21.
Ich liebe die Tapferen: aber es ist nicht genug, Hau-Degen sein,—man
muss auch wissen Hau-schau-_Wen_!
Und oft ist mehr Tapferkeit darin, dass Einer an sich hält und
vorübergeht: _damit_ er sich dem würdigeren Feinde aufspare!
Ich sollt nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum
Verachten: ihr müsst stolz auf euren Feind sein: also lehrte ich schon
Ein Mal.
Dem würdigeren Feinde, oh meine Freunde, sollt ihr euch aufsparen:
darum müsst ihr an Vielem vorübergehn,—
—sonderlich an vielem Gesindel, das euch in die Ohren lärmt von Volk
und Völkern.
Haltet euer Auge rein von ihrem Für und Wider! Da giebt es viel Recht,
viel Unrecht: wer da zusieht, wird zornig.
Dreinschaun, dreinhaun—das ist da Eins: darum geht weg in die Wälder
und legt euer Schwert schlafen!
Geht _eure_ Wege! Und lasst Volk und Völker die ihren gehn!—dunkle Wege
wahrlich, auf denen auch nicht Eine Hoffnung mehr wetterleuchtet!
Mag da der Krämer herrschen, wo Alles, was noch glänzt—Krämer-Gold ist!
Es ist die Zeit der Könige nicht mehr: was sich heute Volk heisst,
verdient keine Könige.
Seht doch, wie diese Völker jetzt selber den Krämern gleich thun: sie
lesen sich die kleinsten Vortheile noch aus jedem Kehricht!
Sie lauern einander auf, sie lauern einander Etwas ab,—das heissen sie
„gute Nachbarschaft.“ Oh selige ferne Zeit, wo ein Volk sich sagte:
„ich will über Völker—_Herr_ sein!“
Denn, meine Brüder: das Beste soll herrschen, das Beste will auch
herrschen! Und wo die Lehre anders lautet, da—_fehlt_ es am Besten.
22.
Wenn _Die_—Brod umsonst hätten, wehe! Wonach würden _Die_ schrein! Ihr
Unterhalt—das ist ihre rechte Unterhaltung; und sie sollen es schwer
haben!
Raubthiere sind es.- in ihrem „Arbeiten“ —da ist auch noch Rauben, in
ihrem „Verdienen“ —da ist auch noch Überlisten! Darum sollen sie es
schwer haben!
Bessere Raubthiere sollen sie also werden, feinere, klügere,
_menschen-ähnlichere_: der Mensch nämlich ist das beste Raubthier.
Allen Thieren hat der Mensch schon ihre Tugenden abgeraubt: das macht,
von allen Thieren hat es der Mensch am schwersten gehabt.
Nur noch die Vögel sind über ihm. Und wenn der Mensch noch fliegen
lernte, wehe! _wohinauf_—würde seine Raublust fliegen!
23.
So will ich Mann und Weib: kriegstüchtig den Einen, gebärtüchtig das
Andre, beide aber tanztüchtig mit Kopf und Beinen.
Und verloren sei uns der Tag, wo nicht Ein Mal getanzt wurde! Und
falsch heisse uns jede Wahrheit, bei der es nicht Ein Gelächter gab!
24.
Euer Eheschliessen: seht zu, dass es nicht ein schlechtes _Schliessen_
sei! Ihr schlosset zu schnell: so _folgt_ daraus—Ehebrechen!
Und besser noch Ehebrechen als Ehe-biegen, Ehelügen!—So sprach mir ein
Weib: „wohl brach ich die Ehe, aber zuerst brach die Ehe—mich!“
Schlimm-Gepaarte fand ich immer als die schlimmsten Rachsüchtigen: sie
lassen es aller Welt entgelten, dass sie nicht mehr einzeln laufen.
Desswillen will ich, dass Redliche zu einander reden: „wir lieben uns:
lasst uns _zusehn_, dass wir uns lieb behalten! Oder soll unser
Versprechen ein Versehen sein?“
—„Gebt uns eine Frist und kleine Ehe, dass wir zusehn, ob wir zur
grossen Ehe taugen! Es ist ein grosses Ding, immer zu Zwein sein!“
Also rathe ich allen Redlichen; und was wäre denn meine Liebe zum
Übermenschen und zu Allem, was kommen soll, wenn ich anders riethe und
redete!
Nicht nur fort euch zu pflanzen, sondern _hinauf_—dazu, oh meine
Brüder, helfe euch der Garten der Ehe!
25.
Wer über alte Ursprünge weise wurde, siehe, der wird zuletzt nach
Quellen der Zukunft suchen und nach neuen Ursprüngen.—
Oh meine Brüder, es ist nicht über lange, da werden _neue Völker_
entspringen und neue Quellen hinab in neue Tiefen rauschen.
Das Erdbeben nämlich—das verschüttet viel Brunnen, das schafft viel
Verschmachten: das hebt auch innre Kräfte und Heimlichkeiten an’s
Licht.
Das Erdbeben macht neue Quellen offenbar. Im Erdbeben alter Völker
brechen neue Quellen aus.
Und wer da ruft: „Siehe hier ein Brunnen für viele Durstige, Ein Herz
für viele Sehnsüchtige, Ein Wille für viele Werkzeuge“ :—um den sammelt
sich ein _Volk_, das ist: viel Versuchende.
Wer befehlen kann, wer gehorchen muss—Das wird da versucht! Ach, mit
welch langem Suchen und Rathen und Missrathen und Lernen und
Neu-Versuchen!
Die Menschen-Gesellschaft: die ist ein Versuch, so lehre ich’s,—ein
langes Suchen: sie sucht aber den Befehlenden!—
—ein Versuch, oh meine Brüder! Und _kein_ „Vertrag“! Zerbrecht,
zerbrecht mir solch Wort der Weich-Herzen und Halb- und Halben!
26.
Oh meine Brüder! Bei Welchen liegt doch die grösste Gefahr aller
Menschen-Zukunft? Ist es nicht bei den Guten und Gerechten?—
—als bei Denen, die sprechen und im Herzen fühlen: „wir wissen schon,
was gut ist und gerecht, wir haben es auch; wehe Denen, die hier noch
suchen!“—
Und was für Schaden auch die Bösen thun mögen: der Schaden der Guten
ist der schädlichste Schaden!
Und was für Schaden auch die Welt-Verleumder thun mögen: der Schaden
der Guten ist der schädlichste Schaden.
Oh meine Brüder, den Guten und Gerechten sah Einer einmal in’s Herz,
der da sprach: „es sind die Pharisäer.“ Aber man verstand ihn nicht.
Die Guten und Gerechten selber durften ihn nicht verstehen: ihr Geist
ist eingefangen in ihr gutes Gewissen. Die Dummheit der Guten ist
unergründlich klug.
Das aber ist die Wahrheit: die Guten _müssen_ Pharisäer sein,—sie haben
keine Wahl!
Die Guten _müssen_ Den kreuzigen, der sich seine eigne Tugend erfindet!
Das _ist_ die Wahrheit!
Der Zweite aber, der ihr Land entdeckte, Land, Herz und Erdreich der
Guten und Gerechten: das war, der da fragte: „wen hassen sie am
meisten?“
Den _Schaffenden_ hassen sie am meisten: den, der Tafeln bricht und
alte Werthe, den Brecher—den heissen sie Verbrecher.
Die Guten nämlich—die _können_ nicht schaffen: die sind immer der
Anfang vom Ende:-
—sie kreuzigen Den, der neue Werthe auf neue Tafeln schreibt, sie
opfern _sich_ die Zukunft,—sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft!