melanesier sich des Bogens

bemächtigt hat, durch den er verwundet wurde, so wird er ihn sorgfältig

an einem kühlen Ort verwahren, um so die Entzündung der Wunde

niederzuhalten. Ist der Bogen aber im Besitz der Feinde geblieben, so

wird er gewiß in nächster Nähe eines Feuers aufgehängt werden, damit die

Wunde nur ja recht entzündet werde und brenne. _Plinius_ rät in seiner

Nat. Hist. XXVIII, wenn man bereut, einen anderen verletzt zu haben,

solle man auf die Hand spucken, welche die Verletzung verschuldet hat;

der Schmerz des Verletzten werde dann sofort gelindert. _Francis Bacon_

erwähnt in seiner Natural History den allgemein gültigen Glauben, daß

das Salben einer Waffe, welche eine Wunde geschlagen hat, diese Wunde

selbst heilt. Die englischen Bauern sollen noch heute nach diesem Rezept

handeln, und wenn sie sich mit einer Sichel geschnitten haben, das

Instrument von da an sorgfältig rein halten, damit die Wunde nicht in

Eiterung gerate. Im Juni des Jahres 1902, berichtete eine lokale

englische Wochenschrift, stieß sich eine Frau namens Matilda Henry in

_Norwich_ zufällig einen eisernen Nagel in die Sohle. Ohne die Wunde

untersuchen zu lassen oder auch nur den Strumpf auszuziehen, hieß sie

ihre Tochter, den Nagel gut einölen, in der Erwartung, daß ihr dann

nichts geschehen könne. Sie selbst starb einige Tage später an

Wundstarrkrampf(96), infolge dieser verschobenen Antisepsis.

(96) _Frazer_, The magic art. I, p. 201-203.

Die Beispiele der letzteren Gruppe erläutern, was _Frazer_ als

_kontagiöse_ Magie von der _imitativen_ sondert. Was in ihnen als

wirksam gedacht wird, ist nicht mehr die Ähnlichkeit, sondern der

Zusammenhang im Raum, die _Kontiguität_, wenigstens die vorgestellte

Kontiguität, die Erinnerung an ihr Vorhandensein. Da aber Ähnlichkeit

und Kontiguität die beiden wesentlichen Prinzipien der Assoziationsvorgänge

sind, stellt sich als Erklärung für all die Tollheit der

magischen Vorschriften wirklich die Herrschaft der Ideenassoziation

heraus. Man sieht, wie zutreffend sich _Tylors_ oben zitierte

Charakteristik der Magie erweist: mistaking an ideal connexion

for a real one, oder wie es fast gleichlautend _Frazer_ ausgedrückt hat:

men mistook the order of their ideas for the order of nature, and hence

imagined that the control which they have, or seem to have, over their

thoughts, permitted them to exercise a corresponding control over

things(97).

(97) The magic art., I, p. 420 ff.

Es wird dann zunächst befremdend wirken, daß diese einleuchtende

Erklärung der Magie von manchen Autoren als unbefriedigend verworfen

werden konnte(98). Bei näherer Überlegung muß man aber dem Einwand Recht

geben, daß die Assoziationstheorie der Magie bloß die Wege aufklärt,

welche die Magie geht, aber nicht deren eigentliches Wesen, nämlich

nicht das Mißverständnis, welches sie psychologische Gesetze an die

Stelle natürlicher setzen heißt. Es bedarf hier offenbar eines

dynamischen Moments, aber während die Suche nach einem solchen die

Kritiker der _Frazer_schen Lehre in die Irre führt, wird es leicht, eine

befriedigende Aufklärung der Magie zu geben, wenn man nur die

Assoziationstheorie derselben weiterführen und vertiefen will.

(98) Vgl. den Artikel _Magic_ (N. W. T.) in der 11. Auflage der

Encyclopedia Britannica.

Betrachten wir zunächst den einfacheren und bedeutsameren Fall der

imitativen Magie. Nach _Frazer_ kann diese allein geübt werden, während

die kontagiöse Magie in der Regel die imitative voraussetzt(99). Die

Motive, welche zur Ausübung der Magie drängen, sind leicht zu erkennen,

es sind die Wünsche des Menschen. Wir brauchen nun bloß anzunehmen, daß

der primitive Mensch ein großartiges Zutrauen zur Macht seiner Wünsche

hat. Im Grund muß all das, was er auf magischem Wege herstellt, doch nur

darum geschehen, weil er es will. So ist anfänglich bloß sein Wunsch das

Betonte.

(99) l. c., p. 54.

Für das Kind, welches sich unter analogen psychischen Bedingungen

befindet, aber motorisch noch nicht leistungsfähig ist, haben wir an

anderer Stelle die Annahme vertreten, daß es seine Wünsche zunächst

wirklich halluzinatorisch befriedigt, indem es die befriedigende

Situation durch die zentrifugalen Erregungen seiner Sinnesorgane

herstellen läßt(100). Für den erwachsenen Primitiven ergibt sich ein

anderer Weg. An seinem Wunsch hängt ein motorischer Impuls, der Wille,

und dieser -- der später im Dienst der Wunschbefriedigung das Antlitz

der Erde verändern wird -- wird jetzt dazu verwendet, die Befriedigung

darzustellen, so daß man sie gleichsam durch motorische Halluzination

erleben kann. Eine solche _Darstellung_ des befriedigten Wunsches ist

dem _Spiele_ der Kinder völlig vergleichbar, welches bei diesen die rein

sensorische Technik der Befriedigung ablöst. Wenn Spiel und imitative

Darstellung dem Kinde und dem Primitiven genügen, so ist dies nicht ein

Zeichen von Bescheidenheit in unserem Sinne oder von Resignation infolge

Erkenntnis ihrer realen Ohnmacht, sondern die wohl verständliche Folge

der überwiegenden Wertung ihres Wunsches, des von ihm abhängigen Willens

und der von ihm eingeschlagenen Wege. Mit der Zeit verschiebt sich der

psychische Akzent von den Motiven der magischen Handlung auf deren

Mittel, auf die Handlung selbst. Vielleicht sagen wir richtiger, an

diesen Mitteln erst wird ihm die Überschätzung seiner psychischen Akte

evident. Nun hat es den Anschein, als wäre es nichts anderes als die

magische Handlung, die kraft ihrer Ähnlichkeit mit dem Gewünschten

dessen Geschehen erzwingt. Auf der Stufe des animistischen Denkens gibt

es noch keine Gelegenheit, den wahren Sachverhalt objektiv zu erweisen,

wohl aber auf späteren, wenn alle solche Prozeduren noch gepflegt

werden, aber das psychische Phänomen des Zweifels als Ausdruck einer

Verdrängungsneigung bereits möglich ist. Dann werden die Menschen

zugeben, daß die Beschwörungen von Geistern nichts leisten, wenn nicht

der Glaube an sie dabei ist, und daß auch die Zauberkraft des Gebets

versagt, wenn keine Frömmigkeit dahinter wirkt(101).

(100) Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen

Geschehens. Jahrb. f. psychoanalyt. Forschungen, III. Bd., 1912, p. 2.

(101) Der König in »_Hamlet_« (III, 4.): »My words fly up, my thoughts

remain below; Words without thoughts never to heaven go.«

Die Möglichkeit einer auf der Kontiguitätsassoziation beruhenden

kontagiösen Magie wird uns dann zeigen, daß sich die psychische

Wertschätzung vom Wunsch und vom Willen her auf alle psychischen Akte,

die dem Willen zu Gebote stehen, ausgedehnt hat. Es besteht also jetzt

eine allgemeine Überschätzung der seelischen Vorgänge, das heißt eine

Einstellung zur Welt, welche uns nach unseren Einsichten in die

Beziehung von Realität und Denken als solche Überschätzung des letzteren

erscheinen muß. Die Dinge treten gegen deren Vorstellungen zurück; was

mit den letzteren vorgenommen wird, muß sich auch an den ersteren

ereignen. Die Relationen, die zwischen den Vorstellungen bestehen,

werden auch zwischen den Dingen vorausgesetzt. Da das Denken keine

Entfernungen kennt, das räumlich Entlegenste wie das zeitlich

Verschiedenste mit Leichtigkeit in einen Bewußtseinsakt zusammenbringt,

wird auch die magische Welt sich telepathisch über die räumliche Distanz

hinaussetzen und ehemaligen Zusammenhang wie gegenwärtigen behandeln.

Das Spiegelbild der Innenwelt muß im animistischen Zeitalter jenes

andere Weltbild, das wir zu erkennen glauben, unsichtbar machen.

Heben wir übrigens hervor, daß die beiden Prinzipien der Assoziation --

Ähnlichkeit und Kontiguität -- in der höheren Einheit der _Berührung_

zusammentreffen. Kontiguitätsassoziation ist Berührung im direkten,

Ähnlichkeitsassoziation solche im übertragenen Sinne. Eine von uns noch

nicht erfaßte Identität im psychischen Vorgang wird wohl durch den

Gebrauch des nämlichen Wortes für beide Arten der Verknüpfung verbürgt.

Es ist derselbe Umfang des Begriffes Berührung, der sich bei der Analyse

des Tabu herausstellte(102).

(102) Vgl. die vorige Abhandlung dieser Reihe.

Zusammenfassend können wir nun sagen: das Prinzip, welches die Magie,

die Technik der animistischen Denkweise, regiert, ist das der »Allmacht

der Gedanken«.

3.

Die Bezeichnung »Allmacht der Gedanken« habe ich von einem

hochintelligenten, an Zwangsvorstellungen leidenden Manne angenommen,

dem es nach seiner Herstellung durch psychoanalytische Behandlung

möglich geworden ist, auch seine Tüchtigkeit und Verständigkeit zu

erweisen(103). Er hatte sich dieses Wort geprägt zur Begründung aller

jener sonderbaren und unheimlichen Geschehnisse, die ihn wie andere mit

seinem Leiden Behaftete zu verfolgen schienen. Dachte er eben an eine

Person, so kam sie ihm auch schon entgegen, als ob er sie beschworen

hätte; erkundigte er sich plötzlich nach dem Befinden eines lange

vermißten Bekannten, so mußte er hören, daß dieser eben gestorben sei,

so daß er glauben konnte, jener habe sich ihm telepathisch bemerkbar

gemacht; stieß er gegen einen Fremden eine nicht einmal ganz ernst

gemeinte Verwünschung aus, so durfte er erwarten, daß dieser bald darauf

starb und ihn mit der Verantwortlichkeit für sein Ableben belastete. Von

den meisten dieser Fälle konnte er mir im Laufe der Behandlung selbst

mitteilen, wie der täuschende Anschein entstanden war, und was er selbst

an Veranstaltungen hinzugetan hatte, um sich in seinen abergläubischen

Erwartungen zu bestärken(104). Alle Zwangskranken sind in solcher Weise,

meist gegen ihre bessere Einsicht, abergläubisch.

(103) Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, Jahrbuch für

psychoanalyt. und psychopath. Forschungen, I. Bd., 1909. (Sammlung kl.

Schriften zur Neurosenlehre, 3. Folge, 1913.)

(104) Es scheint, daß wir den Charakter des »Unheimlichen« solchen

Eindrücken verleihen, welche die Allmacht der Gedanken und die

animistische Denkweise überhaupt bestätigen wollen, während wir uns

bereits im Urteil von ihr abgewendet haben.

Der Fortbestand der Allmacht der Gedanken tritt uns bei der

Zwangsneurose am deutlichsten entgegen, die Ergebnisse dieser primitiven

Denkweise sind hier dem Bewußtsein am nächsten. Wir müssen uns aber

davor hüten, darin einen auszeichnenden Charakter dieser Neurose zu

erblicken, denn die analytische Untersuchung deckt das nämliche bei den

anderen Neurosen auf. Bei ihnen allen ist nicht die Realität des

Erlebens, sondern die des Denkens für die Symptombildung maßgebend. Die

Neurotiker leben in einer besonderen Welt, in welcher, wie ich es an

anderer Stelle ausgedrückt habe, nur die »neurotische Währung« gilt, das

heißt nur das intensiv Gedachte, mit Affekt Vorgestellte ist bei ihnen

wirksam, dessen Übereinstimmung mit der äußeren Realität aber

nebensächlich. Der Hysteriker wiederholt in seinen Anfällen und fixiert

durch seine Symptome Erlebnisse, die sich nur in seiner Phantasie so

zugetragen haben, allerdings in letzter Auflösung auf wirkliche

Ereignisse zurückgehen oder aus solchen aufgebaut worden sind. Das

Schuldbewußtsein der Neurotiker würde man ebenso schlecht verstehen,

wenn man es auf reale Missetaten zurückführen wollte. Ein

Zwangsneurotiker kann von einem Schuldbewußtsein gedrückt sein, das

einem Massenmörder wohl anstünde; er wird sich dabei gegen seine

Mitmenschen als der rücksichtsvollste und skrupulöseste Genosse benehmen

und seit seiner Kindheit so benommen haben. Doch ist sein Schuldgefühl

begründet; es fußt auf den intensiven und häufigen Todeswünschen, die

sich in ihm unbewußt gegen seine Mitmenschen regen. Es ist begründet,

insofern unbewußte Gedanken und nicht absichtliche Taten in Betracht

kommen. So erweist sich die Allmacht der Gedanken, die Überschätzung der

seelischen Vorgänge gegen die Realität, als unbeschränkt wirksam im

Affektleben des Neurotikers und in allen von diesem ausgehenden Folgen.

Unterzieht man ihn aber der psychoanalytischen Behandlung, welche das

bei ihm Unbewußte bewußt macht, so wird er nicht glauben können, daß

Gedanken frei sind, und wird sich jedesmal fürchten, böse Wünsche zu

äußern, als ob sie infolge dieser Äußerung in Erfüllung gehen müßten.

Durch dieses Verhalten wie durch seinen im Leben betätigten Aberglauben

zeigt er uns aber, wie nahe er dem Wilden steht, der durch seine bloßen

Gedanken die Außenwelt zu verändern vermeint.

Die primären Zwangshandlungen dieser Neurotiker sind eigentlich durchaus

magischer Natur. Sie sind, wenn nicht Zauber, so doch Gegenzauber, zur

Abwehr der Unheilserwartungen bestimmt, mit denen die Neurose zu

beginnen pflegt. So oft ich das Geheimnis zu durchdringen vermochte,

zeigte es sich, daß diese Unheilserwartung den Tod zum Inhalt hatte. Das

Todesproblem steht nach _Schopenhauer_ am Eingang jeder Philosophie; wir

haben gehört, daß auch die Bildung der Seelenvorstellungen und des

Dämonenglaubens, die den Animismus kennzeichnen, auf den Eindruck

zurückgeführt wird, den der Tod auf den Menschen macht. Ob diese ersten

Zwangs- oder Schutzhandlungen dem Prinzip der Ähnlichkeit, respektive

des Kontrastes folgen, ist schwer zu beurteilen, denn sie werden unter

den Bedingungen der Neurose gewöhnlich durch die Verschiebung auf irgend

ein Kleinstes, eine an sich höchst geringfügige Aktion entstellt(105).

Auch die Schutzformeln der Zwangsneurose finden ihr Gegenstück in den

Zauberformeln der Magie. Die Entwicklungsgeschichte der Zwangshandlungen

kann man aber beschreiben, indem man hervorhebt, wie sie, vom Sexuellen

möglichst weit entfernt, als Zauber gegen böse Wünsche beginnen, um als

Ersatz für verbotenes sexuelles Tun, das sie möglichst getreu nachahmen,

zu enden.

(105) Ein weiteres Motiv für diese Verschiebung auf eine kleinste

Aktion wird sich aus den nachstehenden Erörterungen ergeben.

Wenn wir die vorhin erwähnte Entwicklungsgeschichte der menschlichen

Weltanschauungen annehmen, in welcher die _animistische_ Phase von der

_religiösen_, diese von der _wissenschaftlichen_ abgelöst wird, wird es

uns nicht schwer, die Schicksale der »Allmacht der Gedanken« durch diese

Phasen zu verfolgen. Im animistischen Stadium schreibt der Mensch sich

selbst die Allmacht zu; im religiösen hat er sie den Göttern abgetreten,

aber nicht ernstlich auf sie verzichtet, denn er behält sich vor, die

Götter durch mannigfache Beeinflussungen nach seinen Wünschen zu lenken.

In der wissenschaftlichen Weltanschauung ist kein Raum mehr für die

Allmacht des Menschen, er hat sich zu seiner Kleinheit bekannt und sich

resigniert dem Tode wie allen anderen Naturnotwendigkeiten unterworfen.

Aber in dem Vertrauen auf die Macht des Menschengeistes, welcher mit den

Gesetzen der Wirklichkeit rechnet, lebt ein Stück des primitiven

Allmachtglaubens weiter.

Bei der Rückverfolgung der Entwicklung libidinöser Strebungen im

Einzelmenschen, von ihrer Gestaltung in der Reife bis zu den ersten

Anfängen der Kindheit, hat sich zunächst eine wichtige Unterscheidung

ergeben, die in den »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 1905«

niedergelegt ist. Die Äußerungen der sexuellen Triebe sind von Anfang an

zu erkennen, aber sie richten sich zuerst noch auf kein äußeres Objekt.

Die einzelnen Triebkomponenten der Sexualität arbeiten jede für sich auf

Lustgewinn und finden ihre Befriedigung am eigenen Körper. Dies Stadium

heißt das des _Autoerotismus_, es wird von dem der _Objektwahl_

abgelöst.

Es hat sich bei weiterem Studium als zweckmäßig, ja als unabweisbar

gezeigt, zwischen diesen beiden Stadien ein drittes einzuschieben, oder,

wenn man so will, das erste Stadium des Autoerotismus in zwei zu

zerlegen. In diesem Zwischenstadium, dessen Bedeutsamkeit sich der

Forschung immer mehr aufdrängt, haben die vorher vereinzelten

Sexualtriebe sich bereits zu einer Einheit zusammengesetzt und auch ein

Objekt gefunden; dies Objekt ist aber kein äußeres, dem Individuum

fremdes, sondern es ist das eigene, um diese Zeit konstituierte Ich. Mit

Rücksicht auf später zu beobachtende pathologische Fixierungen dieses

Zustandes heißen wir das neue Stadium das des _Narzißmus_. Die Person

verhält sich so, als wäre sie in sich selbst verliebt; die Ichtriebe und

die libidinösen Wünsche sind für unsere Analyse noch nicht von einander

zu sondern.

Wenngleich uns eine genügend scharfe Charakteristik dieses narzißtischen

Stadiums, in welchem die bisher dissoziierten Sexualtriebe zu einer

Einheit zusammentreten und das Ich als Objekt besetzen, noch nicht

möglich ist, so ahnen wir doch bereits, daß die narzißtische

Organisation nie mehr völlig aufgegeben wird. Der Mensch bleibt in

gewissem Maße narzißtisch, auch nachdem er äußere Objekte für seine

Libido gefunden hat; die Objektbesetzungen, die er vornimmt, sind

gleichsam Emanationen der beim Ich verbleibenden Libido und können

wieder in dieselbe zurückgezogen werden. Die psychologisch so

merkwürdigen Zustände von Verliebtheit, die Normalvorbilder der

Psychosen, entsprechen dem höchsten Stande dieser Emanationen im

Vergleich zum Niveau der Ichliebe.

Es liegt nun nahe, die von uns aufgefundene Hochschätzung der

psychischen Aktionen -- die wir von unserem Standpunkt aus eine

Überschätzung heißen -- bei den Primitiven und Neurotikern in Beziehung

zum Narzißmus zu bringen und sie als wesentliches Teilstück desselben

aufzufassen. Wir würden sagen, das Denken ist bei den Primitiven noch in

hohem Maße sexualisiert, daher rührt der Glaube an die Allmacht der

Gedanken, die unerschütterliche Zuversicht auf die Möglichkeit der

Weltbeherrschung und die Unzugänglichkeit gegen die leicht zu machenden

Erfahrungen, welche den Menschen über seine wirkliche Stellung in der

Welt belehren könnten. Bei den Neurotikern ist einerseits ein

beträchtliches Stück dieser primitiven Einstellung konstitutionell

verblieben, anderseits wird durch die bei ihnen eingetretene

Sexualverdrängung eine neuerliche Sexualisierung der Denkvorgänge

herbeigeführt. Die psychischen Folgen müssen in beiden Fällen dieselben

sein, bei ursprünglicher wie bei regressiv erzielter libidinöser

Überbesetzung des Denkens: intellektueller Narzißmus, Allmacht der

Gedanken(106).

(106) »It is almost an axiom with writers on this subject, that a sort

of Solipsism or Berkleianism (as Professor _Sully_ terms it as he

finds it in the Child) operates in the savage to make him refuse to

recognise death as a fact.« -- _Marett_, Pre-animistic religion,

Folklore, XI. Bd., 1900, p. 178.

Wenn wir im Nachweis der Allmacht der Gedanken bei den Primitiven ein

Zeugnis für den Narzißmus erblicken dürfen, so können wir den Versuch

wagen, die Entwicklungsstufen der menschlichen Weltanschauung mit den

Stadien der libidinösen Entwicklung des Einzelnen in Vergleich zu

ziehen. Es entspricht dann zeitlich wie inhaltlich die animistische

Phase dem Narzißmus, die religiöse Phase jener Stufe der Objektfindung,

welche durch die Bindung an die Eltern charakterisiert ist, und die

wissenschaftliche Phase hat ihr volles Gegenstück in jenem Reifezustand

des Individuums, welcher auf das Lustprinzip verzichtet hat und unter

Anpassung an die Realität sein Objekt in der Außenwelt sucht(107).

(107) Es soll hier nur angedeutet werden, daß der ursprüngliche

Narzißmus des Kindes maßgebend für die Auffassung seiner

Charakterentwicklung ist und die Annahme eines primitiven

Minderwertigkeitsgefühles bei demselben ausschließt.

Nur auf einem Gebiete ist auch in unserer Kultur die »Allmacht der

Gedanken« erhalten geblieben, auf dem der Kunst. In der Kunst allein

kommt es noch vor, daß ein von Wünschen verzehrter Mensch etwas der

Befriedigung ähnliches macht, und daß dieses Spielen -- dank der

künstlerischen Illusion -- Affektwirkungen hervorruft, als wäre es etwas

Reales. Mit Recht spricht man vom Zauber der Kunst und vergleicht den

Künstler mit einem Zauberer. Aber dieser Vergleich ist vielleicht

bedeutsamer, als er zu sein beansprucht. Die Kunst, die gewiß nicht als

l'art pour l'art begonnen hat, stand ursprünglich im Dienste von

Tendenzen, die heute zum großen Teil erloschen sind. Unter diesen lassen

sich mancherlei magische Absichten vermuten(108).

(108) S. _Reinach_, L'art et la magie in der Sammlung Cultes, Mythes

et Religions, I. Bd., p. 125 bis 136. -- _Reinach_ meint, die

primitiven Künstler, welche uns die eingeritzten oder aufgemalten

Tierbilder in den Höhlen Frankreichs hinterlassen haben, wollten nicht

»Gefallen erregen«, sondern »beschwören«. Er erklärt es so, daß sich

diese Zeichnungen an den dunkelsten und unzugänglichsten Stellen der

Höhlen befinden, und daß die Darstellungen der gefürchteten Raubtiere

unter ihnen fehlen. »Les modernes parlent souvent, par hyperbole, de

la magie du pinceau ou du ciseau d'un grand artiste et, en général, de

la magie de l'art. Entendu au sens propre, qui est celui d'une

contrainte mystique exercée par la volonté de l'homme sur d'autres

volontés ou sur les choses, cette expression n'est plus admissible;

mais nous avons vu qu'elle était autrefois rigoureusement vraie, du

moins dans opinion des artistes« (p. 136).

4.

Die erste Weltauffassung, welche den Menschen gelang, die des Animismus,

war also eine psychologische. Sie bedurfte noch keiner Wissenschaft zu

ihrer Begründung, denn Wissenschaft setzt erst ein, wenn man eingesehen

hat, daß man die Welt nicht kennt und darum nach Wegen suchen muß, um

sie kennen zu lernen. Der Animismus war aber dem primitiven Menschen

natürlich und selbstgewiß; er wußte, wie die Dinge der Welt sind,

nämlich so wie der Mensch sich selbst verspürte. Wir sind also darauf

vorbereitet, zu finden, daß der primitive Mensch Strukturverhältnisse

seiner eigenen Psyche in die Außenwelt verlegte(109), und dürfen

anderseits den Versuch machen, was der Animismus von der Natur der Dinge

lehrt, in die menschliche Seele zurückzuversetzen.

(109) Durch sogenannte endopsychische Wahrnehmung erkannte.

Die Technik des Animismus, die Magie, zeigt uns am deutlichsten und

unvermengtesten die Absicht, den realen Dingen die Gesetze des

Seelenlebens aufzuzwingen, wobei Geister noch keine Rolle spielen

müssen, während auch Geister zu Objekten magischer Behandlung genommen

werden können. Die Voraussetzungen der Magie sind also ursprünglicher

und älter als die Geisterlehre, die den Kern des Animismus bildet.

Unsere psychoanalytische Betrachtung trifft hier mit einer Lehre von

R. R. _Marett_ zusammen, welcher ein _präanimistisches_ Stadium dem

Animismus vorhergehen läßt, dessen Charakter am besten durch den Namen

_Animatismus_ (Lehre von der allgemeinen Belebtheit) angedeutet wird. Es

ist wenig mehr aus der Erfahrung über den Präanimismus zu sagen, da man

noch kein Volk angetroffen hat, welches der Geistervorstellungen

entbehrte(110).

(110) R. R. _Marett_, Pre-animistic religion, Folklore, XI. Bd.,

Nr. 2, London 1900. -- Vgl. _Wundt_, Mythus und Religion, II. Bd.,

p. 171 u. ff.

Während die Magie noch alle Allmacht den Gedanken vorbehält, hat der

Animismus einen Teil dieser Allmacht den Geistern abgetreten und damit

den Weg zur Bildung einer Religion eingeschlagen. Was soll nun den

Primitiven zu dieser ersten Verzichtleistung bewogen haben? Kaum die

Einsicht in die Unrichtigkeit seiner Voraussetzungen, denn er behält ja

die magische Technik bei.

Die Geister und Dämonen sind, wie an anderer Stelle angedeutet wurde,

nichts als die Projektionen seiner Gefühlsregungen(111); er macht seine

Affektbesetzungen zu Personen, bevölkert mit ihnen die Welt, und findet

nun seine inneren seelischen Vorgänge außer seiner wieder, ganz ähnlich

wie der geistreiche Paranoiker _Schreber_, der die Bindungen und

Lösungen seiner Libido in den Schicksalen der von ihm kombinierten

»Gottesstrahlen« gespiegelt fand(112).

(111) Wir nehmen an, daß in diesem frühen narzißtischen Stadium

Besetzungen aus libidinöser und anderen Erregungsquellen vielleicht

noch ununterscheidbar miteinander vereinigt sind.

(112) _Schreber_, Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. 1903. --

_Freud_, Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch

beschriebenen Fall von Paranoia, Jahrb. f. psychoanalyt. Forsch.,

III. Bd., 1911. (Schriften zur Neurosenlehre, 3. Folge, 1913.)

Wir wollen hier wie bei einem früheren Anlasse(113) dem Problem

ausweichen, woher die Neigung überhaupt rührt, seelische Vorgänge nach

außen zu projizieren. Der einen Annahme dürfen wir uns aber getrauen,

daß diese Neigung dort eine Verstärkung erfährt, wo die Projektion den

Vorteil einer psychischen Erleichterung mit sich bringt. Ein solcher

Vorteil ist mit Bestimmtheit zu erwarten, wenn die nach Allmacht

strebenden Regungen in Konflikt miteinander geraten sind; dann können

sie offenbar nicht alle allmächtig werden. Der Krankheitsprozeß der

Paranoia bedient sich tatsächlich des Mechanismus der Projektion, um

solche im Seelenleben entstandene Konflikte zu erledigen. Nun ist der

vorbildliche Fall eines solchen Konflikts der zwischen den beiden

Gliedern eines Gegensatzpaares, der Fall der ambivalenten Einstellung,

den wir in der Situation des Trauernden beim Tode eines teuern

Angehörigen eingehend zergliedert haben. Ein solcher Fall wird uns

besonders geeignet scheinen, die Schöpfung von Projektionsgebilden zu

motivieren. Wir treffen hier wiederum mit Meinungen der Autoren

zusammen, welche die bösen Geister für die erstgeborenen unter den

Geistern erklären und die Entstehung der Seelenvorstellungen aus dem

Eindruck des Todes auf die Überlebenden ableiten. Wir machen nur den

einen Unterschied, daß wir nicht das intellektuelle Problem

voranstellen, welches der Tod dem Lebenden aufgibt, sondern die zur

Erforschung treibende Kraft in den Gefühlskonflikt verlegen, in welchen

diese Situation den Überlebenden stürzt.

(113) Vgl. die letztzitierte Abhandlung über _Schreber_, p. 59.

Die erste theoretische Leistung des Menschen -- die Schöpfung der

Geister -- würde also aus derselben Quelle entspringen wie die ersten

sittlichen Beschränkungen, denen er sich unterwirft, die

Tabuvorschriften. Doch soll die Gleichheit des Ursprungs nichts für die

Gleichzeitigkeit der Entstehung präjudizieren. Wenn es wirklich die

Situation des Überlebenden gegen den Toten war, die den primitiven

Menschen zuerst nachdenklich machte, ihn nötigte, einen Teil seiner

Allmacht an die Geister abzugeben und ein Stück der freien Willkür

seines Handelns zu opfern, so wären diese Kulturschöpfungen eine erste

Anerkennung der ~Anankê~, die sich dem menschlichen Narzißmus

widersetzt. Der Primitive würde sich vor der Übermacht des Todes beugen

mit derselben Geste, durch die er diesen zu verleugnen scheint.

Wenn wir den Mut zur weiteren Ausbeutung unserer Voraussetzungen haben,

können wir fragen, welches wesentliche Stück unserer psychologischen

Struktur in der Projektionsschöpfung der Seelen und Geister seine

Spiegelung und Wiederkehr findet. Es ist dann schwer zu bestreiten, daß

die primitive Seelenvorstellung, soweit sie auch noch von der späteren

völlig immateriellen Seele absteht, doch im wesentlichen mit dieser

zusammentrifft, also Person oder Ding als eine Zweiheit auffaßt, auf

deren beide Bestandteile die bekannten Eigenschaften und Veränderungen

des Ganzen verteilt sind. Diese ursprüngliche Dualität -- nach einem

Ausdruck von H. _Spencer_(114) -- ist bereits identisch mit jenem

Dualismus, der sich, in der uns geläufigen Trennung von Geist und Körper

kundgibt, und dessen unzerstörbare sprachliche Äußerungen wir z. B. in

der Beschreibung des Ohnmächtigen oder Rasenden: _er sei nicht bei

sich_, erkennen(115).

(114) Im I. Band der »Prinzipien der Soziologie«.

(115) H. _Spencer_, l. c., p. 179.

Was wir so, ganz ähnlich wie der Primitive, in die äußere Realität

projizieren, kann kaum etwas anderes sein als die Erkenntnis eines

Zustandes, in dem ein Ding den Sinnen und dem Bewußtsein gegeben,

_präsent_ ist, neben welchem ein anderer besteht, in dem dasselbe

_latent_ ist, aber wiedererscheinen kann, also die Koexistenz von

Wahrnehmen und Erinnern, oder, ins Allgemeine ausgedehnt, die Existenz

_unbewußter_ Seelenvorgänge neben den _bewußten_(116). Man könnte sagen,

der »Geist« einer Person oder eines Dinges reduziere sich in letzter

Analyse auf deren Fähigkeit erinnert und vorgestellt zu werden, wenn sie

der Wahrnehmung entzogen sind.

(116) Vgl. meine kleine Schrift: A note on the Unconscious in

Psycho-Analysis aus den Proceedings of the Society for Psychical

Research, Part LXVI, vol. XXVI, London 1912.

Man wird nun freilich weder von der primitiven noch von der heutigen

Vorstellung der »Seele« erwarten dürfen, daß ihre Abgrenzung vom anderen

Teile die Linien einhalte, welche unsere heutige Wissenschaft zwischen

der bewußten und der unbewußten Seelentätigkeit zieht. Die animistische

Seele vereinigt vielmehr Bestimmungen von beiden Seiten in sich. Ihre

Flüchtigkeit und Beweglichkeit, ihre Fähigkeit, den Körper zu verlassen,

dauernd oder vorübergehend von einem anderen Leibe Besitz zu nehmen,

dies sind Charaktere, die unverkennbar an das Wesen des Bewußtseins

erinnern. Aber die Art, wie sie sich hinter der persönlichen Erscheinung

verborgen hält, mahnt an das Unbewußte; die Unveränderlichkeit und

Unzerstörbarkeit schreiben wir heute nicht mehr den bewußten, sondern

den unbewußten Vorgängen zu, und diese betrachten wir auch als die

eigentlichen Träger der seelischen Tätigkeit.

* * * * *

Wir sagten vorhin, der Animismus sei ein Denksystem, die erste

vollständige Theorie der Welt, und wollen nun aus der psychoanalytischen

Auffassung eines solchen Systems gewisse Folgerungen ableiten. Die

Erfahrung jedes unserer Tage kann uns die Haupteigenschaften des

»Systems« immer von neuem vorführen. Wir träumen in der Nacht und haben

es erlernt, am Tage den Traum zu deuten. Der Traum kann, ohne seine

Natur zu verleugnen, wirr und zusammenhanglos erscheinen, er kann aber

auch im Gegenteil die Ordnung der Eindrücke eines Erlebnisses nachahmen,

eine Begebenheit aus der anderen ableiten und ein Stück seines Inhaltes

auf ein anderes beziehen. Dies scheint ihm besser oder schlechter

gelungen zu sein, fast niemals gelingt es so vollkommen, daß nicht

irgendwo eine Absurdität, ein Riß im Gefüge zum Vorschein käme. Wenn wir

den Traum der Deutung unterziehen, erfahren wir, daß die inkonstante und

ungleichmäßige Anordnung der Traumbestandteile auch etwas für das

Verständnis des Traumes recht Unwichtiges ist. Das Wesentliche am Traum

sind die Traumgedanken, die allerdings sinnreich, zusammenhängend und

geordnet sind. Aber deren Ordnung ist eine ganz andere als die von uns

am manifesten Trauminhalt erinnerte. Der Zusammenhang der Traumgedanken

ist aufgegeben worden und kann dann entweder überhaupt verloren bleiben

oder durch den neuen Zusammenhang des Trauminhalts ersetzt werden. Fast

regelmäßig hat, außer der Verdichtung der Traumelemente, eine Umordnung

derselben stattgefunden, die von der früheren Anordnung mehr oder

weniger unabhängig ist. Wir sagen abschließend, das, was durch die

Traumarbeit aus dem Material der Traumgedanken geworden ist, hat eine

neue Beeinflussung erfahren, die sogenannte »_sekundäre Bearbeitung_«,

deren Absicht offenbar dahingeht, die aus der Traumarbeit resultierende

Zusammenhangslosigkeit und Unverständlichkeit zu Gunsten eines neuen

»Sinnes« zu beseitigen. Dieser neue, durch die sekundäre Bearbeitung

erzielte Sinn ist nicht mehr der Sinn der Traumgedanken.

Die sekundäre Bearbeitung des Produkts der Traumarbeit ist ein

vortreffliches Beispiel für das Wesen und die Ansprüche eines Systems.

Eine intellektuelle Funktion in uns fordert Vereinheitlichung,

Zusammenhang und Verständlichkeit von jedem Material der Wahrnehmung

oder des Denkens, dessen sie sich bemächtigt, und scheut sich nicht,

einen unrichtigen Zusammenhang herzustellen, wenn sie infolge besonderer

Umstände den richtigen nicht erfassen kann. Wir kennen solche

Systembildungen nicht nur vom Traume, sondern auch von den Phobien, dem

Zwangsdenken und den Formen des Wahnes. Bei den Wahnerkrankungen (der

Paranoia) ist die Systembildung das Sinnfälligste, sie beherrscht das

Krankheitsbild, sie darf aber auch bei den anderen Formen von

Neuropsychosen nicht übersehen werden. In allen Fällen können wir dann

nachweisen, daß eine _Umordnung_ des psychischen Materials zu einem

neuen Ziel stattgefunden hat, oft eine im Grunde recht gewaltsame, wenn

sie nur unter dem Gesichtspunkt des Systems begreiflich erscheint. Es

wird dann zum besten Kennzeichen der Systembildung, daß jedes der

Ergebnisse desselben mindestens zwei Motivierungen aufdecken läßt, eine

Motivierung aus den Voraussetzungen des Systems -- also eventuell eine

wahnhafte -- und eine versteckte, die wir aber als die eigentlich

wirksame, reale, anerkennen müssen.

Zur Erläuterung ein Beispiel aus der Neurose: In der Abhandlung über das

Tabu erwähnte ich eine Kranke, deren Zwangsverbote die schönsten

Übereinstimmungen mit dem Tabu der _Maori_ zeigen(117). Die Neurose

dieser Frau ist auf ihren Mann gerichtet; sie gipfelt in der Abwehr des

unbewußten Wunsches nach seinem Tod. Ihre manifeste, systematische

Phobie gilt aber der Erwähnung des Todes überhaupt, wobei ihr Mann

völlig ausgeschaltet ist und niemals Gegenstand bewußter Sorge wird.

Eines Tages hört sie den Mann den Auftrag erteilen, seine stumpf

gewordenen Rasiermesser sollen in einen bestimmten Laden zum Schleifen

gebracht werden. Von einer eigentümlichen Unruhe getrieben, macht sie

sich selbst auf den Weg nach diesem Laden und fordert nach ihrer

Rückkehr von dieser Rekognoszierung von ihrem Manne, er müsse diese

Messer für alle Zeiten aus dem Wege räumen, denn sie habe entdeckt, daß

neben dem von ihm genannten Laden sich eine Niederlage von Särgen,

Trauerwaren u. dgl. befindet. Die Messer seien durch seine Absicht in

eine unlösbare Verbindung mit dem Gedanken an den Tod geraten. Dies ist

nun die systematische Motivierung des Verbots. Wir dürfen sicher sein,

daß die Kranke auch ohne die Entdeckung jener Nachbarschaft das Verbot

der Rasiermesser nach Hause gebracht hätte. Denn es hätte dazu

hingereicht, daß sie auf dem Wege nach dem Laden einem Leichenwagen,

einer Person in Trauerkleidung oder einer Trägerin eines Leichenkranzes

begegnete. Das Netz der Bedingungen war weit genug ausgespannt, um die

Beute in jedem Falle zu fangen; es lag dann an ihr, ob sie es zuziehen

wollte oder nicht. Man konnte mit Sicherheit feststellen, daß sie für

andere Fälle die Bedingungen des Verbots nicht aktivierte. Dann hieß es

eben, es sei ein »besserer Tag« gewesen. Die wirkliche Ursache des

Verbots der Rasiermesser war natürlich, wie wir mit Leichtigkeit

erraten, ihr Sträuben gegen eine Lustbetonung der Vorstellung, ihr Mann

könne sich mit dem geschärften Rasiermesser den Hals abschneiden.

(117) p. 38.

In ganz ähnlicher Weise vervollständigt und detailliert sich eine

Gehhemmung, eine Abasie oder Agoraphobie, wenn es diesem Symptom einmal

gelungen ist, sich zur Vertretung eines unbewußten Wunsches und der

Abwehr gegen denselben aufzuschwingen. Was sonst noch an unbewußten

Phantasien und an wirksamen Reminiszenzen in dem Kranken vorhanden ist,

drängt diesem einmal eröffneten Ausweg zum symptomatischen Ausdruck zu

und bringt sich in zweckmäßiger Neuordnung im Rahmen der Gehstörung

unter. Es wäre also ein vergebliches, eigentlich ein törichtes Beginnen,

wenn man das symptomatische Gefüge und die Einzelheiten, z. B. einer

Agoraphobie aus der Grundvoraussetzung derselben verstehen wollte. Alle

Konsequenz und Strenge des Zusammenhanges ist doch nur scheinbar.

Schärfere Beobachtung kann, wie bei der Fassadenbildung des Traumes, die

ärgsten Inkonsequenzen und Willkürlichkeiten der Symptombildung

aufdecken. Die Einzelheiten einer solchen systematischen Phobie

entnehmen ihre reale Motivierung versteckten Determinanten, die mit der

Gehhemmung nichts zu tun haben müssen, und darum fallen auch die

Gestaltungen einer solchen Phobie bei verschiedenen Personen so

mannigfaltig und so widersprechend aus.

* * * * *

Suchen wir nun den Rückweg zu dem uns beschäftigenden System des

Animismus, so schließen wir aus unseren Einsichten über andere

psychologische Systeme, daß die Motivierung einer einzelnen Sitte oder

Vorschrift durch den »Aberglauben« auch bei den Primitiven nicht die

einzige und die eigentliche Motivierung zu sein braucht und uns der

Verpflichtung nicht überhebt, nach den versteckten Motiven derselben zu

suchen. Unter der Herrschaft eines animistischen Systems ist es nicht

anders möglich, als daß jede Vorschrift und jede Tätigkeit eine

systematische Begründung erhalte, welche wir heute eine »abergläubische«

heißen. »Aberglaube« ist wie »Angst«, wie »Traum«, wie »Dämon«, eine der

psychologischen Vorläufigkeiten, die vor der psychoanalytischen

Forschung zergangen sind. Kommt man hinter diese, die Erkenntnis wie

Wandschirme abwehrenden Konstruktionen, so ahnt man, daß dem Seelenleben

und der Kulturhöhe der Wilden ein Stück verdienter Würdigung bisher

vorenthalten wurde.

Betrachtet man die Triebverdrängung als ein Maß des erreichten

Kulturniveaus, so muß man zugestehen, daß auch unter dem animistischen

System Fortschritte und Entwicklungen vorgefallen sind, die man mit

Unrecht ihrer abergläubischen Motivierung wegen gering schätzt. Wenn wir

hören, daß Krieger eines wilden Volksstammes sich die größte Keuschheit

und Reinlichkeit auferlegen, sobald sie sich auf den Kriegspfad

begeben(118), so wird uns die Erklärung nahegelegt, daß sie ihren Unrat

beseitigen, damit sich der Feind dieses Teiles ihrer Person nicht

bemächtige, um ihnen auf magische Weise zu schaden, und für ihre

Enthaltsamkeit sollen wir analoge abergläubische Motivierungen vermuten.

Nichtsdestoweniger bleibt die Tatsache des Triebverzichts bestehen, und

wir verstehen den Fall wohl besser, wenn wir annehmen, daß der wilde

Krieger sich solche Beschränkungen zur Ausgleichung auferlegt, weil er

im Begriffe steht, sich die sonst untersagte Befriedigung grausamer und

feindseliger Regungen im vollen Ausmaße zu gestatten. Dasselbe gilt für

die zahlreichen Fälle von sexueller Beschränkung, solange man mit

schwierigen oder verantwortlichen Arbeiten beschäftigt ist(119). Mag

sich die Begründung dieser Verbote immerhin auf einen magischen

Zusammenhang berufen, die fundamentale Vorstellung, durch Verzicht auf

Triebbefriedigung größere Kraft zu gewinnen, bleibt doch unverkennbar,

und die hygienische Wurzel des Verbots ist neben der magischen

Rationalisierung derselben nicht zu vernachlässigen. Wenn die Männer

eines wilden Volksstammes zur Jagd, zum Fischfang, zum Krieg, zum

Einsammeln kostbarer Pflanzenstoffe ausgezogen sind, so bleiben ihre

Frauen unterdes im Hause zahlreichen drückenden Beschränkungen

unterworfen, denen von den Wilden selbst eine in die Ferne reichende,

sympathetische Wirkung auf das Gelingen der Expedition zugeschrieben

wird. Doch gehört wenig Scharfsinn dazu, um zu erraten, daß jenes in die

Ferne wirkende Moment kein anderes als das Heimwärtsdenken, die

Sehnsucht der Abwesenden, ist, und daß hinter diesen Einkleidungen die

gute psychologische Einsicht steckt, die Männer werden ihr Bestes nur

dann tun, wenn sie über den Verbleib der unbeaufsichtigten Frauen

vollauf beruhigt sind. Andere Male wird es direkt, ohne magische

Motivierung, ausgesprochen, daß die eheliche Untreue der Frau die

Bemühungen des in verantwortlicher Tätigkeit abwesenden Mannes zum

Scheitern bringt.

(118) _Frazer_, Taboo and the perils of the soul, p. 158.

(119) _Frazer_, l. c., p. 200.

Die unzähligen Tabuvorschriften, denen die Frauen der Wilden während

ihrer Menstruation unterliegen, werden durch die abergläubische Scheu

vor dem Blute motiviert und haben in ihr wohl auch eine reale

Begründung. Aber es wäre unrecht, die Möglichkeit zu übersehen, daß

diese Blutscheu hier auch ästhetischen und hygienischen Absichten dient,

die sich in allen Fällen mit magischen Motivierungen drapieren müßten.

Wir täuschen uns wohl nicht darüber, daß wir uns durch solche

Erklärungsversuche dem Vorwurfe aussetzen, daß wir den heutigen Wilden

eine Feinheit der seelischen Tätigkeiten zumuten, die weit über die

Wahrscheinlichkeit hinausgeht. Allein ich meine, es könnte uns mit der

Psychologie dieser Völker, die auf der animistischen Stufe stehen

geblieben sind, leicht so ergehen wie mit dem Seelenleben des Kindes,

das wir Erwachsene nicht mehr verstehen, und dessen Reichhaltigkeit und

Feinfühligkeit wir darum so sehr unterschätzt haben.

Ich will noch einer Gruppe von bisher unerklärten Tabuvorschriften

gedenken, weil sie eine dem Psychoanalytiker vertraute Aufklärung

zuläßt. Bei vielen wilden Völkern ist es unter verschiedenen

Verhältnissen verboten, scharfe Waffen und schneidende Instrumente im

Hause zu halten(120). _Frazer_ zitiert einen deutschen Aberglauben, daß

man ein Messer nicht mit der Schneide nach oben liegen lassen dürfe.

Gott und die Engel könnten sich daran verletzen. Soll man in diesem Tabu

nicht die Ahnung gewisser »Symptomhandlungen« erkennen, zu denen die

scharfe Waffe durch unbewußte böse Regungen gebraucht werden könnte?

(120) _Frazer_, l. c., p. 237.

Totem und Tabu Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker · 第 16 / 25 题