LEBEN AN BORD.

Es war ein schwüler Nachmittag gewesen, und die ziemlich starke günstige

Brise, mit der sie bis dahin so vortrefflichen Fortgang gemacht, schwächer

und schwächer geworden, bis die See, deren Wellen sich ebenfalls nach und

nach beruhigten wie ein stillwogender Spiegel blank und ungebrochen lag,

und den Rumpf des Schiffes mit seinen langsam schwankenden Masten treulich

im Bilde wiedergab. Matt und lässig schlugen dabei die schweren Segel, von

keiner Luft mehr gebläht, gegen die Takellage, füllten auf, wenn das

Schiff schwerfällig nach hinten niedersetzte, und trafen dann wieder mit

mattem Schlag das Tauwerk, das sie dadurch, wie auch sich selbst, mehr

scheuerten und angriffen, als es der ärgste Sturm gethan haben könnte.

»Reepschläger und Segelmacher prügeln sich« sagen die Matrosen wenn bei

Windstille die Segel gegen das Takelwerk schlagen, und der Seemann sieht

es nicht gern. Desto willkommener ist aber gewöhnlich den Passagieren eine

solche erste Ruhe, wenn sie natürlich nicht zu lang anhält, die ihnen das

Meer von einer ganz neuen, noch nicht einmal geahnten Seite zeigt, und

selbst den Kränksten Gelegenheit giebt sich zu erholen und auf Deck zu

ergehn.

Klar und wolkenrein spannt sich der Himmel aus über der dunkelblauen,

mattglänzenden Fluth, und das Auge schwindelt wenn es in die durchsichtige

Tiefe niederschaut, die sich plötzlich seinem Blicke öffnet. Reges

geschäftiges Leben herrscht dabei an Bord, hier schwimmt eine in

schillernden Farben wunderlich gefärbte Blase auf dem Wasser und hebt und

senkt sich nach eigener Willenskraft — das sogenannte »portugiesische

Kriegsschiff« wie der kleine Segler heißt(7) — dort streicht die dunkle

Flosse eines Fisches langsam und träge durch die Fluth, und der Ruf »ein

Hai, ein Hai« lockt selbst den Untersteuermann aus seinem Morgenschlaf

auf, die gefräßige Bestie, diesmal vergeblich, mit einem ausgeworfenen und

an einem Haken befestigten Stück Speck zu fangen. Lässig kreist dabei die

schlanke Möve hoch in der Luft, und ganze Schaaren munterer Seeschwalben,

»Mutter Kareys Küchelchen,« wie sie der Seemann nennt, suchen um das

Schiff herum ausgeworfene Nahrung, und tauchen ellentief unter nach den

wegsinkenden Stücken Fleisch und Speck.

Und nicht den mindesten Fortgang macht das Fahrzeug dabei; das alte

Kartoffelfaß, das der Koch an dem Morgen über Bord geworfen, treibt noch

in kaum hundert Schritt vom Schiff, von den neugierigen Schwalben immer

und immer wieder besucht, umher; Kartoffelschalen und Rübenabfälle die die

Frauen ausgeschüttet, schwimmen auf dem Wasser und sinken langsam tiefer,

in der Fluth buntfarbige weißschillernde Lichter mit prismatischen Farben

annehmend. Wergflocken und Stückchen getheerten Segeltuches, Federn von

für die Cajüte gerupften Hühnern, und Streifen Papier und Zeug sprenkeln

nach allen Richtungen hin die Oberfläche, und geben den Müssigen an Bord

Gelegenheit zu rathen was es sei, oder dem versinkenden mit den Augen zu

folgen tief, tief hinunter, dem Abgrund zu.

Aber nicht Alle schauen müßig über Bord; hier sitzen fleißige Gruppen,

ihre Wäsche waschend und sich endlich einer Arbeit fügend, der sie sich

eben nicht mehr länger entziehen können; dort hängen Andere die gewaschene

an den Wanten und Tauen auf und ärgern die Matrosen damit, die den Leuten

nicht begreiflich machen können daß sie das »laufende Tauwerk« dazu nicht

benutzen dürfen.(8) Hie und da hat auch Einer ein Buch genommen, und

studirt halblaut vor sich hin die unbegreifliche Aussprache englischer

Wörter nach, irgend einem trostlosen Rathgeber in Redensarten und

Gesprächen, quält sich mit dem w und th, und steckt das Buch endlich

wieder, so klug als vorher und nur vielleicht noch mehr verwirrt, in die

Tasche.

Die Arbeiten der Matrosen gehn indessen ruhig fort, denn es ist gewöhnlich

ein irriger Glaube der Leute an Land, daß die Matrosen in See, wenn das

Schiff nur erst in Gang wäre, nichts weiter zu thun haben als zu segeln,

daß heißt das Schiff eben ruhig laufen zu lassen. Das Segelausbessern hört

nicht auf an Bord, eben so muß das Takelwerk fortwährend nachgesehn, hier

wieder neu gespließt, dort umwickelt, da neu getheert werden, und wäre

wirklich gar nichts anderes vorzunehmen, dann muß ein Theil der Leute, zu

späterer Verwendung bei neuen Tauen, altes getheertes Werg zerzupfen, und

ein anderer Schiemanns Garn daraus spinnen, so daß es den Leuten nie und

nimmer an Beschäftigung fehlt. Ein Schiff in See ist der letzte müßige

Platz auf der Welt, und nur die Passagiere haben das Recht darauf zu

faullenzen.

Auf Deck war solcher Art Alles in seinem gewöhnlichen stillen Gang

geblieben, als die Cajütspassagiere, die auf dem Quarterdeck auf- und

abgingen, plötzlich ein Hindrängen der Massen nach einer Stelle sahen, und

eine laute Stimme hörten, die zu den um sie Versammelten sprach. Herr von

Hopfgarten, ein wenig neugierig, und keineswegs so prude wie sein

»Stubenbursch« Baron von Benkendroff, gab sich alle mögliche Mühe von dem

etwas höher liegenden Quarterdeck aus das, was vorn an Deck vorgehe, zu

erkennen; der Sprecher stand aber gerade auf der Back des Schiffes, und

die lose niederhängende Fock verhinderte ihn etwas von ihm zu erkennen. Er

stieg deshalb rasch auf das Deck nieder, dem Platz zuzueilen, von wo ihm

jetzt schon lautes schallendes Gelächter entgegendröhnte.

»Hurrah, Maulbeere soll leben — Zachäus vivat hoch!« jubelte eine Menge

lachender Kehlen, und die Zwischendeckspassagiere drängten jetzt in so

festem Keil nach vorn, daß selbst die Schiemannsscheibe außer Thätigkeit

gerieth, und die Matrosen ebenfalls dem was da vorging mit schmunzelnden

Gesichtern lauschten.

Der Urheber dieses plötzlichen Lärmens sowohl, wie der wilden rauschenden

Fröhlichkeit war, aber wirklich niemand Anderes als Zachäus Maulbeere, der

sonst so mürrische, einsylbige Patron, der jetzt, aber ebenfalls mit dem

ernsthaftesten Gesicht von der Welt, und selbst während dem Jubeln und

Jauchzen der Menge, keine Miene verzog, den Mund nur, als wenn er die

Pfeifenspitze darin hielt, etwas mehr zusammendrückte, und die großen

buschigen Augenbrauen womöglich noch höher emporzog, als er das sonst

gewohnt war zu thun.

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Nach Amerika! Ein Volksbuch. Zweiter Band. · 第 9 / 19 题