LEBEN AN BORD.

Vierzehn Tage waren nach dem, im vorigen Capitel beschriebenen Sturm

verflossen, und nichts Besonderes in der Zeit an Bord der Haidschnucke

vorgefallen. Der Wind blieb ihnen aber, wenn auch nicht besonders stark,

doch ziemlich günstig, daß sie wenigstens fortwährend Cours anliegen oder

steuern konnten(16), und bei dem herrlichen und schönsten Wetter den

ruhigen Passat benutzen durften. In jenen Breiten weht die Luft so

gleichmäßig, daß sogar eine Veränderung an den Segeln nur selten nöthig

war, und die Passagiere, die auch wohl sahen daß sie tüchtig dabei

vorwärts rückten, fingen schon an ungeduldig zu werden, frugen

unaufhörlich die Steuerleute und Matrosen wann sie wohl »nach Amerika«

kommen würden, und kramten den ganzen ausgeschlagenen Tag in ihren Kisten

und Kasten herum ihre »Uferkleider« wieder vorzusuchen, Stiefeln und

Schuhwerk von Schimmel zu reinigen, Wäsche auszuwaschen, und Tuchröcke und

Hosen an die Luft zu hängen und auszusonnen.

Eine eigenthümliche Veränderung war aber doch mit manchem der Passagiere,

während der langen Seereise, vorgegangen. Besonders die Männer, die sich

im Anfang noch, als ihnen das Schiffsleben fremd und ungewohnt vorkam,

wenigstens sauber und reinlich gehalten, und regelmäßig ihre gewöhnliche

Kleidung angelegt hatten, als ob sie an Land gehen wollten, fingen an

nachlässig zu werden, und ließen ihrer Bequemlichkeit in dem Schmutz des

Zwischendecks den Zügel schießen. Diesen voran waren Steinert, und selbst

Mehlmeier, die schon lange ihre Tuchkleider in die Kisten gepackt, und nur

noch in den ersten Wochen angefangen hatten zwei und drei Hemden

wöchentlich auszuwaschen. Das machte ihnen aber bald auch zu viel Müh’;

wozu sich vor den Anderen geniren? — mit der Cajüte, so oft sie das auch

versucht, kamen sie doch in keine Berührung, denn das nicht unbegründete

Gerücht daß sich Ungeziefer im Zwischendeck gezeigt, hielt jetzt selbst

Herrn von Hopfgarten ab sich noch zwischen die Leute zu mischen, und für

ihre gewöhnliche und alltägliche Gesellschaft waren sie auch so gut und

reinlich genug. In zertretenen Pantoffeln und abgerissenen Staubhemden und

Hosen, Steinert ein rothgesticktes sehr schmutziges Sammetkäppchen,

Mehlmeier eine einfachere aber nicht reinlichere östreichische Mütze auf

(wobei der vergoldete Knopf vorn, wie der gelbe Streifen darum ihm das

Ansehn eines heruntergekommenen Beamten gaben) trieben sie sich den Tag

über an Deck herum, und warfen sich den Abend meist unausgezogen auf ihr

Lager. Steinert trank dabei; aber der Wein, den er sowohl wie Mehlmeier zu

ihrer Stärkung unterwegs mitgenommen, war lange verbraucht, und der

Weinreisende sah sich genöthigt seiner durstigen Kehle den leichter zu

bekommenden aber auch gefährlicheren Branntwein zu gönnen. Er betrank sich

allerdings nicht, aber er wurde sehr lustig und laut, und Mehlmeier, der

ihm gerade nicht regelmäßig, aber doch sehr häufig Gesellschaft dabei

leistete, setzte sich dann zu ihm und sang mit ihm, bis sie gewöhnlich

Abends von dem wachthabenden Steuermann zur Ruhe verwiesen wurden, weil

die zur Coye gegangenen Matrosen nicht schlafen konnten.

Noch immer der Alte war und blieb Zachäus Maulbeere, der Exprediger des

Zwischendecks, der aber nichtsdestoweniger, und trotzdem daß es ihm an

Deck verboten worden, im unteren Raum noch mehrmals Reden, und zwar meist

in der angefangenen Art gehalten, und immer eine bereitwillige Schaar

Zuhörer gefunden hatte. Die Bessergesinnten wollten es freilich auch unten

nicht dulden, und der fromme Weber meinte der damalige Sturm sei

unmittelbar der Gotteslästerung gefolgt, ja ihr ganzes Schiff würde noch

dem Zorn des Allmächtigen verfallen, wenn sie den schlechten Menschen

seine nichtsnutzigen und teuflischen Reden unter sich halten ließen, die

Mehrzahl war aber gegen ihn, und die Steuerleute mochten sich nicht in das

mischen was unter Deck vorging, so lange es nicht das Schiff selber betraf

und schädigte. Uebrigens trug er noch — und kein Mensch an Bord hatte ihn

je ohne den gesehn — denselben verblichenen grünen Oberrock mit den glatt

und glänzend gescheuerten Schultern, den er an dem Morgen getragen, als er

den Weserkahn zuerst betrat. Selbst Nachts that er ihn nicht von sich, und

anstatt sich überhaupt vor Schlafengehn, wie man es im gewöhnlichen Leben

doch eigentlich thut, zu entkleiden, zog er im Gegentheil zu dieser Zeit

noch einen alten einmal blau gewesenen Mantel mit drei oder vier Kragen,

_über_ seinen Rock, brachte die Kragen dann durch einen plötzlichen Ruck

nach oben unter den Kopf, schob sich mit einem der nägelbeschlagenen

Schuhe, die er ebenfalls nie von den Füßen that, die wollene Decke zur

Hand, zog sie bis an sein Kinn, und war dann meistens schon nach wenigen

Minuten fest und schnarchfähig eingeschlafen. Die Wäsche hatte ihn dabei

noch Niemand an Bord wechseln sehen, und war es, so mußte es heimlich in

der Nacht geschehen sein, wie eine Sache wegen der man sich zu schämen

hätte. Den Rock trug er übrigens seit den letzten 14 Tagen bis oben an den

Hals hinauf zugeknöpft, oder vielmehr mit Bindfaden zugebunden, da der

oberste Knopf der ununterbrochenen anstrengenden Beschäftigung erlegen

war. Nicht einmal die gesprenkelte Weste kam mehr zu Tage.

Die einzige Person auf dem ganzen Schiff, mit der Maulbeere je verkehrte

und sich manchmal unterhielt — wenn das Gespräch der Beiden überhaupt eine

Unterhaltung genannt werden konnte, — war der Mann mit den

kurzgeschnittenen Haaren, der sich selber Meier genannt, seine Frisur aber

keineswegs beibehalten, sondern der Natur, seit er auf dem Schiffe war,

völlige Freiheit gelassen hatte, ihm Kopf, Kinn und Oberlippe wieder nach

Herzenslust mit schwarzen struppigen dichten Haaren zu überziehen. Er sah

auch äußerlich dadurch ganz anders aus, als wie er vor so viel Wochen das

Schiff betreten hatte, in seinem Betragen änderte das aber Nichts, und

fest und verschlossen gegen Alle, blieb der eben so schweigsame

Scheerenschleifer wirklich der Einzige an Bord, den er für würdig hielt

manchmal eine oder die andere seiner Bemerkungen hingeworfen zu bekommen,

wonach es diesem dann vollkommen frei stand, irgend etwas darauf zu

erwiedern oder nicht. Seine Frau, eine schlanke, nicht unschöne aber etwas

abgelebte Gestalt, schien am allermeisten von sämmtlichen Passagieren des

ganzen Schiffes an der Seekrankheit gelitten zu haben, die sie wirklich

nur in den windstillen Tagen gänzlich verlassen hatte. In der übrigen Zeit

lag sie in ihrer Coye fest eingehüllt und zugedeckt, fröstelnd und gegen

den unerbittlichen Feind ankämpfend, und ließ sich fast nur in der

Dämmerung auf Deck sehn. In der Zeit ging sie etwa eine Stunde oben

zwischen dem Haupt- und Fockmast ganz allein auf und ab, und sprach und

verkehrte mit Niemandem. Nur mit den Kindern gab sie sich gern und viel

ab, redete sie freundlich an, gab ihnen Zucker und Zwieback, und nahm wohl

auch eins der kleineren, wenn sie es sich gefallen ließen, auf den Schooß,

und hätschelte und küßte es dann, und wollte es fast nicht wieder aus den

Armen lassen. Aber die Kinder fürchteten sich, sonderbarer Weise vor ihr,

und nur selten, höchst selten konnte ein oder das andere einmal bewogen

werden die Liebkosungen der fremden Frau standhaft zu ertragen. War es

aber wirklich geschehn und hatten sie ihren Zwieback oder Zucker bekommen,

dann schossen die kleinen Dinger auch gewiß so rasch sie konnten zu den

Eltern zurück, drückten sich in deren Nähe, und es war fast als ob sie nun

dort das unheimliche Gefühl erst abschütteln müßten, das ihnen bis jetzt

die Kindesbrust beengt.

Am besten jedenfalls von allen Zwischendeckspassagieren hatte sich bis

jetzt die Weberfamilie in das Schiffsleben hineingefunden. Er wie sie

waren auch nicht einen Augenblick müßig an Bord, so lange die Sonne

schien, und während die Frau für die Cajütspassagiere wusch und nähte, und

besonders von Lobensteins eine Menge Arbeit bekam, die sie mit größter

Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit ausführte, dann nebenbei auch noch ihre

Kinder beaufsichtigte und, ein Muster den Uebrigen, sauber und reinlich

hielt, half er dem Koch in der Küche das Geschirr auswaschen und scheuern,

und wenn das beendet war, dem Zimmermann an Bord die verschiedenen

nöthigen Arbeiten verrichten. Besonders eifrig zeigte er sich bei dem

letzteren, die verschiedenen kleinen Handgriffe seines Geschäfts zu

erlernen, und mit gutem Willen, von dem Zimmermann selber gern dabei

unterstützt, gelang ihm das auch bald fast über Erwarten.

Wenig oder gar nicht mit seinen Mitpassagieren verkehrte der junge Donner,

der still und abgeschlossen sich die meiste Zeit mit Lesen beschäftigte,

oder auch wohl hinauf in die Marsen stieg, und Stunden lang hinaussah auf

das weite wogende Meer. Nichtsdestoweniger war er von Allen gern gelitten,

und wie Einzelne der Passagiere nach und nach erkrankten zeigte er sich

vielen auch als wahrer Freund, verabreichte ihnen kleine Mittel und

stellte sie wieder her. Das wurde dabei um so dankbarer angenommen, als es

sich gar bald herausstellte daß der eigentliche »Doktor« an Bord wenig

mehr von seinem Geschäft verstand als eben Aderlassen und Schröpfen, und

die Zwischendeckspassagiere nannten ihn schon gar nicht mehr anders als

den »Blutegel«. Der Frau des Tischlermeister Leupold hatte sich Donner

ganz besonders freundlich angenommen, ohne freilich ihren Zustand

wesentlich verbessern zu können. Der Fall an dem Tag, mit den Schrecken

der Nacht, hatte gleich bös auf ihr Gehirn wie ihre Nerven gewirkt, und

wenn ihr Leiden auch nicht gerade wieder in Tobsucht, wie an jenem

furchtbaren Abend, ausbrach, lag sie doch jetzt in theilnahmloser

Stumpfsinnigkeit, ohne sich um Mutter oder Gatten zu kümmern oder auch nur

nach ihnen zu fragen, auf ihrem Lager, und hielt Stunden lang die Hände

fest gegen die fiebrische Stirn gepreßt. Leupolds Mutter, so wie sich

diese nur in etwas von dem erneuten Anfall der Seekrankheit erholt, und

Hedwig, die sich jeden Augenblick Zeit abstahl bei der Kranken zu sein,

pflegten sie unermüdlich, und thaten Alles was in ihren Kräften stand,

ihren Zustand zu erleichtern, aber auch das war nur sehr wenig, und dieser

selbst von dem jungen Donner — denn Hückler hatte ihn lange aufgegeben —

für hoffnungslos erklärt. Uebrigens bekam sie, auf Georg Donners

ernstliche Vorstellungen an den Capitain, der im Anfang nicht darauf

eingehen wollte, ihre Kost jetzt einzig und allein aus der Cajüte. Lieber

Gott, es war wenig genug was sie davon genießen konnte.

Leupold selber hatte bis jetzt das Unglück das ihn betroffen mit großer

Standhaftigkeit ertragen, und war nicht von dem Lager der Kranken gewichen

Tag und Nacht; hatte er ja doch noch immer eine Hoffnung, daß sich sein

Weib erholen könne, und ihm erhalten bliebe. Als aber auch diese ihn

zuletzt verließ, und sich ihm die Gewißheit des unersetzlichen Verlustes

endlich aufzwang, da brach die Kraft des starken, besonnenen Mannes auch

zusammen, und er weinte wie ein Kind. Vergebens blieben alle Tröstungen

der übrigen Passagiere, die, mit wenigen Ausnahmen, innigen Antheil an

seinem Schmerze nahmen; was er sich selber vorzuwerfen hatte, oder zu

haben glaubte, fühlte er auch allein und am schärfsten, und vermochte dem

über ihn hereingebrochenen Unglück nicht die Stirn zu bieten. Laut klagte

er sich jetzt selber an, leichtsinnig und thöricht sein Glück in der

Heimath von sich geworfen und mit Füßen getreten, ja _durch_ seinen

Leichtsinn die eigene Frau die ihm nur mit Widerstreben gefolgt, getödtet

zu haben, und saß dann wieder halbe Tage lang dumpf vor sich hinbrütend an

Deck, den Kopf auf die Reiling gelehnt, und aß und trank nicht, antwortete

nicht wenn man ihn fragte, und schaute stier und unverwandt in’s Meer.

Am glücklichsten von allen Zwischendeckspassagieren schien der junge

Dichter und »Schriftgelehrte« Theobald — wie ihn Steinert nannte — die

Zeit an Bord zu verleben. Seinem eigenen Ausdruck nach flog er wirklich

wie eine Biene von Blume zu Blume Honig einzusammeln, d. h. er machte sich

nach der Reihe an alle verschiedene Mitpassagiere, die im Bereiche seines

Armes waren, und suchte ihre Lebensverhältnisse und Schicksale zu

erfahren, die er sich dann unverweilt in sein Taschenbuch unter

verschiedene Rubriken eintrug und im Stillen zugleich bestimmte, was davon

zu Prosa, was zu poetischen Ergüssen benutzt werden sollte. Manche fand er

nun allerdings höchst bereitwillig ihm alles das zu erzählen was sie von

sich eben wußten, bei denen lohnte es sich dann aber auch selten der Mühe,

denn sie hatten gewöhnlich nur Alltägliches mitzutheilen, und Theobald

bekam von ihnen nicht einmal _Wachs_. Die aber, die wirklich etwas des

Erzählens Werthes erlebt, rückten nie gern mit der Sprache heraus, ja die

interessantesten Persönlichkeiten an Bord, unter ihnen Maulbeere, Meier

und zwei der letztgekommenen Passagiere wiesen ihn sogar schnöde und grob

genug ab, und sagten ihm, mit noch einigen anderen, schwer wieder zu

gebenden Bekräftigungen, er solle sich zum Teufel scheeren und andere

ehrliche Leute mit seinen langweiligen und naseweisen Fragen in Ruhe

lassen.

Maulbeere besonders, der ihm die frühere Charakteristik noch nicht

vergessen und ihn außerdem im Verdacht hatte daß er ihn zeichnen wolle

(etwas Schlimmeres hätte Maulbeere gar nicht passiren können) fertigte ihn

am gröbsten ab. Sobald deshalb Theobald, oft nur zufällig ihm gegenüber

Platz und sein unausweichliches Buch zur Hand nahm, veränderte er stets

die Stellung, drehte den Kopf von ihm fort und ihm den Rücken zu, und

schnitt ihm dabei von Zeit zu Zeit über die Schulter hin die grimmigsten

Gesichter. Er brachte es auch in der That zuletzt dahin daß ihm Theobald

wie einen bösgemachten Kettenhund, aus dem Wege ging, und jede weitere

Annäherung an ihn, als total erfolglos, aufgeben mußte.

Humoristischer faßte der älteste von den drei geheimnißvollen Passagieren

die Sache auf, denn dieser kam einer Annäherung Theobalds, von der er bald

den wahren Grund vermuthete, auf halbem Wege entgegen, ließ sich mit ihm,

ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, in ein wirklich vertrauliches

Gespräch ein, und willfahrte auch zuletzt sogar dessen Wunsch, ihm einige

Daten aus seiner eigenen Lebensgeschichte mitzutheilen. Theobald vertraute

ihm dabei, wahrscheinlich um _sein_ Vertrauen zu erwecken, daß er an einer

Biographie berühmter Charaktere arbeite, und, natürlich unter strenger

Verschweigung des Namens, wirklich erlebte Scenen interessanter

Persönlichkeiten zu sammeln suche. Der Alte sträubte sich, nach dieser

offenen Erklärung, allerdings ein wenig, aber Theobalds Ueberredungskunst

wußte seine letzten Zweifel und Bedenklichkeiten endlich zu beseitigen,

und er begann jetzt dem staunenden Dichter eine Kette von Schicksalen zu

erzählen, deren erster Beginn schon diesen mit Staunen und Bewunderung

erfüllte, und ihm ganze Schätze von Material für spätere Arbeiten

versprach.

Der Mann war, seiner eigenen Aussage nach, der natürliche Sohn eines

Fürsten, dessen Namen zu geben er sich hartnäckig weigerte, in seiner

Jugend ganz wie Caspar Hauser auf einer wüsten Insel in der Nordsee

erzogen worden, und dann später nach Afrika geschafft, dort wahrscheinlich

dem, Europäern so verderblichen Klima zu erliegen. Seine gute Natur hatte

ihn aber nicht allein gesund und am Leben gehalten, sondern seine

persönliche Tapferkeit wie die mitgebrachten Feuerwaffen, ihn auch bald

dem König des dortigen Reiches so unentbehrlich gemacht, daß er die Hand

dessen einziger Tochter mit der Bestätigung erhielt, einstens, nach dem

Ableben des alten Fürsten die Regierung zu übernehmen, als eine

Palastrevolution seiner Heirath wie seinen glücklichen Aussichten ein

rasches und grausames Ende machte. Der alte Fürst wurde von einem nahen

Verwandten, ermordet, und während dieser die Prinzessin selber heirathete

nähte man den Fremden, den man beschuldigte durch schändliche Zaubermittel

das Vertrauen des alten wackeren Königs erschlichen zu haben, in einen

gewöhnlichen Kaffeesack, und warf ihn in’s Meer. Wunderbarer Weise lag

dort gerade ein europäisches Schiff vor Anker, das aus Furcht mit in die

politischen Wirren verwickelt zu werden, seinen Anker lichtete, und mit

diesem zu gleicher Zeit den unglücklich Gerichteten, eben noch am Leben,

heraufzog. Er blieb jetzt eine Zeit lang an Bord des englischen Schiffs,

das bestimmt war den Sklavenhandel an der afrikanischen Küste zu

überwachen, bis dieses mehre reiche brasilianische Prisen genommen hatte

und nach Hause zurückkehrte.

Unverhofft und wohl auch unerwünscht wurde sein Wiedererscheinen in Europa

von seinem unnatürlichen Vater begrüßt, der aber doch jetzt nicht umhin

konnte für den Sohn zu sorgen. Er verschaffte ihm also eine Stelle an der

Bärenburger Staats-Eisenbahn, wo er ein sehr ruhiges und zufriedenes Leben

hätte führen können, wenn sich nicht eine junge russische Gräfin auf der

Durchreise in ihn verliebt, und ihn zu dem thörichten Schritt verleitet

hätte sie zu entführen, oder sich vielmehr von ihr entführen zu lassen.

Der Telegraph war schneller als ein genommener Extrazug, sie wurden

eingeholt, die Gräfin kam, allem Vermuthen nach in ein sibirisches

Kloster, und er selber auf die Festung nach Torgau wo er drei Jahre lang

in Einzelhaft schmachtete. Seine Drohung endlich, wichtige

Familiengeheimnisse eines deutschen Königshauses zu verrathen, verschaffte

ihm die Freiheit wieder, und er ging jetzt als geheimer östreichischer

Consul nach den Vereinigten Staaten dort — doch er durfte nicht indiscret

sein, und wollte von seinen Instructionen Nichts verrathen.

Theobald war dem Beginn der Erzählung in freudiger, man könnte fast sagen

gieriger Aufregung gefolgt; je weiter sich der Bursche aber in seine

romantische Schilderung verlor, desto stutziger wurde er, hörte auch auf,

sich die einzelnen Daten zu notiren, und betrachtete den Erzähler mit

einem allerdings noch immer aufmerksamen, doch etwas mißtrauisch

gewordenen Blick, der offenem Mißmuth Raum gab, als Jener ihm auch noch

den östreichischen Consul aufbinden wollte.

»Lieber Freund« sagte er dabei, während er von dem Wasserfaß auf dem er

gesessen, aufstand, und sein kleines Notizbuch in die Tasche zurückschob —

»Sie glauben vielleicht daß Sie sich einen Spaß mit mir erlauben können —«

Furchtbares Gelächter unterbrach ihn aber in jeder weiteren Protestation,

denn oben in der, mitten auf Deck aufgestellten Berkasse, hatten von ihm

ganz unbemerkt die beiden Kameraden des Burschen gelegen, und der ganzen

Erzählung mit unbeschreiblichem Behagen zugehört, dem sie erst jetzt Luft

machten, als sie merkten daß der »Langhaarige« wie er auf dem Schiffe

hieß, doch nicht länger anbeißen wollte.

»Hahahaha!« schrie dabei der Jüngste — »ob er sich nicht Alles dabei

aufgeschrieben hat wie ein Polizeispion —«

»Daß ich ein afrikanischer Prinz wäre hat er geglaubt« lachte nun auch der

Alte — »aber der östreichische Consul blieb ihm in der Kehle stecken.«

Theobald war entrüstet, und eben im Begriff dem profanen Menschen in

voller Verachtung zu erwiedern, besann sich aber noch eines Besseren,

drehte sich scharf auf dem Absatz herum, und verließ mit einem

durchbohrenden Blick auf die Gruppe, der von einem lauten Hurrah der

Uebrigen erwiedert wurde, rasch den Platz.

»Guten Morgen Herr Theobald« sagte in diesem Augenblick Meier der

jedenfalls auch ein heimlicher Zeuge der Scene gewesen sein mußte, zu dem

entrüsteten Dichter, dem er auf dem anderen Gangweg begegnete — »wünschten

Sie nicht vielleicht jetzt auch _meine_ Lebensgeschichte in Ihr kleines

grünes Büchelchen zu notiren? — ich stünde Ihnen mit Vergnügen zu

Diensten.«

»Gehn Sie zum Teufel!« rief aber Theobald, der den in dem Anerbieten

enthaltenen Hohn nicht mißverstehen konnte, in voller Entrüstung, und warf

beinah den Waschtrog über den Haufen, an dem des Webers Frau beschäftigt

war, nur um dem fatalen Menschen so rasch als möglich aus dem Weg zu

kommen. Meier blieb aber stehn, sah ihm erst lächelnd eine Weile nach, und

dann sich zu dem Weber wendend, der unsern davon an des Zimmermanns

Hobelbank stand und arbeitete sagte er, während er mit dem Daumen seiner

rechten Hand über die Achsel hinter dem Fortstürmenden her deutete:

»Ein liebenswürdiger junger Mann das, Kamerad; den müssen wir uns zum

Freunde halten, oder er streicht uns rabenschwarz an, wenn er einmal in

Amerika unsere Reise beschreibt,« und sich vor heimlichem Lachen

ordentlich schüttelnd, ohne daß jedoch sein Gesicht einen freundlicheren

Ausdruck dadurch bekommen hätte, stieg er durch die hintere Luke in’s

Zwischendeck hinab.

Der Weber sah ihn an während er sprach, und hobelte dann eine Zeit lang

ruhig weiter; endlich aber, als ob er mit seinen Gedanken doch nicht recht

einig werden könne, legte er den Hobel hin, ging die paar Schritte zu

seiner Frau hinüber und sagte, sich das Kinn mit der linken Hand

streichend, und nachdenklich in die Luke hinab hinter dem Manne

herschauend:

»Wenn ich nur wüßte wo ich das Gesicht von dem da schon früher einmal

gesehen habe — vorgekommen ist mir’s schon, darauf wollt’ ich das heilige

Abendmahl nehmen, und jetzt zerbrech ich mir schon seit drei Tagen den

Kopf wo ich ihn hinthun soll.«

»Wen? — den finsteren schwarzen Burschen, der sich jetzt den großen

schwarzen Bart stehn läßt seit er auf dem Schiff ist?« sagte die Frau,

ebenfalls in ihrer Arbeit ruhend — »das ist ein mürrischer Gesell, und je

weniger man mit ihm zu thun hat, desto besser.«

»Vater« sagte da Hans, des Webers ältester Junge, der für die Mutter die

Wäsche ausgerungen und in einen trockenen Kübel gelegt hatte — »der hat

beinah so ein Gesicht wie der Fleischer, der an dem Tage bei uns war als

es so furchtbar stürmte und regnete.«

»Gott sei mir gnädig ob der Junge nicht recht hat!« schrie die Mutter da,

und ließ vor Schrecken die Seife fallen. »Das ist der rohe Mensch der so

häßlich von den Kindern sprach; darum ist mir das finstere Gesicht auch

immer so fatal und unheimlich gewesen. Herr Du mein Gott, ist mir der

Schreck doch ordentlich in die Glieder gefahren« — setzte sie nach einer

kleinen Pause tief aufseufzend hinzu — »wo er nur herkommt und weshalb er

von daheim fort sein mag?«

»Wegen was Gutem nicht« sagte der Mann mit dem Kopfe nickend, und umsonst

hat er sich nicht den dicken Bart und die langen schwarzen Haare kurz

abgeschnitten gehabt, wie er von zu Hause fort ist, der Patron. Aber Ihr

habt recht, es ist wahrhaftig der Gesell, der damals in dem Unwetter zu

uns kam und dann nach der Schenke hinaufging, sich einen Schnaps zu holen.

Nun was kümmert’s uns — er hat _uns_ nicht wieder kennen wollen, die wir

uns nicht entstellt haben, und das können wir ihm nur Dank wissen — ich

werde mich ihm nicht aufdringen, davor ist er sicher, aber wissen möcht’

ich schon was mit ihm los ist.«

»Das ist also seine Frau, die lange hübsche Person, die immer krank in der

Coye liegt?« frug die Frau.

»Er sagt’s wenigstens« meinte der Weber — »und sie gilt dafür.«

»Aber wo sind denn seine Kinder?« fuhr die Frau rascher fort — »weißt Du

nicht daß er uns damals sagte er hätte so viel — zum Abgeben? — ich hab’

es nicht vergessen, denn das gerade hat mir den Mann gleich von allem

Anfang an so verhaßt gemacht.«

»S’war wohl auch nur eine Prahlerei« brummte der Weber achselzuckend —

»und er that sich groß mit seiner Gleichgültigkeit. Leider Gottes rühmen

sich die meisten Menschen nur gewöhnlich etwas, dessen sie sich eher

schämen sollten, wenn sie Verstand wie Herz auf dem rechten Fleck hätten.

Ich bin übrigens nur froh daß ich herausbekommen habe wohin ich des

Burschen Gesicht thun sollte — der Hans hat doch ein gutes Gedächtniß —«

Und damit ging er zurück zu seiner Hobelbank, wo er gleich darauf die

hingelegte Arbeit wieder aufnahm, und rüstig daran fortarbeitete, bis der

Koch zum »Schaffen« rief, und der Zimmermann kam, sein Handwerkszeug für

die Nacht fortzupacken.

Capitel 8.

Nach Amerika! Ein Volksbuch. Zweiter Band. · 第 11 / 19 题